Der Tag, an dem er Vater wurde - Jutta Kröpfl - E-Book

Der Tag, an dem er Vater wurde E-Book

Jutta Kröpfl

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Beschreibung

Obwohl Lukas die Schuld trägt, dass ihr Leben einst aus den Fugen geriet, ist Tanja seit Jahren mit ihm verheiratet, als sie eines Tages durch Zufall der fünfjährigen Lea begegnet. Durch das Mädchen wird sie unvorbereitet mit der Vergangenheit konfrontiert, denn der Vater ist ihr Ex-Freund Malte, den sie aus den Augen verloren hat, seit er die Einladung zu ihrer Hochzeit ignorierte. Beide sehen sich einem gereiften und durch das Leben geprägten Menschen gegenüber, doch das frühere Gefühl tiefer Verbundenheit ist sofort wieder da. Während Tanja sich deswegen gezwungen sieht, Malte zurückzuweisen, sucht er ihre Nähe und stellt sich auf die Konfrontation mit Lukas, seinem ewigen Kontrahenten, ein. Die Bindung zur Mutter seiner Tochter stand immer im Schatten seiner Beziehung mit Tanja. Doch alles ist anders als es scheint. Tanjas Geschichte geht weiter - mit überraschenden Wendungen, witzigen Dialogen, tiefen Emotionen und Dramatik.

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Seitenzahl: 722

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Kinder:

Franziska, Sebastian, Christoph, Elisabeth, Theresa & Verena

Flügel meinen Großen

Nischen, die ihr für euch gefunden habt. Wege, die ihr selbst beschreitet. – Ich bin stolz auf euch!

Wurzelnmeinen Kleinen

Treue Blicke, herzerwärmende Lächeln, Kinderlogik und freudig singende Stimmen, innige Umarmungen. – Ihr macht mir die Welt zu einem besseren Ort!

Was im Vorgängerroman „Der Tag, an dem dein Flieger ging“ geschah…

(eine kurze Zusammenfassung zum besseren Verständnis oder zur Erinnerung)

Tanja und Lukas sind seit dem Abitur ein Paar. Sie studieren zusammen Journalistik und planen ein Australienjahr im Anschluss daran. Die Visa sind genehmigt und die Flüge gebucht, als die beiden eines Abends Malte kennenlernen. Gegen alle Vernunft verliebt Tanja sich in den charmanten Technomathematikstudenten und trennt sich seinetwegen von Lukas. An der gemeinsamen Reise hält sie dennoch fest und im festen Glauben an die Zukunft lässt Malte sie ziehen. Lukas macht derweil keinen Hehl daraus, Tanja noch immer zu lieben…

Nach einem schweren, ungeklärten Verkehrsunfall leidet Tanja unter partiellem Gedächtnisverlust. Vor allem an das australische Jahr kann sie sich nicht erinnern. Lukas und Malte lassen sie an ihrer jeweiligen Version der Geschehnisse teilhaben. Nicht überall passen die beiden Geschichten zusammen und auf eine gewisse Weise vermitteln beide Männer ihr das Gefühl, an ihre Seite zu gehören.

Worin beide übereinkommen: Als Malte seinen geplanten Besuch in Sydney absagt, betrügt Tanja ihn zutiefst frustriert mit Lukas. Ein Ausrutscher, dazu verdammt, totgeschwiegen zu werden. Auch, als Malte zu Weihnachten überraschend vor der australischen Haustüre steht. Nichtsahnend verbringt er eine intensive Zeit mit seiner Freundin und reist glücklich zurück in die deutsche Heimat. Doch zwischen Lukas und Tanja schwelt ein Feuer, dessen Knistern lauter wird und das Funken schlägt, die beide nicht mehr löschen können. Als das Auslandsjahr zu Ende geht, weiß Tanja nicht mehr, für wen ihr Herz schlägt. Ein Tanz auf dem Vulkan zwischen der Sehnsucht des Partners und der Affäre mit dem Ex. Eine tickende Zeitbombe, die in die Luft geht, als Malte um Tanjas Hand anhält…

Während sie sich körperlich von den Unfallfolgen erholt, belastet die Amnesie weiter ihre Psyche. Tanja ist schockiert von dem, was sie hört, schockiert vom eigenen Verhalten. Und als ein einzelner Erinnerungsfetzen an ihren Unfall zurückkehrt, ist sie zudem überfordert. Denn Lukas hat sie dreist belogen: er hat sie im Streit unbeabsichtigt vor ein fahrendes Auto gestoßen. Unter Tränen beendet er seine Geschichte erneut und gesteht seine Schuld an ihrem Unfall.

Tanja jedoch deckt Lukas. Vor ihrer Familie, vor Malte, vor der Polizei. Sie fühlt sich beiden Männern verpflichtet und verbunden. Sie hat beide neu kennengelernt, schätzt ihre Freundschaft und weiß dennoch: sie muss sich entscheiden und auf ihr Herz vertrauen.

Damit endet der Roman.

Etwas mehr als zehn Jahre danach…

Tanja bahnte sich ihren Weg durch die gut gelaunten Freibadbesucher. Schon am ersten warmen Tag im Jahr waren es viele. Sportler und Familien, Cliquen und Pärchen. Nach wie vor begegnete sie der Ausgelassenheit persönlich distanziert. Der Tiefpunkt ihres Lebens – der zweite seiner Art - lag etwa eineinhalb Jahre zurück. Für sie war er dennoch so nahe wie gestern. Gestern… Sie hatte wieder viel gelesen, hatte vor dem Schlafengehen ein großes Kreuzworträtsel gelöst. Es war kein besonderer Tag gewesen. Wie jeder andere die letzten Monate. Sie hatte sich am späten Nachmittag mit Chrissie getroffen, war mit ihr durch die Stadt geschlendert. Lachen hatte sie sich verboten.

Und doch, es war sehr wohl ein besonderer Tag gewesen. Irgendwie. Unbedeutend besonders. Ohne den gestrigen Morgen wäre sie nicht im Freibad gewesen. Um zu arbeiten. - Ja, Henrik und ihre Mutter hatten es endgültig geschafft, sie zu überzeugen, in die Zeitungsredaktion zurückzugehen. Und sofort war sie im Team wieder herzlich willkommen.

„Es wird dir guttun, zu schreiben, zu arbeiten“, hatte ihr Chef gesagt und sich über ihre Rückkehr gefreut, sie sofort mit einer angenehmen Aufgabe betraut. Tanja hatte genickt und zu lächeln versucht. Ja, womöglich würde es ihr weiterhelfen, wieder eine echte Aufgabe zu haben. Auch wenn Lukas nicht mehr mit ihr in die Redaktion kam.

Freibadsaison eröffnet… Im Kopf suchte Tanja nach passenden Worten für ihre Arbeit, der passenden Überschrift für ihren Bericht. Noch während sie langsam über die weitläufige Liegewiese des Sport- und Freizeitbades im linksrheinischen Westen Kölns schlenderte. Zwischen fröhlichen Menschen, lachenden Kindern, albernden Teenagern. Zwischen farbigen Handtüchern, Sonnencremes, Wasserbällen und Wasserspritzern. Der Geruch von Chlor lag in der Luft, auch der von Pommes Frites.

Mit Wettschwimmen der DLRG-Jugend… Darüber sollte sie schreiben. Auch darüber. Tanja hielt Ausschau nach ihrem Ansprechpartner, dem im vergangenen Dezember neu gewählten Jugendvorstand. Sie kannte sein Bild aus ihrer Zeitung, seine Stimme von einem knappen Telefonat am Vortag. Martin Winter. Er war seinem älteren Bruder ins Amt gefolgt. Sie entdeckte ihn in der Nähe der Startblöcke am Schwimmerbecken, organisierend zwischen etlichen Kindern. Sein hellblonder Igelkopf verriet den jungen Mann. Tanja warf einen Blick auf die Uhr. Die Endläufe standen kurz bevor. Für ein paar Fragen im Vorfeld aber war noch Zeit. Er würde sie bereits erwarten.

Nachdem sie ihre Fragen losgeworden war, Fakten und Zahlen notiert hatte, sich freundlich unterhalten hatte, mischte Tanja sich ins Publikum. Unter stolze Eltern, eifrig Daumen drückende Geschwister, beinahe nervöse Großtanten. In die Schar von Verwandten, die sich um das Schwimmerbecken drängten und unter denen sie klar auffiel, nicht nur des Notizblocks wegen. Sie trug eine schwarze Jeans, ein dunkel-lilafarbenes T-Shirt, geschlossene Schuhe, die Haare geflochten auf dem Rücken. Sie war verglichen farblos. Und anstelle eines Badelakens hatte sie einen Fotoapparat dabei.

Sie sah sich kurz um, stellte auch einer jungen Mutter ein paar rasche Fragen, fragte einen Zehnjährigen nach seinen Eindrücken vom ersten Freibadbesuch, unterhielt sich flüchtig mit einem gespannten Großvater. Sie machte sich einige weitere Notizen und wartete auf die Starts. Verfolgte das erste Wettschwimmen der über Dreizehnjährigen, schrieb den Namen des Siegers auf und versäumte die nächsten Rennen, weil sie ein Schwindelgefühl anfiel und sie sich setzen musste. Ihre Arbeit, die sie auf andere Gedanken bringen sollte, hatte sie in die Vergangenheit gestoßen. Ungefragt. Weil der strahlende Gewinner etwas zu dunkelblond war und das Wasser um ihn herum zu unscharfe Wellenlinien zog. Sie konnte nicht länger klar sehen.

