Der Spielmann - Oliver Pötzsch - E-Book

Der Spielmann E-Book

Oliver Pötzsch

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Beschreibung

Das älteste Spiel der Welt ist das Spiel um deine Seele ...

1486: Knittlingen ist ein ruhiger Ort im Kraichgau. Bis zu dem Tag, als die Gaukler in die Stadt kommen – und plötzlich Kinder verschwinden. Johann Georg, genannt „Faustus“, der Glückliche, kümmert das nicht. Ihn interessiert nur Der Spielmann und Magier Tonio del Moravia: Von dem blassen Mann mit den stechend schwarzen Augen, der Johann eine große Zukunft als Gelehrter voraussagt, geht eine seltsame Faszination aus. Johann schließt sich ihm an, gemeinsam ziehen sie durch die deutschen Lande. Der junge Mann saugt alles auf, was Tonio ihm beibringt. Doch von Tonios Lehren geht eine ungeahnte Gefahr aus, und schon bald beschleicht Johann das Gefühl, dass sein Meister mit dunklen Mächten im Bunde steht. Mächte, die Johanns ganzes weiteres Leben bestimmen werden … 

Ein farbenprächtiges Abenteuer-Epos von Bestsellerautor Oliver Pötzsch

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Der Spielmann

Der Autor

Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in München. Seine historischen Romane haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die Bände der Henkerstochter-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Das Buch

»Faustus« nennt ihn seine Mutter, der Glückliche, weil bei seiner Geburt die Sterne so günstig standen. Johann Georg ist ein besonderer Junge, aufgeweckt und wissbegierig. Als Gaukler in die Stadt kommen, ist er sofort fasziniert. Vor allem der Magier und Spielmann Tonio del Moravia beeindruckt ihn. Von dem blassen Mann mit den stechend schwarzen Augen, der Johann eine große Zukunft als Gelehrter voraussagt, geht eine seltsame Faszination aus. Als die Mutter stirbt und Johanns Liebe zu seiner Jugendfreundin Margarethe dramatisch scheitert, schließt er sich Tonio an. Gemeinsam ziehen sie umher und verdienen ihr Geld mit Zaubertricks und Horoskopen. Tonio erweist sich als guter Lehrer, der Johanns unergründlichen Wissensdurst zu stillen weiß. Doch zu welchem Preis? Mehr und mehr hat der junge Mann den Eindruck, dass Tonio mit dunklen Mächten im Bunde steht. Er flieht vor ihm und zieht mit einem Gauklertrupp bis nach Italien, doch auch dort kann er Tonio nicht entkommen. Erst langsam beginnt Johann zu begreifen, mit wem er es zu tun hat und dass er sich auf nichts Geringeres eingelassen hat als den Kampf zwischen Gut und Böse ... Bestseller-Autor Oliver Pötzsch hat sich von der historischen Figur des Doktor Faustus zu einem einzig artigen Abenteuerroman inspirieren lassen – ein fulminantes Leseerlebnis!

Oliver Pötzsch

Der Spielmann

Die Geschichte des Johann Georg Faustus

Roman

Ullstein

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List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-8437-1814-1

© 2018 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin (1)Dieses Werk wurde vermittelt von derAutoren- und Projektagentur Gerd F. RumlerUmschlaggestaltung und Gestaltung des Vor- und Nachsatzes: zero-media.net, MünchenUmschlagmotiv: akg-images (Wagenzug); FinePic®, München(Pergament); Ms 251 f.135r Five men, one holding an armillarysphere, from ›Des Proprietez des Choses‹, c.1415 (vellum) /Fitzwilliam Museum, University of Cambridge, UK / BridgemanImages (Armillarsphäre); akg-images / Album / Prisma(Zauberer); Th e Miracle of San Bernardino, Pietro, Sano di,also Ansano di Pietro di Mencio (1406-81) / Private Collection /Photo © Agnew’s, London / Bridgeman Images (Büsche)Motive des Vor- und Nachsatzes: ©Angelika Solibieda,cartomedia, Karlsruhe (Karte); Medieval songbook / BuyenlargeArchive/UIG / Bridgeman Images (Schmuckrahmen) Autorenfoto: © Frank BauerE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten

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Inhalt

Titelei

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

 

Historische Anmerkung

Prolog

Erster Akt

1

2

3

4

Zweiter Akt

5

6

7

Dritter Akt

8

9

10

11

12

13

Vierter Akt

14

15

16

17

18

Fünfter Akt

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

Epilog

Anhang

Faust und ich – eine Art Nachwort

Reiseführer auf Fausts Spuren

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Historische Anmerkung

Widmung

Für Aliahmad Alizade

So klug und ehrgeizig wie Faust und so liebenswert und lebensfroh wie Margarethe.

Auf verschlungenen Pfaden zum Ziel.

Motto

Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.

Johann Wolfgang von Goethe,

Faust I, Vers 2181/82 (Mephistopheles)

Historische Anmerkung

Um das Jahr 1500 reiste durch das Deutsche Reich ein Mann, von dem nicht viel überliefert ist. Doch die spärlichen Quellen und die unzähligen Legenden, die sich um ihn ranken, haben Historiker zu dem Schluss kommen lassen, dass es ihn wirklich gegeben hat. Er war der größte Zauberer seiner Zeit, ein Hochstapler, Astrologe und Quacksalber, dabei so klug und belesen wie ein Dutzend Gelehrte und so durchtrieben wie die Borgias. Schon kurz nach seinem gewaltsamen Tod erschien ein Buch über ihn, das als erster deutscher Bestseller gelten darf. Dramatiker wie Christopher Marlowe und Johann Wolfgang von Goethe ließen ihn in ihren Stücken auftreten, auf den Bühnen der Straße war er allgegenwärtig. Seine Figur gilt bis heute als Sinnbild eines ruhmsüchtigen, rastlosen Menschen, der sich mit dem Teufel einlässt, durch diesen viel Ansehen und Reichtum erwirbt – und am Ende mit seiner Seele bezahlt.

Sein Name war Johann Georg Faustus.

Dies ist seine wahre Geschichte.

Prolog

Knittlingen im Kraichgau, 27. Oktober Anno Domini 1486

Im Herbst, als die Kinder verschwanden, kamen die Gaukler in die Stadt. Mit offenem Mund stand der kleine Johann in einer Nische des Oberen Stadttors und beobachtete den lärmenden, tanzenden, singenden Zug bunter Menschen. Wie eine kleine Armee überquerten sie die Zugbrücke über den morastigen Stadtgraben, durchschritten das weit geöffnete Tor und füllten Knittlingen mit Leben. Vorneweg schlugen zwei fremdländisch aussehende, dunkelhäutige Männer Rad, dazwischen stolzierte eine Handvoll Spielleute mit Einhandpfeifen, Sackpfeifen und Tamburinen. Es folgten maskierte Seil­tänzer, ein buckliger Zwerg im Narrenkostüm, Schwerter schwingende Schaufechter und ein leibhaftiger zottiger Bär, der von einem Riesen an einer Kette geführt wurde. Noch nie hatte Johann eine solche Pracht gesehen! Fast so, als wäre der Kaiser selbst in die kleine Pfälzer Stadt gekommen. Die geduckten Steinhäuser erstrahlten mit einem Mal in einem seltsamen Glanz, und ein exotischer Geruch umwölkte Johanns Nase – der Geruch der fernen Welt.

Einer nach dem anderen zogen die Gaukler an ihm vorbei, gefolgt von einer Schar lachender Kinder, die wie er sehnsüchtig auf diesen Tag gewartet hatten. Einer der Seiltänzer zwinkerte ihm zu, jemand lachte und gab ihm einen Stups, der ihn zurücktaumeln ließ. Erst jetzt merkte Johann, dass er vor lauter Staunen und Schauen zu weit auf die Straße hinausgetreten war. Die Räder eines Fuhrwerks rollten nur um Haaresbreite an ihm vorbei; tiefe Furchen gruben sich in den vom letzten Regen noch nassen Boden. Von den umliegenden Hügeln und Wäldern senkte sich feuchter, kalter Herbstnebel über die Stadt, doch Johann spürte ihn nicht; er starrte weiter auf die nicht enden wollende Karawane von Menschen, Karren, Pferden und Ochsen, die unter lautem Getöse in die Stadt einzog.

Woher sie wohl alle kommen?, dachte er. Aus dem großen Nürnberg?Aus den welschen Landen hinter den Alpen oder vielleicht sogar von jenseits des Meeres? Dort, wo Kopffüßler, Löwen und Drachen wohnen …

Für ihn selbst hörte die Welt schon hinter den nächsten Hügeln des Kraichgaus auf, dahinter begannen die Sagen, Märchen und Legenden. Wann immer seine Mutter die Kraft dazu aufbrachte, erzählte sie ihm Geschichten, vom schlafenden Kaiser Barbarossa, von Rittern, Gnomen und Feenköniginnen, vom Schwarzen Mann im Wald, von den Reichstagen in Augsburg und Nürnberg und von rauschenden Festen. Johann saß auf ihrem Schoß und lauschte gebannt ihrer sanften Stimme.

