Verlag: Langen-Müller Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Der Tag ist hell, ich schreibe dir E-Book

Tanja Langer  

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E-Book-Beschreibung Der Tag ist hell, ich schreibe dir - Tanja Langer

Sie las Marx in einer Ökobäckerei, er war Vorsitzender einer großen Bank. Doch der Mann, dem Helen heute schreibt, ist lange tot. 1989 wurde Julius bei einem Attentat getötet, und Helen erinnert sich. Wie sie den Bankier als junge Frau kennenlernte, wie hell und leicht alles begann, wie er Karriere machte und sie sich durchs Studium kämpfte. Wie viele Briefe sie ihm schrieb und wie sich ihr Verhältnis immer wieder neu erfand. Wie der Tod brutal einschlug und wie Helen Journalisten, Zeitzeugen und Stasiakten befragte, um ihn zu begreifen. – Tanja Langer entfaltet den Roman einer unkonventionellen Liebesfreundschaft vor dem Hintergrund deutscher Zeitgeschichte. Eine packende Suche nach einem dramatischen Verlust.

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E-Book-Leseprobe Der Tag ist hell, ich schreibe dir - Tanja Langer

Tanja Langer

Der Tag ist hell,

ich schreibe dir

Roman

LangenMüller

Meinen Töchtern gewidmet

und A. (1930–1989)

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2012 LangenMüller in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten.

Schutzumschlag und Fotografik: Wolfgang Heinzel

unter Verwendung eines Fotos von picture-alliance

Satz und eBook-Produktion:

Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7844-8133-3

My faith was so much stronger then

I believed in fellow men

And I was so much older then

When I was young

Eric Burdon & The Animals,

When I was young (1967)

Noch lange Zeit nach deinem Tod glaubte ich, dich zu sehen. Auf Flughäfen vor allem; Flughäfen schienen mir wie deine natürliche Umgebung; es war die Umgebung, zu der ich Zugang hatte, die ich– wenn auch selten– mit dir teilen konnte. Anders als die Hochhäuser der Banken, Tagungsräume von Aufsichtsratssitzungen oder Aktionärsversammlungen, die Hallen teurer Hotels und Sitzungszimmer hoher Politiker. Manchmal schien es mir, als sähe ich deine schmale Silhouette, deinen trotz des leichten Hinkens energischen, beschwingten Gang. Manchmal glaubte ich, einen Zug deines Gesichts zu sehen, un trait, im Deutschen eher im Plural verwendet, seine Züge verwandelten sich, ihre Gesichtszüge erinnerten ihn an, von sehr weit weg, wenn es sich auf das Gesicht eines Fremden zu legen schien, oder eine Geste, so charakteristisch für eine einzelne Person, dass man diesen Menschen sofort erkennt. Ich erschrak jedes Mal, als hätte ich dich tot geglaubt und du wärst es gar nicht.

Ich bereue bis heute, kein Foto von dir gemacht zu haben, in meinem Zimmer oder meinem Hinterhof, oder sogar eines von uns beiden, einen Schnappschuss, wie ich ihn manchmal mit einem Freund oder einer Freundin mache, indem wir einfach die Köpfe aneinanderhalten und die Kamera in einer ausgestreckten Hand auf uns richten. Ich bereue, wenn ich daran denke, nicht sofort zum Unfallort gefahren zu sein, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass du es warst, oder sogar mit meinen Händen, dass dieser verkohlte Körper, der seltsam zusammengerollt, zusammengeknickt, zusammengesackt auf der Hinterbank lag, dort, wo ich einige Male neben dir gesessen hatte, auf dem Weg zum Flughafen, München-Riem oder Berlin-Tegel, von wo aus du dann die Stadt oder das Land verlassen hast, während ich wieder heimkehrte in meine Studentenwohnung; dein Leben, mein Leben.

Ich kann den Tod nur glauben, wenn ich ihn sehe oder berühre. Das Ganz-nah-Herantreten und Sehen. Die Aura, den Geruch aufnehmen, wie ich es bei meinem Großvater und meinem Vater getan habe. Vor allem aber: das Erkennen der Person.

