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Weise Worte des jüdischen Glaubens
Der Talmud ist eine der wichtigsten Schriften des Judentums. In ihm diskutieren bedeutende Rabbis der Geschichte in aufeinander antwortenden Texten über Jahrhunderte hinweg die Auslegung der Thora. Ihre Lehren über die Schrift sind die Grundlage des Judentums, seiner Traditionen und Gesetze. Der Talmud wird deshalb vielen jungen Menschen jüdischen Glaubens gelehrt. Arthur Kurzweil erklärt in diesem Buch, wie der Talmud aufgebaut ist, wie Jüdinnen und Juden seine Lehren im Alltag anwenden und welche Bedeutung er für ihren Glauben weltweit hat.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Talmud für Dummies
Egal, ob Sie sich zum ersten Mal mit dem Talmud beschäftigen, ihn nach Jahren wieder aufgreifen oder Ihr Verständnis vertiefen möchten – die richtigen Hilfsmittel können entscheidend sein. Diese Schummelseite enthält die Namen (und Zahlen), die Ihnen helfen, die Komplexität des Talmuds sicher zu meistern.
Diese Gelehrten leisteten wichtige Beiträge zum Studium, zur Interpretation und zur Verbreitung des Talmuds:
Rav Saadia Gaon (882–942 u. Z.): klärte jüdisches Recht und PhilosophieRav Scherira Gaon (906–1006 u. Z.): half bei der Verbreitung des TalmudsRav Hai Gaon (939–1038 u. Z.): antwortete auf Kommentare und fügte seinen eigenen talmudischen Kommentar hinzuChananel ben Chuschiel (990–1053 u. Z.): Kommentator des TalmudsRabbi Gerschom ben Jehuda (960–1040 u. Z.): auch bekannt als Meor ha-Gola (Das Licht des Exils); Talmud-KommentatorRabbi Schlomo Jitzchaki (Raschi) (1040–1105 u. Z.): der berühmteste Talmud-KommentatorRabbi Samuel ben Meir (Raschbam) (1085–1158 u. Z.): Raschis EnkelRabbi Jacob ben Meir (Rabbenu Tam) (1100–1171 u. Z.): ein weiterer Enkel von RaschiRabbi Abraham ibn Ezra (1089–1167 u. Z.): leistete Beiträge zur Bibel- und TalmudforschungMaimonides (Rambam) (1138–1204 u. Z.): Autor der Mischne Thora (Wiederholung der Thora), einer Kodifizierung des jüdischen RechtsNachmanides (Ramban) (1194–1270 u. Z.): ein Talmudist, Mystiker und BibelkommentatorRabbi Jeschaja di Trani (Rid) (13. Jahrhundert u. Z.): ein italienischer Gelehrter und TalmudistRabbi Ascher ben Jechiel (Rosch) (1250–1327 u. Z.): Kommentator des TalmudsRabbi Nissim ben Reuven (Ran) (1320–1376 u. Z.): spanischer Kommentator des TalmudsRabbi Solomon ben Aderet (Raschba) (1235–1310 u. Z.): führender Kommentator des TalmudsRabbi Jomtov ben Aschbili (Ritva) (1250–1330 u. Z.): Kommentator des TalmudsRabbi Obadja ben Abraham Bartenura (1445–1515 u. Z.): Kommentator der MischnaRabbi Josef Karo (1488–1575 u. Z.): Autor des Schulchan Aruch (Gedeckter Tisch), eines maßgeblichen Kodex des jüdischen GesetzesRabbi Juda Loew ben Bezalel (Maharal von Prag) (1520–1609 u. Z.): Philosoph und MystikerRabbi Elija ben Solomon (Gaon von Wilna) (1720–1797 u. Z.): korrigierte Textfehler im TalmudRabbi Chajim Josef David Azulai (Chida) (1724–1806 u. Z.): Kommentator des jüdischen RechtsRabbi Chajim Soloveitchik (1853–1918 u. Z.): führte analytische Präzision in die Talmudforschung einRabbi Moshe Feinstein (1895–1986 u. Z.): führende halachische (juristische) und talmudische Autorität des 20. JahrhundertsRabbi Adin Steinsaltz (1937–2020 u. Z.): schrieb einen monumentalen Kommentar zum TalmudDer Talmud ist eines der umfangreichsten und einflussreichsten Werke der jüdischen Wissenschaft und enthält Jahrhunderte voller Debatten, Gesetze und ethischer Lehren. Sein Umfang ist erstaunlich: Millionen von Wörtern, Tausende von Seiten und Beiträge von fast 2.000 Rabbinern. Diese Zahlen unterstreichen nicht nur die Tiefe und Breite des Textes, sondern dienen auch als faszinierende Information für alle, die sich für seine Bedeutung interessieren. Der Talmud enthält
1,8 Millionen Wörter2.711 doppelseitige Seiten63 Masekhtot (Traktate) der Mischna, davon kommentiert 36 1/2517 Perakim (Kapitel)13.219 Zitate aus der Hebräischen Bibel2 Sprachen, Hebräisch und Aramäisch1.956 Rabbiner und 40.000 Zitate der Rabbiner2.000 Erwähnungen von Rabbi Akiva1 Verweis auf Rabbi Jirmeja ben Elazar1/3 des babylonischen Talmuds besteht aus Aggada (narrative und ethische Lehren)2/3 des Talmuds konzentrieren sich auf die Halacha (Gesetz)Um Ihnen weitere Zahlen zu nennen: Die Rabbiner haben den Babylonischen Talmud zwischen dem späten 5. und 8. Jahrhundert u. Z. zusammengestellt. Und wenn man jeden Tag eine Seite studiert, dauert es etwa 7,5 Jahre, den gesamten Talmud zu studieren.
Der Talmud für Dummies
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Original English language edition The Talmud for Dummies © 2026 by Wiley Publishing, Inc.
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Print ISBN: 978-3-527-72382-9ePub ISBN: 978-3-527-85485-1
Coverfoto: TSViPhoto – stock.adobe.comKorrektur: Birgit Volk
Rabbi Adin Steinsaltz z'l. Ich nannte dich meinen Lehrer, du nanntest mich deinen Freund.
»Die Gerechten werden selbst nach dem Tod als lebend bezeichnet.« (Talmud, Masechta Berachot)
Arthur Kurzweil ist Schriftsteller, Lehrer und Zauberer. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter Die Thora für Dummies (Wiley), Kabbala für Dummies (Wiley), On the Road with Rabbi Steinsaltz (Ben Yehuda Press), Pebbles of Wisdom from Rabbi Adin Steinsaltz (Jossey-Bass) und From Generation to Generation: How to Trace Your Jewish Family History and Genealogy (Jossey-Bass).
Als Mitglied der Society of Magicians und der International Brotherhood of Magicians (Orden des Merlin) präsentiert er häufig seine One-Man-Show »Searching for God in a Magic Shop«. Für seine einzigartigen Beiträge zur jüdischen Bildung erhielt er den Distinguished Humanitarian Award des Melton Center for Jewish Studies der Ohio State University. Er ist Mitglied der Beta Phi Mu, der International Honor Society for Library and Information Science und wurde von der International Association of Jewish Genealogical Societies mit einem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet.
Er und seine Frau Bobby haben gemeinsam acht Kinder und 13 Enkelkinder.
Mein herzlicher Dank geht an: Tracy Brown Hamilton, Projekt- und Entwicklungsredakteurin. Ich ging mit diesem Buch »schwanger«, und Sie waren meine außergewöhnliche »Hebamme«. Laura Miller, Lektorin: Sie haben mich auf Schritt und Tritt beeindruckt. Laura, Sie sind brillant und unglaublich. Shannon Kucaj, Akquisitionsredakteurin: mit aufrichtigem Dank für Ihre Freundlichkeit, Ihren Enthusiasmus und Ihren Glauben an mich. Danny Siegel, meinen ersten Talmudlehrer: Es ist fast 50 Jahre her, seit du mir Rabbi Akiva vorgestellt hast. Du hast mein Leben verändert. Rick Blum, Freund und Chavrusa. Ken Kurzweil: für deine Geduld, Unterstützung und Computerkenntnisse. Malya, Miriam und Moshe »für das Obst«. Bobby Kurzweil, meine Frau, meine Inspiration, meine Partnerin.
