Harrowmore Souls (Band 2): - Miriam Rademacher - E-Book

Harrowmore Souls (Band 2): E-Book

Miriam Rademacher

4,0

Beschreibung

Als ein ehemaliger Mitschüler Conny Bligh, den Anwalt der Geister, um seine Hilfe bittet, ist dieser davon zunächst alles andere als angetan. Doch das ändert sich, als er und Allison Harrowmore auf Hidden Manor, der Burg ohne Vergangenheit, eintreffen. Oder hat das alte Gemäuer doch eine Geschichte? Bald drängt die Zeit, denn ein großer Maskenball steht unmittelbar bevor. Und jeder einzelne Gast läuft Gefahr, in dieser Nacht seine Seele zu verlieren …

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Seitenzahl: 297

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Dank

 

Carolin Emrich

 

 

Harrowmore Souls

Band 2: Ticket 23

 

 

Fantasy

 

Harrowmore Souls (Band 2): Ticket 23

Als ein ehemaliger Mitschüler Conny Bligh, den Anwalt der Geister, um seine Hilfe bittet, ist dieser davon zunächst alles andere als angetan. Doch das ändert sich, als er und Allison Harrowmore auf Hidden Manor, der Burg ohne Vergangenheit, eintreffen. Oder hat das alte Gemäuer doch eine Geschichte? Bald drängt die Zeit, denn ein großer Maskenball steht unmittelbar bevor. Und jeder einzelne Gast läuft Gefahr, in dieser Nacht seine Seele zu verlieren …

 

 

Die Autorin

Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasyromane, Krimis, Jugendbücher und ein Bilderbuch für Kinder veröffentlicht.

 

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Februar 2021

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2021

Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Martina König

Korrektorat Druckfahne: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-169-7

ISBN (epub): 978-3-03896-170-3

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für Conny und Allison.

Es tut mir wirklich leid, was ich euch in euren Abenteuern bereits

alles angetan habe und noch antun werde, aber ich kann nicht anders.

Es geht einfach mit mir durch. ☺

 

Prolog

 

Hidden Manor im September 2018

 

Lautlos öffnete Dotty Prim die Tür und huschte ins Schlafzimmer ihrer Arbeitgeberin. So leise wie eine Maus tippelte sie dem Schimmer blassen Tageslichts entgegen, der durch die schweren Gardinen fiel. Gleich würde sie sie geräuschlos aufziehen und in heiterem und doch sanftem Ton einen Guten Morgen wünschen. Heute würde sie die perfekte …

Rums.

Irgendein heimtückischer Gegenstand, der im Dunkeln auf sie gelauert haben musste, brachte Dotty kurz vor ihrem Ziel zu Fall. Mit einem Schrei des Entsetzens streckte sie die Arme vor, fand Halt im schweren Stoff des Vorhangs und riss diesen mitsamt der Aufhängung von der Wand. Das war nicht so ganz der perfekte Auftritt, den sie sich erhofft hatte.

Einen Moment lang blieb sie im Licht des neuen Herbsttages auf dem Teppich liegen und unterdrückte eine Reihe sehr bildhafter Flüche. Sie war eben keine Maus, sie taugte nicht zur unsichtbaren, aber sehr effizienten Haushaltshilfe, und als persönliche Assistentin der Hausherrin war sie sowieso hoffnungslos überfordert. Sie konnte ja nicht einmal ein paar Vorhänge öffnen, ohne eine Katastrophe heraufzubeschwören.

Mürrisch setzte sich Dotty auf und starrte das Objekt an, dem sie ihren Sturz zu verdanken hatte. Es war ein Schuh. Eine dämliche Designer-Sandalette, wie sie im Kleiderschrank ihrer Arbeitgeberin zuhauf zu finden waren.

Gleich darauf warf sie einen Blick auf das kitschige Himmelbett mit der roten Satinbettwäsche. Es war verlassen. Nein, bei genauerer Betrachtung wirkte es nicht verlassen, sondern unbenutzt. In diesem Bett hatte in der vergangenen Nacht niemand geschlafen.

»Mrs Lawrence?« Suchend blickte sich Dotty im Zimmer um.

Ein leises Grunzen wies ihr den Weg zum Schminktisch mit dem dreiteiligen Spiegel, und da saß sie: Den dürren Körper in einen teuren Morgenmantel gehüllt, starrte Hillary Lawrence ihr Spiegelbild an, den kahlen Schädel und die fahle Gesichtshaut. Sie saß genau so da, wie Dotty sie am Abend zuvor verlassen hatte.

»Sie haben doch wohl nicht die ganze Nacht auf diesem Stuhl zugebracht? Haben Sie einen Knall?«, entfuhr es Dotty und sie verfluchte sich selbst, weil sie es gerade am nötigen Respekt gegenüber ihrer Brötchengeberin fehlen ließ.

»Einen Knall?«, wiederholte die Gestalt vor dem Spiegel, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Ja, den habe ich wohl. Einen Knall, so laut wie der Aufprall einer Vorhangstange auf dem Fußboden.«

Dotty murmelte eine Entschuldigung, griff nach dem unberührten Wasserglas auf dem Nachttisch und beeilte sich, es der übernächtigten Frau zu bringen. Doch diese nahm es nicht an, sondern beäugte weiter kritisch ihr Abbild in dem Spiegel des Schminktisches.

