Der Sturm in meiner Nacht - Eliza Bauer - E-Book

Der Sturm in meiner Nacht E-Book

Eliza Bauer

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Beschreibung

Nach einer Trennung hofft Levanyar auf der Wintersonnwendfeier seiner Dienststelle auf Ablenkung durch seinen besten Freund Nataniel. Doch statt ihm wie sonst zuverlässig zur Seite zu stehen, benimmt sich Nataniel an diesem Abend ausgesprochen merkwürdig. Im Laufe einer alkoholreichen Nacht gesteht Nat ihm verborgene Gefühle, die Levanyars eigene verdrängte Emotionen an die Oberfläche bringen. Er muss sich entscheiden, ob Freundschaft wirklich alles ist, was zwischen ihnen sein kann, oder ob er das Wagnis eingeht, sein Herz für mehr zu öffnen. Enthält: einen kakaosüchtigen Ermittler mit einem Hang zur Vernunft, einen Elfen mit einer Vorliebe für merkwürdige Wetten und Tätowierungen, ein weininduziertes Geständnis und verwirrende Gefühlsstürme mitten im Winter. Eine Kurzgeschichte aus Neygara mit ca. 15.500 Wörtern.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Buchbeschreibung

Titelseite

Stadtplan

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Weitere Bücher

Über die Autorin

Impressum

Inhalt

 

Nach einer Trennung hofft Levanyar auf der Wintersonnwendfeier seiner Dienststelle auf Ablenkung durch seinen besten Freund Nataniel. Doch statt ihm wie sonst zuverlässig zur Seite zu stehen, benimmt sich Nataniel an diesem Abend ausgesprochen merkwürdig.

Im Laufe einer alkoholreichen Nacht gesteht Nat ihm verborgene Gefühle, die Levanyars eigene verdrängte Emotionen an die Oberfläche bringen.

Er muss sich entscheiden, ob Freundschaft wirklich alles ist, was zwischen ihnen sein kann, oder ob er das Wagnis eingeht, sein Herz für mehr zu öffnen.

 

Enthält: einen kakaosüchtigen Ermittler mit einem Hang zur Vernunft, einen Elfen mit einer Vorliebe für merkwürdige Wetten und Tätowierungen, ein weininduziertes Geständnis und verwirrende Gefühlsstürme mitten im Winter.

 

Eine Kurzgeschichte aus Neygara mit ca. 15.500 Wörtern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Die Luft roch nach Magie und Schnee, als Levanyar die Stufen zum Hauptgebäude der KomKa hochstieg. Er hoffte, heute nichts von beidem zu erleben, aber zumindest dem Schnee würde er kaum entgehen können.

Mit einem lautlosen Seufzen zog er die schwere Eingangstür auf. Vor einer Woche hatte er noch auf ein wenig persönliche Magie am morgigen Abend gehofft. Die Magie, die zwischen zwei Elfen entstand, wenn sie sich näherkamen.

Tja, vor einer Woche hatte er noch eine Beziehung gehabt. Jetzt war er wieder zu haben. Eine Tatsache, mit der er sich noch arrangieren musste. Er hatte sich die Wintersonnenwende und damit den Jahreswechsel anders vorgestellt. Vor allem weniger einsam.

Die Laternen brannten um diese frühe Stunde weiterhin in den Straßen und auf dem großen Platz vor dem Revier, auf dem erst drei Droschken auf Kundschaft warteten. Zwei davon gehörten der KomKa selbst, und wenn er Pech hatte, würde er bald in einer davon sitzen, auch wenn er heute einen ruhigen Tag im Innendienst bevorzugt hätte.

Das magische Licht strahlte seinen gelben Schein durch die Glaswände der Lampen und verbreitete auch den eigentümlich scharfen Geruch, der Neygara nachts durchzog. Selbst die Menschen hatten es auf ihrer Seite der Stadt geschafft, diese moderne Errungenschaft einzuführen. Nur die ärmeren Viertel auf der anderen Seite des Flusses verwendeten weiterhin Öllampen, die nachgefüllt werden mussten.

Der Schnee sollte spätestens am Nachmittag kommen. Man musste kein Wetterprophet sein, um das riechen zu können. Das Pflaster der Straßen war feucht wie beinahe jede Nacht im Winter, wenn Nebel durch die Gassen zog. Letzte Woche hatte es zwischen dem Regen nur für ein paar Flocken gereicht, doch jetzt so kurz vor dem Jahreswechsel war es kalt genug, dass beim nächsten Niederschlag Schnee erwartet wurde. Und wenn es nach Levanyars Nase ging, war das irgendwann heute der Fall.

Die Tür fiel hinter ihm zu und sperrte den Großteil der Kälte aus. Die Vorhalle wurde nicht beheizt, doch die Wärme aus den mit Öfen versehenen Zimmern reichte aus, um auch hier den Winter nach draußen zu verbannen.

Levanyar ging die Treppe in den ersten Stock hoch, wo sein Büro lag. Morgen war Wintersonnenwende und damit Jahreswechsel in Sagara, was bedeutete, dass übermorgen der erste Tag des neuen Jahres und somit ein offizieller Feiertag war. Ein zusätzlicher freier Tag, den sie nach der Feier heute Abend brauchen würden. Auch wenn er sich geschworen hatte, nicht so lange wie im letzten Jahr zu bleiben, als er erst bei Morgendämmerung heimgewankt war. Und bedeutend weniger zu trinken.

So früh am Morgen waren noch nicht allzu viele seiner Kollegen auf dem Revier. Die Nachtschicht bereitete sich auf ihr Dienstende vor, und er grüßte im Vorbeigehen einige der Polizisten, die ihre Sachen zusammenpackten oder letzte Hand an die unvermeidlichen Berichte legten.