Erst tosender Beifall riss sie zurück in die Echtzeit. Sie brauchte einen Moment, um sich zu besinnen, die Andenken abzuschütteln. Sich aufzuraffen, zu orientieren. Tanja starrte auf ihren Notizblock. Ohne es tatsächlich wahrgenommen zu haben, hatte sie einige Namen notiert, sie Altersgruppen zugeordnet. Ihr Unterbewusstsein hatte besser aufgepasst. Vier Starts hatte sie in gewisser Weise versäumt, dem Gemurmel hinter ihr nach zu urteilen zudem einen Fehlstart. Nun sah sie die jüngsten Mädchen ins Wasser hechten, die Altersgruppe bis acht Jahre. Das Kind auf Bahn drei fiel ihr auf. Des aus ihrer Sicht weitgehend optimierten Schwimmstils wegen, aber auch aufgrund des Alters. Das Mädchen war jünger als seine Gegner. Deutlich. Dennoch lag sie vorne. Ebenso deutlich, wenigstens eine Körperlänge. Lea. Das musste ihr Name sein. Der laienhafte Kommentator in roten Shorts und nackter Brust brüllte ins Mikrofon. Applaus begleitete die Schwimmerin ins Ziel, strahlend blickte sie in Tanjas Richtung. Die Richtung der jubilierenden Zuschauer, der großen dunkelgrünen Tannenbäume weiter hinten. Ihr Lachen entblößte eine Reihe Milchzähne.

„Und wir gratulieren der jüngsten Siegerin des Tages! Lea Falkenhagen! Ein klasse Rennen!“

Tanja notierte den Wortlaut des Glückwunsches und stimmte ihm in Gedanken zu. Ein faszinierender Sieg. Ein faszinierendes Mädchen. Sie beobachtete Lea, als sie aus dem Becken kletterte. Geschickt und glücklich. Die brünetten Haare fielen ihr in zwei nassen Zöpfen über die Schulter, die dunklen Augen leuchteten von Weitem. Auf ihrem blauen Badeanzug prangte nicht nur das Seepferdchen, sondern auch das bronzene Schwimmabzeichen, das Tanja, so erinnerte sie sich, mit Müh und Not erreicht hatte, als sie in die vierte Klasse kam. Dieses Mädchen hatte Talent und vermutlich wenigstens genauso viel Ehrgeiz.

Zwei junge Frauen in sonnengelben T-Shirts mit dem roten Aufdruck der DLRG empfingen Lea mit einem Handtuch, herzlichen Umarmungen und Begeisterung. Begeisterung, die auf Tanja übersprang.

Das Mädchen wand sich aus der lieben Belagerung und winkte in die Richtung des Publikums. Tanja drehte sich um, konnte allerdings in der auseinanderstrebenden Menge hinter sich niemanden ausmachen, dem der freudige Gruß galt.

Tanja unterhielt sich erneut mit Martin Winter, als der Trubel sich ein wenig gelegt hatte, und hinterfragte die unterbewussten Notizen. Kam sich kleinlaut vor, nicht vollkommen professionell und schämte sich. Sie war aus der Übung, aus der Routine.

„Können Sie mir noch sagen, wie alt das Mädchen war, das zuletzt so souverän gewonnen hat?“

„Lea Falkenhagen?“

Falkenhagen. Tanja biss die Zähne zusammen. Die Vergangenheit wollte ihr keine Ruhe lassen an diesem Samstag. Doch es war Zufall und sie errötete, als sie sich nach einem Zögern gefangen hatte. Warum realisierte sie den Namen erst jetzt? Sie hatte ihn immerhin schon aufgeschrieben.

„Entschuldigen Sie. Es tut mir leid. Ich… habe heute den ersten Tag nach einer längeren Arbeitspause. Sie müssen mich für eine grauenvolle…“

„Keine Angst, ich werde es für mich behalten.“ Er lächelte. „Lea kommt im Herbst in die Schule. Sie ist knapp sechs Jahre alt.“

„Und sie schwimmt in Ihrer Ortsgruppe?“

„Ja. Seit kurzem.“

„Sie hat es erst gelernt?“

„Nein. Sie schwimmt seit sie drei ist, soweit ich weiß. Ihre Eltern waren viel mit ihr am und im Wasser.“

„Das scheint mir sehr früh, um Schwimmen zu lernen.“

„Ich habe noch nicht viele Kinder gesehen, die so flott waren. Da gebe ich Ihnen recht. Sie ist definitiv ein Ausnahmetalent. Grundsätzlich sind unsere Jüngsten schon sechs Jahre alt und Schüler. Wir sind stolz auf Lea.“

„Es scheint ihr Freude zu machen.“

„Ja. Sie ist sehr motiviert. Und das nötige elterliche Engagement bringt sie auch mit.“

„Nun, dann war der Sieg wohl sehr verdient. - Ich würde mich gerne mit ihr selbst unterhalten.“

„Ich denke, sie ist im Wasser. Warten Sie hier.“

Tanja setzte sich auf eine Bank, als Lea ihr wenig später mit stolzer Miene gegenüberstand. Sie wollte dem Mädchen nicht von oben herab begegnen. Sie versuchte zu lächeln. Trotz der ehrlichen Bewunderung fiel es ihr schwer. Doch das hatte nichts mit dem Kind zu tun. Sie gab sich einen inneren Ruck, der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde überzeugter.

„Lea. Ist es in Ordnung für dich, wenn ich dir ein paar Fragen stelle? Ich bin Frau Mayer und komme von der Zeitung und ich möchte gerne von dir schreiben, weil ich toll finde, was du geschafft hast.“

Das Mädchen nickte, ihre kleinen Zähne blitzten, ihre braunen Augen leuchteten auf.

„Willst du dich setzten?“

„Stehen bleiben.“

„Und ist dir warm genug?“

Lea zog das große bunte Handtuch etwas fester um die Schultern. Sie fühlte sich wohl. Ihr sympathisches Lächeln brachte ein wenig Wärme in Tanjas Gemüt.

„Du kommst bald in die Schule?“

„Ja. Bald.“

„Freust du dich?“

„Mmmh.“

„Und du hast bestimmt schon eine Schultasche.“

„Mit Delfinen.“

„Magst du Delfine?“

„Die schwimmen sehr schön.“

„So wie du.“

„Ich schwimme viel.“

„Und es macht dir Spaß!?“

„Viel.“

„Bist du denn allein hier?“

„Mit meinem Papa. Der kommt gleich zurück. Holt eine Kamera, weil ich gewonnen habe.“

„Da hat er sich bestimmt für dich gefreut. Hat er dir schwimmen beigebracht?“

„Er geht immer mit mir schwimmen. Er sagt, Schwimmen ist gut. Und er möchte, dass ich gut bin, weil er selbst einmal übel verloren hat bei einem Wettschwimmen.“

„Übel verloren?“ Die ihr wenig kindlich scheinende Wortwahl überraschte Tanja.

„Das hat er mir gesagt. Aber es war kein Wettkampf wie heute. Es war mit einem Freund und…“

Lea brach ab, war abgelenkt, sah über Tanjas Schulter hinweg und wurde hibbelig freudig. Winkte wieder, wie zuvor, als es vergeblich war, nach einem Ziel zu spähen.

„Da kommt mein Papa.“ Lea sprang los.

Tanja legte Stift und Zettel auf der Bank beiseite, erhob sich und sah ihr hinterher. Folgte der Richtung ihrer Sprünge und glaubte zu spüren, dass sie selbst etwas zu schwanken begann. Dass das Blut aus ihrem Gesicht wich und sie Halt gebraucht hätte. Halt, den sie nicht fand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, ihr ganzer Körper pochte und sie musste sich erinnern, dass sie zu atmen hatte. Obwohl das Kind nur einen Vater haben konnte, sah Tanja in ihrem Kopf zwei Männer vor sich.

Der eine, ein Mittdreißiger, der sich mit einem Handtuch durch die halbtrockenen Haare reibt. Er ist schlank und gut aussehend. Trotz des verdutzten Blickes und eines Innehaltens in der Bewegung. Er steht barfuß im kurz gemähten Gras, trägt eine knielange Jeans, dazu ein offenes Hemd über der behaarten Brust. Kariert in feurigen Tönen. Tanja schluckt und lässt den Blick in sein Gesicht wandern. Er ist gründlich rasiert, seine Lippen sind vorsichtig voneinander gelöst, seine dunkelbraunen Augen leuchten. Wie die der Tochter. Und wie die des anderen Mannes. Dem, der nur ihrer Erinnerung entspringt. Dem Studenten, der sie vor mehr als zwölf Jahren mit seiner Spontaneität überfallen und bleibend beeindruckt hat. Damals mit Dreitagebart, blondierten Strähnen und unüberwindbarem Selbstbewusstsein. Kann es sein? – Malte Falkenhagen. Es kann. Nur so.

Und er ist wenigstens so überrascht wie sie. Überrumpelt. Überfordert? Tanja fühlt sich überfordert. Was soll sie sagen? Was soll sie tun? Was kriegt sie auf die Reihe, wenn sie sich so sehr zu konzentrieren hat, Atmung und Herzrasen zu koordinieren?

Sie beobachtet ihn. Ihn, den Chaoten mit Stil, der ihr Herz einst im Sturm erobert hat. Er hat nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Doch das spielt keine Rolle. Nicht mehr. Es kann keine Rolle mehr spielen.

Sie sieht, wie sein Arm sinkt, mit ihm das helle Handtuch. Wie es durch die Luft segelt und in den töchterlichen Armen landet. Wie sein Blick sich von ihr löst, das Mädchen anpeilt, für eine einzige Sekunde, dann zurückkehrt. Mit voller Aufmerksamkeit. Und wie er beginnt, mit den Fingern seine Haare zu ordnen, die dunkler sind als in ihrer Erinnerung, im Licht gar rötlich schimmern wie frische Kastanien. Seine schmalen Hände… Tanja lächelt. Innerlich verborgen. Aber sie selbst kann es spüren. Es fühlt sich schön und falsch zugleich an.