Jahrelang hatte ich Albträume, in denen du mir begegnetest. In denen du auftauchtest und mich ansahst, fragend, traurig, fordernd. Jedes Mal erwachte ich, schweißgebadet, verwirrt, mit demselben Aufbegehren: Er ist nicht tot! Ich muss ihn finden! Der Tod war nur vorgetäuscht, um dem Tod zu entgehen! Um irgendwo auf dieser Welt weiterzuleben, eine unscheinbare, friedliche Existenz, die nach einfachen Dingen schmeckte, frischem Fisch, einer leichten Brise vom Meer her, dem Anblick seltener Blüten.

Erst fünfzehn Jahre nach deinem gewaltsamen Tod zeigte sich dieses Wieder-Auftauchen, diese unerwartete Vergegenwärtigung, wie ein Geschenk, ein »Ich-werde-dir-zurückgegeben«, »Ich-bin-bei-dir«, auch wenn es sich bald darauf erneut zersplittern sollte.

Natürlich habe ich nicht fünfzehn Jahre lang von dir geträumt; es beruhigte sich nach zwei, drei Jahren, es wurde allmählich seltener, klang aus. Neue Ereignisse und Erlebnisse legten sich nach dem Attentat, das mein Leben in ein Vorher und Nachher teilen sollte, ohne dass es mir damals klar gewesen wäre, allmählich über den Schmerz, die Trauer, die Ratlosigkeit und die Sehnsucht, und sie gewannen immer mehr Raum in mir, wie das Leben überhaupt. Die Theaterarbeit, die Begegnung mit meinem Mann, unser erstes Kind.

Abschied ist ein fragmentierter Nachklang, ich wusste nicht, dass er wiederkehren kann. Zeitsprünge, über dreißig Lebensjahre verteilt, von denen ich dich acht gekannt habe. Zerstörte Gedächtnisflächen wuchern neben komischen Begebenheiten. Der Ansturm der Presse, nachdem unsere Geschichte bekannt geworden war. Die Dollarzeichen in den Augen des Filmproduzenten, der sich über den Tisch beugte und sagte: »Ich mache Sie reich, wenn Sie mir Ihre Geschichte verkaufen«, worüber ich lachen musste und meinen Espresso umkippte. Der Schmerz in meiner Schulter, als ich anfing, mich in deine Vergangenheit zu graben und die möglichen Gründe für deinen Tod umkreiste. Der Anruf eines schwer atmenden Journalisten, der mir von einer Verschwörung ins Ohr raunte, sodass ich weiche Knie bekam. Der Besuch bei deinen Verwandten in Essen, bei dem ich mit Fremden glücklich war, im Garten, neben einer Voliere mit hundert kreischenden Kanarienvögeln.

Ich bin erst später, durch andere Todesfälle in der Familie, darauf gekommen, was es heißt, jemandem etwas zu hinterlassen. Die Dingeliegenmir nicht besonders, aber es war eigenartig, nichts von dir in den Händen zu halten, es hätte eine Schallplatte sein können, irgendetwas, das mich an dich erinnern würde. Ich weiß nicht einmal, ob du ein Testament gemacht hast– immerhin hattest du für den Fall deiner Entführung deiner Frau einen Brief hinterlegt; du musst also eine Vorstellung davon gehabt haben, überraschend zu verschwinden. Dir war nur wichtig, dass deiner Familie nichts geschieht und dass der Staat auf dein Leben keine Rücksicht nehmen sollte, um die Interessen und Ideale zu verfolgen, die dir wichtig waren. Hält jemand eine überraschende Wende im Leben nicht für möglich, ist ein Testament nicht nötig. Die Verwandtschaftsverhältnisse regeln die Hinterlassenschaft von selbst.