Nach den Gauklern folgten die vielen Händler, einige mit rumpelnden Fuhrwerken, andere nur mit einer Kraxe auf dem gebeugten Rücken. Wie jedes Jahr am Simonis-Judae-Tag, dem Feiertag der beiden Apostel, stellten sie ihre Stände entlang der Marktstraße auf, die vom Oberen Stadttor zur Leonhardskirche führte. Der Herbstmarkt war der größte Jahrmarkt Knittlingens, mit dem Cantate-Markt im Frühling. Aus Bretten, Pforzheim, ja sogar aus dem fernen Heidelberg strömten die Menschen herbei, um hier ihre Waren feilzubieten.

Seit Wochen schon freute sich Johann auf diesen Tag. Er war acht Jahre alt, der Markt im letzten Herbst nur noch eine ferne Erinnerung. Schon am frühen Morgen war er zum Stadttor gelaufen, um die ersten Spielleute, Kaufleute und Tandler abzupassen, doch erst jetzt, gegen Mittag, füllte sich der Ort. Als auch der letzte Händler durch das Tor gezogen war, folgte Johann dem Zug hinein in die Stadt. Marktschreier balgten sich um die besten Plätze nahe der Kirche, ein bärtiger, bereits betrunkener Wanderprediger verkündete von einem Weinfass aus den baldigen Weltuntergang, die Musikanten spielten zum Tanz auf, mit lauten Schlägen wurde gegenüber dem Gasthaus »Zum Löwen« das erste Weinfass angezapft. Es roch nach Maische, Most, Pferdemist, Rauch und dem Kochdunst aus den vielen Garküchen, der Johann verführerisch in die Nase stieg. Eine erste Ahnung von Schnee lag in der Luft. Die Bauern sagten, dass mit dem Simonis-Judae-Tag jedes Jahr der Winter bereits leise, aber eindringlich an die Tür klopfe.

Ganz Knittlingen hatte sich für diesen Tag fein gemacht. Die reichen Bauern trugen wie beim Kirchgang Schauben und weiße Barchenthemden, die Frauen bedeckten ihr Haar mit Tüchern, die zu kunstfertigen Hauben gebunden waren. Für Johann war es schwer, zwischen all den lärmenden, lachenden, feilschenden Erwachsenen ein Durchkommen zu finden. Gelegentlich traf er im Gewühl auf andere Kinder aus dem Ort, die rothaarigen Bäckerszwillinge Josef und Max, den breitschultrigen Sohn vom Schmied, der mit seinen zwölf Jahren schon so stark war wie ein Ochse, den kleinen, schmächtigen Hans vom »Adler«-Wirt unten am Graben. Doch wie so oft wichen sie Johann aus oder tuschelten, kaum dass er an ihnen vorbeigegangen war. Johann hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass es ihm fast nicht mehr auffiel. Nur gelegentlich, wenn er wieder einmal mit seinen Träumen allein durch die Wälder rund um Knittlingen wanderte, durchbohrte ihn noch ein Schmerz.

Seine Mutter meinte, er solle sich nicht weiter um die anderen Kinder kümmern. Er sei anders als sie, klüger, aufgeweckter, eben nicht ihresgleichen. Von edlem Blut, hatte sie einmal erklärt, auch wenn Johann nicht wusste, was sie damit sagen wollte.

Tatsächlich wurde Johann in der Deutschen Schule drüben im Spital, die er seit letztem Jahr besuchte, schnell langweilig. Was den übrigen Schülern schwerfiel, das Auswendiglernen, das Rechnen, das wenige Latein aus dem Katechismus, ging ihm leicht von der Hand. Gelegentlich verbesserte er sogar den Lehrer, einen alten, verbitterten Mann, der in Knittlingen auch der Frühmesner war. Oft hakte Johann nach, erkundigte sich nach anderen Ländern, dem Lauf des Mondes, der Kraft des Wassers – doch egal, was er wissen wollte, der Alte hatte keine Antwort darauf. Und wenn die anderen Buben Johann schlugen, stand er nur daneben und grinste verstohlen.

»Pass doch auf, du Zwerg! Wenn du mir noch mal auf die Zehen trittst, schlag ich dir das neunmalkluge Gesicht zu Brei!«

Ludwig, der kräftige, zwei Jahre ältere Sohn des Knittlinger Pflegverwalters, hatte ihm einen Hieb in die Magengrube versetzt. Johann keuchte und hielt sich den Bauch, doch er wehrte sich nicht. Ludwig überragte ihn um fast zwei Köpfe. Die Worte seiner Mutter fielen Johann wieder ein. Wenn er wirklich von edlerem Blute war als die anderen Kinder, warum hatte Gott ihn dann so verflucht klein geraten lassen? Gerne hätte er weniger Verstand, aber dafür ein wenig mehr Muskeln besessen, die einzige Währung, die unter Kindern wirklich zählte.

»Jetzt verzieh dich schon!«, drohte Ludwig und pulte sich den Rest einer geräucherten Wurst aus den Zähnen, das Fett tropfte ihm vom Kinn. »Wisch dir den Arsch mit Büchern, anstatt anderen Leuten im Weg herumzustehen!«

Johann schwieg und suchte schnell das Weite, bevor Ludwig noch einmal zuschlug. Endlich hatte er sich mithilfe spitzer Ellenbogen bis zu dem kleinen Platz vor der Kirche durchgekämpft. Hier hatten die Gaukler in der Zwischenzeit ihre Bühne aufgebaut – ein paar Holzlatten und Bretter auf vier Fässern, auf denen sie ihre Kunststücke darboten. Ein Spielmann rührte die Trommel, ein anderer schlug auf ein Becken und kündigte so die nächste Nummer an. Eben waren Jongleure an der Reihe, die bunte Holzkugeln und brennende Fackeln durch die Luft warfen und erst im letzten Moment wieder auffingen – zum wohligen Entsetzen der Knittlinger.

Johann klatschte eifrig, auch bei der nächsten Darbietung, bei der der bucklige Zwerg einige Knittelverse auf Wein, Weib und Gesang zum Besten gab und dann von dem Riesen in einen Humpen, groß wie ein Fass, getaucht wurde. Die Leute lachten laut und grölten, sodass Johann die leise Stimme neben sich zunächst überhörte. Erst als ihn jemand am Ohr zog, zuckte er zusammen. Im ersten Augenblick glaubte er, es wäre wieder Ludwig, der ihm eine Abreibung verpassen wollte.

»He, bist du taub? Hat dich einer der Spielleute verzaubert, dass du hier wie ein tumber Fels herumstehst und Löcher in die Luft starrst?«

Johann drehte sich um und lächelte erleichtert. Vor ihm stand Margarethe, Ludwigs jüngere Schwester. Sie trug ein graues Kleid, dessen blütenweiße Schürze unten bereits mit Mist besprenkelt war, die strohblonden Haare hingen ihr wie so oft wild ins Gesicht. Margarethe war eines der wenigen Knittlinger Kinder, das Johann gut leiden konnte und sich mit ihm abgab. Schon zweimal hatte sie ihn vor den anderen Buben beschützt, indem sie mit ihrem Vater gedroht hatte. Sogar Ludwig hörte auf sie. Zwar hatte Johann hinterher nur umso mehr Prügel kassiert, doch es hatte nicht so wehgetan wie sonst. Er hatte einfach die Augen geschlossen und an Margarethes blondes Haar gedacht, das wie Stroh im Sommer leuchtete. Allerdings gab es ein Problem: Immer wenn Margarethe ihn ansprach, war sein Mund zunächst versiegelt. Es war wie verhext! Auch jetzt brachte er kein Wort her­aus.

»Du magst die Gaukler, nicht wahr?«, fragte Margarethe und biss in einen rot gefleckten, prallen Apfel.

Johann nickte stumm, und Margarethe fuhr kauend fort: »Hast du gewusst, dass die Gaukler und Spielleute Kinder des Teufels sein sollen?« Sie schüttelte sich. »Die Kirche sagt das. Wer zu ihrer Musik tanzt, den geleiten sie direkt in die Hölle.« Unvermittelt dämpfte sie ihre Stimme und schlug ein Kreuz. »Vielleicht haben sie ja auch die Kinder mitgenommen. Zuzutrauen wär’s ihnen.«

»Red keinen Unsinn!«, fuhr Johann sie an. »Die Wölfe haben sie geholt, das sagen auch die Jäger. Und die werden es wohl wissen!«

Trotz des Jubels und Gelächters fröstelte ihn plötzlich, als stünde er allein irgendwo in der Wildnis. Vier Kinder waren in den letzten Wochen verschwunden, der siebenjährige Fritz aus Knittlingen, dessen erst fünfjähriger Bruder und zwei Mädchen aus dem benachbarten Bretten. Die beiden Brettener Mädchen hatten im Wald gespielt; Fritz, der Sohn vom Metzger in der Marktgasse, und sein Bruder, das kleine Peterle, hatten eine Sau durch den nahe gelegenen Eichenlohwald getrieben, die allein zurückgekehrt war. Die Leute meinten, wilde Tiere hätten die Kinder gefressen. Andere sprachen von hungrigen, zu allem entschlossenen Gesetzlosen, die in den Wäldern hausten und zartes rosa Kinderfleisch noch lieber mochten als gewildertes Reh. Jemand hatte in der Ferne, am Rande der bewaldeten Hügel, Rauch aufsteigen sehen; ein ­Geruch wie von verbranntem Fleisch habe in der Luft gelegen.