»Ich bin zerstört. Hässlich wie die Nacht. Ist es nicht unglaublich, wie hässlich man werden kann? Ich wusste gar nicht, dass ich so eine ulkige Kopfform habe. Und jetzt habe ich auch noch einen Knall.«

Noch einmal drängte Dotty ihr das Wasserglas auf und wartete mit ihrem Kommentar, bis die Frau wenigstens einen Schluck getrunken hatte. »Sie haben sehr viel durchgemacht, da kann man doch nicht aussehen wie das blühende Leben. Die Chemo, die Bestrahlung, all das war eine ungeheure Belastung für Ihren Körper und auch Ihre Seele. Aber es ist vorbei, es liegt hinter Ihnen und der Doktor ist zufrieden mit Ihren Fortschritten.« Dotty lächelte aufmunternd und legte noch ein paar motivierende Übertreibungen nach. »Sie werden wieder ganz gesund, und schon in ein paar Wochen verschwindet dieser spitze Kopf unter einer Flut von blonden Haaren. Genau wie früher. Wie auf dem Titelbild der Modezeitschrift, die Sie mir kürzlich zeigten. Und dann haben Sie Ihr altes Leben wieder.«

Doch all die nett gemeinten Worte verfehlten ihre Wirkung.

»Mein altes Leben?« Die Stimme von Hillary Lawrence klang hohl. »Du meinst die wirklich guten Partys mit den angesagten Stars und Künstlern in den teuersten Clubs? Du meinst die Fotosessions mit namhaften Fotografen, die mich in den coolsten Looks fotografieren? Du meinst die neidischen Blicke der vielen jungen Mädchen, die jetzt auf der Straße achtlos an mir vorbeigehen würden?« Das Lachen klang alles andere als froh. »So läuft das nicht, Dotty. So ein Leben wartet nicht brav auf dich, während du dir eine monatelange Auszeit gönnst. Da draußen gibt es genug schöne und gesunde Mädchen, die ab morgen anstelle meiner Person von den Titelseiten der Zeitschriften lächeln. Ich bin schon fast vergessen. Und ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft habe, das zu ändern. Ich fühle mich so leer und unendlich müde. Gleichwohl weiß ich, dass es allerhöchste Zeit ist, mich bei den Wichtigen der Welt wieder in Erinnerung zu bringen, ansonsten bin ich in jedem Fall tot und begraben.«

»Es ist nicht verwunderlich, dass Sie müde sind, wenn Sie die ganze Nacht nicht schlafen.« Vorwurfsvoll deutete Dotty auf das unbenutzte Bett.

Doch Hillary Lawrence achtete gar nicht auf sie. Mit ihrer zarten Hand, an deren Fingern die Nägel gerade erst nachwuchsen, strich sie sich über den Schädel. »Sie müssten längst sprießen wie Unkraut. Bei anderen Frauen beginnen die Haare schon während der Chemo wieder zu wachsen, warum nicht bei mir? Warum sehe ich noch immer aus wie eine Außerirdische?«

Dotty dachte, dass nicht jeder Frau nach einer solchen Rosskur das Wunder einer dichten Haarpracht vergönnt war. Manches Haar blieb für immer schütter, aber dafür war die Person wenigstens am Leben, und das zählte ungleich mehr, oder? Wortlos reichte sie der Kranken die Echthaarperücke mit dem adretten aschblonden Pagenkopf. »Jammern hilft Ihnen nicht weiter, Mrs Lawrence. Sie müssen den Stier bei den Hörnern packen und kämpfen.«

»Hörner wären gar nicht so schlecht. Alles ist besser als diese Wüste auf meinem Kopf.« Für einen kurzen Moment zuckte ein Lächeln über ihre blassen Lippen.

Dotty war sich nicht sicher, ob das ein Witz hatte sein sollen, und lachte vorsichtshalber lieber nicht. »Haben Sie heute Schmerzen? Denn wenn nicht, dann beginnen wir beide gleich wieder mit unserem Fitnessprogramm. Dreimal den Flur hinauf und hinunter. In ein paar Tagen geben wir den großen Ball aus Anlass Ihrer Genesung. Hidden Manor wird einen Abend lang der Anziehungspunkt für viele Berühmtheiten sein. Da wollen Sie trotz allem sicher tanzen und fröhlich mitmischen.«

»Schmerzen? Ich habe immerzu Schmerzen.« Die Stimme des Ex-Models klang weinerlich. »Wie sollte ich auch keine haben? Zuerst hat man ein Stück aus mir herausgeschnitten und das, was übrig geblieben ist, mit Strahlen verbrannt. Weißt du, wie es sich anfühlt, lebendiges Barbecue zu sein? Nein, das weißt du nicht. Habe ich vergessen zu erwähnen, dass man mich auch noch vergiftet hat? Das macht das Chemohirn. Es arbeitet nicht zuverlässig. Diese blöde Ballnacht war eine ganz und gar hirnverbrannte Idee von mir und jemand hätte mich davon abhalten müssen, die Einladungen zu verschicken.«

»Nein«, widersprach Dotty und richtete die Perücke, die sich Hillary Lawrence lieblos auf das Haupt gestülpt hatte. »Dieser Ball ist eine großartige Idee, denn ohne diesen Termin im Hinterkopf wären Sie in den letzten Wochen vermutlich noch nicht einmal aufgestanden.« Der Spiegel vor ihnen zeigte eine leichte Verbesserung, doch es hätte eimerweise Make-up gebraucht, um aus dem ausgezehrten Wesen, das hier vor ihr saß, eine attraktive Frau zu machen. »Ich weiß nur, dass Sie das Schlimmste hinter sich haben. Der Doktor hat es gesagt, und dem glaube ich. Von jetzt an geht es nur noch aufwärts.«

