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Zwischen Intrigen und Gehorsamkeit: Begleiten Sie Prinzessin Anli in "Der Spiegel der Kaiserin" von Michaela Link – jetzt als eBook bei dotbooks. Peking 1908: Die junge Prinzessin Anli ist überglücklich, dass sie der letzten Kaiserin von China dienen darf. Doch dann erfährt sie, dass ihr Vater sie für eine hohe Summe an einen General verkaufen will. Dieser ist für seine Brutalität bekannt. Um Anli vor ihm zu schützen, schickt die Kaiserin sie in die Provinz Chinas. Dort lernt die Prinzessin eine neue Kultur abseits der Paläste der Verbotenen Stadt kennen – und verliebt sich unsterblich in den Engländer Malcolm. Bald fasst sie den Entschluss, mit Malcolm aus China zu fliehen. Doch kurz vor dem Aufbruch wird sie von ihrem Vater aufgespürt und zurück an den Kaiserhof gebracht – wo der General bereits auf seine zukünftige Frau wartet … Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Der Spiegel der Kaiserin" von Michaela Link. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 581
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Über dieses Buch:
Peking 1908: Die junge Prinzessin Anli ist überglücklich, dass sie der letzten Kaiserin von China dienen darf. Doch dann erfährt sie, dass ihr Vater sie für eine hohe Summe an einen General verkaufen will. Dieser ist für seine Brutalität bekannt. Um Anli vor ihm zu schützen, schickt die Kaiserin sie in die Provinz Chinas. Dort lernt die Prinzessin eine neue Kultur abseits der Paläste der Verbotenen Stadt kennen – und verliebt sich unsterblich in den Engländer Malcolm. Bald fasst sie den Entschluss, mit Malcolm aus China zu fliehen. Doch kurz vor dem Aufbruch wird sie von ihrem Vater aufgespürt und zurück an den Kaiserhof gebracht – wo der General bereits auf seine zukünftige Frau wartet …
Über die Autorin:
Michaela Link, geboren 1963, studierte Sinologie. Anschließend arbeitete Sie als Übersetzerin und übertrug etliche literarische Texte aus dem Chinesischen ins Deutsche. Ihre umfangreichen Kenntnisse des Landes China, seiner Menschen und seiner Geschichte verdankt sie ihrer mehrjährigen Tätigkeit als Reiseleiterin in Ostasien. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Norddeutschland.
Bei dotbooks erscheint demnächst Der goldene Knabe.
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Neuausgabe April 2015
Copyright © der Originalausgabe 2007 by Knaur Verlag.
Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/L.F.
ISBN 978-3-95824-006-3
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Michaela Link
Der Spiegel der Kaiserin
Roman
dotbooks.
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch
Spricht oder handelt ein Mensch mit unreinem Bewusstsein, folgt ihm das Leiden nach, so wie das Rad dem Zugtier folgt, welches den Wagen zieht … Spricht oder handelt ein Mensch mit lauterem Bewusstsein, so folgt ihm Freude nach,
England, 1959
Die Verbotene Stadt …
Wie ein Windhauch wispern die Worte durch meine Erinnerung, und der Zeitungsbericht über Peking liegt bereits halb vergessen auf meinem Schoß. Die Verbotene Stadt –das sind für mich geheime Korridore und verschwiegene Boudoirs, große, lichtdurchflutete Marmorhallen, Trommeltürme, die bis weit über die Palastmauern hinaus vom Verstreichen der Zeit künden; das sind kühle Wandelgänge und Tore, die kein Sterblicher durchschreiten darf, die einzig dem Kaiser offen stehen …
Als kleines Mädchen hatte ich voller Sehnsucht davon geträumt, und jetzt, als alte Frau, träume ich wieder davon. Peking … heute so unerreichbar fern wie damals. Die neuen Söhne des Himmels herrschen jetzt dort, mit dem roten Stern ihres selbsterwählten Gottes an der Brust. Es ist ein anderes Peking als jenes, das einst für mich, das Kind aus der weiten, grasbewachsenen Mandschurei, der Himmel war. Und doch – und doch. Peking! Der Klang dieses Namens ist heute wie damals das Zauberwort, das meiner Phantasie Flügel schenkt.
Im Geist wandere ich wieder dorthin, durchmesse schmale Gassen und weite Alleen, und dann – im Herzen dieser von tausend Geheimnissen singenden Metropole – liegt sie endlich vor mir: die Verbotene Stadt, die Purpurne Stadt.
Selbst in der Sonnenglut der hochsommerlichen Steppe vermeinte ich, sie riechen zu können, diese Stadt der Verheißung – Honig und Sonne, getrocknete Orangenblüten und der Staub von hundert ehrwürdigen Innenhöfen –, und ich glaubte, vor Verlangen zu sterben.
Wenn ich heute an meinem Fenster sitze und auf das keusche Frühlingsgrün meiner neuen, fremden Heimat blicke – denn auch nach fünfzig Jahren ist mir England immer noch nicht mehr geworden –, dann vergesse ich die welke Haut meiner Hände, vergesse den gallebitteren Geschmack des Alters und die unruhig verbrachten Nächte und kenne nur noch die alte Sehnsucht.
Nein, es ist nicht mehr die Sehnsucht des Kindes, denn das Kind hatte ja nur den Traum, hatte nur die selbstgemalten Bilder von Frauen in ihren mit fliegenden Phönixen bestickten Gewändern, Frauen, die sich heiter und wie schwebend bewegen und die sich seit Menschengedenken alle wie die Blumen dem Morgen nur einem einzigen Mann öffnen, dem Kaiser, der das Zentrum und die Schwerkraft ihres Universums ist: dem Sohn des Himmels, dem Herrn der Zehntausend Jahre.
