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Eine Zeitreise in das Reich des Dschingis Khan: Der historische Roman »Die Liebe der Schamanentochter« von Michaela Link jetzt als eBook bei dotbooks. Verbotene Gefühle – oder Fügung des Schicksals? Die Mongolei im Jahre 1272: Sarantuja, die Schülerin der mächtigen Schamanin Bajan Adraga, verliert ihr Herz an den Mönch Zhang Fu – und ist schockiert, als sie erfährt, dass ihre Meisterin vor Jahren versuchte, seinen Schützling zu töten. Aber kann die uralte Prophezeiung, die besagt, dass der Knabe dazu bestimmt ist, Sarantujas Heimat ins Verderben zu stürzen, wirklich stimmen? Hin- und hergerissen zwischen ihrem Pflichtgefühl und der Liebe zu Zhang Fu, verhilft sie den beiden zur Flucht. Doch damit beschwört sie einen epischen Konflikt herauf, in dem ihr Bajan Adraga unerbittlich gegenübersteht … Eine gefährliche Zeit und zwei mächtige Frauen – lassen Sie sich von Michaela Link in die Vergangenheit entführen und lernen sie eine Zeit kennen, in der Mythen und Realität näher beieinanderliegen als heute. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der epische historische Roman »Die Liebe der Schamanentochter« von Michaela Link. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 654
Veröffentlichungsjahr: 2019
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PERSONENVERZEICHNIS
ERSTER TEIL
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
ZWEITER TEIL
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
DRITTER TEIL
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
EPILOG
Lesetipps
Über dieses Buch:
Verbotene Gefühle – oder Fügung des Schicksals? Die Mongolei im Jahre 1272: Sarantuja, die Schülerin der mächtigen Schamanin Bajan Adraga, verliert ihr Herz an den Mönch Zhang Fu – und ist schockiert, als sie erfährt, dass ihre Meisterin vor Jahren versuchte, seinen Schützling zu töten. Aber kann die uralte Prophezeiung, die besagt, dass der Knabe dazu bestimmt ist, Sarantujas Heimat ins Verderben zu stürzen, wirklich stimmen? Hin- und hergerissen zwischen ihrem Pflichtgefühl und der Liebe zu Zhang Fu, verhilft sie den beiden zur Flucht. Doch damit beschwört sie einen epischen Konflikt herauf, in dem ihr Bajan Adraga unerbittlich gegenübersteht …
Eine gefährliche Zeit und zwei mächtige Frauen – lassen Sie sich von Michaela Link in die Vergangenheit entführen und lernen sie eine Zeit kennen, in der Mythen und Realität näher beieinanderliegen als heute.
Über die Autorin:
Michaela Link, geboren 1963, studierte Sinologie. Anschließend arbeitete sie als Übersetzerin und übertrug etliche literarische Texte aus dem Chinesischen ins Deutsche. Ihre umfangreichen Kenntnisse des Landes China, seiner Menschen und seiner Geschichte verdankt sie ihrer mehrjährigen Tätigkeit als Reiseleiterin in Ostasien. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Norddeutschland und übersetzt Unterhaltungsliteratur aus dem Englischen.
Bei dotbooks erscheint von ihr außerdem »Der Spiegel der Kaiserin«.
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Aktualisierte eBook-Neuausgabe November 2019
Dieses Buch erschien bereits 2000 unter dem Titel »Der goldene Knabe« bei Blanvalet Verlag, München, ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Originalausgabe 2000 by Blanvalet Verlag, München, ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.
Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Chantal de Bruijne, ARSimonds, Chaykovsky Igor, lisheng2121 und Adobe Stock/tawatchai1990
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)
ISBN 978-3-95520-859-2
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Michaela Link
Die Liebe der Schamanentochter
Historischer Roman
dotbooks.
(Die meisten handelnden Personen sind Mongolen und leben im gleichen Ail, einer Jurtengemeinschaft, deren Weideplätze nicht allzu weit nördlich der Grenze zu China liegen.)
Baatar: Stammesfürst
Baganuur: Schamane, ehem. Schüler Bajan Adragas
Bajan Adraga: Schamanin
Burgid: Stammesfürst, Baatars Großneffe
Chen Biao: Chinesischer Kaufmannssohn
Chorloo: Schamane, Bajan Adragas Großvater
Dobun: Burgids Sohn
Dschamudscha: Stammesfürst, Baatars Sohn
Enebisch: Bajan Adragas Diener
Farib: Tochter des Kaufmanns Kamal El-Abed
Ibn al Baitar: Karawanenmeister (kervanbashi)
Kamal El-Abed: Persischer Großkaufmann
Leila: Kamal El-Abeds Ehefrau auf Zeit
Mei Hua: Tochter des chinesischen Song-Kaisers
Mi Erzi: Der Goldene Knabe
Muochin: Sarantujas Freundin
Nochoj: Bajan Adragas Vater
Pu Yang: Mei Huas Sohn, Mi Erzis Vater
Sarantuja Bajan: Adragas Schamanenschülerin
Sungpo: Tibetischer Klosterdiener
Temudschin: Dschingis Khans persönlicher Name
Tshering: Tibetischer Lama, Abt des Klosters Drigung
Tsogt: Schamanenschüler Bajan Adragas
Wei Bo: Chinesische Kaufmannsfrau
Wei Ping Wei: Bos Tochter
Yan Liang: Chinesischer Mönch, Abt des Klosters am Tai Shan
Zaan: Baganuurs Diener
Zhang Fu: Chinesischer Kriegermönch
Ein goldener Knabe kommt ohne MakelHin und Her geht der WegDer Sohnessohn bringt Heil dem LandVerderben den Feinden des Lebens
Dritter Monat des Jahres 1272 christlicher Zeitrechnung. Neuntes Regierungsjahr des Kubilai Khan
Auf dem Tai Shan in Nordchina
Die winterliche Kälte drang schneidend durch seine dünnen Strohsandalen und das raue Mönchsgewand. Ein später Schneefall hatte die Trittsteine des Heiligen Berges mit einer gefährlich schlüpfrigen Decke überzogen, und vor ihm lagen die sieben mal tausend Stufen, die zum Tempel der Prinzessin der Bunten Wolke führten. Yan Liang hatte kaum zwei Dutzend davon hinter sich gebracht, aber dem greisen Abt erschien diese »Treppe zum Himmel« schon jetzt schier unbezwingbar.
Er war so müde, so unendlich müde … nur einen Augenblick verweilen, dem knarrenden Leib ein wenig Ruhe gönnen, nur eine kurze Atempause … Sein Geist wanderte ihm voran, überwand mühelos den nächsten Treppenabsatz, durchmaß gelassen das schmale Plateau dahinter … schlafen … sich überlassen … endlich Friede …
Plötzlich riss ihn ein leises Wimmern aus den weichen Armen des Schlummers, die ihn nun vollends zu umfangen drohten. Das kleine Bündel in dem dicken Wolfspelz regte sich, und Yan Liang, der alte Abt des Klosters am Fuß des Tai Shan, kehrte jäh in die Wirklichkeit zurück.
Wie hatte er auch nur einen Augenblick an sich selbst denken können! Wie unwichtig waren seine geschundenen Knochen, seine vom Feuer gezeichneten, blasigen Finger, die zu krümmen ihm solche Qual bereitete. Das Kind! Er musste das Kind in Sicherheit bringen – oder alles, was er je getan hatte, war umsonst gewesen. Das Kloster war überfallen worden, die Mörder hatten mit Fackeln Brand gelegt; diese Männer mit den groben, breiten Gesichtern, die ohne mit der Wimper zu zucken alles Leben im Kloster dem Feuer preisgegeben hatten, Männer, Frauen, Kinder, Vieh … alles elend zu Grunde gegangen. Nach all den Jahren hatten sie doch noch gefunden, wonach sie gesucht hatten.
Weiter! So beschwerlich auch der Weg zum Gipfel des Schauens sein mochte, es gab kein Zurück mehr für ihn und auch kein Verweilen. Schon zogen die ersten Wolken am Himmel auf; ein böses Vorzeichen, denn wenn die weißen Schwaden erst den barmherzig auf sie herabscheinenden Mond verschlangen, würde der Erhabene Berg sich in tiefes Dunkel hüllen. Der Alte schauderte bei dem Gedanken, einen falschen Schritt zu tun und in eine der steilen Schluchten zu stürzen. Nicht um sich selbst bangte Yan Liang, sondern um das Kind, das er in wärmende Pelze gewickelt an sich drückte, den Knaben, den Sohnessohn … Die Prophezeiung … Bajan Adraga, dieser Dämon mit den schwarzen Augen … Adraga …
Yan Liangs Gedanken verwirrten sich abermals, doch diesmal hielt er nicht inne, sondern stürmte mit einem Ingrimm voran, der seine Jahre Lügen strafte.
Weiter!
Weiter!