Ist dies vielleicht deine Hinterlassenschaft für mich: die Fragen von Fremden, die nicht enden? Die E-Mails, die mich immer noch erreichen? Ein Mann behauptete, Dinge über dich zu wissen, die mich interessieren dürften, schlimme Dinge. Einer war in deine Tochter verliebt und glaubte, von mir etwas über sie zu erfahren. Ein Dritter wollte das Attentat aufklären, ein Vierter schrieb seine Doktorarbeit über dich. Ich habe eine ganze Sammlung von Briefen wildfremder Rentner, die sich für dich begeistern, mir aber auch mitteilen, wie lesenswert ihr eigenes Leben sei. Bei einer Lesung schlägt ein Mitarbeiter deiner Bank ein Bein übers andre, sieht mich seltsam an und sagt, mit der Verachtung des Verschmähten in der Stimme: »Wissen Sie, mit Unsereinem hat er nicht so gern seine Zeit verbracht. Bei Geselligkeiten ist er lieber ein Bier trinken gegangen, draußen, mit seinen Leibwächtern.«

Ich habe damals überhaupt nicht an solche Zusammenhänge gedacht. Vielleicht hätte mich die Vorstellung insgeheim doch verletzt, dass ich keine Rolle gespielt hatte in deinen Gedanken an das, was ist, wenn du nicht mehr da bist. Getröstet hätte ich mich garantiert damit, mir zu sagen: Unsere Beziehung bestand außerhalb dessen, was sich in irgendeiner Form regeln lässt.

Deine Witwe war es, die an mich dachte.

Sie war es, die vier Jahre nach deinem Tod kam und mir etwas brachte, so wie sie mich auch zur Beerdigung eingeladen hatte. Ich hatte ihr seitdem jedes Jahr Weihnachtsgrüße geschickt, nichts weiter, wir teilten im Grunde ja auch nichts Eigenes. Ich erinnere mich an drei oder vier Telefonate, bei denen ich dich hatte sprechen wollen und sie an den Apparat gekommen war, im Hotel in Berlin oder bei euch zu Hause. Nein, wir hatten nichts Eigenständiges zu teilen– vielleicht nicht einmal den Menschen, der eine Verbindung zwischen uns beiden hergestellt hatte. Trotzdem hatte ich ihr jetzt die Geburtsanzeige unserer Tochter geschickt, und sie hatte sich umgehend und überraschend angemeldet, um, wie sie sagte, das Baby zu bewundern.

»Was wünschst du dir von Julius?«, fragte sie am Telefon.

Ich schwieg, noch immer erstaunt über ihren Wunsch, uns zu besuchen.

»Gibt es einen Gegenstand, irgendetwas, das du gern von ihm hättest, zur Erinnerung?«

Ich war so verwirrt von ihrem Angebot, dass es mir die Sprache verschlug.

»Vielleicht seine Tasche?« Ihre Stimme klang freundlich und offen.

Hatte sie mich früher gefragt? Unmittelbar nach deiner Beerdigung? Als ich zum ersten Mal euer Haus betrat? Ich konnte mich nicht erinnern. Das Bild deines Schreibtischs tauchte auf, an dem ich gestanden hatte, fassungslos, und auf dem der Umschlag meines letzten Briefs an dich lag, in den ich einige Fotos gesteckt hatte, von den Tagen der Maueröffnung, und auf den ich– ich musste schlucken, als es mir einfiel– einen Engel geklebt hatte, den ich aus einem Kalender ausgeschnitten hatte, einen pausbackigen rosa Engel von Andy Warhol.

»Seinen Füller«, entfuhr es mir, »wenn ich darf.«

Keine Woche später kam Pia in unsere Wohnung, lernte meinen Mann Thimo kennen und bewunderte Felicitas, unser kleines Mädchen.

»Babys muss man anhimmeln«, sagte sie. »Babys sind zum In-die-Knie-Gehen.«

Sie hatte einen tiefblauen Anzug aus Samt für Felicitas mitgebracht, mit einem weißen Kragen. Ich hatte Apfelkuchen gebacken und Tee gekocht. Wir saßen in der Küche, Felicitas lag in ihrem Stubenwagen neben dem Tisch, als Pia aus der Handtasche, in etwas Papier eingewickelt, den Füller holte und ihn mir überreichte.