Sein Büro lag weit hinten in dem langen breiten Korridor, was für gewöhnlich herrliche Ruhe bedeutete. Die Verhörräume waren in einem anderen Trakt untergebracht, und die Besucher mussten hinter einer Schranke im Flur warten. Damit fielen die beiden Hauptquellen für Lärm weg.

Er teilte sich das Zimmer mit seinem Partner Nataniel, der wie üblich schon vor ihm da war und ihn mit einem Winken begrüßte. Er saß hinter seinem Schreibtisch, der weniger Stapel an Akten aufwies als Levanyars. Also hatte Nat gestern Abend doch mehr aufgearbeitet als erwartet.

Wie gewöhnlich hatte Nataniel auch blendende Laune und deutete auf eine Papiertüte auf Levanyars Platz. »Morgen. Hab dir Nusstaschen mitgebracht.«

»Danke.« Levanyar hing seinen Mantel neben Nats hinter der Tür auf und schnupperte mehrmals. »Nichts zu trinken?«

»Wusste nicht, wann du kommst, und wollte nicht, dass der Kakao kalt wird. Du kannst einen auf der Fahrt trinken.«

Levanyar unterdrückte in letzter Sekunde ein Ächzen. Er wollte nicht, dass der Leutnant ihn hörte, an dem er im Korridor vorbeigekommen war. »Müssen wir heute wirklich raus?«

»Die Nachtschicht hat einen neuen Zeugen im Mordfall Bellheim ausfindig gemacht. Den dürfen wir befragen.« Nataniel strich sich eine der langen Strähnen zurück, die ihm über die Augen fielen. Levanyar hatte keine Ahnung, wie Nat es aushielt, dauernd Haare im Gesicht zu haben. Er musste aber zugeben, dass ihm die neue Frisur stand: an den Seiten kurz, oben so lang, dass ihm die dunklen Strähnen bis zur Nase reichten, wenn er sie nicht zurückkämmte.

»Wenn sie schon so fleißig waren, warum haben sie ihn dann nicht gleich mitgenommen?« Er trat zu Nats Schreibtisch, der ihm wortlos die Faust entgegenstreckte. Levanyar drückte seine dagegen und warf einen Blick auf die Bellheim-Akte, die aufgeschlagen vor Nat lag.

»Weil sie die Dame nicht gefunden haben. Das ist unsere Aufgabe.« Ganz und gar nicht üblich war das breite Grinsen, das Nataniel im Gesicht hatte. Sicher, er war meistens gut drauf und es brauchte schon besondere Umstände, um sein sonniges Gemüt zum Verschwinden zu bringen, aber dermaßen freudestrahlend? Um diese Uhrzeit? Das sah nicht mal Nat ähnlich.

Levanyar ließ sich auf seinen Stuhl fallen, schob die verführerisch duftende Tüte beiseite und zog den ersten Aktenumschlag vom Stapel. »Wann müssen wir los?«

»Ich hab den Wagen für acht bestellt.«

»Wie rücksichtsvoll. Warum nicht gleich jetzt?«

»Weil der Leutnant noch irgendwas wegen der Feier verkünden will. Vermutlich seine übliche Ansprache von wegen viel Spaß, esst viel, trinkt wenig und zeugt keine Kinder in meinen Räumlichkeiten.« Nataniel zuckte mit den Schultern und sah weiterhin entschieden zu fröhlich aus.

Levanyars Blick fiel auf einen Samtbeutel, der mitten auf Nats Tisch stand und nicht zur üblichen Ausstattung gehörte. Und der ihm irgendwie bekannt vorkam. Dunkelgrün, mit einer roten Kordel. »Woher kenne ich das Teil?«

»Das?« Nataniel beugte sich vor und hob den Beutel hoch. So, wie er die Hand hielt, war der Inhalt schwer. Etwas klimperte in seinem Inneren. »Das ist mein Gewinn.« Er drehte ihn, sodass Levanyar das eingestickte Symbol erkannte, ebenfalls rot, und ihn zuordnen konnte.

»Das stammt von einer unserer Wetten.« Fragte sich nur, von welcher. Auf dem Revier liefen Wetten auf so ziemlich alles. Wer in welchem Zeitraum die meisten Fälle abschloss, wer die meisten Verhaftungen in einem Jahr vorwies, wie oft im Monat der Leutnant einen Tobsuchtsanfall bekam und wie lange gewisse Beziehungen hielten. Und Nataniel machte bei so ziemlich allen mit. »Welche?«

»Graycen ist zurück.«

Levanyars Augenbrauen schossen in die Höhe. Alle beide. Sein Kollege war der Grund für einige dieser Wetten, und diejenige, die Levanyar als erstes einfiel, war diejenige, von der er nicht wollte, dass Graycen sie verlor. »Aus Belago? Seit wann?«

»Gestern Nacht.« Nataniels Grinsen wurde noch breiter, was kaum möglich schien. Und Levanyar irgendwie beruhigte. Sein Partner würde sich nicht so freuen, wenn Graycen seine Beziehung zu diesem Menschen beendet hatte. Außerdem hatte Nat, soweit sich Levanyar erinnerte, darauf gesetzt, dass die beiden es mindestens vier Jahre miteinander aushielten, und Graycen hatte gerade mal die Hälfte der Zeit geschafft.

