Der Tanz des Mörders - Miriam Rademacher - E-Book

Der Tanz des Mörders E-Book

Miriam Rademacher

4,8

Beschreibung

Wegen einer – wie immer – verlorenen Dartpartie wird Ex-Tanzlehrer Colin von Pfarrer Jasper Johnson dazu verdonnert, der gehässigen Mrs Summers die Zeit zu vertreiben. Als er die alte Dame eines Morgens tot in ihrem Cottage vorfindet und im Wald eine Mädchenleiche auftaucht, ist ihm schnell klar, dass die beschaulichen Tage seines Vorruhestandes gezählt sind. Zusammen mit der kleinwüchsigen Krankenschwester Norma machen sich Colin und Jasper auf die Suche nach dem Mörder, der eine eigenartige Vorliebe für Küchenutensilien als Mordwaffe zu haben scheint. Wer könnte überhaupt ein Interesse am Tod der schrulligen Alten haben? Hat Mrs Summers, die stets mit Fernglas und Kamera in die Gärten und Häuser ihrer Nachbarn spähte, zuviel gewusst? Das Hobbyermittlertrio schmiedet einen Plan, wie man Colins über die Jahre geschulte Menschenkenntnis nutzbringend einsetzen kann: Dazu müssen bloß alle Verdächtigen aufs Tanzparkett…

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© 2015 Carpathia Verlag GmbH, Berlin

Umschlagillustration: Christoph N. Fuhrer

ISBN 978-3-943709-05-6 (Print)

ISBN 978-3-943709-06-3 (EPUB)

ISBN 978-3-943709-07-0 (MOBI)

ISBN 978-3-943709-08-7 (PDF)

www.carpathia-verlag.de

Inhalt

Prolog

Bossa Nova

Samba

Bus Stop

Hustle

Bachata

Merengue

Tango

Charleston

Rumba

Blues

Reel

Hokey Pokey

Wiener Walzer

Salsa

Slow Foxtrott

Jive

Cha-Cha-Cha

Twist

Mambo

Polonaise

Paso Doble

Quickstep

Rock ’n’ Roll

Langsamer Walzer

Rezept: Devonshire Dreams

Kaum fünf Minuten waren vergangen, seit sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, und schon bog der Wagen von der Hauptstraße ab. Er rumpelte mit viel zu hoher Geschwindigkeit über einen ausgefahrenen Waldweg. Wild wuchernde Äste junger Laubbäume schabten über Lack und Chrom. Der Wagen verlangsamte seine Fahrt nicht.

Sie unterdrückte ein aufkommendes Unwohlsein. Alles war in Ordnung, sagte sie sich. Endlich. Nicht mehr lange und ihre Suche würde ein Ende haben.

Sie sah aus dem Beifahrerfenster und beobachtete, wie das Rot der sinkenden Sonne die Stämme der Bäume in ein warmes Licht tauchte. Ein wunderschöner Abend. Der schönste, den sie seit langem erleben durfte. Ja, es würde alles gut werden.

Als der Wagen ruckartig bremste und der Motor abgewürgt wurde, fand sie sich jäh mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Nichts war in Ordnung. Sie war in die Falle gegangen. Sie hätte ihren Instinkten trauen sollen.

Hastig und mit zitternden Fingern suchte sie den Hebel, der die Wagentür öffnen würde. Doch das metallische Klacken einer Zentralverriegelung machte ihr bewusst, dass sie zu langsam gewesen war. Langsam und unglaublich naiv. Wie schon so oft in ihrem jungen Leben. Und wenn sie dieses Auto lebend verlassen wollte, musste sie sich jetzt wehren!

Ein Schrei kam aus ihrem Mund, als sie wild um sich schlagend um ihr Leben kämpfte. Doch aus dem Laut der Verzweiflung wurde ein Laut des Schmerzes, als etwas Hartes ihren Schädelknochen über dem linken Ohr traf. Noch immer schrie sie, noch immer schlug sie um sich, doch nur wenige harte Schläge später spürte sie, wie sie sich selbst entglitt. Der Geschmack und der Geruch ihres eigenen Blutes, waren das Letzte, was sie in diesem Leben wahrnahm.

Bossa Nova

Einer muss schuld sein

»Du verlierst, Colin.«

Im Lost Anchor, einer winzigen Eckkneipe, zog Pfarrer Jasper Johnson mit kaum verborgenem Triumph seinen Dartpfeil aus der doppelten Zwanzig. Es sah nicht gut aus für Colin, doch der Einsatz war zu hoch, um aufzugeben. Der Pfarrer spielte mit ihm keineswegs um Geld. Nein, er spielte um Zeit.

»Du musst deine Zwanzig zumachen, Colin, sonst mache ich dich fertig, bevor wir unser erstes Bier ausgetrunken haben.«

Colin ignorierte den Spott in der Stimme des Pfarrers und warf seine Pfeile. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es war ihm gelungen, die Zwanzig nett einzurahmen, ohne ihre Felder zu berühren. Er war erledigt und er wusste es.

Nur fünf Minuten später präsentierte der Pfarrer ihm beim zweiten Bier des Abends die Rechnung.

»Ich könnte mir einen Tanzkurs für Senioren im Gemeindehaus vorstellen«, schlug er mit diabolischem Lächeln vor und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Colin erwog kurz, seinen Kopf demonstrativ auf die Tischplatte zwischen ihnen zu schlagen, hielt sich aber zurück.

»Ich bin im Ruhestand, Jasper. Und das aus gutem Grund, wie ich dir schon mehrfach erklärt habe. Mein Rücken macht nicht mehr mit.«

»Du bist Tanzlehrer, Colin! Das ist kein Beruf, den man einfach an den Nagel hängt, das ist eine Berufung!«

»Ich unterrichte nicht mehr.« Colin verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Pfarrer trotzig an. Dieser lächelte beschwichtigend.

»Gut. Dann eben keine Tanzstunden. Ich habe da noch ein anderes Anliegen, was dir vielleicht mehr zusagt. Es geht um Agatha Summers. Ihr gehört das Cottage oben auf dem Hügel. Sie ist ein sehr fleißiges Mitglied meiner Gemeinde, stets hilfsbereit. Vorgestern ist sie über eine Gartenwegplatte gestolpert und unglücklich gestürzt. Die Arme schillert in allen Farben des Regenbogens, kann kaum noch humpeln, und das Handgelenk hat auch was abbekommen.«

Colin riss die Augen auf und knallte das gerade erst angehobene Bierglas auf den Tisch. »Jasper! Du willst mich nicht zum Krankenpfleger einer alten Lady machen, oder? Sehe ich etwa aus wie jemand, der alte Damen füttert und ihnen Geschichten vorliest? Ich bin heilfroh, dem Seniorentanz und der damit einhergehenden Verblödung entronnen zu sein.«

»Den Löffel hält sie noch selbst! Und um die dringlichsten Dinge kümmert sich eine Krankenschwester, da mach dir mal keine Sorgen. Ich suche jemanden, der mit der alten Dame ein Schwätzchen hält, ihr die Zeitschriften bringt, den Rasen mäht und natürlich diesen gottlosen Gartenweg ausbessert.«

»Und das soll ausgerechnet ich sein? Also viel besser als Seniorentanz klingt das nicht.«

»Außer dir spielt niemand mehr mit mir Darts!«

Colin musste wider Willen lachen. Er lebte erst seit kurzem in diesem kleinen Ort in Mittelengland und war von Jasper gleich bei seinem ersten Besuch im Lost Anchor zu einer Partie Cricket am Dartautomaten aufgefordert worden. Colin und der große rundliche Pfarrer hatten sich gleich gut miteinander verstanden und trafen sich seitdem mehrmals wöchentlich zum Pfeilewerfen.

Genau genommen traf sich der Pfarrer zum Dartspielen. Colin kam zum Verlieren, und der Einsatz des Matches war stets eine gute Tat.

In den letzten Wochen war Colin auf diesem Wege mit vielen Dorfbewohnern bekannt geworden, und so hatte seine Pechsträhne den angenehmen Nebeneffekt, ihm, dem Zugezogenen, jede Menge neue Kontakte zu bescheren.

Inzwischen wusste Colin, dass der Pfarrer schon große Dartturniere gewonnen hatte und im Dorf als unbesiegbar galt. Niemand, der bei Verstand war, spielte mit Jasper um Einsätze, egal um welche.

Colin wusste nicht, warum er sich noch immer auf Spiele mit dem Pfarrer einließ, es widersprach seinem klaren Verstand. Möglicherweise tat er es, weil er den Geistlichen mit dem runden Gesicht und der Nickelbrille vor den Schweinsäuglein einfach mochte. Jasper Johnson war kein Mann der Kirche, dem das Predigen zur Gewohnheit geworden war. Er wusste Wortwitz und Ironie zu schätzen. Und dass Colin keiner Konfession angehörte, war ihm völlig egal.