Johann biss die Zähne zusammen und starrte schweigend auf die Gaukler auf der Bühne. Beim Rauch, der von den Sudpfannen zu ihnen hinüberwehte, wurde ihm plötzlich übel.

Verbranntes Fleisch …

Ehrfürchtiges Geraune unterbrach seine Grübeleien. Margarethe drückte seine Hand, und er zuckte zusammen. Ein Schauder überlief ihn, und er konnte nicht sagen, ob es an Margarethes Berührung lag oder an den verschwundenen Kindern, an die er eben noch gedacht hatte.

Oder an dem Anblick vor ihm.

»Siehst du, hab ich es nicht gesagt?«, zischte Margarethe. »Schau dir den Kerl an! Der kommt doch geradewegs aus der Hölle.«

Tatsächlich sah der Mann, der eben die Bühne betrat, wie ein leibhaftiger Dämon aus. Er war lang und hager und trug einen schwarz-rot gestreiften Mantel, der an ihm flatterte wie die Flügel einer Fledermaus. Sein Gesicht war so bleich, als flösse kein Blut in ihm, die Nase scharf geschnitten, was ihm das Aussehen eines Raubvogels verlieh. Auf seinem Kopf thronte ein breiter schwarzer Filzhut mit roter Feder, wie bei einem fahrenden Scholasten.

Am unheimlichsten aber waren seine Augen, die schwarz und tief wie Sumpftümpel schimmerten. Sie kamen Johann vor wie die Augen eines Greises im Gesicht eines viel jüngeren Mannes. Als diese Augen über die lärmende Menge glitten, verstummten die Zuschauer ganz plötzlich. Einen Moment lang glaubte Johann, die Blicke des Mannes auf sich zu spüren, wie gierig tastende Finger. Dann hob der Fremde langsam und andächtig den Kopf und sah hinauf zum wolkenverhangenen Himmel. Mittlerweile hatte es leicht zu nieseln begonnen.

»Die Sterne …«, begann er mit einer Stimme, die gleichzeitig leise und doch so durchdringend klang, dass sie auf dem ganzen Kirchplatz zu hören war. Sie hatte einen leicht fremdländischen, weichen Klang, wie ihn Reisende aus dem Westen, jenseits des Rheins, manchmal pflegten.

»Die Sterne lügen nicht! Jetzt am Tag sind sie unsichtbar, und doch sind sie da. Leuchten über uns, weisen uns den Weg – einen Weg, der für jeden von uns vorgezeichnet ist.« Er machte eine dramatische Pause, und sein Blick glitt wieder über die Menge. »Ah, oui, c’est vrai! Ich kann diesen Weg für euch sehen. Denn ich bin ein Magister der sieben Künste und Bewahrer der sieben mal sieben Siegel! Ein Doktor der schwarzen Krakauer Universität!«

»Ein Zauberer«, flüsterte Margarethe. »Hab ich’s doch gewusst!«

Johann schwieg und lauschte weiter den Worten des unheimlichen Fremden, der sich nun wie ein Priester mit weit ausgebreiteten Armen an die Umstehenden wandte.

»Gibt es hier jemanden, der seine Zukunft wissen möchte?«, fragte er laut. »Jede Frage einen Kreuzer.« Er lächelte schmal. »Wem ich den baldigen Tod prophezeie, der erhält seine Antwort gratis.«

Ein paar Zuschauer lachten, doch es klang hohl und ängstlich. Eine gespannte Stille hatte sich über den Platz gelegt. Schließlich meldete sich ein junger, stämmiger Bauernsohn, und der Fremde holte ihn zu sich auf die Bühne.

»Was willst du von mir wissen?«, fragte der Zauberer den sichtlich zitternden Burschen, während eine fleckige Münze den Besitzer wechselte.

»Ich, nun …«, begann der Bauer umständlich. »Meine Elsbeth und ich, wir sind seit über einem Jahr ein Paar. Doch noch immer hat uns der Herrgott kein Kind geschenkt. Ich möchte gerne wissen, ob es das Schicksal gut mit uns meint.«

Der Fremde nahm die Hand des Mannes, eine schwielige, von der Feldarbeit gezeichnete Pranke, und beugte sich ganz nahe darüber. Für Johann sah es fast so aus, als würde er an der Haut riechen, ja sie schmecken und lecken wie ein Tier einen Salzstein. Eine ganze Weile verging, während er über die Handfläche strich und dabei leise, fast nicht hörbare Worte murmelte. Schließlich richtete er sich wieder auf.

»Deine Frau wird ein Kind im Leib tragen, noch vor dem nächsten Frühling. Und es wird ein Junge! Er wird gesund und kräftig sein, denn er wird geboren unter dem Sternbild der Fische. So haben die Sterne gesprochen!«

Der Mann hob die Hände, und ein schwarzer Rabe flog wie aus dem Nichts hinauf zum Himmel. Erstaunt schrien die Leute auf, weiter hinten fiel eine ältere Magd stöhnend in Ohnmacht.

Unter tiefen Verbeugungen verließ der Bauer die Bühne, und ein weiterer ängstlicher Kunde folgte ihm. Gespannt sah Johann zu, wie der unheimliche Fremde nacheinander noch eine gute Ernte, einen von Gott gesegneten Hausbau, den richtigen Tag der Saat und drei weitere gesunde Söhne und Töchter Knittlingens prophezeite. Zwei Krähen entflogen seiner eben noch leeren Hand, Spielkarten mit fremdartigen blutroten Symbolen rieselten wie von Geisterhand zu Boden, und aus seinem weiten Schlapphut zauberte er eine leibhaftige schwarze Katze. Johann war so gebannt, dass er fast das Atmen vergaß. Noch nie hatte er so etwas gesehen. Dieser Mann musste wirklich ein Zauberer sein! Er hatte sie allesamt verhext, und nun standen sie unter seinem Bann.

Schließlich war die Vorstellung vorüber, der Fremde verbeugte sich und verließ mit würdevollen Schritten das Podest. Nun erklommen die Akrobaten die Bühne und begannen mit ihren Faxen. Doch egal, wie hoch sie auch sprangen, welche Salti sie schlugen, Johann erschien plötzlich alles fad und abgeschmackt. Er hatte wirkliche Zaubereien gesehen, hatte einen Blick in eine fremde Welt hinter der irdischen geworfen! Und nun sollte das alles schon wieder vorüber sein? Johann zitterte vor Enttäuschung. Selbst Margarethes Anwesenheit konnte ihn nicht besänftigen. Noch immer stand sie neben ihm, hielt seine Hand. Die lustigen Harlekine und Jongleure gefielen ihr augenscheinlich weitaus besser als der unheim­liche Zauberer.

»Wie hat er das gemacht?«, sagte Johann immer wieder, mehr zu sich selbst. »Wie hat er das gemacht? Wie hat er den Raben und die Krähen fliegen lassen und die Katze herbeigezaubert? Was ist sein Geheimnis?«

»Raben, Krähen und schwarze Katzen! Ich sag doch, er ist mit dem Teufel im Bunde!«, schimpfte Margarethe, ohne den Blick von den Gauklern zu lösen. »Und nun sei still, sonst träum ich noch von dem Kerl. Brr! Ich hoffe, er reist noch heute wieder ab.«

Dieser Gedanke erschreckte Johann zutiefst. Wenn der Fremde wirklich heute abreiste, würde er nie erfahren, was hinter den Zaubereien steckte! Verstohlen sah er sich um. Wo war der Mann überhaupt? Neben der Bühne, wo die anderen Gaukler auf ihren Auftritt warteten und die Umstehenden mit Späßen unterhielten, war er jedenfalls nicht zu sehen. War er etwa bereits fort?

Johann ließ Margarethes Hand los und näherte sich vorsichtig der Bühne. Margarethe war von den Akrobaten so gebannt, dass sie sein Verschwinden gar nicht bemerkte. Johann schlug einen Bogen und ging links an der Kirche vorbei. Auf der anderen Seite, abseits der Marktstraße, war es merklich ruhiger. Ein blinder Bettler tappte mit seinem Stock über das mit Mist besprenkelte Pflaster, ein Betrunkener übergab sich in einer dunklen Ecke, sonst war kein Mensch zu sehen. Grauer Herbstnebel waberte durch die Gassen. Fast schien es Johann, als wären die Schwaden hier viel dichter als auf der anderen, belebten Seite der Kirche, beinahe zähflüssig.

In diesem Moment entdeckte er den Karren.

Der Wagen stand ein wenig abseits, gleich neben dem jetzt verlassenen Rathaus. Eine Plane aus fleckigem Stoff war darüber gespannt, darauf prangten seltsame Zeichen und Runen, die Johann nicht lesen konnte. Ein alter, müder Gaul versenkte seinen Kopf in einen Eimer mit Hafer, der um seinen Hals gebunden war. An der Außenseite des Wagens hing, direkt über dem Kutschbock, ein großer rostiger Käfig mit zwei Krähen und einem Raben. Leise quietschend bewegte er sich im Wind.

Wie hat er das gemacht? Wie hat er den Raben hervorgezaubert …?