»Oh komm schon, Nat.« Levanyar rieb sich den Nacken. Es war zu früh für Ratespiele, besonders, wenn sie Graycen betrafen, dem er mehr Wertschätzung entgegenbrachte als den meisten anderen Kollegen. »Lass mich nicht raten.«

Nataniel stellte den Beutel wieder ab. »Spielverderber. Er hat verloren.«

»Graycen hat was verloren?«

»Er hat einen Kampf verloren.«

Levanyar sagte nichts darauf, starrte Nataniel nur ungläubig an. Er erinnerte sich an diese Wette. Wann Graycen auf jemanden traf, der ihm überlegen war. Anscheinend hatte er sich mit jemanden angelegt, der ihn tatsächlich geschlagen hatte. Immerhin schien er noch zu leben, um davon berichten zu können.

Nat deutete mit dem Kinn nach nebenan. »Er ist in seinem Büro.«

Levanyar stand auf. Das musste er mit eigenen Augen sehen. »Abfahrt um acht?«

»Ja. Und glaub nicht, dass du dich vor der Ansprache drücken kannst. Ich erfinde nicht schon wieder eine Ausrede für dich.«

Levanyar schnaubte leise und griff sich die Papiertüte. Die Akten konnten warten. Zuerst musste er erfahren, gegen welche Horde an schwer bewaffneten Kriegern Graycen angetreten war.

 

* * *

 

Graycens Büro lag ein Zimmer weiter auf der anderen Seite des Korridors, und wie üblich stand die Tür offen. Levanyar blieb im Türrahmen stehen und klopfte leise.

Graycen hob nicht den Kopf, sondern nur den Blick, nickte ihm zu und schrieb weiter auf einem Blatt Papier. Dem offiziellen Wappen nach zu urteilen arbeitete er an einem Bericht für die KomKa. »Komm rein.«

Levanyar schlenderte näher und versuchte, an Graycens langen Haaren vorbeizusehen, die ihm über die Schulter nach vorne fielen und einen Teil seines Gesichts verdeckten. Er deutete auf den leeren Schreibtisch, der näher bei der Tür stand. »Wo ist Nia?«

»Noch nicht da. Müsste aber gleich kommen.« Die Feder kratzte kaum hörbar übers Papier. »Ich hoffe, er bringt mir Tee mit.«

Levanyar hielt ihm die Tüte hin. »Ich hab Nusstaschen hier, falls du eine magst.«

»Nein, danke.« Graycen streckte ihm die Faust entgegen, ohne aufzublicken, und Levanyar drückte seine in ihrer üblichen Form der Begrüßung dagegen.

»Kein Hunger?« Er beugte sich halb über den Schreibtisch. Irgendetwas war mit Graycens Gesicht passiert war, so viel konnte er erkennen, aber nicht genau, was.

»Nein. Was willst du?«

»Was wohl? Wissen, wie’s dir geht.«

Mit einem Seufzen legte Graycen die Feder beiseite und schob seinen Stuhl zurück. »Tust du nicht. Du willst sehen, warum Nat gewonnen hat.«

»Darf ich mir keine Sorgen machen?«

»Oh bitte, Van, lass die Glucke im Stall.« Er hob den Kopf und strich sich die Haare hinters Ohr, was Levanyar endlich einen ausgezeichneten Blick auf Graycens Gesicht einbrachte.

»Autsch.« Es war offensichtlich, dass sein Kollege in eine Schlägerei verwickelt gewesen war. Hautabschürfungen, eine aufgeplatzte Lippe, ein blaues Auge – allerdings schienen die ärgsten Schwellungen schon zurückgegangen zu sein, und der blau-violette Bluterguss zwischen Wange und Auge wies bereits einen grünlichen Rand auf. »Wer hat dich erwischt?«

»Rangal.«

»Und?«

»Was und?«

»Wer noch?« Es war klar gewesen, dass Graycen irgendwann einmal auf jemanden treffen würde, der ihm im Kampf überlegen war. Levanyar hatte nur gehofft, dass er dann zur Stelle war, um ihm zu helfen. Es war lange her, dass sie ein Paar gewesen waren, aber das hieß nicht, dass er ihn nicht weiterhin verflucht gernhatte. Graycen gehörte weiterhin zu seinen besten Freunden, das war vor ihrer Beziehung schon so gewesen und daran hatte sich zum Glück auch danach nichts geändert.

»Nur er.«

»Einer? Das hat ein einziger Mann angestellt?« Das erstaunte Levanyar jetzt doch. »Warst du abgelenkt?«

»Nein.« Graycen verdrehte die Augen. »Warum fragt mich das jeder? Er war einfach schneller und besser. Kommt vor. Ich bin gut, aber nicht unbesiegbar.«

»Aber ihr habt ihn geschnappt?«

»Ja. Er sitzt bereits in Haft.« Er deutete mit dem Kinn zur Tür. »Nia erzählt dir gern die ganze Geschichte in allen Einzelheiten.«

»Du nicht?«

»War keine meiner rühmlichsten Taten. Er wäre uns fast entwischt, und als ich ihn endlich gestellt hatte, hat er mit mir den Boden aufgewischt.«

Levanyar platzierte sein Gesäß auf der Tischkante und sah auf Graycen hinab. »Hauptsache, ihr seid am Ende die Sieger gewesen. Hat Nia auch was abgekriegt?«

Graycen schüttelte den Kopf. »Ich war ein paar Minuten allein mit Rangal. Als Nia uns einholte, gelang es uns endlich, ihn zu überwältigen. Hätte sonst wohl kein gutes Ende für mich genommen.« Er tastete nach seinem Jochbein und verzog das Gesicht. »Ich hatte vergessen, wie scheußlich weh Schläge ins Gesicht tun.«

»Ich sag dir das nicht gern, aber du siehst echt furchtbar aus. Warum hast du dir nicht frei genommen?«