Es war ein eigenartiger Augenblick. Ich zitterte, als ich ihn annahm.

Der Füller hatte in ihrer Handtasche gelegen, zwischen ihren persönlichen Dingen, geschützt von etwas knistrigem weißem Seidenpapier. Julius hatte mit diesem Füller, Marke Pelikan, die wenigen Karten geschrieben, die er mir geschickt hatte, weiß, mit seinem Namen auf den oberen Rand gedruckt, Bütten, 30 Gramm oder mehr, mit Wasserzeichen. Und er hatte die Briefe damit unterschrieben, die er Frau Osthaus an mich diktiert hatte. Offizielle Briefe, die er einem Buch beigelegt hatte, das er mir schenken wollte, das ich erwähnt hatte, von dem er wusste, dass es mir Freude machen würde, oder wenn er mir seine Vorträge schickte, damit ich sie las und kommentierte. Einmal waren es die dicken Bände des Kunsthistorikers Ernst Gombrich, Kunst und Illusion und Geschichte der Kunst, die ich mir allein niemals gekauft hätte, weil sie viel zu teuer waren. Ein anderes Mal war es die Werkausgabe von Paul Celan, meerblau, in einem Schuber. Die Karte hatte er diskret hineingeschoben, in einem verschlossenen Kuvert. Er hatte seine Worte mit einem »Kuss, Julius« unterschrieben, und das hätte er Frau Osthaus niemals lesen lassen.

Ich hielt den Füller in der Hand. Du hattest ihn immer bei dir getragen. Du hattest mit diesem Füllfederhalter Verträge unterzeichnet, in Frankfurt am Main, Berlin, New York, Washington, Toronto, Moskau, Mexiko City und anderen Orten dieser Welt. Verträge, in denen es um Summen ging, die ich noch nicht einmal korrekt hätte schreiben oder aussprechen, geschweige denn sie mir auch nur im Ansatz vorstellen können. Verträge, mit denen, wie es große Zeitungen damals geschrieben hatten, sich die wirtschaftlichen Landschaften Deutschlands und Europas gravierend verändern sollten. Zuletzt waren es Vorschläge gewesen, wie das frisch zu vereinende Deutschland zu gestalten sei, und Verträge über Kredite mit der gerade noch existierenden DDR und anderen Ostblockstaaten, die dazu beitragen sollten, dass die Wirtschaft in diesen Ländern zügig ihren Aufschwung nahm. Du hattest diesen Füller immer bei dir getragen, in der Innentasche des Jacketts, das du niemals ausgezogen hast, niemals bei öffentlichen Gelegenheiten, niemals im Restaurant; der Füller war, nur vom Futter der Tasche und dem gebügelten Hemd von deiner Haut getrennt, immer ganz nah an deinem Körper gewesen.

Als ich in diesem Augenblick in unserer gelb gestrichenen Küche in diesem sonderbaren Viereck saß, das wir bildeten, Felicitas, Thimo, deine Frau, die nun deine Witwe war, und ich, und ich deinen Füller in der Hand hielt, nein, in beiden Händen, und mir eine Hitzewelle durch den Körper jagte,

hörte ich dein Lachen, deine Stimme, deinen Tonfall; ich sah, wie du die Treppe hinuntergeeilt kamst, als wir uns das erste Mal verabredet hatten, in einem großen Frankfurter Hotel, und wie wir am Tisch zum ersten Mal zusammen gelacht hatten–

und es war plötzlich so, als stündest du im Raum. Als müsste ich mich nur umdrehen und–

Ich rannte aus der Küche, ein Aufschluchzen kaum mehr zurückhaltend.

Als ich mich etwas gefasst hatte und in die Küche zurückkehrte, überreichte mir Pia ein weiteres Päckchen. »Die habe ich in seinem Schreibtisch zu Hause gefunden«, sagte sie, »was mit den anderen ist, weiß ich nicht.«

Sie hielt mir ein Bündel Briefe hin.

