Zum Sterben zu Hause - Andreas Frey - E-Book

Zum Sterben zu Hause E-Book

Andreas Frey

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Beschreibung

Zum Sterben zu Hause Nach einem Besuch beim Arzt geht Andre mit einer für ihn unerwarteten Diagnose nach Hause. Was soll er jetzt nur tun? Er muss einfach raus hier! Und so beschließt er, (s)eine letzte Reise anzutreten. Aber pünktlich zum Sterben will er wieder zu Hause sein.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Feiern bis der Arzt kommt

Das will ich nicht hören

Ich muss einfach raus hier!

Alles einsteigen, bitte!

Platz 36 A / FRA-BCN

Viva España

Holy Lady Liberty

Say goodbye

Das Ende naht, ich kann es fühlen

Tick-tack, tick-tack, tick-tack

Arrival FRA 5:30 Uhr

WG

Plötzlich und unerwartet

Vorwort

Ein altes Sprichwort besagt: „Wenn einer eine Reise tut,…“ dann erlebt man nicht nur etwas, sondern man trifft auch auf viele neue Leute.

Während einer dreistündigen Zugfahrt habe ich mir Arbeit mitgenommen. Und so saß ich also an dem kleinen Tisch in Wagen 270 des ICE am Lektorat für eine Geschichte. Irgendwann kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der mir gegenüber Platz genommen hatte. Als er erfuhr, dass ich Autor bin, erzählte er mir eine Geschichte. Seine Geschichte. Die Geschichte von Andre und Jens.

BvN

by

Andreas Frey

Feiern bis der Arzt kommt

Mit einem „Klack“ schloss sich die Badezimmertür hinter Andre. Plötzlich trat Ruhe ein. Mit einigen Schweißperlen auf der Stirn stützte er sich auf dem Waschbeckenrand ab und schaute in den Spiegel.

„Du siehst Scheiße aus!“, sagte er zu seinem Gegenüber. Sein Kopf schien zu glühen, doch eigentlich fror es ihn - er hatte kalte Hände und kalte Füße. Warum musste ihm so etwas ausgerechnet heute passieren. Eine typische Frage, die man sich in einer solchen Situation stellt: Warum ich? Warum heute? Ausgerechnet heute, wo ihm der Sinn nach Feiern stand? Draußen saßen die Gäste und warteten sicherlich schon wieder auf ihn. Aber rausschmeißen konnte er sie auch nicht einfach grundlos. Schließlich feierte er heute nicht nur seinen halbrunden Geburtstag, sondern auch gleichzeitig die Einweihungsfeier für sein kleines Häuschen. Viele seiner Kumpels hatten hier mit Hand angelegt. Hatte ja auch lange gedauert, bis es endlich soweit war.

„Da hilft jetzt nur eines, mein Freund!“, sagte er zu seinem Spiegelbild. Dann öffnete er den Spiegelschrank, holte eine Schachtel Tabletten heraus und drückte sich eine der Schmerztabletten aus dem Blister. Schwungvoll schmiss er sich die Tablette ein und spülte sie mit etwas Leitungswasser hinunter. Beim Schlucken schloss er die Augen, als würde er einen Kloß hinunterwürgen müssen.

„Die wird sich schon mit dem Alkohol vertragen. Schließlich gibt es auch Arzneimittel auf Alkoholbasis.“

Mit diesen Worten schloss Andre den Spiegelschrank wieder und blickte sich noch einmal in die Augen. Nach einem tiefen Atemzug wandte er sich wieder zur Badezimmertür und verschwand in Richtung Party.

