Ein Wunsch unter dem Winterstern - Eliza Bauer - E-Book

Ein Wunsch unter dem Winterstern E-Book

Eliza Bauer

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Beschreibung

Um der Langeweile auf einer Wintersonnwendfeier seiner Dienststelle zu entgehen, sucht der elfische Ermittler Chaniel nach einer zweibeinigen Ablenkung – und findet sie in Nevan, dem neuen Mitglied der Stadtwache. Zwar scheint der Fremde einem Flirt aus dem Weg zu gehen, doch Chaniels Neugier ist geweckt. Er entdeckt, dass Nevan gute Gründe hat, sich ihm zu verweigern. Doch Chaniel gibt nicht auf – wenn ein Feuerwerk nicht reicht, um Nevans Herz zu erobern, kann vielleicht Magie helfen ... Enthält: einen flirtenden Elfen, einen zurückhaltenden Menschen, Abendessen bei Kerzenschein, Schokoküchlein, ein echtes sowie ein magisches Feuerwerk und ein offenes Ende, das manche Leser:innen frustrieren könnte. Eine Kurzgeschichte aus Neygara mit ca. 10.000 Wörtern.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Buchbeschreibung

Titelseite

Stadtplan

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Weitere Bücher

Über die Autorin

Impressum

Inhalt

 

Um der Langeweile auf einer Wintersonnwendfeier seiner Dienststelle zu entgehen, sucht der elfische Ermittler Chaniel nach einer zweibeinigen Ablenkung – und findet sie in Nevan, dem neuen Mitglied der Stadtwache. Zwar scheint der Fremde einem Flirt aus dem Weg zu gehen, doch Chaniels Neugier ist geweckt.

Er entdeckt, dass Nevan gute Gründe hat, sich ihm zu verweigern.

Doch Chaniel gibt nicht auf – wenn ein Feuerwerk nicht reicht, um Nevans Herz zu erobern, kann vielleicht Magie helfen ...

 

Enthält: einen flirtenden Elfen, einen zurückhaltenden Menschen, Abendessen bei Kerzenschein, Schokoküchlein, ein echtes sowie ein magisches Feuerwerk und ein offenes Ende, das manche Leser:innen frustrieren könnte.

 

Eine Kurzgeschichte aus Neygara mit ca. 10.000 Wörtern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Die Feier hatte um acht Uhr abends angefangen, und Chaniel brauchte gute drei Stunden, um endlich die Ablenkung zu finden, die diese Pflichtveranstaltung erträglich machte.

Er unterdrückte ein Seufzen und nippte an seinem Weinglas. In seinen Augen war es verschwendete Zeit, auf einer Sonnwendfeier herumzustehen und mit den Leuten zu plaudern, die er ohnehin an fünf von den sechs Tagen der Woche sah.

Nicht, dass er seine Kollegen nicht schätzte, aber seine Vorstellung von einem angenehmen Abend beinhaltete gutes Essen und die Gesellschaft eines Mannes und nicht eine Sonnwendfeier mit zweihundert Elfen. Wobei das Buffet zugegebenermaßen hervorragend war.

Chaniel hörte mit halben Ohr zu, wie Levanyar und ein paar andere Kollegen sich über die neue Armbrust unterhielten, mit der bald alle Polizisten ausgestattet werden sollten. Der Großteil seines Interesses galt jedoch dem Buffet, das vor der Wand aufgebaut war. Und dort weniger den Speisen als vielmehr einem der Gäste.

Dieser Mann schien Chaniel genau die willkommene Ablenkung zu sein, nach der er gesucht hatte. Auch wenn er irritierend runde Ohren hatte.

Vor einer Woche hatte er noch die Absicht gehabt, sich hier mit Levanyar einen netten Abend zu machen. Dann hatten sie eine jener Unterhaltungen geführt, die niemals gut ausging und stets mit den drei gleichen verhassten Worten begann: »Wir müssen reden.« Und danach waren sie kein Paar mehr gewesen.

Chaniel sah kurz zu Levanyar. Dieser zog einen Mundwinkel in der Andeutung eines Lächelns hoch, als er seinen Blick auffing. Sie hatten sich im Guten getrennt, waren weiterhin Freunde. Er fühlte keinen Schmerz, keine Wut, nur eine nagende Enttäuschung, und das sagte vermutlich alles über ihre Beziehung. Falls man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte.