Cover
Titelblatt
Impressum
Widmung
Über den Autor
Danksagung
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Über dieses Buch
Konventionen in diesem Buch
Törichte Annahmen über die Leser
Symbole, die in diesem Buch verwendet werden
Wie es weitergeht
Teil I: Einführung in den Talmud
Kapitel 1: Was ist der Talmud?
Der Talmud – eine Definition
Der Talmud: Die zentrale Säule des Judentums
Der Aufbau des Talmuds: Was sehen Sie?
Worum geht es? Um alles!
Die großen (und nicht so großen) Rabbiner des Talmuds
Frauen im Talmud
Talmudstudium – einige Dinge, die Sie beachten sollten
Kapitel 2: Die Geschichte des Talmuds
Wir stellen vor: Raschi, der große Kommentator des Talmuds
Nach Raschi: Die Tosafot-Periode
Wichtige Meilensteine der jüdischen Geschichte
Wichtige Ereignisse in der Geschichte des Talmuds
Kapitel 3: Die heutige Auseinandersetzung mit dem Talmud
Segen für das Studium der Thora (einschließlich des Talmuds)
Kapitel 4: Der antisemitische Krieg gegen den Talmud
Unwahrheiten, die den Krieg gegen den Talmud anheizten
Religiöse Intoleranz im Laufe der Geschichte
Kapitel 5: Schlüsselbegriffe und Konzepte aus dem Talmud
Ehe
Gerichte und Recht
Menschliches Verhalten
Persönlicher Status
Verbrechen
Mitzwot
Menschliche Emotionen
Teil II: Den Talmud öffnen
Kapitel 6: Navigation im Talmud
Wo anfangen? Irgendwo!
Einführung in die Teile des Talmuds
Kartierung von Mischnajot und Gemara
Das Layout einer Talmudseite verstehen
Andere Stimmen am Rande
Die Geschichten und Gesetze des Talmuds
Kapitel 7: Ein Gruß an die großen Meister des Talmuds
Lobpreisung des Rabbis, der heute als Prinz bekannt ist
Rabbi Akiva: der Superstar des Talmuds
Zweierpaarung (Rabbiner, keine Tiere)
Der unvergessliche Nachum Isch Gamzu
Der Bann von Rabbi Eliezer dem Großen
Begegnung mit dem Ketzer des Talmuds
Die fünf Weisen in der Pessach-Hagadda erkennen
Den vier Rabbinen in den mystischen Garten folgen
Sehen, was andere sagen
Kapitel 8: Frauen im Talmud – Entschuldigungen und Überlegungen
Ein Blick auf die Repräsentation von Frauen im Judentum
Frauen als orthodoxe Rabbinerinnen? Warum nicht?
(Grundlose) Argumente gegen Frauen, die den Talmud studieren und lehren
Als Frau den Talmud lehren
Ausbildung jüdischer Frauen
Begegnung mit den Frauen im Talmud
Die Zeiten ändern sich
Was die Thora dazu zu sagen hat
Kapitel 9: Denken wie ein talmudischer Rabbi
Absurditäten als Werkzeug zur Erforschung der Wahrheit
Das Gesetz durch Absurditäten verdeutlichen
Teil III: Leben nach dem Weg des Talmuds
Kapitel 10: Die Feiertage als heilige Tage begehen
Schabbat: Der Ruhetag
Vorbereitung auf den Schabbat: Geben Sie sich Mühe!
Die Welt zu Chanukka erleuchten
An Sukkot in einer Sukka wohnen
Maskerade an Purim
Vorbereitungen für Pessach
Rosch ha-Schana: Keine Party
Jom Kippur: Doch kein Tag des Jüngsten Gerichts
Kapitel 11: Über Essen, Beten und verletzende Sprache
Essen – aber nur koscher
Beten und Segnen
Verletzende Sprache
Kapitel 12: Tabus brechen: Die überraschenden Ansichten des Talmuds zum Thema Sex
Sexuelle Intimität im Talmud
Talmudische Betrachtungen zum Sex in der Ehe
Kapitel 13: Prozessführung nach talmudischer Art
Jüdische Gerichte
Das jüdische Gesetz verstehen
Gerechtigkeit im Talmud
Gesetze befolgen
Teil IV: Der Top-Ten-Teil
Kapitel 14: Zehn wichtige talmudische Konzepte verstehen
Elu w'elu
Sejag l'Thora
Makhloket
D'oraita und D'rabbanan
Tza'ar Ba'alej Chajim
Kal wa-cchomer
Pikuach Nefesch
Bediavad
Kinjan
Hefker
Kapitel 15: Zehn Bücher für Ihre Talmudbibliothek
Koren Talmud Bavli
Talmud Bavli: Die Schottenstein-Edition
William Davidson Talmud
Der Babylonische Talmud
Introduction to the Talmud
Talmud für alle
Ein Yaakov
Who's Who in the Talmud
Persönlichkeiten aus dem Talmud
The Talmudic Anthology
Einige zusätzliche Bücher in meinem Talmud-Bücherregal
Anhang A: A1 Die 63 Bücher des Babylonischen Talmuds
Seder Zeraim (Samen)
Seder Moed (Fest)
Seder Nashim (Frauen)
Seder Nezikin (Schadensfälle)
Seder Kodashim (heilige Dinge)
Seder Toharot (Reinheit)
Anhang B: B2 Ein Glossar des Who's Who im Talmud
Zugot
Tannaim
Von den Tannaim zu den Amoraim
Amoraim
Abbildungsverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Bonuskapitel: B1 Ehe und Scheidung
Die Ehe nach dem Talmud
Einen Get bekommen – die jüdische Scheidung
Bonuskapitel: B2 Mein Traum-Minjan der Weisen
Rabbi Akiva
Nachum isch Gamzu
Ben Bag Bag
Rabbi Schimon bar Jochai
Resh Lakisch
Hillel
Rabban Jochanan ben Sakkai
Elischa ben Avuja
Rabbi Meir
Berurja
End User License Agreement
Kapitel 6
Tabelle 6.1: Übersicht über die Talmudstruktur
Tabelle 6.2: Die Sedarim der Mischna
Kapitel 1
Abbildung 1.1: Eine Seite des Talmuds, die die Mischna, die Gemara
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Raschis Komm...
Kapitel 8
Abbildung 8.1: Der Autor Arthur Kurzweil (links) diskutiert mit Rabbi Adin Stein...
Cover
Titelblatt
Impressum
Widmung
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Fangen Sie an zu lesen
Anhang A: A1 Die 63 Bücher des Babylonischen Talmuds
Anhang B: B2 Ein Glossar des Who's Who im Talmud
Abbildungsverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Bonuskapitel: B1 Ehe und Scheidung
Bonuskapitel: B2 Mein Traum-Minjan der Weisen
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Vielleicht haben Sie jemanden sagen hören »Der Talmud sagt …«, und fragen sich, was der Talmud eigentlich ist. Der Talmud ist nicht so einfach zu definieren. Das Wort selbst bedeutet wörtlich »Lehre/Lernen«, aber der gleichnamige Text hat eine komplexere Bedeutung. Der beste Weg, ihn zu verstehen, wie ich in diesem Buch erkläre, besteht darin, sich mutig in ihn hineinzustürzen und sich darin umzusehen.
