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Eine turbulente Frauenfreundschaft zwischen Watt und sternenfunkelndem Himmel … Die exzentrische Dörthe wird von ihrem Freund auf Abnehmkur geschickt – die erfolgreiche Reisejournalistin Esther kehrt widerwillig heim für den Geburtstag ihrer Mutter – die elegante, aber frisch geschiedene Maj-Britt kann gerade so sich selbst und ihr renovierungsbedürftiges Pfahlbau-Restaurant »Seeschwalbe« über dem Nordseewasser halten. Nach vielen Jahren treffen sich die drei alten Schulfreundinnen wieder in ihrem Heimatort Sankt Peter-Ording und helfen einander mit ganz viel Herz und noch mehr Chaos, ihre jeweiligen Päckchen zu tragen, Wunden der Vergangenheit zu heilen, Hürden der Gegenwart zu meistern und gemeinsam eine neue, glücklichere Zukunft anzusteuern … Ein Freundinnenroman voller Humor und Gefühl – Fans von Dora Heldt und Tanja Janz werden begeistert sein!
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über dieses Buch:
Die exzentrische Dörthe wird von ihrem Freund auf Abnehmkur geschickt – die erfolgreiche Reisejournalistin Esther kehrt widerwillig heim für den Geburtstag ihrer Mutter – die elegante, aber frisch geschiedene Maj-Britt kann gerade so sich selbst und ihr renovierungsbedürftiges Pfahlbau-Restaurant »Seeschwalbe« über dem Nordseewasser halten. Nach vielen Jahren treffen sich die drei alten Schulfreundinnen wieder in ihrem Heimatort Sankt Peter-Ording und helfen einander mit ganz viel Herz und noch mehr Chaos, ihre jeweiligen Päckchen zu tragen, Wunden der Vergangenheit zu heilen, Hürden der Gegenwart zu meistern und gemeinsam eine neue, glücklichere Zukunft anzusteuern …
Über die Autorin:
Clara Weißberg studierte Germanistik und Ethnologie in Bonn und Hamburg und promovierte in Europäischer Ethnologie über die italienische Stadt Siena. Nach vielen Jahren mit ihrer Familie in einem Dorf bei Buxtehude, am Rand des Alten Lands, lebt sie heute in Lübeck. Das passt, denn ihre Romane spielen fast immer am Meer. Sie veröffentlicht auch unter den Namen Valerie Pauling und Anna Warner und tritt mit musikalischen Lesungen auf.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane »Das Leuchten der Zitronenbäume – oder: Toskanafrühling«, »Der Sommerhof am Meer – oder: Meerhimmelblau« und »Drei Freundinnen am Meer – oder: Winterfreundinnen«.
Die Website der Autorin: www.annawarner.de
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eBook-Neuausgabe Mai 2025
Dieses Buch erschien bereits 2019 unter dem Titel »Winterfreundinnen« bei Ullstein.
Copyright © der Originalausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Karol Kinal unter Verwendung von Bildern von Shutterstock und Adobe Firefly
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-98952-843-7
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Clara Weißberg
Drei Freundinnen am Meer
Roman
dotbooks.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Ein wattweites DANKE geht an ...
Lesetipps
Dörthe steckte fest. Im Schlick und in ihrem Leben. Nur die Finger konnte sie bewegen. Vorsichtig tastete sie nach dem eigenen Körper. Alles noch da, Beine, Hüften, Letztere etwas runder, jetzt, ein paar Wochen nach Weihnachten.
In Zeitlupe rann ihr ein Schweißtropfen über die Stirn.
Die Prospekte der Klinik kamen ihr in den Sinn mit all diesen schönen entspannten Menschen in sanften Farben. Schwitzen taten die eigentlich nie, und übergewichtig waren sie auch nicht.
Der Tropfen, der an ihrer Augenbraue hängen geblieben war, kribbelte. Nein, sie hatte keine Chance, den Arm zu heben. Wie eine Kegelrobbe lag sie in diesem Badezuber, verpackt in gesunden Meeresschlick, eingewickelt in Folie und anschließend ins heiße Wasser geschoben. 40 Grad Celsius.
Dörthe schloss die Augen und versuchte, das Kribbeln auszublenden. Stattdessen positiv zu denken. Sich vorzustellen, wie die Giftstoffe sich lösten und sanft ausgeschwemmt wurden, mit dem Badewasser auf Nimmerwiedersehen gurgelnd im Abfluss verschwanden. Pralinen, Marzipankartoffeln, na gut, ein paar Mandarinen – alle Gifte der letzten Zeit und all die Schlacken, die sich über Jahre in ihrem Körper angesammelt hatten, noch dazu. All die hässlichen Schlacken, die angeblich einfach da waren, ob man wollte oder nicht. Sie hatte dabei immer das Bild einer schwarzen unappetitlichen Masse vor Augen, giftig, zu nichts zu gebrauchen, bereit für den Sondermüll.
Deshalb war sie hier. Damit das alles weniger wurde. Damit sie weniger wurde. Hier in der Klinik durfte sie nichts Süßes essen, gar nichts durfte sie mehr essen, nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen. Nur trinken, Gemüsesäfte, Kräutertees und Brühe. DETOX war das Zauberwort.
Dörthe seufzte tief, ihr Brustkorb hob sich, das Wasser schwappte.
Sie hatte das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen. Vielleicht würde es ja ganz schnell gehen, vielleicht würden die Pfunde einfach schmelzen und – schwups! – verschwinden.
»Zwanzig Kilo weniger«, hatte Fred gescherzt und sie in die Hüfte gezwickt. Wenn Dörthe nicht gewusst hätte, dass er ihre üppigen Hüften mochte, wäre sie eingeschnappt gewesen. Zu lustvoll packte er sie an genau dieser Stelle, wenn sonst keiner im Büro war. Und Dörthe ihrerseits kam gut damit zurecht, dass Fred selbst, nun ja, eher gedrungen war, was den Körperbau betraf, und nicht allzu groß.
Doch, bisher hatten ihre Rundungen sich bestens ergänzt.
Bis Fred nach einem Squash-Match mit ein paar Kollegen, das nicht eben zu seinen Gunsten ausgefallen war, seine sportliche Ader entdeckte. Plötzlich verbrachte er viel Zeit im Fitnessstudio und versuchte sie, Dörthe, von seinem neuen Konzept vom guten Leben zu überzeugen. »Wie gut das tut, wenn du wüsstest! Wir werden alle nicht jünger, nicht wahr?«
Dörthe interessierten Freddys sportliche Ambitionen zunächst wenig. Sie schaltete auf stur, sollte er doch ins Studio rennen, sie machte es sich auf dem Sofa bequem, zu gern kam er später dazu, ausgepowert und zufrieden, und massierte ihr zärtlich die Füße. Darauf konnte sie sich verlassen.
Doch jetzt war da die neue Stelle in der Behörde. Mehr Verantwortung, mehr Entscheidungsfreiheit, vor allem eine höhere Gehaltsstufe. Im Herbst hatte sie sich beworben, und jetzt hatte es grünes Licht gegeben.
»Abteilungsleiterin!« Fred hatte sich vergnügt die Hände gerieben. »Du schaffst das, Purzelchen, oder?« Als ihr Vorgesetzter hatte er sich für sie eingesetzt und freute sich über den Erfolg; dass sie seit Langem ein Verhältnis hatten, war nicht weiter pikant, alle wussten es, und es störte niemanden.