Sie waren nur ein paar Wochen zusammen gewesen. Eine Affäre, mehr nicht. Als sie feststellten, dass sie nicht zusammenpassten, zogen sie die Konsequenzen. In beiderseitigem Einvernehmen.

»Habt ihr schon die neuen Prototypen der Dienst-Armbrust gesehen?«, sagte Levanyar gerade, als Chaniel zu ihm hinsah.

Er nickte. »Ja, die sieht fantastisch aus.« Damit hatte er wenigstens irgendwas zur Unterhaltung beigetragen.

Er blickte an Levanyar vorbei zum aufgetischten Essen. Seit einigen Minuten betrachtete er den Mann am Buffet nun schon, und er konnte sich noch immer nicht erklären, was ihn an ihm faszinierte. Er war nicht der erste Mensch, den Chaniel sah. Auch nicht die erste Stadtwache, die ihm unter die Augen kam. Doch dieser hier … Er war irgendwie anders.

Es fing damit an, dass er größer war als alle Menschen, die Chaniel je getroffen hatte. Breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine. Beinahe elfisch. Nichts an ihm wirkte zierlich oder gar schwach.

Er trug die offizielle Uniform der Stadtwache – dunkelblauer knielanger Waffenrock mit dem ilarischen Wappen auf der Brust, schwarze Hosen und Stiefel. Unter dem Ausschnitt war das metallene Geflecht eines Kettenhemds zu erkennen, dessen kurze Ärmel ebenfalls zu sehen waren. Darunter trug er ein schwarzes Hemd.

An Waffen führte er nur einen Dolch bei sich, das sonst übliche Langschwert fehlte. Vermutlich, weil die KomKa es nicht gerne sah, wenn Personen, die nicht hier arbeiteten, schwerbewaffnet in ihren Räumlichkeiten herumrannten. Machte die anwesenden Polizisten nur unnötig nervös.

»Chan?«

Er drehte den Kopf suchend in die Runde, die ihn umgab. Wer hatte ihn angesprochen?

Levanyar blickte ihn mit gehobenen Brauen an. »Hast du mir überhaupt zugehört?«

»Äh, entschuldige, nein. Ich war gerade in Gedanken.« Er setzte ein leichtes Lächeln auf.

Van schüttelte nur den Kopf. »Egal. Du wirst uns früh genug berichten, wie sich die neue Waffe im Einsatz bewährt. Wenigstens ist sie eine Arbeitserleichterung. Im Gegensatz zum neuen Formular für die Verhörprotokolle.«

Kollektives Stöhnen um ihn herum, dem sich Chaniel anschloss und nicht weiter zuhörte. Sein Blick schweifte wieder zum Buffet, an dem sich der fremde Mann mit einer Kollegin Chaniels unterhielt.

Nevan, so hatte Levanyar ihn vorhin genannt. Chaniel wusste nicht einmal, ob das der Vor- oder Nachname war. Menschen besaßen ja zwei Namen, um die Dinge unnötig zu verkomplizieren.

Van hatte wohl schon mit ihm zu tun gehabt, zumindest kannte er seinen Namen. Chaniel hatte zwar gehört, dass sie nächstes Jahr einen neuen Verbindungsoffizier der ilarischen Stadtwache zugeteilt bekamen, sich aber nicht weiter darum gekümmert. Er würde diesen Menschen noch früh genug kennenlernen.

Der alte Verbindungsoffizier hatte sich nie großartig in die sagarischen Angelegenheiten eingemischt und war nicht öfter als ein oder zwei Mal im Monat aufgetaucht, was allen sehr recht war. Niemand wusste, wie ernst dieser Nevan seine Aufgabe nahm.

Zum ersten Mal hatte Chaniel nichts dagegen, dass sich jemand der ilarischen Stadtwache öfter auf dem Revier blicken ließ. Denn dieser Mensch war zumindest keine Beleidigung fürs Auge. Was die Gefahr für seine Nase anging, musste er erst näher heran.

Nevan wanderte mit dem Teller in der Hand zum Ende des Buffets, wo er sich eine Gabel und eine Serviette nahm. Chaniels Blick fiel auf seinen Hintern, von dem aufgrund des langen Waffenrocks und des darunter liegenden Kettenhemds fast nichts zu sehen war. Nur eine leichte Kurve, über der ein Gürtel mit einem Dolch hing. Und dennoch war selbst diese minimale Rundung reizvoll.

