Der Tartuffe - Sigrid Behrens - E-Book

Der Tartuffe E-Book

Sigrid Behrens

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Beschreibung

Der reiche Bürger Orgon hält sich den religiösen Eiferer Tartuffe als Dauergast in seinem Haus, um den – wie er findet – allzu freizügigen Sitten seiner Familie Einhalt zu gebieten. Orgons Kinder, seine Frau Elmire und sein Schwager betrachten diesen merkwürdigen Gast jedoch mit größter Skepsis. Während Orgon aus geschäftlichen Gründen abwesend war, hat Tartuffe im Haushalt eine Atmosphäre von Überwachung und Freudlosigkeit verbreitet. Orgons Familie wagt jedoch nicht dagegen zu rebellieren, fürchten man doch den Zorn des Hausherrn, auf dessen Kosten sich prächtig leben lässt. Erst als Orgon nach seiner Wiederkehr seiner Tochter Marianne mitteilt, dass er sie mit Tartuffe verheiraten wolle, eskaliert die Situation.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Molière

Der Tartuffe oder Der Betrüger

(Le Tartuffe ou l'imposteur)

Aus dem Französischen von Sigrid Behrens

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Theatertexte finden Sie unter www.dreimaskenverlag.de

Copyright © Drei Masken Verlag GmbH, Herzog-Heinrich-Straße 18, 80336 München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden. Sämtliche Rechte der öffentlichen Wiedergabe (u.a. Aufführungsrecht, Vortragsrecht, Recht der öffentlichen Zugänglichmachung und Senderecht) können ausschließlich von der Drei Masken Verlag GmbH erworben werden und bedürfen der ausdrücklichen schriftlichen Zustimmung. Nicht genehmigte Verwertungen verletzen das Urheberrecht und können zivilrechtliche ggf. auch strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

5 D | 7 H

Personen

MADAME PERNELLE, Orgons Mutter

ORGON, Elmires Ehemann

ELMIRE, Orgons Ehefrau

DAMIS, Orgons Sohn

MARIANE, Orgons Tochter und Geliebte des Valère

VALÈRE, Marianes Geliebter

CLÉANTE, Orgons Schwager

TARTUFFE, Heuchler

DORINE, Marianes Zofe

MONSIEUR LOYAL, Gerichtsvollzieher

Ein Gesandter des Königs

FLIPOTE, Dienerin der Madame Pernelle

Ort der Handlung ist Paris.

1. AKT

Szene I

MADAME PERNELLE und FLIPOTE, ihre Dienerin. ELMIRE. MARIANE. DORINE.

DAMIS. CLÉANTE.

MME PERNELLEGehen wir, Flipote, gehen wir, damit ich endlich von hier wegkomme.

ELMIRESo schnell, wie Ihr geht, kommt man ja gar nicht hinterher!

MME PERNELLELasst gut sein, Schwiegertochter, begleitet mich nicht weiter – solche Förmlichkeiten kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.

ELMIREEhre, wem Ehre gebührt! Doch sagt mir, Mutter, warum nur wollt Ihr so rasch fort?

MME PERNELLEWeil ich diese Zustände hier einfach nicht ertrage, und weil sich hier niemand darum kümmert, ob sie mir gefallen! Ganz genau, ich gehe ziemlich entrüstet von Euch: Was immer ich sage, mir wird widersprochen, nichts wird respektiert, jeder ist anmaßend – Hier geht es wirklich zu wie auf dem Hofe von König Knall!

DORINEWenn –

MME PERNELLEFür so eine Zofe habt Ihr, meine Gute, ein reichlich großes Maul. Und unverschämt seid Ihr obendrein! Zu allem gebt Ihr Euren Senf dazu.

DAMISAber –

MME PERNELLEIhr, mein Junge, seid ein Dummkopf, wie er im Buche steht – das sage ich Euch als Eure Großmutter, die ich bereits meinem Sohn, Eurem Vater, tausendmal vorhergesagt habe, dass Ihr sehr viel Ähnlichkeit mit einem Taugenichts habt und ihm zeitlebens nur Kummer bereiten würdet.

MARIANEIch glaube –

MME PERNELLEMein Gott, seine Schwester, Ihr tut so harmlos und sanftmütig, als könntet Ihr keiner Fliege etwas zuleide tun! Dabei weiß jeder, dass die stillen Wasser die schlimmsten sind, und im Verborgenen führt Ihr Dinge im Schilde, die mir überhaupt nicht gefallen.