Kaum war Andre zurück im Wohnzimmer kamen auch schon die zig Fragen auf ihn hereingeprasselt, mit denen er sich schon teilweise im Vorfeld beschäftigt hatte, wie zum Beispiel Fragen nach der noch fehlenden Einrichtung (und Kommentare zur bisherigen). Was er jetzt alles mit dem Anbau vorhabe, wo einst die alte Scheune stand. Hier hagelte es förmlich Vorschläge, Meinungen und Anregungen, was man hieraus alles machen konnte. Er stellte recht schnell fest, dass sich die Meinungen der weiblichen Anwesenden doch stark von der der männlichen Partner unterschieden. Die Damen hätten dort eher ein Relaxzimmer, einen kleinen begehbaren Kleiderschrank und ein Gästezimmer eingerichtet und gleich noch ein Gäste-WC in der oberen Etage. Während die gestandenen Kerle des heutigen Abends eher eine Großbildleinwand mit Soundanlage als Einrichtung vorschlugen. Das Gästezimmer, so stimmten beide Parteien ab, sei eine gute Wahl, dass wenn die künftigen Treffen mit den Kumpels mal etwas feucht-fröhlicher ausfielen. Nach dieser Diskussionsrunde über Einrichtung, Funktionalität der Zimmer, Möbel und was noch alles geredet wurde, zog es Andre erst mal in die Küche, denn schließlich wollte er als Gastgeber ja, dass es sein Gästen an nichts mangelte.

In der Küche hatte er das Essen und die Getränke aufgebaut, denn in neunundneunzig Prozent der Fälle endet eine Party irgendwann in der Küche oder finden dort die meisten und interessantesten Gespräche und Begegnungen statt. Während Andre nach den Salaten schaute, die nächste Platte mit Häppchen aus dem Kühlschrank holte, auf den Tisch stellte und das nächste Baguette aufschnitt, kamen auch schon die nächsten Partygäste in die Küche. Zuerst füllten sie sich ihre Teller mit Salat, Brot, Soßen und was für Leckereien Andre noch alles aufgetischt hatte, ehe sie ihn dann mit den Fragen über seine Zukunftsplanung löcherten. Wie beim Flaschendrehen oder beim Heißen Stuhl, wurden die Fragen ohne viel Drumherum und Geplänkel gestellt, so dass man gleich auf den Punkt kam, schließlich ist Zeit Geld.

„Jetzt, wo Du das Haus hast, MIT einem großen Schlafzimmer und noch so vielen leeren Räumen, wie stellst Du Dir denn da die Familienplanung vor?“

Andre hätte sich denken können – und er hatte es sich auch gedacht – dass diese Frage früher oder später auf den Tisch kommt.

„Ich habe mein Dornröschen leider noch nicht gefunden, um sie aus dem Schlaf wach zu küssen und anschließend mit in meine Burg zu nehmen und zu ehelichen.“, gab Andre mit einem Lächeln zurück.

Danach folgten die Tipps der Fachfrauen, was Andre beachten sollte, wenn er wieder auf die Suche nach Dornröschen ging.

Der Abend hätte eigentlich ein toller Abend werden können, doch meist kommt es anders als erhofft. Und so kam es anders: Der große Zeiger der Uhr hatte seinen kleinen Bruder schon einige Male überholt und so war es nicht verwunderlich, dass bereits einige Flaschen leer waren – nicht nur die, der alkoholfreien Getränke. Andre war gerade oben im Schlafzimmer gewesen, um noch die Fenster aufzureisen, damit von dem lauen Lüftchen, das gerade wehte, vielleicht noch die ein oder andere Brise sich ins Schlafzimmer verirrte und die Hitze, die sich den Tag über angestaut hatte, hinauswehte. Gerade an der Badetür vorbei, ging diese auf und einer seiner Gäste blickte ihn überrascht und leicht erschrocken an. Schon an den Augen bemerkte Andre, dass diese glasig und leicht gerötet waren. Wohl einen über den Durst getrunken, ging es Andre durch den Kopf. Mit einem nicht mehr nüchternen Gang folgte Andre´s Gast. Als es dann an den Treppenabstieg ging, kam das ungleiche Paar ins Rollen, denn sein Gast verlor das Gleichgewicht, versuchte nach allem zu greifen, was er zu fassen bekam – in diesem Falle Andre – landete schließlich mit dem Hinterteil auf der Treppe und rutschte einige Stufen hinunter. Andre wiederum versuchte ebenfalls Halt zu bekommen, wobei er sich nach rechts drehte und dabei mit dem Hüftknochen auf die Kante des Fensterbrettes aufprallte und dann aber nach unten gezogen wurde, wo er sich versuchte abzustützen und nicht auf seinen Gast zu treten, was ihn akrobatisch und kunstvoll gegen das Geländer fallen lies, wo er mit der linken Seite aufschlug. Rippenbruch, ging es Andre durch den Kopf, als die Bewegung abrupt stoppte. Ein wirres Gefasel kam von der Treppe herauf. Zum Glück war ich nicht über das Geländer geflogen, sonst hätte ich mir gleich das Genick und vermutlich sämtliche Rippen gebrochen. Aber das würde mich dann wohl nicht mehr bekümmern, scherzte Andre im Stillen mit sich selbst.