Er blickte zu Levanyar hinüber. Zwar hatte ihm das Ende ihrer Affäre nicht das Herz gebrochen, doch er spürte trotzdem diesen seltsamen Stich in seiner Brust. Mehr Wehmut als Schmerz. Es war schön gewesen, sich mit jemandem verabreden zu können. Jemanden abends nach dem Dienst zu treffen. Noch dazu jemand, der nur allzu gut verstand, wie anstrengend die Arbeit als Ermittler sein konnte.

Die Unterhaltung war bei den lächerlichsten Dienstvorschriften angelangt, und er nickte beipflichtend, während sein Blick zu Graycennar und seinem Freund schweifte. Soweit er feststellen konnte, waren sie das einzige Paar in dieser Runde, zu der sich gerade drei weitere Polizisten aus der Mordabteilung gesellten. Auch wenn der menschliche Magier bemüht war, genau diesen Eindruck nicht zu vermitteln.

Er hatte Willard auf einem Fest vor einem halben Jahr flüchtig kennengelernt, wo der Magier Chaniel fast seinen Auftrag vermasselt hatte.

Graycennar war auch jemand, der ihm gefallen hatte. Natürlich war er schon vergeben, und wie es schien, ziemlich fest. So intensiv blickten sich nur Leute an, die tiefe Gefühle füreinander hatten.

Es wäre schön, auch jemanden zu haben, der ihn so ansah. Jemanden, den er so ansehen konnte. Seine letzte langfristige Beziehung hatte vor zwei Jahren geendet, und bis auf ein paar Affären hatte sich seitdem nichts Festes mehr ergeben. Bei dem Anblick der Paare auf diesem Fest bedauerte er das.

Chaniel warf einen Blick in sein Glas. Es musste dieser verfluchte Wein sein, der ihn so sentimental werden ließ. In Kombination mit dem morgigen Jahresende.

Vielleicht sollte er den Wein auffüllen. Viel schlimmer konnten seine sentimentalen Anwandlungen nicht mehr werden. Außerdem schmeckte der Schiller wirklich gut. Nachdem er sich bei seinen Freunden entschuldigt hatte, spazierte er zum Tisch, wo die Getränke ausgeschenkt wurden.

Mit einem Glas, das nur zu einem Viertel voll war, wollte er zu seinen Kollegen zurück, als sein Blick wieder auf die Stadtwache fiel. Nevan lehnte mit dem Gesäß an einem der Tische, die an die Wand geschoben worden waren. Er spießte Häppchen mit der Gabel auf, während er die Menge beobachtete. Dabei landete sein Blick schließlich auf Chaniel und blieb für einen Moment an ihm hängen.

Der Elf erwiderte den Blick, ohne sich abzuwenden, und deutete ein Lächeln an.

Ein winziges Lächeln huschte auch über das Gesicht des Menschen, dann sah er in die andere Richtung. Das mochte Interesse an Chaniel sein oder schlichte Höflichkeit.

Es reichte, damit sich Chaniel in Bewegung setzte, um seine Ablenkung näher kennenzulernen.

 

* * *

 

Chaniel schlenderte zu dem Menschen hinüber und nickte ihm freundlich zu. Als Nevan ihn fragend anblickte, bemerkte der Elf erst, wie groß der Mann wirklich war. Beinahe so groß wie er selbst, musste er mindestens sechs Fuß und sechs oder sieben Zoll messen, was ihn zu einem Riesen unter den Menschen machte.

»Ihr seid zum ersten Mal hier, nicht wahr?« Chaniel deutete auf den Saal.

Nevan nickte und kaute bedächtig weiter. Manieren hatte er, was ihn schon mal von seinem Vorgänger unterschied, dem man beim Essen immer in den Mund schauen konnte. Die Stadtwache schluckte hinunter. »Ja. Ich habe gar nicht mit einer Einladung gerechnet, wo ich meinen Dienst doch erst in zwei Wochen antrete.«

Seine braunen Haare waren im Nacken kurz geschnitten und fielen ihm in Locken in die Stirn. Einige Strähnen hingen genau über seinem Auge und schienen darauf zu warten, zur Seite gestrichen zu werden. Ein Zucken lief durch Chaniels Finger, als er sie krampfhaft an seiner Seite hielt. Warum hatte er auf einmal das Bedürfnis, durch diese Haare zu fahren? Er war nicht der Typ für ständige Berührungen, schon gar nicht bei Leuten, die er überhaupt nicht kannte.