»Aufwärts? Ich schaffe ja kaum ebenerdig. Und ich will nicht mehr auf dem Flur spazieren gehen«, quengelte das Ex-Model. »Dort sehe ich nur wieder Dinge, die du nicht siehst, und hinterher glaubt mir keiner.« Sie seufzte. »Es ist eine Sache, wie eine Verrückte auszusehen, aber eine ganz andere, wirklich eine zu sein. Ich will meinen Verstand nicht auch noch verlieren. Was bleibt mir denn dann noch?«

Dotty dachte an ein fettes Bankkonto, ein Haus in London und einen eigenen Fuhrpark in der Garage. Laut sagte sie: »Ein liebender Ehemann und ein quicklebendiger Sohn, der eine gesunde Mutter braucht.« Sie zupfte noch ein bisschen an der Perücke herum und suchte Blickkontakt mit ihrer Arbeitgeberin im Spiegel. »Also seien Sie tapfer und lassen Sie uns ein paar Schritte wagen. Ihre Trugbilder sind doch nur Spätfolgen der Behandlung. Auch das geht vorbei.«

Hillary Lawrence schüttelte den Kopf. »Nein, ich mag heute nicht tapfer sein. Ich lege mich ins Bett und starre ein bisschen die Zimmerdecke an. Tut mir leid.«

Dotty seufzte und hatte das Gefühl, für diesen Job wirklich völlig ungeeignet zu sein. Die Frau vor ihr hätte einen Personal Trainer gebraucht und kein Mädchen vom Lande, das ihr half, in die Kleider zu steigen. »Wollen wir dann vielleicht mit einem ordentlichen Frühstück beginnen?«

»Nur Kaffee«, war die trotzige Antwort.

Dotty gab es auf und verließ das Zimmer. Um die heruntergefallenen Vorhänge würde sie sich später kümmern.

Draußen auf dem Gang empfing sie der goldene Sonnenschein eines Spätsommertages, der durch ein hohes Fenster fiel. Es gab nicht viele lichtdurchflutete Orte in Hidden Manor. Die verwitterte und nur teilweise restaurierte Burg war ein eher dunkler Klotz mit dem Charme eines Eiswürfels. Daran hatten auch neue Fassadenteile aus Glas und Metall nichts geändert, sie hatten dem Ganzen vielmehr einen surrealen Charme verpasst. Doch eine fantastische Lage nahe der Küste und ein verträumter Garten glichen diese Mängel halbwegs aus.

Alles in allem war Dotty froh über ihre neue Arbeit als persönliche Assistentin der Hausherrin. ›Kammerzofe‹ wurde sie von ihren Freundinnen scherzhaft genannt, wenn sie sich an ihrem freien Tag trafen, doch das war ihr egal. Die Bezahlung war gut, die Launen der Mrs Lawrence erträglich und die Arbeit nicht besonders schwierig, wenn auch, wie heute Morgen, manchmal unbefriedigend.

Lange würde sie diese Stelle sowieso nicht innehaben, das war ihr klar. War die vom Schicksal so hart bestrafte Frau, die nur wenige Jahre älter als Dotty selbst war, erst wieder sicher auf ihren langen Beinen unterwegs, dann konnte die Familie Lawrence ihr Jetset-Leben in London wieder aufnehmen und Hidden Manor verlassen.

Dotty würde zurückbleiben und auf neue Arbeitgeber warten, denn sie liebte diese Gegend und nichts lag ihr ferner, als das Landleben gegen ein Dasein im überfüllten London einzutauschen.

Diese Burg wurde immer wieder aufs Neue vermietet. Manchmal nur für einen Sommer, manchmal auch für länger, also würde Dotty die Arbeit niemals ausgehen. Und wenn der nächste Mieter lieber eine Wäscherin oder Gesellschafterin haben wollte als eine persönliche Assistentin, dann würde sich Dotty auch auf die Stelle bewerben. Ihr war es egal, womit sie ihr Geld verdiente, solange sie nur weiterhin im Schatten von Hidden Manor leben konnte.

Sie eilte den verwinkelten Flur entlang, um Kaffee aus der Küche zu holen, und bog wieder einmal falsch ab, weil sie mit den Gedanken woanders gewesen war. Das war einer der Nachteile an diesem Gebäude: Sein Erbauer war äußerst planlos vorgegangen. Wer nicht auf seine Schritte achtete, landete nur selten ohne Umwege an seinem Zielort. Hidden Manor war zu verwinkelt.

Kein Wunder, dass Mrs Lawrence manchmal glaubte, Dinge zu sehen, die nicht da waren. Man bog um eine Ecke, ein Schatten trat ins Blickfeld und verschwand wieder, und schon gaukelte einem das Hirn die seltsamsten Sachen vor. So musste es sein, zumindest hoffte Dotty, dass es so war.

Dotty stellte bald fest, dass sie in ihrer Unaufmerksamkeit nur einen kleinen Umweg gemacht hatte. Sie befand sich jetzt im ehemaligen Dienstbotentreppenhaus von Hidden Manor.

Na, auf diese Weise würde sie auch zur Küche gelangen.

Zügig schritt sie voran und stieß einen überraschten Schrei aus, als sie unvermutet mit jemandem zusammenprallte und zum zweiten Mal an diesem Morgen zu Boden stürzte. Hart schlug sie auf dem robusten Sisalteppich auf.

»Entschuldigung«, hörte sie die Stimme des Hausherrn über sich, und schon waren da zwei starke Arme, die ihr aufhalfen.

Doch Dotty bemerkte sofort, dass die Hände von Mr Lawrence zitterten, und als sie den Kopf hob, um ihm ins Gesicht zu sehen, hatte dieses einen Ausdruck, den sie nicht benennen konnte.