Natürlich würde sie es schaffen. Wieso auch nicht? Auch wenn es Dörthe manchmal graute vor noch mehr Akten, Umläufen mit allerlei Vermerken, vor Schubladen, in denen sich Heftstreifen und Haribo stapelten, vor der Zimmerlinde, die die eine Kollegin zu Tode pflegte, während die andere sie wieder aufpäppelte – vor alldem. Aber sie hatte sich vor vielen Jahren für diesen Weg entschieden, und zwar aus gutem Grund.
Zu Weihnachten hatte Fred sie mit einem Gutschein für diese »Schönheitskur« überrascht. So nannte er es beharrlich, obwohl auf der Anmeldebestätigung der Klinik Gesundheits- und Fastenkur stand.
»Zweieinhalb Wochen«, Fred hatte gestrahlt, »danach siehst du aus wie das blühende Leben! Wobei du das auch jetzt schon tust, ich geb’s ja zu. Und was die Kilos betrifft, da wollen wir mal auf dem Teppich bleiben«, seine Nase näherte sich ihrer, und er verpasste ihr einen zarten Stüber, »zehn reichen.«
Fred zuliebe hätte Dörthe die Qual einer solchen Kur nicht auf sich genommen. Niemals. Aber sie wollte die Gelegenheit ergreifen und im neuen Job eine gute Figur machen, und zwar von Anfang an. Fred hatte recht, die Zeichen standen auf Neubeginn. Und ein paar Kilo leichter zu sein, das wünschte sie sich genau genommen, seitdem sie zwölf Jahre alt war.
»Übergewicht«, hatte der Arzt, der sie nach ihrer Ankunft in der Klinik untersucht hatte, konstatiert und sie stirnrunzelnd angesehen. »Sonst sind Sie, hm, gesund?« Kerngesund, hatte Dörthe versichert, und er hatte nichts Gegenteiliges feststellen können. »Wir arbeiten also an einer, hm, Gewichtsreduzierung.« Damit hatte er sich abgewandt und den Maßnahmenkatalog in den Computer gehackt: Aquafitness, Strandwalken, Gymnastik. Yoga. Und – Entschlackung.
»Ein paar Fastentage. Das bringt immer noch am meisten, Sie sind ja lange genug hier. Eine Woche, würde ich sagen, danach eine Aufbauzeit.« Sein Blick streifte sie noch einmal, nahezu verachtungsvoll, vielleicht hatte er diese leidende, entsagende Miene aber auch immer.
Dörthes Blick fiel auf die gelblichen Rückstände in den Kachelfugen. Warum hatte Freddy ihr diese »Schönheitskur« nicht in einem Hotel geschenkt? Es gab einige recht schicke, mit viel Glas und Meerblick, das DünenResort zum Beispiel, direkt an der Seebrücke gelegen. Sie würde sich beißen, wenn es dort keine Wellnessangebote gab, und überhaupt, das Hotel sah aus, als würde man sich sofort schlank fühlen allein dadurch, dass man dort eincheckte.
Nein, sie war in der Föhrenklinik gelandet. Der Billigvariante. Daran konnten auch wohlmeinende Begriffe nichts ändern. Ein Sparangebot. In der auslastungsarmen Zeit, im Winter, wenn nur Hartgesottene auf die Idee kamen, sich in Sankt Peter-Ording aufzuhalten.
Ihre Haut fühlte sich an, als würde sie gleich platzen. Auf der Wasseroberfläche schwammen braune Schlieren.
Von ihrer Haut schwärmte Freddy immer. »Oh, diese Haut ... einfach zum Anbeißen! Wie machst du das nur?«
Schweinchenhaut, dachte Dörthe grimmig. Schweine suhlen sich auch im Schlamm. Damit es nicht mehr juckt.
Der Schweißtropfen auf ihrer Augenbraue machte sich wieder bemerkbar, noch unangenehmer als zuvor.
Dörthe kniff die Augen zu, holte Luft, ließ sich samt Schlickpackung tiefer in die Wanne gleiten – und tauchte unter.
***
Die letzte Kurve, bevor der Zug Sankt Peter-Ording erreichte. Esther raffte Reisetasche, Wolltuch und Mütze zusammen. Während der Zug durch die vernebelte Landschaft gezuckelt war, hatte sie geschlafen, außer ihr war niemand im Wagen. Eine ganze Stunde dauerte die Fahrt von Husum aus, was ihr immer wieder wie ein Beweis erschien: Sankt Peter-Ording lag am Ende der Welt.
Kaum hundert Meter weit konnte man sehen. Nichts als Gräben, durchnässte Wiesen, vereinzelte Zaunpfähle, struppiges Schilf. Die Silhouetten von Schafen, so grau und verloren, dass Esther bei ihrem Anblick fröstelte. Eiderstedt war nur im Sommer grün.
Sie stellte sich an die Tür. Nach kurzem Halt in Sankt Peter Bad, der Endhaltestelle, würde der Zug dieselbe Strecke zurück nehmen, vorbei an einigen Bedarfshaltestellen – den Hinweis auf sie per Lautsprecherdurchsage würde kein Fremder je verstehen –, bis er wieder in Husum war.
Als Esther auf den Bahnsteig trat, verschlug die Kälte ihr den Atem. Sie wickelte das Wolltuch in zwei Lagen um den Hals. Warum war es in Sankt Peter gefühlt immer fünf Grad kälter als in Hamburg? Der Wind blies so scharf, dass sie es unwillkürlich persönlich nahm.
Nur vereinzelt begegneten ihr Touristen, die in Funktionsjacken durch den Ortsteil Dorf schlenderten. Während die Gäste das Seebad im Sommer förmlich fluteten, die Strandmuscheln bunte Tupfen auf die Sandbank malten, die Segel der Kitesurfer über das Meer tanzten und die Fahrradfahrer die Deiche entlang rollten, während der Ort sogar in den Weihnachtsferien belebt war, wirkte Sankt Peter-Ording in den Wochen zwischen Neujahr und Ostern recht leer.
Esther fragte sich einmal mehr, wie ihre Mutter Edith die Wintermonate hier aushielt. Ohne kulturelles Angebot, ohne die Möglichkeit, unter Menschen zu sein, ohne die beruhigende Geschäftigkeit einer Großstadt. Sankt Peter- Ording hatte nicht mehr als viertausend Einwohner. Dazu kamen jährlich knapp 2,5 Millionen Übernachtungen von Touristen. Aber machten die ganzen Gäste ein heimatliches Lebensgefühl aus?
Nach wenigen Minuten hatte sie die kleine Villa ihrer Mutter erreicht und lauschte dem vertrauten Klang der Türglocke. Innerlich wappnete sie sich. »Nach Hause« zu kommen, sowohl in den Ort als auch in ihr Elternhaus, war nicht leicht für Esther. Sie hatte abgeschlossen mit dem Leben hier, schon vor langer Zeit.
»Da bist du ja endlich. Hatte dein Zug Verspätung?« Ihre Mutter küsste sie förmlich auf die Wangen, nahm ihr die Tasche ab und schob sie hinein. »Häng erst einmal deine Jacke auf!« Sie wies auf ein Paar Hausschuhe und stand in der Küche, noch bevor Esther etwas gesagt hatte. »Du nimmst doch Tee?«
Esther nickte, die ersten Minuten waren immer angespannt zwischen ihnen. Im Haus ihrer Mutter hatte sich nichts verändert. Seit sie die Apotheke aus Altersgründen verkauft hatte, hatte sie mehr Zeit denn je, die Dinge um sich herum in Schuss zu halten. Und auch mehr Energie, wie Esther feststellte, als sie ihre Mutter beobachtete, die sich geschäftig zwischen Küche und Esszimmer bewegte, Kekse anrichtete, Zuckerdose und Milchkännchen platzierte.