Das Kind von einst besaß nur solche Phantasiegebilde. Die alte Frau von heute hat viel mehr als das; sie hat die Leere dieser weit sich erstreckenden Gemächer in sich getragen, sie weiß, welchen Duft die Einsamkeit dort hat, wo dreitausend Dienerinnen durch enge Küchengassen huschen und wo ebenso viele verstümmelte Männer – Eunuchen – für den Sohn des Himmels in dessen inneren Gemächern Dienst tun, und manchmal nicht nur dort. Sie weiß, dass die Phönixe nicht fliegen, sondern von unsichtbaren Händen in ihrer scheinbaren Freiheit gehalten werden. Der Staub der Höfe schmeckt nicht nach Würde und Weisheit, sondern schal und erstickend, nach kleinlichen Machtkämpfen und den abertausend Siegen der Starken über die Schwachen.
Die Verbotene Stadt.
Tränen und Angst. Misstrauische Blicke über die Schulter. Zertretene Orchideen, deren Saft wie Blut für kurze Zeit den unvergänglichen Stein befleckt.
Keine Schwestern, sondern Rivalinnen überall. Feindinnen.
Die Verbotene Stadt.
Das Ziel meiner Sehnsucht. Auch heute noch. Trotz allem, trotz allem …
Denn sie gebiert seltsame Früchte, diese Stadt der Schleier und Rätsel. Früchte, die erlesener und edler sind, als man sie anderswo findet. Und wer einmal davon gekostet hat, der wird nie wieder ganz frei sein.
Freundschaft, wo man sie am wenigsten erwartet, Wärme, die sich selbst verschenkt, ohne um das Versiegen der Quelle zu bangen. Schönheit und Wunderbares, aber auch Schmutz und Hässliches. Und das alles ist jetzt ein Teil von mir, nichts wird je aufhören zu existieren – erst recht nicht die Menschen, die Gestalten, die in meiner Erinnerung wohnen und die jetzt, da ich wieder allein bin, meine Wege mit mir gehen.
Maos Soldaten haben Peking geplündert. Das Große Innen, wie die Kaiserstadt von ihren Bewohnern genannt wurde, ist seiner Schätze beraubt und zum Museum für die gleichgültigen Massen geworden.
Manchmal sehe ich Bilder in den Zeitungen hier, doch dann trübt sich mein Blick mit der Gnade der hohen Jahre, und ich erkenne nur Schemen, und selbst die haben nichts mit meiner Erinnerung gemein. Die Verbotene Stadt ist ein Ort in meinem Herzen und so unzerstört und glänzend wie damals, als sich die gewaltigen, in kaiserlichem Rot gestrichenen Drachentore zum ersten Mal für mich öffneten.
Ich habe nur wenig mitnehmen können, als ich Jahre später durch die gleichen Tore dem Palast entfloh, um nie wieder zurückzukehren. Ein Spiegel – eine runde Bronzescheibe, fast zweitausend Jahre alt – begleitet mich seit jenen Tagen, wohin ich auch gehe. Die dicke blaue Seidenschnur, blau wie die Hoffnung, die sich durch den Knauf auf der Rückseite zieht, ist schon fast zerschlissen, aber ich weiß, so lange ich lebe, wird sie halten, und das genügt. Die Kaiserin, die mir damals so unvorstellbar alt erschien und deren Jahre ich nun selbst erreicht habe, gab mir den Bronzespiegel als Geschenk zum Schutz gegen böse Mächte und als Anker in einer fremden Welt.
Ob er mich wirklich vor Bösem bewahrt hat, vermag ich nicht zu sagen, aber er liegt immer auf meinem Schoß, wenn ich in die Vergangenheit schaue, und das scharfkantige Bronzefiligran nimmt die Wärme meiner Hände an.
Wenn ich in den Spiegel schaue, ist es mir, als tue sich eine ferne, magische Welt vor mir auf, und ich sehe eine junge Frau … ein Mädchen im Grunde noch; sie geht langsam und ganz am Ende einer langen, feierlichen Prozession über eine Brücke. Wie ein riesiger, zu ewiger Starre verdammter Regenbogen zieht sich die steinerne Brücke in der Morgensonne dahin, über den Kunming-See im Herzen des Sommerpalastes. Die junge Frau trägt ein langärmeliges, für den heißen Junitag viel zu warmes Kleid, das schwarze Haar über den Ohren ist zu schweren Schnecken aufgesteckt. Silberne Nadeln mit Schmetterlingsköpfen fangen das Licht auf … Sie ist groß für eine Frau, gerade noch an der Grenze des Annehmbaren. Ihre dunklen Augen blicken etwas furchtsam, und sie haben recht damit. Denn sie ist nun lange genug im Palast, um zu wissen, dass die Phönixe nur eine Illusion sind, dass es keine Stadt der Verheißung gibt. Und der gegenwärtige Kaiser, der Sohn des Himmels, ist ein schwerkranker, trauriger Mann, für den sich schon lange keine Blume mehr geöffnet hat – ein Mann, der sich längst damit abgefunden hat, nur noch dem Namen nach zu regieren, nur eine Marionette zu sein, die an allzu vielen Fäden hängt.