„Verdammte Scheiße!“, schoss es stattdessen aus ihm heraus und in Null Komma Nichts standen am Fuß der Treppe auch schon ein Grüppchen der Gäste und blickte nach oben. Einige von ihnen kamen Andre entgegen und erblickten erst jetzt den Körper, der auf den Holzstufen lag und sich langsam und fluchend versuchte aufzurappeln, was aber nicht gelingen wollte. Plötzlich stellte einer der Helfer fest, dass irgendwo Blut herkommen musste, als er seine Hand erschrocken zurückzog.

„Ich rufe den Notarzt“, sagte Stephanie, die unten stand und ihre kleine Tochter auf dem Arm hielt. Mit diesen Worten verschwand sie in Richtung Küche. Es kam zwar ein Protest von dem Mann auf der Treppe, doch diesen bekam Stephanie nicht mehr mit. Andre tat seine linke Seite immer noch weh und er versuchte langsam seine Rippen abzutasten. Schmerzen durchzuckten ihn, als seine Fingerspitzen die Haut berührten. Fix und fertig ließ sich Andre erst einmal auf die oberste Stufe der Treppe nieder und blickte auf das Szenario, das sich ihm ein Stück weiter unten bot. Zwei Mann packten einen dritten und verfrachteten ihn so gut es ging auf die Zwischenebene der Treppe. Wie hatte der Abend auch nur so einen Verlauf nehmen können? Scheiß Sauferei, ging es Andre durch den Kopf, während er so da saß und vor sich hin starrte. Eigentlich hatte noch keiner gefragt, wie es ihm überhaupt ging, bemerkte er.

„Es geht mir gut, danke der Nachfrage!“, sagte Andre einfach frei heraus, worauf ein Moment der Stille eintrat und ihn alle anblickten. Dann setzte erneut ein Stimmengewirr ein und Jennifer kam zu ihm herauf und stellte sich so auf die Stufen, dass sie mit ihm auf Augenhöhe war.

„Und wie geht es Dir?“, fragte sie.

„Naja“, knirschte Andre, „ich denke es könnten ein paar Rippen gebrochen sein. Das tut einfach Scheiße weh, als ich da auf das Geländer gekracht bin!“, sagte er und tastete wieder mit den Fingern die Stellen ab, was zu einem erneuten stechenden Schmerz führte, der ihn die Augen zusammenkneifen ließ – was er ja im Vorfeld schon wusste, aber so konnte er wenigstens einen auf Mitleid machen, dachte er sich insgeheim. Andre hatte auch keine Acht darauf und kein Gefühl, wie viel Zeit bereits vergangen war, aber auf einmal kam der Notarzt zur Tür herein. Gefolgt wurde er von den Sanitätern des Rettungswagens. Plötzlich verloren sich die anderen Gäste in alle Himmelsrichtungen und machten Platz für den Gott in weiß und seine Helfer.