Edith von Mehding schenkte ihrer Tochter ein und musterte sie mit gewohnt kritischem Blick. »Gut siehst du aus. Als hättest du dich über Weihnachten erholt.«
Esther zuckte kaum merklich zusammen. Das war kein Kompliment. Es war eine Anklage.
»Erholt? Eigentlich weniger. Ich habe gearbeitet.«
»So kann man es natürlich auch nennen.«
Esther setzte zu einer Erwiderung an, aber ihre Mutter sprach schon weiter. »Ich bin nicht sicher, ob du dir damit einen Gefallen tust. Du solltest mal Pause machen, glaub mir, das tut dir nicht gut, jedenfalls nicht auf Dauer!«
»Es ist mein Job. Außerdem arbeite ich gern. Und zwischen den Reisen habe ich ja Pause.« Es klang wie auswendig gelernt. Warum wollte ihre Mutter das nicht verstehen? Warum stellte sie ihre Arbeit wieder und wieder infrage?
»Andere nehmen sich Weihnachten für ihre Familie frei.«
Sie maßen sich mit Blicken. In den Augen ihrer Mutter spiegelte sich Verletztheit. Die Kränkung, dass Esther Weihnachten nicht gekommen war, dass sie hier allein gesessen hatte, dass sie sie regelrecht hatte zwingen müssen, wenigstens zu ihrem achtzigsten Geburtstag anzureisen. Nein, all die Abwesenheiten der letzten Jahre – sie hatten sich zu einem großen Minus summiert, zu einer Schuld, die bei Esther lag und die sie kaum würde tilgen können.
»Diese Reportage konnte ich nicht absagen, Mama. Immer mehr Leute verbringen ihren Weihnachtsurlaub in der Karibik. Die Reiseveranstalter bieten Kuba als sicheres Reiseziel an. Darüber hätte ich nicht schreiben können, ohne selbst da gewesen zu sein!«
»Das verstehe ich. Ich lebe ja nicht hinterm Mond. Aber musst du denn wirklich jeden Auftrag annehmen? Sogar über die Feiertage? Es gibt doch auch andere Journalisten.«
Esther stellte ihre Tasse hart auf den Tisch. Ja, genau das war das Problem. Es gab genug andere. Andere, die Geschichten günstiger anboten und auf Anfrage sofort lieferten. Andere, die jünger waren, flexibler und die ihr Handwerk ebenso beherrschten wie sie.
»Du brauchst mir nichts zu erklären. Ich weiß es ja«, lenkte ihre Mutter ein. »Freiberuflich zu sein ist nicht immer leicht. Aber du bist doch nicht irgendwer! Du hast doch einen Ruf! Wenn du eine Reportage nicht machen kannst, dann kannst du sie eben nicht machen, basta! Dann machst du eben die nächste!«
Ja, eine von Mehding war nicht irgendwer, nicht im Weltbild ihrer Mutter. Sie glaubte immer noch, dass jeder die Arbeit bekam, die er wollte, wenn er sich nur anstrengte. Aber die Welt hatte sich weitergedreht, und Anstrengung und Wünsche konnten gegen Digitalisierung und Umstrukturierungen auf dem Arbeitsmarkt wenig ausrichten. Journalisten sangen ein Lied davon, die Branche hatte es vor zehn Jahren hart erwischt. Einer ihrer Kollegen, Chef vom Dienst, mit Hauskredit und Vater von drei Kindern, hatte sich die Haare gerauft, als ihm gekündigt worden war. Da konnte Esther selbst fast von Glück sprechen, unabhängig und kinderlos, wie sie war.
Ihre Kündigung als Redakteurin hatte sie wortlos hingenommen. Und kurz darauf eine gut recherchierte Reportage über die gewaltsame Vertreibung von Bauern, die sich in Honduras gegen die rasant wachsenden Palmölplantagen wehrten, angeboten. Und über die Zerstörung des Regenwalds, die mit dem Palmölanbau einherging. Die Reise hatte sie mithilfe ihrer Abfindung finanziert, ihre ehemalige Redaktion kaufte sie gerne.
Eine Weile gelang es Esther, die ökologischen und sozialen Themen unterzubringen, die ihr am Herzen lagen. Aber es wurde immer schwieriger, und die Kosten für ihren Lebensunterhalt und die aufwendigen Recherchen wurden durch die Honorare nicht mehr gedeckt.
Esther passte sich an, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie beschränkte sich auf Europa. Nannte das Hotel, in dem sie übernachtete, einen Geheimtipp. Empfahl das Restaurant um die Ecke und die Manufaktur des Bruders des Inhabers gleich dazu. Flüge wurden billiger, die Leute reisten wie verrückt, und in den Redaktionen gab es Bedarf an immer neuen Empfehlungen und Routen, die allerdings nicht viel kosten durften. Also entdeckte Esther unbekannte Winkel an der ligurischen Küste, schrieb über Schäfer auf Mallorca und rang selbst dem Jakobsweg eine neue Facette ab. Mit dem engagierten Journalismus, mit dem sie angetreten war und für den sie in den Neunzigerjahren sogar mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet worden war, hatte das nicht mehr viel zu tun.
Esther sah ihre Mutter an. Viel zu kompliziert, das einer Edith von Mehding zu erklären.
Die war mit dem Wegräumen der Teetassen beschäftigt und hatte längst das Thema gewechselt. »Bist du morgen früh da? Marlies und Göran kommen zum Frühstück. Sie freuen sich schon darauf, dich endlich mal wiederzusehen, ich habe ihnen erzählt, dass du diesmal länger bleibst!«
Esther mochte Marlies, die beste Freundin ihrer Mutter. Was die beiden verband, wusste der Himmel. Die warmherzige, ruhige Marlies, der ihre Mutter ständig unbedacht über den Mund fuhr. Aber wenn Marlies sie am Arm nahm und leise »Edith« sagte, hielt ihre Mutter tatsächlich inne und hörte zu.
Mit Göran, dem Freund ihrer Mutter, Schwede und fünf Jahre jünger als sie, bildeten sie ein unzertrennliches Trio. Göran hatte ihre Mutter vor fünf Jahren bei einem Kirchenkonzert kennengelernt. Auch er war deutlich zurückhaltender als sie, etwas umständlich und hatte einen hübschen schwedischen Akzent.
»Klar, ich freue mich auf die beiden!«
»Danach gehen wir zum Tennis. Wir haben hier übrigens eine neue Halle, wie findest du das? Du könntest mitkommen. Und Montag beginnt mein Chorworkshop.«
»Singst du denn nicht mehr im Kirchenchor?«
»Doch, natürlich. Aber unser Chorleiter ist im Krankenhaus, ein Eingriff, schon lange geplant, und deshalb nehmen ein paar von uns jetzt an diesem Workshop teil. Jemand aus Husum studiert eine Woche lang Madrigale von Monteverdi mit uns ein, stell dir vor, wir sind schon sehr gespannt.«
»Ich denke, du willst nächste Woche deine Feier vorbereiten?«
Esther schwindelte angesichts des Tempos ihrer Mutter. Hielt sie denn nie inne? Sie wurde achtzig, und es schien, als packte sie immer mehr Aktivitäten in ihren Alltag.
Esther fühlte sich fremd zu Hause, es war, als würden Fliehkräfte sie aus Ediths Umlaufbahn schleudern. Oder lag es daran, dass sie schon immer eine Einzelgängerin gewesen war, taub für das, was andere taten? Sie war nicht die Tochter, die ihre Mutter sich wünschte, dieses Gefühl blieb übermächtig. Es knirschte und knackte im Gebälk. Edith suchte Nähe, Esther fühlte sich fern. Und wenn Esther näherkommen wollte, versetzte Edith ihr mit einer spitzen Bemerkung sofort einen Stich.