»Hast du dir wehgetan?« Sogar seine Stimme bebte.

»Nein, alles in Ordnung«, erwiderte Dotty und zupfte Rock und Bluse zurecht. »Wie steht es mit Ihnen? Sie sehen etwas verwirrt aus.«

In dem Moment, da sie es aussprach, wusste Dotty, dass ihre Wortwahl zutreffend war. Der Mann sah verwirrt aus. So wirr, wie es sonst nur sein blondes Haar zu sein pflegte, war jetzt auch der unstete Blick seiner Augen. Als ob ihm gerade etwas Unglaubliches widerfahren wäre.

»Schnell, Dotty, komm mit. Das musst du sehen. Oder vielmehr musst du mir sagen, ob du überhaupt etwas siehst.« Mr Lawrence, der stattliche Mann von etwa dreißig Jahren, hastete durch den schmalen Flur, zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

Dotty folgte ihm, so schnell sie konnte, eine Treppe hinunter. An ihrem unteren Ende blieb Brian Lawrence stehen und sah sich hektisch um.

»Dort! Kannst du ihn sehen? Er schwebt dort im Halbdunkel neben der alten Kleidertruhe und dreht sich um sich selbst!«

Sie stellte sich neben ihn, kniff die Augen zusammen und spähte in einen, wie sie fand, ganz und gar unauffälligen Winkel neben dem Treppengeländer.

Dort war nichts. Oder doch? Für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, dass sich etwas bewegte. Ein Tier vielleicht? Nein, das waren nicht die Bewegungen eines Tieres gewesen. Nichts Lebendiges bewegte sich auf so eigenartige Weise. Tiere rotierten nicht. Es sei denn, sie versuchten, den eigenen Schwanz zu fangen.

»Jetzt ist er fort.« Mr Lawrence klang aufgeregt. »Hast du ihn gesehen?«

Hatte sie das? Nein, es konnte auch Einbildung gewesen sein. Sie wollte auch lieber nichts gesehen haben, was einen Augenblick später nicht mehr da war. Langsam schüttelte sie den Kopf.

»Verdammt!« Er schlug mit der Faust gegen das Geländer. »Aber er war dort. Oder werden wir plötzlich alle verrückt? Dotty, glaubst du, dass diese seltsamen Dinge, die meiner Frau widerfahren sind, vielleicht doch keine Hirngespinste waren? Kann es sein, dass es auf Hidden Manor spukt?«

Sie zuckte hilflos mit den Schultern und senkte den Blick.

Was hätte sie darauf erwidern sollen? Dass sie nichts über Hirngespinste oder Spuk wissen wollte?

Während sie gemeinsam am unteren Treppenabsatz standen und wieder zu Atem kamen, ging eine Wandlung in dem Mann neben ihr vor sich. Alle Hektik und Verwirrung fiel schlagartig von ihm ab und machte einer fast beängstigenden Nüchternheit Platz.

»Es ist an der Zeit, einen Fachmann zurate zu ziehen.« Er richtete seine Krawatte, die in den Farben einer bekannten Privatschule gehalten war. »Wenn am kommenden Wochenende eine Herde wichtiger Menschen durch unsere Haustür schreitet, um sich hier einen Abend lang nach besten Kräften zu amüsieren, kann ich keine Gespenster oder Ähnliches gebrauchen. Wie stehe ich denn dann da?«

»Ja, das geht natürlich nicht.« Dotty nickte eifrig, um ihre Zustimmung zu bekunden und gleich ein paar Bedenken loszuwerden. »Aber so ein Fachmann zieht ja auch neugierige Blicke auf sich. Wollen Sie denn wirklich einen Geisterjäger im Haus haben? Sind diese Leute nicht alle Spinner?«

»Schon«, räumte Mr Lawrence ein. »Aber nicht allen sieht man das an der Nasenspitze an. Ich hatte da einen Schulfreund und späteren Studienkollegen, einen gewissen Conrad Bligh. Netter Kerl, bisschen seltsam, aber ein vielversprechender Anwalt, dachte ich damals. Das dachten wir alle. Dann ist er leider völlig verrückt geworden und hat eine Kanzlei für Geister und durch sie Betroffene gegründet.«

»Ach«, brachte Dotty hervor, weil sie nicht so recht wusste, was sie dazu sagen sollte.

»Ich werde ihn anrufen oder noch besser: Ich werde ihm schreiben, das ist irgendwie offizieller. Er muss mir diesen Spuk vom Hals schaffen oder ihn zumindest für die Dauer der Ballnacht irgendwo einsperren.«

»Kann man einen Spuk denn einsperren?« Dotty bemerkte, dass ihre Stimme sehr dünn und ein wenig zittrig klang.

»Mein alter Freund Conny wird wissen, was hier vor sich geht und was zu tun ist.« Brian Lawrence klang zuversichtlich. »Und er wird alles tun, um mir zu helfen, da bin ich sicher.«

Kapitel 1

 

Londoner Stadtteil Kensington, September 2018, kurz nach 11.00 Uhr.

 

 

Lieber Conrad,

erinnerst du dich noch an deinen alten Kumpel und Schulfreund Brian Lawrence?

 

 

Conny ließ den Brief, den er in der Hand hielt, sinken und sah Allison an. Seine Gefährtin bot den typischen Es-ist-gerade-erst-elf-Uhr-Anblick: Ihr langes schwarzes Haar glich einem verlassenen Vogelnest und ihr schlanker Körper, der es noch nicht aus dem Bett geschafft hatte, steckte in einem Overall mit Häschenmotiven. Hätte nicht jedes der Häschen ein Jagdgewehr im Anschlag gehabt, gekrönt von einer Sprechblase mit den Worten: »Wag es!«, dann wäre der Anblick ganz niedlich gewesen. Doch Allison war nur sehr selten niedlich.