Ein zierlicher Schritt zur Seite, und sie ist dem Brückengeländer nahe genug, um die Hand über eine Löwenskulptur gleiten zu lassen. Mehr als fünfhundert Löwen sind in die Pfostenköpfe der Balustrade gemeißelt. Sie hat sie gezählt. Jeder Löwe ist ein kleines Kunstwerk, hat seine eigene Haltung, sein eigenes Gesicht. Und nun auch einen eigenen Namen, eine eigene Geschichte. Die junge Frau, die wohl schon tausend Mal über diese Brücke geschritten ist, hat ihnen Namen und Unsterblichkeit gegeben.
Heute ist der letzte Löwe an der Reihe, ganz am jenseitigen Ende der Brücke. Diesen Löwen hat sie sich bis zum Schluss aufgehoben, denn er scheint ihr das Lebendigste in diesem gewaltigen Palast zu sein, das einzige Wesen, mit dem Freundschaft vorstellbar wäre.
Ich nenne dich Yangren-feng, sagt sie im Stillen zu dem Löwen, »Wind der Menschlichkeit«. Die Sonne spielt auf seinen Zügen, und die junge Frau glaubt zu sehen, wie der kleine Löwe grüßend den Kopf zur Seite neigt.
Aber bevor sie ihm seine Geschichte erzählen kann – eine Geschichte, in der er sehr mutig und sehr klug ist –, muss sie sich von der lächelnden Steinskulptur trennen und den Frauen und Eunuchen nacheilen, die in den Longwang Miao wollen, den Tempel des Drachenkönigs, wo sie um Regen beten werden und um ein Ende der Dürre, die das Land lähmt.
Sie ist zu langsam, und einige der Frauen vor ihr drehen sich um – verletzend wenig Freundlichkeit in den reglosen Gesichtern –, dann treten sie über die Schwelle des Tempels. Die schweren, purpurnen Vorhänge senken sich lautlos vor den Eingang, und Dämmerlicht sperrt den goldenen Morgen aus, als habe es ihn nie gegeben.
Wenn ich heute in diesen Spiegel meiner Vergangenheit schaue, dann wird nicht nur mein eigenes Bild wieder lebendig, sondern auch das derer, die damals bei mir waren, und ich sehe Dinge, die mir in jener Zeit verborgen blieben. Mag sein, dass diese Bilder aus den Sommerfäden der Erinnerung gesponnen sind – doch wer weiß, ob nicht Alter und Heimweh meine Sinne so sehr schärften, dass sie erahnen, was zu wissen mir damals nicht gegeben war.
Ich streiche mein grau gewordenes Haar zurück, benutze die alte Bronzescheibe als Tor und trete ein in das unvergängliche Reich des Gewesenen, in jenen Juni des Jahres 1908, als ganz Nordchina von drückender Dürre heimgesucht wurde.
Kapitel 1
Peking, Juni 1908
Die Götter hatten all unsere Gebete um Regen noch immer nicht erhört, obwohl wir vor zwei Tagen sogar die helle, freundliche Sommerresidenz verlassen hatten und in die Verbotene Stadt übergesiedelt waren, damit der Kaiser und ein Gefolge dort seinen Ahnen opfern konnten. Seit acht Wochen schien nun unausgesetzt die Sonne. Wenn es nicht bald regnete, würden die Ernten verderben, und das Land musste zu allem anderen Übel auch noch eine Hungersnot ertragen. Aber alles Beten und Fasten hatte bisher nichts gefruchtet, und die Stimmung bei Hof war inzwischen so angespannt, dass der kleinste Anlass genügte, um Streit und böse Worte laut werden zu lassen.
Besonders die Eunuchen machten uns allen zu schaffen; sie schienen gewöhnlich ihre größte und womöglich einzige Wonne im Essen zu finden, und die karge, fleischlose Fastenkost machte sie noch reizbarer und zänkischer als sonst.
Ich vermisste vor allem meinen einzigen Freund dort, der in den letzten Tagen im Sommerpalast mein geschätzter Gefährte geworden war: meinen steinernen Löwen, der seinem Namen, »Wind der Menschlichkeit«, in meinen Träumen alle Ehre machte, obwohl er einer kleinen, boshaften Bemerkung über ein besonders dummes Geschöpf aus unserer Bekanntschaft nie abgeneigt war – ohne aber jemals wirklich verletzend zu werden.
In Gedanken bei meinem geisterhaften Freund, stand ich im Vorzimmer zum Schlafgemach der Kaiserin am Fenster und blickte in den Hof hinaus. Obwohl draußen ein strahlend heller Tag war, herrschte im Palast stets ein eigentümliches Zwielicht – eine direkte Folge seiner Architektur. Die kleinen, von hohen Gebäuden umstandenen Innenhöfe und die weit überhängenden Walmdächer gaukelten den Menschen im Großen Innen einen trüben Himmel vor, und in den vergangenen Tagen war mehr als eine Hofdame bei der Kaiserin in Ungnade gefallen, weil sie glaubte, es müssten nun endlich Wolken aufgezogen sein.
Mir hatte man die langweilige Aufgabe zugewiesen, über den mittäglichen Schlaf Ihrer Majestät zu wachen und sie zu wecken, sobald vom Glockenturm die achte Doppelstunde, die Stunde der Schafs, geschlagen wurde. Aber so weit war es noch lange nicht. Ich wappnete mich innerlich gegen Guniangs Übellaunigkeit; sie schlief gern bis weit in den Nachmittag hinein, doch waren für heute noch längst nicht genügend Gebete gesprochen worden. Im Palasttempel wartete das gelbe Papier, auf dem mit Zinnober und etwas Wasser ein Strich für jedes gesprochene Gebet gezeichnet werden musste; inzwischen waren wir bei zwanzig pro Tag angelangt.