Ein Bart bedeckte Oberlippe und Kinn, etwas länger als die Stoppeln auf den Wangen. So ganz frisch rasiert sah es nicht aus. Dafür irgendwie … verwegen. Als hätte der Mensch Wichtigeres zu tun, als sich um seine Barttracht zu kümmern.

Dabei wirkte er nicht ungepflegt, ganz im Gegenteil. Der frische Duft einer zitronigen Kräuterseife hing an ihm. Vermutlich Verbena. Und darunter lauerte etwas Erdiges, das Chaniel nicht genau bestimmen konnte, seiner Nase aber schmeichelte.

Nevan war nicht unattraktiv. Natürlich konnte er sich nicht mit einem Elfen messen, dazu waren seine Gesichtszüge nicht prägnant genug, die Augen zu schmal, die Nase zu breit, die Brauen zu dicht. Aber dennoch wirkte er auf eine bodenständige Art gutaussehend.

»Chaniel vom Klan der Ultorria.« Er streckte ihm die Hand entgegen, und Nevan klemmte sich die Gabel zwischen Daumen und Teller, um eine freie Hand zu haben.

Sein Händedruck war angenehm fest, ohne übertrieben zu wirken. Manche Menschen glaubten ja, dass sie einem Elfen die Finger zerquetschen mussten, um ernstgenommen zu werden. »Hauptmann Tamann.«

Also war Nevan sein Vorname. Chaniel nutzte die Vorstellung, um ihm lange in die Augen zu blicken. Hellbraun, mit goldenen Sprenkeln, die ihnen einen warmen Glanz verliehen. Hübsch. »Wie ich sehe, findet Ihr zumindest Gefallen am Essen.« Chaniel deutete mit einem Grinsen auf den vollen Teller.

»Nicht nur am Essen. Eine schöne Feier.« Das klang eher höflich denn begeistert, ohne ehrliche Freude, aber Chaniel hätte an seiner Stelle auf einem ilarischen Fest nichts anderes gesagt.

»Habt Ihr schon viele Polizisten kennengelernt?« Chaniel nippte an seinem Glas und sandte einen winzigen magischen Impuls aus. Nichts, was sonst jemand in dem Saal bemerken würde. Es war mehr Gewohnheit als Notwendigkeit, weil er jeden, den er neu kennenlernte, auf diese Art abtastete. Warnte ihn manchmal vor unliebsamen Überraschungen, weil er so auch feststellen konnte, ob sich magische Gegenstände bei der Person befanden. Oder Waffen aus Metall.

Er bekam kein Echo. Die Magie lief widerstandslos durch Nevan hindurch, wurde nicht aufgehalten, nicht verformt, nicht zurückgeworfen. Völlig magieblind, wie die meisten Menschen.

»Die Leutnants der einzelnen Abteilungen. Ich hoffe, ich weiß ihre Namen noch, wenn ich nächstes Jahr mit ihnen zusammenarbeiten werde.«

»Ihr müsst Euch ja immer nur einen Namen merken und nicht zwei wie bei Menschen.«

»Ist es nicht unhöflich, den Klannamen wegzulassen?«

»Kein Elf redet einen anderen mit dem Klannamen an, es sei denn, es dient einer Aufforderung zum Duell oder einem Antrag auf eine eheliche Bindung. Und keines von beiden empfehle ich bei einem Treffen mit den Leutnants der KomKa.«

Ein Lächeln tanzte über Nevans Gesicht. »Ich werde versuchen, diesen Rat zu berücksichtigen. In welcher Abteilung arbeitet Ihr?«

»Schmuggel.«

»Ah, der Import und Export von verbotenen Waren, wie es offiziell so schön heißt.« Nevan nickte langsam. »Ich nehme an, wir werden uns öfter über den Weg laufen, da es zu meinen Hauptaufgaben gehört, den Transport verbotener Drogen und sonstiger Dinge nach Ilaria zu verhindern.«

»Werden wir.« Chaniel schenkte ihm ein breites Grinsen. »Nach dem Leutnant bin ich der zweitwichtigste Mann.«

»Ach ja?« Nevan bedachte ihn mit einem neugierigen und zugleich misstrauischen Blick. Vermutlich klang es nach Angeberei, aber Chaniel war tatsächlich die Hauptansprechperson in der Abteilung und koordinierte die Einsätze.