„Papa, komm! Was ist? - Da ist Frau Mayer. Von der Zeitung. Sie ist nett!“

„Frau Mayer, ja. Ich weiß.“ Malte murmelte nur.

Er wusste es. Ja. Obwohl sie blass war und etwas hager. Beinahe krank aussah und gequält. Wie damals, als es ihn nahezu überfordert hatte, dass sie sich nicht an ihn erinnern konnte. Nach dem Unfall. Heute aber tat sie es. Sie wusste, wer er war, er konnte es in ihrer Haltung erkennen. Daran, dass die Blässe noch bleicher wurde. Und dennoch war sie hübsch wie eh und je. Reifer und weiblicher, ja, aber doch auch noch das Mädchen, in das er sich einst vor langer Zeit verliebt hatte. Er lächelte und entkam aus seiner Steifheit, legte Lea in einer stolz-väterlichen Geste den Arm um die Schultern und ging mit ihr auf die Journalistin zu, die sich über die Lippen leckte und mit den Händen über das dunkle Haar fuhr.

„Hallo, Tanja.“

„Malte.“ Tanjas Stimme versagte, ging in einem vorsichtigen Nicken fast vollständig unter. Sie räusperte sich, sah zu dem Kind, sprach doch mit ihm. „Wir sprachen eben davon, wie sie zum Schwimmen kam. Lea war gerade dabei, mir zu erzählen, warum ihr Vater es ihr beigebracht hat.“

Malte fing einen schielenden Blick in seine Richtung ein.

„Das verlorene Wettrennen. Gegen einen Freund und für eine ganz besondere Frau…“

„Lea! Pssst!“

„Warum? Das hast du mir gesagt.“

Malte nickte. Ja, das hatte er seiner Tochter gesagt. Sie konnte nicht ahnen, dass sie jener besonderen Frau in diesen Sekunden gegenüberstand. Wusste auch nicht, dass er Tanja nicht mit jener Niederlage verloren hatte. Trotzdem hatte er sie nicht auf sich sitzen lassen wollen. Obwohl er seine Unterlegenheit schon vor dem Start gekannt hatte.

Peinlich berührt von ein bisschen unfreiwilliger Offenbarung lächelte er in Tanjas Richtung. Sie lächelte nicht. Sie schien gar nicht zu reagieren. Setzte sich nur auf die Bank, auf der ihre Notizen lagen, und wischte mit dem Handrücken über ihre Lippen, atmete hörbar tief und starrte auf einen Punkt in der Luft, der nicht greifbar war.

Malte beugte sich zu Lea hinunter, strich ihr über die Zöpfe, legte seine Hand unter ihr Kinn, sah ihr ins Gesicht und schlug ihr mit einem Seitenblick zu Tanja vor, noch ein wenig spielen zu gehen. Sie fragte nach Frau Mayer, doch der Vater wollte sich um die Fragen kümmern. Er gab Lea einen Kuss auf die Stirn, nahm ihr die Handtücher ab und sah ihr auf dem Weg ins Wasser hinterher. Dann wandte er sich zu Tanja, die auf der Bank saß und unsicher auf die Hände sah, die in ihrem Schoß mit der Kante ihres schlicht-schicken lila Shirts spielten. Langsam kam er einige Schritte näher, legte die Handtücher auf die Bank, verbarg den eigenen Anflug von etwas wie Nervosität mit seinen Händen in den Taschen seiner Jeans.

„Tanja? Alles in Ordnung?“

Sie sah auf, sah ihn an, verfolgte seine trotz aller Überraschung geschmeidige Bewegung, als er sich in manierlichem Abstand zu ihr setzte und dennoch zwischen ihnen nur ein kleiner Haufen weichen Frottees verblieb.

„Alles… Ich bin – überrascht.“

„Wem sagst du das?!“

„Deine Tochter?“

Tanjas Arme wirbelten durch die Luft, deutete in die Richtung, in die Lea verschwunden war. Sie klang würdevoll, das fand Malte, obwohl sie ihm diese Würde nicht schuldig war.

„Meine Tochter. Ja.“

Tanja nickte: „Ein liebes Mädchen.“

„Meistens, ja. Sehr lieb.“

Er stimmte in Tanjas Nicken ein. Obwohl das Bad gut besucht war und der Hintergrund unruhig, lag eine bald unangenehme Stille zwischen ihnen beiden. Malte zog eine Hand aus der Tasche, strich sich ums Kinn, schob sie zurück. Sah Tanja an, die die Haarspitzen aus ihrem Zopf, der ihr von hinten über die linke Schulter fiel, zwischen den Fingern rieb und nicht wagte, ihm ins Gesicht zu sehen. Stattdessen auf seinen Oberkörper starrte und das klaffende Hemd zu analysieren schien. Automatisch und blind fing er an, die Knöpfe zu schließen. Von unten nach oben. Sie verfolgte die Bewegung seiner Fingerspitzen und er blamierte sich. Auf halbem Weg bemerkte er, dass Knopf und Knopfloch versetzt waren, und so begann er erneut, während seine Stimme die angespannte Sprachlosigkeit durchbrach und ihre Aufmerksamkeit zurück auf sein Gesicht lenkte.

„Und du schreibst über den Wettkampf?“

„Ich schreibe über die neue Saison. – Mitte Mai ist ziemlich früh, nicht wahr?“

„Mitte Mai ist eher spät. Letztes Jahr zum Beispiel war’s Ende April.“

„Letztes Jahr war…“

„Was?“

„Ich war im Frühjahr noch in Hannover.“

„Bei deinem Vater?“

„Ja.“

„Und da gab es keinen Frühling?“

„Nicht für mich. Mir ging’s… na ja. – Hat sie Geschwister?“

Tanja lenkte von sich ab. Das Thema war ihr unangenehm, Malte merkte es und beließ es dabei. Obwohl es ihn ehrlich interessierte, wie es ihr ging.

„Lea? – Nee. Ich schätze, sie ist ein ähnlich verwöhntes Einzelkind wie ihr Vater.“ Ein schelmisches Grinsen huschte über seine Lippen.

„Ach was. Aus dir ist doch auch etwas geworden.“

Malte sah, wie Tanja erneut die Zähne zusammenbiss. Er war davon irritiert, denn er war Leichtigkeit von ihr gewohnt gewesen in der gemeinsamen Vergangenheit. Und er erahnte, dass mehr dahintersteckte, als nur die Bedenken, sie könne etwas Falsches sagen.

„Wirklich?“

„Findest du nicht?“

„Immerhin habe ich ihr das Schwimmen beigebracht. – Ja, vielleicht hast du recht.“ Sein schalkhaftes Lächeln kehrte zurück.

„Ich bin überzeugt, es war noch einiges mehr, was sie von dir gelernt hat.“ Sie wich seinem Blick aus, ihre Finger waren fest ineinander verhakt. Sie schluckte, nickte – vermutlich zu einem Gedanken -, sah ihn von unten herauf wieder an. Etwas scheu. „Was machst du sonst so?“

„Ich simuliere. Habe einen vielfältigen Job am DLR in Porz. Forschung und Entwicklung…“

„Luft- und Raumfahrt? Klingt gut.“

„Ist es auch. Fast ausnahmslos. Ich lag richtig mit dem Studium, wenn es damals auch ganz neu war. - Nee, ich mag meine Arbeit.“

„Das ist schön.“

Wieder stimmten ihrer beider Nicken sich aufeinander ein und schlagartig dominierte erneute Anspannung. Hatten sie das wirklich nötig? Waren sie nicht erwachsen genug, unbefangen und normal zusammenzutreffen? Auch ohne Planung? Oder war es in Ordnung in Anbetracht alles Vergangenen? Malte fand keine Antwort. Wusste nur, diese Art gefiel ihm nicht. Aber was schon sollte er ändern? Sie hatten sich ewig nicht gesehen. Und obwohl Tanja noch immer unglaublich hübsch war, erkannte er, dass es ihr nicht rundum gut ging. Er ließ den Blick über das Gelände schweifen, hielt Ausschau nach Lea oder gab es wenigstens vor.

„Wo hast du die Kamera? Deine Tochter sagte…“

Malte zuckte, Tanjas Stimme hatte ihn aus den Gedanken gerissen. Den Gedanken an die Tanja im Licht eines warmen Sonnenuntergangs. An die Tanja in seinen Armen. An eine Zeit, die unwiederbringlich war.

Die Kamera. Er hatte sie vergessen. Hatte sich nur umgezogen und sie im Spind liegen lassen. Er stand auf und zog mit der Hand sein Schlüsselbund aus der Hosentasche. Das Metall klimperte, Tanjas Blick fiel darauf. Das Band mit dem Schlüssel zum klapprigen Schwimmbadschrank hing daran. Und ein hölzerner Anhänger. Ein geschnitztes Känguru mit Gebrauchsspuren. Sie hob die Hand und stieß mit den Fingerspitzen vorsichtig daran.

„Du hast ihn noch?“

Tanja erinnerte sich an den Anhänger. Und er hatte nie auch nur daran gedacht, ihn abzunehmen. Es war ihr Geschenk an ihn gewesen, zu Weihnachten, sie hatte sich beschämt gefühlt, weil es ihr mickrig im Vergleich vorgekommen war. Er aber hatte es sofort gemocht. Wie er auch sie sofort gemocht hatte.

„Er ist etwas abgegriffen und hat die eine oder andere Schramme. Aber, ja, ich habe ihn noch. Immer in Ehren gehalten.“

Auch jetzt wirkte sie etwas beschämt. Erstmals hatte Malte den Eindruck, etwas eventuell Farbiges, Rosiges auf ihren Wangen zu entdecken. Doch ihm fiel auch auf, dass sie noch immer nicht zu lächeln wagte. Obwohl er eine gewisse ehrliche Freude in ihren rehbraunen Augen lesen konnte. Aber auf merkwürdige, fast befremdliche Weise war sie distanziert.