Ein feines, vielstimmiges Ticken lag in der Luft, das mich zu Beginn meiner Tätigkeit im Palast schier in den Wahnsinn getrieben hatte: Die Kaiserin liebte Uhren in jeder Form und Größe, und allein in ihrem Vorzimmer standen, auf geschnitzten Truhen und Tischchen, vierzehn dieser Kunstwerke westlicher Technik verteilt. Eines davon, eine aus Goldfiligran gearbeitete kleine Standuhr, die hoffnungslos vorging, ließ jetzt ein feines Läuten hören. Es hätte ein fröhliches, ein beschwingtes Geräusch sein können, wäre es an einem anderen Ort erklungen. Hier aber war es schal und ohne Bedeutung. Auf mich wartete ein weiterer endloser Nachmittag in lichtlosen, stickigen Räumen, in denen alter Weihrauchduft mit frischem wetteiferte. Einen Augenblick lang sah ich meine Heimat vor mir, die trockene, gelbe Steppe, in der selbst jetzt ein lindernder Wind gehen würde. Ich glaubte, das Stampfen von Pferdehufen zu hören, glaubte, das Vibrieren des Bodens unter meinen Füßen zu spüren, wenn die gewaltigen Herden zur nächsten Weide getrieben wurden …
… und wurde jäh aus meinem Tagtraum herausgerissen.
Der Lärm, den ich gehört hatte, war kein Produkt meiner Phantasie gewesen, sondern sehr real. Ein Krachen zerriss die Luft, als sei der Himmel auf uns herabgestürzt, ein mannigfaches Prasseln und Zischen ging über einem der nahen Innenhöfe herab, und ich lehnte mich erschrocken über die kostbare Schwarzholztruhe vor dem Fenster. Das Geräusch kam mir vertraut vor, aber ich konnte ihm so schnell keinen Namen geben. Ein dämonisches Heulen mischte sich in den wütenden Lärm, der wie Gewehrschüsse klang, und ich wich entsetzt vom Fenster zurück.
Dann kehrte eine unheimliche Stille ein.
Die Stille war jedoch nur eine kurze Atempause, bevor von allen Seiten erneuter Lärm losbrach.
»Was hat das zu bedeuten?« Die müde, gereizte Stimme der Kaiserin ließ mich herumfahren. »Hat es angefangen zu regnen?« Der hoffnungsvolle Unterton in den Worten erstarb in einem resignierten Seufzer. Nein, der Regen ließ immer noch auf sich warten, das hatte sie meinem Gesicht wohl angesehen.
Bevor ich jedoch antworten konnte, hörte ich im Flur das eilige, nervöse Trappeln von Schritten, mit dem sich ein Schwarm erregter Hofdamen und Eunuchen anzukündigen pflegte. Wir würden bald genug erfahren, was es mit dem Lärm auf sich hatte.
Ein denkbar kurzes Klopfen ertönte, dann wurde die mit blauem Atlas verhängte Tür zum kaiserlichen Vorzimmer aufgezogen.
Ein sehr alter, sehr hässlicher Mann in der Tracht eines hohen Beamten trat ins Zimmer, und ich erkannte hinter ihm eine Vielzahl geduckter Gestalten, die ihm den Vortritt ließen, als sei er der Kaiser persönlich. Auch ich wich rasch einen Schritt zurück, um diesen vertrockneten Halbmann vorbeizulassen, dem die Hautfalten wie ein Kragen um den Hals hingen, der aber sein schlaffes Fleisch und seine feminine Ausstrahlung durch eiserne Autorität vergessen machte. Ich hatte einige Monate gebraucht, um zu begreifen, welch große Macht dieser Mann in der Verbotenen Stadt besaß, denn wie so viele andere, die die Dinge hier von außen sahen, hatte ich den weitreichenden Einfluss der Eunuchen in meinem Land unterschätzt.
»Euer Majestät.« Obereunuch Li vollzog einen raschen Kotau, berührte mit der Stirn den Boden und war bereits wieder auf den Beinen, bevor die Eunuchen hinter ihm auch nur die Knie gebeugt hatten. »Ich bin untröstlich, dass Ihr in Eurer Ruhe gestört wurdet. Es wird nicht wieder vorkommen.«
Die Kaiserin wirkte ohne ihren Kopfputz und die hohen mandschurischen Schuhe noch kleiner und zerbrechlicher als sonst, aber auch jetzt zweifelte niemand daran, dass diese Frau gefährlicher sein konnte als eine Kobra, wenn man sie herausforderte. »Was ist passiert?«, fragte sie, als habe Li gar nichts gesagt.
»Es ist nichts, Majestät, eine dumme Lappalie, nicht wert, dass man Euch damit belästigt …«
»Eine Lappalie?« Die Kaiserin zog kaum sichtbar eine Augenbraue hoch. »Nun, da mein Schlaf so rüde unterbrochen wurde, kann ich Eure Meinung nicht teilen, dass es sich um eine Lappalie handelt.«
Lis Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, nur seine Mundwinkel zuckten; er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, und versuchte nicht, sich dafür zu entschuldigen. Auch ich hatte früh gelernt, dass man mit Ausflüchten und Demutsbekundungen bei der Kaiserin nicht weit kam. Im Zweifel waren Rückzug und Schweigen immer die bessere Entscheidung, wenn man nicht noch mehr Zorn auf sich ziehen wollte.