Briefe, die ich dir geschrieben hatte.

Pia, sehr schlank, elegant, im dunklen Kostüm, mit einem schmalen, kniekurzen Rock, ein fein gesponnenes Wolltuch über die Schulter gelegt, in gedeckten Farben. Das Gesicht mit den tief liegenden dunklen Augen, ernst, auch wenn sie lächelte.

Der Füllfederhalter und die Briefe.

Der Füllfederhalter war ein »Meisterstück« des Hauses Pelikan, mit einem grün-schwarzen Kolben und einer schwarzen Kappe zum Schrauben. Die Feder war aus Gold und sehr kräftig. Du hattest eine große, ausholende Handschrift. Die Feder war schön, mit einem breiten Mittelstück, das elegant auf die Spitze zulief. Der Füller lag schwer in der Hand.

Er liegt es noch.

Ich hatte damals, es war zwei Jahre nach deinem Tod gewesen, mein erstes Theaterstück geschrieben und Pia zur Premiere eingeladen, weil sie in ihrer Nähe stattfand. Sie hatte nicht nach Frankfurt kommen können, doch sie hatte mir über eine Freundin ein Briefchen bringen lassen. Julius wäre sehr stolz auf dich gewesen, stand darin, er war sich immer ganz sicher, dass du eines Tages schreiben würdest. Sie wünsche mir nun stellvertretend für ihn viel Glück dabei. Nach diesem ersten Stück, während meiner Schwangerschaft mit Felicitas, hatte ich begonnen, Notizen für ein weiteres zu machen, über die Flucht meiner Mutter aus Oberschlesien und die Spuren, die diese in ihrem Leben hinterlassen hatte. Ich hatte niemals daran gedacht, über dich zu schreiben.

Der Füller und die Briefe.

Die Witwe, die sie mir brachte, die Witwe, die an mich gedacht hat, welcher unbewusste Wunsch, welcher Gedanke lag in dieser Geste, mir die Briefe zurückzugeben? Sie wusste, dass ich schrieb, sie hatte es selbst gesagt.

»Sie gehören dir. Ich dachte, du möchtest sie vielleicht haben.«

Lag darin ein: Ich habe aufgeräumt, ich gebe sie dir zurück, damit ist dieses Kapitel abgeschlossen und alles dort, wohin es gehört? Diese Briefe gehörten ihr nicht. Sie gehörten auch nicht zu ihr; sie hatten zu Julius gehört, zu einem Teil seines Lebens, zu dem wiederum sie nicht gehört hatte.

»Wir haben ihm immer die Tasche fertig gemacht. Wir haben ihm die Post geöffnet, jeden Tag. Nur Ihre Briefe durften wir nicht öffnen. Wir steckten sie ungeöffnet in seine Aktentasche.« Das hatte mir Frau Osthaus, deine Sekretärin, einmal gesagt, Jahre später. Viele Jahre später.

Plötzlich, in der gelb gestrichenen Küche, mit Felicitas und Thimo sitzend, sah ich Pia fragend an. Hatte sie diese Briefe gelesen? Welche von den vielen waren es? Ich fühlte, dass mein Gesicht vor Röte brannte, meine Hände schwitzten. Ich wusste es nicht. Ich wusste in diesem Moment auch nicht, ob es etwas in genau diesen Briefen– es waren längst nicht alle– gab, was niemanden, insbesondere aber deine Witwe nicht, etwas anging.

Lieber Herr, hatte ich sie oft beginnen lassen, bis wir uns nach Jahren duzten, lieber Herr–

Dann aber dachte ich: Ich habe nichts zu verbergen. Ich hatte nie etwas zu verbergen, und du auch nicht.