Graycen hob eine Augenbraue zu einem schräggestellten Balken. »Und den Leutnant auf meinen Bericht warten lassen? Der kommt doch schon vor Spannung um. Ich will mir sein Gezeter nicht anhören, wenn ich nach einem Einsatz eine Pause brauche. Ich konnte mich auf dem Weg hierher erholen, das muss reichen.«

Das bezweifelte Levanyar. Der Weg nach Belago dauerte zu Pferd drei oder vier Tage, momentan eher fünf, und es war ein Wunder, dass sie bei den winterlichen Straßenverhältnissen nicht eine Woche oder länger gebraucht hatten. »Dann mach wenigstens früh Schluss.«

Graycen hob die Arme über den Kopf, streckte sich und hielt mitten in der Bewegung inne. Sein Gesicht verzerrte sich für einen Moment vor Schmerz, ehe er die Arme wieder senkte. »Geht nicht. Am Abend ist die Feier.«

»Sie werden deine Abwesenheit verkraften. Was ist?«

»Hm?« Graycen sah ihn fragend an.

»Wo bist du noch verletzt?« Levanyar konnte die Gedanken in Graycens Kopf förmlich sehen: Soll ich es abstreiten? Kann ich ihn erfolgreich anlügen? Wie groß sind meine Chancen, dass ich damit durchkomme? Er wollte dieser Diskussion zuvorkommen. »Vergiss nicht, ich kenne dich gut.«

»Erschreckend gut.« Graycen rollte vorsichtig mit einer Schulter, anstatt zu versuchen, sich erneut zu strecken. »Rangal hat mir ein paar Rippen gebrochen.«

»Oh Scheiße. Und du bist trotzdem hergeritten?«

»Es sind meine Rippen. Ich muss nicht darauf laufen oder sitzen.» Er seufzte wieder schwer. »War keine schöne Reise.«

»Ein Grund mehr, nicht zur Feier zu kommen. Der Leutnant wird es verschmerzen, wenn du einmal nicht dabei bist.«

»Er schon, aber Will nicht.«

»Ach, ihr trefft euch hier?«

»Er hat vorher einen Auftritt und kommt danach her.«

»Hol ihn doch ab, dann könnt ihr gleich nach Hause.« Levanyar griff in die Papiertüte und holte eine Nusstasche heraus. »Willst du wirklich keine?«

Graycen schüttelte den Kopf. »Hab keinen Hunger. Und das mit dem Abholen ist eine schlechte Idee, weil wir dann sicher bei ihm landen.«

»Was ist daran schlecht? Er hat doch ein nettes Haus.«

»Ich hab morgen die Feier bei meinen Eltern und muss dort in aller Früh antanzen, noch vor dem Dienst. Also werde ich nach … ähm … Wills Begrüßung in meine eigene Wohnung fahren. Muss noch meine Festtagskleidung raussuchen.«

»Du kannst ruhig sagen, dass ihr Sex haben werdet.« Levanyar grinste ihn anzüglich an. »Ich habe nichts anderes erwartet. Schließlich habt ihr euch wochenlang nicht gesehen. Das ist die Wiedersehensfreude sicher groß.«

»Vermutlich«, antwortete Graycen kurzangebunden und griff wieder nach der Feder.

»Klingt nicht begeistert.«

»Ich freue mich darauf, ihn wiederzusehen.«

»Aber?«

»Oh Götter, Van, lass mich einfach in Ruhe.« Graycen warf ihm einen missmutigen Blick zu und tauchte die Feder in die Tinte.

»Angst vor dem Streit, den ihr sicher haben werdet, wenn Willard mitkriegt, dass du nicht bei ihm bleibst?«

»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich es hasse, dass du mich so gut kennst?« Er legte die Feder beiseite und starrte auf das Blatt Papier vor sich.

»Mehrmals.« Levanyar biss in die Nusstasche, und das Aroma von Äpfeln, Walnüssen, Zimt und Gewürznelken stieg ihm in die Nase. Der Geschmack des Winters. »Gibt’s auch Tage, an denen ihr nicht streitet?«

»Wir streiten nicht oft.«

»Weil ihr euch so selten seht.«

Graycen barg den Kopf in Händen und stöhnte verhalten. »Van«, kam es gedämpft zwischen seinen Fingern hervor, »gehst du bitte? Ich bin wirklich nicht in Stimmung, mir von dir erklären zu lassen, was alles in meiner Beziehung falsch läuft.«

»Wusste nicht, dass was falsch läuft.« Levanyar knabberte an der Nussfüllung herum und dachte nicht daran zu verschwinden. Er hatte Graycen drei Wochen lang nicht gesehen, da würde es doch wohl erlaubt sein, sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Graycen hob den Kopf, und der Ausdruck in seinen Augen gefiel Levanyar nicht. Da war nichts von der Lebensfreude und dem Witz zu sehen, die er sonst von seinem Freund kannte. Er sah einfach nur entsetzlich müde aus. »Was ist mit dir?«

»Mir geht’s gut.« Levanyar zuckte mit einer Schulter. »Hier war das Übliche los – Leute werden ermordet und ausgeraubt, und wir tun unser Bestes, die Schuldigen zu finden. Du hast nichts verpasst.«

»Wie geht’s Chaniel?«

Levanyar kaute bedächtig auf seinem Bissen herum. Wenn er Graycen einweihte, blieb ihm nichts anderes übrig, als es auch Nataniel zu sagen, und darauf hatte er bislang keine Lust gehabt. Nicht, weil er sein Privatleben so streng privat hielt, sondern weil Nat immer Details wissen wollte. Er war sich nicht sicher, ob er schon darüber reden wollte.

Andererseits hatte er keine andere Wahl, als Nat bald einzuweihen, außer er wollte morgen die Sonnenwende alleine verbringen.