Wie unter einem Bann näherte Johann sich den Vögeln, die unruhig im Käfig auf und ab flatterten. Und wenn sie nun wirklich verzaubert waren? Leise, auf Zehenspitzen, ging er auf den Käfig zu, streckte die Hand aus …

»Falls du Hunger hast, kann ich dich nur warnen, die Viecher sind verflucht zäh. Außerdem lösen sie sich in deinem Bauch auf und kommen zurück zu mir, ihrem Erschaffer. Du hättest also nicht viel davon.«

Johann fuhr herum und starrte in das Gesicht des bleichen Fremden, der direkt hinter ihm stand und ihn von oben herab ansah. Wie hatte der Mann sich nur so unbemerkt nähern können? War das etwa auch ein Zauber?

Der Mann runzelte kurz die Stirn, dann verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln. Kleine, spitze Zähne wie die eines Raubtiers waren dahinter zu sehen.

»Ach, sieh an! Du bist der Junge, der vorhin in der ersten Reihe stand.« Die Augen des Fremden funkelten vergnügt. »Na, in deinem offenen Mund hätte eine ganze Scheune Platz gehabt.« Neugierig beugte er sich über Johann, der nun einen leichten Geruch von Schwefel wahrnahm. »Wie alt bist du, Kleiner?«

»Ich … ich bin acht«, krächzte Johann, der sich plötzlich sehr unwohl fühlte. Mit einem Mal schien es um ihn herum viel, viel kälter zu werden, wie im tiefsten Winter. Nur noch von fern, wie durch eine dicke, verschlossene Tür, drangen die Musik und der Lärm des Markts zu ihm herüber.

»Hm …« Der Mann schien zu überlegen, er hielt den Kopf ebenso schief wie die lauernden Vögel im Käfig neben ihm. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.

»Und wie heißt du?«, fragte er abrupt.

»Ich … ich … heiße Johann Georg, Sohn des Großbauern Jörg Gerlach«, erwiderte Johann. »Aber meine Mutter nennt mich Faustus.«

»Soso, Faustus … Was für ein schöner und doch seltsamer Name.« Der Mann lächelte. Kurz glaubte Johann, in den schwarzen Augen ein Blitzen zu sehen, wie Wetterleuchten hinter regenverhangenen Wolken. »Dann weißt du sicher auch, was dieses lateinische Wort bedeutet?«

»Es bedeutet ›der Glückliche‹«, antwortete Johann eifrig. »Oder auch ›der Glück Bringende‹, ›der Gesegnete‹. Meine Mutter sagt immer, ich sei unter einem guten Stern geboren. Sie glaubt, dass das Schicksal Großes mit mir vorhat.« Er zuckte mit den Achseln. »Wenn ich auch nicht weiß, was sie damit meint. Sie sagt, ich sei von edlem Blut.«

»Von edlem Blut? Oho! Dafür müsstest du dich öfter waschen.« Der Mann lachte. »Auf alle Fälle scheint deine Mutter eine kluge und auch ehrgeizige Frau zu sein. Nicht selten geht der Mensch den Weg seines Namens.« Plötzlich packte er Johann am Arm und zog ihn ganz nah zu sich heran. Er öffnete Johanns Faust und betrachtete die Handfläche. Etwas daran schien ihn zu irritieren, er beugte sich noch tiefer darüber. Wieder, wie schon zuvor auf der Bühne, roch er daran, kurz glaubte Johann, eine raue Zunge auf seiner Haut zu spüren, wie die eines Ziegenbocks.

Dann begann der Mann zu murmeln, es klang wie eine uralte Beschwörung.

»Die Linien … die Linien …«, flüsterte er. »Tatsächlich …« Er starrte Johann an. »Weißt du, wann du geboren bist, Junge?«

Johann zögerte. Es hatte ihn immer gewundert, dass seine Mutter den Tag seiner Geburt so genau kannte. Üblicherweise wussten Kinder nur ihren Namenstag. »Am … am 23. April, im Jahre des Herrn 1478, am Fest des heiligen ­Georg«, sagte er schließlich. »Meine Mutter meinte, ich soll mir diesen Tag gut merken.«

Erneut legte der Mann den Kopf schief. »Der Tag des Propheten, hm …« Seine Finger krallten sich in Johanns Schulter, sie schmerzten wie lange, spitze Nägel. »Vielleicht sollte ich doch …«

In diesem Moment war eine Art Fiepen zu hören, ein hoher, klagender Laut, der Johann eine unsägliche Angst einjagte. Es klang, als ob jemandem die Luft abgeschnürt würde, wie kurz vor dem Ersticken. Panisch drehte er sich um. Zuerst dachte er, es seien die Krähen oder der Rabe gewesen, doch das Geräusch war eindeutig aus dem Karren gekommen. Nun ertönte es wieder, ein leises Wimmern und Heulen. Auch der Fremde hatte es bemerkt.

»Katzen«, sagte er lächelnd. »Gleich fünf winzige Blagen hat meine alte Selena geworfen. Ich werd sie wohl allesamt ersäufen müssen, wenn sie weiter so jammern.«

Das Geräusch verstummte abrupt.

»Vergiss, was du gehört hast! Glaub mir, es ist besser für dich.«

Mit diesen Worten ließ der Zauberer Johann los. Er griff nach dem Käfig, wandte sich um und ging auf den Kutschbock zu. Eilig stieg er hinauf, stellte den Käfig neben sich ab und nahm die Zügel in die Hand. Die schwarzen Vögel musterten Johann mit kleinen, bösen Augen.

»Muss weiter«, sagte der Zauberer mit ungeduldiger Stimme. »Bis die Sonne untergeht, will ich in Bruchsal sein. Es gibt noch viel zu tun. Sehr viel, und man wird nicht jünger!« Er lachte laut und meckernd, dann wurde sein Blick plötzlich wieder ernst.

»Die Linien«, murmelte er ein weiteres Mal. »Geboren am Tag des Propheten …« Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Nun, kleiner Faustus, mag sein, dass wir uns irgendwann einmal wiedersehen. Die Sterne lügen nicht!«

Er schnalzte mit den Zügeln, und der Karren setzte sich in Bewegung.

Während der Wagen langsam auf das Untere Tor zurollte und in den Herbstnebel eintauchte, hörte Johann noch einmal den hohen, klagenden Laut. Im letzten Augenblick, kurz bevor der Karren hinter einem der letzten Häuser verschwand, ging ein Zittern durch die Plane, sie dehnte und wölbte sich, als würde jemand verzweifelt von innen dagegendrücken. Dann zog sich der Nebel vor den Wagen wie ein weißer Vorhang.

Noch eine ganze Weile blieb Johann in der Mitte der Gasse stehen, unfähig, sich zu rühren. Er kam sich vor wie in einem Traum. Was war Zauber, was Wirklichkeit? Endlich schüttelte er sich und ging mit zitternden Knien um die Kirche herum, zurück zum lärmenden Markt, wo ihn die Menschenmassen sofort mit sich rissen. Die Gaukler spielten zum Tanz auf, die Krüge kreisten, und während die Sonne langsam hinter den Stadtmauern unterging, feierten die Knittlinger den Tag der Apostel Simon und Judas, den vielleicht letzten warmen Tag des verbliebenen Jahres.

Schon jetzt wusste Johann: Wie viele Jahre auch vergehen mochten, er würde den Zauberer nie vergessen.

Erster Akt

Der Mann aus dem Westen

1

Anno Domini 1494, acht Jahre später …

Die Sonne brannte so heiß, als wollte sie die Welt entzünden.

Mit geschlossenen Augen lag Johann auf dem Rücken und ließ die Wärme in seinen Körper fließen. Der Winter war lang gewesen und in einen feuchten, klammen Frühling übergegangen. Es hatte viel geregnet und auch gehagelt, die erste Saat war von einem sintflutartigen Gewitter fortgespült worden, wie so oft in den letzten Jahren hier im Kraichgau, nördlich des Schwarzwalds. Erst jetzt im Juli schien der Sommer wirklich angekommen zu sein. Das Korn stand hoch auf den Feldern rund um Knittlingen und bot ein wunderbares Versteck, um zu dösen, zu träumen, sich vor der Arbeit zu verstecken.

Oder für den ersten, heimlichen Kuss.

Johann blinzelte, fast unmerklich wandte er den Kopf und sah, dass Margarethe ebenso reglos dalag wie er und die Wärme genoss. Seit einer ganzen Weile schwiegen sie schon, während der Wind sanft über die Ähren strich und von fern das Tschilpen der Schwalben herüberwehte. Heute, am Tag des Herrn, blieben die meisten Knittlinger Bauern zu Hause oder suchten eine der vielen Weinschenken auf, nur wenige arbeiteten auf den Feldern. Ein uraltes, verwittertes Steinkreuz inmitten eines Roggenfeldes bildete den Mittelpunkt ihres Verstecks, Johann hatte den Boden darum erst gestern platt getrampelt. Solange man dort saß oder lag, konnte einen keiner sehen.

Es war das perfekte Liebesnest.

Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, Margarethe hierher zu locken. Seit Tagen war er um sie herumgestrichen, hatte aber nicht den Mut aufgebracht, sie anzusprechen. Schließlich hatte er ihr einen verschlüsselten Brief geschrieben, wie er das schon öfter getan hatte. Das war seit einigen Jahren ihr kleines Geheimnis. Johann pikste mit einer Nadel winzige Löcher in einzelne Buchstaben, zusammen ergaben sie eine Botschaft.