Nicht nachlassen, nicht der Verlockung erliegen, bei Buddha Zuflucht zu suchen … Bei diesem Gedanken straffte sich der gebeugte Alte plötzlich. Wer sonst sollte ihm in dieser schrecklichen Nacht Zuflucht gewähren, wenn nicht Buddha, der erhabene Vater der Weisheit? Wie von selbst formten seine von der Kälte starren, aufgesprungenen Lippen die Worte des triaranam, der drei Zufluchtsformeln, die seit tausend und noch einmal tausend Jahren den Menschen eine Stütze waren: Ich nehme meine Zuflucht zu dem Buddha. Ich nehme meine Zuflucht zu der Lehre. Ich nehme meine Zuflucht zu dem Orden. Ich nehme meine Zuflucht …
Er wusste nicht, ob Minuten vergangen waren oder Stunden, seit er begonnen hatte, diese einfachen, monotonen Verse vor sich hin zu murmeln. Hinter ihm lag das Wan Xian Lou, das massige Torhaus der Zehntausend Unsterblichen. Die zahllosen zu dem Tor gehörigen Stelen, deren Inschriften von der Würde und Schönheit des Berges kündeten, sahen heute, im fahlen Mondlicht, wie dunkle Schildkrötenhöcker aus … versprachen Frieden … Klarheit … ein Tor, das er nur zu durchschreiten brauchte …
Endlose Dunkelheit umfing ihn.
Sie kamen näher, immer näher.
Eine Woge aus Blut und Staub wälzte sich heran, unaufhaltsam, lautlos wie das Herz eines Orkans. Hufe, die den Boden nicht berührten, Männer, die auf ihren Sätteln dahinflogen, Schwerter, die die Luft durchtrennten, ohne dass ihre Träger sie aus der Scheide zogen.
Namenloses Entsetzen erfüllte ihn, der sich diesem Grauen entgegenstellte. Einer allein gegen tausendfachen Tod. Einer allein, dem Mahlstrom des Mordens und Plünderns Einhalt zu gebieten.
Und immer näher kam es, immer näher, dieses Gesicht, groß wie ein böser, alles verschlingender, blutgieriger Mond.
Näher …
Näher …
Der Wolf, der im Sprung schon sein Opfer verschlingt.
Der Adler, der auf seine Beute herabstößt … Das Zeichen des Adlers, zusammengewachsene Brauen über opalschwarzen Augen. Dschingis Khan!
Der Hohepriester des Mordens.
Schon spürte er die Hitze ihres Atems, roch den Schweiß ihrer Pferde, das Blut der vielen, die ihren Zug nicht überlebten.
Jetzt! Jetzt! Ein Windhauch trennte ihn noch von der Vernichtung, Tod füllte seine Lungen, kreiste in seinen Adern. Jetzt!
Der alte Mönch schreckte von seinem eisigen Lager hoch. Der Schrei seines eigenen Entsetzens hatte ihn geweckt, aber sein Traum hielt ihn noch immer gefangen.
Nur ein Traum …
Nicht ganz.
Mehr als fünfzig Mal hatte sich Frühling übers Land gelegt, seit er dem Dämon des Bösen ins Gesicht geblickt, seit er dem großen Khan getrotzt und ihn – vielleicht als Einziger je – besiegt hatte.
Und jetzt wollten andere beenden, was der Khan nicht vollbracht hatte. Ahh! Sie durften bei dieser Kälte nicht verweilen! Aber der Junge in seinen Armen schien fest zu schlafen, als gebe es nichts Böses auf dieser Welt …
Wieder legte sich das Traumgesicht über den irrlichternden Geist des Alten, zog ihn hinab, tiefer, tiefer, in einen Strudel, in dem er das Atmen vergaß.
Nein! Auch diesmal würde er sich nicht kampflos den dunklen Mächten überlassen. Mochten auch fast hundert Sommer auf kurzen Frühling gefolgt sein, seit seine Mutter ihn im Jahr des Hundes, dem 5. Jahr unter der Regierungsdevise Chunxi – »Reiner Glanz« –, zum ersten Mal an die Brust gelegt hatte.
Er kämpfte gegen das Gesicht seines Traums, warf seinen ganzen Willen in die Waagschale. Seinen Glauben.
Seine Liebe.
Auf einmal hüllte sich das Dämonenantlitz in Nebel, wurde unscharf, jünger – lange geschwungene Wimpern über klaren Kinderaugen, ein lächelnder Mund.
Der Junge! Das große, einzige Vermächtnis seines Lebens.
Der alte Abt schüttelte die letzten Fesseln seines Traums ab und setzte sich mit unendlicher Mühe wieder auf. Wie lange hatten sie geschlafen? Seine jähe Bewegung hatte den kleinen Mi Erzi erschreckt, und er fing an zu weinen.
»Sch, sch, kleiner Mi Erzi, Söhnchen, ich bin ja da. Sch …«
Und mit leiser Stimme begann der Greis, dem kaum der Brust entwöhnten Knaben die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Auch wenn das Kind nichts von alledem verstand, auch wenn der ungeduldige Wind seine Worte gleich wieder fortriss, war es dem Alten doch ein Trost, die eigene, dünne Stimme zu hören …
Weiter und weiter stapfte er Stufe um Stufe durch das immer dichtere Schneetreiben, seinem Ziel, dem Tempelkloster, entgegen. Der alte Mönch spürte seine erfrorenen Füße nicht mehr, und auch die verbrannten Finger schienen sich nur noch auf ihre letzte wichtige Aufgabe zu konzentrieren: Das Kind musste in Sicherheit gebracht werden, zu Zhang Fu, dem starken jungen Mönch mit der dunklen Vergangenheit. Ja, Zhang Fu … Er war Mönch und war doch kein Mönch; das Schicksal hatte ihn zu ihnen geschickt, auf dass er den Knaben behüte, wenn er, Yan Liang, sich den Kräften von Tod und Leben beugen musste.
Da! Nun waren sie an der Wolkenpassbrücke angelangt. Yan Liang hörte das Rauschen des Sturzbaches, der sich hier in dunkle Tiefen ergoss. Jetzt lag der größte Teil des Weges hinter ihnen – aber noch immer blieben so viele unsichere Stufen zu bewältigen, so viele mühsame Schritte über unebenen, eisigen Boden zu gehen.
Während Yan Liang sich am Felsen des Fliegenden Wasserfalls vorbeischleppte, wurde sein Blick magisch von den alten Bäumen angezogen, jenen Kiefern des Fünften Ranges, unter denen einst, vor tausendfünfhundert Jahren, der Kaiser Qin Shi Huangdi vor einem Unwetter Zuflucht gesucht hatte. Wie besessen von diesem Gedanken hielt der alte Mönch auf die Bäume zu. Die kaiserliche Lagerstätte … die mächtigen Stämme, die einem Kaiser gut genug gewesen waren, sollte er verschmähen?
Eine dunkle Stimme flüsterte ihm zu: Du bist alt, so alt. Und müde. Schon so lange so furchtbar müde. Den ächzenden, wunden Körper zurücklassen. Wieder frei sein … schweben …
Nein!
Er hatte sein Wort gegeben. Hatte den Sohn gehütet. Den Sohnessohn. Sein ganzes Leben geschenkt, alles. Und jetzt sollten die Dämonen doch noch triumphieren? Nach alledem? All dem Schmerz, dem Verzicht, der Kälte, der Not – jetzt wollte er wie ein ehrloser Bettler den einfachen Weg gehen und sich in den Schoß Buddhas sinken lassen?
Mit schier unmenschlicher Anstrengung kämpfte sich der Geist des Alten aus grundlosen Tiefen empor.
Er musste handeln, sofort, ein letztes Mal noch. Zu lange hatten die bösen Mächte geschwiegen, ihn in Sicherheit gewiegt.
Der Sohn des Sohnes …
Aber Yan Liang war schwach. Zu viele Winter hatten seine Finger starr, sein Fleisch mürbe gemacht. Sein Geist verwob Traum und Vergangenheit wie zu einem tausendfarbigen Tuch.
Eine Hitze umfing ihn, wie er sie noch nie erlebt hatte. Vorm Fenster zuckten grelle Lichter auf. War das nun der Triumph des Feindes?
Da hörte er ganz deutlich einen Schrei, den furchtbaren Schrei einer Kreatur, die qualvoll verendete.
Feuer!
Das Kloster brannte!
Ein Flammenmeer hielt sie umschlossen. Beißender Rauch nahm ihm fast die Sinne.
Wie einfach es wäre. Wie es lockte! Sich niederlegen und Seiner Allgegenwart überlassen. Auf Buddhas Armen dem Nichts entgegenfliegen. Schweben. Tanzen.
Aber der Junge! Der Sohnessohn!
Ihr müsst ihn retten! Der Junge!
Die ersten Flammen krochen unter der Tür der kleinen Zelle durch, züngelten gierig nach Nahrung. Weiter! Weiter! Noch so viel zu verschlingen, weiches Fleisch, hartes Holz. In ihrer Gier ist ihnen alles eins. Jetzt Holz, jetzt Fleisch, zuckendes, sich windendes Fleisch, und weiter, weiter …
Ein scharfer Schmerz riss den Greis aus seiner Versunkenheit. Wo kam er her, dieser Schmerz? Ahh! Seine Hand! Er brannte! Teilte das Schicksal des Holzes, wurde eins mit ihm … eins … ja, eins werden mit Buddha!
Nein! Er, der bald hundert heiße Sommer gesehen, hundert kalte Winter überstanden hatte, würde sich nicht so leicht besiegen lassen. Er, der den Dämon bezwungen, der dem großen Khan ins Gesicht gelacht hatte!