»Gut. Nehme ich an.« Er neigte den Kopf und betrachtete Graycens Gesicht. Abgesehen von den Verletzungen war er ungewöhnlich blass. Lag vermutlich am Schlafmangel. »Wir treffen uns nicht mehr.«

Graycens linke Augenbraue kletterte langsam hoch. »Ich dachte, es läuft gut?«

»Gut reicht eben nicht immer.«

»Was ist passiert?«

»Unterschiedliche Interessen.«

»Vor vier Wochen klang das noch ganz anders. Da hast du davon geschwärmt, dass ihr so viel gemeinsam habt.«

»Haben wir auch. Nur nicht im Bett.«

Jetzt begab sich auch Graycens zweite Augenbraue Richtung Haaransatz. »Oh. Nicht kompatibel?«

»Nicht auf lange Sicht.« Levanyar verkniff sich ein Seufzen und schob sich mehr von der Nusstasche in den Mund. Er mochte Chaniel sehr und hätte nichts dagegen gehabt, ihn weiter zu treffen und ihre Bekanntschaft zu vertiefen, aber es sollte nicht sein. Er stand einfach nicht drauf, im Bett auf eine Rolle festgelegt zu werden.

»Willst du morgen zu mir kommen?«

»Du meinst zur Feier deiner Familie?«

»Ich weiß, ist nicht ideal, aber es wäre eine Alternative. Du wolltest doch mit Chaniel feiern. Dann wärst du nicht allein.« Graycen biss sich auf die Lippe, und einen Moment lang wurde er noch blasser. »Scheiße.«

»Ist schon gut, ich komme nicht vor Einsamkeit um.«

»Ich will die Einladung nicht zurücknehmen, aber …« Graycen strich sich die Haare zurück, wodurch die schillernden Farben neben und unterhalb seines Auges noch mehr zur Geltung kamen. Levanyar hatte das dringende Bedürfnis, ihn in eine Droschke zu verfrachten und nach Hause zu schicken. Er sah einfach beschissen aus, und vermutlich fühlte er sich auch so.

»Aber du tust es doch?«

»Ich weiß, dass meine Eltern begeistert wären. Sie mögen dich. Aber es könnte das falsche Signal senden. Ich will ihnen keine Hoffnung machen, dass wir wieder zusammenkommen.«

Levanyar schluckte den letzten Rest des Gebäcks hinunter. Graycens Brauen zogen sich zusammen, zwei pechschwarze Balken, die jetzt fast wie eine durchgehende Linie erschienen. Seine Lippen bildeten nur mehr einen schmalen Strich, und sein Blick war so düster, dass Levanyar beinahe ein schlechtes Gewissen hatte. Was idiotisch war. Er konnte nichts dafür, dass Graycen sich einen Menschen als Partner ausgesucht hatte.

»Aber Willard mögen sie nicht«, stellte Levanyar fest, und Graycen nickte nur schwach. »Sie haben ihn nicht eingeladen?«

»Nein.«

»Kannst du ihn nicht …?«

»Nein.«

»Du hast recht. Das ist Scheiße.«

»Ja.«

»Mach dir keine Sorgen, ich komme nicht. Ich frage Nat, ob er mich wieder mitnimmt.« Levanyar knüllte die Papiertüte zusammen und versenkte sie im Mülleimer, der zwischen den beiden Schreibtischen stand. »Dann will ich dich nicht weiter beim Schreiben dieser ach so wichtigen Berichte stören.«

»Wichtig ist Ansichtssache. Der Leutnant hält sie für immens wichtig. Ich halte sie für Zeitverschwendung.«

Levanyar klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. »Immerhin sitzt du schön brav am Schreibtisch und rennst nicht in der Kälte herum.«

»Wäre mir lieber als diese ewigen Schreibarbeiten.«

»So wie du aussiehst, hast du schon Mühe, die Feder zu halten.«

»Raus hier.«

Er hob beide Hände. »Bin schon weg. Falls wir uns nicht mehr sehen – ich wünsche dir eine schöne Sonnenwende.«

»Warum sollten wir uns nicht mehr sehen?«

»Weil ein kluger Mann nach der Arbeit heimfahren und sich ausruhen würde, anstatt auf einer Feier rumzuhängen.« Er kniff die Augen zusammen. »Irgendwie siehst du krank aus. Hast du eine Erkältung?«

»Nein, kein Schnupfen. Gar nichts.«

»Kopfschmerzen?«

»Natürlich.« Er deutete auf den Aktenstapel zu seiner Linken. »Die sollte ich alle heute noch aufarbeiten. Allein der Gedanke bringt meinen Schädel zum Brummen.«

»Rückenschmerzen?«

»Ich habe mir die Rippen gebrochen. Natürlich tut auch mein Rücken weh.«

»Gliederschmerzen?«

»Was soll der Scheiß? Du bist kein Heiler, also frag mich nicht aus. Das hat Nat schon erledigt, und der hat dazu mehr Berechtigung als du.«

»Und der hätte dich sicher ins Bett gesteckt, wenn er als Heiler arbeiten würde.«

»Tja, sein Pech, dass er zur Polizei ging.« Graycen winkte ihn mit einer Hand hinaus und fing wieder zu schreiben an.

Levanyar traf beim Hinausgehen Niamat, der ihm mit zwei dampfenden Bechern Tee entgegenkam. Das erinnerte ihn daran, dass er noch immer keinen Kakao gehabt hatte. Er musste schnell hinunter auf die Straße, wo sicher schon Hanny seinen Stand aufgemacht hatte. Wie sonst sollte er die Ansprache des Leutnants durchstehen, wenn nicht mit einem heißen, süßen Getränk in der Hand?