Stellen Sie sich das Studium des Talmuds wie Küssen vor. Sie können über Küssen lesen, Menschen beim Küssen beobachten und die Physiologie des Küssens verstehen. Aber wenn Sie mehr über das Küssen erfahren möchten, ist es am besten, selbst zu küssen!
Der Ausdruck »das Meer des Talmuds« wird seit vielen Jahrhunderten verwendet, um den Talmud zu beschreiben, und die Metapher eines Meeres ist wirklich treffend. Der Talmud ist wie ein Meer:
Er hat keinen echten Anfang. Springen Sie einfach irgendwo hinein.
Er ist tiefgründig und riesig. (Der Talmud basiert auf der Mischna, die aus 63 Büchern und 525 Kapiteln besteht. Er hat 2.711 doppelseitige Seiten und 1.860.131 Wörter.)
Es braucht einen erfahrenen Kapitän, um durch die Gewässer zu navigieren.
Er kann gefährlich sein: Sie könnten darin ertrinken.
Der Talmud stellt den Leser vor eine Reihe von Herausforderungen:
Er ist in einer Mischung aus Hebräisch und Aramäisch geschrieben.
Er enthält keine Vokale, nur Konsonanten.
Er enthält unglaublich komplexen Text.
Er springt oft ohne Vorwarnung von Thema zu Thema.
Er enthält viel Text, der für das moderne Leben irrelevant erscheinen mag.
Er führt viel mehr zu Fragen als zu Antworten.
Bereits jetzt entmutigt? Keine Sorge. Talmudübersetzungen in moderne Sprachen verwenden die übliche Zeichensetzung, und es gibt Kommentare, die Wort für Wort, Satz für Satz vorgehen und selbst absoluten Anfängern helfen, sich im Meer des Talmuds zurechtzufinden. Und ich bin hier, um Sie zu begleiten, während wir gemeinsam den Talmud erkunden.
Talmudgelehrte sagen, der Talmud sei in der Sprache des Denkens geschrieben. So wie unsere Gedanken fast gleichzeitig überall sein können, bewegt sich der Talmud durch Assoziation von Thema zu Thema.
Wer spirituelle Erleuchtung sucht, tut sich oft schwer mit dem Talmud. Warum? Weil der Talmud eine einzigartige Eigenschaft besitzt, die wohl kein anderer religiöser Text aufweist: Er verlangt vom Lernenden, ihm zu widersprechen! Ganz genau. Wer sich nicht mit dem Text auseinandersetzt, studiert ihn wahrscheinlich nicht richtig. Obwohl der Talmud ein heiliges Buch des jüdischen Volkes ist, ermutigt er dazu, ihn zu hinterfragen – nein, er verlangt es sogar.
Die Inuit, ein indigenes Volk aus der Arktis und Subarktis Nordamerikas, kennen viele Wörter für Schnee in allen Variationen. Obwohl die genaue Anzahl ihrer Wörter oft überschätzt wird, ist es verständlich, warum sie mehr Wörter für Schnee haben als beispielsweise Menschen in den Tropen. Erst durch den ständigen Kontakt mit einer Sache erkennt man, was für detaillierte Unterscheidungen benannt werden müssen.
Der Talmud kennt zwar nicht viele Wörter für Schnee, aber viele Fragen. Tatsächlich bauten die Weisen, die den Talmud erstmals niederschrieben, ihn auf Fragen auf. Wer beim Talmudstudium keine Fragen stellt, nimmt nicht aufmerksam am Talmudstudium teil. Der Talmudschüler muss akzeptierte Ansichten unermüdlich hinterfragen und überprüfen.
Der Talmud wurde ursprünglich vor über 2.000 Jahren zusammengestellt, dient jedoch als Aufbewahrungsort für jahrtausendealte jüdische Weisheit.
Ein weiterer einzigartiger Aspekt des Talmuds ist, dass er sowohl bekannte als auch fiktive Themen mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandelt. Mit anderen Worten: Um eine Idee zu testen, erfindet der Talmud oft eine unmögliche Situation, um die Auswirkungen der Idee zu verdeutlichen. Obwohl es beispielsweise zum Zeitpunkt der Entstehung des Talmuds noch keine Flugmaschinen gab, zögert der Talmud nicht zu fragen: »Was wäre, wenn wir eine Flugmaschine hätten? Was würde das bedeuten?«
Der Talmud ist voller Weisheiten zu fast jedem erdenklichen Thema. Doch der Talmudtext interessiert sich mehr für die Diskussionen, die zu den Weisheiten führen, als nur für deren Schlussfolgerung. Wenn ein jüdisches Kind von der Schule nach Hause kommt, lautet die passende Frage seiner Eltern nicht: »Was hast du heute gelernt?«, sondern: »Hast du heute eine gute Frage gestellt?«
Die Autoren und Verfasser des Talmuds hatten nie ein endgültiges, schriftliches Werk im Sinn, sondern vielmehr einen offenen Text, in dem ständig neue Fragen und Sichtweisen aufgeworfen werden. Talmudgelehrte betrachten es als große Leistung, wenn ein Talmudschüler einen Blickwinkel eröffnet, den zuvor niemand in Betracht gezogen hatte.
Der Talmud ist nach der Bibel der wichtigste spirituelle Text des Judentums. Wenn Schüler einen heiligen jüdischen Text studieren, ist es fast immer der Talmud. In Der Talmud für Dummies möchte ich Sie mit seinen wichtigsten Elementen vertraut machen.
Eines dieser Elemente sind die großen Weisen (weise Rabbiner), deren Gedanken, Ideen und Standpunkte im Talmud niedergeschrieben sind. Wahrscheinlich tausend verschiedene Persönlichkeiten sind im Talmud vertreten. Manche dieser Weisen erscheinen nur einmal im gesamten Text, andere hundertmal. Ich stelle Ihnen einige der wichtigsten Weisen vor, deren Weisheit in den Dialogen und Debatten des Talmuds dargelegt wird.
Leider hat der Talmud eine harte Geschichte hinter sich, ähnlich wie das jüdische Volk, das seit der Antike mit Antisemiten (Menschen, die Juden gegenüber feindlich gesinnt sind oder Vorurteile haben) zu kämpfen hat. Gruppen, die das jüdische Volk über Jahrhunderte hinweg vernichten wollten, griffen den Talmud an und verbrannten ihn, weil er für Juden ein so wichtiger Text ist.
Der Talmud wird auch wegen weitverbreiteter Missverständnisse über seinen Inhalt und seine Intentionen angegriffen. Wenn die Weisen über ein bestimmtes Thema debattieren, werden im Talmud alle Seiten der Debatte festgehalten, selbst die Standpunkte, die die Diskutierenden letztlich verwarfen. Wenn jemand aus dem Talmud zitiert, kann dieses Zitat eine Idee widerspiegeln, die der Gesamttext vehement ablehnt. Dennoch kann jemand sagen: »Der Talmud sagt …«, selbst wenn die Weisen im Talmud die zitierte Aussage verurteilen. Dieses aus dem Kontext gerissene Zitieren ist im Laufe der Geschichte oft vorgekommen und hatte verheerende Folgen.
Der Talmud hat eine faszinierende Geschichte, aber auch eine tragische Seite, da seine Gegner seinen Zweck manipuliert und verfälscht haben. In diesem Buch führe ich Sie durch einige der Höhepunkte und Tiefpunkte der Geschichte des Talmuds.
Man kommt nicht um die Tatsache herum, dass der Talmud schon immer so etwas wie ein Männerclub war. Die Persönlichkeiten des Talmuds sind zu 99 Prozent männlich, daher sind ihre Standpunkte, wenig überraschend, männlich geprägt. Zudem haben über die Jahrhunderte hinweg (größtenteils) nur Männer den Talmud studiert, sodass auch die Kommentare von Männern verfasst wurden. In Der Talmud für Dummies stelle ich mich dieser Tatsache direkt und beschreibe einige der Bemühungen unserer Generation, dies zu ändern.