Auch wenn sein Körper unter den Flammen schmolz und schon Kohle war, auch wenn Buddha nach ihm rief und die tanzende Freude des Himmlischen Rades ihn schmeichelnd lockte – er war Yan Liang, der über den Dämon triumphiert hatte.
Der geheime unterirdische Gang, der durch die tiefsten Verliese aus dem Klostergelände hinaus ins Freie führte, war jetzt sein Ziel. Niemand außer ihm wusste von diesem Fluchtweg, damit niemand ihn verraten, niemand ihn versperren konnte. Wenn er es bis dorthin schaffte, würde er das Kind in Sicherheit bringen können.
Nur einen aus der großen Klostergemeinschaft hatte er außer dem Knaben noch aus dem Inferno retten können. Einen Diener der Mönche, der sich brennend wie eine Fackel auf dem Boden gewälzt hatte, um die Flammen zu löschen. Mit der bloßen Hand hatte Yan Liang die Reste des Feuers an der Kutte des Dieners erstickt und ihn dann mit sich gezogen, einem ungewissen Schicksal entgegen. Alle anderen waren verbrannt – auch die Eltern des Knaben.
Wieder schreckte Yan Liang hoch, und es dauerte lange, bis er begriff, dass das brennende Kloster und die in den Flammen sterbenden Menschen mehr als viertausend Steinstufen weit unter ihm lagen. Vergangenheit, Gegenwart, gestern, heute, morgen, hatte das alles einmal einen Sinn für ihn gehabt? Der Sinn, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige Sinn. Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name … Im Wirken verweilen ohne Handeln … Wie ein bunter Kreisel drehte sich Yan Liangs Geist um die Worte des großen Weisen Laozi. Wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar – auch das ein Wort des Meisters, dessen Weg Yan Liang zwar in früher Jugend gegen den Buddhas eingetauscht hatte, dessen Weisheit ihm jedoch stets ein kostbares Gut geblieben war.
Entschlossen erhob sich der Alte – ein letztes Mal in seinem Leben, das wusste er, und daraus schöpfte er Kraft. Nie wieder würde er gegen die Müdigkeit viel zu alter Knochen ankämpfen müssen, denn wenn er sich das nächste Mal niederlegte, würde er diesen Körper für immer verlassen. Er hatte keine Angst vor dem, was man Tod nannte: Auf das Alter folgte das Sterben, auf das Sterben Erneuerung; das ist die Natur allen Lebens, das allewige Rad. Wie die tönernen Gefäße, von des Töpfers Hand geformt, alle im Zerbrechen enden, so entflieht dem Menschen zu guter Letzt das qi, der Atem des Lebens … aller Einkehr ist der Tod.
Ein Lächeln strich über das zerfurchte Gesicht. Der Allgegenwärtige wartete schon darauf, ihn in seinem Schoß zu empfangen, um ihm dann, wenn die Zeit gekommen war, neues Leben zu schenken.
Es hatte wieder zu schneien begonnen, und dunkle Wolken verhüllten den Mond. Aber Yan Liang kannte keine Furcht mehr. Vor ihm lagen nur noch die letzten tausendzweihundert Stufen, die Treppe der achtzehn Windungen. In jüngeren Jahren war er diesen Weg ungezählte Male gegangen, er wusste, dass die letzte Etappe dem Pilger die größte Anstrengung abverlangte.
Allem Irdischen bereits entrückt, setzte er einen Fuß vor den anderen. Seinen Körper spürte er nicht mehr, spürte nur noch das warme, sich gelegentlich regende Bündel in seinen Armen. Weiter, weiter … Ich nehme meine Zuflucht zu dem Buddha … des Staates Wurzel ist das Volk … Ehre dem Schwert … der Edle dient dem Herrscher … ich nehme meine Zuflucht …
Im Osten wurde der Himmel langsam heller, die Wolken hatten sich zerstreut, und im ersten Morgendämmer wurde schon das Südliche Himmelstor sichtbar, ein prächtiger Torbau mit einem zweigeschossigen, gelben Ziegeldach. Darüber war nur noch der Himmel.
Der alte Mönch gewahrte nicht mehr, dass er seinem Ziel langsam näher kam. Auch die würzige Luft, die nach in feuchter Erde schlummerndem Frühling duftete, schien nicht mehr in seine Lungen zu dringen. Sein Leib war dem Tode schon um so vieles näher als dem Leben, dass er für irdische Dinge nicht mehr erreichbar war.
Yan Liang, der nicht mehr Yan Liang war, nicht mehr Abt und nicht mehr Greis, verfolgte mit schlafwandlerischer Sicherheit sein Ziel. Das allerletzte Wegstück, der Paradiesweg, war noch zu bewältigen, dann nur noch einige wenige Meter bis zu dem Tempelkloster – und zu Zhang Fu.
Ein Schritt durch das Portal, noch einer …
Von der anderen Seite des Klosterhofs kam ihm eine Gestalt entgegen, ein Diener gewiss, der seine frühmorgendlichen Pflichten versah.
In Sicherheit!
Sein größtes Werk vollendet.
Jemand beugte sich über ihn …
Nein, ein Letztes blieb ihm noch zu tun!
»Zhang Fu! Holt mir Zhang Fu herbei … um der Barmherzigkeit Buddhas willen, holt mir …«
Es schien kaum ein Wimpernschlag verstrichen zu sein, da hörte er über sich eine vertraute Stimme. War es noch immer pechschwarze Nacht, dass er nichts sah, oder war ihm das Augenlicht bereits verloren?
Gleichviel.
Der junge Mönch musste sich tief über den ehrwürdigen Abt des Klosters am Tai Shan beugen, bis sein Ohr fast die Lippen des Alten berührte.
»Das Kind … Mi Erzi … hütet es … seine Eltern … im Kloster verbrannt … Tod, so viel Tod … Gelobt mir … Hört die Prophezeiung … Das Amulett … Ihr müsst es holen … das Ziel … der Weg … wird sich Euch zeigen … folgt ihm … ins Schneeland …«
Er hätte noch so vieles sagen, so Wichtiges berichten wollen, aber seine Kraft reichte nur noch für den einen Namen, dem sein Geist sich zuwandte: »Bajan Adraga … Mein schöner, stolzer Dämon … sie hat das Amulett …«
Dann versagte sein Körper den Dienst. Er hatte alles gegeben, jetzt oblag es einem Jüngeren, das Werk zu vollenden.
Ein Lächeln legte sich um die blinden Augen, die gesprungenen Lippen. »Ich nehme meine Zuflucht zu dem Buddha … Ich nehme …«
Der Blick Zhang Fus verweilte auf dem Brandmal, mit dem das Feuer die Stirn des Abts gezeichnet hatte. Seine Umrisse waren von bemerkenswerter Deutlichkeit. Es waren zwei gekreuzte, sichelförmige Monde.
Dann hob er den federleichten Körper des Greises vom Boden und trug ihn ins Klostergebäude.
In ehrerbietigem Abstand folgte ihm ein Novize mit dem in seine Pelze gewickelten Kind, mit dem für Zhang Fu alle Dinge noch einmal einen Anfang nehmen sollten.
Fünfter Monat desselben Jahres, zwanzig Tagesritte nördlich der Großen Mauer, in der mongolischen Steppe
Sie war keine Fürstin und nie mit den Insignien der Macht über ihren Stand erhoben worden, und doch herrschte sie seit Jahrzehnten schon über ihren Stamm. Sie, die nicht einmal dem Fürstengeschlecht entstammte, bestimmte die Wege, die ihr Volk nahm. Sie entschied, welche Frauen an andere Stämme verheiratet wurden, welche Namen die neugeborenen Kinder erhielten, wessen Herden die üppigsten Weideplätze zugewiesen wurden. Nichts geschah ohne ihre Billigung, nichts ohne ihr Wissen. Mit Stolz blickte sie auf ihre Schar. Dem Stamm ging es besser als allen anderen, er brachte die kühnsten Krieger, die verwegensten Reiter hervor – und die mächtigsten Schamanen.
Wer Bajan Adraga sah, verspürte unwillkürlich Ehrfurcht. Trotz ihres hohen Alters war ihr Haar noch immer so schwarz wie das Fell der weidenden Rinder und ihre Haut von der kühlen Glätte feinen Porzellans – als hätten die Jahrzehnte sie nur gestreift. Das breite, kraftvolle Gesicht wurde von nephritdunklen Augen beherrscht, die heute wie vor sechzig Jahren glänzten und voller Leben waren, erfüllt von einem Hunger, der an Gier grenzte.
Der kleine, stämmige Mann, der atemlos und noch staubig von seinem langen Ritt in ihre Jurte getreten war, blickte unterwürfig zu ihr auf. »Jawohl, Herrin, sie sind tot«, wiederholte er seinen Bericht.
Bajan Adraga wandte sich ab. Sie selbst hatte die Reiter nach Süden geschickt, um den Jungen zu töten, von dessen Existenz sie im vergangenen Herbst während einer tiefen Trance erfahren hatte. Er bedeutete eine Gefahr für ihr ganzes Volk, eine Gefahr, gegen die sie schon lange vor seiner Geburt zu kämpfen begonnen hatte.
Ihre scheinbare Geistesabwesenheit, während sie eines der beiden Lämmer fütterte, die sie in einem Bretterverschlag neben dem Eingang großzog, beunruhigte den Boten.