Seufzend hielt er auf die Treppe zu. Anscheinend war das alles, was ihm dieses Jahr an heißen, süßen Dingen vergönnt war. Wieder einmal war eine Beziehung im Sande verlaufen, noch ehe sie richtig begonnen hatte.

Seit der Trennung von Graycen waren vier Jahre vergangen, und in der Zeit hatte er etliche Verabredungen und ein paar Affären gehabt, aber nichts, was auch nur länger als zwei Monate gehalten hätte.

Langsam bezweifelte er, dass er jemals einen Partner finden würde, der es länger mit ihm aushielt. Es half auch nicht, dass er dabei zusehen durfte, wie Graycen mit jeder Woche, in der er mit Willard zusammen war, aufblühte und vor Glück förmlich überging.

Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen stieg er die Stufen hinunter. Und dann gab es natürlich die unvermeidliche Krise zwischen seinem Ex-Freund und dessen Liebhaber, also ganz so reibungslos, wie es manchmal den Anschein hatte, war ihre Beziehung auch nicht.

Er freute sich für die beiden, auch wenn er sich eher seinen Dolch in den Bauch gerammt hätte, als das gegenüber Willard zuzugeben. Solange der Magier weiterhin so arrogant auftrat, solange würde Levanyar ihm das mit gleicher Münze heimzahlen.

Ach, irgendwann würde er schon den perfekten Mann finden, mit dem er sein Leben teilen konnte. Immerhin hatte er in Nataniel den perfekten Partner für die Arbeit und den besten Freund, den man sich wünschen konnte. Dadurch ließ sich die Einsamkeit, die ihn manchmal an freien Abenden überfiel, besser aushalten. Er hatte immer Nat zum Reden, zum Ausgehen und um zusammen einfach Spaß zu haben.

Manchmal fragte er sich, ob sich das ändern würde, wenn einer von ihnen langfristig vergeben war, aber er konnte es sich nicht vorstellen. Sie kannten sich schon so lange. Eine solche Freundschaft wurde nicht durch Partnerschaften mit anderen Leuten zerstört. Da mussten schon ganz andere Dinge passieren, und Levanyar würde alles tun, damit der Fall nie eintrat.

 

* * *

 

Wer auch immer diesen Becher, der Getränke warm hielt, erfunden hatte, hatte Levanyars ewige Dankbarkeit. Er nippte an seinem Kakao und bedauerte nur, dass er seine Finger nicht an dem dickwandigen Behälter wärmen konnte, weil dieser keine Hitze nach draußen abgab.

Immerhin war es im Inneren der Droschke nicht so kalt wie im Freien, aber viel Unterschied bestand nicht. Er sah zu Nataniel hinüber, der ihm gegenüber saß und seinen Schal bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte. Nat hasste den Winter mit Leidenschaft, auch wenn er sich bemühte, nicht allzu sehr darüber zu jammern.

»Wegen morgen …« fing Levanyar an und überlegte, wie er sich am geschicktesten selbst einladen konnte. Nat hatte sicher nichts dagegen, ihn wieder mit zu seiner Familie zu nehmen, wie in den vergangenen Jahren, aber es würde Fragen aufwerfen. Fragen, die er auf keinen Fall beantworten wollte. Es gab Grenzen, wie viel er vom Sex mit anderen Männern erzählte, bester Freund hin oder her.

Nataniel hatte da weniger Bedenken und plauderte hemmungslos über seine Eroberungen, manchmal so viel, dass Levanyar ihn bremsen musste. So genau wollte er gar nicht wissen, mit wem es Nat wie getrieben hatte. Das beschwor Bilder herauf, die er nicht sehen wollte. Weil er dann daran dachte, dass Nataniel nicht nur sein bester Freund, sondern auch ein überaus attraktiver Mann war. Und dieser Gedanke gehörte im Keim erstickt.

»Was ist mit morgen?«, fragte Nat, als Levanyar nicht weiterredete.

»Du bist bei deiner Familie?«

»Meine Schwester hat wieder die halbe Verwandtschaft eingeladen. Ihr Mann kocht wie üblich, also werde ich mich morgen Abend hoffnungslos überfressen.« Er kniff die Augen zusammen und nahm einen Schluck aus seinem Becher. Im Winter hatte er ihn fast immer dabei, wenn sie unterwegs waren, und zusätzlich eine dieser schicken Thermosflaschen, in denen sein Tee einen halben Tag lang heiß blieb.

An Nats letztem Geburtstag hatte er Levanyar diesen Thermosbecher geschenkt, für den er an Tagen wie diesen überaus dankbar war. Seitdem fragte er sich, wie er sich an seinem eigenen Geburtstag revanchieren sollte. Vielleicht wäre es doch nicht so verkehrt, den menschlichen Brauch einzuführen, dass derjenige, der Geburtstag hatte, beschenkt wurde, und nicht umgekehrt, dann hätte Levanyar etwas Zeit gewonnen.

Er schnaubte lautlos. Soweit kam’s noch, dass er Bräuche der Menschen für gut befand.

»Warum fragst du? Soll ich dir was vom Dessert aufheben? Mattesar macht Baumkuchen, Sterntaler und belagische Birne, die er sicher wieder in Rotwein ersäuft.«

»Klingt alles gut. Hättest du was dagegen, wenn ich mir was abhole?«

»Natürlich nicht, ist ja nicht mein Essen.« Er neigte den Kopf. »Willst du doch vorbeischauen?«

»Wenn die Einladung noch gilt … dann ja. Gerne.«

»Klar gilt sie noch. Sanni war ganz enttäuscht, als ich ihr sagte, dass du nicht kannst. Du gehörst doch praktisch zur Familie.«

»Danke. Dann bin ich morgen so gegen acht dort?«

»Komm um sieben. Du willst die Aperitifs nicht verpassen. Wir können auch gleich nach dem Dienst gemeinsam hinfahren.« Nataniel nippte wieder an seinem Tee und betrachtete Levanyar schweigend. Abwartend.