»Also, an dieser Stelle möchte ich einfügen, dass Brian Lawrence und ich niemals Kumpel waren.« Conny tippte mit dem Zeigefinger auf die eng beschriebenen Zeilen des Briefes. »Er ist genau der Typ Mensch, der Jungen wie mir zu Beginn eines neuen Schuljahres den Kopf ins Klo gesteckt hat und das auch noch komisch fand.«

»Umso spannender kommt es mir vor, dass er dir schreibt«, brachte Allison begleitet von einem Gähnen heraus. »Lies weiter, vielleicht hat der Kerl ja einen Job für uns.«

Conny runzelte die Stirn, begann aber erneut, Allison den Inhalt des Briefes vorzulesen. »›Sicher hast du gedacht, dass du nie wieder von mir hören würdest, richtig?‹« Conny nickte zustimmend, doch als Allison ihm einen Fausthieb auf den Oberarm gab, las er brav weiter. »›Wie du dir sicher vorstellen kannst, habe ich inzwischen eine glänzende Karriere hingelegt. Im Gegensatz zu dir sind meine Klienten lebendig und zahlungsfähig. Was für eine verrückte Idee von dir, eine Kanzlei ins Leben zu rufen, die sich um die Belange von Geistern kümmert. Aber du warst ja schon immer etwas seltsam.‹« Conny sah auf. »Wieder so eine versteckte Gemeinheit. Ich war nie seltsam. Bevor ich auf dich traf, war ich völlig normal.«

»Lies einfach vor, Conny«, fauchte Allison und warf ein Kissen nach ihm. »Das kann doch nicht so schwer sein.«

»Also gut.« Er räusperte sich. »›Leider läuft es bei mir im Privaten nicht ganz so rund, wie ich es mir wünschen würde. Vor einigen Wochen musste die Frau, die ich geheiratet habe, eine schwere Krankheit durchmachen, die sie sehr mitgenommen hat. Um ihr etwas Erholung zu verschaffen, habe ich eine herrlich mittelalterliche Location an der Küste für uns gemietet. Zuerst war Hillary von unserem Domizil begeistert, das Leben auf einer Burg gefiel ihr. Doch seit einer Weile wird sie immer nervöser. Sie behauptet allen Ernstes, Erscheinungen zu haben.‹« Conrad zog eine Augenbraue hoch und warf Allison einen vielsagenden Blick zu. »Merkst du, was ich meine? Er spricht nicht von Liebe, sondern von der Frau, die er geheiratet hat, und allen Ernstes von einer ›mittelalterlichen Location‹. Er ist ein Blödmann. Ein klassischer Idiot.«

»Weiter!«, quengelte Allison und starrte an die Decke ihres gemeinsamen Zimmers, das sie erst kürzlich zur Untermiete bezogen hatten.

Tante Ethel, keine echte Verwandte, aber eine alte Bekannte von Allison, überließ ihnen preisgünstig diese Bleibe im Stadtteil Kensington, wo die alte Dame ihr ganzes Leben zugebracht hatte. Die Verbesserung bestand für Conny nicht nur darin, dass er jetzt nicht mehr auf einem Feldbett in seinem Büro nächtigen musste. Nein, das Leben bei Tante Ethel hielt noch weitere Vorzüge wie beispielsweise regelmäßige, selbst zubereitete Mahlzeiten für ihn parat. Letzteres begann glücklicherweise noch nicht, sich auf seine schlanke Figur auszuwirken.

Natürlich träumte Conrad davon, eines Tages eine eigene Wohnung für sich und Allison unterhalten zu können. Doch ihre gemeinsame Kanzlei, Harrowmore Souls, befand sich noch im Aufbau, und Geld gehörte nicht zu den Dingen, die sie derzeit im Überfluss besaßen. Also war das Wohnen zur Untermiete bei Tante Ethel die denkbar beste Zwischenlösung.

Während ein schwacher Duft nach Kaffee und geröstetem Brot Conrad daran erinnerte, dass Tante Ethel bereits beim zweiten Frühstück saß, beugte er sich erneut über den Brief und fuhr fort: »›Zuerst hielt ich Hillarys Berichte für Hirngespinste und schob alles auf ihre Medikamente, aber kürzlich hatte ich selbst ein höchst eigenartiges Erlebnis und halte es nun für möglich, dass es auf Hidden Manor nicht mit rechten Dingen zugeht. So bitte ich also meinen Freund aus alten Tagen, dich, der du dich dem Übersinnlichen verschrieben hast, um Hilfe. Und es eilt, denn wir haben zu einem großen Maskenball geladen, um Hillarys Genesung zu feiern, die leider längst nicht so schnell voranschreitet, wie wir es uns gewünscht haben. Einen Skandal darf ich mir, wie du dir sicher vorstellen kannst, nicht erlauben, und Spuk ist nun einmal skandalös, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Mit diesem Brief lasse ich dir und deiner Kollegin eine Einladung zukommen und hoffe, dich sehr bald, gerne noch vor den anderen Gästen, auf Hidden Manor begrüßen zu dürfen. Dein alter Freund Brian.‹« Conny ließ den Brief sinken. »Das war’s. Der Typ will uns tatsächlich anheuern. Nicht so sehr, damit wir seine Ballgäste vor Schaden, sondern ihn vor Klatsch bewahren, kaum zu fassen. Komm, wir verbrennen diesen Schrieb und überlassen ihn seinem Schicksal.«