»Bist du sicher? Ganz sicher?«, fragte sie endlich, ohne ihn anzusehen.
»Das Feuer hat alle im Kloster verschlungen. Und die wenigen, die entkamen, wurden draußen erschlagen.«
»Sie sind alle tot?«
»Alle.«
»Der Knabe … der Goldene Knabe?«
»Tot.«
»Dann ist es gut. Gut.«
Die alte Schamanin holte aus einer Truhe ein Säckchen mit Silbermünzen, gab dem Fremden den Beutel und wandte sich ab. Der, der ihr die ersehnte Nachricht überbracht hatte, schien vergessen zu sein, bedeutungslos wie seine Mission, die dem Gestern angehörte und das Heute nur noch flüchtig berührte. Es war endlich vorbei, musste vorbei sein. Eine alte Schuld war beglichen, eine große Gefahr für ihr Volk und sein Fortbestehen abgewendet.
Bajan Adraga richtete ihren Blick entschlossen auf das Morgen.
***
Sarantuja, das zehnjährige Mädchen, das auf der Ostseite der Jurte schlief, wo für gewöhnlich das Bett der Hausfrau stand, fand in dieser Nacht lange keine Ruhe. Die Filzmatte, mit der ihre dünne Strohschütte belegt war, verrutschte immer mehr, bis ihr jeder einzelne Halm ins Fleisch stach.
»Jetzt habe ich zwölf Brüder und fünfzehn Schwestern!«
Diese Worte, die Muochin an diesem Morgen gedankenlos und ohne Bosheit gesprochen hatte, stachen noch schärfer als das Stroh.
»Möchtest du sie mal halten?«, hatte ihre Freundin gefragt und ihr erwartungsvoll den Säugling hingestreckt, die erst vor wenigen Tagen geborene Tochter einer ihrer Tanten.
»Sie ist nicht deine Schwester, nur deine Kusine!« Sarantuja verschränkte die Arme auf dem Rücken, und ihre Fingernägel bohrten sich so tief in die weiche Haut ihrer Hände, dass es weh tat.
Muochin hatte sie nur verständnislos angesehen. »Was macht das denn für einen Unterschied?«
Sarantuja wusste natürlich, dass Muochin Recht hatte. Der Vater der Kleinen war der Bruder ihrer Mutter, und die Bande des Blutes machten dieses Kind nach Gesetz und Sitte zu ihrer Schwester; genau so wie alle anderen Kinder ihrer Onkel und Tanten ihre Brüder und Schwestern waren.
»Möchtest du sie nun halten oder nicht?«
Sarantuja hatte nur mit einem verächtlichen Achselzucken ihren Hund zu sich gerufen und war zu ihrer Stute gelaufen, um wie der Wind davonzureiten.
Zwölf Brüder und fünfzehn Schwestern …
Wozu brauchte der Mensch zwölf Brüder und fünfzehn Schwestern, dachte sie trotzig und wischte sich voller Ärger über ihre eigene Torheit die Tränen ab.
Das leise Blöken eines Lammes in dem kleinen Verschlag auf der Männerseite der Jurte lenkte sie einen Augenblick lang ab, aber dann sah sie, dass Bajan Adraga sich bereits erhoben hatte, um dem zu früh geborenen Tier ein wenig Milch einzuflößen.
Das Lamm konnte kaum mehr als ein paar Schlucke getrunken haben, als der große, gescheckte Hund, der neben Sarantuja lag, plötzlich den Kopf hob und wachsam die Ohren aufstellte.
Jemand hatte an die Tür gepocht, was ihr zu dieser späten Nachtstunde recht ungewöhnlich erschien. Es war das rhythmische, kurze Klopfen, mit dem Enebisch, Bajan Adragas Diener, für gewöhnlich fremden Besuch ankündigte. Sarantuja hatte in den fünf Jahren, die sie jetzt bei ihrer Meisterin lebte, dieses Klopfen oft genug gehört. Tagsüber schickte Bajan Adraga sie in solchen Fällen unverzüglich aus der Jurte, aber des Nachts hatte sie für gewöhnlich einen so tiefen Schlaf, dass sie von derartigen Besuchen – wenn überhaupt – erst am nächsten Morgen erfuhr.
Die hölzerne, in das Rutengeflecht des Gerüstes eingelassene Tür wurde beinahe lautlos geöffnet und wieder geschlossen.
Der Hund neben ihr reckte sich kurz, scharrte ein paar Mal im Stroh und ließ sich wieder darin nieder. Er war es zufrieden, dass der späte Gast freundlich aufgenommen worden war und kein Eingreifen von ihm erwartet wurde. Es dauerte nicht lange, und seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge verrieten, dass er wieder schlief. Sarantuja dagegen fiel es in dieser Nacht schwer, es ihm gleichzutun.
Ein Mann, dessen Stimme sie nicht kannte, begrüßte ihre Meisterin. Er klang atemlos und gehetzt, als hätte er einen scharfen Ritt hinter sich gebracht und sich auch im Ail keine Pause gegönnt, bevor er Bajan Adraga aufsuchte.
Während ihre Meisterin auf der anderen Seite des Feuers, der Männerseite, leise mit dem Fremden sprach – einem Boten vielleicht, mit einer Nachricht, die keinen Aufschub duldete? –, drehte Sarantuja sich auf den Bauch, vergrub den Kopf in den Armen und wünschte sich sehnlichst, endlich einschlafen zu können.
Aber Muochin mit ihrer unschuldigen Freude über ihre neue Schwester hatte am Morgen wieder an all die Dinge gerührt, die Sarantuja seit Jahren quälten. Wer war sie, wer waren ihre Eltern, wo waren ihre Brüder und Schwestern?
Das Lämmchen, das mit seiner mageren Fütterung offensichtlich nicht zufrieden war, begann von Neuem zu schreien, und nun fiel auch das zweite der neben der Tür untergebrachten Tiere mit in das klägliche Blöken ein.
Gerade fünf Sommer hatte sie damals gezählt, als sie zu diesem Stamm gebracht worden war. Fremde Reiter, deren Namen sie nicht kannte und an deren Gesichter sie sich nicht mehr erinnern konnte, hatten sie zu Bajan Adragas Jurte geführt, dem Ziel einer Reise, von der sie nur noch wusste, dass sie lang und kalt gewesen war. Und dann hatten die Männer sie Bajan Adraga übergeben und waren wieder davongeritten. Wohin, wusste sie nicht.
Alles, was vor diesem Augenblick lag, war in Vergessen getaucht, obwohl kaum ein Tag verging, an dem sie nicht versucht hätte, das quälende Rätsel zu lösen, warum sie als einzige im ganzen Ail keinen Menschen hatte, der zu ihr gehörte. Sie hatte nur Cuder, ihren Hund, dessen Name Schatten bedeutete und der ihr wie ein solcher folgte, wohin sie auch ging.
Die einzige im Lager, die ihr vielleicht hätte Antwort auf ihre Fragen geben können, war ihre Meisterin. Doch Bajan Adraga hatte auf all ihre zaghaften Vorstöße immer nur mit dem ihr eigenen Schweigen reagiert, das alle Fragen ins Leere laufen ließ. Und schließlich hatte sie aufgehört, Fragen zu stellen.
»Bist du sicher?« Sie konnte ihre Meisterin plötzlich ganz deutlich hören. »Ganz sicher?«
Bajan Adragas Stimme kam jetzt von dem Verschlag an der Tür, wo die beiden kleinen Lämmer mittlerweile einen solchen Lärm machten, dass es durch das halbe Lager zu hören sein musste. Erst mit einer weiteren Schale Milch konnte sie die Lämmer beruhigen.
»Das Feuer hat alle im Kloster verschlungen.« Auch die Stimme des Fremden war nun besser zu verstehen. Aber sein Bericht interessierte Sarantuja nicht. Sie hoffte nur, dass er endlich ging, damit sie vielleicht doch noch etwas Schlaf fand.
»Die wenigen, die entkamen«, hörte sie ihn mit unterwürfigem Tonfall schließlich fortfahren, »wurden draußen erschlagen.«
»Sie sind alle tot?« Der drängende Unterton in Bajan Adragas Stimme erstaunte Sarantuja. Der Tod war nichts Ungewöhnliches in diesen Jahren, da Kubilai Khan, ein Enkelsohn des großen Dschingis Khan, das südliche Reich der Chinesen eroberte und die Landesfürsten sich untereinander immer noch blutige Schlachten lieferten, um die Macht und den Reichtum des großen Dschingis Khan für sich zu gewinnen.
»Alle«, bekräftigte der Fremde mit Entschiedenheit. Und doch war, trotz der Festigkeit, die er seiner Stimme zu geben versuchte, seine Angst vor Bajan Adraga offenkundig. Sarantuja meinte, die Furcht quer durch die Jurte riechen zu können – trotz der vielen anderen Gerüche, die miteinander wetteiferten: von Schafsdung, heruntergebrannter Asche, Talg, getrocknetem Fleisch und Käse. Aber die Angst hatte, fand sie, stets einen ganz eigenen Geruch.
»Der Knabe … der Goldene Knabe?«, fragte ihre Meisterin nun noch einmal nach.