Levanyar gab mit einem Seufzen nach. »Willst du nicht wissen, warum ich meine Meinung geändert habe?«

»Natürlich will ich das wissen. Ich wollte nur nicht nachbohren.«

»Seit wann so zurückhaltend?«

Er zuckte mit den Schultern, doch seine Augen funkelten amüsiert. »Ich kann auch anders. Also, was ist passiert? Streit unter Liebenden?«

»Es gibt keine Liebenden.«

»Noch zu früh für so große Gefühle?«

»Es wird keine großen Gefühle geben.«

Das brachte Nataniel dazu, sich interessiert aufzurichten. »Mag er dich nicht? Er schien mir äußerst angetan von dir zu sein.« Für einen flüchtigen Augenblick verdüsterte sich seine Miene, dann setzte er wieder ein Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte. »Daran wird sich doch nicht plötzlich etwas geändert haben.«

Levanyar hatte nie begriffen, warum Nat seinen neuen Freund  – mittlerweile Ex-Freund – nicht mochte. Nataniel kam mit allen gut aus, war im ganzen Revier beliebt und verstand sich sogar mit Willard, wussten die Götter warum. Chaniel war die einzige Ausnahme gewesen, dabei kannte er ihn kaum, weil sie in unterschiedlichen Abteilungen arbeiteten.

»Wir treffen uns nicht mehr.«

Nataniel beugte sich ruckartig vor. »Es ist aus?«

»Ja.«

Nats Augen weiteten sich, und für einen kurzen Moment erstrahlte sein ganzes Gesicht. Dann war der Augenblick vorbei, und Mitgefühl verdrängte die Freude. Ehrliches Mitgefühl, so gut kannte Levanyar ihn. Nataniel war kein besonders guter Lügner. »Seit wann?«

»Ungefähr eine Woche.« Levanyar lehnte den Kopf an die Rückwand und nahm das Rütteln der Droschke in Kauf, während er auf den unvermeidlichen Ausbruch wartete.

Der nicht kam.

Nataniel blickte ihn nur unverwandt an, motzte ihn aber nicht an. Hob nicht mal die Stimme. Sagte nur leise: »Eine Woche ist es schon her? Und du sagst es mir nicht?« Er schaute aus dem schmalen Fenster in den grauen Morgen. Wie immer gab er sich Mühe, seine Gefühle zu verbergen, und wie immer scheiterte er.

»Nat …« Levanyar drehte den Becher in beiden Händen. Er hatte ihm wehgetan, was nie seine Absicht gewesen war. Hatte nicht mal daran gedacht, dass sein Schweigen auf seinen Freund verletzend wirken konnte. War völlig damit beschäftigt gewesen, nicht über Chaniel nachzudenken. Oder darüber, warum er anscheinend keine langfristige Beziehung führen konnte.

»Was?« Jetzt schlich sich Ärger in Nats Stimme, und er drehte den Kopf zu Levanyar. »Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Es ist alles gut.« Er zuckte mit einer Schulter. »Es ist dein Privatleben, und ich weiß, dass du selbiges gern privat hältst. Kein Grund, mit mir darüber zu reden.«

»Sarkasmus?«

»Warum sollte ich sarkastisch sein?«

Oh, und wie sarkastisch das klang. »Hör zu. Ich hab’s noch niemandem gesagt, weil ich einfach nicht darüber reden wollte.«

»Weiß es Graycen?«

»Äh, ja.«

»Also hast du mit jemanden darüber geredet.«

»Er hat mich heute Morgen nach Chaniel gefragt.«

»Und ich frage dich nicht?«

»Nicht wirklich. Wenn möglich, vermeidest du alles, was mit Chan zu tun hat. Also ist es doch gut, wenn ich ihn so wenig wie möglich erwähne. Dann musst du dich nicht über ihn aufregen. Auch wenn ich echt keine Ahnung habe, warum du ihn nicht ausstehen kannst.«

»Es liegt nicht an ihm.« Nataniel sah wieder aus dem Fenster.

»Woran dann?«

»Egal. Lassen wir das Thema. Du willst nicht darüber reden, gut, dann reden wir über was anderes. Ich glaube, es wird heute noch schneien. Was meinst du?«

Levanyar blinzelte erstaunt. Solche abrupten Themenumschwünge kannte er nicht von Nataniel. Sonst wollte er immer alles ausdiskutieren, nichts auf die lange Bank schieben. Eine der Eigenschaften, die Levanyar am meisten an ihm schätzte. »Du solltest nicht beleidigt sein.«

»Bin ich nicht.«

»Es gibt einfach Dinge, über die ich nicht gerne rede.«

»Bislang hattest du keine Probleme, mit mir über deine Beziehungen zu reden.«

»Und bislang hattest du auch mit keinem meiner Liebhaber ein Problem. Bis auf den letzten.«

»Also ist es meine Schuld, dass du mir nicht vertraust?« Nataniel sah nicht mal ansatzweise sauer aus. Sondern bestürzt.

»Es liegt nicht an dir.« Levanyar rollte mit den Augen. »Was haben sie dir heute in den Tee getan? Es ist vorbei, ich will nicht darüber reden, und wir haben einen langen anstrengenden Tag vor uns. Könnten wir das Thema sein lassen?«

»Das Gleiche habe ich dir vor zwei Minuten vorgeschlagen.«

»Dann sind wir uns einig.«

»Sind wir.«

Eine Zeitlang saßen sie schweigend in der Kutsche, die übers Pflaster schaukelte. Nataniel nahm die Finger, die in dicken Lederhandschuhen steckten, nicht von seinem Thermosbecher, auch wenn dieser kaum Wärme abgab. Seine Miene wechselte zu nachdenklich.