„Was sagt Lea dazu?“ Tanjas Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Ihre Stimme bebte.

„Die mag ihn auch.“

„Schön. Aber das meinte ich nicht und das weißt du auch. – Kennt sie seine Geschichte?“

„Zur Hälfte. Sie ist noch nicht einmal sechs, Tanja.“

„Und deine Frau?“

„Meine Frau?“

„Nun ja, das Kind wird ja wohl eine Mutter haben…“

„Hat sie.“ Malte stockte für einen Moment. Auch er hatte ein Thema, auf das er gerade nicht näher eingehen wollte. „Aber wir sind nicht verheiratet. Ich habe nie wieder gewagt, eine Frau zu bitten, mich zu heiraten.“

Er sprach nicht weiter. War sich sicher, Tanja konnte den Gedanken weiterspinnen und vollenden. Hatte nicht vergessen, dass er einst um ihre Hand angehalten hatte. Und damit eine Katastrophe ins Rollen gebracht. Sie wusste es, selbst wenn sie die Erinnerung aus eigener Kraft noch immer im Stich ließ. Es war zu sehr Thema gewesen. Auch später noch.

„Das tut mir leid.“

„Muss es nicht. Muss es nicht.“ Es gab auch andere Gründe. Jedoch nicht hier und jetzt. Darum gab er der schwerfälligen Unterhaltung eine andere Richtung: „Und du? Frau Mayer, was?“

Sein Blick fiel auf ihre rechte Hand, nicht ungelenkt, er schielte nach dem schlichten goldenen Ring an ihrem zierlichen Finger.

„Immer noch. Ja.“ Sie nickte, legte die Lippen aufeinander, schluckte heftig, nickte wieder, aber ließ ein weiteres Gespräch fallen. Offensichtlich glaubte sie, Lukas sei kein gutes Thema für sie beide. Der Blick auf seinen Ring an ihrem Finger reichte.

Ehe sich unangenehme Stille neuerlich zwischen sie drängen konnte, kam Lea fröhlich hopsend auf ihren Vater zu. Es war Zeit für die Siegerehrung. Ziemlich nass sprang sie Malte in die Arme, der herzlich lachte und sich darüber freute, dass die Spannung verpufft war.

„Ich fürchte, mein Engel, wir müssen Frau Mayer um einen Gefallen bitten.“

Sein Lächeln ging von der Tochter zur Journalistin, sein Fingerzeig auf ihren Fotoapparat. Er brauchte nichts weiter zu sagen, denn Tanja verstand.

„Selbstverständlich. Immerhin habe ich dich gehindert“, und sie wandte sich dann an das Mädchen: „Du kannst dein Siegerfoto am Montag aus der Zeitung schneiden. Das ist ein Versprechen.“

Malte zwinkerte ihr dankbar zu, doch ihre Lippen verrieten weiterhin kaum eine Regung von Gefühlen. Was war nur mit ihnen passiert?

Tanja kam mit Lea und ihrem Vater zu den Ehrungen, sie stand an Maltes Seite, doch sie machte konzentriert ihre Arbeit. Fing die ganze Zeit über keinen seiner Blicke auf. Noch nicht einmal, als seine Tochter auf das Podest kletterte und sie beide in ähnlicher Inbrunst applaudierten. Sie hatte seine Tochter ins Herz geschlossen. Doch ihn hatte sie schon vor Jahren daraus verbannt.

Dennoch erkannte er noch immer an ihren Augen, dass sie froh war, ihn wiedergesehen zu haben, als er sich verabschiedete. Und er bemerkte, dass sie ihm hinterhersah, versunken auf ihre Weise, als er sich seinerseits noch einmal nach ihr umblickte.

Es war schön, dich wiedergetroffen zu haben. Das hatte er gesagt. Und über seine Schulter hatte er ihr noch wenigstens einen intensiven Blick aus der Entfernung zugeworfen. Seine Hand hatte sich fest um die seiner Tochter geschlossen. Er machte sich gut als Vater.

Auch sie hatte sich gefreut, ihn wiederzusehen. Es war ein Lichtblick gewesen. In gewisser Weise. Aber in Anbetracht der alten Zeit tat es ein wenig auch weh. Und als Tanja im Bus saß und ihr Blick auf ihren Ringfinger fiel, fühlte sie sich mies, weil sie sein Bild – das frische und das verjährte – nicht wieder abstellen konnte. Das Strahlen seiner Augen, das Lächeln auf seinen Lippen, die Bewegung seiner Hände, das zartrote Schimmern seiner Haare. Und der Klang seiner Stimme, rau und männlich, genau so, wie sie ihn immer im Gedächtnis behalten hatte. Und schließlich dachte sie an Fairness. Wie sehr waren sie doch davon geprägt. Malte und Lukas und sie. Tanja kniff die Augen zu und sog mehr Luft als nötig durch die Nase ein. Dann fuhr sie zwei Haltestellen weiter, als sie musste. Sie konnte nicht alleine sein.

Marie öffnete ihr die Tür. Sie sah gewohnt gut aus, erstaunlich entspannt, wenn man bedachte, dass es Monate her war, dass sie zuletzt eine Nacht durchgeschlafen hatte.

„Hallo, Tanja.“

„Hallo, Marie. Störe ich?“

„Du doch nicht. Komm rein. – Wie geht’s dir?“

Sie zuckte die Schultern, seufzte ein „Mmmh“ und folgte ihrer Schwägerin in die Wohnung.

„Willst du was trinken?“

„Nein, danke. Was macht Paul?“ Paul war ihr Neffe, ein wenig Energie und Lebensfreude. Er war etwa drei Monate alt. Diese Monate waren wenigstens viermal so schnell vergangen als die letzten drei davor.

„Schläft, damit er mich heute Nacht wieder auf Trab halten kann.“

„Und ist Thomas da?“

„Noch, ja. – Dein Bruder döst auf dem Sofa. Das Schlafliedsingen hat ihn offensichtlich betäubt. Morgen Früh geht’s nach Moskau.“

„Wie lange wird er diesmal weg sein?“

„Nur bis Mittwoch. – Du kannst ihn ruhig wecken.“

Tanja nickte, dann ließ sie Marie in der Küche allein und ging über den Gang ins Wohnzimmer. Sie warf einen Blick in die Wiege auf ihr schlafendes Patenkind, schmunzelte und strich dem Baby über das winzige Fäustchen, drehte sich um und schmunzelte auch über ihren erschöpft wirkenden großen Bruder. Wenigstens in Gedanken. Doch schon biss sie sich wieder auf die Unterlippe. Er war der zweite liebevolle Papa, der auch ein wenig Wehmut in ihr Herz brachte an diesem Tag. Wie gerne wäre sie doch auch ein Elternteil.

Thomas lag bäuchlings auf der beigefarbenen Couch, hatte ein dickes blaues Kissen unter dem Kopf verformt und die Arme darum verschränkt. Seine Füße hingen über das Sofa hinaus und sein bärtiges Gesicht war zur Wiege gerichtet. Sein dunkelblondes Haar war in den vergangenen Jahren etwas lichter geworden. Er atmete ruhig und gleichmäßig. Er war ihr älterer Bruder – noch immer konnte sie sich etwas darauf einbilden -, er war nicht der jüngste frisch gebackene Vater, aber er hielt sich jung. Mit Fitness, durch Marie, die beinahe zehn Jahre jünger war, auch durch das Baby und der Freude an seinem Beruf als Pilot. All around the world… ready for Departure…

Tanja beobachtete ihn eine Weile, ehe sie ihn sanft an der Schulter rüttelte und er sich zu räkeln begann.

„Schwesterchen“, begrüßte er sie, während er sich aufsetzte und sich den Schlaf aus den Augen rieb. „Was führt dich her?“

„Die Sehnsucht nach Babygeschrei.“ Tanja ließ sich auf die Tischplatte sinken und visierte mit ihrem Blick die eigenen Füße an.

„Und weiter?“

„Ich war heute im Freibad.“

„Du warst wo?“

„Na ja. Mama und Henrik haben sich durchgesetzt. Ich gehe wieder arbeiten. Ich versuch’s. Das Freibad war die erste Aufgabe.“

„Find ich gut.“

„Vielleicht. Ja. – Ich glaube, ich habe mich dumm angestellt.“

„Die Routine kommt schnell zurück. – Hast du schon die erste Schlagzeile?“

„Ein fünfjähriges Wunderkind hat ein Wettschwimmen gewonnen.“ Tanja rutschte vom Tisch aufs Sofa, ließ ihren Kopf auf die Schulter ihres Bruders sacken und wischte sich durchs Gesicht. „Sie ist erstaunlich, hat mit drei Jahren das Seepferdchen gemacht.“ Tanja verfiel in ein Gemurmel. „Sie hat dieselben wunderschönen dunkelbraunen Augen wie ihr Vater.“

„Hä? Was bitte hat das mit einem Wettschwimmen zu tun?“

„Gar nichts. Das ist die private Schlagzeile gewesen. Falls ich so etwas haben darf.“

„Warum denn nicht? Es gibt keine Ewigkeit. Nicht in diesem Fall.“

„Aber…“

„Kein Aber.“

„Lass mich doch ausreden!“

„Erzähl mir mehr von dem Mädchen.“

„Ihr Vater… Er dachte, sie müsse schwimmen lernen, um…, weil er selbst… wegen einer Frau…“ Tanja begann zu stammeln, sie drehte ihr Gesicht an Thomas‘ Brust. Er legte ihr den Arm um die Schultern. Sie schnappte nach Luft. „Das Mädchen heißt Lea Falkenhagen, Thomas. Sie ist die Tochter von…“

„Malte“, ihr Bruder zischte nur, es hatte etwas leicht Gehässiges, vielleicht auch nur Bedauerndes, das ihr in jedem Fall aber missfiel, doch sie versuchte, nicht darauf zu achten und wisperte eine knappe Zustimmung. Thomas fasste sie bei den Schultern, schob sie von sich und sah ihr ungläubig ins Gesicht.