»Ich kann Euch gern mehr darüber erzählen, was sich alles in meiner Abteilung tut und womit wir im Moment beschäftigt sind.« Er ließ seinen Blick über den Saal schweifen. »Aber nicht hier. Schließlich ist das eine Feier und keine Dienstbesprechung.«

Das Misstrauen schwand aus Nevans Blick, und jetzt wirkte er wirklich interessiert. »Klingt spannend. Wollt Ihr Euch irgendwann mit mir treffen, um mich schon vorab einzuweihen? Die Berichte meines Vorgängers, die ich bis jetzt durchgelesen habe, sind nicht besonders … aussagekräftig.«

»Ach ja, der gute alte Bran und seine Berichte.« Chaniel schüttelte den Kopf. »Es wundert mich, dass er überhaupt welche verfasst hat, die länger als zwei Zeilen sind.« Er betrachtete den Mann vor sich mit schiefgelegtem Kopf. Ein kleiner Flirt vor dem Jahreswechsel wäre genau das Richtige, um seine Stimmung zu heben und ihn die Enttäuschung mit Levanyar vergessen zu lassen. Falls dieser Mensch hier dem eigenen Geschlecht zugetan war. Diese Ilarer ließen so etwas nie klar erkennen.

»Weniger Lesearbeit für mich, aber auch weniger Informationen, als mir lieb ist. Falls Ihr also irgendwann eine Stunde für mich erübrigen könntet, wäre ich überaus dankbar.« Er musterte Chaniel zum ersten Mal genauer, und dieser bildete sich ein, einen Funken Interesse in den goldbraunen Augen zu erkennen. Ein Funke, der sofort wieder erlosch, als Nevan den Blick abwandte. »Aber natürlich hat das keine Eile.«

»Morgen ist Wintersonnenwende.« Chaniel kam einen halben Schritt näher. Nahe genug, um Nevans zitronig-erdigen Geruch besser wahrzunehmen. An diesen Duft könnte er sich gewöhnen. Auch nahe genug, um in seinen persönlichen Raum zu dringen. So dicht trat er nur an Personen heran, die er gut kannte. Oder an Männer, die er ansprechend fand und näher kennenlernen wollte.

Nevan wich nicht zurück, machte sich auch nicht größer und breiter, wie Chaniel es oft an Menschen beobachtete, die sich durch seine Körpergröße bedroht fühlten. Vielleicht lag es daran, dass Nevan beinahe gleich groß war und nicht fürchten musste, in einer Konfrontation der körperlich Unterlegene zu sein. Oder, was ihm als Erklärung besser gefiel, der Mensch fand den Elfen anziehend.

»Ich weiß.« Nevan runzelte die Stirn. »Deshalb ja auch diese Feier.«

»Die Sonnenwende ist gleichzeitig auch der Jahreswechsel. Ich will damit sagen, dass morgen Abend die meisten Elfen auf weiteren Festen sind oder zusammen mit ihrer Familie feiern. Es ist kaum jemand unterwegs. Da der erste Tag des neuen Jahres ein Feiertag ist, nutzen viele den morgigen Tag aus, um rauschende Feste zu feiern.«

»Und?«, meinte Nevan gedehnt und schob sich den nächsten Bissen in den Mund.

»Wie verbringt Ihr den morgigen Abend? Ich weiß nicht genau, wie die menschlichen Gepflogenheiten sind.«

Ein unübersehbarer Schatten huschte über Nevans Gesicht, und er kaute dermaßen gründlich, dass es offensichtlich war, dass er Zeit schinden wollte. »Ich werde mir die restlichen Berichte Brans zu Gemüte führen.«

»Klingt langweilig.«

»Nach der Feier heute möchte ich morgen nicht schon wieder auf einem Fest sein.«

»Zu viele Leute?«

»Ich habe nichts gegen Ruhe.«

»Keine Verpflichtungen?«

»Es gibt ein kleines Fest bei der Stadtwache, wo ich vermutlich kurz hinschauen werde.«

»Ich meinte familiärer Natur.«

Nevans Zähne gruben sich in seine Unterlippe, und er wich Chaniels Blick aus. »Nein.«

»Nun, da Ihr anscheinend am Abend mit nichts Wichtigem beschäftigt seid – und keine Angst, ich sage niemandem, dass Brans Berichte nicht wichtig sind –, könnten wir uns doch treffen.«

»Morgen?« Nevans Augen weiteten sich überrascht.