Andre blickte auf die unerwarteten Besucher, die sich fürsorglich um den gefallenen Gast kümmerten. Aber was war mit ihm, musste er sich selbst die Frage stellen. Wie er aus den Wortfetzen entnehmen konnte eine Platzwunde. Nähen. Die beiden Sanitäter halfen Klaus auf die Beine und führten ihn die Treppe hinunter. Andre hingegen stand wie angewurzelt da und betrachtete die Szenerie, die sich ihm bot, wie ein Zuschauer, den aber keiner beachtete. Keiner des Rettungsdienstes hatte zu ihm heraufgeblickt und sich nach seinem Befinden erkundigt. War Andre im falschen Film? War alles vielleicht nur ein böser Traum und er würde bald daraus aufwachen, weil der Wecker oder das Handy klingelte oder ihn irgendetwas oder irgendjemand aus dem Traumland ins Hier und Jetzt zurückholte? Aber es geschah nichts. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die linke Seite. Plötzlich drangen von unten Wortfetzen an sein Ohr, die ihn erlösend aus seinem Traum rissen.

„…Sturz… Andre… Treppe… Geländer…„

Die Stimmen waren auf einmal durcheinander, doch plötzlich stand einer der Sanitäter auf der Treppe und sein Kopf war auf Augenhöhe mit Andre. Nun endlich bekam er die Aufmerksamkeit, die er sich gerne als Opfer gewünscht hatte. Vorsichtig stand er auf oder besser gesagt, probierte es zumindest. Es kam ihm vor, als habe er einen zuviel getrunken, aber er war noch nüchtern - fast jedenfalls. Der Sanitäter begleitete auch ihn zum Rettungswagen. Er blickte in die offen stehende Tür und sah Klaus auf der Liege liegen, der Notarzt über ihn gebeugt. Als der Gott in weiß von dem Neuankömmling erfuhr, drehte er sich um und erkundigte sich nach seinen Wehwehchen. Andre zog sogar sein Hemd hoch, um die Stelle zu zeigen, was den Arzt aber nicht sonderlich beeindruckte und auch kein weiteres Mitleid entlockte. Um aber nicht ohne etwas getan zu haben, zog er sich an ein paar neue Handschuhe an und tastete die Stelle ab, die Andre ihm zeigte.

„Wird wohl die nächsten Tage blau. Da haben Sie sich sicherlich nur geprellt. Halb so wild. Das wird schon wieder.“

Dann drehte sich der Arzt um, holte eine Schachtel Tabletten hervor und eine Salbe.

„Hier bitte. Mit der Salbe einmal heute noch einreiben. Ruhe. Und falls Schmerzen auftreten sollten, dann nehmen Sie noch eine von diesen Tabletten. Am Montag können Sie dann zum Hausarzt. Gebrochen dürfte nichts sein. Den anderen nehmen wir mit zum Nähen und Röntgen.“

Andre nahm die beiden Schächtelchen von dem Notarzt entgegen und betrachte sie geistesabwesend. Erst Julia kam auf die Idee, dass vielleicht jemand mit ins Krankenhaus fahren sollte. Und so stellten sich gleich mehrere Fragen:

a) In welches Krankenhaus wird Klaus gebracht?

und

b) Wer ist noch nüchtern genug, dass er hinterherfahren kann?