»Was kann ich tun, damit du wieder mit mir redest?«, fragte er schließlich ruhig.

»Ich rede doch mit dir. Nur eben nicht darüber.«

»Bist du dir sicher?«

»Natürlich bin ich das.« Was hatte er heute nur? Dabei lag die Feier noch Stunden entfernt, wo er so ein Verhalten auf den übermäßigen Genuss von Alkohol schieben konnte. »Nat, was ist los?«

»Was soll los sein?«

»Du bist seltsam.«

Nataniel stritt es nicht mal ab, was Levanyar jetzt wirklich Sorgen machte. Irgendetwas bekümmerte seinen Freund, sonst würde er sich nicht so Nat-untypisch verhalten. Viel zu empfindlich, viel zu grüblerisch. »Es ist nicht so … leicht gewesen, dir und Chaniel zuzusehen«, meinte er schließlich.

»Wieso nicht? Als ich mit Graycen zusammen war, hattest du keine Probleme mit ihm als meinen Freund. Auch nicht mit einem der anderen Männer, mit denen ich danach zusammen war.«

»Ich habe nur zwei davon kennengelernt.«

»Was an Chaniel regt dich so auf?«

»Es ist nicht Chaniel. Es ist … Ich bin es.«

»Du?«

»Ich habe mich verändert. Etwas hat sich verändert.«

»Was hat sich verändert?«

Nataniel betrachtete ihn seufzend. »Meine … Erwartungen.«

»Ach, findest du auf einmal, dass eine Beziehung doch nicht so übel ist, wie du immer behauptest? Ist es das? Dass du dich nach mehr als einer flüchtigen Affäre sehnst?«

»So was in der Art«, murmelte Nataniel.

»Na, ist doch wunderbar. Allerdings kein Grund, deshalb auf Chaniel eifersüchtig zu sein. Der kann nichts dafür, dass er etwas hat, was du gerne hättest. Hatte«, verbesserte er sich nach einem Moment.

Nataniels Blick spiegelte für einen Moment Schmerz wider. Reinen, echten, tiefsitzenden Schmerz.

Levanyar runzelte die Stirn. Was hatte er jetzt schon wieder gesagt? Bevor er dazu kam, seinen Partner zu fragen, was ihn sonst noch quälte, kam die Droschke mit einem Ruck zum Stillstand.

»Dann machen wir uns mal an die Arbeit.« Nataniel griff gleichzeitig mit Levanyar nach der Tür, und seine behandschuhten Finger landeten auf Levanyars Hand. Er zog sie nicht zurück, sondern starrte nur drauf, als hätte er noch nie eine Hand auf einem Türgriff gesehen.

»Nat?« Was in Lafennyas Namen war heute nur in ihn gefahren? Als wäre sein Verstand auf dem Revier zurückgeblieben.

»Wie? Oh. Ja.« Nat zog seine Hand zurück und wartete, bis Levanyar die Tür geöffnet hatte.

Levanyar würde am Abend ein Auge auf ihn haben, damit sich keine Katastrophen ereigneten. Und bis dahin versuchen herauszufinden, was mit Nataniel los war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 2

 

Irgendetwas stimmte ganz eindeutig nicht mit Nataniel. Er hatte sich den ganzen Tag über geweigert, darüber zu reden, und nach dem zweiten Mal nachfragen hatte Levanyar aufgegeben. Er beschloss, auf die Feier zu warten, in der Hoffnung, dass Alkohol Nat gesprächiger machte.

Andererseits hatte er kein Recht, sich über ihn aufzuregen, war er doch selbst nicht besser. Levanyar hatte genug Dinge, über die er nicht reden wollte, und sollte es wirklich verstehen, wenn es anderen Leuten gleich ging. Doch es blieb das nagende Gefühl, dass Nat irgendwas quälte. Und das war beunruhigend genug. Weil Nataniel sonst nie etwas zu schaffen machte.

Er war für gewöhnlich der personifizierte Sonnenschein, und ihn nahezu niedergeschlagen zu erleben, verunsicherte Levanyar. Er wollte ihm helfen, aber außer reden fiel ihm nichts ein.

Bis die Feier begann und er feststellte, dass er sich zusammen mit Nataniel gepflegt betrinken konnte. Natürlich in Maßen, weil irgendeiner von ihnen nüchtern genug bleiben musste, um den Weg nach Hause zu finden. Und er hatte vor, möglichst viele Weinproben zu genießen, also hielt er die Probengröße gering. Im Gegensatz zu Nat, der nach nicht mal einer Stunde schon eindeutig beschwipst war.

Man musste ihn gut kennen, um das zu bemerken, aber Levanyar bemerkte den verräterischen Glanz in seinen Augen. Seine Gesten beim Sprechen wurden wilder, und er schien ohne Unterlass zu plaudern, mit jedem, der bereit war, ihm zuzuhören. Und eine Menge Leute hörten ihm gerne zu.

Er sah gut aus in seinem kupferfarbenen Rock und dem moosgrünen Hemd darunter. Passte zu seinen Augen, und der enge Schnitt betonte seine schlanke Figur. Durch seine Anekdoten und fröhliche Laune war er ein gern gesehener Gast auf jeder Feier.

Levanyar blieb in seiner Nähe, um ihn von etwaigen Dummheiten abzuhalten.

---ENDE DER LESEPROBE---