Ihre Mutter sah sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. Dann lächelte sie. »Das schaffe ich schon. Du bist ja da, um mir zu helfen.«
In einen Bademantel gehüllt stand Dörthe an ihrem Fenster in der Klinik, ein Glas Selleriesaft in der Hand. Das Kiefernwäldchen, auf das sie blickte, war durch den dichten Nebel nur zu erahnen. Aber Dörthe kannte sich aus, sie wusste, was man normalerweise sah: die Promenade, jetzt wahrscheinlich leer, dahinter die Salzwiesen, den Strand. Und irgendwann, ganz am Ende, das Meer.
Freddy war nicht klar gewesen, was er auslöste, als er die Kur ausgerechnet in Sankt Peter-Ording gebucht hatte. Er konnte nicht ahnen, was sie als Jugendliche hier erlebt hatte. Er hatte es gut gemeint. »Heimatgefühle, das ist doch dufte, da fühlst du dich gleich dreißig Jahre jünger!« Jünger, oh ja, zurückversetzt in eine andere Zeit. Aber dufte war das nicht.
Dörthe ließ sich aufs Bett fallen. Der deprimierende Achtzigerjahre-Charme der Einrichtung umfing sie, Auslegeware in Beige, Schrankwand, Tisch und Bett. Ihr Blick fiel auf das Gemälde über dem Tisch. Eine Strandansicht in verwischter Tusche mit Fischerboot und Dünen. Es erinnerte sie an die Bilder ihrer Mutter. Der Zeitreise-Sog wurde stärker.
Sechs Jahre ihres Lebens hatte Dörthe hier verbracht. Zwölf war sie gewesen, als ihre Mutter, eine Malerin, mit Dörthe und ihren Geschwistern nach Sankt Peter-Ording gezogen war. Aus dem Schwarzwald waren sie gekommen, die Mutter hatte die Nase voll gehabt von dunklen Tälern und Tannen, das Meer sollte es sein, seine Farben und Bewegungen, das Licht. »Dieses Licht, das brauche ich für meine Bilder!«
Mit Emil Nolde hatte sie sich verglichen, dessen Haus in Seebüll besucht und war mit ihrer Staffelei, mit Pinseln und Farben unter dem Arm am Stand von Sankt Peter-Ording losgezogen. Das Licht erschien Dörthe eher grau als blau, Emil Noldes Gemälde fand sie beunruhigend und düster, und das Malerischste an den Bildern ihrer Mutter war diese selbst, mit Strohhut auf dem Kopf und Pinsel in der Hand. Der Strohhut flog aufgrund des kräftigen Windes ständig weg, und ihre Mutter rannte hinterher, bis jemand ihn festhielt und ihr lächelnd überreichte. Oft war es ein Mann. Sie nahm den Hut dann an sich und lächelte kokett zurück. Und dieser jemand war meist auch sofort begeistert von ihren Bildern. Was wiederum weniger an den Bildern lag als an den Grübchen der Malerin. An ihren blauen Augen, an ihrer Ausstrahlung, künstlerisch und frei. Die Dünen waren nicht weit, manchmal verschwand sie darin, mit dem Menschen, der ihr freundlicherweise den Sonnenhut zurückgebracht hatte, die Leinwand flatterte verlassen an der Staffelei, die Farbtuben wurden von Flugsand bedeckt.
Zu Hause pfiff die Mutter leise vor sich hin und strich Calendula-Öl auf ihre Haut. Nie sah sie verbrannt aus, es war, als ob die Sonne ihrer leuchtenden Pfirsichhaut nichts anhaben konnte, ihr nur eine tiefere Schattierung hinzufügte, wie ein Pinselstrich mit Ölfarbe den Bildern von Dünen und Meer.
Diese Haut hatte Dörthe von ihrer Mutter geerbt, ebenso die Grübchen, sonst nichts, so schien es ihr. So leichtfüßig ihre Mutter unterwegs war, so schwerfällig kam sie selbst sich vor, als sie die neue Schule betrat. »Begabt bist du ja, Pummelchen!« – mit diesen Worten schob ihre Mutter sie ins örtliche Gymnasium, dessen Direktor reserviert blieb, während der Blick des Klassenlehrers wohlgefällig auf den Waden der Mutter ruhte, um die sich ein leichter Indienrock bauschte. Das silberne Kettchen an ihrem Knöchel klingelte, als sie die Schule verließ. »Mach's gut, meine Süße!«
Dann war sie weg, und Dörthe musste bleiben. Den Bauch in die Jeans gezwängt, mit Schlag, immer noch, obwohl die anderen ihre Jeans so eng wie möglich trugen und mit Chlorreiniger entfärbten, darüber eine Blümchenbluse, unvorteilhaft geschnitten. In der Klasse mit neunzehn Kindern, einige bereits in der Pubertät, die kicherten und sie neugierig musterten. In Luft hätte sie sich auflösen mögen. Der Lehrer schrieb bereits die nächsten mathematischen Gleichungen an die Tafel, während Dörthe in der letzten Reihe neben einem dunkelhaarigen und ausnehmend hübschen Mädchen Platz fand, das nichts sagte und dessen Gesichtsausdruck sie nicht zu deuten wusste.
Dörthe schwitzte. Vom Rest der Stunde bekam sie nichts mit, so wie sie auch in der Folge von den Mathematikstunden des Klassenlehrers, der gleichzeitig der Physiklehrer war, nicht viel mitbekam. Aber das Mädchen neben ihr hatte ihren Apfel mit ihr geteilt, ihr den Schulhof gezeigt, fast wortlos, und am Ende des Vormittags tatsächlich Tschüs gesagt, mit einer leicht rauen Stimme, obwohl sie kein einziges Mal gelächelt hatte. So hatte sie Esther kennengelernt.
Wie lange das alles her war. Und wie nah es rückte, wenn sie zu lang ins neblige Grau sah.
Was wohl aus den Leuten ihres Jahrgangs geworden war? Dörthe wusste wenig, sie war nur noch selten hier gewesen in all den Jahren, nachdem ihre Mutter Hals über Kopf aufgebrochen war. Und zwar ein Jahr, bevor sie das Abitur gemacht hätte. Kein besonders gutes, aber sie hätte bestanden, davon war Dörthe überzeugt. »Das schaffst du sowieso nicht«, hatte hingegen ihre Mutter behauptet und Dörthe und ihre Geschwister regelrecht aus der Schule gezerrt. Von einem Tag auf den anderen hatten sie Sankt Peter-Ording verlassen.
Dörthes Magen zog sich zusammen. Zu viel Selleriesaft.
Auf dem Gang hörte sie Geräusche, Türenklappern, Reden. Sie sah auf die Uhr. Zeit fürs Abendessen. Besser, die nächste DETOX-Ration, korrigierte sie sich. Was hatte sie für einen Hunger! Ihr Magen knurrte vernehmlich. Dörthe nahm noch einen Schluck und schüttelte sich. Ach was. Alles eine Frage der Einstellung.
»Zum Wohl!«, sagte sie laut und hob das Glas.
***
Esther war erleichtert, als sie die knarzende Treppe ins Obergeschoss steigen konnte. Sie wäre lieber in Hamburg geblieben, um sich ein wenig treiben zu lassen und für die nächste Reise zu recherchieren. Aber Edith von Mehdings achtzigster Geburtstag war Pflicht, auch für Esther. Gerade für Esther.
Wie erbost ihre Mutter gewesen war, als sie angekündigt hatte, erst einen Tag vorher in Sankt Peter-Ording eintreffen zu wollen.