»Ich denke, du solltest sie morgen einfach mal aufsuchen«, sagte Jasper gerade und wischte sich den Bierschaum von der Oberlippe. »Sie ist eine nette alte Dame, du wirst sie mögen! Wie wär’s mit einem Cognac zum Bier?«

Colin nickte und winkte dem Barmann. Für ihn war es sowieso zu früh, um in sein Zimmer zurückzukehren, denn die Mieterin des Nachbarzimmers blockierte des Abends stundenlang das gemeinsame Bad und sang in der Wanne Chansons. Da sie ausgesprochen schlecht sang, konnte Colin dieses zweifelhafte Vergnügen getrost aufschieben.

Der Nebel hing noch zwischen den Weiden, als Colin am darauffolgenden Morgen die Straße des Dorfes bergauf stieg. Eine schlechte Nacht lag hinter ihm. Er war erst dreiundfünfzig Jahre alt, hochgewachsen und stolz auf sein volles eisgraues Haar. Seine Jahre auf dem Tanzparkett hatten ihm eine aufrechte Haltung und einen geschmeidigen Gang beschert, aber leider auch eine stark abgenutzte Wirbelsäule, die Colin in der Mitte seines Lebens zwang, die Tanzschuhe an den Nagel zu hängen und noch einmal umzudenken. Eine hervorragende Berufsunfähigkeitsversicherung ermöglichte es ihm, dies ganz in Ruhe zu tun – als einer von zwei Untermietern einer pensionierten Lehrerin, die ein wunderschönes Cottage inmitten der grünen Hügel Englands ihr Eigen nannte.

Würden die leidigen Rückenschmerzen ihm nicht die Nächte verderben, wäre Colin mit seinem Schicksal rundum zufrieden gewesen. So aber verbrachte er Stunden in sitzenden oder stehenden Positionen, weil das Liegen im weichen Bett ihn schier um den Verstand brachte. Oft übermannte ihn der Schlaf in seinem Sessel vor dem Fernseher, wenn vor dem Fenster schon der Morgen graute.

Während Colin sich dem Cottage der verunglückten Agatha Summers Schritt für Schritt näherte, jagten Wellen des Schmerzes durch seine Lendenwirbelsäule und zwangen ihm das Tempo einer Schnecke auf. Gelegentlich hielt er an, tat, als würde er dem Gesang der Vögel lauschen und nickte den vereinzelten Fußgängern, die zumeist einen mehr oder minder hübschen Vierbeiner an der Leine führten, freundlich zu. Hätte ihn jemand gefragt, wie es ihm an diesem Morgen ging, er hätte »ausgezeichnet« geantwortet. Der Schmerz in seinem Rücken war kein Gesprächsthema für ihn. Er war da, er musste mit ihm leben, aber er lehnte es ab, sich wie ein quengelndes Kleinkind zu betragen.

Nach einem langen und langsamen Spaziergang, erreichte er ein graues Cottage mit grünen Fensterläden, das allein am Ende einer langen Auffahrt lag. Das Cottage war eingebettet in die frühsommerliche Blütenpracht eines Gartens, durch den ein schmaler Plattenweg führte. Misstrauisch besah sich Colin die unebenen Steine und setzte seine Schritte mit großer Vorsicht.

Auf sein Klopfen an der grünen Haustür erschien ein kleinwüchsiges Fabelwesen mit rosa Haaren auf der Türschwelle und piepste: »Los, zeigen Sie her und machen Sie schnell!«

Colin entfuhr ein mäßig intelligentes »Äh!«

Daraufhin wedelte die zierliche Person mit den großen Trollaugen und der Stupsnase mit ihren Händen wild vor Colins Bauch herum und rief: »Na, was haben Sie? Zeitungen, Staubsauger, Versicherungen, Äpfel? Herrgott noch eins, wenn Sie mir etwas verkaufen wollen, müssen Sie Ihre Zähne schon auseinanderbringen!«

Colin begriff und stammelte hastig eine Erklärung. »Ich habe keine Äpfel, ich habe Zeit! Ähm, ich meine…«

»Zeit? Zeit ist super! Zeit hat mir wirklich noch nie einer angeboten! Was kosten denn fünf Minuten?«

»Ähm.«

Colin versuchte seine Gedanken zu sortieren. Der kleine Troll auf der Fußmatte, bei dem es sich vermutlich um eine Frau handelte, war sicher nicht dem Märchenwald entsprungen. Auch war das Wesen trotz der eigenwilligen Haarfarbe niemand, den man üblicherweise bettelnd vor dem Bahnhofseingang sitzen sah. Es konnte sich bei ihr eigentlich nur um eines handeln.

»Sie sind bestimmt die Krankenschwester von Mrs Summers!«, stieß er rasch hervor und war ein bisschen stolz auf seine Kombinationsgabe und seinen ersten vollständigen Satz im Laufe dieser Begegnung.

Die Hand des Trollmädchens schnellte ausgestreckt in die Höhe. Colin ergriff sie und befühlte fasziniert die winzigen Finger in seiner Handfläche.

»Ich bin Norma. Ich bin klein, aber sehr stark. Ich habe schon Patienten von ganz anderem Kaliber als Mrs Summers in die Hosen geholfen, das können Sie mir glauben!«

Colin glaubte ihr alles. Normas Temperament sprühte aus ihren Augen, perlte in ihrer Piepsstimme und drang aus jeder winzigen Pore. Hätte Norma ihm erzählt, sie sei Preisboxerin, Hochseekapitän oder Model für Pariser Mode, er hätte auch das für möglich gehalten.

»Und Sie sind?«, fragte Norma, legte den Kopf schief und blinzelte Colin von unten herauf an.

»Colin. Duffot. Mein Name ist Colin Duffot.«

»Und Sie handeln mit Zeit? Das ist wenigstens mal was anderes!«

»Nein, ich bin Tanzlehrer«, entfuhr es Colin, und er hätte sich im selben Moment am liebsten selbst geohrfeigt. Er wusste, was jetzt kam.

»Tanzlehrer? Ach, wie spannend. Mrs Summers ist gerade nicht gut zu Fuß, aber ich hätte schon Interesse! Ich wollte schon immer richtig Walzer tanzen lernen.«

Colin blickte auf die Frau hinunter, die ihm kaum bis zur Brust reichte. Die Versuchung, sie wie einen Basketball um die eigenen Beine zu dribbeln, war größer, als mit ihr einen Walzer zu wagen. »Pfarrer Johnson schickt mich. Er ist der Ansicht, Mrs Summers könnte Gesellschaft brauchen.«

»Ach so, der Pfarrer. Dann kommen Sie mal rein.« Das klang enttäuscht. Einen Tanzlehrer fand Norma zweifellos interessanter als einen Gesellschafter. »Den Flur entlang, die letzte Tür und dann gleich rechts. Im Wintergarten.«

Colin hätte es lieber gesehen, wenn Norma ihn begleitet und der alten Dame vorgestellt hätte. Da sie dazu keinerlei Anstalten machte, setzte er sich in Bewegung, durchquerte mit raschen Schritten den Flur, öffnete die letzte Tür und fand sich mitten in einer Katastrophe wieder. Einer geschmacklichen Katastrophe.

Mrs Summers’ Wohnzimmer war eine Renovierung in den letzten 40 Jahren erspart geblieben. Die Tapete zeigte ein wildes Muster aus großen grünen Palmwedeln, das Mobiliar war furnierte Spanplatte, und auf der braunen Cordgarnitur dösten drei fette Cockerspaniels. Colin wandte sich schnell nach rechts und trat durch eine offene Glastür in den dahinterliegenden Wintergarten.

Auf einer geflochtenen Récamiere, inmitten liebevoll angelegter Beete voller Stauden in sattem Grün, lag eine stattliche Dame mit lila getöntem Haar und blickte durch das alles umgebende Glas hinaus auf die Landschaft.

»Setzen Sie sich. Was verkaufen Sie?«

Noch so eine, dachte Colin und nahm langsam in einem leeren Korbsessel Platz. Seine Lendenwirbel schmerzten jetzt so stark, dass er sich fragte, ob er sich je wieder daraus erheben können würde.

»Ich verkaufe gar nichts. Pfarrer Johnson schickt mich. Er ist der Meinung, ein wenig Abwechslung könnte Ihnen gut tun.«

Erst jetzt wandte ihm Mrs Summers das Gesicht und ihre Aufmerksamkeit zu. Colin bemerkte einen violetten Bluterguss auf dem linken Wangenknochen der Frau. In gewisser Weise harmonierte der Fleck mit ihrem Haar. Die linke Hand steckte in einer farbenfrohen Bandage, der Rest von Mrs Summers in einem pflaumenblauen Nickianzug.

»Jasper schickt Sie. Das ist nett von ihm. Es ist tatsächlich ein wenig eintönig hier. Norma ist ein liebes Mädchen, aber so ungebildet, dass man schreien möchte. Und die Schlampe in dem roten Ziegelbau ist verreist, ausgerechnet jetzt, wenn ich sie so dringend brauche.«

Einen Moment lang hoffte Colin, sich verhört zu haben, doch etwas in den eng beieinander stehenden Augen von Mrs Summers verriet ihm, dass dem nicht so war.

