Der stumme Traum - Andreas Frey - E-Book

Der stumme Traum E-Book

Andreas Frey

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Beschreibung

Ben - ein junger Mann mit einem Traum. Eines Tages bietet sich ihm spontan die Gelegenheit, diesem Traum ein Stück näher zu kommen. Sein Handicap: ein Handicap, denn Ben ist stumm. Wird die Erfüllung seines Traumes daran scheitern?

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Lächerlich

Am anderen Tag

Der große Tag

Der Tag danach

Die Agentin

Drehtage

Der letzte Tag

Blick in den Spiegel

Erinnerungen an letzte Nacht

Premiere

Der Bär

Nach einer kurzen Nacht

Abschied

Ein neuer Weg

Danksagung

Anmerkung des Autors

Lächerlich

Die S-Bahn musste heute – wie auch die Tage zuvor - mal wieder eine Umleitung wegen des Baus der U-Strab fahren. Es konnte nur noch besser werden, dachte sich Ben, der den Kopf an die Scheibe gelehnt nach draußen, auf die vorüberziehenden Bauzäune blickte. Aber bald wäre die Zeit hier in Karlsruhe ja sowieso vorbei, denn seine Weiterbildung endete in absehbarer Zeit und dann ging der Arbeitsalltag wieder los. Auf der einen Seite freute er sich auf den Job, denn die Teilnehmer des Kurses waren alles andere als angenehme Zeitgenossen. Sicherlich gab es auch Ausnahmen – oder besser gesagt eine Ausnahme. Endlich war die S-Bahn wieder auf die Kaiserstraße aufgefahren, um ihren ursprünglichen Weg in Richtung Pfalz weiter fortzusetzen. Den Blick auf die Bauzäune hatte Ben nun unfreiwillig gegen den Blick auf die noch geschlossenen Fassaden und Schaufenster getauscht. Nichtsdestotrotz herrschte schon reges Treiben auf der Kaiserstraße: eilig rannten Leute noch zu den Haltestellen, Schüler standen in Gruppen beieinander, Zulieferwagen hielten in Mitten der Fußgängerzone und stellen die großen braunen Kartons, die sie abluden vor die Türen der kleinen Boutiquen. In den Bäckereien und Backshops standen die Leute Schlange, um sich etwas als Ersatz für das nicht gemachte Frühstück zu kaufen oder als Snack für die Zeit bis zur Mittagspause, vermutete er. Trotz, dass er in der S-Bahn saß meinte Ben, den Duft von frisch gebackenen Brötchen und Kuchen riechen zu können.

Am Ende der Kaiserstraße und vorbei am Reiter, musste Ben bald aussteigen. Er richtete sich aus seiner Schlafhaltung auf und fuhr sich mit den Händen durch das blond-braune Haar, das durch die Scheibe, an die er sich gelehnt hatte, platt gedrückt worden war. Mit diesem Wuschelkopf stand er nun auf, packte seine schwarze Umhängetasche und machte sich auf den Weg zur Tür, um den Knopf für den Haltewunsch zu drücken. Allerdings war er ein bisschen zu spät dran, denn das Licht leuchtete bereits.

Nachdem die S-Bahn ihre Geschwindigkeit verlangsamt hatte und endlich zum Stehen kam, fuhr das Trittbrett aus und die Türen schoben sich zu beiden Seiten auf. Und so verließ Ben die Bahn und schlurpte von der Haltestelle zunächst zur Ampel. Doch statt des erhofften grünen Männchens starrte ihn dessen roter zweieiiger Zwillingsbruder an und leuchtete ihm von der anderen Seite entgegen. Geduldig wartete Ben, bis die vorbeipreschenden Autos wieder an der dicken weißen Linie zum Stehen kamen und er endlich die Straße überqueren durfte. Er warf einen Blick auf die blau-weiße Preisanzeige der Tankstelle: E10 1,539 € - war schon teuerer, dachte er sich und lief dann den schmalen Weg zwischen Tankstelle und Gebäude nach hinten durch. Seine Weiterbildung fand in den Gebäuden der Volkshochschule Karlsruhe statt. Auf der einen Seite nicht ganz unpraktisch, denn die Bahn hielt direkt vor der Tür. Mit einem leichten Seufzer blickte er an der Fassade der VHS empor, während er über das Kopfsteinpflaster lief. Die wenigen Stufen ins Parterre nahm er Stufe für Stufe. Dann bog er erst einmal nach rechts ab, um sich am Automaten einen Kaffee zu ziehen. Nachdem er die Münzen in den Schlitz geworfen hatte und die Maschine sich auch schon in Bewegung setzte, um den Kaffee zu brühen, las er die Aushänge am schwarzen Brett. Die waren für Ben immer interessant, wer auf welche Art und Weise was verkaufen wollte oder gar suchte. Doch seit gestern gab es hier nichts Neues.

Die Tasche geschultert und den Kaffee in der Hand machte er sich nun auf den Weg in den dritten Stock.

Ben war – wieder einmal – der erste, der morgens im Klassenzimmer war. Er stellte seine Tasche an den Platz und lief zum Fenster hinüber, von wo aus er auf den Verkehr der Kaiserallee und der Kreuzung Yorkstraße blickte. Das Zählen der Autos und der vorbeifahrenden Straßenbahnen hatte er zu Beginn des Kurses gemacht, doch mittlerweile stand er morgens nur noch hier, blickte auf die vorbeirauschenden Lichter und nippte hin und wieder an dem brauen Plastikbecher mit seinem Kaffee.