»Ich wünsche mir, dass du mir hilfst!«, hatte sie in schneidendem Ton gesagt. »Ich brauche dich bei der Vorbereitung und Schluss!«
Und sie hatte ja recht. Man ließ seine Mutter zum Achtzigsten nicht hängen. Nicht, wenn sie alleinstehend war. Nicht, wenn es keine Geschwister gab, die hätten einspringen können. Also hatte Esther zugesagt. Zwei Wochen würde sie bleiben, nicht nur zwei Tage wie sonst, auch zum Ausgleich für das verpasste Weihnachten.
Esthers Vater war gestorben, als sie dreizehn war, und Esther hatte sich in einen Kokon aus Trauer zurückgezogen. Alle Versuche ihrer Mutter, Nähe herzustellen, scheiterten. Dass Esther bei der Gelegenheit erfuhr, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern waren und sie als Kleinkind zur Adoption freigegeben worden war, machte es nicht besser.
Ihre leibliche Mutter hatte Esther nie kennengelernt. Diese lehnte den Kontakt ab, und Esther war die Letzte, die jemandem auf die Pelle rückte. Mit siebzehn beschloss sie ein für alle Mal, dass es egal war. Das Gefühl von Fremdheit auf der Welt allerdings blieb. Der taube Fleck. Die Unfähigkeit, sich einzulassen. Das Bedürfnis, sich zurückzuziehen, wenn Leute ihr zu nahe rückten. Die fast mechanische Regung zu gehen, bevor jemand anderes ging. Ihren Ruf der unnahbaren Schönen steigerte das nur, das wusste sie, und es interessierte sie nicht.
Einmal hörte sie, wie ihre Mutter über die Unzugänglichkeit ihrer Tochter klagte. »Ich komm nicht an sie heran, Marlies. Wenn ich bloß wüsste, was ich falsch mache!«
»Sie ist so, Edith, du machst alles richtig, du wirst sie nicht ändern.«
»Seit Wilfried tot ist, hat sie sich noch mehr zurückgezogen.«
»Er war ihr Vater.«
»Ich bin ihre Mutter!«
»Sie wird jetzt erwachsen. Lass sie einfach, sie wird auf dich zukommen, wenn sie etwas braucht.«
Da allerdings lag Marlies falsch. Esther kam auf niemanden zu. Je mehr sie etwas brauchte, desto mehr machte sie die Dinge mit sich allein aus. Edith und Esther von Mehding hatten sich arrangiert. Zwei Magnete, an den gleichen Polen zusammengefügt, einander nah und doch fern.
Mit achtzehn war Esther ausgezogen – und hatte die Heimatlosigkeit zum Beruf gemacht.
Im Gästezimmer setzte Esther sich auf das Sofa mit dem gestreiften Überzug, das zu einem Bett ausgeklappt worden war. Sie knipste die Lampe auf dem Nachttisch an und wollte gerade nach ihrem Laptop greifen, als ihr Blick auf die in den Regalen gestapelten Schachteln und Pappboxen fiel. Darin waren die Abzüge der Fotos, die sie auf ihren ersten Reisen geschossen hatte. So oft hatte sie damals Zimmer und Wohnungen gewechselt, dass sie das Material hier gelagert hatte. Sie hatte die Fotos auf den Dachboden bringen wollen, doch ihre Mutter hatte lieber Platz im Gästezimmer geschaffen. Hatte Esther dies zunächst irritierend gefunden, so als würde ihre Tätigkeit ausgestellt, war sie auf einmal gerührt, dass die Pappboxen nicht nur vorhanden, sondern sogar abgestaubt waren.
Hunderte von Fotos waren es, Esther war wie berauscht gewesen von fremden Ländern und Kontinenten, gleichzeitig wurde sie merkwürdig nüchtern, wenn sie unterwegs war, als wäre ihr Kopf eine Filmkamera, die alles dokumentierte und nichts vergaß.
Wie lange das her war.
Neugierig zog Esther eine Schachtel hervor. Bilder von Sumatra, sie spürte förmlich die Luftfeuchtigkeit. Auf Elefanten waren sie in den Dschungel geritten, als der Führer plötzlich abgesprungen war und auf große Spuren im Schlamm gezeigt hatte. Tiger, hatte er geflüstert, ein Tiger sei in der Nähe. Sie waren weitergezogen, aber der Tiger hatte die Gruppe beschäftigt, man sprach darüber bis in die Nacht.
Sie öffnete die nächste Schachtel. Ein abgetrennter Stierkopf, der in einer dunkelroten Blutlache auf der Erde lag. Eine Menschenmenge, Männer in schwarzen Gewändern, Frauen in Festkleidung, Trommeln und Tanz. Schließlich die Prozession zu den von geschnitzten Figuren bewachten Felsgräbern. Es war der Begräbnisritus des Toraja-Volkes auf Sulawesi, den sie damals aufgenommen hatte.
Indigene Völker hatten Esther immer fasziniert. Bis in die letzten Winkel eines Landes war sie gereist, um Rituale und Feste zu besuchen. Und immer dann, wenn die Menschen um sie herum wie in Trance waren, mitgerissen von dem, was sie taten, blieb sie selbst, obwohl mittendrin, eine distanzierte Beobachterin, in einem einzigen Modus der Aufnahme. Sie hatte meist nur wenige Tage für eine Recherche, alles musste stimmen, und Esther war effizient. Die Termine waren getaktet, die Reiseabschnitte im Voraus gebucht, und wo das nicht möglich war, wusste Esther sich zu orientieren und mithilfe einheimischer Führer die Reise so fortzusetzen, wie sie es geplant hatte.
Nein, Esther ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Die Erschöpfung kam erst danach. Manchmal schlief sie noch im Hotel fünfzehn Stunden durch, manchmal zu Hause zwei Tage lang, dann hatte sie die Strapazen der Reise überwunden und machte sich ans Schreiben. Krank war sie nie. Wenn andere von Durchfällen berichteten, die sie in Asien erwischt hatten, und sich allein bei der Erinnerung daran schüttelten, zuckte Esther die Schultern. Sie blieb verschont, sie wusste nicht, warum.
Weiter oben im Regal entdeckte sie einen Stapel Zeitschriften. Es waren alte Hefte, in denen ihre ersten Reportagen erschienen waren, Geo, der Stern. Ihre Mutter hatte sie alle sorgsam verwahrt. Dabei war sie von der Berufswahl ihrer Tochter anfangs nicht begeistert gewesen. »Ich bitte dich herzlich, mach etwas Vernünftiges! Studier Pharmazie, damit du die Apotheke übernehmen kannst, Medizin, meinetwegen Jura, aber nicht dieses Orchideenfach!« Aber Esther hatte Ethnologie studiert und Vor- und Frühgeschichte noch dazu, hatte nach dem Abschluss ein Volontariat gemacht und war Journalistin geworden.
Und nun musste sie sich fragen, ob ihre Mutter nicht doch recht gehabt hatte mit ihren Bedenken. Fast schien es so, sie war ihrem eigenen Anspruch zuletzt nicht mehr gerecht geworden. Aber das würde sich jetzt ändern. Esther schob die Kartons beiseite, setzte sich mit dem Laptop aufs Bett und richtete sich auf. Als Nächstes stand Kambodscha an. Eine große Reportage, so wie früher. Sie kannte das Land, sie war in den Neunzigern schon dort gewesen. Die Hausboote auf dem Mekong. Überhaupt, der Mekong, wie er sich breit und schlammig dahinwälzte, vielleicht der schönste Fluss der Welt. Sie würde über die Staudämme berichten. Über die Vernichtung der traditionellen Fischerei und die drohenden Umweltzerstörungen durch die geplanten Wasserkraftwerke. Esther bekam einen guten Vorschuss, und es war sicher, dass das Magazin die Reportage exklusiv drucken würde. Sie konnte wieder in Erscheinung treten als ernst zu nehmende Journalistin.