Nun gut, die Diskussionen und letztendlich die Entscheidung bekam Andre auch nicht mehr mit, zumal er ja sowieso von vorn herein ausschied – verletzt und alkoholisiert. Dann zog man die Familien ab, die mit den Kindern da waren und dann die ebenfalls alkoholisierten Gäste, die nicht mehr fahrtauglich waren und so schrumpfte die Auswahl sehr schnell auf ein Minimum. Schließlich erklärte sich Jutta bereit ins Krankenhaus zu fahren, denn dies liege quasi fast bei ihr auf der Strecke. Und so war die Party auch ruck zuck vorbei. Beziehungsweise löste sich ruck zuck auf, denn nun war Klaus weg, dann Jutta, dann die Familien mit Kindern, die ins Bett mussten und da der Mensch nun mal ein Herdentier ist, so brachen die anderen ebenfalls auf und gingen. Und so war Andre nun allein zuhause. Es herrschte plötzlich eine wohltuende Ruhe im Haus. Andre schritt noch einmal von Zimmer zu Zimmer, um die Kerzen auszupusten, die Lichter auszuschalten und zumindest die Reste in der Küche noch zu versorgen. Eigentlich fühlte er sich ja nicht gerade besonders, aber es würde ihn sicherlich am nächsten Morgen aus den Latschen hauen, wenn er in die Küche kam und das ganze Essen ihn anstarrte und der Duft ihm in die Nase empor stieg. Doch zuerst musste er etwas gegen die Schmerzen unternehmen und so drückte er sich gleich eine Tablette aus dem Blister und spülte sie mit einem Schluck Leitungswasser hinunter. Danach holte er ein paar Plastikschüsseln aus dem Schrank und packte das Essen fast schon lieblos in die Dosen und verschloss sie. Nun stand er auch schon vor der nächsten Herausforderung: wie um Himmels Willen sollte er die ganzen Plastikdosen nun in den Kühlschrank bringen? Erst einmal räumte er alle Alkoholflaschen raus und dann begann er kunstvoll die Plastikschüsseln zu stapeln und zu drücken bis es passte. Tür zu. Licht aus. Dann begab er sich nach oben, wo nach einem kurzen Gang ins Bad der schnelle Weg ins Bett folgte. Und als er schon zufrieden – unter dem Einfluss der Medikamente - im Bett lag, fiel ihm wieder die Salbe ein. Nein, dachte Andre, ich stehe jetzt nicht noch einmal auf und außerdem versau ich mir den ganzen Schlafanzug, wenn ich mich jetzt einschmiere. Und so nahm er lieber noch eine weitere Tablette, knipste erneut das Licht aus und legte sich auf den Rücken, in der Hoffnung die Schmerzen seien hier am erträglichsten. Doch er schlief zu schnell ein, um dies noch hätte herausfinden zu können.

Das will ich nicht hören

Wie sich Andre auch versuchte zu schonen, seine Rippen taten ihm immer noch höllisch weh und die Haut hatte sich mittlerweile in sämtliche Farben des Regenbogens verfärbt. Er konnte sich tagsüber auch nicht mit der Salbe eincremen, denn dann würde er sich die Klamotten versauen. Also blieb ihm nur, sich abends – nach Feierabend – damit einzureiben, wenn er dann oberkörperfrei zu Hause herumrennen konnte, bis die Salbe eingezogen war, um ihre Dienste zu tun. Aber das hatte so keinen Wert. Er konnte nicht auch noch wochenlang – und davon ging er aus – herumdoktern. Und so griff er zu seinem Handy und rief bei seinem Hausarzt an: Termin heute Abend, 19.15 Uhr.

Was für ein Tag! Andre wäre am liebsten während der Arbeit in den Keller zum Schreiben. Heute schienen sich alle gegen ihn verbündet zu haben. Dann lief noch schief was schief laufen konnte und plötzlich schien es an allen Ecken und Enden zu brennen. Was war das heute nur für ein Tag. War er im falschen Film, fragte sich Andre unentwegt. Ständig klingelte das Telefon und die Vertreter von irgendwelchen Firmen laberten ihn zu oder wollten irgendetwas verkaufen oder wollten vorbeikommen, um ein persönliches Gespräch zu suchen, um dort ihre Waren, Dienstleistungen oder was auch immer zu verkaufen. Sie begriffen nicht, dass Andre gerade heute keine Lust hatte, sich mit ihnen am Telefon herumzuschlagen. Am liebsten hätte er sie gefragt, ob sie der deutschen Sprache mächtig seien und die Bedeutung des Wortes „Nein“ kannten. Den Hörer einfach aufknallen, das gab es bei ihm nicht, aber was jedes Mal als höfliches Gespräch begann endete immer häufiger mit einem „Nein, es besteht kein Interesse!“ oder einem „Nein, sie brauchen nicht vorbei zu kommen!“