Diesmal lautete die Botschaft, dass sie ihn hier treffen sollte und er ihr ein neues Kunststück zeigen würde. Was dieses Kunststück war, hatte er nicht geschrieben.

In den letzten Jahren war Johann oft hinüber zum Knittlinger Pfleghof gegangen, der nur einen Steinwurf weit von dem Haus seiner Eltern entfernt lag. Solange er denken konnte, lachte Margarethe über seine Gaukeleien und hörte ihm zu, wenn er ihr Äsops Tiergeschichten erzählte oder etwas aus den lustigen griechischen Komödien, die er in der Maulbronner Bibliothek aufgestöbert hatte. Früher hatten sie oft im Heu gespielt oder sich im großen Fruchtkasten des Pfleghofs versteckt. Doch mittlerweile waren sie keine Kinder mehr, erster schwarzer Flaum zeigte sich in Johanns Gesicht, vor ein paar Monaten war er sechzehn geworden, ebenso wie Margarethe. Ihr warfen die Knittlinger Burschen schon seit Längerem begehrliche Blicke zu.

Aus dem kleinen, ungekämmten, strohblonden Gör mit dem schmutzigen Kleid war ein aufgewecktes Mädchen geworden, das beinahe zur Frau gereift war. Ihre Haut war im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen ihres Alters nicht braun gebrannt, sondern fast marmorweiß wie die einer vornehmen Prinzessin, gesprenkelt mit Sommersprossen; unter ihrem Mieder wogte trotz ihrer jungen Jahre ein üppiger Busen. Vor allem aber war Margarethe die Tochter des Knittlinger Pflegverwalters und damit die beste Partie der Stadt. Und er, Johann Georg Gerlach, zweitjüngster Sohn des Groß­bauern Jörg Gerlach, hatte es geschafft, sie mit in die Felder zu nehmen.

Blieb nur die Frage, wie es nun weiterging.

Verlegen rekelte Johann sich und gähnte laut. Margarethe drehte ihm den Kopf zu. Ihre Augen waren blau wie die Kornblumen, die im Roggenfeld wuchsen. Sie streckte sich und richtete sich auf.

»Hast du nicht gesagt, du wolltest mir ein neues Kunststück zeigen?« Sie sah ihn halb neugierig, halb herausfordernd an. »Deshalb sind wir doch hierhergekommen. Oder hattet Ihr mit mir armem, unschuldigen Weibsbild vielleicht etwas anderes vor, Herr Johann Georg Faustus?« Wie so viele andere im Ort sprach sie seinen Spitznamen mit spöttischem Unterton aus, trotzdem nahm er es ihr nicht übel.

»Nein, nein.« Hastig erhob sich Johann und nestelte unter seinem Wams einen Packen abgegriffener Spielkarten hervor. »Das hier ist …«

Er brach ab, als er Margarethes enttäuschtes Gesicht sah. »Du willst mit mir Karten spielen? Das machst du besser mit den Burschen im Wirtshaus.« Sie drohte mit dem Finger. »Wenn sie dich nicht vorher einsperren!« Das Spiel mit Karten war ziemlich neu und von der Obrigkeit nicht gern gesehen, die Kirche nannte die Karten deshalb auch »das Gebetbuch des Teufels«.

»Warte doch erst einmal ab!« Johann hielt ihr den Stapel wie einen Fächer hin. »Hier, nimm eine Karte, irgendeine. Und denk dabei an deinen Liebsten.«

»Was fällt dir ein, du frecher Kerl. Den Teufel werd ich tun!« Margarethe kicherte. Trotzdem griff sie sich eine Karte. Sie überreichte sie Johann, der sie mit theatralischer Gebärde aufdeckte.

Es war der Herzbube, der eine Rose in der Hand hielt.

Mit einem triumphierenden Lächeln steckte Johann die Karte zurück in den Stapel. »Offenbar hast du doch an deinen Liebsten gedacht.«

»Das war reiner Zufall. Lass es mich noch mal versuchen.« Erneut nahm Margarethe eine Karte, und wieder war es der Bube mit der Rose. Als der Trick auch beim dritten Mal gelang, klatschte sie begeistert in die Hände, so wie sie es früher oft getan hatte. »Wie hast du das gemacht?«, fragte sie ungeduldig. »Nun sag schon!«

Johann grinste. Es waren diese Unschuld und ihre Begeisterungsfähigkeit, was ihn an Margarethe so faszinierte. Sie schien nie traurig, nie grübelte sie so wie er. Ihr Lachen war glockenhell, und wenn er es quer über den Kirchplatz hörte, schwanden auch seine düsteren Gedanken, die ihn manchmal wie träge Motten umschwirrten.

»Es ist Magie«, verkündete er mit theatralischer Stimme.

»Magie? Pah, von wegen! Du bist nichts weiter als ein Scharlatan. Na warte!«

Margarethe riss ihm die Karten aus der Hand, die in einem wilden Regen zu Boden flatterten. Lachend fiel sie über ihn her, und schon bald balgten sie sich wie zwei junge Hunde. Ein wohliger Schauer durchfuhr Johann. Auch früher hatten sie schon miteinander getollt, doch das Gefühl, das sich nun bei ihm einstellte, wenn Margarethes Schenkel an den seinen rieben, war neu.

Neu und sehr, sehr schön.

»Was ist denn das?«, fragte Margarethe kichernd und legte ihm die Hand an den Schritt. »Etwa ein weiterer Stapel Karten?«

Im Grunde war Johann in Margarethe verliebt, seit er denken konnte. Unter all den Knittlinger Mädchen, von denen ihm die eine oder andere gelegentlich einen anzüglichen Blick zuwarf, war sie die Einzige, die ihn wirklich interessierte. Doch nach wie vor fiel es ihm schwer, ihr dies zu zeigen. Eigentlich galt er als äußerst schlagfertig, seine knappen Reden waren meist von beißendem Spott begleitet, und viele Knittlinger schimpften ihn deshalb vorlaut und neunmalklug – ­allein bei Margarethe fehlten ihm immer noch oft die Worte, wie schon als kleiner Bub. Auch jetzt fiel ihm keine Antwort auf ihre kokette Frage ein.

»Da … da ist nichts«, erwiderte er matt.

»Ist nichts? Das will ich sehen, ob der Herr Faustus, Knittlingens größter Gaukler und Aufschneider, nichts in der Hose hat!«

Margarethe wollte ihn zu Boden drücken, doch Johann war schneller und warf sich auf sie.

»Aufschneider!«, keuchte sie, ihre Augen funkelten in einer Mischung aus Furcht und Verlangen. »Du bist nichts weiter als ein Aufschneider. Gib es zu!«

Johann hatte gehofft, sie mit dem Kartentrick beeindrucken zu können. Seitdem er vor nunmehr acht Jahren den unheimlichen Zauberer auf dem Jahrmarkt gesehen hatte, war er von Taschenspielertricks fasziniert – sehr zum Leidwesen seines Vaters, der so etwas für ketzerischen Unfug hielt. Johann zauberte Münzen aus Ohren, steckte lebendige Mäuse in seine Taschen, woraufhin sie unter viel Geschrei und Gekreische unter Margarethes Schürze wieder hervorgekrabbelt kamen, jonglierte mit Bällen, Messern und Fackeln und verwandelte sauren Wein in süßen, indem er über den Becher pustete. Sooft Gaukler und Spielleute in die Stadt kamen, schaute er ihnen ihr Handwerk ab. Manchmal erklärten sie ihm ihre Tricks, und er übte heimlich im Stall hinter dem Haus. Dadurch war sein Ruf unter den Knittlingern nicht gerade besser geworden. Die Leute hielten die Gaukelei für ein Gewerbe des Teufels – auch wenn sie den fahrenden Spielleuten in ihren schrill bunten Gewändern gern zusahen.

Während sie durch das Feld tollten, spürte Johann in seiner Hosentasche den kleinen ledernen Beutel, den er heute früh noch eingesteckt hatte. Darin befand sich ein seltsames Pulver, das er von einem reisenden Gaukler erst letzte Woche für eine dicke Scheibe Speck und zwei Eier erworben hatte. Wenn man es entzündete, rauchte, blitzte und knallte es. Johann hatte gehofft, Margarethe damit später noch imponieren zu können.

Doch vielleicht brauchte er das Pulver auch gar nicht mehr.

»Ha! Jetzt hab ich dich!«

Mit einem Schrei warf sich Margarethe erneut auf ihn. Ihre Hände drückten Johanns Arme zu Boden, was er sich nur zu gerne gefallen ließ. Ihr Gesicht war jetzt ganz nahe über dem seinen, er konnte ihren warmen Atem riechen und ihr Haar, das schwach nach Honig, Heu und Sonne duftete. Ihre Hüften rieben aneinander, er spürte Margarethes schweißnasse Haut unter dem dünnen Kleid. Auf diesen Moment hatte er schon so lange gewartet.

Eigentlich sein ganzes Leben.

»Du … du … Scharlatan«, keuchte Margarethe. »Johann Georg Gerlach, du bist nichts weiter als ein Scharlatan. Aber zugegeben, ein sehr … liebreizender Scharlatan.«

Plötzlich bekamen ihre Augen etwas Verträumtes, sie beugte sich noch tiefer über ihn, bis sich ihre Lippen fast berührten.