Die meisten Leute hatten Angst vor Bajan Adraga, ging es Sarantuja durch den Sinn; sie selbst zählte zu den wenigen, die der alten Schamanin zwar mit Respekt und Gehorsam begegneten, sie aber niemals fürchteten und – aus welchem Grund auch immer – wohl auch nicht zu fürchten brauchten.
»Tot«, bekräftigte der Mann indessen.
»Dann ist es gut. Gut.«
Endlich wurde die Tür wieder geöffnet; der Mann trat hinaus, dann fiel das schwere Holz mit einem dumpfen Schlag in den Rahmen. Der Hund fuhr kurz von seinem Lager hoch. Die beiden Lämmer hatten inzwischen ihren Hunger gestillt, und Bajan Adraga löschte die trübe Lampe neben dem Herdgestell, bevor sie auf die Westseite hinüberging, wo in dieser männerlosen Jurte ihr Bett stand.
Sarantuja drehte sich auf den Rücken, ließ ein letztes Mal die Hand durch das struppige Fell ihres Gefährten gleiten und zog dann mit einem leichten Frösteln ihre Felldecke fester um sich.
Durch die Rauchöffnung im Dach der Jurte sah sie das bleiche Licht der Sterne. Ein Nachtvogel zog mit gleichmäßigem Flügelschlag über das Lager, sonst war alles still. Sarantujas Lider wurden schwer. Meine neue Schwester … willst du sie mal halten … Tot. Alle tot … Der Goldene Knabe … zwölf Brüder … das Feuer … Bist du sicher … ganz sicher …
Als der Schlaf sich endlich einstellte, hatte Sarantuja den Bericht des Fremden schon vergessen. Doch es war nicht jene Art von Vergessen, die ein Ereignis unwiederbringlich und für alle Zeit auslöscht. Aus einem Grund, den sie nicht kannte, schlugen die Worte, die in dieser Nacht gefallen waren, tief in ihrem Gedächtnis Wurzeln.
Im tibetischen Kloster Drigung, zwölf Tagesreisen nördlich der Stadt Lhasa
»Wo ist der Erhabene?«
»Bei Bruder Lopsang, der vor fünf Tagen gestorben ist. Er gibt ihm das Geleit auf seiner Totenreise.«
»Ich muss ihn sprechen. Es geht um das Kind, den Goldenen Knaben …«
Der Torwächter und der Besucher gingen durch einen langen, nur vom schwachen Schein der Butterkerzen beleuchteten Gang im Ostflügel des Klosters. Aus einer der Gebetshallen klang der dröhnende, monotone Gesang der Mönchsschüler zu ihnen herauf. Die dumpfen Vibrationen der endlos in die Länge gezogenen Silben erfüllten die Korridore des Klosters wie ein lebendiges Wesen.
Endlich blieben sie vor einer der vielen Holztüren stehen, und nach einem letzten Zögern ließ der Wächter ihn eintreten.
»Herr des Großen Erbarmens, hört mich an!«
Es war ein Frevel, einen Toten auf seinem letzten Wegstück aufzuhalten, und so klangen die Worte des Besuchers ein wenig gehetzt. Dann erst holte er erschrocken seine Verbeugung nach, aber der Lama drehte sich nicht einmal um.
»Bruder Lopsang. Höre meine Worte und folge ihnen ohne Regung. Der Tod ist jetzt gekommen, und du nimmst Abschied von dieser Welt, aber du bist nicht der einzige, denn der Tod sucht alle Menschen auf der Erde heim … Was ist so wichtig, dass du seine Totenreise störst?« Tshering, der Lama, schien sich nicht von seinem verstorbenen Gefährten abwenden zu müssen, um zu wissen, wer eingetreten war und warum.
»Es ist Kunde aus dem Osten gekommen.«
»Bruder Lopsang. Sei gewillt, alle Verbindungen zu dem Leben, das du gelebt hast, zu lösen und lasse auch ab von den Menschen, mit denen du verbunden warst. So rede! Ist geschehen, was wir befürchteten?«
»Ja, Hüter des Wissens. Der Feind aus dem Grasland ist mit Feuer über das Kloster gezogen.«
»Bruder Lopsang. Gleich welche Furcht und welche Schrecken du erlebst, während du deine eigene Wirklichkeit erfährst, behalte diese Gedanken in deinem Bewusstsein und schreite voran … Das Kind! Konnte er den Knaben retten?«
»Der alte Yan Liang hat den Jungen in Sicherheit gebracht. Aber Yan Liang ist tot.«
»Bruder Lopsang. Erkenne, dass jede Vorstellung, jedes Bild, das dir begegnet, Schöpfungen deines Selbst sind. Hat er einen anderen Beschützer erwählt? Ist das Kind in guter Hut?«
»Jawohl, edler Lama. Wenn die Zeit kommt …«
»Bruder Lopsang. Folge meinen Worten ohne Regung. Wenn die Zeit kommt, wird er zur Stelle sein. Ja, ich sehe … Es ist gut, gut … Und nun geh … Bewahre diese Erkenntnisse, und du wirst die Erlösung erreichen. Ommani padme hum, om mani …«
Tshering führte den Verstorbenen mit der Gewissenhaftigkeit eines Bruders durch die Gebete des fünften Tages, an dem der Tote noch immer Furcht vor den Lichtern und Geräuschen in seiner neuen Seinssphäre empfinden mochte, des Tages, an dem der mächtige Strahl des Lichtes des Erbarmens ihn vielleicht noch immer nicht angezogen hatte.
Erst als seine Pflicht getan war, ging der Lama ins Heiligtum, wo die übrigen Mönche zum stillen Gebet versammelt waren.
Leise, um ihre Versunkenheit nicht zu stören, nahm Tshering seinen Platz auf dem erhöht gelegenen Thron des Klosteroberhauptes ein, von dem aus er einen weiten Blick über die am Boden knienden Brüder der Gemeinschaft hatte.
Welchen sollte er erwählen? Wen konnte er in die Welt hinausschicken? Sein Blick ging, bald schneller, bald sehr bedachtsam, über die kurz geschorenen, geneigten Köpfe der Männer unter ihm.
Wangchok … Ja, ein guter, verlässlicher Mann – hier hinter den schützenden Mauern des Klosters. Aber draußen, in der Welt des roten Staubs?
Mit einem sachten Kopfschütteln ging er weiter die Reihen durch. Dawa. Ja, Dawa würde draußen durchaus seinen Mann stehen, und er war willig und voller Eifer. Aber Weisheit? Nein, zu Weisheit würde Dawa es gewiss niemals bringen.
Während Tshering einen seiner jungen Mönche nach dem anderen im Geiste seine Talente hersagen ließ, wurde ihm immer klarer, wie der Mann beschaffen sein musste, den er in die Welt hinaussenden wollte, zu dem Kind, das noch zu klein war, um sein eigener Hüter zu sein.
Weisheit und Mut waren vonnöten, aber auch die körperliche Zucht des Kämpfers. Besonnenheit und Feingefühl, ja. Und dann, so wichtig und gleichzeitig so selten, die Fähigkeit zu schweigen, wo Schweigen das Gebot war.
Es gab nur einen Mann in diesem Kloster, der diese Fähigkeiten in sich vereinte.
Sein Blick verharrte lange auf einem der dunklen, andachtsvoll gesenkten Köpfe.
Sungpo.
Sungpo war der Mann, den er in die Welt schicken würde, damit er dem Goldenen entgegenging und ihn auf seinem Weg in das Kloster, das schon Jahrhunderte seiner Ankunft harrte, begleitete. Sungpo würde ihnen den Jungen bringen – und das kostbare Amulett, das den Goldenen erst zu dem machte, der er sein konnte.
Fünfter Monat des Jahres 1280, in der mongolischen Steppe
Er wird kommen.
Die Schamanin spürte es, so wie sie den Regen über der Steppe spürte, den Wind, der über die Wüste strich und auf seinen Flügeln das lockende Versprechen von Frühling trug, bevor ein glühender, staubiger Sommer alles Erwachen lähmte.
Der letzte Winter hatte viele Veränderungen mit sich gebracht. Die Kälte schien sich ihr mit einem Mal tiefer ins Fleisch zu bohren als früher, die Feuchtigkeit wog schwerer in ihren Kleidern. Doch härter als all das traf sie die Verunsicherung in ihrem Innern. Dinge, an die sie ihr ganzes Leben lang fest geglaubt hatte, Ziele, die sie unerbittlich verfolgt hatte, gerieten ins Wanken. Sie hatte gehofft, dass mit der Wärme des Frühjahrs auch ihre alte Kraft und Zuversicht wiederkehren würden, aber auch jetzt, nachdem der Sommer im Grasland Einzug gehalten hatte, wollte sich keine echte Erleichterung einstellen.
Bajan Adraga trat fröstelnd in den Eingang ihrer Jurte. Unentschlossen, als könne das Tageslicht ihr Dinge zeigen, die sie nicht sehen wollte, öffnete sie die ausgebleichte Holztür und stieg vorsichtig über die Schwelle. Obwohl es noch früh am Tag war, schien bereits eine milde Sonne auf die mit weißem Filz bespannten Jurten ihres Ails, der Gemeinschaft, in der etwa zweitausend Menschen lebten, in der sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte. Fünfundsiebzig Jahre waren es in diesem Sommer, mehr als sechzig, seit Mei Hua mit ihrem prunkvollen Brautschatz Einzug im Zelt des Fürsten gehalten hatte. Damals war Baatar der Führer des Stammes gewesen, der Großonkel des jetzigen Fürsten, Burgid.