Aber es widerstrebte Li offensichtlich zutiefst, die näheren Umstände der Störung darzulegen, und im Stillen begann mich das zu amüsieren – obwohl auch ich sorgsam darauf achtete, dass ich mir keine Blöße gab und weiterhin Gleichgültigkeit vortäuschte.
»Tretet vor, ihr zwei.« Li hatte notgedrungen einen Entschluss gefasst; ein Rascheln und Raunen ging durch die Menge draußen, dann standen zwei junge Männer hinter ihm.
»Diese beiden da« – Lis Tonfall war eisig, und er sah dabei kein einziges Mal hinter sich – »diese beiden haben mit Krähen herumgespielt.«
Ich war lange genug bei Hof, um zu wissen, was das bedeutete: Die Krähen wurden in ganz China als unglückverheißende Vögel gehasst, aber niemand hasste diese Vögel so sehr wie die Eunuchen, die wegen ihrer schrillen, hohen Stimmen im Volksmund abschätzig »Krähen« genannt wurden. Deshalb machten sich manche von ihnen gelegentlich einen Spaß daraus, die armen Vögel zu fangen, ihnen Feuerwerkskörper an die Füße zu binden und sie wieder freizulassen, so dass sie in der Luft in tausend Stücke zerrissen wurden. Deshalb war mir das Geräusch so bekannt erschienen. Feuerwerkskörper!
Ich vergaß meine kühle Gelassenheit und sah die beiden jungen Eunuchen mit tief empfundener Verachtung an. Den einen von ihnen traf ich häufiger, als mir lieb war; es war Mengtian, Lis gegenwärtiger Favorit. Dem anderen begegnete ich heute zum ersten Mal, was jedoch nicht hieß, dass er nicht schon Jahre im Palast dienen konnte. Als mein Blick, in dem unaussprechliche Abneigung gelegen haben musste, diesen fremden Eunuchen traf, zuckte er zusammen, als hätte ich ihn geschlagen.
»Das ist nicht wahr«, stieß er hervor.
Das Schweigen, das diesen Worten folgte, war eher ein Schweigen der Verblüffung als des Erschreckens. So ungeheuerlich war das Benehmen dieses jungen Eunuchen, dass wir alle ein paar Sekunden brauchten, um es zu begreifen. Die Uhren tickten plötzlich unnatürlich laut, so schien es mir.
Der Knabe – denn mehr als ein Knabe war er noch nicht – hatte nicht nur dem Obereunuchen widersprochen; er hatte es auch gewagt, in Anwesenheit der Kaiserin unaufgefordert die Stimme zu heben.
Aller Augen waren nun auf Guniang gerichtet – nur ich konnte mich nicht von diesem zierlichen Halbmann abwenden, der nicht einmal den Kopf senkte. Unsere Blicke trafen sich, und ich hielt unwillkürlich den Atem an. Plötzlich glaubte ich nicht mehr, dass er zu einer solchen Grausamkeit gegen ein wehrloses Geschöpf fähig war, und ich bangte um ihn. Es waren schon Eunuchen für ein geringeres Vergehen als Unbotmäßigkeit geköpft worden.
Aber die Kaiserin verblüffte uns alle. Statt ihn von Li aus der Halle schaffen und bestrafen zu lassen, hatte der Junge anscheinend ihr Interesse geweckt. Vielleicht war er für sie nur eine Abwechslung in der monotonen Aneinanderreihung von Gebeten und lästigen Ritualen, vielleicht aber hatte sie in diesen großen, bläulich schimmernden Mandelaugen dasselbe gesehen wie ich: Eine Sanftheit und Aufrichtigkeit, die sich hier normalerweise kein Eunuch länger als das erste Jahr nach seiner Entmannung erhalten konnte.
»Wie heißt du?«, fragte die Kaiserin, und nur eine ärgerliche Handbewegung Lis verhinderte einen Ausbruch von Getuschel im Korridor hinter ihm.
Die Stimme des jungen Eunuchen sprach die gleiche Sprache wie seine Augen, aber es lag auch eine ruhige Festigkeit in ihr. »Mein Name ist Bolo, Euer Majestät«, sagte er in die Stille hinein. »Und ich habe es noch nie in meinem Leben für nötig gehalten, meine Kräfte an einem Geschöpf zu messen, das mir unterlegen ist.«
Fast lag so etwas wie Herausforderung in diesen Worten, und ich wünschte, er wäre weniger direkt gewesen. Jetzt hing alles von der Kaiserin ab. Selbst Li wartete auf ihr Urteil.
»Dann bist du also unschuldig? Du hast nichts mit diesem höllischen Lärm zu tun gehabt?«, hakte sie nach.
Die Antwort kam sofort, aber sie fiel anders aus, als ich gehofft hatte. Entsetzt hörte ich, wie der junge Eunuch sich immer mehr in Schwierigkeiten brachte. Sein glattes Gesicht, in dem niemals ein Bart wachsen würde, war blass und knochig, und ich fragte mich, ob die schreckliche Operation, die ihm seine Männlichkeit genommen hatte, vielleicht erst vor kurzem erfolgt war.
»Ich bedaure aufrichtig, dass Euer Majestät gestört wurde. Aber dass die Raketen zu dieser Stunde und an diesem Ort losgingen, ist allein meine Schuld«, erklärte er. »Ich sollte Holz aus der Lagerhalle am Tor der Irdischen Ruhe holen …«
Er hielt inne, und einen Augenblick lang stockte mir der Atem, weil ein winziges Zucken seiner Lippen verriet, dass er sich der Ironie dieses Zusammentreffens durchaus bewusst war.