Der Talmud behandelt in seinen Traktaten und unzähligen Kommentaren jedes erdenkliche Thema. Ich fordere Menschen oft auf, ein Thema zu nennen, und zeige ihnen dann, wo im Talmud sie eine entsprechende Diskussion dazu finden. Diese Herangehensweise habe ich nie abgelegt. Der Talmud umfasst Themen und Situationen, die nur durch die Vorstellungskraft begrenzt sind. In Der Talmud für Dummies untersuche ich eine Reihe von Themen aus dem Talmud, die hoffentlich Ihr Interesse wecken. Unter anderem gehören dazu Sex, Rechtliches, Ehe und Scheidung, Essen, Feiertage und Humor.
Um Ihnen die Navigation in dieser Einführung in das Talmudmeer zu erleichtern, verwende ich die folgenden Konventionen:
Definitionen:
Ich definiere jeden hebräischen Begriff bei der ersten Verwendung. Die Aussprache der Wörter im Hebräischen, wie sie heute definiert ist, unterscheidet sich durchaus von der Aussprache in vielen Gemeinden. Aschkenasische (ursprünglich aus Mitteleuropa kommende) Juden sprechen viele Worte anders aus, als es im heutigen Hebräisch üblich ist, das von der sephardischen Tradition geprägt ist und etwa in Israel gesprochen wird.
Daten:
Wenn ich ein Datum angebe, verwende ich die säkularen Abkürzungen »u. Z.« (»unserer Zeitrechnung«) statt »n. Chr.« (»nach Christus«) und »v. u. Z.« (»vor unserer Zeitrechnung«) statt »v. Chr.« (»vor Christus«). Die Jahreszahlen sind gleich, das heißt, »500 u. Z.« ist dasselbe wie »500 n. Chr.«.
Während ich dieses Buch geschrieben habe, musste ich einige Annahmen über die Leser treffen. Wenn eine dieser Annahmen auf Sie zutrifft, ist dieses Buch genau das Richtige für Sie:
Sie fühlen sich als jüdischer Mensch ziemlich gebildet, haben aber nie wirklich verstanden, worum es im Talmud geht.
Sie haben vom Talmud gehört, wissen aber nicht, was das ist.
Sie haben gehört, dass das Wort
talmudisch
mit negativer Konnotation verwendet wird und extrem komplexe oder haarspalterische Argumente impliziert.
Sie wissen nichts über den Talmud oder sind sich einiger weitverbreiteter Missverständnisse über den Talmud bewusst, die Sie aufklären möchten.
Sie haben im Internet Anschuldigungen gelesen, der Talmud richte sich irgendwie gegen Nichtjuden.
Sie haben einige schreckliche Zitate gelesen, die angeblich aus dem Talmud stammen, und möchten die Wahrheit wissen.
Sie möchten etwas über den Talmud erfahren, sich aber nicht durch ein akademisches Buch darüber quälen. Stattdessen wünschen Sie sich eine freundliche, informelle, aber dennoch präzise Behandlung des Themas.
Sie kennen einige Leute, die den Talmud studieren, und Sie möchten es auch versuchen.
Sie müssen dieses Buch nicht von Anfang bis Ende lesen, es spricht jedoch nichts dagegen. Betrachten Sie es als Ihren Leitfaden zum Verständnis des Talmuds. Sie können direkt zu den Themen springen, die Sie am meisten interessieren, beispielsweise wie Debatten zwischen Weisen das jüdische Recht prägten oder wie eine talmudische Diskussion aufgebaut ist, oder Sie können es Kapitel für Kapitel lesen, um Ihr Wissen Schritt für Schritt zu erweitern.
Halten Sie Ausschau nach einigen speziellen Symbolen, die Ihnen bei der Navigation im Buch helfen:
Suchen Sie nach diesem Symbol, um schnell praktische Erkenntnisse zu gewinnen, die Ihnen helfen können, das Talmudstudium verständlich zu gestalten.
Dieses Symbol hebt wichtige Konzepte und Ideen hervor, die Sie kennen müssen, um den Text des Talmuds richtig zu verstehen.
Dieses Symbol kennzeichnet ausführlichere Diskussionen oder Hintergrundinformationen, wenn Sie tiefer in die Materie einsteigen möchten. Sie sind jedoch nicht verpflichtet, diese Absätze zu lesen.
Häufige Missverständnisse oder knifflige Konzepte, die zu Verwirrung führen können, werden mit diesem Symbol gekennzeichnet.
Sie könnten einen Talmud von Steinsaltz (Koren Publishers) kaufen. Von den 42 verfügbaren Bänden empfehle ich Ihnen, mit Band 1: Berakhot (Aussprache; Segenssprüche) zu beginnen. Krempeln Sie die Ärmel hoch, und arbeiten Sie sich langsam vor. Nutzen Sie alle Kommentare von Rabbi Adin Steinsaltz. Sie können auch Essential Talmud (Basic Books) von Rabbi Steinsaltz lesen. Es ist kein leichtes Buch, aber es lohnt sich. Ich empfehle zusätzliche Lektüre in Kapitel 17.
Leider gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher zum Talmud. Eine komplette deutsche Übersetzung des Talmuds bietet Lazarus Goldschmidt. Sie ist heute auch mehrfach online verfügbar.
Informieren Sie sich darüber, ob es in Ihrer Synagoge einen Talmudkurs gibt. Sie können sich auch YouTube-Videos zum Talmud ansehen, um sich mit den Grundgedanken dieses wichtigen jüdischen Textes vertraut zu machen.
Teil I
IN DIESEM TEIL …
Entdecken Sie, was der Talmud ist und warum er im jüdischen Denken eine so zentrale Stellung einnimmt.Verfolgen Sie die faszinierende Geschichte der Zusammenstellung, Bewahrung und Erforschung des Talmuds.Erfahren Sie, wie sich die Menschen heute mit dem Talmud auseinandersetzen und warum er weiterhin relevant ist.Erkunden Sie historische Angriffe auf den Talmud und die Bemühungen, ihn zu unterdrücken.Machen Sie sich mit den wesentlichen Rechtsbegriffen vertraut, die in talmudischen Diskussionen verwendet werden.Kapitel 1
IN DIESEM KAPITEL
Die Definition des Talmuds und seine Bedeutung kennenlernenAuf einer Seite des Talmuds navigierenDie Themen verstehen, die im Talmud behandelt werdenDie Rabbiner kennenlernen – und wo sind die Frauen?Sich auf das Studium des Talmuds vorbereitenDer Talmud ist anders als jedes andere Buch, das Sie je gelesen haben. Tatsächlich ist der Talmud kein einzelnes Buch; er besteht aus einer Reihe von Büchern! Man schlägt den Talmud nicht einfach am Anfang auf und liest ihn von vorne nach hinten. Wenn ich Ihnen den Talmud beschreibe, bekommen Sie vielleicht ein Gefühl für seine einzigartige Struktur. (Das Wort Talmud bedeutet »Studium« oder »Lehre/Lernen«.)
In diesem Kapitel gebe ich Ihnen einen groben Überblick über den Talmud und verweise darauf, wo Sie im Rest des Buches alles im Detail nachlesen können.