Als hätten ihre Gedanken Burgid erreicht, trat er nun aus der Jurte, die neben der Bajan Adragas lag, ein untersetzter, mit den Jahren massig und träge gewordener Mann mit müden, lustlosen Augen. Seine einzige Leidenschaft galt inzwischen nur noch seinen Waffen, und auch heute hielt er, als er aus dem Zelt seiner Hauptfrau trat, einen Weidenkorb mit Pfeilspitzen in den Armen. Einer der Schmiede aus dem Lager folgte Burgid ins Freie, und als die beiden vorbeigingen, hörte Bajan Adraga, wie er seinem Fürsten die Wirkweise dieser besonderen Art von Pfeilen erklärte.
»… durch die Löcher, die man in die Spitzen bohrt, entstehen im Flug schrille Heultöne, die den Feind in Angst und Schrecken versetzen. Wir sollten es einmal versuchen.«
Die beiden Männer waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie die Schamanin gar nicht bemerkten. Bajan Adraga blickte Burgid bekümmert nach. Er war schon immer schwach gewesen, und jetzt, da sein ältester Sohn Dobun seine Macht zu untergraben suchte, fehlte ihm die Kraft zu kämpfen.
»Sajn bajnuu? Bist du wohlauf?«, riss sie eine vertraute Stimme aus ihren Gedanken. Und wie immer schwang auch heute ein zynischer Unterton in der vollen, tiefen Männerstimme mit.
Bajan Adraga, die bei dem lautlosen Erscheinen ihres ehemaligen Schülers kaum merklich zusammengezuckt war, deutete barsch auf eine kleine Gruppe von Männern in derben, aus Schafswolle gewebten Gewändern. »Du kommst spät, Baganuur. Die Männer, die die Birken schlagen sollen, warten bereits auf dich.«
»Dann müssen sie eben noch länger warten. Ich habe eine Nachricht, die keinen Aufschub duldet.« Noch bevor er den letzten Satz beendet hatte, ließ der große stämmige Mann sich mit verblüffender Behändigkeit von seinem Pferd gleiten und reichte seinem Diener Zaan, der ihm in respektvollem Abstand gefolgt war, den Zügel. Von hinten kam Enebisch um die Jurte herum, Bajan Adragas alter Diener, der stets wie aus dem Nichts auftauchte, wenn Baganuur sich ihr näherte. Er sprach kein Wort, sondern trat nur bedächtig an den Eingang des Zeltes, ein treuer Wächter, wann immer er auch nur die leiseste Gefahr oder das geringste Ungemach für seine Herrin ahnte.
Baganuur ging, ohne auf eine Aufforderung zu warten, auf Bajan Adragas Jurte zu. Sie wusste, dass es keinen Sinn gehabt hätte, ihn seiner Wege zu schicken.
»Also, was sind das für Nachrichten, die nicht warten können?«
»Willst du mir nicht wenigstens eine Schale Milchtee anbieten?«, fragte er spöttisch.
»Seit wann legst du Wert auf die alten Sitten?«
Es war ein bewusster Verstoß gegen die Regeln der Gastfreundschaft, dass sie gleich zur Sache kam, ohne ihm ein Getränk zur Erfrischung zu reichen. Wie hoch Baganuur sich inzwischen selbst auch schätzen mochte, er tat gut daran, nicht zu vergessen, wer sie war: Bajan Adraga, die oberste Seelenführerin ihres Stammes – und immer noch seine Meisterin.
»Heute Nacht kamen drei Reiter aus Süden. Sie haben eine überaus interessante Kunde gebracht.« Baganuur war mit wenigen Schritten an dem eisernen Herdgestell in der Mitte der Jurte vorbeigegangen und ließ sich nun mit größter Selbstverständlichkeit auf den Ehrenplatz sinken, von dem aus man die Tür sehen konnte.
Bajan Adraga musterte ihn mit einem kalten Blick, ließ sich jedoch nicht zu einer weiteren Bemerkung hinreißen.
»Sie waren vor wenigen Tagen noch in einer Stadt in der Ostprovinz, dem chinesischen Shandong.« Wieder hielt er mit seinem Bericht inne, als erwarte er schon jetzt eine Antwort von dieser Frau, die in früheren Zeiten beinahe jeden seiner Sätze hatte beenden können, noch bevor er selbst recht wusste, was er sagen wollte.
Als Bajan Adraga weiter schwieg, fuhr er fort: »Ich entsinne mich, dass wir vor acht Jahren Männer zu diesem heiligen Berg der Chinesen geschickt haben …«
»Wir?«, fiel sie ihm mit trügerischer Sanftheit ins Wort.
»Verzeih«, entschuldigte er sich spöttisch. »Ganz recht, ich hatte nichts damit zu tun.«
Die Genugtuung in seiner Stimme beunruhigte Bajan Adraga, aber sie zwang sich zur Ruhe. Was konnte er vorhaben, dass er an diese alten Geschichten rührte? Das alles war vorbei, vorbei für alle Zeit.
»Deine Männer sind also ausgezogen, um dieses Kind zu töten, dessen Vater du jahrzehntelang vergeblich gesucht hast.«
Worauf wollte er hinaus? Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie nach außen hin vollkommen gelassen blieb. »Sag endlich, was du zu sagen hast, und dann kümmere dich um deine Arbeit.«
»Deine Männer kehrten von ihrem Auftrag zurück und meldeten den Tod des Knaben, der unser aller Verderben sein sollte, ist das richtig?« Er ließ ihr keine Zeit zu einer Antwort. »Und du warst zufrieden mit dem, was man dir erzählte. Der Knabe war tot, und du wandtest dich wichtigeren Dingen zu, nicht wahr?«
»Vielleicht war es damals doch ein Fehler, dich zum Schamanen auszubilden«, sagte sie langsam und mit gleichgültigem Tonfall. »Vielleicht habe ich meine Zeit vertan, und du wärest besser Geschichtenerzähler geworden. Dazu zumindest scheinst du Begabung zu haben.« In ihrem Blick lag eine wohlberechnete, schneidende Verachtung.
In all den Jahren, die er ihr als Schüler hatte gehorchen und sich auch später noch ihrem Urteil unterwerfen müssen, hatte Baganuur es nicht gelernt, diesem Blick standzuhalten. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als wolle er eine der Mücken vertreiben, die erst in einigen Wochen so zahlreich ihren Einzug in der Steppe halten würden.
»Nun, Meisterin«, begann er schließlich mit leicht unsicherer Stimme zu sprechen. In seinen nächsten Worten lag der unterdrückte Hass vieler Jahre. »Du hast dich geirrt. Der Junge ist nicht in den Flammen umgekommen. Der Goldene Knabe, von dem die Prophezeiung spricht, lebt.«
Während seiner letzten Sätze hatte er plötzlich den Kopf gehoben, um ihr mit gieriger Befriedigung in die Augen zu sehen.
Nun hatte er die Genugtuung, zu erleben, wie seine alte Meisterin die rechte Hand krampfartig zur Faust ballte, bevor sie sie mit sichtlicher Anstrengung wieder öffnete. Aber diese Geste der Fassungslosigkeit nahm kaum einen Herzschlag in Anspruch, dann hatte Bajan Adraga sich wieder in der Gewalt. »Was soll das?«, fuhr sie ihn an. »Das ist doch Unsinn. Das Kind ist tot.«
»Genau das ist die Frage. Meine Männer haben Neuigkeiten gebracht …«
»Deine Männer? Ich wusste gar nicht, dass du über eigene Männer verfügst. Wer hat sie dir gegeben?«
Baganuur holte tief Luft. Vielleicht hatte er sich ein wenig zu weit vorgewagt. Vielleicht war es noch zu früh gewesen … Aber nein. Er durfte jetzt nur keinen Fehler machen, dann konnte er das Spiel noch immer gewinnen.
»Es waren Kundschafter aus dem Ail«, erklärte er, nachdem er hastig nachgedacht hatte. »Sie haben Reisende von einem alten Bettler erzählen hören, der in Shandong auf einem Marktplatz seine Brandwunden zur Schau stellt. Der Mann, ein ehemaliger Diener des Klosters am Tai Shan, soll damit geprahlt haben, dem schrecklichen Brand vor sieben Jahren entkommen zu sein. Und er sei nicht allein gewesen, behauptet er …«
»Niemand ist dem Feuer entkommen«, fuhr Bajan Adraga auf.
»O doch.« Baganuur unternahm den halbherzigen Versuch, seine Häme zu verbergen. »Meine – unsere – Männer sind nach Shandong geritten. Sie hatten keine Mühe, den Alten aufzuspüren und ihn mit ein paar Münzen und einem Krug Wein zum Sprechen zu bringen. Es gab damals einen unterirdischen Fluchtweg, der aus dem Kloster hinausführte.«
Er machte eine Pause, weil er hoffte, sie würde ihn zum Weitersprechen drängen. Als sie ihn nur mit zusammengepressten Lippen ansah, setzte er seinen Bericht fort. »Anscheinend wusste außer dem Abt Yan Liang niemand etwas von diesem geheimen Gang, und niemand außer dem Alten ist ihm gefolgt, als Yan Liang sich in Sicherheit brachte, sich und das Kind.«
Bajan Adraga hörte nicht mehr, was Baganuur sonst noch zu sagen hatte. Der Junge! Mei Huas Enkel war also doch nicht in den Flammen gestorben – den Flammen, die sie selbst in ihrem maßlosen Hass nach Süden gesandt hatte.