»Diesem Brian könnte ich das problemlos antun, aber was ist mit den Geistern in seinem Haus?« Allison sah nachdenklich aus. »Klingt doch sehr danach, als ob die einen Anwalt und eine Seelensorgerin bitter nötig hätten. Bei den oberflächlichen Bewohnern um sie herum bin ich schon etwas beunruhigt.«

»Mich beunruhigt viel mehr, dass mein ›alter Freund‹ hier eher eine Einladung zu einem Ball ausspricht, aber keine Zeile von einem offiziellen Auftrag für unsere Kanzlei darin steht. Ich traue ihm ohne Weiteres zu, dass er sich damit um eine Bezahlung unserer Dienste drücken will«, erwiderte Conny und beobachtete, wie Allison mit einem Satz aus dem Bett sprang und auf der Ablagefläche einer wuchtigen Kommode herumwühlte.

Schließlich fand sie zwischen Socken und leeren Kekspackungen, wonach sie gesucht hatte: einen Kugelschreiber und einen Notizblock.

»Schreib ihm sofort zurück«, forderte sie ihn auf. »Nicht per Mail, sondern ebenfalls auf dem Postweg, genau wie er. Das hat Klasse. Schreib ihm, dass du den Auftrag gern annimmst und mit deinem gesamten Team am Tag des Balles anrückst, was natürlich nicht billig für ihn wird.«

»Mit meinem gesamten Team?« Conny schwante Übles.

»Ja, mit deiner Partnerin, dem Empfangssekretär und einer zusätzlichen Assistentin samt Kanzlei-Maskottchen. Er soll alles für uns vorbereiten. Mach es richtig schön teuer für ihn.« Allisons Miene duldete keinen Widerspruch.

Gehorsam nahm Conny Block und Stift entgegen und formulierte laut sein Antwortschreiben: »Lieber Brian, ich komme am nächsten Wochenende in Begleitung einer Zeitreisenden, eines Gespenstes, meiner stummen Putzfrau und einer Ente zu dir. Stell dich auf eine gesalzene Rechnung ein.«

»Klingt super. Gesprochen wie ein echter Großkotz, das wird diesen Brian beeindrucken.« Allison grinste. »Jetzt lassen wir das von Nigel auf unser Briefpapier tippen und packen unsere Sachen. Was soll ich bloß anziehen? Wir sind schließlich zu einem Ball eingeladen.«

»Einem Maskenball«, korrigierte Conny. »Und er findet bereits am kommenden Wochenende statt.«

»Na, dann ist es ja allerhöchste Zeit, dass wir unsere Vorbereitungen treffen.« Allison turnte erneut aus dem Bett und riss die Türen des einzigen Kleiderschrankes im Raum weit auf. Auf ihrer Seite hingen ein paar für sie typische Overalls, die Kampfanzügen glichen, und ein paar enge Jeans. »Mist. Ob ich als Rambo gehen kann?« Sie zerrte einen Einteiler in Tarnfarben von seinem Bügel.

»Großartige Idee. Dann kannst du einfach so bleiben, wie du bist. Die bewaffneten Häschen auf deinem Pyjama wirken sehr überzeugend«, gab Conny zurück und sah an sich herab. »Ich denke, ich gehe als Conny Bligh, das ist ein nettes, praktisches und zeitsparendes Kostüm. Außerdem ist es jetzt erst mal allerhöchste Zeit für mein Frühstück. Nur weil deine Tage nicht vor elf Uhr beginnen, trifft das nicht auf deine Mitmenschen zu. Ich bin schon in aller Frühe um den Häuserblock gejoggt, habe den Briefkasten geleert und mich geduscht.«

»Du bist mein Held der frühen Stunde«, spottete Allison. »Obwohl du mir bisher noch nie eine Burg an der Küste gemietet hast wie dieser Brian für seine Frau. Er scheint sich doch sehr um sie zu sorgen, auch wenn er nicht ausdrücklich erwähnt hat, dass er sie liebt.« Allison warf den Overall zurück in den Schrank. »Weißt du, wofür ich dich liebe? Für das Duschen nach dem Joggen. Dein frischer Seifenduft macht fast so wach wie Frühstücksduft. Fast. Würdest du mir wohl einen Kaffee ans Bett bringen, Schätzchen? Währenddessen denke ich über mein Kostüm nach.«

»Mal sehen.« Doch er erhob sich augenblicklich und marschierte los, um ihr den Wunsch zu erfüllen.

In der Küche traf Conny auf Tante Ethel, die fröhlich vor sich hin summte und gleichzeitig einen Honigtoast vertilgte.

Tante Ethel war genau die Art Mensch, die man sofort und ohne Vorbehalte lieb gewann. Und zwar, weil sie es genauso hielt. Als Conny vor einigen Wochen zum ersten Mal in Allisons Begleitung in diese Küche gekommen war, hatte Tante Ethel ihm augenblicklich einen Sitzplatz, einen heißen Tee, Kekse und einen Platz in ihrem Herzen angeboten. Conny hatte alles dankbar angenommen und sich seit dem Auszug aus seinem Elternhaus nie wohler gefühlt als in Tante Ethels Gästezimmer, das sie ihnen zu einem Spottpreis auf unbestimmte Zeit überließ.

Die schlanke Frau mit den feinen roten Haaren, deren Alter sich nur schwer schätzen ließ, hatte niemals eine eigene Familie gehabt, sondern stattdessen ihr Patenkind Livie Emerson aufgezogen. Besagtes Patenkind war allerdings früh verstorben und durch Umstände, die Conny nicht verstehen, sondern nur akzeptieren konnte, zur Banshee der Familie Harrowmore und später zur Patentante seiner Gefährtin Allison geworden.