»Du bist etwas Besonderes«, sagte sie leise und strich ihm die kohlschwarzen Strähnen aus dem Gesicht. »So anders als all die anderen Burschen. Was ist dein Geheimnis, Johann Faustus? Sag mir, was ist dein Geheimnis …?«

Johann stand der Schweiß auf der Stirn. Es war so heiß und schwül wie in einem Backofen, sein Mund war ganz ausgetrocknet.

»Margarethe, ich …«, flüsterte er.

Finger krallten sich in seinen Oberarm und rissen ihn abrupt empor. Margarethe schrie überrascht auf, als auch sie von einer Hand gepackt und hochgezogen wurde. Zwischen ihnen stand Johanns Vater, ein stämmiger, stiernackiger Mann mit sonnenverbranntem Gesicht, er schüttelte die beiden Jugendlichen wie zwei junge Katzen. Schließlich ließ er Margarethe los und verpasste gleich darauf Johann eine schallende Ohrfeige, dass er rücklings ins Korn fiel.

»Verdammt, was fällt dir Burschen ein?«, schrie Jörg Gerlach seinen halbwüchsigen Sohn an. »Die Tochter des Pflegverwalters! Bist du noch bei Trost? Du kannst bloß beten, dass ihr Vater nichts davon erfährt, sonst prügelt er dich von einem Stadttor zum anderen!«

»Aber wir haben doch gar nichts gemacht!«, beteuerte Margarethe.

Gerlach hob den Finger, er zitterte vor Zorn. »Ich bin nicht dumm, Mädchen! Ich weiß, was ich gesehen habe. Ihr seid keine Kinder mehr. Mir macht ihr nichts vor!« Abfällig streifte sein Blick Johann, der noch immer zwischen den Ähren lag und sich ein Rinnsal Blut von den Lippen wischte. Dann wandte er sich wieder Margarethe zu. »Viel zu lange habe ich geduldet, dass mein Sohn dir schöne Augen macht. Mit seinen verfluchten Taschenspielereien verzaubert er dich, und du gehst ihm auf den Leim wie eine dumme Drossel!«

»Aber, Vater …«, begann Johann und rieb sich die glühende Wange. Er versuchte, seine Wut zu dämpfen. Wenn er den Vater jetzt noch weiter reizte, würde er ihm den Umgang mit Margarethe vollends verbieten. »Es … es ist wirklich nichts geschehen.«

»Nichts geschehen?« Gerlach drehte sich abrupt zu ihm um. »Weißt du denn nicht, was du mit deinen Gockeleien anrichtest? Margarethe ist einem Brettener Kaufmannssohn versprochen! Und der wird keine zur Frau nehmen, die schon ein anderer begrapscht hat. Dann erhöht mir der Knittlinger Pflegverwalter aus Rache den Zins! Wegen dir bin ich ohnehin schon das Gespött der ganzen Stadt. Du ruinierst meinen Ruf nicht noch weiter. Du nicht!« Mit seinen Füßen zerstampfte er die Spielkarten, die verstreut auf dem Boden lagen. Der Bube mit der Rose lugte kot- und dreckverschmiert unter seinem Absatz hervor.

»Teufelszeug!«, keuchte Gerlach.

Johann rückte ein Stück weg. Dass Margarethe einem Kaufmannssohn versprochen war, war bislang nur ein Gerücht gewesen, sie selbst hatte es nie erwähnt. Doch mit den Worten seines Vaters war das Gerücht nun Wirklichkeit geworden – und der Traum von ihm und Margarethe zerplatzt wie eine Seifenblase. Das schmerzte viel mehr als die Ohrfeige.

»Teufelszeug!«, schrie Jörg Gerlach ein weiteres Mal und zerriss den Herzbuben in kleine Fetzen. »Vermaledeites, ketzerisches Teufelszeug! Gemacht für Gaukler, Lumpen und Betrüger!«

Noch nie hatte Johann seinen Vater so wütend erlebt, sein Gesicht war puterrot vor Zorn. Es war, als würde nun alles herausbrechen, was schon lange in ihm gärte. Sie hatten sich noch nie gut verstanden, doch in letzter Zeit war die Distanz zwischen ihnen immer größer geworden. Johanns ältere Brüder, Karl und Lothar, hatten die ganze Liebe des Vaters. Er nahm sie mit zu Ausritten, sie begleiteten ihn auf Märkte in der Nachbarschaft, und Karl, der Älteste, durfte mit dem Vater im Wirtshaus sogar am gleichen Tisch sitzen und mit ihm Wein trinken. Die Gerlachs waren eine angesehene Großbauernfamilie, ihr Haus stand gleich neben der Knittlinger Kirche. Und schon jetzt war klar, dass Karl den Hof erben würde, während Lothar, der im Pfleghof beim Schmied als Geselle arbeitete, irgendwann dessen Esse übernahm. Die beiden Jüngeren, Johann und der erst siebenjährige Martin, würden hingegen leer ausgehen.

»Ich will dieses picklige Brettener Bürschlein nicht zum Mann!«, begehrte Margarethe jetzt auf. Sie war aufgesprungen und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich hab ihn erst zweimal gesehen, aber das reicht mir. Der Adalbert Schmeltzle ist dumm wie Stroh, und seine Zähne sind schief wie die eines Ackergauls. Eher geh ich ins Kloster!«

Jörg Gerlach verzog höhnisch das Gesicht. »Ich fürchte, das hast du nicht zu bestimmen, Mädchen. Das machen immer noch die Väter miteinander aus. Und jetzt lauf nach Hause, bevor sich noch herumspricht, dass du hier mit meinem Sohn im Korn liegst. Und du …« Er drehte sich zu Johann um. »Du solltest besser auch auf dem schnellsten Weg heimgehen. Der Mutter geht es wieder schlechter, sie hat nach dir gerufen.« Er schüttelte den Kopf. »Schämst du dich denn nicht? Während du hier im Korn herumtollst, hustet deine Mutter so heftig, als wäre heute ihr letzter Tag auf Erden! Hast du nicht versprochen, dich um sie zu kümmern – wenn du sonst schon zu nichts nütze bist?«

Johann, der aufgesprungen war, krümmte sich wie unter einem Hieb. Sein Vater schien zu merken, wie das schlechte Gewissen an ihm nagte, und setzte nach.

»Der Pfarrer meinte nach der Messe, er werde ihr wohl schon bald die Letzte Ölung geben. Wer weiß, wie lange sie noch unter uns weilt.« Grimmig nickte er. »Vielleicht ist es besser, wenn es nun bald zu Ende mit ihr geht. Für sie, für uns alle …«

»Wie kannst du so über die Mutter reden? Du … du …«

Johann hob den Arm wie zum Schlag, erst im letzten Moment ließ er ihn wieder sinken. Unvermittelt wandte er sich um und begann zu rennen. Durch die hohen Ähren stürmte er davon, der Stadt entgegen, beinahe blind und taub vor Trauer. Auch Margarethes verzweifelte Rufe vernahm er nicht mehr, stattdessen stolperte er auf das Stadttor zu, in den Augen Tränen der Wut und der Verzweiflung. Auch wenn er wusste, dass sein Vater ihm nur wehtun wollte, ahnte er doch, dass es im Grunde die Wahrheit war.

Seine Mutter lag im Sterben.

Mit zusammengepressten Lippen rannte Johann weiter, durch das offene Stadttor hindurch, vorbei an dem dösenden Wächter. Jetzt um die Mittagszeit waren die Gassen von Knittlingen wie ausgestorben. Selbst im Schatten war es unerträglich heiß, seit Wochen hatte es nicht mehr als ein paar Tropfen geregnet. Ungeachtet der Hitze lief Johann hinauf zur Kirche, die auf einem flachen, nach Norden hin abfallenden Hügelkamm lag. Aus den Wirtshäusern ringsum drang das Gelächter der Bauern und Handwerker, die nach der Sonntagsmesse zum Frühschoppen eingekehrt waren. Jemand rief ihm etwas zu, doch er blieb nicht stehen. Die grausamen Worte seines Vaters hallten noch in ihm nach.

Wer weiß, wie lange sie noch unter uns weilt …

Er hätte seine Mutter nicht allein lassen sollen, nicht so lang! Sein Vater wusste immer, wie er ihn am schlimmsten treffen konnte. Seit Jahren schon kränkelte die Mutter, die letzten Monate war sie gar nicht mehr aus dem Bett gekommen. Oft saß Johann bei ihr und las ihr aus Büchern vor, die er in der Maulbronner Bibliothek entdeckt und mit nach Hause genommen hatte. Oder er erzählte ihr Geschichten, die er in den Knittlinger Wirtshäusern von Reisenden aufgeschnappt hatte. Heute war der erste Tag seit Langem, an dem er nicht wenigstens für ein paar Stunden an ihrem Bett gesessen hatte.

Stattdessen war er hinaus auf die Felder gegangen und hatte sich mit einem Mädchen zum ersten Kuss getroffen. Einem Mädchen, das einem anderen versprochen war.

Schon heute Morgen hatte die Mutter arg gehustet, ihr Schleim war von roten Fäden durchzogen gewesen. Im Grunde war sie, solange Johann denken konnte, nie richtig gesund gewesen. Und ebenso lange hatte der Vater ihre Krankheit mit einer Kühle und Teilnahmslosigkeit behandelt, die Johann geradezu unheimlich war. Manchmal kam es ihm so vor, als wäre sein Vater insgeheim froh, wenn sie starb. Wäre sie ein alter Gaul, würde er ihr vermutlich den Gnadenstoß verpassen und sich nach einem jungen Pferd umsehen. Aber so überließ er es Johann, sich um seine kränkelnde Ehefrau zu kümmern.