»Schlampe, Mrs Summers?«, fragte er daher und bemühte sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck.

»Ich spreche von dem kleinen Flittchen, das seit einigen Monaten diesen Zoo, der sich Dorf nennt, bereichert. Sie und ihre ständig wechselnden Bekanntschaften unterhalten mich zeitweise recht nett. Jetzt bleiben mir nur noch der alte Knicker, die Heulsuse, das Trampeltier und der Spinner.«

Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam Colin. Da erschien zu seiner Erleichterung Norma, ein Teetablett balancierend, an seiner rechten Seite.

»Mrs Summers! So dürfen Sie nicht über diese armen Menschen reden. Sie haben eben ihr Päckchen zu tragen, wie jeder von uns«, rief sie tadelnd, stellte das Tablett auf einem niedrigen Glastisch ab, goss Colin ungefragt Tee in eine Tasse und gab noch Milch und Zucker dazu. Colin starrte auf die weißen Wölkchen in der braunen Flüssigkeit und fühlte sich wie jemand, der ein Kino erst in der Mitte des laufenden Films betritt. Hastig, um nichts sagen zu müssen, griff er nach der Tasse und nahm einen großen Schluck.

Als die brennend heiße Flüssigkeit seinen Gaumen verbrannte, schossen ihm die Tränen in die Augen.

»Heiß«, mahnte Norma im Flüsterton. Jetzt wusste er es auch. Mit noch immer feuchten Augen sah er Norma nach, wie sie davonwuselte. Er tat es nicht mit Absicht, aber die Jahre auf dem Tanzparkett hatten sein Auge geschult. Die Menschen gaben in ihren Bewegungen oft mehr von sich preis, als sie selber ahnten. Der Pfarrer zum Beispiel bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines zufriedenen und ausgeglichenen Menschen. Normas Bewegungen enthielten eine gewisse Hektik und Sprunghaftigkeit, von der Colin augenblicklich auf ihr ganzes Wesen schloss.

»Es ist gewiss nicht so, dass ich diese Leute bespitzle. Nichts läge mir ferner, um ehrlich zu sein. Diese armseligen Kreaturen sind weiß Gott nicht interessant genug dafür. Aber sie sind unterhaltsam, verstehen Sie, Mr? Mr…? Ja, um Himmels willen, wie heißen Sie denn überhaupt?«

Colin öffnete den Mund und atmete einige Male stoßweise ein und aus, um seinen verbrannten Rachen zu kühlen und stöhnte dabei mehr als dass er sprach.

»Colin Duffot. Ich wohne im Ortskern bei Mrs Grey.«

»Mrs Grey, die alte Schreckschraube vermietet noch immer Zimmer? Hat sie die Schulden ihres spielsüchtigen Mannes etwa immer noch nicht abgezahlt? Hach, dabei ist der Verlierer doch schon fast ein Jahrzehnt unter der Erde.«

Colin konnte Mrs Summers, die Tee rührend dasaß und Unverschämtheiten von sich gab, immer weniger leiden. Diese Frau sollte ein wertvolles und fleißiges Mitglied von Jaspers Gemeinde sein? Kaum vorstellbar. Colin war nicht von Natur aus geduldig mit seinen Mitmenschen, sein Job hatte ihm die Geduld über Jahre hinweg aufgenötigt. Gegenüber bösartigen Menschen fiel es ihm schwer, seine Empörung zurückzuhalten, und so würde ihn dieses Gespräch auf eine harte Probe stellen, wenn Mrs Summers weiter in dieser Art und Weise über ihre Mitmenschen sprach.

Norma hatte derweil die Flucht ergriffen, Mrs Summers war in Schweigen verfallen und starrte Colin aus ihren listigen Augen an. Es war an ihm, ein neues Gesprächsthema anzustoßen. Da fiel sein Blick auf ein teuer wirkendes Fernglas, das in Griffnähe der alten Dame auf einem Beistelltischchen stand.

»Sie interessieren sich für Ornithologie?«

»Keine Spur. Damit habe ich einen besseren Blick auf die Umgebung. Sehen Sie selbst einmal hindurch, es ist ein ausgezeichnetes Glas.«

Sie reichte es dem verdutzten Colin, der es ergriff und einen Moment lang ratlos in der Hand drehte. Dann setzte er es an die Augen, wandte sich der Fensterfront zu, die den Wintergarten einfasste, und sah hinaus. Sein Blick glitt über die Rabatten in Mrs Summers’ Garten und erfasste eine Reihe eng beieinanderstehender Häuser unterhalb von Mrs Summers’ Grundstück. Das leistungsstarke Glas enthüllte ihm alle Details mit erschreckender Klarheit. Er sah sowohl die Gärten, als auch die Rückseiten der Häuser, konnte sogar durch einige Fenster in die Gebäude hineinblicken.

»In dem gelben Haus ganz links wohnt Deliza Norton. Ihr Sohn hat sich im letzten Winter erhängt. Sie behauptet wegen Depressionen, dabei weiß doch jeder, dass der Bengel stockschwul und darüber zu Recht völlig verzweifelt war. Verstehe gar nicht, wem sie meint, etwas über ihr missratenes Kind vormachen zu können.«

»Ihnen jedenfalls nicht«, entfuhr es Colin, und er war sich bewusst, dass seine Stimme einen eisigen Unterton bekommen hatte. Das hier würde hart für ihn und seine Selbstbeherrschung werden. Früher hatte er Menschen mit schwulenfeindlichen Äußerungen einfach aus seinem Tanzsaal verwiesen. Hier blieb ihm nur die Flucht. Hoffentlich konnte er sie bald antreten.

»Gewiss nicht. Was diesen Bengel betrifft, habe ich mehr gesehen als ich jemals wollte, das dürfen sie mir glauben.«

Mit einem Ruck setzte Colin das Fernglas ab und legte es auf den Glastisch. Ihm war klar geworden, wen Mrs Summers zu Beginn des Gesprächs mit so reizenden Umschreibungen bedacht hatte: Jene armen Menschen, die das Pech hatten, in Blicknähe ihres Hauses, nein, ihres Spinnennetzes zu leben. Hier hockte diese alte Spinne und starrte durch die Linsen ihres Fernglases direkt in das Leben anderer Leute hinein. Colin versuchte, sich statt in Ärger in Mitgefühl hineinzusteigern. Mitgefühl für eine Frau, deren eigenes Leben so langweilig war, dass sie ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihre Nachbarn gelegt hatte. Sein sich ständig beschleunigender Puls machte ihm klar, dass es ihm nicht gelingen würde. Er saß im Netz einer Spinne. Wunderbar. Er fragte sich, ob Jasper das gemeint hatte, als er von Mrs Summers als einem fleißigen Gemeindemitglied sprach.

»Ich bin hergekommen, um Ihnen Gesellschaft zu leisten. Die Aktivitäten ihrer Nachbarn interessieren mich überhaupt nicht!« Sein Ton war etwas zu scharf, seine Stimme eine Nuance zu laut.

Mrs Summers hob erstaunt die Augenbraue auf der unverfärbten Gesichtsseite und fixierte ihn. »Ach, wirklich? Das ist ungewöhnlich. Interessieren wir uns nicht alle für die Dinge, die uns nichts angehen? Nun, vielleicht nicht mit meiner Leidenschaft, aber glauben Sie wirklich, frei von Neugier zu sein, Mr Duffot?«

Colin zog es vor, nicht zu antworten. Nur nicht provozieren lassen. Er atmete tief ein.

Mrs Summers bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. »Dann wenden wir uns lieber anderen Dingen zu, nicht wahr? Mögen Sie Fotografien? Ich fotografiere sehr gern. Mein ganzes Leben hindurch habe ich dieses Dorf und seine Bewohner fotografiert. Wollen wir uns ein paar davon ansehen?«

Colin hatte das Gefühl, dieser Vorschlag sei nicht wirklich eine Verbesserung, aber er nickte ergeben.

Mrs Summers deutete mit ihrem Zeigefinger auf irgendetwas hinter Colin. »Im Wohnzimmer stehen ein paar Kartons in einem Wandregal. Suchen Sie uns einen aus, aber meiden Sie den grünen Karton. Er entspricht nicht Ihren Neigungen.« Sie lachte hämisch.

Wie erwartet, durchzuckte ein jäher Schmerz seine Wirbelsäule, als er sich aus dem Korbsessel erhob, doch er ließ sich nichts anmerken. Im Wohnzimmer hoben die drei Hunde träge die Augenlider. Colins Blick fiel auf ein hohes Regal, in dem sich nicht nur ein paar, sondern eine wahre Flut von Kartons angestaut hatte. Den grünen Karton rechts außen ignorierend, griff er nach einem grauen und versuchte die Aufschrift zu entziffern, als er hinter sich ein Geräusch hörte.