»… ich ging also in diese Halle«, fuhr er fort; die Gefahr war vorüber, und an die Stelle ungebührlicher Erheiterung war nun wieder gerechter Zorn getreten. »Und dort lagen wohl zehn oder zwölf von diesen armen Kreaturen, gefesselt und achtlos in einer Kiste übereinander geworfen …«
Den Rest der Geschichte konnte ich mühelos erahnen: Mengtian, Lis allseits ungeliebter Favorit, dem man üble Dinge nachsagte, hatte die Vögel dort deponiert, um sie am Abend »steigen zu lassen«, außerhalb des Palastes und mit ein paar Kumpanen, die um nichts besser waren als er. Und Bolo hatte die Krähen befreit, aber durch eine Unachtsamkeit auch einige der Feuerwerkskörper gezündet.
»Leider konnte ich zwei der Tiere nicht retten«, sagte er, als sei es das Einzige an diesem Vorfall, das er ehrlich bedauerte. »Die Raketen explodierten, bevor ich ihre Fesseln gelöst hatte.«
An dieser Stelle konnte Li nicht länger an sich halten. »Das reicht!«, stieß er hervor und packte den Jungen am Kragen seines trübblauen Überwurfs. »Die Kaiserin hat genug gehört.«
Und tatsächlich – die Kaiserin hatte das Interesse verloren. Es war heiß und drückend in dem kleinen Raum, sie hatte zu wenig geschlafen und war durstig. Sie nickte Li zu. »Bestraft die beiden. Sie müssen lernen, dass die Verbotene Stadt kein Spielplatz für ungezogene Kinder ist. Zwei Dutzend Stockschläge für jeden.«
Für die Kaiserin war die Angelegenheit damit erledigt, aber ich kannte die Eunuchen – und vor allem Li – gut genug, um zu wissen, dass Bolos Strafe weitaus härter ausfallen würde als Mengtians. Zwar würde irgendjemand mit peinlicher Genauigkeit mitzählen, und die beiden würden zwei Dutzend Schläge erhalten, keinen mehr und keinen weniger, aber Schlag und Schlag war hier nicht dasselbe.
Bolo, mit seinen sanften, humorvollen Augen und dem ausdrucksvollen Mund, würde unter den Schlägen vielleicht nicht sterben, aber gewiss würde er den letzten Rest seines Glaubens an Güte und Anstand verlieren. Als ich ihn so dastehen sah, ängstlich und aufrecht zugleich, wusste ich plötzlich, warum er mir so vertraut erschien: Er erinnerte mich an meinen kleinen Löwen im Sommerpalast, den ich »Wind der Menschlichkeit« getauft hatte, und ich hatte das törichte Gefühl, als müsse ich ihn verteidigen, so wie man jüngere Geschwister verteidigen würde, auch wenn es noch so unklug war.
Li verbeugte sich. »Eine weise Entscheidung, Majestät.« Er machte Anstalten, den Raum zu verlassen. »Ich werde dafür sorgen, dass die Strafe ordnungsgemäß ausgeführt wird.«
»Das ist nicht recht.«
Die Worte waren heraus, bevor ich meiner Zunge Einhalt gebieten konnte. Meine Gedanken überschlugen sich in panischer Angst, während sich fast zwei Dutzend kalt blickender Augenpaare auf mich richteten. Ich hatte der Kaiserin widersprochen! Wenn ich mich aus dieser schwierigen Situation wieder befreien wollte, brauchte ich einen mächtigen Fürsprecher, und ich nahm Zuflucht bei dem Mächtigsten, den ich kannte. Ich sprudelte die ersten Buddha-Worte hervor, die mir einfielen und die irgendwie auf die Situation zu passen schienen: »Wenn jemand in gütiger Gesinnung auch nur gegen ein Wesen Güte walten lässt, wird er dadurch ein Gerechter.« Ein scharfer, saurer Geruch würgte mich in der Kehle und drohte, mich am Weitersprechen zu hindern. Ich brauchte nicht aufzusehen, um diesen Geruch zu erkennen. Mengtian war mir unangenehm nahe gekommen, und fast argwöhnte ich, dass er es mit Absicht getan hatte; wie vielen Eunuchen machte es ihm Mühe, sein Wasser zu halten, und meist umwehte ihn eine Wolke von Harngeruch. Aber es gab kein Zurück mehr für mich, also fuhr ich fort: »Der Buddha sagt auch: ›Wer nicht tötet, noch töten lässt, wer nicht Gewalt tut, noch Gewalt tun lässt und aller Wesen Freund ist, dem droht keine Feindseligkeit, von welcher Seite auch immer.‹«
Hilfesuchend sah ich die Kaiserin an, denn nun wusste ich wirklich nicht mehr weiter. Ich hoffte, dass sie meinen Worten eine gewisse Logik abgewinnen konnte, aber wahrscheinlicher war, dass sie mich ebenfalls bestrafen lassen würde.