„Er war auch da. Bevor du fragst. Und es war skurril und erfreulich zugleich, ihn zu sehen.“

„Malte Falkenhagen ist Vater?“

„Ich schätze, er wäre ähnlich verblüfft, wenn er von Paul wüsste.“

„Vermutlich. Und sonst?“

„Er sieht gut aus. Doch es fühlt sich falsch an, das zu denken. Lukas…“ Sie schüttelte den Kopf. „Er hat einen guten Job und…“ Tanja brach ab, verdrehte die Augen und dachte nur weiter. Daran, dass er gemeint hatte, nicht verheiratet zu sein. Daran, dass er nahezu erschreckend nüchtern klang bei seiner allzu knappen Antwort auf ihre Frage nach Leas Mutter. Daran, dass ihr sein Verhalten diesbezüglich merkwürdig vorgekommen war, und daran, dass er sie selbst noch immer für eine ganz besondere Frau hielt. Doch daran wollte sie nicht denken. Geschweige denn darüber sprechen. Es fühlte sich nicht fair an. Erst recht nicht beim Gedanken an all die schrecklichen Albträume der letzten eineinhalb Jahre.

„Tanja!“ Thomas stieß sie an. Sie hatte vollkommen vergessen, wo sie war.

„Was ist?“

„Ich habe dich gefragt, ob du Paul retten möchtest.“

Erst jetzt vernahm Tanja das sanfte Schaukeln der Babywiege und das leise Jammern nach Aufmerksamkeit aus derselben Richtung. Sie nickte, doch sie machte keine Anstalten aufzustehen. Sie konnte nicht. Dennoch wiegte sie wenig später den kleinen Zwerg intuitiv beruhigend. Ihr Bruder hatte ihr seinen Sohn in die Arme gelegt. Den kleinen Paul konnte sie sogar anlächeln, herzlich und wirklich. Doch sie sagte nichts. War noch immer nicht von der nachmitttäglichen Begegnung gelöst.

„Du bist ja völlig verwirrt“, stellte Thomas fest. Doch war das wirklich so unbegreiflich?

Der Traum dieser Nacht war ein anderer. Nein, es war der gleiche. Nur heller. Auf unbeschreibliche Weise heller. – Das lag an Malte. An der Art seines Auftritts. Doch auch das stimmte nicht, denn es war diesmal kein Auftritt. Es war Präsenz. Präsenz, die zeitgleich irreal war.

Es war ein Tag, der beinahe sechs Jahre zurück lag. Es war der Tag, von dem man sagte, es wäre der schönste im Leben eines Menschen. Und in dieser Nacht war er vollkommen. In der Realität hatte ihm einst eine einzige winzige Kleinigkeit gefehlt, denn Malte war nicht gekommen. Obwohl er eingeladen war, obwohl sie fest mit ihm gerechnet hatten. Beide. Auch Lukas, wenn Tanja auch nie sicher war, ob ihr Bräutigam nicht hoffte. Aber Malte kam nicht. Auch nicht zu spät. Er schrieb nicht einmal eine Karte. Und seither hatten sie nie wieder voneinander gehört. Obwohl sie etwas wie gute Freunde gewesen waren. Alle drei. Na ja.

Tanja hielt Lukas‘ Hand. Fest. Sehr fest, um ihr nervöses Zittern zu unterdrücken.

Er stand an ihrer Seite, sein Arm berührte den ihren. Er trug diesen wunderbaren dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd, sogar Manschettenknöpfe und diese kräftig blaue Krawatte, die fast so deutlich leuchtete wie seine Augen. Seine hellbraunen Haare waren kurz geschnitten. Erst seit ein paar Tagen. Er würde heiraten, ein neuer Lebensabschnitt begann. Er stand zu seiner zukünftigen Frau und sie zu ihm, trotz der großen Ohren. Sie trug das ärmellose, einzigartige Kleid, das sie nur dieses eine Mal getragen hatte. Es fiel bis über ihre Knie. In demselben Fluss wie ihre gewellten Haare über ihre Schultern. Und es hatte eben dieses tief leuchtende Königsblau. Das Blau der Augen des Mannes, den sie liebte. Für immer, das versprach sie ihm. Und er liebte sie. Für immer, das versprach er ihr. Strich seitlich ihr Gesicht entlang und küsste sie. Sie waren jetzt verheiratet. Und seine Lippen gaben das Versprechen noch deutlicher als seine tiefe Stimme.

Die Hochzeitsnacht hatten sie in der Luft verbracht. Im Flieger in die Flitterwochen, die sie zurück brachten nach Australien. Vier Wochen lang. – Nichts im Vergleich zu einem ganzen Jahr. Trotzdem war es eine schöne Reise. Auch mit dem Schatten der Vergangenheit.

Sydney und die Blue Mountains, Tasmanien und Melbourne und die Great Ocean Road – im Leihwagen wie schon das erste Mal -, dann einmal Outback und abschließend Perth, der Westen, von dem sie wusste, er war einst wunderschön und verhängnisvoll zugleich gewesen.

Doch sie wusste es nur, weil er es ihr erzählt hatte. Das und auch alles andere. Einmal und später immer wieder. Jetzt zeigte er es ihr, doch das eigene Gedächtnis brachte noch immer nur Bruchstücke hervor. Und auch seine Details waren mit der Zeit abgestumpft. Trotzdem wusste Tanja, dass sie auf all seine Erzählungen vertrauen konnte. Jetzt. Nachdem sie seine Schuld kannte. Denn sein Gewissen würde ihn sie nie wieder belügen lassen. Nie wieder. Auch darum hatte er sie erst kürzlich all seine privaten Reiseberichte lesen lassen.

Sie waren schon einmal in Australien gewesen. Ein ganzes Jahr lang. Nach dem Studium. Gemeinsam. Obwohl sie damals kein Paar mehr waren. Obwohl Tanja längst ihr Herz an Malte verschenkt hatte, der ihr neuer Freund war und ihr bemüht vertraute.

Dennoch hatte sie ihn betrogen. Im Frust der Enttäuschung, die er selbst zu verantworten hatte. Als er seinen Besuch absagte. Sie hatte Malte geliebt. Sehr geliebt. Dessen war sie sich sicher gewesen. Aber er war nicht da. Stattdessen nur Lukas und seine ungebrochene Liebe für sie. Monate später war sie ihm erneut verfallen. Nachts im Hotel in Perth, dann immer wieder, weil sie auch für ihn noch immer tiefe Gefühle hegte. Und Malte hatten sie alles gekonnt verschwiegen. Er hatte es erst erfahren, als Lukas in seinen Heiratsantrag platzte und seinen ersten wirklich beständigen Traum beendete. Tanja war geflohen und musste dann um ihr Leben kämpfen. Erst um ihr Leben, dann mit der Amnesie. Und sie musste sich entscheiden. Zwischen zwei Männern, die sie so sehr liebten.

Der eine – Lukas – hatte sie belogen. Hatte ihre Andenken aufzuhalten versucht. Aus Angst und Scham und Verzweiflung. Denn es war seine Schuld, dass sie beinahe gestorben wäre. Er hatte sie im Streit gestoßen, im trüben Regenwetter vor ein Auto. Das hatte er ihr unter Tränen gestanden, am Krankenbett, als sie ihn mit schemenhaften Erinnerungsfetzen konfrontierte.

Den anderen – Malte – hatte sie belogen. Ein weiteres Mal. Als er ihren Betrug schon verziehen hatte. Wieder. Denn sie hatte Lukas gedeckt. Nie über seine Schuld gesprochen. Nie. Und sie würde es auch nicht mehr tun.

Der Traum in der Nacht nach dem Wiedersehen war ein anderer. Nein. Nicht grundsätzlich. Er handelte vom Gleichen. Immer wieder. Seit eineinhalb Jahren. Doch zum ersten Mal war er weniger düster. Erstmals gab es keine harte Konfrontation zwischen ihrem Mann Lukas und ihrem einstigen Freund Malte. Erstmal durfte die Freundschaft siegen. Wie sie es sich immer gewünscht hatte. Wofür sie immer gekämpft hatte. Und das Erwachen war weniger böse, weniger schmerzhaft, weniger auch mit Schuld belastet. Sie hatte sich immer bemüht. Um den guten Draht, den es gegeben hatte, bevor sie sich vor mehr als zwölf Jahren zum ersten Mal entschieden und Lukas für Malte verlassen hatte.

Was alles war seither doch passiert!?

Tanja drehte sich zur Seite und während Malte in ihrem Hinterkopf lebendig war, als der frech blondierte Technomathematikstudent, als der gereifte Mann mit nassem Haar und feurigem Hemd, als der liebevolle Vater, als letztendlich nur eine gedankliche Erscheinung, war Lukas viel, viel näher. Und sie spürte die Wärme, die Kraft seiner herzlichen Umarmung, den Kuss seiner Lippen auf ihrer Stirn, als sie die Augen wieder schloss. Beruhigt schlief sie friedlich und einmal traumlos bis zum Morgen, nachdem sie Lukas‘ lächelndes Flüstern in ihrem Ohr gehört hatte. Er liebte sie sehr.