»Möchten Sie ein Glas kaltes Wasser zu Ihrem Tee?« Norma, der mitfühlenden rosa Seele, war der viel zu hastige Schluck aus der heißen Teetasse nicht entgangen. Dankbar griff Colin nach dem Glas und ließ das kalte Wasser über den wunden Gaumen fließen. »Nehmen Sie den rosa Karton. Darin bewahrt sie alte Fotos vom Stadtkern auf. Der Wandel im Laufe der Jahrzehnte ist leidlich unterhaltsam«, flüsterte sie rasch und blinzelte ihm zu. Colin verspürte das warme Gefühl der Sympathie für die kleine Frau, die jetzt in ihrer Jeanslatzhose und den weißen Stiefelturnschuhen davonging. Norma hatte etwas Unverfälschtes und Ehrliches an sich, wie Colin es an Menschen schätzte.

»Der rosa Karton? Wer hätte das gedacht! Hat sich der gute Julian doch zu früh aufgehängt, hm? Wäre jetzt wohl nicht mehr die einzige Schwuchtel im Ort?«

Colin war drauf und dran, dieser Person den rosa Karton um die Ohren zu schlagen und das Haus fluchtartig zu verlassen. Stattdessen nahm er sich vor, Jasper gehörig die Meinung zu geigen.

»Wenn du mir noch einmal eine derart impertinente Person zumutest, kannst du dir einen anderen Partner fürs Dartspielen suchen«, fauchte Colin und warf seinen Pfeil so wutentbrannt auf die Scheibe, dass er abprallte, durch den Lost Anchor schoss und gegen das halbvolle Bierglas eines unschuldigen Gastes prallte.

»’Tschuldigung! Anfänger. Noch kein Gefühl für das Spiel«, rief Jasper dem pikiert dreinblickenden Gast zu, während Colin, die heiße Röte auf seinen Wangen fühlend, eine lahme Entschuldigung stammelte. »Was hat sie dir angetan?«, fragte Jasper und warf entspannt zweimal hintereinander ins Bullseye.

»Sie hat so ziemlich über jedes Lebewesen hier im Dorf hergezogen! Sie ist die gruseligste Person, die mir je begegnet ist! Sie glaubt, dass ich schwul sei, weil ich einen rosa Fotokarton aus ihrer Sammlung ausgesucht habe!«

»Na fein! Da hat sie dir doch eine nette Schublade ausgesucht. Ich stecke in einer wesentlich peinlicheren. Hat sie dir nicht erzählt, dass ich keinen Abend nüchtern ins Pfarrhaus zurückkehre? Nein? Erstaunlich.«

Colin nahm die Pfeile aus Jaspers Hand entgegen und sah ihn einen Augenblick prüfend an. »Bist du ein Trinker?«

»Bist du schwul?«

Colin nahm die Pfeile und warf sie wesentlich zivilisierter als beim letzten Versuch. »Dann liegt sie also immer daneben mit ihren Unterstellungen?«

»Nein, nicht immer. Norma Dooley zum Beispiel, ist wirklich eine hässliche Zwergin, Lauscherin und Töpfeguckerin. Hat Mrs Summers das dir gegenüber nicht erwähnt?«

Colin wollte gerade verneinen, als ein wütendes Schnauben hinter einem Gummibaum erklang. Ein Augenzwinkern später stand Norma zwischen ihm und der Dartscheibe und beäugte den breit grinsenden Jasper misstrauisch. »Sie haben genau gewusst, dass ich dort sitze, nicht wahr?«

»Natürlich. Und es war mir ein Bedürfnis, Sie hervorzulocken. Trinken Sie ein Bier mit uns, Miss Dooley?«

»Ich nehme einen Weißwein auf Ihre Rechnung Herr Pfarrer, und das ›hässlich‹ nehmen Sie gefälligst zurück.«

»Herr Wirt! Einen Weißwein und drei Pfeile für unsere hübsche kleine Freundin. Sie verlieren doch gegen mich, nicht wahr?« Norma zuckte mit den Schultern, was als Einverständnis gewertet wurde.

»Wie erträgst du nur Mrs Summers’ Gehässigkeiten, Norma?«, wollte Colin wissen.

In der letzten halben Stunde hatte Colin eine Menge über Norma erfahren. Er wusste jetzt, dass sie ganze 151 Zentimeter groß war, die Beatles und Zuckerwatte liebte, und dass rosa Haare nur ihrer derzeitigen Stimmung entsprachen. »Wenn ich allerdings noch lange Mrs Summers pflegen muss, sind sie bald feuerrot«, hatte sie lachend verkündet. Jetzt machte sie ein ernstes Gesicht und dachte gründlich über Colins Frage nach.

»Ich höre ihr zu, mache mir aber bei jeder Klatschgeschichte bewusst, wie gering der Anteil an Wahrheit darin sein kann. Mrs Summers ist keine böse Frau. Sie ist dumm und oberflächlich, aber nicht wirklich böse.«

»Sie kümmert sich gewissenhaft um den Blumenschmuck in der Kirche«, ergänzte Jasper.

»Sie hat eine scharfe Zunge und spottet gern – und wenn schon. Es gibt Schlimmeres«, sagte Norma leichthin, doch Colin konnte ihr nicht beipflichten. In seinen Augen war Mrs Summers eine gefährliche Frau. Worte konnten tief verletzen. Ein böses Gerücht mit einem Körnchen Wahrheit ließ sich nur schwer aus der Welt schaffen. Und das Körnchen Wahrheit sammelte Mrs Summers mit Hilfe ihres Fernglases ein.

Er war schon einige Male auf Menschen wie Mrs Summers gestoßen. Es war die einzige Art Mensch, die ihn wirklich wütend machte. Dumm, geschwätzig und voller Vorurteile. Es fiel ihm schwer, in Gegenwart einer Mrs Summers ruhig zu bleiben. Argumente waren bei den Mrs Summers dieser Welt sinnlos und wurden höchstens belächelt. Aber ihre Bosheiten hängten sich wie Kletten an ihre armen Opfer und ihr Gift schwängerte noch Stunden nach ihrem Abgang jeden Raum.

»Es macht dir nichts aus, wenn sie dich öffentlich als Trinker brandmarkt?«, wandte sich Colin an Jasper.

Jasper hob sein Glas und prostete ihm feixend zu. Colin konnte nicht anders, als ihn für diese Haltung zu bewundern.

»Und dieser Junge, der sich erhängt hat? Findet ihr es in Ordnung, wenn sie über ihn spottet? Und diese Namen mit denen sie ihre Nachbarn tituliert? ›Heulsuse‹ und ›Spinner‹, und wie sie alle heißen?«

»Darüber«, antwortete Jasper und lehnte sich zurück, »können sich Heulsuse und Spinner aufregen, wenn sie möchten. Allerdings ist nicht gesagt, dass sie von diesen Kosenamen je erfahren werden. Ich weiß zumindest nicht, wie sie mich tituliert, und es hat mir auch keiner zugetragen. Mrs Summers geht wohl davon aus, dass du diese Namen nicht wirst zuordnen können.«

»Noch nicht. Aber eines Tages vielleicht. Und dann ärgert es mich mit Sicherheit noch mehr«, brummte Colin, doch Norma lachte ihn aus.

»Was hast du gedacht, als du mich heute zum ersten Mal gesehen hast?«

Colin fühlte, wie er errötete.

»Siehst du? Wir alle denken in Schubladen, es macht unser Leben einfacher. Doch manche von uns verwenden freundlichere Etiketten als Mrs Summers.«

Samba

Nicht du tanzt sie, sondern sie tanzt dich

»Nur noch einmal hat er gesagt. Bitte. In Ordnung. Einmal noch«, sagte Colin zu sich selbst, als er im Frühnebel die Straße zu Mrs Summers’ Haus hinaufstieg.

Natürlich war der Pfarrer aus allen Dartspielen des vergangenen Abends als Sieger hervorgegangen. Und natürlich war Colin wieder zur Einlösung eines Spieleinsatzes verpflichtet worden. Wenigstens Norma freute sich auf seinen erneuten Besuch im Cottage. Sicher war sie schon da und half der garstigen Alten auf die Récamiere.

Colin schritt langsam und bedächtig voran. Seine Rückenschmerzen hielten sich an diesem Morgen in Grenzen, aber er wollte, dass es auch so blieb. Als das Cottage in seinem Sichtfeld erschien, wäre er am liebsten wieder umgedreht, aber »ein Mann ein Wort«, sagte er sich, schritt über den Gartenweg und klopfte an die Tür. Stille. Er klopfte erneut. Im Innern des Hauses schlug einer der drei Spaniels an. Sonst rührte sich nichts.

»Norma? Mrs Summers?«

Keine Antwort. Colin beschlich ein seltsames Gefühl. Sicher konnten die beiden Frauen ein Taxi zum nächsten Arzt genommen haben. Möglicherweise ging es der alten Dame nicht gut. Doch hätte Norma ihm dann nicht eine Nachricht hinterlassen? Eine Notiz an der Haustür?

Colin klopfte ein weiteres Mal, und als sich wieder nichts außer dem Hund regte, drückte er die Klinke nieder und stellte fest, dass die Tür unverschlossen war.