Ich erinnere mich, wie du mich einmal im Hotel Vier Jahreszeiten in München dem Herausgeber einer bekannten Zeitung vorgestellt hast, der uns beim Verlassen des Speisesaals begegnet war. »Darf ich Ihnen eine besonders begabte junge Frau vorstellen?«, hattest du gesagt. Der Herr hatte mich mit hochgezogenen Augenbrauen gemustert, mit einem unausgesprochenen soso, mit dem ältere Menschen damals jüngere gern betrachteten. Du fingst an, meine Fähigkeiten und Kenntnisse aufzuzählen, was in deiner sachlichen Art noch schlimmer war, als wenn du von ihnen geschwärmt hättest, bis ich dir mit dem Ellbogen in die Seite stieß. Es war mir peinlich. Der Herausgeber verneigte sich höflich in meine Richtung.

»Vielleicht kommen Sie ja einmal zu uns? Sie können sich jederzeit bei mir melden. Herr Turnseck hat ja meine Koordinaten.«

Herr Turnseck. Herr Turnseck hatte die Koordinaten, und ich habe sie nie benutzt und mich auch nie bei diesem Herrn gemeldet. Herr Turnseck– also du, du hast das nie verstanden.

Hast du, lieber Herr, eigentlich gewusst, dass Brahms als Kind mit seinem Vater durch die Hamburger Kneipen zog und Akkordeon spielte, um Geld für die Familie zu verdienen? Hast du gewusst, dass Liszt, als er den Neunzehnjährigen und seine beiden ersten Sonaten kennenlernte, ihn sofort enthusiastisch begrüßte und ihn für seine Neudeutsche Schule gewinnen wollte? »Es scheiterte an der weltfremden Sprödigkeit des Brahmsschen Charakters«, heißt es auf meiner Schallplattenhülle mit eben diesen beiden Sonaten.

So oder ähnlich stand es in einem meiner Briefe, die ich dir schickte, in deinem letzten Jahr, in dem es uns immer seltener möglich war zu telefonieren, weil du immer häufiger in Flugzeugen und wichtigen Besprechungen saßt, in dem Jahr, das dem des Mauerfalls vorausging und das Gesicht der Welt so andauernd und ungeheuerlich verändern sollte.

Hast du gewusst, mein lieber Herr, dass Brahms etwas von dir zur Sprache brachte, das du selbst niemals zur Sprache hättest bringen wollen und was ich erst jetzt, so viele Jahre nach deinem Tod, zu verstehen beginne?

Kannst du dir, liebe Witwe, vorstellen, dass er sich gewünscht hätte, dass ich ein Quäntchen von dieser Geschichte in Worte fassen würde?

In den ersten beiden Sonaten, so heißt es auf meiner Plattenhülle, habe Brahms noch versucht, sein romantisches subjektives Empfinden in die große klassische Form zu zwingen. Schon bei der dritten aber habe er alles Vorgefundene verlassen und seine eigene musikalische Form erfunden.

Der Musiker, von dem du mir bei unserer ersten Verabredung erzählt hast: Was wohl aus ihm geworden ist? Was er wohl heute spielt? Was hat er damals gespielt? Brahms? Schostakowitsch? Was hast du mir noch von ihm erzählt, und wo wird er wohl heute leben? Hat er ein Foto mit dir zusammen gemacht? Hattet ihr Kontakt gehalten? Ich kann mich nicht erinnern, ob wir jemals wieder über ihn gesprochen haben, und ich habe keine Notiz darüber gemacht, wie über so viele Gespräche nicht, die wir damals am Telefon geführt haben. Du bist ja noch etliche Male in Moskau gewesen. Was gäbe ich darum, damals mehr notiert zu haben! Wie unbekümmert lebte ich, ich habe niemals daran gedacht, dich zu verlieren, so wie ich nie gedacht habe, dass das Berlin, in dem ich damals lebte, dessen Straßen, Häuser, Gerüche und Klänge mir so vertraut waren, eines Tages verschwunden sein würde. Es gibt so viele Selbstverständlichkeiten im Leben. Unerschütterliche, ohne die man vielleicht gar nicht leben könnte. Besonders, wenn man noch sehr jungist.