Als er seinen Wagen am Straßenrand parkte, ausstieg, seiner Tochter die Tür öffnete, die Taschen aus dem Kofferraum zerrte, abschloss und schließlich den Bürgersteig entlang zum Haus ging, gab Malte sich große Mühe, seine Aufmerksamkeit besser gelenkt zu bekommen als in der letzten halben Stunde. Seine zufällige Begegnung mit Tanja erschwerte es ihm. Er tätschelte den Kopf seiner Tochter, neckte sie und es gelang ihm, sich auf Familiäres zu konzentrieren. Es war Abend geworden, doch es war noch immer warm. Den gepflasterten Weg vor dem zartgelb gestrichenen Mietshaus säumten bunt blühende Tulpen und blaue Hyazinthen, auch Vergissmeinnicht. Die große gläserne Haustür stand weit offen und vom kleinen Spielplatz hinter dem Haus her schallten fröhliche Kinderstimmen. Aus der Nachbarschaft lag der Geruch nach Rauch und frisch Gegrilltem in der Luft, nicht nur die Freibadsaison eröffnete an diesem Tag. Malte und Lea stiegen die Treppe bis in das erste Stockwerk hinauf und überquerten den Gang zu ihrer Wohnungstür. Der beständig lächelnde Vater kramte sein Schlüsselbund aus der Hosentasche, um die Wohnungstür zu öffnen und geriet ins Stocken. Mit dem kurzen, zwanghaften Blick auf den hölzernen Schlüsselanhänger war Tanja wieder da. Vollkommen. Mit ihr ein Bild aus alter Zeit in seinen Gedanken und der Klang ihrer Stimme. Du hast ihn noch? – Natürlich!

„Papa! Mach schon auf!“

Lea bettelte und zerrte an seinem Unterarm. Sie war ungeduldig. Um ihren Hals hing eine kleine goldfarbene Schwimmermedaille mit rot-gelbem Band und die Mutter hatte sie noch nicht gesehen.

„Alina!? Wir sind zurück.“

Malte rief in die Wohnung, als er die Tür nach ihnen wieder verschloss und mit ein wenig Nachdenklichkeit den Schlüssel in die hölzerne Schale auf dem Telefonschränkchen fallen ließ. Lea hatte längst die Schuhe ausgezogen und stürmte an ihm vorbei in die Wohnung, um der Mutter die freudige Nachricht ihres Erfolgs zu überbringen, während er noch einen raschen Blick in den Garderobenspiegel warf. Er sah glücklich aus. Malte atmete einmal bewusst und folgte dann seiner Tochter.

Alina saß auf dem Sofa, in schwarzen Leggings und einem geblümten Kleid, trug die blonden Haare zusammengebunden auf dem Rücken und begutachtete staunend Leas Preis. Sie war fabelhaft im Umgang mit dem Kind.

„Und das war bestimmt keine Mogelei?“

„Es war wohlverdient.“ Malte lehnte sich in den Türrahmen. Seine Hände steckten lässig in den Taschen seiner Hose und seine Zähne blitzen zwischen den freudestrahlenden Lippen.

„Hallo, Malte.“

„Hi.“ Mehr sagte er nicht. Zu viel Energie ging in das beständige Lächeln und den Versuch, es endlich zu unterdrücken.

„Habt ihr schon gegessen?“ Alina stand auf. Sie war mehr als einen Kopf kleiner als er und ziemlich zierlich. Sie strahlte Freundlichkeit aus. Ehrliche Freundlichkeit und es tat ihm wenigstens genauso ehrlich leid, dass in seinem Kopf eine andere Frau spukte. Andererseits…

„Noch nicht.“

„Dann schlage ich vor, die kleine Prinzessin zieht sich zurück in ihr Gemach und ihr Nachthemd an, während ihre Diener ihr eine würdige Portion Cornflakes richten.“

Lea kicherte, folgte aber sofort. Malte nicht. Er stand nur da, lehnte im Türrahmen und grinste. Alina kam näher, ein wenig, musterte ihn kurz und ging dann in die Küche. Versuchte ihren Lebensgefährten mit einem Gespräch mitzureißen.

„Du könntest mir helfen.“

„Cornflakes in eine Schüssel zu kippen?“

„Zum Beispiel. – Jetzt komm schon.“

Er verstand und er ging mit. Bis zum Türrahmen. Eine Stütze tat ihm gut. Er konnte besser abdriften.

„Was strahlst du so?“

„Meine Tochter hat heute ihren ersten Wettkampf gewonnen.“

„Und damit schon deine Ehre gerettet? Ja, genau, du bist nur stolz. So siehst du aus. Dass ich nicht lache.“ Sie schmunzelte, schüttelte den Kopf und holte die Cornflakes aus dem Schub neben dem Ofen.

„Was ist?“

„Das frage ich dich.“

„War ein schöner Nachmittag. – Ich muss noch was…“

„Und Abendessen?“

„Später vielleicht. Weißt du, wo ich meine Brille gelassen habe?“

„Wahrscheinlich wie immer unterm Esstisch, weil du sie da doch gewöhnlich gegen die Kontaktlinsen eintauscht.“

Jetzt schmunzelte auch Malte, gab seinen Händen Freilauf und umarmte flüchtig die Mutter seiner Tochter, ehe er ging und das Gespräch beendet war. Zumindest vorerst.

Er hatte seine Brille gefunden. Auf dem Fensterbrett im Bad. Gegessen hatte er auch. Eine Scheibe Brot, zwei Scheiben Wurst, eine Banane. Und einen halben Liter Cola. Gearbeitet hatte er nicht. Nicht richtig. Er war auch nicht mehr sicher, ob er es ernsthaft vorgehabt hatte. Er mochte keine Steuererklärungen.

Er hatte Lea das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein vorgelesen, im Schlafliedsingen war er weniger gut. Doch das Mädchen war ohnehin müde vom Wasser und schlief schon fast, als er sie zudeckte und mit Alina den Platz tauschte. Sie sang besser. Die Medaille hing über dem Bettpfosten.

Er hatte sich umgezogen und die Zähne geputzt. Hatte an die Tanja im Nachthemd gedacht. Dem Nachthemd, das er einst mit ihr ausgesucht hatte. Er hatte sich gefragt, ob sie es noch trug. Wenn sie neben ihrem Mann lag. Neben Lukas Mayer, den er in so vielen Rollen kannte. Vom Freund bis zum Rivalen. Immer war er dabei eigentlich nur Lutz gewesen. Malte hatte den Gedanken abgeschüttelt, sich selbst ins spiegelverkehrte Gesicht gesehen. Das schamlose Grinsen, das ihm unpassend, aber auch unvermeidbar schien, hatte er inzwischen im Griff.

Nun lag er auf seinem Bett. Seiner Hälfte des Bettes im Schlafzimmer. Er war allein und das Fernsehen lief. Eine DVD, einer seiner alten Filme, wie Alina gerne die Streifen seiner Studentenzeit betitelte. Er kannte Handlung und Text eigentlich auswendig, doch das machte nichts. Er verband mehr damit, als nur Mrs. Boss und Drover, als nur Nicole Kidmann oder den Krieg. Vor allem war es Tanja. Daneben sein Überraschungsbesuch in Sydney zu Weihnachten. Vor so langer Zeit. Mit ‚Australia‘ hatte er sich seine Andenken immer bewahrt.

Als die Tür aufging, ließ er sich nicht ablenken. Nicht davon. Ein bisschen Herzrasen war Alina schon vor einer ganzen Weile zuvorgekommen. Er beachtete nicht weiter, wie sie näherkam, sich auf die Bettkante setzte und seine Befangenheit analysierte.

„Australien mal wieder? Sollte der irgendwann neu verfilmt werden, kannst du dich bestimmt bewerben. Dein Hang zu alten Filmen ist echt erschreckend. Was hatten wir neulich? – Die Päpstin?“

„Die meisten sind gar nicht so alt. Sie altern nur mit uns, nicht schneller. Und Die Päpstin haben wir auch zusammen schon gesehen.“ Er murmelte halbherzig vor sich hin, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

„Nun, er ist gut. Deswegen.“

„Tja. Siehst du.“

„Aber diesen da gräbst du regelmäßig wieder aus.“

„Heute hat Australien sich selber ausgegraben“, gab Malte beiläufig eine weitere Antwort, ohne sich auch nur zu bewegen. Ganz davon abgesehen, dass er niemals hatte graben müssen. Es war immer nur ein sehr gezielter Griff gewesen.

„Verstehe ich nicht.“

„Musst du auch nicht.“

„Alles klar bei dir?“

„Bestens. Danke.“

„Du wirkst - irgendwie verändert.“

„Mir geht’s gut.“

Es ging ihm sehr gut. Eigentlich. Uneigentlich gefiel ihm nach wie vor Tanjas angespannte Haltung vom Nachmittag nicht. Aber das ging ihn nichts an.

Er hörte, wie Alina neben ihm unter die Bettdecke kroch. Sie murmelte ein „Gute Nacht“ und drehte sich zur von ihm abgewandten Seite. Da stellte er den Ton leiser und gestand seinen Gefühlen einen Moment sonnigen Frühling zu, während in Australia die Regenzeit einsetzte.

Die spontanste Aktion seines Lebens lief als ein zweiter Film in seinen Gedanken. Der Abend in der Disco, als er einer hinreißenden jungen Frau ungefragt seine Nähe aufgedrängt hatte. Noch mehr: seine Lippen… Die Nacht in seiner Dortmunder Studentenbude, als Tanja Schäfer vor ihm gestanden und seinem logischen Denken keinen Raum gegeben hatte. Als sie ihm erstmals und unverhofft ihre Liebe gestanden hatte… Der späte Mittag in der Unimensa, als er sich an seinem Nudelauflauf verschluckt hatte, weil sie ihm verkündete, dass sie mit dem Ex am anderen Ende der Welt Abenteuer zu sammeln plante… Der Tag ihrer Abreise – die vorangehende Nacht, der Abschied… Dann das Wiedersehen, das erste Weihnachten, der Jahreswechsel im Hochsommer, die Strandnacht unterm Sternenhimmel… Ihre Tränen… Die Heimkehr… Sein Antrag… Das späte Geständnis… Ihr Überlebenskampf nach dem Unfall… Noch so vieles mehr. - Und dann der vergangene Tag: Tanja, die blasse Journalistin, die nicht zu lächeln wagte. Jener Gedanke schmerzte. Am meisten von allen. Er hatte immer nur ihr Bestes wollen!