Er trat in den Flur. Sein Unbehagen wurde stärker.

»Norma? Mrs Summers?«

Die Tür des Wohnzimmers wurde aufgeschoben und ein aufgeregt mit dem Schwanz wedelnder Spaniel tapste auf Colin zu. Er ging in die Hocke und kraulte den Dicken hinter den Ohren.

»Wo sind denn Frauchen und Norma, hm?«

Der Spaniel rollte sich auf den Rücken und präsentierte Colin sein Bäuchlein.

»Nein, ich werde dich nicht weiter streicheln, ich werde mich jetzt mal hier drinnen umsehen. Irgendetwas stimmt hier nicht, ich kann es fühlen.«

Mit diesen Worten erhob er sich, stieg über den Hund hinweg und betrat das Wohnzimmer. Es sah aus wie am Tag zuvor. Auf dem Cordsofa lagen zwei faule Spaniels und zuckten mit den Lidern. Colin sah hinüber zum Wintergarten und hielt überrascht inne. Mit dem Rücken zu ihm saß in jenem Korbsessel, in dem er gestern gesessen hatte, Mrs Summers. Ihr violetter Hinterkopf ragte leicht über die Lehne und eine Hand hing kraftlos herab. Sie schien zu schlafen. Irritiert bemerkte Colin einen ungewöhnlich großen Ohrschmuck an ihrer rechten Kopfseite.

»Mrs Summers?«

Langsam trat er näher. Einer der Hunde gab ein leises Winseln von sich.

Colin hatte schon viele Krimis im Fernseher verfolgt und oft schien ihm der Moment, in dem die Leiche entdeckt wurde, schlecht umgesetzt worden zu sein. Doch jetzt spielte es sich alles genau so ab, wie er es schon aus der Zuschauerperspektive erlebt hatte. Er sah und roch das Blut, bemerkte die schreckgeweiteten, ­leblosen Augen und fühlte, wie sein Gehirn in einen Stand-by-Modus wechselte. Er vergaß zu atmen. Er vergaß zu blinzeln. Und in dem Moment, in dem sein Körper sich wieder seiner Pflichten erinnerte, schrie er, wie er seit Kindertagen nicht mehr geschrien hatte.

Er schrie noch eine Weile weiter, bis er begriff, dass niemand da war, um ihn fürsorglich in die Arme zu schließen und ins Freie zu führen. Irgendwann verstummte er und starrte auf das geronnene Blut auf Hals und Bluse, starrte auf die Mordwaffe, die noch immer in Mrs Summers’ rechtem Ohr steckte. Der rote Zeiger stand auf Huhn. Mrs Summers’ seltener Ohrschmuck war ein Bratenthermometer, das tief in ihren Schädel eingedrungen war, und die gut zehn Zentimeter lange Metallspitze kratzte vermutlich gerade an einer Gehirnwindung.

Colin fühlte Übelkeit in sich hochsteigen und endlich fielen ihm auch seine Beine wieder ein. Er rannte in Richtung Haustür, stolperte fast über den immer noch im Flur liegenden Hund und stieß frontal mit Norma zusammen, die gerade, mit Einkaufstaschen beladen, hereinkam.

»Lieber Himmel, Colin! Was hat Mrs Summers Ihnen angetan? Oder war der Tee wieder zu heiß?«

»Sie ist tot! Oh mein Gott, Norma! Sie ist tot!«

Norma schüttelte traurig den Kopf. »Ja, das ist eine schlimme Sache. Armes Ding. So grausam ermordet zu werden. Ich persönlich tippe ja auf einen Sexualmörder.«

»Was?«

»Man weiß natürlich noch nichts Genaues, aber du wirst sehen: Die Untersuchung wird mir Recht geben.«

»Was??«

»Das ist doch fast immer das Mordmotiv bei so jungen Dingern. Ich hoffe inständig, dass es niemand aus dem Dorf war.«

»Norma! Sie liegt da drinnen mit einem Bratenthermometer im Ohr und du rätselst hier seelenruhig herum, ob sie vergewaltigt wurde?«

»Wer hat ein Bratenthermometer im Ohr?«

»Mrs Summers natürlich!«

Norma starrte ihn einen Augenblick lang mit weit aufgerissenen Augen an. Dann stieß sie ihn zur Seite und rannte, die Einkaufstaschen einfach auf den Boden fallen lassend, durch die Wohnzimmertür.

Die Kartoffeln hatten noch nicht aufgehört zu rollen, als ihr Schrei durch das Cottage hallte.

Colin, der seinen Mageninhalt inzwischen wieder unter Kontrolle hatte, folgte ihr und schloss die schluchzende Norma in seine Arme, ohne auch nur einen weiteren Blick auf die tote Mrs Summers zu werfen.

»Oh Colin, wie fürchterlich! Wer kann nur so etwas Grausames getan haben?«, wimmerte sie, und Colin fühlte, wie ihre Tränen sein Hemd auf Bauchnabelhöhe durchweichten. Colin überlegte, ob es vielleicht eine Heulsuse, ein Spinner oder ein Trampeltier gewesen sein könnte, behielt diesen Gedanken aber vorerst für sich.

»Wir müssen die Polizei rufen«, schniefte Norma und machte sich von ihm los. »Hoffentlich sind die mit der anderen Leiche überhaupt schon fertig.«

»Andere Leiche? Welche andere Leiche?«

Colin fühlte sich völlig überrumpelt und überlegte, ob er sich überhaupt noch in der Wirklichkeit befand. Vielleicht war er heute Morgen einfach durch eine falsche Tür gegangen und in ein Paralleluniversum gestürzt. Der Gedanke, so albern er auch war, hatte etwas Tröstliches.

Norma hatte den Raum verlassen und Colin konnte hören, wie sie mit jemandem telefonierte. Er stand noch immer wie angewurzelt im Wohnzimmer und versuchte, ihrem letzten Satz einen Sinn zu geben.

Einer der Hunde sprang an seinem Hosenbein hoch, hechelte freundlich und brachte ihn damit zurück in die Wirklichkeit.

»Ich muss die Hunde hier herausschaffen«, murmelte er. Die Spurensicherung würde kommen, Männer gekleidet in Plastiksäcken, bewaffnet mit schweren Koffern. Sie würden ihn giftig anstarren, wenn sie hörten, dass nicht nur er, sondern auch eine Hundemeute über ihren Tatort getrampelt war.

Er schnappte sich den noch immer freundlich hechelnden Hund am Halsband und zog ihn hinter sich her in den Flur. Die zwei weiteren kamen neugierig näher und wollten mitspielen. Colin hörte Norma in einem anderen Zimmer mit Gläsern klirren. Kurz darauf war sie neben ihm, beugte sich zu ihm herunter, da er noch immer mit dem Streicheln von Hundeschnauzen beschäftigt war, und hielt ihm einen Cognacschwenker unter die Nase. Sie hatte sich und ihm reichlich eingeschenkt.

»Sehr aufmerksam. Obwohl mich diese kleinen Racker hier schon wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben. Ist es nicht seltsam, dass sie so fröhlich sind? Ihre Herrin ist tot. Müssten sie das nicht irgendwie spüren?«

»Im letzten Jahr habe ich einen alten Mann bei der Pflege seiner kranken Frau unterstützt. Er meinte zu mir, die Tatsache, dass ihr Lieblingshund kein Interesse mehr an ihr zeige, würde bedeuten, dass sie bald sterben würde. Und so war es auch. Nicht jeder Hund ist wie Lassie oder Struppi. Die meisten verlieren das Interesse an dem Sterbenden.«

Colin nahm einen Schluck Cognac und kraulte mit der freien Hand unablässig weiter. Es tat ihm gut. Es beruhigte seine Nerven und klärte seine Gedanken so weit, dass er die schon gestellte Frage wiederholen konnte.

»Welche andere Leiche?« Er hörte Norma über sich an ihrem Glas nippen.

»Sie haben in einem der Wäldchen vor dem Ortseingang eine Frauenleiche gefunden. Ein junges Mädchen. Zwei Spaziergänger haben sie entdeckt. Sie sind in Panik bis zum nächsten Cottage gelaufen und haben den Eigentümer gebeten, die Polizei zu rufen. Das hat er auch getan, gleich nachdem er all seine Freunde und Bekannten verständigt hatte. Das ganze Dorf weiß inzwischen von dem Mädchen. Jemand soll ihr den Schädel zertrümmert haben. Die Spaziergänger meinten, er habe ausgesehen, wie ein aufgeklopftes Frühstücksei.«

»Nette Beschreibung. Wie plastisch«, erwiderte Colin und schwankte dabei zwischen Ekel und Heiterkeit.

In der Ferne hörten sie eine Sirene. Augenblicke später zuckte ein unruhiges blaues Licht durch die Scheiben der Haustür.

»Nicht zu fassen! Wozu brauchen sie Blaulicht und Sirene, wenn sie doch schon tot ist?«, entfuhr es Norma.

Colin richtete sich auf und wischte sich die Hände an der Hose ab. Sie rochen trotzdem nach Hund.