Ich hatte diese Briefe vergessen.

Für den Füller hatte ich mir ein schönes Lederetui gekauft. Ich wollte ihn nicht ungeschützt herumliegen lassen. Ich verstaute ihn sorgfältig in der Schublade meines Schreibtischs und benutzte ihn nur für besondere Gelegenheiten. Wenn wir verreisten, versteckte ich ihn, zusammen mit dem Ehering meiner Urgroßmutter väterlicherseits, der kleinen Armbanduhr meiner Großmutter und einem Ring, den meine Mutter mir geschenkt hatte.

Ich hatte diese Briefe vollkommen vergessen. Nicht, dass ich sie einmal geschrieben habe, aber dass ich sie besaß.

Erst, als fünfzehn Jahre nach deinem gewaltsamen Tod der Reporter kam und mich nach dir fragte, und ich in den Keller ging, um nach alten Kalendern und Tagebüchern zu suchen, die meiner Erinnerung auf die Sprünge helfen sollten, öffnete ich einen Karton, auf den ich mit einem schwarzen Edding die Zahl 1993 geschrieben hatte, so wie ich für jedes Jahr einen solchen Karton habe, und stieß auf das Päckchen, das mir deine Witwe überreicht hatte. Ungläubig stand ich im Keller und starrte auf dieses Päckchen. Ich hatte einen doppelten Wollfaden darum gespannt und es zu Postkarten, Briefen, Eintrittskarten, Kinokarten und allen möglichen Erinnerungszetteln aus jenem Jahr gelegt. Ich hatte sie hineingelegt, den Karton zugeklappt, die Jahreszahl daraufgeschrieben– und sie vergessen!

Man sieht auf das eigene Leben wie auf das einer Fremden, würde ich ein paar Jahre später auf meinen Notizblock kritzeln, im Archiv der SED, als ich zwischen staubigen Akten saß, um mehr über dich zu erfahren.

Wie kann so etwas geschehen? Wollte ich so gründlich vergessen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Ich habe sie weggepackt und aufgehoben, und das war’s. Die Geschichte, Julius selber, du, wohnten ja in mir.

Der Reporter brachte den Stein ins Rollen, der etwas über dich schreiben wollte. Auf kompliziertem Weg hatte er mich gefunden. Jonathan Kepler.

Er stand oben im Flur und rief die Kellertreppe hinab, ob alles in Ordnung sei.

»Jaja«, rief ich und ging nach oben, in den Händen meinen Karton. Fragend sah er mich an, und ohne Worte zeigte ich ihm das Päckchen. Während unseres übrigen Gesprächs, das fast zwei Stunden dauerte, lag es vor uns, auf dem Tisch.

»Wie haben Sie sich kennengelernt? Wann genau? Bei welcher Gelegenheit? Was war Ihr Hintergrund? Wie alt waren Sie?«

Er schaltete sein Tonband ein. Seine Kaffeetasse hatte er schon geleert. Der Block lag neben ihm, mit einem Kuli.

»Erzählen Sie einfach mal ein bisschen: Wer waren Sie damals?«

Ich überlegte. Die Zeit, als ich Abitur machte, schnellte in mir hoch. Die Zeit, in der wir uns kennenlernten, unerhörter Zufall, neugieriger Aufbruch ins Leben für mich, noch unbeschwerter Augenblick in der Laufbahn für dich; ich sah dein verschmitztes Lächeln, deine–

»Ich war neunzehn«, sagte ich, »ich machte gerade Abitur.«

»Was waren Sie für ein Mädchen? Was haben Ihre Eltern gemacht? Wie sind Sie aufgewachsen? Ich möchte etwas von der ganzen Atmosphäre damals haben, es ist ja alles schon so lange her.«

Er sah mich freundlich an, und ich fing langsam an. Er lachte oft und nickte, »nur zu«, und ich fühlte mich ermuntert. Vielleicht färbte seine eigene Fröhlichkeit auf mich ab, oder vielleicht war es die Erinnerung an etwas Heiteres, Helles, so wie du warst, als ich dich kennenlernte.