Mit einem Mal ergab alles einen Sinn, die qualvollen Träume, die Bilder, die Stimmen der Vergangenheit – es war noch nicht zu Ende, es würde alles noch einmal beginnen. Ja, sie war sich dessen so sicher, als hätte sie ihn bereits mit eigenen Augen gesehen. Der Junge lebte. Er musste jetzt … neun oder zehn Jahre alt sein. Und er war auf dem Weg. Auf dem Weg zu ihr.
Angst befiel sie, während sie versuchte, noch einmal den alten Hass heraufzubeschwören, die eiserne Gewissheit, die brennende Rachsucht.
Doch es wollte ihr nicht gelingen.
»Warum sind die Männer nicht gleich zu mir gekommen statt zu dir?«
Doch für die Antwort auf diese Frage brauchte sie Baganuur nicht. Sie war schwach geworden im vergangenen Winter. Schwach und nachlässig. Und wenn sie heute die Hände nach dem Hass von gestern ausstreckte, griff sie oft ins Leere. Aber noch war sie nicht so alt und nicht so schwach, dass sie Baganuur ohne Kampf das Feld überlassen würde.
»Ich will die Männer sehen, die für dich im Süden spioniert haben«, fuhr sie fort, nachdem sie sein Schweigen gerade lange genug für sich hatte sprechen lassen. Dann sammelte sie, ohne dass man es ihr hätte ansehen können, Kraft.
»Es ist nicht nötig …« Baganuur stand auf.
»Schweig!« Wie der Knall einer Peitsche war ihre Stimme – und traf ihn mit derselben Wucht, als hätte sie ihn tatsächlich mit einem Lederriemen geschlagen. Nur das Zucken seiner Kiefermuskeln verriet die Anstrengung, die es ihn kostete, nicht einige Schritte zurückzutaumeln. Sie beherrschte diesen verfluchten Trick also immer noch. Wie sehr er sie und ihre elenden Kunststückchen gefürchtet hatte, als er in ihrem Dienst stand. Wie er sie gehasst hatte! Wie sehr er beides noch tat.
Und nun schwieg sie, schwieg und würde weiter schweigen, bis er sich mit Erklärungen verhaspelte und ins Unrecht setzte, wie der dumme Junge, der er vor dreißig Jahren gewesen war. Mit derselben zornigen Ohnmacht, die ihn schon damals erfüllt hatte, biss er die Zähne zusammen und wartete, bis die Spannung unerträglich wurde.
»Die Männer waren erschöpft«, stieß er schließlich hervor und verachtete sich für seine erbärmliche Schwäche. »Ich habe sie in ihre Jurten geschickt, damit sie sich nach dem langen Ritt ein wenig ausruhen können.« Was für ein Wurm er war, vor dieser alten Hexe im Staub zu kriechen! Nie wieder, hatte er sich vor Jahren geschworen, nie wieder würde sie die Macht haben, ihn in einen Wurm zu verwandeln allein mit der Härte ihres Blicks und der Kälte ihrer Stimme.
»Seit wann scherst du dich um die Müdigkeit anderer? Ich will mit ihnen sprechen. Sofort! Geh und hol sie mir her. Und dann kümmere dich endlich um deine Arbeit. Du musst die Birken bestimmen, die die Männer für die Weihe morgen fällen sollen, das ist deine Aufgabe. Und noch eines, da du gerade hier bist«, setzte sie leise und drohend hinzu. »Mir gefällt dein Benehmen Sarantuja gegenüber nicht. Lass das Mädchen in Ruhe, oder es wird dir noch Leid tun.«
Wie lebendig sie sich fühlte! Die Feuer waren also doch noch nicht erloschen.
Mit geradem Rücken und klarem Blick stand sie in ihrer Jurte, während der Mann, den sie in letzter Zeit insgeheim oft gefürchtet hatte, wie ein geprügelter Hund davonschlich. Vor ihrer Jurte wurde Geschrei laut, Peitschenschnüre knallten, dann hörte sie das dumpfe Geräusch von Hufen, die sich eilig entfernten.
***
Weiß vor Zorn und mit geballten Fäusten verließ Baganuur Bajan Adragas Jurte und ging langsam auf seinen Diener Zaan zu, der ein wenig abseits stand und sein Pferd hielt. Was für ein Narr er gewesen war, diese alte Hexe zu unterschätzen, nur weil ihre Knochen langsam mürbe wurden und ihre Stimme brüchig.
Ein Fehler, den er so leicht nicht wieder begehen würde!
Mit langen Schritten stapfte er über das harte, raue Gras und rang um einen letzten Rest von Selbstachtung. Der Tag war nicht mehr weit, an dem er sie würde zahlen lassen – für alles, was sie ihm je angetan hatte.
Ohne seinen Diener, der ihn mit einer unterwürfigen Verbeugung empfing, auch nur eines Blickes zu würdigen, riss er ihm die Zügel seines Pferdes aus der Hand, zischte ihm Bajan Adragas Befehl zu – sollte er doch die Boten holen – schwang sich mit einer einzigen fließenden Bewegung auf sein Pferd und ließ die Peitsche knallen. Dann ritt er in scharfem Tempo auf die kleine Gruppe am Rand des Ails zu, die die Birken für die morgige Schamanenweihe fällen sollte.
»Ho! Auf mit euch!«, fuhr er die verwunderten Männer an, die auf ihn gewartet hatten und nicht gleich aufgesprungen waren, als er näher kam. »Was hockt ihr da im Gras und schwatzt! Ihr seid nicht hier, um faul in der Sonne zu liegen.«
Während sein Pferd in wildem Galopp auf das nahe Birkenwäldchen zupreschte, gingen ihm Bajan Adragas letzte Worte durch den Kopf. Sarantuja! O ja, auch sie würde dafür büßen, dass sie seine Werbung wiederholt ausgeschlagen hatte. Wie sehr hatte sie ihn ins Herz getroffen, als sie ihm lachend sagte, eher würde sie für den Rest ihres Lebens auf einen Mann verzichten, als sich ihm hinzugeben. Ja, das würde sie büßen. Es konnte nun nicht mehr lange dauern, bis Bajan Adragas Kräfte nachließen und er ihren Platz einnahm.
Er würde allen beweisen, dass er würdig war, Bajan Adragas Nachfolge anzutreten. Er würde diesen Jungen, diesen Goldenen Knaben, töten und damit beweisen, dass er Erfolg hatte, wo sie gescheitert war.
Während er durch den klaren Morgen ritt, erlebte er noch einmal all die Demütigungen, die er im Laufe der Jahrzehnte erlitten hatte.
Die Bäume, die das erste frische Grün des Jahres trugen, flogen an ihm vorbei, und jedes Mal zeigte ihm das Geäst ein anderes Bild. Hier war Bajan Adraga, wie er sie das erste Mal gesehen hatte, als er, fern von seinen Eltern und Geschwistern, fern von allem, was ihm lieb und vertraut war, zu ihr gebracht wurde.
Gestottert hatte er, als er die Frau, die so schön war, zum ersten Mal sah. Gestottert! Und sie hatte nichts getan, um ihm seine Angst zu nehmen, um sein Heimweh zu lindern. Nur Spott und Verachtung hatte sie für seine Unbeholfenheit gehabt.
Und da – ein anderer Baum zeigte ihm seine Mutter, die ihn als Zehnjährigen weggeschickt hatte, voller Stolz, dass eine berühmte Seelenführerin ihn in die Lehre nehmen wollte.
Er ritt weiter, als seien ihm Dämonen auf den Fersen. Sein Pferd keuchte, und die Männer, die ihm folgten, fielen weit zurück.
Eine hohe Zeder, die sich ihm spöttisch zuzuneigen schien, trug Sarantujas Züge. Immer wieder Sarantuja. Die Hufe seines Pferdes schlugen einen wütenden Trommelwirbel, der einen Nachhall im Schlagen seines Herzens fand.
Wie sie ihn mit einem Lachen abgewiesen hatte, wieder und immer wieder, und tagaus, tagein die Gesellschaft dieses mageren jungen Tsogt suchte, dessen Augen eher einer tragenden Kuh als einem Mann zu gehören schienen.
Aber auch Tsogt, dieser Schwächling, der morgen zum Schamanen gemacht werden sollte, würde ihm nicht mehr lange im Weg stehen. Tsogt würde als Erster seine Macht zu spüren bekommen.
Der wilde Ritt ging immer weiter.
Der nächste Baum zeigte kein Gesicht wie die anderen. Baganuur war bereits vorübergeritten, ehe er begriff, zu welchem Bild die Zweige und Blätter sich zusammenfügten.
Er lachte laut auf. Ja, die Münzen, die in einer unscheinbaren Truhe in seiner Jurte auf ihn warteten. Was für ein Anblick! Abends, wenn er allein in seinem Zelt war, holte er die Truhe oft hervor und ließ die unterschlagenen silbernen Geldstücke durch seine Finger gleiten.