»Vermutlich haben sie nicht allzu oft Gelegenheit, mal so richtig aufzudrehen. Da kommen noch mehr Wagen. Scheint, als würde es hier gleich voll werden.«

Colin behielt recht. In Mrs Summers’ Cottage herrschte nur Augenblicke später eine Verkehrsdichte wie in London am Freitagnachmittag. Auch seine anderen Visionen trafen ein. Männer in Plastikanzügen schoben ihre gewaltigen Koffer durch enge Türrahmen und zwangen ihn, Norma und die Hunde zum Rückzug in die Küche. Fast beiläufig lehnte sich Norma an die Arbeitsplatte und zog eine Schublade nach der anderen auf. Dann sagte sie plötzlich: »Interessant.«

»Interessant? Was denn?«

»In dieser Schublade liegt ein Bratenthermometer. Mrs Summers hat also nicht ihr eigenes im Ohr. Das ist doch interessant, oder nicht?« Sie schob die Laden wieder zu. »Ich werde eine Kanne Kaffee kochen. Setz dich ruhig, du bist immer noch etwas blass um die Nase.«

Colin hatte kaum in der rustikalen Eichensitzecke Platz genommen, als die Tür sich wieder öffnete und ein junger Anzugträger mit Bürstenschnitt einzutreten versuchte, beim Anblick der drei Hunde aber im Türrahmen erstarrte.

»Hallo Mike! Käffchen?«, begrüßte ihn Norma und begann bereits mit dem Portionieren des Kaffeepulvers.

»Ich bin jetzt nicht Mike. Ich bin Detective Sergeant Dieber.«

»Und du hast deinen ersten eigenen Mordfall, weil alle alten Hasen sich bei dem toten Mädchen im Wald herumtreiben, richtig? Wie fühlt sich das an?« Norma sah ehrlich interessiert aus, doch Dieber machte einen eher unglücklichen Eindruck angesichts ihres mangelnden Respekts vor seiner Person.

»Ich möchte sämtliche Anwesende bitten, sich zur Vernehmung bereitzuhalten. Ich werde mir am Tatort zunächst einen Überblick verschaffen.«

»Mach nur, mach nur«, erwiderte Norma, schon wieder ganz die Alte. »Mit Zucker und Milch?« Anstelle einer Antwort zog Dieber rasch die Tür von außen zu, als zwei der Cocker auf Tuchfühlung mit ihm gehen wollten. Colin grinste, Norma sah dem Ermittler überrascht nach. »Eigenartig. Ich wusste gar nicht, dass Mike Angst vor Hunden hat.«

»Hat er auch nicht. Er hatte nur Angst um seine Hosen.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Er hat seine Sichelbeine bis zum Anschlag durchgedrückt, das Gewicht auf die Hacken verlagert und den Oberkörper leicht vorgebeugt. Er wollte verhindern, dass einer der Hunde ihn anspringt oder sich an ihm reibt. Das ist alles.«

»Wirklich? Das hast du gesehen? Erstaunlich.«

»Eigentlich nicht. Bekomme ich auch einen Kaffee?«

Draußen nahmen die Ermittlungsarbeiten Fahrt auf. Schritte hallten, Stimmen schwirrten, und irgendjemand vor dem Haus erbarmte sich und stellte endlich das Blaulicht ab.

Norma stellte eine dampfende Tasse vor Colin ab.

»Vorsicht. Heiß.«

»Ich bin lernfähig. Milch?«

Sie reichte ihm eine Literflasche. »Kann man das lernen?«

»Was meinst du?«

»Solche Dinge zu sehen?«

»Vermutlich. Zucker?«

Mit einer Spur von Ungeduld in der Bewegung schob sie ihm eine Porzellandose mit Blütenbemalung zu. »Und was siehst du, wenn du mich ansiehst?«

Colin konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Eine gesunde junge Frau, sehr lebhaft, etwas zu neugierig, mit einer leichten Einwärtsdrehung des rechten Fußes. Ließe sich durch konsequentes Üben beheben und ich meine damit: Üben bei jedem einzelnen Schritt. Du haderst ein bisschen mit deinem Übergewicht, ziehst andauernd den Bauch ein, dabei steht er dir ganz gut. Du solltest das lassen, es führt nur zu Verspannungen im Brustkorb und einer falschen Atmung.«

Norma, die bis jetzt an den Tisch gelehnt vor ihm gestanden hatte, nahm ihm gegenüber in der Sitzecke Platz. »Colin, das ist eine Gabe. Du hast eine gottverdammte Gabe!«

»Nein, das ist Erfahrung und eine sensibilisierte Wahrnehmung. Jeder kann das trainieren, wenn er sich die Menschen um sich herum nur aufmerksam genug anschaut.«

»Und du hast das getan?«

»Über Jahrzehnte hinweg. Ich war einmal Tanzlehrer, schon vergessen?«

Erneut öffnete sich die Tür und Mike Dieber schob sich herein, den Blick fest auf drei wuselnde Cockerspaniels zu seinen Füßen geheftet.

Norma rollte mit den Augen. »Diese Hunde sind sauberer als gut für sie ist. Mrs Summers ließ sie fast wöchentlich von mir shampoonieren.«

In Mikes Haltung machte sich eine leichte Entspannung bemerkbar, die man auch auf seinem pickeligen Gesicht ablesen konnte. Colin warf Norma einen Blick zu, der so viel bedeutete wie: Habe ich es nicht gesagt?

»Sie haben das Bratenthermometer sofort bemerkt?«

»Ich hielt es für einen extravaganten Ohrschmuck.«

»Haben Sie es angefasst?«

»Nein, nur angesehen. Es stand auf Huhn.« Colin wünschte sich, er hätte den letzten Satz nicht gesagt. Dieber sah ihn an wie einen entsprungenen Irren.

»Huhn?«, entfuhr es Norma und ihre Augen weiteten sich. »Das würde ja bedeuten, dass ihre Körpertemperatur bei 80 Grad lag! Da hätte ihr aber jemand mächtig eingeheizt.«

»Möglicherweise ist es defekt«, antwortete Colin.

»Du meinst, sie war ihrem Mörder nicht einmal ein heiles Bratenthermometer wert?« Norma schüttelte schockiert den Kopf.

»Es ist möglicherweise beim Mord kaputtgegangen. So ein Kopf ist schließlich kein Schweinebraten«, mutmaßte Colin.

Diebers Blick nach zu urteilen, hielt er sie jetzt alle beide für verrückt. Er beendete den Dialog mit einer schnellen Zwischenfrage. »Und Sie kamen, um ihr Gesellschaft zu leisten?«

»Jasper, der Pfarrer, hatte mich um diesen Freundschaftsdienst gebeten.«

Um Diebers Mundwinkel zuckte es. »Wohl verloren, was?«

»Ich verliere ständig.«

»Und es war ihr zweiter Besuch bei Mrs Summers?«

»Ja, ich war gestern schon hier. Wir haben uns Fotos angesehen.«

»Fotos? Was für Fotos?«

»Vom Dorf und wie es sich über die Jahre verändert hat. Mrs Summers war eine leidenschaftliche Fotografin. Wir haben uns den rosa Karton angeschaut. Er steht im Regal.«

»Im Regal mit den Fotokartons?«

Colin war verwirrt. »Ja, sicher. In welchem denn sonst?«

»In welchem Zustand befand sich die Sammlung der Fotokartons am gestrigen Tag?«

Colins Verwirrung wuchs. »Ich verstehe die Frage nicht, fürchte ich.«

Dieber, der ihm gegenüber saß, gleich neben Norma, zog die Brauen hoch, als zweifelte er an Colins Worten. »Dann lassen Sie uns mal kurz einen Blick auf das Regal werfen.«

»Ich möchte eigentlich nicht noch einmal in das Wohnzimmer zurück«, erwiderte Colin. »Die Erinnerung an eine alte Dame mit einem Bratenthermometer im Kopf ist noch recht intensiv. Ich kann auf eine Auffrischung verzichten.«

»Dann sehen Sie eben woanders hin. Vorzugsweise in besagtes Regal.« Mit diesen Worten machte Dieber eine einladende Geste in Richtung Küchentür. Colin fand den jungen Mann zunehmend unsympathisch, folgte ihm aber in den Nachbarraum.

»Und? Was meinen Sie? Hat es gestern hier auch so ausgesehen?«

Die vorwurfsvollen Blicke des Spurensicherungsteams ignorierend, standen Dieber, Norma und Colin vor dem hohen Wandregal. Colins Blick flog zu Norma hinüber, deren Mund vor Überraschung offen stand.