Kaiserin Guniang schwieg. Ich fragte mich, wie lange es her sein mochte, dass ihr jemand so offen widersprochen hatte. Ich selbst war in diesem einen Jahr bei Hofe doppelt vorsichtig gewesen – wie meine Mutter es mir nach meiner unerwarteten Berufung in den Dienst der Kaiserin wieder und wieder eingeschärft hatte. »Du wirst der Familie keine Schande machen, hörst du … Du wirst deine elende Zunge im Zaum halten … Du wirst nichts tun, das die Aufmerksamkeit der Kaiserin auf dich lenkt … Gerade du musst unsichtbar sein, absolut unsichtbar … Du musst die Ehre der Familie wiederherstellen …« All die wütend hervorgestoßenen Ermahnungen schossen mir in diesen Sekunden durch den Kopf, ebenso wie ihre beharrlichen Ausweichmanöver, wann immer ich nach dem Grund fragte, warum unsere Familie es nötig habe, ihre Ehre wiederherzustellen. Ich wusste, meine Mutter hätte es lieber gesehen, wenn die Kaiserin eine meiner gefügigeren Schwestern berufen hätte, aber Guniangs Schreiben war unmissverständlich gewesen. Auf der Ernennungsurkunde hatten mein Name und mein Geburtsdatum gestanden – und jetzt hatte ich vielleicht mit einer einzigen unbedachten Bemerkung nicht nur die Hoffnungen meiner Mutter zunichte gemacht, sondern auch die Kaiserin enttäuscht. Seltsamerweise traf mich Letzteres weit schwerer, als die Tränen und die Vorwürfe es tun würden, die mich bei einer unehrenhaften Entlassung aus dem kaiserlichen Dienst zu Hause erwarteten.
Das Schweigen im Raum wurde immer drückender, und das Ticken der Uhren erschien mir so unmelodisch wie noch nie zuvor. Schließlich wagte ich es, einen Blick auf die Hofdamen zu werfen, die sich in einer Ecke des Raumes zusammendrängten, möglichst weit weg von den Eunuchen an der Tür.
Ich war an die hochmütigen Mienen meiner Gefährtinnen gewöhnt, ebenso wie an die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich zu übersehen pflegten, als sei ich ein lästiges Insekt. Aber die unverhohlene Häme, die jetzt aus ihren Augen sprach, traf mich dennoch unerwartet. Gierig, ja beinahe lüstern warteten sie darauf, dass Guniang mich bestrafen würde.
Plötzlich stieg ein so überwältigender Abscheu in mir auf, dass ich es nicht länger ertrug, in diese boshaften, leblosen Gesichter zu sehen. Diese Frauen waren um nichts besser als die Eunuchen, die sich an der Qual hilfloser Geschöpfe ergötzten.
In diesem Moment räusperte sich die Kaiserin, und als ich mich ihr wieder zuwandte, war ich einen Herzschlag lang befreit von jeder Furcht und allem Zweifel. Ohne dass es mir bewusst war, richtete ich mich hoch auf und reckte das Kinn vor. Mein kleiner Löwe, der »Wind der Menschlichkeit«, würde mich verstehen. Auch er hätte niemals tatenlos ein Unrecht geschehen lassen.
Doch als mein Blick den der Kaiserin traf, verebbte das Gefühl der Zuversicht, und zu meinem Erstaunen wurde mir klar, dass sie – abgesehen natürlich von meinem Löwen – das einzige Wesen in Peking war, das ich vermissen würde, falls sie mich in Schimpf und Schande zu meinen Eltern zurückschickte.
Noch immer zögerte sie, als fechte sie einen inneren Kampf aus, und ich vermochte weder ihre Stimme noch ihre Miene zu deuten. »Prinzessin Anli«, begann sie schließlich; es war das erste Mal, dass sie mich mit meinem Namen anredete, »wenn Ihr so klug seid, dass Ihr mir Buddha zitieren könnt, wisst Ihr sicher auch eine Lösung für unser kleines Dilemma hier?«
Ich sah sie verständnislos an. Welches Dilemma? Wusste sie nicht, wie sie mich bestrafen sollte? Bei Hofdamen, noch dazu solchen aus hohem Hause, war eine Bestrafung gewiss schwieriger als bei Eunuchen, aber es konnte nicht das erste Mal sein, dass eine Frau in meiner Position ihren Unwillen erregt hatte.
»Wir haben auf der einen Seite einen Eunuchen, der aller Wesen Freund und obendrein ein Gerechter ist« – ihre Stimme zitterte leicht –, »und auf der anderen einen Obereunuchen« – sie nickte mit unverhohlenem Spott in Lis Richtung –, »von dem ihm Feindseligkeit droht. Euren Worten zufolge ist so etwas jedoch nicht möglich – und das nenne ich ein Dilemma.«
In meinem Kopf dröhnte es gefährlich, das Blut rauschte mir in den Ohren. Erwartete die Kaiserin eine kluge Antwort von mir – oder doch eher einen Kotau und eine demütige Bitte um Vergebung?
Ich wagte es nicht, Bolo anzusehen, denn womöglich hing von meiner Reaktion sein weiteres Schicksal ab. Wieder erstand das Bild des tapferen kleinen Steinlöwen aus dem Sommerpalast vor meinem inneren Auge, und ich wusste, wenn ich versagte, würde er genauso enttäuscht von mir sein wie Bolo.
»Der Obereunuch hat als Kämmerer der Hofhaltung die Aufsicht und die Befehlsgewalt über alle Palasteunuchen, die nicht als persönliche Diener der höhergestellten Damen eingetragen sind …« Die Kaiserin sprach mit monotoner Stimme, als verlese sie ein Edikt, dessen Inhalt für niemanden eine Überraschung bedeutete. »Die Bestrafung der zu persönlichen Diensten abgestellten Eunuchen bei minderen Delikten obliegt ihrer jeweiligen Herrin …«
An die Stelle des Rauschens hinter meinen Augen trat für eine Sekunde ein Gefühl absoluter Leere. Guniang hatte mir eine goldene Brücke gebaut – und mich gleichzeitig unrettbar in die Falle gelockt.