Über die Jahre hatte Johann durch die vielen Besuche beim Knittlinger Bader einiges an medizinischem Wissen mitbekommen und in der nahe gelegenen Klosterbibliothek etliche Bücher über Heilkunde gelesen. Die meisten davon erschienen ihm allerdings unbrauchbar. Es war viel von Höllen­odem, Hexenschwefel und frommen Sprüchen die Rede, wirksame Rezepturen fand man darin eher weniger. So war es oft mit Büchern. Immer wenn man mehr erfahren wollte, beriefen sie sich auf Gott oder den Teufel.

Außer Atem erklomm Johann die letzte Steigung. Das Haus der Gerlachs lag oben am Hang, zwischen Leonhardskirche und Pfleghof. Es war ein stattliches, mehrstöckiges Anwesen mit angebauter Scheune und etlichen Ställen für Kühe, Pferde und Kleinvieh. Jörg Gerlach besaß rund um Knittlingen über sechzig Morgen Land und war damit einer der reichsten Bauern des Ortes. Ein Dutzend Mägde und Knechte arbeiteten für ihn.

Johann eilte durch die Tür, vorbei an der alten, tief gebeugten Magd, die im Gang am Herd eben ein Feuer entzündete. Auch seine beiden älteren Brüder Karl und Lothar waren da. Sie saßen am Tisch in der Stube und löffelten gierig Eintopf aus einer Holzschüssel. Vermutlich kamen sie gerade von der Arbeit. Mit ihren breiten Kreuzen und den starken Armen wurden sie auch am Sonntag zum Dreschen gebraucht. Johann hingegen war immer noch klein und eher schmächtig, zur Feldarbeit war er kaum zu gebrauchen. Als die beiden Brüder Johann kommen hörten, sahen sie verärgert auf.

»Hat dich der Vater endlich gefunden, du Faulpelz!«, brummte Karl, der Ältere. »Wenn du schon nicht auf dem Feld hilfst, kannst du wenigstens nach der Mutter sehen.« Er deutete auf die Tür zur Kammer. »Nun geh schon hinein, bevor sie wieder das ganze Bett und die Binsen besudelt.«

Johann biss sich auf die Lippen. Weder Karl noch Lothar hatten sich je um die Mutter gekümmert. Ihr Interesse an ihr schien an dem Tag erloschen, als sie die beiden Wonneproppen nicht mehr stillen konnte. Sie hatten die Mutter förmlich ausgesaugt. Seit Jahren schon empfanden Karl und Lothar die schwache, kränkelnde Frau im Hinterzimmer nur noch als Belastung.

»Jetzt geh schon!«, knurrte Lothar. »Oder muss ich dir erst Beine machen, du Schmalhans? Wir haben gerackert, während du vermutlich mal wieder nur Löcher in den Himmel gestarrt hast!«

Der Rauch des Kaminfeuers zog nur schlecht durch die Öffnung in der Decke ab. Durch den beißenden Qualm hindurch ging Johann schnellen Schritts über den niedrigen, mit rußigen Balken gestützten Flur nach hinten zur Kammer. Zaghaft klopfte er an, doch es kam keine Antwort. Nach kurzem Zögern trat er ein.

Im Raum roch es nach Kräutern, Erbrochenem und modrigen Binsen. Es war düster, denn die Fensterläden waren geschlossen, sodass kaum Licht eindrang. Der Bader vertrat die Meinung, die Sonne sei schädlich für die Mutter, schon das bloße Tageslicht könne auf lange Sicht tödlich sein. Auf dem Tisch in der Mitte der Kammer brannte ein einzelner Kienspan. Es gab eine grob gezimmerte Truhe, ein Kreuz an der Wand und ein Bett, in dem seine Mutter bleich und mit geschlossenen Augen unter einer dünnen Wolldecke lag. Für einen kurzen Moment glaubte Johann, sie wäre wirklich tot. Doch dann blinzelte sie und lächelte ihn an.

»Ah, mein Faustus«, sagte sie mit rauer Stimme. »Bist du zurück von deinem Spaziergang?«

Johann hatte ihr nicht erzählt, dass er sich mit Margarethe treffen wollte, wobei sie wohl etwas ahnte. Er nickte nur schweigend und strich ihr die schweißnassen Haarsträhnen aus der Stirn.

Das Gesicht der Mutter war klein und faltig wie bei einem aus dem Nest gefallenen Vogelküken, das Haar dünn und grau. Früher, in jungen Jahren, war sie eine wahre Schönheit mit blonden Ringellocken gewesen. Doch die Geburten von vier Kindern und ebenso viele Totgeburten sowie die zehrende Krankheit hatten aus ihr trotz ihrer noch nicht einmal vierzig Sommer eine alte Frau gemacht. Nur ihre Augen strahlten noch das Feuer aus, das den Bauern Gerlach wohl einst verzaubert hatte. Das und die große Mitgift, denn Johanns Mutter stammte aus einem reichen Bürgerhaus, der Großvater war einst in Mainz ein angesehener Goldschmied gewesen.

»Tu mir den Gefallen und öffne die Fensterläden«, bat sie Johann. »Ich möchte die Sonne sehen.«

»Aber der Bader …«, begann Johann.

»Der Bader ist ein elendiger Quacksalber«, unterbrach ihn seine Mutter hustend. »Und nun mach schon, bevor ich hier in der Dunkelheit wie eine Blume verwelke.«

Johann stieß die Läden auf, und sofort war der Raum in helles Licht getaucht. Staubflocken flirrten wie kleine Sterne durch die Luft, draußen roch es nach Sommer und Heu.

»So ist es besser. Komm, setz dich zu mir.« Sie deutete auf das Bett. Johann ließ sich neben ihr nieder, und die Mutter strich ihm über den Kopf. »Du hast so schönes schwarzes Haar, wie das Gefieder eines jungen Raben«, flüsterte sie.

»Der … der Vater meinte, es ginge dir schlechter«, sagte Johann leise.

Statt einer Antwort begann seine Mutter erneut zu husten, Johann reichte ihr einen alten schmutzigen Lappen. Sie spuckte hinein und ließ ihn danach kraftlos fallen. Zu seinem Erschrecken sah Johann, dass wieder einmal Blut daran klebte, wie schon öfter in den letzten Tagen. Doch er schwieg, auch um seine eigene Angst nicht noch ärger zu machen.

»Berichte mir, was sich die Reisenden in den Wirtshäusern erzählen«, bat seine Mutter schließlich.

Johann zögerte kurz. Dann fing er an zu sprechen, wobei seine Stimme mit der Zeit immer fester wurde. Früher hatte sie ihm von der weiten Welt erzählt, nun war er ihr Fenster nach draußen. Seit Jahren schon hielten sie es so.

»In Speyer haben sie einen Straßenräuber gerädert, der mit seiner Bande die Reichsstraße unsicher gemacht hat«, begann er. »Fünf Kaufleuten soll er eigenhändig die Kehle durchgeschnitten haben. Der Hans Harschauber vom »Löwen«-Wirt hat die Hinrichtung mit eigenen Augen gesehen, es war ein großes Spektakel mit vielen Hundert Zuschauern!«

»Und weiter?«, fragte die Mutter mit geschlossenen Augen, ihr Atem ging ruhig.

»Nun, im benachbarten Württemberg murren die Bauern wegen des zu kalten Frühlings, der schlechten Ernte und der hohen Abgaben. Etliche sind letzten Winter verhungert oder in die Wälder gegangen. Graf Eberhard ist wohl ein recht strenger Landesherr. Ach ja, und bei Venedig hat es einen großen Fisch an Land gespült. Er soll so riesig sein wie der Kölner Dom!«

Seine Mutter lachte, woraufhin sie ein weiterer Hustenanfall übermannte. »Was sind denn das für Schauergeschichten!«, keuchte sie. »Und so was glaubst du?«

»Ein venezianischer Händler ist im »Löwen« abgestiegen. Er hat es selbst erzählt!«

Seit ein paar Jahren führte eine neue Poststraße, die von den Niederlanden bis nach Tirol und von dort weiter über die Alpen ging, unmittelbar an Knittlingen vorbei. Mit den berittenen Boten kamen auch viele Reisende in die Stadt. Wann immer er konnte, saß Johann an einem versteckten Platz im Gasthaus »Zum Löwen« und lauschte ihren Geschichten. Auch seine Mutter hatte das früher, als sie noch gesünder war, oft getan. Die Fremden erzählten von einer Welt, die viel größer, bunter und herrlicher war, als Johann je zu träumen wagte.

»Gib mir deine Hand, mein Junge«, forderte ihn die Mutter plötzlich auf. Johann rückte näher und streckte den Arm aus. Fest drückte sie die Hand, so fest, dass es Johann fast ein wenig schmerzte. Er hatte gar nicht gewusst, dass seine Mutter noch so viel Kraft besaß.