Die Internetverbindung im Haus ihrer Mutter war langsam. Die Flüge hatte Esther bereits gebucht, nun ging es um die Unterkünfte. Außerdem wollte sie per E-Mail-Kontakt zu Informanten aufnehmen und Termine vereinbaren. Vorab ein paar Berichte und Studien lesen, sich einarbeiten. Sie rief ein Booking-Portal auf und kuschelte sich in die Kissen. Rutschte tiefer. Die Website lud. Und lud. Und lud. Das Symbol verschwamm vor ihren Augen.
Kurz darauf war sie eingeschlafen.
Maj-Britt Andresen trat vor die Tür ihres Restaurants, stützte die Hände auf die Holzbrüstung und atmete tief durch. Langsam legte sich der Schwindel, der sie eben erfasst hatte, ihr Puls beruhigte sich. Dann hob sie den Blick.
Der Nebel der letzten Tage hatte sich gelichtet, die Luft war klar. Vor ihr lag das glatte Watt, durchzogen von einem Priel, in der Ferne glitzerte das Meer. Ein Glücksgefühl breitete sich in ihr aus. Sie spürte jeden Tag von Neuem, dass sie hierhergehörte, sie liebte diesen Blick aus sieben Metern Höhe. Und sie liebte das Pfahlbaurestaurant, ihre Seeschwalbe.
Unzählige Lichtreflexe funkelten auf dem Wasser. Maj-Britt schloss die Augen. Auf der Haut spürte sie die Sonne, die jetzt, Ende Januar, schon deutlich höher stand als Weihnachten und den Frühling ahnen ließ. Alles zeugte von Neubeginn, und neu waren auch die Öffnungszeiten, mit denen sie das Restaurant auf Erfolgskurs bringen wollte.
Etwas flügellahm hatte sich die Seeschwalbe zuletzt gezeigt. Im Herbst hatte eine frühe Sturmflut beträchtliche Schäden angerichtet. Die Eichenholzpfähle, die das Restaurant trugen, waren stabil und hatten widerstanden, Treppen und Lagerräume jedoch hatte es erwischt, auch Leitungen waren weggerissen worden. Gegen Elementarschäden war sie versichert, gegen Schließung nicht, die Einnahmen zweier Monate waren ihr entgangen. Dabei war es noch nicht lange her, dass sie investiert hatte: Im letzten Frühjahr hatte sie den Gastraum erneuert und eine zusätzliche Terrasse angebaut. Bis in den Herbst hinein und schon im Frühjahr konnten seitdem mehr Gäste als bisher bei gutem Wetter draußen sitzen.
Die Bilanz war in eine deutliche Schieflage geraten. Sie musste etwas tun. Und auch, wenn sie in manchen Momenten der Mut verließ: Maj-Britt glaubte daran, dass ihr Restaurant wieder Aufschwung nehmen würde. Eine der Maßnahmen, zu denen sie sich entschlossen hatte, war das Öffnen jetzt im Winter, zumindest für drei Tage die Woche. Und das kulinarische Angebot würde sie ebenfalls ausweiten, so der Plan.
»Chefin.« Die etwas heisere Stimme ihres Kochs durch die geöffnete Tür. Maj-Britt fröstelte. Rasch ging sie wieder hinein. »Was gibt’s?«
»Die Krabben sind nicht geliefert worden.«
»Und?«
Kilian verschränkte die Arme. »Ohne Krabben kein Krabbenomelett.«
»Dann gibt es eben Rührei. Ohne Krabben. Mit Matjes, was weiß ich.«
Voller Verachtung sah er sie an. »Matjes?«
Maj-Britt wusste selbst, dass keine Matjeszeit war. Und zu Rührei passte er auch nicht. »Du wirst doch irgendeine Idee haben? Vielleicht Fischsuppe?«
Kilian trommelte mit den Knöcheln auf die Arbeitsplatte aus Edelstahl. Sein Verhalten war Maj-Britt unangenehm, distanziert und aufdringlich zugleich. Die Schürze, die er mit betonter Gründlichkeit umband, sobald er die Seeschwalbe betrat, und demonstrativ ablegte, wenn er ging. Die Mischung aus Herablassung und aufgesetzter Unterwürfigkeit, mit der er sie behandelte. In einem passenden Moment würde sie ihm die Meinung sagen und dabei aufpassen, dass sie ihn nicht vergraulte, denn gute Köche waren derzeit schwer zu bekommen. Und es gab genug andere Restaurants im Ort, bei denen er anheuern konnte, Restaurants hinterm Deich, geschützt vor den Gezeiten. Die meisten dieser Lokale boten ebenso wie sie die typische Nordseeküche an, Fisch, traditionell zubereitet, Scholle mit Bratkartoffeln und Speck, Pannfisch, Matjes nach Hausfrauenart. Es war das, was die Touristen wollten, und von Touristen lebte schließlich ganz Sankt Peter-Ording.
Aber Kilian konnte mehr. Sie brauchte ihn, wenn sie die Speisekarte verändern wollte. Die Seeschwalbe aus dem Labskaus-und-Matjes-Einerlei herausführen, wenigstens abends, um den Umsatz zu steigern. Zielgruppe: die Hamburger Gourmets. Die fuhren nicht mehr nur nach Sylt, sondern steuerten inzwischen ebenso Sankt Peter-Ording an.
Maj-Britt spürte, wie ihr warm wurde. Erneut warf sie einen Blick auf Kilian, der begonnen hatte, die Töpfe herauszuholen, und den Lehrling, der abgehetzt angekommen war, knurrend anwies, das Gemüse zu schneiden. Der eine abfällige Bemerkung über Sören machte, die bleiche, aufgeschossene Bedienung mit dem breiten Lächeln und dem blonden Pferdeschwanz. Um dann ein Messer in die Hand zu nehmen und es von allen Seiten zu mustern, bevor er es zu schärfen begann.
Doch, Kilian beherrschte sein Handwerk auf hohem Niveau. Mit ihm sollte sie es sich lieber nicht verderben. Dafür nahm sie auch seinen Mops in Kauf, der im Personalraum saß und dort auf sein Herrchen wartete.
In diesem Moment hob Kilian den Kopf und nickte ihr zu, als hätte er ihre Gedanken erraten.
***
Drei Stunden später hatte Maj-Britt zum Grübeln keine Zeit mehr. Die Gäste hatten ihre Jacken über die Stuhllehnen gehängt, saßen mit geröteten Wangen an den Tischen, wärmten sich die Finger und studierten die Speisekarte. Die Bedienungen liefen hin und her, um Bestellungen aufzunehmen und Getränke zu bringen.
Maj-Britt begrüßte die Gäste und wies ihnen den Weg zu den Tischen. Das gute Wetter machte sich bemerkbar, außerdem waren am Wochenende auch Tagesausflügler unterwegs.
Maj-Britt räumte die Reste eines Schwarzbrot-Imbisses vom Tisch, schenkte den nächsten Eintretenden ein Lächeln und beobachtete gleichzeitig den eiernden Kurs, mit dem Sören, der stets freundlich lächelnde Sören mit dem Seemannsgang, der sich das abzuräumende Geschirr zur Freude einiger Kinder immer höher auf den Arm geladen hatte, sich der Küchentür näherte. Sah, wie diese aufschwang und Kilian herausschaute, Sören konnte mit einem Hüftschwung gerade noch ausweichen, der Stapel auf seinem Arm schwankte, fiel aber wie durch ein Wunder nicht.