ELMIREAber meine Mutter –

MME PERNELLEBeste Schwiegertochter, nehmt es mir nicht übel, aber Euer Verhalten ist in jeder Hinsicht schlecht; Ihr müsstet ihnen doch mit gutem Beispiel vorangehen! Ihrer verstorbenen Mutter ist das weit besser gelungen … Ihr hingegen seid ver­schwenderisch, und es kränkt mich ungemein, dass Ihr hier wie eine Prinzessin gekleidet herumlauft. Eine, die nur ihrem Ehemann gefallen will, Schwiegertochter, die braucht sich bestimmt nicht so herauszuputzen.

CLÉANTEAber Madame, bedenkt doch –

MME PERNELLEWas Euch, ihren Bruder, betrifft, so schätze ich Euch sehr, liebe und verehre Euch; wäre ich allerdings mein Sohn, ihr Gatte, ich bäte Euch eindringlich, uns nicht mehr zu besuchen. Ständig predigt Ihr Grundsätze fürs Leben, die ehrbare Menschen niemals befolgen sollten. Ich spreche frei heraus, so bin ich eben – wenn mir etwas auf der Seele brennt, nehme ich kein Blatt vor den Mund.

DAMISDa hat es Euer Herr Tartuffe aber gut getroffen …

MME PERNELLEDas ist in der Tat ein guter Mensch, auf den man hören sollte, und es macht mich wütend, mit anzusehen, wie er von einem Verrückten wie Euch lächerlich gemacht wird.

DAMISBitte? Soll ich etwa erdulden, dass sich ein miesepetriger Heuchler in diesem Hause breitmacht und seine tyrannische Herrschaft errichtet, auf dass wir uns an gar nichts mehr erfreuen dürfen, solange es dem feinen Herrn nicht beliebt?

DORINEHörte man auf ihn und glaubte seinen Grundsätzen, jede Handlung wäre schon eine Straftat; alles kontrolliert er, dieser übereifrige Kritiker –

MME PERNELLE– und alles, was er kontrolliert, ist seine Kontrolle auch wert. Sein Ziel ist es, Euch den Weg des Himmels zu weisen! Mein Sohn sollte Euch beibringen, ihn zu mögen.

DAMISNein! Versteht doch, Großmutter, dass weder ein Vater noch irgendetwas mich dazu bringen wird, ihm wohlgesonnen zu sein – ich verriete mein Herz, würde ich anders sprechen. Über sein bloßes Benehmen kann ich mich jedes Mal aufregen. Ich ahne es schon, irgendwann werde ich mit diesem Plattfuß gehörig aneinander geraten.

DORINEIm Übrigen ist es doch wirklich skandalös, wie sich hier ein Wildfremder zum Hausherren aufschwingt – ein Habenichts, der, als er kam, keine Schuhe besaß und dessen gesamte Kleidung gerade mal sechs Heller wert war! Dass es so einem gelingt, sich derart zu verkennen, über alles hinweg­zugehen und den Herren zu spielen –

MME PERNELLEJa, Gottlob! Die Dinge lägen weit besser, wenn sich alle an seine frommen Befehle hielten.

DORINEIn Eurer Phantasie habt Ihr es offenbar mit einem Heiligen zu tun … Dabei ist sein ganzes Wesen, glaubt mir, die reinste Heuchelei –

MME PERNELLEHütet Eure Zunge!

DORINEWeder ihm noch seinem Laurent würde ich trauen, es sei denn, ich hätte einen sehr guten Bürgen zur Hand.

MME PERNELLEÜber seinen Diener weiß ich im Grunde nichts, dafür bürge ich für seinen Herren als einen ganz hervorragenden Menschen. Ihr wollt ihm doch nur Schlechtes und weist ihn ab, weil er jedem von euch die Wahrheit ins Gesicht sagt! Die Sünde ist es, gegen die sein Herz in Zorn gerät, das Anliegen des Himmels allein ist es, was ihn antreibt.

DORINEMag sein, nur: Weshalb erträgt er es neuerdings nicht mehr, dass irgendjemand hier verkehrt? Wie kann ein ehrlicher Besuch den Himmel so kränken, dass man darüber in ein derartiges Geschrei verfällt und uns allen hier die Ohren abfallen? Darf ich einmal sagen, was ich darüber denke, ganz unter uns? Ich glaube, er ist wegen Madame – nun ja: eifersüchtig.