Kurz gesagt: Der Talmud ist das Herzstück jüdischen Wissens – ein weitläufiger, vielschichtiger Dialog, der sich seit mehreren Tausend Jahren entfaltet. Er ist eine Sammlung von Lehren, Debatten und Geschichten, die sich auf jüdisches Recht und Ethik konzentrieren und dabei nahezu jeden Aspekt des menschlichen Lebens berühren. Kernstück sind die Mischna, eine prägnante Zusammenstellung von Rechtsgrundsätzen, und die Gemara, ein umfassender Kommentar und eine Auseinandersetzung mit diesen Grundsätzen, verfasst im lebendigen und kritischen Geist der alten jüdischen Gelehrten. Zusammen schaffen diese Texte einen generationenübergreifenden Dialog, der die Leser nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Mitmachen, Hinterfragen und Mitwirken einlädt. Der Talmud ist weit davon entfernt, ein trockener Rechtskodex zu sein. Er ist dynamisch, regt zum Nachdenken an und ist zutiefst menschlich – ein lebendiges Zeugnis für die Kraft des Studiums und des Strebens nach Weisheit.
Wenn Ihnen diese Thematik zu kompliziert erscheint, keine Sorge: Der Talmud mag auf den ersten Blick einschüchternd wirken, aber er ist eines der faszinierendsten und bereicherndsten Werke, die Sie jemals lesen werden. Jahrhundertelang war er ein Eckpfeiler jüdischen Denkens und prägte nicht nur religiöse Praktiken, sondern auch die Lebenseinstellung.
Der Talmud ist für mich eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Er hat mich auf eine Weise herausgefordert, inspiriert und geleitet, die ich mir nie hätte vorstellen können. Und für das jüdische Volk als Ganzes ist er ein Schatz – ein fortwährender Dialog, der Jahrtausende umspannt. Deshalb schreibe ich dieses Buch: um mehr Menschen zu helfen, die zeitlose Weisheit und die bemerkenswerte Struktur des Talmuds zu verstehen und zu schätzen. Ob Sie neugierig, skeptisch oder einfach nur wissbegierig sind – ich freue mich, Sie auf dieser Reise in den Talmud begleiten zu dürfen.
Viele Menschen, die den Talmud nicht gut kennen, halten ihn für das Gesetzbuch des Judentums, doch das wäre eine Vereinfachung. Eine der prägnantesten Beschreibungen des Talmuds, die ich kenne, stammt von Rabbi Adin Steinsaltz, der 2020 im Alter von 83 Jahren starb und von vielen als der größte Talmudgelehrte des letzten Jahrhunderts betrachtet wird – wenn nicht der letzten 1.000 Jahre. (Ich war über 35 Jahre lang sein Privatschüler und habe ein Buch über ihn mit dem Titel On the Road with Rabbi Steinsaltz [Jossey-Bass, Inc.] geschrieben.)
Rabbi Steinsaltz schrieb einmal: »Wenn die Bibel der Grundstein des Judentums ist, dann ist der Talmud die zentrale Säule, die aus den Fundamenten emporragt und das gesamte spirituelle und intellektuelle Gebäude trägt.« Er nannte den Talmud das wichtigste Buch der jüdischen Kultur und beschrieb ihn als eine Sammlung jahrtausendealter jüdischer Weisheit. Er schrieb: »(Der Talmud) ist ein Konglomerat aus Recht, Legende und Philosophie, eine Mischung aus einzigartiger Logik und klugem Pragmatismus, aus Geschichte und Wissenschaft, Anekdoten und Humor.«
Mit der »Bibel« meint Rabbi Steinsaltz die »heiligen Schriften« des Judentums: die fünf Bücher Mose, die Propheten und die Schriften. Christen bezeichnen dies als das »Alte Testament«.
Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, dass der Talmud, ein so ernst wirkender und wichtiger Text, als voller Anekdoten und Humor beschrieben wird. Aber ich versichere Ihnen, der Talmud ist voller humorvoller Geschichten.
Der Talmud war Ziel von Antisemitismus (Vorurteilen und Hass gegen Juden), worauf ich in Kapitel 4 eingehe. Der Talmud wurde von Antisemiten verleumdet, geschmäht und verbrannt, obwohl sie nicht das Geringste über den Talmud wussten, was er ist und wie er funktioniert. Päpste, Nazis und Juden, die sich von der Religion abwandten, waren im Laufe der Jahrhunderte an der Verbrennung und Vernichtung von Talmudbänden beteiligt.
Die jüdische Tradition lehrt, dass Gott Mose, als er ihm die geschriebene Thora (auch bekannt als die fünf Bücher Mose) gab, auch mündlich eine detaillierte Erklärung gab, wie er deren Lehren im Leben anwenden soll.
Die Geschichte des Talmuds und seine Entwicklung von der mündlichen Überlieferung zum gedruckten Text bespreche ich ausführlich in Kapitel 2.
Der Talmud war nie als abgeschlossenes Dokument gedacht. Täglich fügen einzelne Schüler dem Talmud in Form ihrer eigenen Randnotizen neue Kommentare und Erkenntnisse hinzu. Noch wichtiger ist, dass in unserer Zeit immer wieder neue Talmudausgaben mit neuen zeitgenössischen Kommentaren erscheinen. Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist der Steinsaltz-Talmud, auch als Koren Talmud Bavli bezeichnet (siehe Kapitel 17). Rabbi Adin Steinsaltz veröffentlichte eine Talmudausgabe mit eigenen Kommentaren, um dem modernen Schüler das Verständnis des Textes und die Teilnahme an den Diskussionen zu erleichtern.
Rabbi Steinsaltz beschrieb den Talmud als das »Abbild eines Brunnens«, das einen einzigen Moment einfängt. Im besten Fall inspiriert der Talmud den Schüler, sich an der Diskussion zu beteiligen und einen aktiven Dialog mit den Rabbinern und Weisen zu führen, deren Lehren im Talmud festgehalten sind. Jüdische Gelehrte erlauben und ermutigen den Talmudschüler sogar, einen Text zu hinterfragen und weitere Erklärungen und sogar Begründungen zu verlangen. Man liest den Talmud nicht passiv.
Wenn Sie zum ersten Mal eine Seite des Talmuds aufschlagen, bemerken Sie wahrscheinlich, dass er nicht wie die Ihnen bekannten Bücher aussieht. Abbildung 1.1 zeigt ein Beispiel für eine Seite (über den Aufbau des Talmuds spreche ich in Kapitel 6). In der Mitte jeder Seite erscheint ein Teil von zwei Büchern. Das eine heißt Mischna, das andere Gemara. Die Mischna ist auf Hebräisch verfasst, die Gemara oft auf Aramäisch (der Sprache, die die Menschen in Israel vor 2.000 Jahren sprachen). Das Wort Mischna bedeutet »Wiederholung/wiederholtes Lernen/Anweisung«. Das Wort Gemara bedeutet »beenden« oder »abschließen«.
Die Mischna enthält die Gesetze der mündlichen Thora. Doch wie in jedem Gesetzbuch müssen viele Elemente erklärt werden. Was bedeuten bestimmte Wörter? Genauer gesagt: Wie befolgt oder versteht man diese Gesetze? Hier kommt die Gemara ins Spiel. Die Gemara (die fast immer länger ist als die dazugehörige Mischna) erläutert die Gesetze dieser Mischna. Und ganz nebenbei enthält sie auch jahrtausendealte jüdische Weisheit. Zusammengefasst ergibt die Gemara ein Buch, genauer gesagt ein Buch mit dem Umfang vieler Bücher.
Eine Gemara ist fast immer länger als ihre Mischna, die normalerweise recht kurz ist. Die Gemara kann mehrere Seiten umfassen, bevor eine neue Mischna erscheint. Zusammen formen die Mischna und die Gemara den Talmud. Mit einigen Ausnahmen enthält der Talmud im Allgemeinen jeweils eine Mischna und ihre Gemara, eine weitere Mischna und eine weitere Gemara auf einer Seite, und das über sehr viele der insgesamt 63 Bände der Mischna.