So schloss sich der Kreis. Tante Ethel, nach Livies Tod doch etwas einsam, hatte nun wieder Gesellschaft in Form von Allison, Livies Patenkind, das eigentlich gar nicht hier sein sollte, weil es aus einer mehr als zwanzig Jahre entfernten Zukunft angereist war, um mit ihm, Conny, zu leben.

Denn Conny und Allison waren füreinander bestimmt, so hatte sie es ihm gesagt. Und wer würde es schon wagen, einer Frau zu widersprechen, deren Pyjama mit bewaffneten Häschen bedruckt war?

»Na, was treibt unsere kleine Zeitreisende denn so?«, wollte Tante Ethel wissen und bestrich ihm unaufgefordert einen Toast mit Honig und Butter.

»Sie plant einen Großeinsatz der Kanzlei Harrowmore Souls«, erzählte Conny freimütig. »Im Landhaus eines meiner Schulkameraden scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Wir werden uns dort umsehen, während gleichzeitig ein großer Maskenball stattfinden soll. Klingt bizarr und irgendwie nach Edgar Allen Poe, ich weiß. Aber es klingt auch ganz und gar nach Brian Lawrence. Seine Party muss steigen, ganz egal, was dagegensprechen könnte. Und falls ihm Gespenster Probleme bereiten wollen, dann gibt es ja noch den guten alten Conny Bligh.« Conny lachte gekünstelt, doch Tante Ethel verzog keine Miene. Sie schien seine Gefühle zu erraten.

Nachdenklich rührte seine Vermieterin in ihrer Kaffeetasse und sah dem Honig dabei zu, wie er vom Toast auf den Teller tropfte. »Und Allison will wirklich alles mitnehmen, was Beine hat? Euren faszinierend leblosen Sekretär ebenso wie die noch immer angeschlagene Putzhilfe Miranda?«

Conny nickte und biss in seinen Toast. Erst jetzt bemerkte er Tante Ethels grüblerischen Gesichtsausdruck. Er hielt im Kauen inne. »Stimmt was nicht? Allison hat gemeint, dass wir es für Brian so richtig schön teuer gestalten können. Deswegen will sie viel Personal auffahren. Meinst du, da steckt mehr dahinter, als sie mir sagt? Muss ich mir Sorgen machen?«

Tante Ethel blickte auf und schien einen Moment lang überrascht von seiner Naivität. Dann bestätigte sie seine Vermutung mit einem Kopfnicken und meinte: »Als Anwalt der Geister solltest du dir immer Sorgen machen, Conny. Man kann nie wissen, in welche Situation ihr als Nächstes geratet. Allison weiß das genau, auch wenn sie sich gern sorglos gibt. Bleib also wachsam, Conny, denn vielleicht wittert die Frau an deiner Seite bereits wieder Unheil und fährt deswegen lieber die scharfen Geschütze auf.«

»Aber Nigel und Miranda sind keine scharfen Geschütze, eher das Gegenteil. Und sie weiß doch auch nicht mehr als ich«, protestierte Conny und legte sein Frühstück zur Seite. »Wir haben beide nur die Informationen aus Brians Brief, den ich ihr vorgelesen habe. Und die sind mehr als dürftig.«

Tante Ethel streckte ihre Hand aus und hielt sie ihm auffordernd hin. »Darf ich dieses Schreiben mal sehen?«

Augenblicklich begann Conny in allen Taschen seiner Kleidung zu suchen und wurde in den Tiefen seiner Cordhose fündig. Bereitwillig gab er den Brief an Ethel weiter und beobachtete gespannt ihre Miene beim Lesen der Zeilen.

Als sie Brians Schreiben zurück in den Umschlag schob, lächelte sie. »Dann ist ja alles klar.«

»Spiel jetzt bitte nicht die Geheimnisvolle«, quengelte Conny und verdrehte die Augen. »Das ertrage ich einfach nicht. Von der Sorte habe ich manchmal eine neben mir im Bett liegen, das reicht völlig.«

»Es ist der Plural in der Schilderung dieses Brian, mein lieber Junge. Das hat deine Freundin nervös gemacht. Und zudem gibt es da natürlich noch den Maskenball mit vielen sorglosen Gästen. Ja, da solltet ihr unbedingt Verstärkung mitbringen.«

»Plural?« Connys Augen wurden schmal. »Wenn es hier um Grammatik geht, muss ich gestehen …«

»Erscheinungen.« Tante Ethel gab ihm den Brief zurück. »Dein Freund spricht von Erscheinungen und Erlebnissen, die seine Frau hatte. Vermutlich hat sie mehr als einen Geist gesehen.«

»Oder mehrfach denselben«, widersprach Conny.

Ethel schüttelte den Kopf. »Das glaube ich weniger. Ihr bekommt es möglicherweise mit einer Vielzahl an Spukgestalten zu tun. Was, wenn die alles andere als harmlos sind? Man stelle sich eine Armee von Geistern auf einer rauschenden Ballnacht mit zahlreichen Gästen vor. Es könnte eine Panik ausbrechen. Hidden Manor klingt nicht wie der Name eines Gebäudes, das mit genügend Notausgängen errichtet wurde. Und zertrampelte Berühmtheiten im Hauseingang machen sich nicht gut auf der weißen Weste deines Schulfreundes. Auf deiner übrigens auch nicht. Du solltest den Job nicht zu leicht nehmen, denn Allison ist ebenfalls auf der Hut.«

Conny lauschte ihren Worten mit wachsender Beunruhigung.