Kilian suchte ihren Blick und hob den Daumen. Die Krabben waren doch noch geliefert worden. Sie nickte und übergab das Geschirr Beke, ihrer ältesten Kraft. Für eine Gruppe rückte Maj-Britt zwei Tische zusammen und wies Sören an, die Bestellung aufzunehmen. Dann ging sie auf die Terrasse, um ein einsames Kaffeegedeck abzuräumen. Durch die Fenster sah sie, dass die Gaststube nahezu bis auf den letzten Platz besetzt war.
Doch, die Maßnahme war richtig gewesen. Man konnte auch im Winter öffnen, am Wochenende, das war gut möglich. Der Bedarf war da, die Leute kamen. Essen hatte immer Saison, und gerade nach einem Winterspaziergang waren die Leute hungrig und wollten sich an heißen Getränken wärmen. Wie gut, dass sie den Ofen hatte einbauen lassen. Jetzt musste sie nur noch einen Weg finden, um bekannt zu machen, dass die Seeschwalbe in der kalten Jahreszeit geöffnet hatte, dass es sich lohnte hierherzukommen. Mit einem besonderen Angebot aufwarten, das es reizvoll machte, von Hamburg aus die Fahrt auf sich zu nehmen, nicht nur im Sommer. Die für den Winter neu eröffnete Seeschwalbe. Mit Kaminfeuer und Eierpunsch, Grog und Glühwein. Friesentorte in großen Stücken. Und abends: Feine Küche. Das Bessere, das Besondere für die verwöhnten Gäste. Sturmfluten? Denen würde sie, Maj-Britt Andresen, trotzen.
Das waren Maj-Britts Träume, während sie durch die Gegend eilte, hier eine Vase zurechtrückte, dort ein Tablett in die Küche brachte. Sie fühlte sich wohl, wenn sie sah, wie Leute ihre Servietten beiseitelegten, sich zurücklehnten, ein Lächeln auf dem Gesicht, das von vollkommener Sättigung herrührte. Vollkommen, weil es das Richtige gewesen war. Und eine tüchtige Portion war es auch.
Eine ältere Frau mit drei Kindern, vermutlich ihre Enkel, die Becher mit heißer Schokolade vor sich stehen hatten, verteilte schwungvoll Karten und nahm zwischendurch einen kräftigen Schluck von ihrer »Toten Tante«.
Maj-Britt lächelte. Auch solche Gäste wollte sie haben. Nicht nur die, die Vier-Gänge-Menüs bestellten. Nein, auch Familien. Auch Hark, der jeden Freitag zur selben Zeit hierhergelaufen kam, seinen Schnaps trank, schweigend, und wieder verschwand. Seitdem das benachbarte Pfahlbaurestaurant, Hedwigs Kombüse, in dem er dreißig Jahre seinen Schnaps getrunken hatte, den Betreiber gewechselt hatte, war er zur Seeschwalbe herübergekommen. Hedwigs Kombüse war von einem Österreicher übernommen worden. »Der schenkt Obstschnaps aus statt Köm«, hatte Hark gebrummelt, »so ’n Marillengedöns, und Hirschgeweihe hängen dort auch an der Wand«, und Maj-Britt hatte ihm einen Köm hingestellt und nach zehn Minuten ungefragt nachgeschenkt.
Maj-Britt schob einen Stapel Speisekarten auf Kante.
Sie ging zu der Frau, die ihr Kartenspiel eingesammelt und den Kindern die Sahne von der Oberlippe gewischt hatte und zahlen wollte. Wo war Giulia, die Bedienung? Eigentlich war sie für diesen Tisch zuständig. Zarte zwanzig, auch im Winter braun gebrannt, mit Nasenring und Tattoo auf der Schulter und von enervierender Langsamkeit, aber mit einem Lächeln, das jeden Gast schmelzen ließ.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein markerschütternder Schrei ertönte aus der Küche. Scharrende Geräusche, unterdrücktes Schluchzen und Sören, der noch bleicher als sonst auf sie zueilte. »Frau Andresen – Giulia ... Sie hat sich den Finger abgeschnitten!«
***
Der Notarzt war abgefahren. Maj-Britt hatte einen Schnaps gekippt und sich geschüttelt. Auch die anderen machten wie benommen weiter. Letztlich war es nur ein tiefer Schnitt gewesen, zu tief allerdings, um ihn auf die leichte Schulter zu nehmen, im Krankenhaus wurde geprüft, ob eine Sehne durchtrennt war.
Was Giulia überhaupt mit dem großen Messer gemacht hätte, hatte Maj-Britt aufgebracht gefragt. Zitronen für die Getränke hätte sie in Scheiben schneiden wollen, hatte Beke erwidert und einen blutigen Putzlappen in den Müll befördert.
Maj-Britt versuchte, sich zu merken, dass sie das Messer austauschen und dem Personal eine neue Einweisung geben müsste. Nicht, dass ihr die Berufsgenossenschaft auf den Leib rückte, weil das Zitronenscheibenschneiden neuerdings eine Gefahrenquelle darstellte. Neue Auflagen wären das Letzte, was sie jetzt gebrauchen könnte.
Noch zwei Stunden, dann würden sie schließen. Die Sonne warf einen milden Schein durch die großflächigen Fenster. Die Flut lief auf. Die meisten Gäste saßen jetzt bei Kaffee und Kuchen, Grog und »Tote Tante« wurden vermehrt bestellt.
Maj-Britt spürte, wie ihr wieder schwindelig wurde. Ihre Schläfen pochten. Sie hatte zu lange nichts gegessen. In der Küche griff sie an Kilian vorbei aufs Schneidebrett und schnappte sich ein Stück Möhre.
»Wollen Sie auch einen Finger weniger?«, fragte dieser empört.
»Keinesfalls.« Sie lächelte Kilian an und biss in die Möhre.
»Na, kommen Sie. Ich mach Ihnen mal was Richtiges.«
Kurz darauf überreichte Kilian ihr eine dampfende Schale mit gelblich-sämigem Inhalt.
»Was ist das?« Sie konnte den Inhalt der Suppenterrine keinem Gericht auf der Speisekarte zuordnen.
»Spezialmischung.« Seine Stimme klang fast weich.
Maj-Britt probierte. Scharf, heiß und wärmend. Genau das, was sie brauchte, um neue Energie zu sammeln. Leicht süßlich, Kürbis-Karotte, angereichert mit Kartoffel, gewürzt mit Ingwer, vermutete sie.
Kilian sah ihr zufrieden beim Essen zu. »Von nichts kommt nichts.«
Das hätte er sich sparen können. Maj-Britt nahm noch ein paar Löffel, dann schob sie die Schüssel weg. Letzte Runde. Giulia fehlte. Und wenn Sören gestresst war, versiegte sein Lächeln, dann sah er eher aus wie ein Klabautermann auf Urlaub. Verstört, schlicht bemitleidenswert. MajBritt nahm eine Bestellung entgegen.
Als sie die Tür schlagen hörte, drehte sie sich um. Es nahm kein Ende heute.
Dreieckstuch, Anorak. Sie erkannte sie sofort. Als die Frau, die eben eingetreten war, die Kapuze abnahm, fielen ihr die dunkelbraunen glatten Haare auf die Schultern. Sie schüttelte sie kurz. Ihr zurückhaltender Blick durchmaß den Raum.
Kaum zu glauben, aber sie war es.
Ihre alte Schulfreundin Esther.