Nach und nach kamen nun auch die anderen Teilnehmer des Kurses in den Raum. Nur das Abstellen der Taschen und Auspacken der Seminarunterlagen durchbrach die Stille, die hier herrschte, wenn die Reiß- und Klettverschlüsse geöffnet wurden. Man winkte sich zu und fragte sich höflichkeitshalber, wie es dem anderen ging, doch wer auf Worte oder besser gesagt Antworten hoffte, musste hier lange warten.

Ben blickte auf seine Armbanduhr und ohne auf sich lange warten zu lassen, betrat der Dozent den Raum. Zielgerichtet lief er nach vorne, stellte ebenfalls seine Tasche ab und warf einen ersten Blick in die Runde. Seine Schützlinge setzten sich auf ihre Plätze und richteten ihre Blicke nun nach vorn. Der Dozent – Herr Frey – begrüßte sie ebenfalls mit einer Geste, ehe er mit seinen Händen und Lippen die Frage in den Raum stellte, ob noch jemand der Anwesenden eine Frage zum gestrigen Stoff habe. Das Schweigen, das sowieso bereits im Raum lag, behielt Bestand. Und so drehte sich der Dozent zum Whiteboard, das hinter ihm hing, nahm einen der Stifte und schrieb in großen Lettern die Worte „ZIELE UND WÜNSCHE“ an die Tafel. Die Köpfe wurden gedreht und zueinander gesteckt. Man gestikulierte untereinander. Dann schlug mit einem Knall der metallene Koffer auf dem Pult auf und der Dozent kramte einen Stapel Moderationskarten heraus, die er reihum durchgehen ließ. Er deutete auf seine Uhr und zeigte seinen Schülern an, dass sie nun zehn Minuten Zeit hatten, die Aufgabe anzugehen. Ohne dass er es erwähnen musste, bedeutete dies, dass man im Anschluss nach vorne kommen und etwas zu seinem Kärtchen sagen musste.

Melissa machte den Anfang. Ihr Traum war Tierärztin, denn sie ritt schon seit sie sieben war. Außerdem hatte sie einen Hund, zwei Vögel und liebte Tiere. Am ehesten könnte sie sich vorstellen in einem Zoo zu arbeiten, denn dort hätte sie dann auch einmal mit exotischen Tieren zu tun.

Franks Wunsch war kurz und knapp: diesen Kurs so schnell wie möglich überstehen. Was zur allgemeinen Belustigung führte.

Sebastian folgte mit dem Wunsch die Leitung des Teams in dem Unternehmen, indem er arbeitete, zu bekommen. Doch war er gleich darauf sehr betroffen, denn wie er schon mitbekommen hatte, erfüllte er nur die Quote und wer wollte schon einen „Behinderten“ in der Führungsebene, der noch nicht einmal reden konnte, sondern nur wild mit den Händen um sich herumfuchtelte.

Dann kam Ben an die Reihe. Schüchtern erhob er sich und lief langsam nach vorne – quasi um Zeit zu schinden – doch es half ihm nichts. Und so nahm er einen der Magnete und heftete seinen Zettel ebenfalls an die Tafel. Zunächst verdeckte er mit seinem Körper noch das Kärtchen und er hielt in dieser Stellung auch einen Moment inne, denn er konnte sich schon denken, was nun folgte. Und es kam, wie er erwartet hatte, kaum dass er sich zur Seite drehte: gestikuliertes Gelächter schallte ihm entgegen. Der Dozent versuchte die anderen Teilnehmer in Schach zu halten, was ihm mehr oder minder gut gelang. Und nachdem sich die allgemeine Erheiterung nun langsam gelegt hatte, wandte sich der Dozent nun an Ben, um ihm die Gelegenheit zu geben, über seine Ziele und Wünsche zu sprechen. Eigentlich war es nur ein Wunsch: Schauspieler zu werden. Ben traute sich schon nicht mehr, überhaupt etwas dazu zu sagen. Es war ein Wunsch – sein Wunsch – an dem er hing und hoffte, dass er vielleicht irgendwann einmal in Erfüllung ging. Dieser Wunsch bedeutete ihm mehr als reich zu sein oder eine Führungsposition inne zu haben. Ben wollte schlicht und ergreifend auf die Bretter, die die Welt bedeuteten.

Nach Ben kamen noch die anderen Mitstreiter des Kurses, aber wie zu erwarten war von diesen Strebern, kamen hier die ernsten politischen und gesellschaftskritischen Themen zur Sprache. Dabei fragte sich Ben in seiner Niedergeschlagenheit, was das mit Wünschen und Träumen zu tun hatte.

Die Pause erlöste Ben von seinen Qualen: den Blicken und Gestiken der anderen. Er war ohnehin schon Zielscheibe ihres Spottes, aber nach dem heutigen Morgen, hatte er wohl dem Ganzen auch noch die Krone aufgesetzt.

Abgeschlagen und wie mit Füßen getreten sehnte er das Ende des heutigen Unterrichtstages herbei. Am liebsten hätte er sich auf der Toilette verkrochen oder wäre zum Koffein-Junkie geworden oder am besten umgekehrt, damit er heute nicht mehr in die Klasse zurück müsste. Aber er harrte der Dinge, die der Tag für noch bereithielt. Und so genoss er die Mittagspausenzeit, die er alleine verbringen konnte – und dies auch tat. Gemütlich lief er zum Bäcker und holte sich ein belegtes Brötchen und ein Plunderteilchen. Er liebte die Nussschnecken mit Zuckerguss. Danach ging es ihm auch schon wieder ein Stück weit besser. Nur noch vier Unterrichtsstunden ging es ihm Bissen für Bissen durch den Kopf und der angenehme Geschmack der gerösteten Haselnüsse und des leckeren Zuckergusses taten ihr Übriges dazu.