Konnte der Maskenball wirklich eine Gefahr für Leib und Leben darstellen? Er hoffte es nicht. Er wollte lieber an einen kleinen harmlosen Geist glauben, der von sich aus die Menge der Gäste meiden und sich verstecken würde.

Wie wäre es denn mal mit einem netten oder lustigen Gespenst? Das klang doch unterhaltsam. Bei allem anderen würde ihnen Miranda sowieso keine Hilfe sein.

Kapitel 2

 

Miranda Banks verstand die Welt nicht mehr. Seit fast drei Wochen war sie jetzt hier in London. Das Abenteuer in Cumbria, das sie aus der Bahn geworfen hatte, lag schon eine Weile zurück. Und auch wenn sie ihre Stimme noch immer nicht zurückbekommen hatte, gab ihr Leben derzeit genug Anlass zur Zufriedenheit.

Sie hatte einen Job als Reinigungskraft in der Kanzlei Harrowmore Souls angenommen, eine zahme Ente namens Hng an ihrer Seite und ein Dach über dem Kopf. Da war nur diese eine Kleinigkeit, die ihr immer neue Rätsel aufgab, und die hieß Nigel.

Nigel Goodfellow arbeitete wie sie selbst in Connys und Allisons Kanzlei. Er war der Mann am Empfang und die gute Seele des Betriebs. Nigel begrüßte die Klienten, sorgte für ein ansprechendes Ambiente in den Räumen, nahm Anrufe entgegen und koordinierte die wenigen Termine seiner Brötchengeber.

Miranda gegenüber war er stets höflich und korrekt, ja manchmal sogar charmant. Obwohl sie hier nur die Putzfrau war und in einer Kammer neben den Büroräumen nächtigte, hatte er ihr nie das Gefühl gegeben, dass sie in der Rangordnung unter ihm stand.

Und doch musste es so sein. Wie sonst war es zu erklären, dass all ihre Bemühungen, ein Date mit diesem Mann einzufädeln, einfach ins Leere liefen? An ihrer Sprachlosigkeit konnte es kaum liegen, Miranda hatte es bereits mit geschriebenen Zettelchen und sehr eindeutigen Gesten versucht, aber sie kam einfach nicht an Nigel heran.

Was immer sie auch unternahm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, seine Reaktion bestand aus einem höflichen Lächeln und einer Tasse Tee mit Gebäck. Miranda konnte schon keine Kekse mehr sehen.

Konnte der Kerl etwa schwul sein? Das wäre wirklich ein Jammer, denn er sah blendend aus, auch wenn er sich eher nach der Mode des letzten Jahrhunderts kleidete, und er entsprach genau ihrem Typ.

Vielleicht war ihr Typ Mann ja ein bisschen schwul? Das würde erklären, warum sie noch nicht den Richtigen fürs Leben gefunden hatte, und Nigel wollte diesen Platz in ihrem Leben ganz offensichtlich auch nicht haben.

Miranda seufzte, öffnete ein Fenster und schlug ihr Staubtuch kräftig aus. Ein schmutziges Wölkchen senkte sich auf die ebenso schmutzigen Straßen Hackneys herab.

Die Anwaltskanzlei für Geister und durch sie Betroffene lag nicht gerade in der besten Gegend. Der trockene Spätsommer, der nur langsam dem Herbst weichen wollte, ließ die ganze Welt staubig und trostlos erscheinen und trug nichts dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Miranda seufzte zum zweiten Mal.

»Betrübt, meine Liebe?« Galant reichte ihr Nigel eine Tasse dampfenden Tee. Daneben lag einer dieser unvermeidlichen Kekse.

Sie hatte ihn nicht kommen hören. Miranda hörte Nigel seltsamerweise nie kommen und sah ihn auch niemals gehen. Er war immer irgendwie da. Über ein nennenswertes Privatleben verfügte er ganz offensichtlich nicht.

Warum konnte er dann nicht begreifen, dass sie sein Privatleben sein wollte?

Mit einem Lächeln steckte sie das Staubtuch weg, nahm den Tee entgegen und ignorierte den Keks. Das Getränk war nicht zu heiß, leicht gesüßt und mit einem Hauch Sahne verfeinert worden, es war ebenso perfekt wie Nigel.

Miranda verkniff sich den dritten Seufzer und betrachtete diesen Mann, der eine willige Frau wohl auch dann nicht als solche erkannt hätte, wenn sie sich nackt vor ihm auf dem Teppich rekelte. Oder sollte sie Letzteres einfach mal ausprobieren?

Ihre Gedanken wurden vom Schnattern der Kanzlei-Ente unterbrochen, welche die Ankunft eines Besuchers meldete. Doch es war kein zahlungsfähiger Kunde, der da zur Tür hereinkam, es war Allison. Und Miranda konnte ihr am Gesicht ablesen, dass es aufregende Neuigkeiten gab.

»Macht euch auf eine Geschäftsreise gefasst, wir haben einen Großeinsatz und ich brauche jeden verfügbaren Mann und jede Frau.« Allison, in ihrem dunkelblauen Overall ähnlich einem Handwerker gekleidet, stand breitbeinig wie ein Kapitän auf der Brücke seines Piratenschiffes, das Kinn in die Höhe gereckt. Es fehlte eigentlich nur noch ein Säbel, dachte Miranda. »Wir fahren nach Hidden Manor, denn dort wurden Erscheinungen gesichtet. Klingt eigentlich ganz niedlich, oder? Erscheinungen. Genauer hat sich unser Auftraggeber leider nicht ausgedrückt.«