Eines Tages würde er sie benutzen, um es ihr heimzuzahlen. Wie er sie hasste, seine Lehrmeisterin von einst.
Der nächste Baum, den er im Galopp hinter sich ließ, trug noch kein Blatt, keine Knospe. Seine kalten, schwarzen Zweige waren wie ein Totenschädel.
Mit einem wilden Lachen stürmte Baganuur immer weiter, bis der Wald sich lichtete und wieder in Steppe überging.
***
Bajan Adraga war in den Eingang ihrer Jurte getreten. Ihre Blicke folgten den drei Kundschaftern, die ihr Baganuurs Diener Zaan sofort geschickt hatte. Von ihnen war ihr bestätigt worden, womit ihr einstiger Schüler am Morgen so geprahlt hatte: Mi Erzi war noch am Leben. Nun gingen sie hinüber zu Baganuurs Jurte.
Baganuur. In seiner Jugend war er innerhalb weniger Jahre von einem kränklichen Knaben zu einem robusten und ehrgeizigen Mann herangewachsen.
Der Triumph, der ihr noch vor wenigen Minuten neuen Lebensmut geschenkt hatte, hatte einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Baganuur war nie ihr Freund gewesen, das wusste sie; mit ihrem unbesonnenen Zornesausbruch hatte sie ihn sich nun endgültig zum Feind gemacht. Ein beklemmendes Gefühl böser Ahnungen drängte an die Oberfläche. Es war nicht gut, diesen Mann gegen sich zu haben.
Aber dennoch! Ein Lächeln zuckte über das Gesicht der alten Schamanin. Sie straffte sich und atmete in tiefen Zügen die nach blühendem Steppengras riechende Luft ein. Nein! Bajan Adraga war noch lange nicht besiegt. Niemand würde sie ungestraft hintergehen!
Mit einem Mal wurde ihre Miene wieder ernst. So sehr hatte Baganuurs Niederlage sie beflügelt, dass ihr darüber fast entfallen war, was seine Nachricht bedeutete. Mei Huas Enkel – sein Enkel! – lebte und war auf dem Weg. Sein suchender, fragender Geist war es, den sie seit einigen Wochen spürte. Deshalb also war das alte Amulett, das Jahrzehnte lang halb vergessen in einer ihrer Truhen gelegen hatte, plötzlich aus seinem Schlaf erwacht! Deshalb hatte das Amulett sie eines Tages zu Beginn des Winters gerufen, hatte sie gezwungen, es wieder und wieder aus seinem dunklen Versteck zu nehmen, es zu halten, es mit ihrer Wärme zu nähren, bis sie nicht mehr sagen konnte, wer wen wärmte.
Seinem unwiderstehlichen Ruf folgend, holte sie das Amulett auch jetzt wieder hervor. Behutsam hob sie es aus dem abgegriffenen Holzkästchen und setzte sich unter die Rauchöffnung der Jurte, wo das Licht am besten war – auch wenn sie das Amulett nicht zu sehen, sondern nur zu fühlen brauchte. Ihre Finger kannten jede winzige Einkerbung in dem alten bronzenen Kleinod, jede noch so kleine Erhebung, jede Rille. Es war ihr vertrauter als ihr eigenes Gesicht.
Und immer stärker war in den letzten Wochen das Gefühl geworden, dass das Amulett zu ihr sprach, dass es etwas von ihr wollte. Dass es ihr niemals Ruhe lassen würde, bevor es sein Ziel erreicht hatte.
Die alte Frau, der viele, die sie kannten, Zauberkräfte nachsagten, horchte tief in sich hinein. Sie schloss die Augen, um sich ein Bild von diesem neuen Gegner zu machen, um sich an den alten Hass zu erinnern und schließlich, um abermals die Dämonen heraufzubeschwören, die sie all diese Jahre geleitet hatten wie ein Stern an ihrem Himmel.
Aber die Dämonen weigerten sich, zu ihr zu sprechen, weigerten sich, ihr den einfachen Weg von Stolz, Hass und Macht freizugeben.
Ein Frösteln überfiel Bajan Adraga, als sie plötzlich verstand, was ihr geschehen war: Es war das Amulett, das zwischen ihr und dem Hass stand.
Sie zog sich weit von allem fassbaren Sein zurück und rang mit den Dämonen, auf dass sie ihr die Fähigkeit, zu vernichten und zu töten, wiedergaben.
Als sie lange Zeit später, erschöpft und in ihrem Bemühen geschlagen, wieder hinaus ins Freie trat, fiel ihr Blick auf zwei Mädchen, die vielleicht zwölf Sommer im Ail erlebt hatten. Die beiden ritten ausgelassen hinter ihrem Vater her zu den Viehweiden. Das größere der beiden Mädchen stand nun in den Steigbügeln und schwang übermütig die Fangstange. Der Wind trug ihr fröhliches Gelächter bis zu den weißen Zelten in der Mitte des Lagers.
Während das Bild der drei Reiter vor ihr immer mehr verschwamm, legte sich ihre Erregung, und ein anderes Bild schob sich über das gegenwärtige; ganz allmählich wurden seine Farben lebendiger als die Wirklichkeit, leuchtender, unwiderstehlich …
Bajan Adraga ritt neben Nochoj, ihrem Vater, zur Weide. Es war Sommer, endlich Sommer! Ihre Finger umschlossen das glatte, von winzigen Kerben gefurchte Holz der Fangstange, die warm und sicher in ihrer Hand lag. Tief atmete sie die Luft über der blühenden Steppe ein, die so anders roch als sonst je.
Ger, der junge Hengst, den Nochoj ihr im letzten Sommer zu ihrem zwölften Geburtstag geschenkt hatte, schien von der gleichen überschäumenden Lebensfreude gepackt zu sein wie sie selbst. Der Trommelwirbel seiner Hufe fügte sich mit dem Puls ihres Blutes zu einem wilden Gesang, der in ihren Ohren dröhnte, dass sie beinahe das Atmen vergaß. Eine Hand in die Taille gestemmt, in der anderen die Fangstange, flog sie freihändig über den Grasboden, der jetzt so trocken war, dass der Vater neben ihr von einer Staubwolke verschlungen zu werden schien. Ihr Blick schweifte über die braungrüne, nur von den fernen Bergen begrenzte Ebene, unter sich spürte sie den warmen, lebendigen Körper ihres Pferdes – sie fühlte sich, als wäre sie ganz allein in der Steppe, eine Kaiserin, der alles gehörte, worauf ihr Auge fiel …
»Adraga! Heija! Wessen Tiere willst du eigentlich fangen?«
Die belustigt klingende Stimme Nochojs ließ sie so heftig zusammenfahren, dass sie beinahe von Gers Rücken gerutscht wäre, was sie weder ihm noch ihrem Vater so leicht verziehen hätte.
Allerdings hatte der Vater nicht ganz Unrecht. Als sie sich umblickte, stellte sie fest, dass sie weit über ihr Ziel hinausgeritten waren. Die Schafherde ihrer Familie graste ein ganzes Stück hinter ihnen im Westen, während sie vor sich im Osten bereits die Rinder Boortschus sehen konnte.
Mit einem verächtlichen Blick wandte sie sich ab. Kein Mitglied ihrer Familie wollte etwas mit Boortschu zu schaffen haben, der mit seinen zweitausend Pferden und Rindern einer der reichsten Männer des Ails war. Vor vielen Jahren, lange vor ihrer Geburt, hatte Boortschus Vater ihren Großvater beim Spiel betrogen und ihm fünfhundert Bodo gestohlen. Ihre Familie hatte Jahre gebraucht, um sich von diesem Schlag zu erholen. Und sie, Bajan Adraga, hasste jeden, der Boortschus Sippe angehörte. Sogar sein Vieh. Sogar die Luft, die er atmete.
»Adraga! Was ist heute nur los mit dir?« Die tiefe, melodische Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren rachsüchtigen Gedanken.
»Können wir nicht noch ein kleines Stück weiter reiten? Wenn wir erst das Schaf hinter uns her zerren, ist es sowieso aus mit dem Spaß.« Sie schnitt eine Grimasse. Dies war ein Tag, um zu reiten – mit dem Wind um die Wette, bis einem von ihnen die Luft ausging. Ein Tag, um zu fliegen. Sie hob das Gesicht der warmen Sonne entgegen und blickte voller Sehnsucht einem Falken nach, der am Himmel seine Kreise zog.
Ihr Vater sah sie lächelnd an. Seine wilde kleine Tochter, auf die er insgeheim mehr gab als auf all seine Söhne – nicht, dass er sie nicht auch geliebt hätte, aber Adraga war etwas Besonderes. Sie hatte Mut und Ausdauer für fünf und besaß eine Zähigkeit, um die mancher Mann sie beneidete.
Nochoj blickte forschend nach Westen, wo ein feiner, kaum wahrnehmbarer Dunst nichts Gutes verhieß.
»Es hilft nichts, Adraga, ich fürchte, dass wir heute noch ein schweres Unwetter bekommen. Und wir müssen das Schaf schlachten, bevor die Karawane ankommt. Oder hast du vergessen, dass wir Besuch erwarten?«