Abbildung 1.1: Eine Seite des Talmuds, die die Mischna, die Gemara, Raschis Kommentar und die Tosafot umfasst
So wie die Mischna den Kommentar der Gemara braucht, um verständlich zu sein, braucht die Gemara einen Kommentar, der ihre Erklärungen liefert. Ein Rabbi namens Raschi, geboren 1040 u. Z., verfasste einen dieser Kommentare. Raschis Kommentar erscheint auf fast jeder Seite des Talmuds und versucht, die Gemara zu erläutern. Doch viele von Raschis Kommentaren benötigten ebenfalls Erklärungen und oft Einwände und Klarstellungen, und dieser Teil einer Seite im Talmud wird Tosafot (Ergänzung) genannt und schließt Raschis Enkel mit ein. (Weitere Informationen zu Raschi finden Sie in Kapitel 2.)
Kurz gesagt: Die Mischna braucht die Gemara, die Gemara Raschis Kommentar und Raschis Kommentar die Tosafot. Diese Elemente erscheinen in allen Bänden des Talmud, Seite für Seite, und zusätzliche Kommentare und Verweise bedeutender Gelehrter aus den Jahrhunderten umgeben den Talmudtext auf jeder Seite, um dem Leser zu helfen, seine Bedeutung und Absicht zu verstehen. Auf jeder Seite erscheinen fünf Elemente, sodass Sie beim Betrachten einer einzigen Seite fünf verschiedene Texte gleichzeitig sehen. Der Talmud ist im Wesentlichen eine schriftliche Aufzeichnung von Diskussionen und Debatten von mindestens 1.000 Rabbinern.
Ist Ihnen schon schwindelig? Lassen Sie es langsam angehen. Es lohnt sich. Da es sich um ein einzigartiges Dokument handelt, ist die Struktur des Talmuds nicht ganz leicht zu erfassen.
Stellen wir uns vor, die Mischna stellt das Gesetz auf, dass Zigaretten gesundheitsschädlich sind. Dann könnte die Gemara fragen: »Was ist eine Zigarette?« Jemand würde versuchen, zu definieren, was eine Zigarette ist. Ein anderer würde sagen: »Das klingt eher nach einer Zigarre.«
Anschließend kommt es zu einer Diskussion, bei der mehrere Rabbiner jeweils den Unterschied zwischen einer Zigarette und einer Zigarre erörtern. Nach einer Weile fragt jemand: »Was versteht die Mischna unter Gesundheit? Geistige Gesundheit, körperliche Gesundheit?«
Dann wird jemand sagen: »Rabbi Soundso hat 90 Jahre lang Zigaretten geraucht.« Jemand wird dann eine Geschichte über denselben Rabbi erzählen, die wenig bis gar nichts mit Zigaretten zu tun hat.
In der Zwischenzeit wird Raschi behaupten, dass in der Mischna das Wort »Zigarette« alles bezeichnet, was man raucht. Einer von Raschis Enkeln wird dann darauf bestehen, dass dort »Zigarette« steht und es auch »Zigarette« bedeutet.
Die Aufgabe des Talmudschülers besteht darin, die verschiedenen Standpunkte zu klären und sich an der Diskussion zu beteiligen.
Verstehen Sie, was ich meine?
Bevor man den Talmud öffnet, um nachzuschauen, was er enthält, muss man wissen, wie man mit einem Talmudband umgeht und wie sich ein Talmudschüler verhalten muss. Der Talmud ist nicht einfach nur ein Buch, das man einfach zur Hand nimmt oder irgendwo ablegt. Es ist beispielsweise nicht ungewöhnlich, dass ein Talmudschüler einen Band in die Hand nimmt oder aus dem Regal holt und ihn vor dem Öffnen als Zeichen des Respekts und der Ehrerbietung sanft küsst. Bevor sie mit dem Studium beginnen, sprechen die Schüler einen Danksegen. Jeder bemüht sich sehr, sicherzustellen, dass kein Talmudband jemals auf den Boden fällt. Zur Vorbereitung auf das Talmudstudium waschen sich die Studenten oft die Hände, nicht einfach nur mit Wasser und Seife, sondern ritualisiert, wie es die jüdische Tradition vorschreibt und im Schulchan Aruch beschrieben ist, dem Kodex des jüdischen Gesetzes. Es ist fast wie eine Händetaufe, eine spirituelle Reinigung. Es gibt keine deutsche Übersetzung des Kodex des jüdischen Gesetzes, aber es gibt auch in deutscher Übersetzung eine gekürzte Fassung, den Kitzur Schulchan Aruch (abgekürzt Schulchan Aruch), in dem das Ritual des Händewaschens erklärt wird.
Die großen Weisen der Vergangenheit empfahlen Talmudschülern, sich täglich Zeit zum Lernen zu nehmen. Wie beim Training im Fitnessstudio sind 15 Minuten Lernen täglich besser als fünf Stunden Lernen einmal im Monat. Es ist die regelmäßige, kontinuierliche Übung, die Ihnen wirklich etwas bringt. Die großen jüdischen Weisen empfehlen regelmäßiges Lernen als Teil der täglichen Routine. Sie empfehlen auch, sich regelmäßige Lernpartner zu suchen, die man Chavrusa oder Chavruta nennt. Ein solches Vorgehen hält einen Schüler nicht nur auf Kurs. Es verhindert auch, dass man sich selbst nur allzu schnell vormacht, zu verstehen, was man lernt. Die Perspektive eines anderen wird das eigene Textverständnis auf die Probe stellen.
Der Talmud enthält in seiner Fülle Diskussionen zu nahezu jedem Thema – und darüber hinaus! Und der Talmud selbst betont, dass die besten Themen diejenigen sind, die man studieren möchte. Wenn Sie sich beispielsweise für Kindererziehung interessieren, suchen Sie im Talmud nach Texten zum Thema Kindererziehung. Der Talmud behandelt beispielsweise Landwirtschaft, Traumdeutung, Etikette, Theologie, Glauben, Mathematik, Toilettenverhalten, Fettleibigkeit, Astronomie, Medizin und medizinische Beratung, Heilmittel, Folklore, Wissenschaft, Ketzerei, menschliche Gewohnheiten, ethische Probleme, Sexualleben, Astronomie, Astrologie und Wirtschaftsethik.
Wenn Sie die menschliche Sexualität studieren möchten, können Sie auch zu diesem Thema jede Menge Material finden (eine eingehendere Untersuchung dieses Themas im Talmud finden Sie in Kapitel 13). Sie können im Talmud auf verschiedene Weise nach Thementexten suchen. In Kapitel 17 mache ich Ihnen einige Vorschläge, wie Sie das Gesuchte finden.
In diesem Buch biete ich mehrere Kapitel zu spezifischen Themen an. Ich habe den Talmud gründlich studiert und nach Texten gesucht, die sich mit diesen allgemeinen Thema befassen. Viele Talmudschüler und -gelehrte betreiben diese Art der Forschung. Während viele Talmudschüler Seite für Seite studieren, möchten andere die Standpunkte der Rabbiner zu bestimmten Themen herausfinden, und so führen ihre Recherchen sie durch den gesamten Talmud.
In Talmud für Dummies bespreche ich Themen, die ich aufgrund meiner eigenen Interessen ausgewählt habe, und Themen, die meiner Meinung nach von allgemeinem Interesse sind. Zu diesen Themen gehören Ehe und Scheidung (Kapitel 12), jüdische Feiertage (Kapitel 10), das jüdische Gerichtssystem (Kapitel 14), menschliche Sexualität (Kapitel 13), Essen (Kapitel 11) und Beten (Kapitel 11).
Da der Talmud im strengen Sinn keinen ersten Band hat, können Sie praktisch überall einsteigen. Beginnen Sie mit einer Mischna, und versuchen Sie, sie zu verstehen. Die Steinsaltz-Ausgabe (über die ich in Kapitel 17 spreche) hilft Ihnen dabei. Beginnen Sie dann mit dem Studium der Gemara, die unmittelbar auf die Mischna folgt, und arbeiten Sie sie Wort für Wort, Satz für Satz und Absatz für Absatz durch.