Als er am Sonntagmorgen aufwachte, war Alina bereits aufgestanden. Auch Lea war schon munter, er hörte ihr heiteres Spiel aus dem Zimmer nebenan. Er setzte sich auf und strich sich durchs Haar. Er war merkwürdig erschöpft, hatte nur wenige Stunden erholsamen Schlaf gefunden. Dafür war die Vergangenheit besiegt. Weitestgehend. Seine Gefühlswallungen hatten sich gelegt und es gelang ihm, den Tag mit seiner Familie zu genießen. Beinahe war es ein ganz normaler Tag. Beinahe. Am Vortag hatte er die Liebe seines Lebens wiedergetroffen und das veränderte seine Wahrnehmung.

Tanja stand unter der Dusche. Schon eine Weile. Eine ziemlich lange Weile. Das heiße Wasser prasselte auf ihre Haut und es gelang ihr, sich nur darauf zu konzentrieren. Auf die Wärme und auf das Plätschern. Die Welt war ausgeblendet, Emotionen betäubt, Eindrücke in eine Auszeit gezwungen. Darum stand sie da, mit geschlossenen Augen und den Händen im eigenen Nacken. Das hatte sie schon immer gekonnt. Auch gebraucht. Im Chaos ihres Liebeslebens, im Hin und Her zwischen zwei Männern. Vor allem. Aber auch bei Stress am Arbeitsplatz oder zu anderen Missstimmungen.

Nur mühsam schaffte sie es, das Wasser abzustellen und in die Realität zurückzukehren. Die Realität, in die sie unwirkliche Bilder trotzdem verfolgen würden.

Sie ließ sich Zeit beim Abtrocknen. Auch beim Anziehen. Tauschte die schwarze Bluse gegen ein grünes T-Shirt und wieder zurück. Griff nach der Wimperntusche, sah in den Spiegel und legte sie wieder zurück. Niemand würde Wert darauf legen. Sie selbst am aller wenigsten. Sie zwang sich zu einem schmerzverzerrten Lächeln, als sie anfing, ihr Haar zu bürsten und im Spiegel die blauen Augen ihres Mannes traf. Er lächelte zurück und streckte seine Hand nach ihr aus, doch sie konnte die Berührung nicht fühlen. Sie drehte sich nach ihm um, doch er war schon wieder gegangen. Und als sie sich zurück zum Spiegel wandte, begegnete sie dem ehrlichen Leuchten in Maltes Blick. Ihre Einbildung spielte verrückt. Während sie sich grundsätzlich so alt fühlte wie ihre Mutter, verhielt sie sich im Unterbewusstsein vollkommen kindisch und unreif. Ein paar verzweifelte Tränen stiegen ihr in die Augen. Doch die Arbeit rief.

Als sie am Abend nach Hause zurückkam, war Tanja merkwürdig erschöpft. Obwohl der Tag ihr nichts Außergewöhnliches abverlangt hatte. Von den Flashbacks in die zwiespältige Vergangenheit abgesehen. Sie schob eine Pizza Salami in den Backofen, trank ein Glas Leitungswasser, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Und sie fragte sich, ob jener Zwiespalt nie enden würde. Eigentlich war sie sich doch wenigstens die letzten sechs Jahre endlich sicher gewesen. Doch uneigentlich wusste sie, dass diese Aussage so nicht jeden Tag rund um die Uhr zutraf. Dass sie nur zutreffen musste. Doch sie hatte Malte nie vergessen. Niemals. Auch nicht, als er sie verstoßen hatte, irgendwie.

„Kein guter Verlierer“, hatte Lukas gesagt. Und sie hatte ihm um des Friedens willen zugestimmt. Wollte daran glauben, um es sich leichter zu machen, um den Schmerz zu lindern. Auch die Schuld.

„Du wirst keinen der beiden verlieren…“ und „Es liegt in deiner Hand…“ Das hatte ihre Mutter ihr damals im Krankenhaus gesagt, als sei es ein Versprechen. Doch es hatte sich selbst gebrochen.

Die Pizza war sehr fertig. Zu fertig, wenn man es genau nahm. Tanja aß nur ein einziges Stück, danach einen Apfel. Sie ging an das Bücherregal im Wohnzimmer, zog willkürlich ein Buch heraus und begann zu lesen.

‚Was bedeutet es, jemanden wirklich zu lieben?‘

Es war das falsche Buch. Dennoch las sie weiter. Bis zur Hälfte der zweiten Seite.

‚Wenn man etwas in Bewegung setzt, möchte man wissen, was daraus geworden ist. Man empfindet ein diffuses Unbehagen, ja, es tut fast weh – bis man endlich die Wahrheit kennt.‘ An dieser Stelle unterbrach das Telefon. Tanja legte das Buch beiseite, es war Das Leuchten der Stille von Nicholas Sparks. Sie würde es nicht wieder aufnehmen.

„Mayer“, meldete sie sich mit belegter Stimme.

„Schäfer… Alles klar?“ Tanja erkannte die Stimme ihres Bruders.

„Thomas. Wo bist du?“

„Madrid. Einmal schlafen und morgen nach London. Aber das war keine Antwort. Du klingst… erschöpft.“

„Ich habe das falsche Buch aus dem Regal gezogen. – Du solltest dich lieber ausruhen. Oder dich wenigstens mit deiner Frau unterhalten.“

„Gehe ich dir auf die Nerven?“

„Nein. Nein. Im Gegenteil. Es freut mich, dich zu hören. Aber rein vernünftig ge…“

„Ich habe angerufen. Ich bin für mich allein verantwortlich.“

„Und eine Boeing voll Fluggästen.“ Tanja hätte gelächelt, wenn sie in der Lage gewesen wäre, in der Stimmung. Es fiel jedoch zu schwer.

„Die Nacht ist noch lang. Und wenn es dich beruhigt: Marie habe ich auch schon gesprochen. – Was macht deine Schlagzeile?“

„Ist längst gedruckt.“

„Und die private?“

„Geistert in meinem Kopf. Und ich fühle mich so schäbig. So erbärmlich.“

„Weil du denkst?“

„Weil ich schon zwei Nächte lang keinen Albtraum mehr hatte. Weil Malte sie zum Guten gewendet hat.“

„Sein eigenes Fehlverhalten auch?“

„Vielleicht ist das verjährt? - Außerdem ist es schon wieder egal. Er hat ein Kind und ich bin verheiratet. Trotzdem weiß ich jetzt, es geht ihm gut.“

„Du wirst ihn nicht wiedersehen?“

„Wäre es richtig? Noch?“

„Du würdest gerne…?“

„Womöglich. Ein paar Fragen stellen. Ein paar andere beantworten. – Aber ich weiß ja nichts von ihm. Nichts mehr. – Und Lukas… - Es wäre nicht fair.“

„Der Fragen wegen?“

„Weil es ausgerechnet Malte ist.“ Sie nickte und schüttelte den Kopf, in einem schnellen, unschlüssigen Wechsel, der es fast gleichzeitig erscheinen ließ.

Im Telefongespräch mit ihrem Bruder entstand eine Pause, doch er löste sie rasch wieder auf.

„Hast du mit sonst noch jemandem darüber gesprochen? Eine dritte Meinung gehört?“

„Mit wem denn?“

„Mit Chrissie zum Beispiel.“

„Ich bin nicht sicher, ob Chrissie in Sachen Malte die richtige Gesprächspartnerin ist.“

„Sie ist deine beste Freundin.“

„Und Lukas‘ Schwester.“

„Aber mit dem nötigen Abstand, mit dem rechten Blickwinkel. Sie ist eine Frau, sie würde verstehen.“

„Als ob das damit zusammenhinge.“

Es klingelte an der Wohnungstür, Tanja nahm das Telefon mit an die Tür, war nicht sicher, wen sie erwarten sollte und hörte die Reaktion ihres Bruders nur mit maximal dem halben Ohr. Sie öffnete die Tür und sah Chrissie Mayer an sich vorbei hereinstürmen. Sie wedelte mit der Tageszeitung und lächelte ein fast unverschämtes Lächeln. Ihr hellbraunes Haar war dasselbe wie bei Lukas, die tiefblauen Augen ließen keine Zweifel daran, dass sie Geschwister waren.

„Tanja!?“ Thomas fragte. In gewissem Maße besorgt.

„Alles klar hier. Unsere Überlegung hat sich erledigt. Chrissie…“ Sie musste den Satz nicht beenden. Sie war sicher, er hatte das Läuten an der Tür gehört.

„Nun dann. Ich denk an dich. Und an deinen Ratschlag. – Und meine Fluggäste. Ich komme am Mittwoch. Mach’s gut, Schwesterherz, und dir nicht zu viele Gedanken. Schwärmen ist kein Verbrechen.“

„Ich nehm’s mir zu Herzen. Danke. Bis dann.“

Tanja legte auf und kaum dass sie vom Telefon aufsah, fiel Chrissie ihr schon um den Hals. Eine herzliche Begrüßung. Freudig und im selben Atemzug neugierig. Wieder sah Tanja die Zeitung vor ihren Augen flattern.

„Erzähl mir alles!“, forderte ihre Schwägerin.

„Setzten wir uns erst.“

Chrissie ging voran ins Wohnzimmer. Warf einen Blick auf das Buch auf dem Tisch, ließ sich auf die Couch fallen und wirkte ungeduldig, als sie Tanja beobachtete, die sich allzu langsam zu ihr setzte und nicht wagte, den Blick auf die Zeitung zu richten, die nun neben dem Buch landete.