Hin und wieder, als Andre das Telefon abnahm waren es die Fahrer der Kurierdienste, die an der Tür des Gebäudes standen und klingelten. „Die geben sich heute aber auch die Türklinke in die Hand.“, bemerkte Andre, denn so war es tatsächlich. Der eine ging und keine zehn Minuten später stand schon der nächste auf der Matte. Wenn alles glatt lief, war dies ja auch kein Problem, denn die meisten Fahrer kannten Andre schon und eigentlich musste er nur noch auf dem Handscanner der Fahrer unterschreiben. Punkt. Aber heute waren es aufgrund des Sommerlochs neue Fahrer, die die Routen ihrer Kollegen nur vertretungsweise fuhren. Zig mal hatte er nun schon seinen Namen buchstabiert. Hinzu kamen noch die Sendungen, bei denen die Umkartons beschädigt waren. Einen Vermerk in diesen Handscannern zu machen grenzte schon fast an ein Wunder. Bei den Reklamationen bekam er dann die haarsträubendsten Geschichten zu hören, warum wieso weshalb das nicht funktionierte. Was half: der Gang ins Büro, ein Cutter-Messer zu holen, die Kiste beziehungsweise Kartons zu öffnen und den Inhalt zu begutachten. Wenn Blicke töten könnten, dann hätten ihn die Blicke der Fahrer, die ja immer unter Zeitdruck stehen, nicht nur durchbohrt, sondern auch gleich geteert, gefedert und gevierteilt.

Und so waren auch diese acht Stunden vergangen. Auf dem Heimweg lief der Tag wie ein Film vor seinem inneren Auge ab. Über manche Situationen konnte er leicht schmunzeln, aber über die meisten regte er sich noch im Nachhinein auf. Er musste sich angewöhnen für solche Situationen auch mal einen lockeren Spruch los zu lassen, denn schließlich war er der Kunde – und der wiederum ist schließlich König. Punkt. Basta. Aus.

Zum Glück kam nächste Woche auch schon wieder eine seiner Kolleginnen vom Urlaub zurück, so dass er nicht mehr ganz alleine war. Es waren drei harte, wenn nicht gar drei sehr harte Wochen, die nun hinter Andre lagen, in denen er den Laden quasi alleine geschmissen hatte.

Sollte Andre nun nach Hause fahren, etwas essen und dann zum Doktor gehen oder sollte er gleich von der Arbeit hin gehen, sich durch die Zeitungen lesen und hoffen, dass er vielleicht etwas früher dran kam, wenn er schon früher da war? Er entschloss sich aber dann doch für ersteres. Und so lief er dann zu seinem Hausarzt, der im gleichen Ort ansässig war, nachdem er sich die Reste vom Vortag in der neuen Mikrowelle gewärmt hatte. Wenn es so weiterging, dann konnte er noch tagelang an den Resten seiner Einweihungsparty zehren. Seine Gefriertruhe war ja auch schon voll. Irgendwann würde ihm das Essen dann zu den Ohren wieder herauskommen.