MME PERNELLEHaltet den Mund – und passt auf, was Ihr sagt. Er ist nicht der einzige, der diese Besuche nicht gutheißt. All der Lärm, der von den Leuten ausgeht, mit denen Ihr verkehrt, all die Kutschen, die pausenlos vor der Tür stehen, dazu Ansammlungen von kreischenden Lakaien, all das ist dieser Nachbarschaft ein Dorn im Auge. Ich will gerne glauben, dass da im Grunde nichts passiert, aber man spricht darüber, und das ist nicht gut.

CLÉANTEJa, wollt Ihr denn, Madame, tatsächlich verhindern, dass man plaudert? Das wäre wahrlich eine unerfreuliche Sache im Leben, wenn man angesichts all der dummen Reden, die über einen geschwungen werden, auf seine besten Freunde verzichten sollte! Und selbst wenn es einem gelänge, glaubt Ihr wirklich, Ihr brächtet die ganze Welt zum Schweigen? Gegen üble Nachrede ist keiner gefeit … Kümmern wir uns also nicht um die dummen Lästermäuler, sondern bemühen wir uns darum, ein anständiges Leben zu führen – und lassen wir die Schwätzer schwätzen, so viel sie lustig sind.

DORINEDaphné, unsere Nachbarin, und ihr kleiner Gatte – sind es nicht vielleicht die beiden, die so schlecht über uns sprechen? Die, deren eigenes Verhalten das lächerlichste von allen ist, sie sind immer die ersten, die über andere herziehen! Kaum ahnen sie auch nur den leisesten Schimmer einer Zuneigung, schon ergreifen sie die Gelegenheit und versäumen es nicht, die Neuigkeit freudig zu verbreiten und die Sache so hinzubiegen, wie es ihnen gerade passt! Genüsslich tauchen sie das Verhalten dritter in ihre Farben und meinen, damit ihr eigenes Tun zu rechtfertigen, spekulieren auf irgendwelche Ähnlichkeiten, die ihre eigenen amourösen Verwicklungen verharmlosen würden und bilden sich ein, der öffentliche Tadel, mit dem sie längst überhäuft sind, könnte womöglich andere treffen als sie selbst –

MME PERNELLESolche Überlegungen tun nichts zur Sache. Nehmt zum Beispiel Orante, von der jeder weiß, dass sie ein vorbildliches Leben führt: Ihr ganzes Trachten gilt dem Himmel. Nun, ich habe mir sagen lassen, dass auch ihr das Treiben hier ganz und gar nicht gefällt.

DORINEDas Beispiel ist bemerkenswert, denn, Gott!, was ist diese Dame nicht gut! Es ist wahr, dass sie ein enthaltsames Leben führt, allerdings war es das Alter, das ihr das glühende Verlangen danach eingegeben hat – man weiß doch, dass diese Enthaltsamkeit ihren Körper viel kostet! Solange es ihr noch möglich war, den Herzen Schmeicheleien zu entlocken, hat sie die Vorteile reichlich zu nutzen gewusst; allein, seit ihr Glanz zu verblassen beginnt, da will sie der Welt, die sie hinter sich lässt, lieber entsagen, um mit dem pompösen Schleier höchster Weisheit die Schwäche ihrer verbrauchten Züge zu verbergen – so gehen die Koketten von einst mit der Zeit: Es fällt ihnen schwer, mit anzusehen, wie die Reihen der Verehrer ausdünnen, und derart zurückgelassen sieht ihre dunkle Verzweiflung keinen anderen Weg als den der Prüderie. Die Strenge dieser ach so guten Damen verurteilt alles und verzeiht nichts. Lauthals tadeln sie das Leben selbst, nicht etwa aus Nächstenliebe, oh nein! Aus purem Neid, der es einfach nicht erträgt, dass andere jenen Freuden nachgehen dürfen, um die das zunehmende Alter ihre Sehnsüchte gebracht hat …