Erster Teil

I.

Mata Hari, Marx und Mehl

1

Als ich acht oder neun war, wollte ich Mata Hari werden. Mata Hari, so hatte ich irgendwo aufgeschnappt, war eine gerissene und schöne Spionin. Was ich damals allerdings nicht mitbekommen hatte, war, dass sie für ihr Leben mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Es hätte allerdings nichts an meiner Begeisterung geändert.

Damals spielten wir oft »Kalter Krieg«. Wir redeten ein frei erfundenes Amerikanisch und Russisch, und wir spielten Spione, so wie wir Cowboys und Indianer spielten. Wir teilten uns in zwei Gruppen, belauschten und belagerten uns gegenseitig, heckten Überfälle, Diebstähle wichtiger Dokumente und andere Gemeinheiten aus, die die andere Gruppe aufdecken und verhindern sollte. Wir benutzten unsichtbare Walkie-Talkies, und die Bäume und Büsche, hinter denen wir uns versteckten, waren in Wirklichkeit U-Boote, Flugzeuge und Bunker.

Als ich vierundzwanzig war, sagte ein Professor zu mir: »Leute wie Sie werden entweder Terrorist oder Holzfäller in Kanada.« Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Julius fünf Jahre. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete und er noch ein Fremder für mich war, war ich neunzehn. Ich trug mein helles Haar lockig und die Röcke kurz, ich stand kurz vorm Abitur und konnte es kaum erwarten, mein Elternhaus und die Stadt zu verlassen. Bevor du gehst, hatte mein Vater gesagt, lern wenigstens Auto zu fahren. Da hast du was fürs Leben. Ich fuhr nicht gern Auto. Ich war lieber zu Fuß und in Bussen und Zügen unterwegs, bis heute. Ich hasste meinen Fahrlehrer, der mich immer etwas merkwürdig angrinste und manchmal seinen Arm um meine Schultern legte. Einmal stieg ich deswegen mitten auf einer Kreuzung aus. Ein Donnerwetter folgte. Doch am Ende bestand ich die Prüfung dank eines aberwitzigen Wintereinbruchs. Meine angeborene Fähigkeit, mit Katastrophen umzugehen, kam mir zu Hilfe. Ausnahmesituationen entlasten mich; ich glaube, das kommt von meiner Flüchtlingsfamilie. Während alle anderen zitterten, zitterten bei mir nur drei Sekunden lang die Knie, beim ersten Gasgeben. Dann holte ich tief Luft, stieß innerlich einen Fluch aus, drückte den Fuß aufs Pedal und– fuhr seelenruhig durch die dick mit Schnee bedeckten Straßen, an deren Seiten Autos schräg standen oder ihre Nasen an Ampelmaste drückten. Mein Fahrlehrer knurrte etwas Unverständliches, als er mir den Führerschein wohl oder übel in die Hand drücken musste.

Mein Vater wollte, dass ich übte zu fahren. Das Fahren war eigentlich kein Problem. Meinen ersten Unfall verursachte ich, ohne dabei zu sein. Mein Vater hielt mir eines Tages den Wisch der Polizei unter die Nase und sah mich fragend an. Ich hatte einen Filmriss. »Ich kann mich nicht erinnern, Papa«, flüsterte ich. »Guck dir mal die Adresse an«, sagte Papa, »vielleicht klingelt es dann bei dir.« Ich las den Straßennamen, wurde rot, sagte: Oh.« Ich hatte wohl vor dem Haus meines Freundes vergessen, die Handbremse zu ziehen. Das Auto hatte sich verselbstständigt und war rückwärts in ein anderes gerollt. Ich hatte es nicht merken können, weil der andere es wieder auf den vorherigen Platz geschoben hatte. Mir fiel allerdings ein, dass ich mich leicht gewundert hatte, warum ein Stein hinter das Vorderrad geklemmt war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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