Ein Kommentar wie der in der Steinsaltz-Ausgabe hilft Ihnen nicht nur, den Text zu verstehen, den Sie gerade lesen. Ich schlage vor, Sie beginnen mit einem dieser Masechtot (Traktate; eine Gliederungseinheit innerhalb des Talmuds, die ein bestimmtes Thema untersucht):
Berachot
(Segen): Über Gebete und Segen
Pesachim
: Über das Pessachfest
Bava Metzia
(Das Mittlere Tor): Über Kaufen und Verkaufen, Fundsachen und andere bodenständige Themen
Die Masechtot in der vorhergehenden Liste sind weit weniger technisch als viele andere Abschnitte des Talmud.
Beim Studium des Talmuds ist es wichtig zu wissen, wer was gesagt hat, denn wer einen bestimmten Standpunkt oder eine bestimmte Handlung vertrat, beeinflusst das Verständnis des Gesagten. (Wenn beispielsweise ein armer Mann einen Euro spendet, ist das bedeutsamer, als wenn ein Millionär einen Euro spendet.) Auch die »Zuschreibung« ist ein wichtiges Prinzip im Talmud. Mit anderen Worten: Leisten Sie Anerkennung, wem Anerkennung gebührt. Zu wissen, wer was gesagt hat, gibt auch tiefere Einblicke in das Gesagte. In Kapitel 7 und im zweiten Bonuskapitel hinten im Buch stelle ich Ihnen viele Rabbiner und andere Persönlichkeiten des Talmuds vor. Wichtig ist jedoch, dass die Rabbiner im Talmud Menschen sind, keine künstlichen Heiligen. Das Judentum geht davon aus, dass selbst die größten Rabbiner nur Menschen sind. Sie machen Fehler und können falsche Meinungen äußern. Juden machen keine Menschen zu Göttern. Bleiben Sie unvoreingenommen.
Einige der im Talmud beschriebenen Rabbiner verfügen über große Autorität und einen hervorragenden Ruf. Daher interpretiert man eine Bemerkung ihnen ganz anders als beispielsweise die Aussage eines Ketzers. Grundsätzlich lehrt der Talmud, dass der Weise derjenige ist, der von jedem lernt.
Worte eines Rabbiners, die im Talmud nur ein- oder zweimal in den gesamten 63 Bänden zitiert werden, könnten eine tiefgreifende Lehre enthalten. Mit der Zeit lernt man als Talmudschüler viele der im Text zitierten oder beschriebenen Rabbiner kennen und entwickelt seine Favoriten. Zwei meiner Favoriten sind Rabbi Akiva und Nachum isch Gamzu (Einzelheiten zu diesen beiden und anderen Weisen finden Sie in Kapitel 7).
Einige meiner Lieblingszitate sind dazu geworden, weil sie mein Denken herausfordern. Sowohl Rabbi Akiva als auch Nachum isch Gamzu werden im Talmud mit der im Wesentlichen gleichen Aussage zitiert: »Auch dies ist zum Guten.« Dies spiegelt eine theologische Haltung wider, die davon ausgeht, dass alles, was der Allmächtige uns widerfahren lässt, letztlich zum Guten ist. Nachum isch Gamzu sagte immer: »Auch das ist gut«, während Rabbi Akiva sagte: »Alles, was der Barmherzige tut, tut er gut.« Diese Vorstellung erscheint unerhört. Ist das Leiden eines unschuldigen Kindes gut? War der Holocaust gut?
Erstens sagt man nie zu jemand anderem: »Alles ist zum Guten«, sondern immer nur zu sich selbst. Diese Haltung ist zudem wahrscheinlich die schwierigste Lebenseinstellung im gesamten Judentum und anderen Religionen. Glaube ich wirklich, dass alles zum Besten ist? Mein rationaler Verstand lässt eine solche Lebenseinstellung nicht zu. Aber ich schätze die Lehren dieser beiden Weisen, weil sie mich spirituell herausfordern. Könnte es sein, dass auf unerklärliche Weise alles zum Guten führt? Ich kann nicht leugnen, dass diese beiden großen Weisen des Talmuds diese Haltung vertreten. Und ich wäre unehrlich, wenn ich nicht gestehen würde, dass ich selbst angesichts von Widrigkeiten nach unerschütterlichem Glauben und Optimismus strebe.
In Kapitel 8 mache ich keinen Hehl daraus: Eine Entschuldigung – und mehr – ist hinsichtlich der Vertretung der Frauen im Talmud notwendig. Nur wenige Frauen werden im Text zitiert, und im Laufe der Geschichte haben nur wenige Frauen den Talmud studiert. Die gute Nachricht ist: In unserer Generation studieren mehr Frauen denn je den Talmud. Und ich gehe davon aus, dass seriöse jüdische Verlage mit der Zeit Talmudkommentare veröffentlichen werden, die von Frauen verfasst wurden.
Ich bin nicht der Erste, der behauptet, dass viele der behandelten Themen im Talmud ganz anders behandelt würden, wenn Frauen über die Jahrhunderte hinweg am Talmudstudium mitgewirkt hätten. Ich behaupte nicht, dass der Talmud immer eine weibliche Stimme enthalten würde. Natürlich ist jeder Mensch einzigartig. Aber ich behaupte, dass die Stimmen von Frauen im Text und in den Kommentaren des Talmuds diesen zu einem ganz anderen Dokument machen würden. Kapitel 8 befasst sich ausführlicher mit dem wichtigen Thema der Rolle der Frauen (und dem Fehlen derselben) im Talmud.
Eine der Komplexitäten des Talmuds besteht darin, dass er, obwohl seine Bände nach Themen geordnet sind (im Anhang finden Sie eine Liste aller 63 Traktate der Mischna), ständig frei assoziiert. Wie Gespräche im wirklichen Leben springen talmudische Diskussionen von Thema zu Thema und kehren manchmal zum ursprünglichen Thema zurück, manchmal nicht. Natürlich können zwei Themen scheinbar zwei verschiedene Aspekte behandeln, obwohl es im Kern um dasselbe geht. Der Talmud zitiert oft einen bestimmten Rabbiner zu einem bestimmten Thema, gefolgt von »Apropos Rabbi Soundso, er sagte auch …«, und wechselt dann zu einem völlig anderen Thema.
Bedenken Sie auch, dass Sie den Talmud am besten studieren, indem Sie den Text aufbrechen und die darin enthaltenen ewigen Ideen entdecken.
So beschäftigt sich beispielsweise eine längere Passage im Talmud mit Bräuten und ihrem Aussehen. Man könnte diese Passage leicht als sexistisch abtun. Schließlich geht es im Text nicht um das Aussehen von Bräutigamen! Doch wenn man den Text aufschlüsselt und versucht, die darin verborgene Botschaft zu erkennen, stellt man fest, dass es hier eigentlich um die Erlaubnis von Notlügen geht. (Ich gehe ausführlicher auf die Diskussion über das Schmeicheln gegenüber Bräuten im Bonuskapitel über Ehe und Scheidung ein.)
Statt die Diskussion rundweg abzulehnen, kann der Text ein Ausgangspunkt für eine tiefere Diskussion darüber sein, wann man guten Gewissens lügen kann. Ich würde zum Beispiel meine Großmutter nicht im Krankenhaus besuchen und sagen: »Oma, du siehst heute sehr viel schlechter aus als gestern.« Obwohl die Thora lehrt, die Wahrheit zu sagen, ist manchmal eine Notlüge gerade dann angebracht, wenn man die Gefühle anderer nicht verletzen will.