Bisher hatte ich mich zu ihrem leichten Missfallen standhaft geweigert, mich von einem eigenen Eunuchen bedienen zu lassen; zum einen behagte es mir nicht, so engen Kontakt mit einem Mann zu pflegen – und sei er auch nur ein Halbmann –, zum anderen waren mir diese erbärmlichen, mit hohen Fistelstimmen sprechenden Kreaturen, die oft auch noch stanken, von Herzen zuwider.
Aber jetzt blieb mir keine andere Wahl. Ich sah der Kaiserin direkt in die Augen, und das Lachen, dem ich dort begegnete, war vielleicht die größte Überraschung dieser denkwürdigen Stunde.
»Ich erbitte …«, begann ich mit so unsicherer Stimme, dass ich noch einmal ansetzen musste. »Ich erbitte die Gnade, den Eunuchen Bolo in meinen persönlichen Dienst nehmen zu dürfen, Euer Majestät.«
»Euer Wunsch soll Euch erfüllt werden, Prinzessin.« Mit diesen Worten und einem kurzen Nicken in die Runde wandte Guniang sich ab und verschwand durch die dicke, mit blauer Seide verhängte Tür in ihr Boudoir. Sie hatte das letzte Wort in dieser Angelegenheit gesprochen.
Benommen und nicht allzu begeistert sah ich mir den jungen Eunuchen, den ich von nun an praktisch Tag und Nacht um mich dulden musste, noch einmal an. Er war wirklich ein magerer kleiner Kerl und wenig ehrfurchtgebietend. Ich würde nicht viel Eindruck mit ihm machen …
Aber ein einziger Blick aus seinen Augen genügte, um diese Gedanken zu zerstreuen.
Ich hatte einen Freund gewonnen. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich mich niemals für ihn würde schämen müssen.
Und nicht zuletzt hatte ich durch seine dumme, mutige Tat herausgefunden, dass die Kaiserin, der ich seit einem Jahr täglich aufwartete, unter ihrer abweisenden, oft verletzend kühlen Maske ein menschliches Wesen war.
Als die achte Doppelstunde anbrach, ging ich mit sehr viel leichterem Schritt in den Tempel, um zum vierzehnten Mal an diesem Tag die kaiserlichen Ahnen um Regen zu bitten. Zu meiner nicht geringen Überraschung bedeutete mir Prinzessin Chun, die älteste von Guniangs Hofdamen, den Pinsel zu nehmen, mit dem Tag für Tag die Zahl der verrichteten Gebete in einer Strichliste auf feinem gelbem Papier festgehalten wurde. Prinzessin Chun reichte mir das uralte Schreibwerkzeug mit säuerlicher, strafender Miene, als sei es ein Dolch, mit dem noch immer hochgestellte Persönlichkeiten zum Selbstmord aufgefordert wurden, wenn sie in Ungnade gefallen waren. Doch ich wusste, dass es eine große Auszeichnung war, diesen speziellen Dienst an Göttern und Kaiser vollziehen zu dürfen. Hochaufgerichtet und durchströmt von einem Gefühl des Jubels griff ich nach dem kostbaren alten Pinsel.
Der Strich, den ich zog, unterschied sich merklich von den übrigen. Er war fester, gerader und irgendwie optimistischer als seine Vorgänger. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich mir soeben weit mehr und weit Schlimmeres aufgeladen hatte als einen jungen Eunuchen, der in Zukunft meine Kleider richten und im Winter meinen Kang, das hohe, aus Ziegelsteinen gemauerte Bett in meinem Schlafzimmer, heizen sollte.
Kapitel 2
Wir beten zum Himmel und flehen zu Buddha, sich unser zu erbarmen und das Land vor einer Hungersnot zu bewahren. Wir opfern dem Himmel …«
Mechanisch sprach die alte Kaiserin die Worte, die ihr so vertraut waren. In dem kleinen Tempel, in dem die heilige Zeremonie Jin Dan stattfand, war die Luft zum Schneiden dick, und die Dämpfe der Sandelholzstäbchen, die in mehreren Räuchergefäßen verbrannt wurden, versetzte sie in eine seltsam losgelöste Stimmung. Sie kniete vor allen anderen in der ersten Reihe auf einem Kissen. Hinter ihr kniete die junge Kaiserin mit den kaiserlichen Konkubinen, dann kamen die Hofdamen, dicht an dicht in einer Reihe.
»… wir beten zum Himmel um Regen …«
Regen … Das Wort summte durch den Tempel, bis es von den glückbringenden Weidenzweigen verschluckt zu werden schien, die in großen Porzellanvasen an den Seiten standen. Regen … Regen … Das Wort war eine Beschwörung der Götter, deren Hilfe und Beistand sie erflehten. Und obwohl Guniang äußerlich mit großem Ernst ihrer Pflicht nachkam, schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Es erschien ihr so sinnlos, dieses Gebet um Regen. Das Land brauchte viel mehr als Regen, wenn das Reich der Mitte, wie sie es kannte und liebte, bestehen bleiben sollte. Es war das Jahr 1908 nach der westlichen Zeitrechnung. China war ein Land auf Messers Schneide, ein in die Enge getriebener Drache, und seine Feinde lauerten nicht nur außerhalb der Grenzen, sondern auch innerhalb, wie es immer gewesen war … Fast viertausend Jahre Tradition ließen sich nicht so leicht abschütteln.
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