»Warum nicht? Ich lade Euch zum Essen ein.«

»Sehr großzügig von Euch, aber das ist wirklich nicht nötig. Ich komme Euch gern in der KomKa besuchen, wenn Ihr Zeit für mich habt.«

»Die Sache ist die …« Chaniels Blick wanderte zu der Gruppe Polizisten, die er vorhin verlassen hatte. »Ich habe eine Tischreservierung für morgen Abend und keine Begleitung. Es wäre eine Schande, sie verfallen zu lassen.«

»Ihr kennt doch sicher jemanden, der Euch mit Freuden begleiten möchte.«

»Ich hätte aber gerne Euch dabei.« Chaniel neigte leicht den Kopf und setzte sein charmantestes Lächeln auf.

Nevans Wangen gewannen an Farbe, was auch die Bartstoppeln nicht verbergen konnten. »Ich fühle mich geschmeichelt, aber ich würde es bevorzugen, Euch auf dem Revier zu treffen.«

»Es ist das beste Lokal von ganz Neygara. Man muss mindestens vier Monate im Voraus reservieren, um an so einem Tag einen Platz zu bekommen.« Oder dem Besitzer einen Gefallen erwiesen haben, der mit dem Schmuggel von Trüffeln zu tun hatte. Seitdem reichte es, wenn Chaniel fünf Wochen vorher Bescheid gab. Fünf Tage wären ihm lieber gewiesen, aber dafür musste er wohl noch einmal dem Wirt der Schönen Aussicht in Verbindung mit einer Schmugglerbande bringen und dann vergessen, es in seinem Bericht zu erwähnen.

»Dann würde ich mich umso schuldbewusster fühlen, einem Eurer Freunde diesen Platz weggenommen zu haben.«

»Bitte.« Chaniel schob sich so nahe an ihn heran, dass sich ihre Schultern fast berührten. »Ich möchte dort nicht allein essen. Ihr macht den Eindruck, als wärt Ihr eine angenehme Gesellschaft. Und als könntet Ihr morgen selbst etwas Ablenkung brauchen.«

Nevan wich noch immer nicht zurück, strich sich nur die lockigen Strähnen aus den Augen und balancierte Teller und Gabel in der anderen Hand. Sein Blick ruhte auf Chaniel, maß seine ganze Gestalt, und jetzt war sich der Elf sicher, Interesse in diesen hübschen Augen zu lesen. Interesse, das mit seiner Person und nicht mit seinem Beruf zu tun hatte.

Chaniel senkte die Stimme. »Ich versichere Euch, dass ich nicht beiße.« Er ließ seine Zähne in einem offenen Lächeln aufblitzen. »Außer, Ihr bittet mich darum.«

Nevans Wangen röteten sich deutlicher. Er machte einen Schritt zur Seite, an der Tischkante entlang, und räusperte sich. »Seid Ihr sicher, dass Ihr mit einem Menschen dort gesehen werden wollt?«

Chaniels Lächeln wurde zu einem zufriedenen Grinsen. »Ich hole Euch um sieben Uhr ab. Wo wohnt Ihr?«

Nevan griff in eine kleine Gürteltasche und holte eine Karte aus steifem Papier hervor. »Ich bekam einen ganzen Stapel von diesen hier, kaum dass ich mich bei meinem Vorgesetzten vorstellte.« Er hielt Chaniel die Karte entgegen. »Ich wusste nicht, dass ich sie dauernd hergeben muss oder danach gefragt werde.«

»Wir Elfen wollen uns nicht alles merken müssen und finden solche Kärtchen praktisch.« Es war eine offizielle Karte der ilarischen Stadtwache, auf der Rang, Name und Adresse des Büros verzeichnet waren. Auf die Rückseite hatte Nevan seine Privatadresse geschrieben. »Danke.«

»Ich danke für die Einladung.« Nevans Mundwinkel schoben sich langsam nach oben, und zum ersten Mal an diesem Abend lächelte er Chaniel offen an. Verhalten, fast schüchtern, aber es war ein Anfang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 2

 

Die Fahrt hinauf auf den Hügel, auf dem die Schöne Aussicht lag, dauerte eine halbe Stunde von Nevans Wohnung aus. Er lebte im Weißwasser-Viertel, einer netten ruhigen Wohngegend für wohlhabende Menschen.

Sie plauderten über das Wetter, das heute eine niederschlagsfreie Nacht vorsah, über die gestrige Sonnwendfeier und andere unverfängliche Themen.

---ENDE DER LESEPROBE---