»Nein«, sagte er. »Nein, gestern waren die Kartons ordentlich aufeinander gestapelt und nicht wild durcheinandergewürfelt. Auch einzeln herumliegende Fotos gab es nicht.«

Dieber nickte befriedigt. »Sie brauchen ja nicht hinzusehen, aber ist Ihnen bei ihrem ersten und einzigen Blick auf Mrs Summers nicht aufgefallen, dass sie einen Fotokarton auf dem Schoß hat und in der rechten Hand immer noch ein Foto hält?«

Colin schüttelte den Kopf. Darauf hatte er nicht geachtet und jetzt widerstand er der Versuchung, die Aussage Diebers zu überprüfen. Er hatte nur auf das Bratenthemometer gestarrt, alle anderen Einzelheiten waren durch den grausamen Anblick verdrängt worden.

»Was zeigt das Foto in ihrer Hand?«, wollte Norma wissen.

»Darüber kann ich zum derzeitigen Stand der Ermittlungen nichts sagen«, erwiderte Dieber und schob die beiden eilig aus dem Zimmer. »Sie zwei dürfen jetzt nach Hause gehen. Nach Hause und nicht in den Lost Anchor. Und treten Sie bitte keine weite Reise an.«

Augenblicke später stand Colin neben Norma auf den unebenen Gartenplatten und ertrug geduldig Normas Gemecker.

»Keine weite Reise antreten, wofür hält der sich? Unglaublich, wie überheblich jemand werden kann, sobald er einen Rang bekleidet. Aber dafür habe ich ihm auch nicht gesagt, was mir sofort aufgefallen ist.«

Colin wurde hellhörig. »Was meinst du damit, Norma?«

»Aber Colin! Hast du es denn nicht bemerkt? Der grüne Karton! Er stand nicht mehr im Regal!«

»Dann wird es sich wohl bei dem Karton auf ihrem Schoss um den grünen gehandelt haben.«

»Irrtum!«, triumphierte Norma. »Das hat es nicht. Ich habe mich beim Rausgehen noch einmal mutig zu ihr umgedreht, es war einer der vielen grauen. Der grüne Karton fehlt.«

Bus Stop

Alles schön der Reihe nach

»Und der Karton fehlt tatsächlich?«, fragte Jasper jetzt schon zum dritten Mal. Sein Wurf verfehlte die anvisierte Fünfzehn um mehrere Zentimeter.

»Er ist grün, Jasper, ich übersehe doch keinen grünen Fotokarton!« Norma rührte in ihrer Erdbeerbowle und sah Colin beim Verlieren zu. Diesmal ging es nicht ganz so schnell wie sonst.

Colin war Norma ins Dorf und direkt und ohne Umwege bis in den Lost Anchor gefolgt. Dort angekommen hatte Norma zunächst dem Wirt und dann Jasper Bericht erstattet, der hier schon am Vormittag sein erstes Bier zu sich nahm. Colin kam der Verdacht, dass Jasper vielleicht doch ein Problem mit dem Alkohol hatte. Die Tatsache, dass Jasper auch zwei Whisky später verteufelt gut die Pfeile warf, erhärtete seinen Verdacht, dass Jaspers Körper an regelmäßigen Alkoholkonsum gewöhnt war.

»Meint ihr, dass zwischen den beiden Morden eine Verbindung besteht?«, fragte Colin und traf in die doppelte Zwanzig.

»Halloho? Ist die Frage ernst gemeint? Natürlich hängen die beiden Morde zusammen! Hier ist noch nie einer ermordet worden! Glaube ich zumindest. Und dann gibt’s plötzlich zwei Tote an einem Tag. Das kann doch wohl gar kein Zufall sein.« Norma sah Colin an, als befürchtete sie, er sei von einer Sekunde zur anderen schwachsinnig geworden.

Jasper schaltete sich ein. »Und der verschwundene Karton liefert doch wohl den ersten Hinweis auf ein Motiv, meint ihr nicht? Wirklich Norma, du hättest Mike von dem Karton erzählen müssen. Das ist Unterschlagung von Beweismaterial oder etwas Ähnliches.«

»Kaum, denn ich habe den Karton ja nicht geklaut. Aber wer immer ihn jetzt hat, hat wahrscheinlich kein Bratenthermometer mehr. Und was Mike angeht: Überheblichen Menschen helfe ich nicht. Er hätte ja auch mich fragen können, ob mir an dem Regal etwas auffällt, aber nein, er hat Colin gefragt. Der hat aber nur einen scharfen Blick, wenn es um Menschen geht und nicht um Dinge.«

Colin errötete unter Jaspers forschendem Blick, der jetzt auf ihm lag. Prompt verpatzte er den nächsten Wurf, womit Jasper wieder einmal als Sieger aus der Partie hervorging. Jasper grinste breit über sein rundes Gesicht und blinzelte zufrieden durch die Nickelbrille. Colin und Norma zuckten die Achseln, sie hatten nichts anderes erwartet. Sie nahmen an einem runden Kaffeetisch mit zerkratzter Marmorplatte Platz, der im Lost Anchor ein wenig deplatziert wirkte, aber dem Dartautomaten am nächsten stand. Jasper drehte einen der schäbigen Stühle herum und setzte sich breitbeinig, das Kinn auf die Lehne gestützt, darauf. Colins Stuhl knarrte bedrohlich, als er sich zurücklehnte, hielt aber durch.

»Ist das wahr, Colin? Hast du einen Blick für Menschen?« Jaspers kleine Äuglein waren fest auf Colin gerichtet, der sich, um nicht antworten zu müssen, einen großen Schluck seines Bieres genehmigte. Hätte er bloß nie ein Wort darüber verloren. Er hielt es nicht für eine Gabe, sondern für eine nützliche kleine Spielerei, die ihm in seinem Berufsleben oft geholfen hatte.

Menschen waren schwierig. Insbesondere, wenn sie ihre erste Tanzstunde bei einem fremden Tanzlehrer hatten. Für manche war das unangenehmer als ein neuer Arzt. Mit der Zeit wurden Colins Studien der Körpersprache ein wichtiges Hilfsmittel. Er sah, er spürte, wie er mit wem umgehen durfte, wen er berühren konnte, wer von sich selbst überzeugt war, wer seinen eigenen Körper kaum spürte und wann er jemanden überforderte, noch bevor dieser es richtig mitbekam. Das hatte einen wesentlichen Teil seines Erfolges in der Branche ausgemacht.

»Und wie er das hat. Komm, Colin, zeig es Jasper mal. Sieh dir doch mal die Frau da hinten an. Die, die gerade zu den Toiletten geht. Was siehst du?«

Colin drehte den Kopf in die von Norma angedeutete Richtung. Ein junges Mädchen ging mit beschwingten Schritten auf die Toilettentür für Damen zu. Ein ungewöhnliches Mädchen. Sie trug ein himmelblaues Kleid, wie es Mitte der Fünfzigerjahre in Mode gewesen sein dürfte, mit Blusenkragen, breitem Gürtel und Petticoat. Das blonde Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, die weißen Lackschuhe waren zierlich, die Absatzhöhe war moderat. Als sie die Klinke der Tür hin­unter­drückte, sah sie sich kurz im Schankraum um. Colin wandte sich hastig ab und traf auf die neugierigen Blicke seiner Gegenüber. Er hörte, wie sich die Toilettentür hinter dem Mädchen schloss. Colin seufzte.

»Fein, wenn es euch so viel Spaß macht. Die Kleine bewegt sich sehr elegant und sehr grazil. Sie könnte Tänzerin sein, ist sie aber nicht, und das trifft eigentlich schon den Kern der Sache.« Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und ließ seine Zuhörer einen Augenblick lang zappeln. Dann fuhr er fort: »Ihre Bewegungen sind einstudiert, sie kontrolliert sich selbst, als würde sie andauernd vor einem Spiegel stehen. Sie hat sich eine hübsche Fassade aufgebaut und unterstreicht sie gekonnt durch gefällige Kleidung, die aber nur ein Kostüm darstellt. Für manche ist ihre Kleidung ein Statement, doch nicht für sie. So will sie von ihrer Umwelt gesehen werden. Es gehört zur Show. Sie streckt nicht einmal die Hand zur Türklinke aus, ohne darüber nachzudenken. Sie ist eine Schauspielerin, die immer auf der Bühne steht. Gelegentlich vergewissert sie sich, ob sie Publikum hat. Findet sie einen Zuschauer in der Menge, bestätigt sie dies nur in ihrem Gefühl, dass sie ständig beobachtet wird und immer präsent und kontrolliert sein muss. Das arme Mädchen braucht meiner Meinung nach dringend etwas Selbstbewusstsein. Dann könnte sie sich ein wenig entspannen. Ein Verehrer wäre sinnvoll, aber ich kann leider keinen aus der Tasche zaubern. Ihr vielleicht?«

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen am Tisch der drei. Norma warf Jasper einen triumphierenden Blick zu, als habe sie soeben eine besondere Leistung vollbracht. Dann winkte sie die beiden Männer dichter zu sich heran. Die Köpfe der drei berührten sich fast über dem Tisch.