Kaum hatte er die Tür der Arztpraxis passiert, da stieg ihm auch schon ein Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. Auf der einen Seite liebte er den Geruch, der ihm das Gefühl von Reinheit gab – gerade beim Arzt – und auf der anderen Seite hätte er am liebsten gleich gekotzt. Diese radikalen Putzmittel lösten in ihm immer ein Deja-vu aus, seit er vor einigen Jahren bei der Arbeit sich in der Mittagspause eine Tütensuppe gemacht hatte und ihm der Esslöffel schwarz anlief, als er umrührte. Die Suppe hat auch etwas sauer geschmeckt – aber meine Güte, schließlich war es eine asiatische Suppe süß-sauer. Doch dann kam seine Kollegin entsetzt dazu und fragte ihn, ob der sich das Wasser aus dem Wasserkocher genommen hatte. Natürlich, gab Andre ihr zurück, woher hätte er sich denn sonst kochendes Wasser zaubern sollen. Der nächste Kommentar seiner Kollegen brachte ihm dann schon den nächsten Würgereiz ein: es war Entkalker im Wasserkocher. Zu zweit sind sie damals dann in die kleine Teeküche gestürmt. Als sie dann vor dem Objekt der Begierde – dem Wasserkocher – standen, stellte seine Kollegin fest, dass die leere Packung, die neben dem Elektrogerät gestanden hatte, nun im Abfalleimer lag. Als sie das Päckchen herausfischte, bemerkte Andre sofort das große X auf der Packung. Hier wurde im dann schon mulmig zumute. Und dann stellte sich die Frage: Was tun? Und so schnappte Andre das Päckchen, eine Flasche Mineralwasser und seinen Autoschlüssel und ist zum nahe gelegenen Krankenhaus gefahren, wo er seinen Fall dann in der Notaufnahme geschildert hat. Nach einen Anruf bei der Giftzentrale in Freiburg kam dann eine Teilentwarnung für ihn: Da das Wasser gekocht und er nun mittlerweile auch schon einen Liter Wasser in sich hineingepumpt hatte sollte das Schlimmste abgewendet sein, so dass das Auspumpen des Magens nicht notwendig sein würde, denn das Entkalkermittel verliere nach Erhitzen die Wirkstoffe. Fortan hatte Andre eine Phobie gegen solche Mittelchen. Das schrie bei ihm förmlich nach schlechtem trashigem Stoff eines Dramas, bei der man die reiche Tante oder den reichen Onkel mit ein bisschen Reinigungsmittel ins Jenseits beförderte. Doch zurück in der Praxis stand er nun am Tresen und reichte der Arzthelferin erst einmal seine Versichertenkarte der Krankenkasse. Wie er schon fast vermutet hatte, bat sie ihn im Wartezimmer Platz zu nehmen, anstelle gleich in eines der Behandlungszimmer durchgeschleust zu werden. Statt der großen Auswahl an Zeitungen fand er nur zwei Arten von Magazinen beziehungsweise Zeitschriften vor: Sport sowie Familie und Gesundheit. Klasse dachte Andre vor sich hin: Sport interessiert mich nicht und für Tipps zu Familie sollte man vielleicht eine Familie haben oder diese sich zumindest schon in der Planung befinden. Heute hätte er sich gerne die DIY – Do-It-Yourself – Heimwerkerzeitschriften gewünscht, wo er doch nun auch zum Kreis der „Häuslesbauer“ gehörte. Zu alle dem kam noch hinzu, dass sich im Wartezimmer selbstverständlich auch die ganzen Bazillenschleudern befanden. Er konnte die Stimme seiner Mutter hören, die ihm immer sagte, dass man gesund zum Doktor gehe und krank davon wieder komme. Ja, so könnte es durchaus sein, wenn er die ganzen Schnupfer, Huster und Halsschmerztablettenlutscher betrachtete, in deren trauter Runde er sich nun befand. Nach einer ersten Hochrechnung aus der Anzahl der wartenden Patienten und einer Behandlungszeit von etwa 10 Minuten ergab sich für Andre, dass er die nächsten fünfzig Minuten wohl noch mindestens ausharren musste, ehe er in die heiligen Hallen gerufen wurde. Und so kam es dann auch. Endlich hörte er seinen Namen und machte sich auf in Richtung Empfang und von dort weiter in eines der Behandlungszimmer. Und kaum hatte er das Wartezimmer auch schon verlassen, rückte die Putzfrau an, um sich hier zu schaffen zu machen. Doch bevor Andre nun endlich zum Herrn Doktor vorgelassen wurde, musste er erst noch einen Stopp einlegen und sich den Blutdruck messen lassen. Und dann endlich durfte er ins Sprechzimmer, um die Audienz beim Herrn Doktor wahrzunehmen, auf die er schon den ganzen Tag gewartet hatte.

Nach dem üblichen Smalltalk zwischen Arzt und Patient – Wie geht´s Ihnen? Wo drückt der Schuh? – erzählte Andre in Kürze von den Ereignissen des Wochenendes.

„Das schau ich mir mal an.“, sagte der Arzt in einem schon obligatorischen Satz, den Andre auch schon seit einigen Jahren kannte.