»Mein kleiner Johann«, flüsterte sie. »Mein Faustus, mein Glückskind.«

So nannte sie ihn nur, wenn sie allein waren. Einmal hatten seine älteren Brüder den Kosenamen gehört und ihn wochenlang damit aufgezogen. Sie wussten, dass ihn die Mutter verhätschelte, und waren deshalb eifersüchtig.

»Warum nennst du mich Glückskind, wenn ich doch gar kein Glück habe?«, fragte er. »Keiner mag mich, und der Vater meint, ich sei ein rechter Faulpelz und Schwächling. Hätte immer nur Flausen im Kopf.«

»Ach, der Vater. Lass den alten Sturkopf doch reden, wen kümmert’s?« Sie lächelte, und kurz sah Johann in ihren Augen das junge, schöne blond gelockte Mädchen von einst. Jung und schön wie Margarethe, mit einem ebensolchen glockenhellen Lachen.

»Ich weiß, dass mehr in dir steckt«, fuhr sie fort und tätschelte seine Hand. »Du stellst eben zu viele Fragen, das mögen die Leute nicht. Sie glauben nur das, was sie sehen und was schon immer so war. Du aber blickst hinter die Dinge. Das hast du immer schon getan, bereits als kleiner Junge.« Sie hob ein wenig den Kopf. »Wie geht es dir in der Lateinschule?«

»Gut. Sehr gut sogar.« Johann nickte. Der Gedanke an die Schule hellte seine Stimmung ein wenig auf.

Die Mutter hatte vor einigen Monaten durchgesetzt, dass er in die höhere Lateinschule gehen durfte, obwohl seine Schulzeit eigentlich bereits beendet war. Der Vater war zunächst dagegen gewesen, wohl vor allem deshalb, weil die Lateinschule teuer war und eigentlich nur den reichen Bürgerssöhnen offenstand. Doch Jörg Gerlach hatte schnell gemerkt, dass seiner Frau dieses Anliegen sehr wichtig war und er sonst wohl nie seine Ruhe finden würde. Seitdem lernte Johann Latein und erfuhr so einiges über Grammatik, Arithmetik und sogar ein wenig über Astronomie. Die Stunden in der Lateinschule waren neben den Ausflügen zum nahe gelegenen Kloster Maulbronn Johanns kleine Fluchten aus dem grauen Alltag der Stadt. Manchmal träumte er davon, an ­einer Universität zu studieren, in Heidelberg oder noch weiter weg. Aber er wusste, dass der Vater ihm dies niemals erlauben würde.

»Pater Bernhard hat uns letztens die Himmelskörper und die Sternbilder erklärt«, fuhr er fort. »Er meinte, es gebe Gelehrte, die behaupten, dass nicht die Erde der Mittelpunkt des Himmels ist, sondern die Sonne.«

»Was für eine Ketzerei!« Die Mutter schmunzelte. »Das lass nur nicht den Knittlinger Pfarrer hören.«

»Am nächsten Sonntag will der Pater mit uns in der Nacht die Sterne beobachten, vom Kirchturm aus. Er hat sogar ein Astrolabium! Damit zeigt er uns die Sternbilder, mit denen sich die Seeleute auf ihren Fahrten orientieren. Kassiopeia, den Großen Wagen, die Fische, den Skorpion …« Johann zögerte.

»Was hast du?«, wollte seine Mutter wissen.

»Du hast oft gesagt, dass ich unter einem guten Stern geboren bin. Deshalb weiß ich auch so genau den Tag meiner Geburt. Was für ein Stern war es denn?«

»Nun, welcher wohl, du Dummerjan?« Die Mutter zwinkerte ihm zu, und wieder glaubte er, in ihren Augen das junge Mädchen von einst zu sehen. »Es war der Jupiter, der Glücksplanet! Wer unter dem Jupiter geboren ist, mit dem hat Gott Großes vor. So einer besitzt eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit und Erkenntnis. Nie zufrieden ist er, sondern will allen Dingen auf den Grund gehen. Ein Schürfender im Bergwerk des Wissens, ein ewig Suchender. Und einer, der die Menschen führen kann.«

»Woher weißt du das alles?«

Sie stockte plötzlich. »Ein … ein kluger Mann hat es mir einmal gesagt, ein sehr kluger, weit gereister Mann. Er war ein Weiser, trotz seiner noch jungen Jahre. Er sagte mir, dass das Schicksal auf dich ganz besonders herabschaut. Deshalb habe ich dich auch Faustus genannt. Es war der Einfall dieses Mannes. Geboren am Tag des Propheten, das hat er damals gesagt.«

Johann runzelte die Stirn. So hatte die Mutter noch nie mit ihm geredet. Ganz verschwommen erinnerte er sich daran, dass schon einmal jemand von einem Propheten gesprochen hatte. Es war der Zauberer gewesen, den er an jenem denkwürdigen Jahrmarktstag vor vielen Jahren kennengelernt hatte.

»Wer war dieser Mann?«, wollte er wissen.

Wieder zögerte die Mutter. »Er ist weggegangen, vor langer Zeit. Er … er kam aus dem Westen …« Ein neuer Hustenanfall schüttelte sie. Diesmal war er so heftig, dass Johann fürchtete, sie würde ersticken. Als sie ihm schließlich kraftlos den schmutzigen Lumpen entgegenstreckte, war er rot von Blut. Johann sprang vom Bett auf.

»Du … du brauchst eine Arznei«, sagte er. »Und zwar schnell! Ich werde gleich zum Bader gehen.«

Seine Mutter schloss die Augen und atmete schwer. »Vergiss den Bader. Ich hab dir schon oft gesagt, er ist ein Quacksalber. Nicht besser als die vielen, die sich auf den Jahrmärkten herumtreiben. Alles, was ich brauche, ist Ruhe. Ruhe und die Geschichten, die du mir erzählst.«

Tatsächlich war der Knittlinger Bader ein alter Saufkopf, der glaubte, alle Krankheiten mit Aderlass und Purgieren heilen zu können. Von neuen Heilkünsten, aber auch vom alten Wissen der Mönche und arabischen Gelehrten hielt er nichts. Doch einen Arzt gab es nicht in Knittlingen, und der Stadtphysicus im nahe gelegenen Bretten war viel zu teuer.

»Dann … dann gehe ich hinüber ins Maulbronner Kloster«, schlug Johann vor. »Pater Antonius weiß sicher ein Mittel. Er hat uns schon öfter geholfen.«

Doch die Mutter antwortete nicht mehr, sie schien zu schlafen. Ihr Atem ging schwach, aber wenigstens wieder ruhiger. Johann drückte ihre Hand.

»Ich werde nach Maulbronn gehen, zu Pater Antonius«, flüsterte er. »In ein paar Stunden bin ich wieder da. Versprochen.«

Noch einmal strich er ihr über die Wange. Dann verließ er leise die Kammer.

***

Eine ganze Weile sah ihm die Mutter nach. Selbst als die Tür schon lange hinter Johann zugefallen war, lag ihr Blick noch auf dem wurmstichigen, mit Astlöchern durchsetzten Tannenholz. Als Kind hatte sich Elisabeth Gerlach immer einen Prinzen erträumt, einen Mann, der sie mit seinem weißen Ross weit weg in ferne Länder brachte. Doch alles, was sie bekommen hatte, war ein versoffener Knittlinger Großbauer. Die anderen Mädchen hatten gesagt, Jörg Gerlach sei eine gute Partie, ein Bär von einem Mann und vor allem vermögend. Doch sein Geist war beschränkt, seine Seele wollte nicht fliegen, ihm reichten ein Krug Braunbier und ein dampfender Acker.

Schon bald nach der Heirat hatte Elisabeth gemerkt, dass sie mit Jörg Gerlach nicht glücklich werden würde. Aber wen kümmerte das schon? Keiner hatte gesagt, dass Glück und Freude in einer Ehe eine Rolle spielen sollten. Eine Ehe war dazu da, Kinder zu bekommen und die Arbeit im Haus und auf dem Feld gerecht zu verteilen. Und so schloss Elisabeth immer, wenn Gerlach sie bestieg und schnaufte und stöhnte, die Augen und träumte von ihrem Prinzen auf dem weißen Pferd und von den fernen Ländern.

Vier Söhne hatte sie geboren und war darüber krank und schwach geworden. Zwei waren wie ihr tumber Vater und einer, der jüngste, ein liebenswerter Krüppel, der vermutlich immer auf Hilfe angewiesen sein würde.

Nur Johann war anders.

Sie hatte es sofort gespürt, als er als Neugeborenes in ihren Armen lag. Diese wachen Augen, die alles aufzunehmen schienen, die die Welt aufsaugten wie ein Schwamm. Sie hatte immer gewusst, dass das Schicksal Großes mit ihm vorhatte.

Und auch der Mann aus dem Westen hatte es ihr gesagt und dabei seltsam gelächelt. Der schöne junge Mann mit dem rabenschwarzen Haar, weich wie Seide.

Ihr Prinz.

Elisabeth Gerlach schloss die Augen und träumte davon, dass der Mann zurückkam und sie auf seinem weißen Ross mitnahm, weit weg, in ein Land, wo es keine Krankheit und keine Schmerzen gab.

Geboren am Tag des Propheten …

»Mein Faustus«, murmelte sie. Sie hustete wieder und spuckte Blut in die Binsen. Dann schlief sie ein, ein winziger, verdorrter Körper, ausgezehrt von dem bisschen Leben, das ihr vergönnt war.

***