Norma flüsterte mit Verschwörerstimme: »Ihr Name ist Vivian Small. Das Kind wird von seinen ehrgeizigen Eltern gnadenlos in allen Bereichen der Kunst gefördert, ob sie will oder nicht. Ihre Eltern hoffen, dass sich auf diese Weise irgendein besonderes Talent entdecken lässt, und Vivian fürchtet permanent, sie könnte ihre Eltern enttäuschen und sich als absolut durchschnittlich entpuppen. Das Mädchen ist chronisch überfordert und hat nur selten Zeit für sich. Alle im Dorf wissen, dass sie für den jungen Dan von der Tankstelle schwärmt, aber der wäre ihren Eltern niemals gut genug für ihr Goldkind. Also ist Vivian ein braves Mädchen und betet Dan nur aus der Ferne an.«

Mit einem leichten Räuspern verschaffte sich jetzt auch Jasper Gehör. Auch er verfiel unbewusst in einen rauen Flüsterton. »Ihre große Schwester starb bei einem Badeunfall, als Vivian noch ganz klein war. Die Familie hat den Verlust nie verwunden und fokussiert sich auf Vivian. Ihre Mutter besucht jede Woche meine Kirche. Immer, wenn ich mich mit der armen Frau unterhalte, kreist ihr ganzes Denken um Vivian und ihre Ausbildung. Das Mädchen konnte in der Schule nie besonders glänzen, sie ist nicht von der hellsten Sorte. Also sucht man ihre Stärken woanders. Nach dem, was du gerade in ihren Bewegungen gelesen hast, tut man dem Kind damit keinen Gefallen. Der Druck unter dem sie lebt, muss enorm sein. So etwas ist auf Dauer nicht gesund.«

»Ha!«, entfuhr es Norma, und sie warf sich mit triumphierendem Blick in ihrem Stuhl zurück. »Dafür hätte unser Detective Sergeant Dieber doch Wochen gebraucht!«

Colin sank seinerseits auf dem Stuhl zurück und spürte schmerzhaft die harte Lehne in seinem leidenden Rücken. Er unterdrückte jegliche Reaktion darauf und hob stattdessen fragend die Brauen. »Warum sollte sich der Sergeant denn für Vivian interessieren?«

Norma sah ihn mitleidig an. »Dieber interessiert sich natürlich nicht für Vivian. Er sucht einen Mörder. Oder eine Mörderin, wer weiß das schon. Wäre es da nicht sehr nützlich, wenn er nur einen Blick auf seine Mitmenschen werfen müsste, um dann in einer wahren Fülle von Informationen zu schwimmen? Stattdessen bringt er es nicht einmal fertig, die richtigen Leute nach den richtigen Dingen zu fragen.«

Colin machte sich in Gedanken eine Notiz über Norma. Sie war nachtragend. Eine kleine Schwäche, die man im Umgang mit ihr berücksichtigen musste.

Jasper ritzte mit den Fingernägeln im Holz der Stuhllehne vor sich herum und murmelte: »Diebers naheliegendstes Problem ist wohl eher sein Nichtwissen in Bezug auf das Fehlen eines gewissen Kartons. Wüsste er von dem Karton, könnte er etwas über seinen Inhalt in Erfahrung bringen, und erst das würde ihn zu verdächtigen Personen führen.«

»Ha, aber wir kennen den Inhalt des Kartons«, rief Norma laut und schüttelte sich ein paar rosa Ponyfransen aus der Stirn.

»Ach wirklich?« Colin war amüsiert. »Schließ doch bitte nicht von dir auf andere, Norma. Ich habe keine Ahnung, was Mrs Summers in besagtem Karton versteckte. Und nach allem, was sie selbst darüber sagte, weiß ich auch nicht, ob ich den Inhalt kennen möchte. Danach würde ich wahrscheinlich völlig geschockt das Dorf verlassen und nie mehr zurückkehren.«

»Ja, das sähe dir ähnlich. Aber bevor du aus meiner Gemeinde tänzelst, klärst du mich bitte noch auf. Was hast du gegen den grünen Karton und seinen dir unbekannten Inhalt vorzubringen?« Jasper amüsierte sich augenscheinlich köstlich. Seine Augen funkelten und seine Nägel gruben sich mit einer wahren Besessenheit immer tiefer in die Stuhllehne. Colin klärte ihn auf. Warum auch nicht? Schließlich war Jasper sowieso an allem schuld.

»Nachdem du mich zu dieser Gewitterziege auf ihren Berg gejagt hast und sie sich so schmeichelhaft über all ihre Nachbarn ausgelassen hat, habe ich mit einer leichten Missbilligung reagiert. Daraufhin meinte sie, dass der Inhalt des grünen Kartons für mich ungeeignet sei. Ich solle lieber einen anderen wählen. Ich wählte einen, den Norma mir empfahl, und so blieb mir vermutlich ein Karton voller dokumentierter Peinlichkeiten erspart.«

Jasper pfiff durch die Zähne. »Heiße Ware, ja? Belastende Fotos, aufgenommen von einer bösartigen alten Dame? Das klingt wirklich nach einem Mordmotiv. Nach einem richtig guten, wenn ihr mich fragt.« Jasper hörte auf, den Stuhl zu malträtieren und erwählte an Stelle seiner einen weichen Bierdeckel als nächstes Opfer. »Was aber ist auf diesen Bildern zu sehen?«, sinnierte er, und erste Krümel gelber Pappe rieselten zu Boden.

Norma hob die Hand wie ein Schulmädchen, während sie versonnen auf den schrumpfenden Bierdeckel starrte. »Das kann ich beantworten. Wenn ich auch keine Details kenne. Mrs Summers sprach gern und oft über ihre Sammlung. Im grünen Karton befinden sich ausschließlich Fotos, die Mrs Summers aus dem Wintergarten heraus oder innerhalb ihres Gartens geschossen hat.«

»Stillleben?«, fragte Jasper pikiert. »Bilder von verwelkenden Rosen und dürstenden Pflanzen? Das ergibt wenig Sinn. Sie wird ja nicht von einer Würgepflanze attackiert worden sein. Auch kann ich mir nicht vorstellen, wie die Chrysanthemen sich eines Bratenthermometers bemächtigen konnten.«

Colin kicherte, doch Norma sah kein bisschen amüsiert aus.

»Ich hoffe sehr, dass Du im Beichtstuhl nicht die gleiche Begriffsstutzigkeit an den Tag legst, mein Lieber. Sie hat keine Pflanzen fotografiert. Wenigstens nicht vorwiegend. Sie hat alles festgehalten, was man aus diesem Blickwinkel sehen konnte! Und dabei handelte es sich…? Na? Um was?«

Sie warf Colin einen auffordernden Blick zu und der reagierte prompt: »Um die Häuser und Gärten von ›Heulsuse‹, ›Trampeltier‹, ›Spinner‹ und ›Schlampe‹. Diese unerträgliche Person hat ihre Nachbarn nicht nur durch ihr Fernglas bespitzelt. Sie hat auch ihren Alltag auf Fotopapier gebannt!«

Jasper erdolchte seinen Bierdeckel mit dem Daumen. »Wenn das wahr ist, dann haben Heulsuse, Trampeltier, Spinner und Schlampe ein großes Problem, sobald Dieber vom Inhalt des Kartons erfährt.«

»Ihr habt den ›alten Knicker‹ vergessen. Der lebt auch in dieser Häuserzeile«, ergänzte Norma.

»Tja, nur schade, dass niemand weiß, wer eigentlich wer ist und welche der Personen wusste, dass sie beobachtet wurde«, sagte Colin und schlug sich auf die Schenkel, um zu signalisieren, dass er sich bald auf den Heimweg machen wollte. Seine Rückenschmerzen wurden penetranter, und er sehnte sich nach seiner Wärmflasche und seinem weichen Sessel.

»Und ob eine dieser Personen genug zu verbergen hatte, um einen Mord zu begehen«, ergänzte Norma und erhob sich.

»Oder zwei«, verbesserte Jasper. »Vergesst die zweite Leiche nicht. Norma, soll ich dich nach Hause begleiten?«

»Warum das denn?«, fragte Norma und warf dem Pfarrer einen überraschten Blick zu.

»Weil in diesem Dorf ein Mörder frei herumläuft, der bereits zwei Frauen getötet hat. Für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass er dich für eine hält, sollte ich…«

Normas Augen wurden schmal. »Vorsicht, Herr Pfarrer. Alle Frechheiten lasse ich Ihnen nicht durchgehen.«

Colin verbiss sich ein Lachen. Die winzige Norma mit den rosa Haaren und der Latzhose konnte aus einiger Entfernung tatsächlich leicht mit einem Kind oder einem Fabelwesen verwechselt werden. Doch er würde sich hüten, jetzt Jaspers Partei zu ergreifen. Stattdessen würde er die beiden jetzt sich selbst überlassen, umso schneller würde er in seinem Zimmer ankommen. Er zahlte, winkte den beiden, zwischen denen eine Diskussion über Wahrheit und Höflichkeit entbrannt war, noch kurz zu und trat hinaus auf die Straße. Feiner Nieselregen fiel aus einer dichten grauen Wolkendecke auf ihn herab. Heute würde es nicht mehr aufklaren. Der perfekte Tag für ein gutes Buch.

Ende der Leseprobe.