Wenn Sie anfangen, den Talmud zu erforschen, bleiben Sie dran. Sie finden auf jeder Seite Wissen und Inspiration. Weisheiten tauchen im Talmud oft auf, wenn man es am wenigsten erwartet. Und wenn Sie ein Buch oder einen Aufsatz lesen, der den Talmud zitiert und eine Seitenzahl aus dem Talmud angibt, sollten Sie vielleicht zu dieser Seite gehen und dort weiterlesen. Manchmal verliere ich mich in einer Reihe von Verweisen auf verschiedene Traktate des Talmuds und beginne, ein ganz anderes Thema zu erforschen. Ich springe ins »Meer des Talmud« und beginne zu schwimmen.
Auch Sie können im Meer des Talmuds schwimmen.
Kapitel 2
IN DIESEM KAPITEL
Raschi kennenlernen, den großen KommentatorDie Gruppe treffen, deren Kommentare Raschi folgtenSchlüsselmomente der jüdischen Geschichte betrachtenDie Entwicklung des Talmuds beobachtenDie Geschichte des Talmuds (von Hebräisch lamad: studieren/lernen) ist eng mit der Geschichte des Judentums verwoben, da der Talmud die Überlieferung und Entwicklung jüdischen Denkens von der Antike bis in die Gegenwart darstellt. Vor dem Talmud war das Judentum vor allem geprägt durch die schriftliche Thora (auch bekannt als die fünf Bücher Mose) und die mündliche Thora, eine begleitende Sammlung von Interpretationen und Praktiken, die mündlich überliefert wurde.
Juden stützten sich auf diese Lehren, um die Gesetze der Thora im Alltag anzuwenden. Ohne eine formelle Aufzeichnung riskierten sie jedoch, diese Lehren im Laufe der Zeit zu verlieren oder zu vergessen. Daher wurde die mündliche Thora irgendwann schriftlich festgehalten. Ohne Kommentare kann es schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein, die Thora vollständig zu verstehen. Betrachten wir zum Beispiel den allerersten Satz der schriftlichen Thora: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Für das allererste Wort im Hebräischen, Bereschit, gibt es tatsächlich mehr als eine Interpretation. Es könnte bedeuten:
»Am Anfang« (Am Anfang schuf Gott)
»Am Anfang von« (Am Anfang der Schöpfung Gottes)
»(Gott schuf) den Anfang«
»Mit dem Anfang« (das »Be« in
Bereschit
kann auch »mit« bedeuten. Das heißt dann: »mit
Reschit
«: »Gott schuf mit Weisheit.« Im Buch der Psalmen, Psalm 111:10, bezieht sich das Wort
Reschit
auf Weisheit. Dies wiederum bezieht sich auf die Thora. Die Rabbinen meinen, die Thora wäre Gottes Bauplan gewesen, und in einer Aussage in einem mystischen jüdischen Text, dem
Sohar,
heißt es: »Gott schaute in die Thora und schuf die Welt.«)
Oder es könnte sich sogar um eine Zusammenziehung zweier Wörter handeln,
bara
(erschaffen) und
schesch
(sechs), die sich auf die sechs Dimensionen des Seins bezieht: oben, unten, rechts (Süden), links (Norden), vorne (Osten), hinten (Westen).
Und das ist nur das erste Wort! Damit die Kinder Israels die geschriebene Thora verstehen und begreifen konnten, brauchten sie Hilfe.
Dieses Kapitel befasst sich eingehend mit der Geschichte des Talmuds und beginnt mit den wesentlichen Beiträgen Raschis, eines seiner einflussreichsten Kommentatoren, dessen Werk alte Traditionen mit zukünftigen Generationen verbindet. Darüber hinaus präsentiere ich eine komprimierte Erläuterung wichtiger Ereignisse in der Geschichte des Judentums und damit auch des Talmuds.
Die Geschichte des Talmuds beginnt am Berg Sinai, als der Überlieferung nach Gott Moses die schriftliche Thora diktierte. Gleichzeitig gab Gott Moses auch die mündliche Thora. Die schriftliche Fassung der mündlichen Thora finden wir in der Mischna und schließlich im Talmud.
Vergleichen Sie die Situation mit der Verfassung in verschiedenen Ländern und den Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Der Gerichtshof interpretiert die Worte der Verfassung und zeigt, wie sie auf die Realität angewendet werden können.
Wer den Talmud studieren möchte, sollte sich mit Raschi (1040–1105 u. Z.) vertraut machen. Der Name »RASCHI« ist eigentlich ein Akronym für seinen vollständigen Namen: RAbbi SCHlomo Itzchaki. Die Kurzform ist einfacher auszusprechen und zu schreiben. (Weitere Abkürzungen in der jüdischen Kultur finden Sie im Einschub »Wichtige Rabbinen der Geschichte, bekannt unter Akronymen« in diesem Kapitel.)
In der Standardausgabe des Talmuds ist Raschis Kommentar seit dem 16. Jahrhundert auf jeder Seite zu finden. Raschis Talmudkommentar spiegelt seine Fähigkeit wider, komplexe Sachverhalte in einfacher, klarer und prägnanter Sprache zu erklären. Sein Kommentar machte das Talmudstudium deutlich zugänglicher und erreichte viele Menschen. Neben seinem Talmudkommentar verfasste Raschi auch einen bekannten Kommentar zur Thora.
Das Wort Kommentator bezeichnet in diesem Zusammenhang einfach jemanden, der hilft, die Bedeutung des Textes zu erklären. Wenn Raschi meint, dass der Leser eine Erklärung benötigt, gibt er einen Kommentar ab. Im Talmudunterricht fragt der Lehrer oft: »Was meint Raschi?« Diese Frage bezieht sich auf einen Kommentar von Raschi, der eine Erklärung zum Talmudtext liefert.
Raschi wurde 1040 in Troyes, Frankreich, geboren. Sein Vater, Jitzchak (Isaak), war ein bedeutender Rabbi und Winzer; Raschi arbeitete ebenfalls als Winzer.
Nach jüdischem Brauch beginnt man mit fünf Jahren mit dem Studium der Thora. Die Legende besagt, dass Raschi bereits in diesem jungen Alter erste Anzeichen großer Gelehrsamkeit zeigte. Als Teenager verließ Raschi sein Zuhause, um an Deutschlands berühmten Jeschiwas (jüdische Schulen) in Mainz und Worms zu studieren.
Einer der berühmtesten Rabbinen der jüdischen Geschichte war Rabbenu Gerschom (»unser Lehrer Gerschom«, auch bekannt als »das Licht des Exils«). Zwei seiner Schüler, Rabbi Jitzchak ben Jehuda und Rabbi Jaakov ben Jakar, waren Raschis wichtigste Lehrer.
Nach achtjährigem Studium in Deutschland kehrte Raschi nach Troyes zurück. Mit etwa 25 Jahren wurde er zum Rabbi der Gemeinde ernannt. Mit etwa 30 Jahren gründete er in Troyes seine eigene Jeschiwa. Die besten Studenten aus ganz Europa kamen zum Studium dorthin, und Raschi wurde als hervorragender Lehrer und Autorität des jüdischen Rechts bekannt. Seine Arbeit brachte ihm den Titel »Rabban Schel Jisrael« ein, der Lehrer des jüdischen Volkes.
Raschi war der Oberrabbiner von Troyes, erhielt jedoch kein Gehalt für seine Arbeit. Vielmehr sicherte ihm seine Tätigkeit als Winzer und Weinhändler seinen Lebensunterhalt. Seine Kenntnisse der Weinherstellung tauchen gelegentlich in seinen Talmudkommentaren auf. Raschi starb 1105 im Alter von 65 Jahren.
Wenn Sie Hebräisch können, werden Sie feststellen, dass Raschis Kommentare oft nicht wie das gewohnte Hebräisch aussehen. Die Schriftart von Raschis Kommentaren und Hebräisch weisen zwar einige Ähnlichkeiten auf, aber wer Hebräisch lesen kann, kann nicht unbedingt auch Raschis Kommentare lesen.