Esther stieß die Tür der Seeschwalbe auf. Warme Luft schlug ihr entgegen. Sie lockerte ihren Schal und schob die Kapuze vom Kopf. Ihr Blick glitt aufmerksam durch den Raum. Es hatte sich einiges verändert, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war.
Die Tische aus hellem Holz, die großen Fensterfronten, das Restaurant hatte einen neuen Anstrich bekommen, frisch und modern. Gäste an den Tischen, mit sandigen Stiefeln und Mützen neben sich auf der Bank. Sogar einen Kaminofen gab es, in dem ein Feuer loderte. Und dort hinten, das war tatsächlich Maj-Britt, schlank und hochgewachsen, aufrecht wie ein Pfahl im Watt. Esther erkannte sie sofort.
»Esther! Meine Güte!« Schon stand Maj-Britt vor ihr und setzte zu einer herzlichen Umarmung an, hielt aber inne, als ob sie sich im letzten Moment erinnerte, dass Esther Körperkontakt nicht mochte. »Was machst du denn hier?!«
Esther fiel es schwer, spontan Freude auszudrücken. Wie oft war ihr halb bewundernd, halb vorwurfsvoll gesagt worden, dass sie so cool wäre und man nie wüsste, was in ihr vorginge. Aber sie freute sich wirklich, und sie bemühte sich, es auch zu zeigen.
»Ich bin auf Durchreise, quasi. Und komme gerade vom Strand.«
Maj-Britt lachte. »Setz dich dort hinten hin, ja? Wir sind unterbesetzt, aber ich komme gleich zu dir. Was nimmst du?« Noch bevor Esther antworten konnte, entschied sie: »Ich bringe dir Tee und ein Stück Friesentorte.«
»Mach dir keine Mühe!«
»Sicher?« Maj-Britt zwinkerte ihr zu. Auf dem Weg in die Küche griff sie nach einem benutzten Glas.
Esther sah aufs Watt. Gut tat es, hier zu sitzen. Erinnerungen kamen hoch. An früher, als Maj-Britts Eltern die Seeschwalbe noch betrieben und sie hier als Schülerin gejobbt hatte. Ihre Mutter war dagegen, sie sollte lieber für die Schule lernen, aber Esther hatte sich darüber hinweggesetzt. Viele Stunden hatte sie hier im Sommer verbracht und gekellnert, in den Ferien und nachmittags nach der Schule. Wie lang das her war. Sie war wirklich nur noch selten hier gewesen.
Und dann stand der Tee vor ihr, ein echter Friesentee mit einer Sahnewolke darin und Kandisbrocken in einem Schälchen daneben, und ein Riesenstück Torte aus Blätterteig mit Schlagsahne und Pflaumenmus.
Maj-Britt setzte sich zu ihr, erwartungsvoll. »Wenigstens kurz, ich hab dich so lange nicht gesehen! Warst du im letzten Jahr überhaupt hier?«
»Nur einmal«, gestand Esther.
»Du bist also immer noch unterwegs in der Welt und hast genug zu tun?«
»Hm.«
»Neulich habe ich tatsächlich etwas von dir gelesen – über Märkte in Istanbul, in einem Magazin, als ich beim Frisör saß. Es klang spannend. Ich wäre am liebsten sofort hingefahren, auch wenn ich eigentlich gar nicht gerne reise. Die Farben und die Atmosphäre – das kam toll rüber! Und gut siehst du aus, übrigens. Du hast kaum mehr als zwei graue Haare.«
Ja, sie hatte Glück gehabt, was das Aussehen betraf, das wusste Esther. Gleichzeitig war es ihr gleichgültig. Sie hatte sich noch nie für ihr Äußeres interessiert.
Sie ging nicht weiter darauf ein. »Und du? Hier scheint mir deutlich mehr passiert zu sein als bei mir, du hast die Seeschwalbe flottgemacht!«
»Ja, ich hab vor anderthalb Jahren erweitert. Mehr Plätze, moderneres Ambiente, frischer Wind. Das musste sein.« Maj-Britt sagte es bescheiden, aber sichtlich stolz.
»Hut ab. Sieht wirklich gut aus.«
»Findest du?«
»Aber ja! Du selbst übrigens auch.«
Natürlich sah sie gut aus, Maj-Britt hatte schon immer gut ausgesehen. Schlanke eins achtzig, heller Teint, rotblonde Haare. Die Blicke der Gäste folgten ihr zuverlässig.
Und trotzdem war es nicht die ganze Wahrheit. MajBritt war schmaler geworden, fast knochig. Ihre Haut wirkte durchscheinend, obwohl sie viel an der frischen Luft war. Ihre Mimik hatte sie im Griff, wie immer, dennoch hatten sich Falten eingegraben, wo keine hingehört hätten, dachte Esther, noch nicht jetzt.
Aber das würde sie ihr nicht sagen. Denn das Zerbrechliche, das sah Esther auch. Maj-Britt hielt sich aufrecht, aber gleichsam an einem dünnen Faden. Ob es immer noch daran lag, dass Michael sie verlassen hatte? War sie nicht darüber hinweggekommen?
Maj-Britt hatte gerade ihr Juraexamen bestanden – durchs Studium hatte sie sich gequält, es hatte ihr keinen Spaß gemacht, aber sie hatte gemeint, mal rauszumüssen aus dem Ort und etwas aus ihrem guten Abitur zu machen –, als sie in Sankt Peter-Ording Michael kennenlernte, den Hotelierssohn aus der Schweiz, der hier Urlaub machte und von der rauen Gegend ebenso verzaubert war wie von Maj-Britt, der friesischen Schönheit. Alles war ganz schnell gegangen. Schon war sie mit Zwillingen schwanger, sie heirateten, Jette und Jannis kamen zur Welt. Maj-Britt war zu Hause geblieben und hatte sich um die Kinder gekümmert, Michael hatte als Manager in einem Hotel gearbeitet. Als Maj-Britts Vater einen Schlaganfall erlitt und nicht mehr weitermachen konnte wie bisher, hatten sie die Chance ergriffen, gemeinsam die Seeschwalbe weiterzuführen.
Soweit Esther es von außen einschätzen konnte, hatten sie mehr als zwanzig gute Jahre gehabt. Und dann war ihr Ehemann Knall auf Fall in die Schweiz zurückgekehrt, um dort das Hotel seines Vaters zu übernehmen, ein mondänes Wintersporthotel. Hatte sich in die Sommelière verliebt, die aus seinem Heimatort kam, und die Scheidung eingereicht. Vor zwei Jahren war das gewesen.
Sie würde schon herausfinden, was mit Maj-Britt los war, dachte Esther, sie blieb ja noch ein paar Tage. Zunächst einmal probierte sie die Torte und hob anerkennend den Daumen. »Die ist gut!«
»Ja?« Maj-Britt schaute zufrieden zu Esther. »Freut mich, wenn es dir schmeckt. Hat Beke gebacken.«
»Die alte Beke Iwersen? Arbeitet sie immer noch hier?«
»Aber ja, und sie ist meine größte Stütze. Ohne Beke, ihren Kuchen und ihre Umsichtigkeit ginge gar nichts. Außerdem schaut sie den jungen Aushilfen auf die Finger.«
Die beiden sahen sich an und mussten grinsen. Auch ihnen hatte Beke damals auf die Finger geschaut, als sie als Schülerinnen hier jobbten, hatte sie in die Finessen des Service und vor allem der notwendigen Hygiene eingeweiht. Beke hatte einen Putzfimmel.
»Ich muss weitermachen. Eine dieser jungen Aushilfen ist heute ausgefallen, Unfall in der Küche.«