„Bist du sicher, dass dein Freibadbericht vollkommen sachlich ist und kein Werbetext?“

„Der Boss hat sich nicht beschwert.“

„Und habe ich die richtigen Schlüsse gezogen?“

„Ich kenne deine Schlüsse nicht.“ Tanja wich Chrissies Blick aus. Das Grübchen, das sich beim schelmischen Grinsen auf deren linker Wange bildete, sah sie trotzdem. Noch so eine familiäre Gemeinsamkeit.

„Ich denke wohl. - Der namenlose Vater, dessen Engagement du ja geradezu rühmst, ist nicht namenlos. Für mich und meinen Bruder und dich und einige andere auch.“

„Na ja.“

„Was bist du so kleinlaut? Ist doch okay. Ist ja nicht irgendwer.“

„Nein. Nicht irgendwer. Vielleicht gerade darum.“

„Es war kein vorsätzliches Verbrechen, Tanja, es war ein Zufall. Das würde jeder verstehen.“

Sie sagte jeder, sie meinte den Bruder. Tanja wusste es. Und obwohl ihr Chrissies Einstellung Mut machen hätte können, fühlte sie sich mies. Viel zu viele Minuten des Tages hatte sie sich von einem Mann hypnotisieren lassen, von dessen Weg der ihre sich schon ewig geschieden hatte. Und Lukas hatte so sehr recht gehabt. Wenigstens im Ansatz. Immer wenn er ihre Entscheidung in Frage gestellt hatte.

Doch sie trug seinen Ring am Finger und das war für immer. In den guten und den weniger guten Zeiten.

Und als sie Chrissie wieder ansah, versank sie in ihren Augen. - Nein, in diesem Moment waren es die seinen.

Ihre beste Freundin war gegangen. Sie hatten noch eine Weile miteinander geredet, auch miteinander geschwiegen. Chrissie war zu gut für sie. Verständnisvoll in allen Angelegenheiten. Thomas hatte recht behalten.

Als sie alleine war, war sie erneut auf die Couch gesunken. Hatte auf die Zeitung gestarrt, auch auf das Buch. Sie hätte beinahe danach gegriffen, doch sie erinnerte sich rechtzeitig, dass es sie zu tief berühren würde. Sie dachte an ein großes Rätsel, doch, nein, sie hätte zu wenig Freiraum im Kopf. Schließlich stand sie auf und wollte gehen, doch in dem Augenblick, da sie das Licht ausschalten wollte, fiel ihr Blick auf ihre Handtasche, die achtlos im Weg lag, weil sie sie einfach hatte fallen lassen. In Gedanken. Sie hob die Tasche auf, sie war groß und schwarz mit einem langen Trageriemen. Sie öffnete den Reißverschluss und griff gezielt hinein, holte einen hellen Papierumschlag hervor, zog ein Foto daraus. Ließ die Tasche wieder sinken, niemand würde sich darüber beschweren, und senkte den Blick auf das Bild. Starrte darauf und fing alles Leuchten ein, das die Fotografie hatte einfangen können. Es unterbot die Wirklichkeit deutlich, doch Tanja bekam eine sofortige Vorstellung. Nein, sie hätte nicht wirklich den Abzug gebraucht, sah ohnehin hindurch und dahinter. Gerne hätte sie mehr als nur ein verbissenes Lächeln zu Stande gebracht, aber es fühlte sich falscher an als alles andere in den letzten achtzehn Monaten. Und sie legte die Ausschnittsvergrößerung des Siegerbildes von Malte Falkenhagens Tochter auf dem Tisch ab. Direkt neben dem verbotenen Liebesroman. Dann ging sie ins Schlafzimmer und widmete die Zeit vor dem Einschlafen ausschließlich einem Mann. - Dem ihren. Mit allen Sinnen, denen es möglich war.

Er las die Zeitung am Montagabend nach seinem Tag zwischen Simulationstechnik und Präsentation derselbigen. Das Blatt lag schon aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch, er musste den Artikel, den er zu studieren beabsichtigte, gar nicht erst suchen. Seine Tochter strahlte ihm doppelt entgegen. Stolz, farbig und dreidimensional auf seinem Schoss, nicht weniger stolz, schwarz-weiß und flach vom Pressebild. Auf dem Siegerpodest zwischen den beiden anderen Mädchen, die eine hervorragende Leistung gebracht hatten und im nebenstehenden Artikel doch unterzugehen drohten. Er fühlte sich peinlich berührt davon und andererseits auch stolz und glücklich.

‚Köln-West eröffnet Freibadsaison. - Fünfjährige erschwimmt sensationellen Sieg.‘ Und im weiteren Verlauf hieß es: ‚…Anstoß und Ehrgeiz fand Lea Falkenhagen schon früh durch ihren Vater, der ihren Sieg natürlich verfolgte und Freude wie Stolz mit ihr teilt…‘ Zum Weiterlesen kam er nicht.

„Die Journalistin scheint ziemlich beeindruckt von euch gewesen zu sein.“ Alina plumpste neben ihn und Lea.

Malte sagte nichts. Warf einen Blick zur Seite, zurück auf den Tisch.

„Sieht ganz so aus“, meinte er leise und nickte innerlich erhellt. Dann stellte er Lea auf die Füße und schickte sie in die Küche, um eine Schere zu holen. Das Kind sprang davon und er begann in Gedanken, die weiteren Zeitungsseiten auszusortieren. Alina legte ihm die Hand auf die Schulter und zog sie erschrocken zurück, als sie sein Zucken bemerkte. Sie fing sich schnell.

„Träumst du?“

„Schon möglich.“

„Im Augenblick wieder vermehrt, wie ich meine.“

„Auch möglich.“

„Und?“

„Was und?“

„Alles wie gehabt?“

„Fast. Oder auch nicht. Näher und realer als gewöhnlich. Und doch nicht minder aussichtslos.“

Alina nickte, als er sich nach ihr umdrehte. Sie war im Bilde. In gewisser Weise. Aber es würde reichen. Er war sich sicher. Doch als Lea ihm die Schere unter die Nase hielt, schob er sie zärtlich weiter zur Mutter, denn ihn hatte eine fixe Idee beinahe erschlagen und er konnte in diesen Minuten keine geraden Kanten zu schneiden versprechen. Unter Umständen wäre er in der ersten Bewegung erstarrt. Oder der zweiten. Kommentarlos stand er auf und verschwand in seinem Arbeitszimmer.

Malte fuhr sich durchs Gesicht, fasste mit beiden Händen in sein Haar, schloss einen Moment die Augen und schüttelte das alberne Gefühl ab, sich zu benehmen, als hätte ihn die Liebe auf den ersten Blick getroffen.

Er ließ sich rückwärts auf die kleine, in Beigetönen gemusterte Ausziehcouch hinter der Tür fallen, auf der sich allerhand Papierkram stapelte, legte den Kopf in den Nacken und dachte an den ausschlaggebenden Vater. An die Frau, die ihn mit ihren Worten öffentlich gelobt hatte. Und doch auch sehr persönlich.

Schließlich dachte er an Lukas Mayer. Mit einem Anflug von Zorn, allerdings auch und mehrheitlich Sympathie und vorrangig Neid. Er sah sich ihm gegenüber in den schlimmsten Sekunden seines Lebens und sah sich an seiner Seite verzweifelt betrunken an einer Bar. Sah ihn in seinen Gedanken seine Lippen fest aufeinanderpressen und fragte sich wieder einmal, ob es zwischen ihnen beiden inzwischen wirklich ein Remis gab. Er gab die Überlegung auf, denn sie hätte Aggression zu wecken vermocht.

Stattdessen stand er auf, ging an das Billy-Regal an der gegenüberliegenden Wand, streckte sich und holte eine auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Kiste aus dem obersten Fach. Ein braun-schwarz gemusterter Karton, etwas sonnengebleicht, ansonsten geschont und unangegriffen. Er stellte ihn auf den Boden, setzte sich im Schneidersitz dazu und lehnte den Rücken an die Couch, ehe er langsam und beinahe zärtlich die Kanten des Deckels nachfuhr und ihn sorgsam abhob. Er seufzte und schluckte, ehe er seinen Blick auf den Inhalt senkte. Den Inhalt - all seine handfesten Andenken an seine Beziehung zu Tanja. Alle. Seine materiellen Erinnerungen, die er stets in Ehren gehalten hatte. Und so lange Zeit war ihm nichts anderes geblieben als das. Sein persönlicher Schatz, den er – im Gegensatz zu dem wunderbaren Mädchen, das ihn hervorgebracht hatte – mit niemandem geteilt hatte. Niemals. Nicht einmal mit Alina. Die er abgesehen davon an so vielem teilhaben hatte lassen. Er biss die Zähne zusammen und schürzte die Lippen. Wehmut kroch durch seinen Körper und seine Finger zitterten beinahe, als er sich vorbeugte und die Andenken aufzufrischen begann.

Zuerst nach einem schlichten weißen Hemdchen griff, in das er seine Nase steckte. Aber der fruchtig-blumige Tanja-Geruch war verflogen, nicht länger konserviert… Dann fand er eine kleine schwarze Digitaluhr, die nicht mehr funktionierte, und erinnerte sich daran, dass sie nie gestimmt hatte – nicht auf dieser Hälfte der Erde… Ein bordeauxroter Briefumschlag, auf dem in geschwungener Schrift sein Name stand. Er legte ihn sofort beiseite. Er kam dem Ende zu nahe… Die übrigen Briefe und Postkarten las er. Ebenso eine knappe und ironische Notiz. Stapelte sie wieder und legte einige Eintrittskarten dazu, zwei Eisstiele und eine Haarlocke. Er lächelte versunken. Betrachtete eine CD mit Aboriginal-Musik und blätterte einen Stapel von Fotos durch.

Bei etwa der Hälfte riss ein dumpfes Klopfen an der Zimmertür ihn aus allen Gedanken. Mühsam löste er seine Aufmerksamkeit von Tanjas hübsch-jugendlichem Gesicht. Er wusste, es war Alina, die sich kümmerte und interessierte.