MME PERNELLEDa sieht man mal, was für Ammenmärchen es braucht, um Euch zu gefallen! Meine Schwiegertochter, bei Euch ist unsereins zum Schweigen gezwungen, weil Madame, wo es ums Tratschen geht, das Zepter den lieben langen Tag fest in der Hand behält. Höchste Zeit, dass endlich ich das Wort ergreife! Ich sage Euch, dass mein Sohn in seinem Leben nichts Klügeres getan hat, als diesen ergebenen Menschen bei sich aufzunehmen; dass der Himmel diesen gerade zur rechten Zeit hierher geschickt hat, um Euch allen Eure verwirrten Gemüter zurechtzurücken; und dass Ihr ihn, um Eurer aller Seelenheil willen, anhören solltet, weil er nichts tadelt, was nicht zu tadeln wäre. All diese Besuche, diese Bälle, dieses Salongeplauder sind nichts anderes als Erfindungen des bösen Geistes. Nie hört man hier fromme Worte, stets sind es flüchtige Reden, Lieder und Hirngespinste – wie oft bekommt der Nächstbeste sein Fett weg, während über dritte und vierte auch noch hergezogen wird! Kein Wunder, dass zu guter Letzt sogar verständige Leute verwirrt sind von dem Durcheinander solcherlei Versammlungen! Da entsteht in kürzester Zeit tausendfaches Geschwätz, und wie es neulich ein Gelehrter so richtig bemerkte, es verhält sich dabei tatsächlich wie beim Turmbau zu Babel: Jeder faselt pausenlos etwas vor sich her, um dann irgendwann endlich die Geschichte zu erzählen, die ihn überhaupt auf die ganze Faselei gebracht hat – Lacht der Herr etwa schon wieder? Dann sucht Euch gefälligst andere Verrückte, die Euch so zum Lachen bringen, denn sonst – Lebt wohl, Schwiegertochter, ich habe alles gesagt. Und wisst, dass Ihr mir alle gestohlen bleiben könnt – ich komme wieder, sobald der Fluss gelernt hat, zur Quelle zu fließen. (gibt Flipote eine Ohrfeige)

Szene II

CLÉANTE. DORINE.

CLÉANTEIch mag ihr nicht nachgehen – sie wird doch nur weiter über mich herziehen, und dieses gute Weib –

DORINEAch wie schade, dass Eure Worte sie gerade nicht erreichen, sie würde Euch bestimmt gerne sagen, wie gut sie Euch findet – und dass sie noch lange nicht alt genug ist, um Weib genannt zu werden.

CLÉANTEWie sie sich wieder grundlos über uns aufgeregt hat! Und wie besessen sie von ihrem Tartuffe ist!

DORINEOh! Und dabei ist das noch gar nichts, verglichen mit dem Verhalten ihres Sohnes – wenn Ihr den gesehen hättet, Ihr würdet sagen: Der ist noch schlimmer … Während der Unruhen hat er den besonnenen Mann gegeben, und um seinem König zu dienen, zeigte er sich mutig; dabei ist er nachgerade stumpfsinnig geworden, seit er von Tartuffe besessen ist: Er nennt ihn seinen Bruder und liebt ihn aus tiefster Seele, hundertmal mehr als Mutter, Sohn, Tochter und Frau. Ihm allein vertraut er seine Geheimnisse an, er ist es, der seine Schritte lenkt; er umhegt und verhätschelt ihn, ich glaube, einer Geliebten könnte man kaum mehr Zärtlichkeit entgegenbringen. Bei Tisch soll er immer den Ehrenplatz besetzen, mit Freuden sieht er, wie er für sechs isst, die besten Stücke sind für ihn reserviert, und wenn er endlich rülpsen muss, sagt er nur Gott helfe Euch – Mit anderen Worten: Er ist verrückt nach ihm, er ist sein Alles, sein Held; er bewundert ihn ohne Unterlass, zitiert ihn bei jeder Gelegenheit, was immer er tut, ihm erscheint es als Wunder, und jedes Wort, das er spricht, tönt in seinen Ohren wie ein Orakel. Und Tartuffe? Der kennt seinen Narren wohl und nutzt ihn aus, wo er nur kann, er versteht es blendend, ihn mit hunderten von Tricks bei der Stange zu halten; seine Scheinheiligkeit vergrößert stündlich ihren Gewinn und nimmt sich heraus, jede einzelne unserer Handlungen zu bekritteln. Es geht ja sogar soweit, dass es neuerdings sogar dem Trottel, der ihm als Bursche dient, gefällt, uns zu belehren: Erst kommt er und weist uns mit wilden Augen zurecht, und dann wirft er unsere Bänder, unsere Schminke und unsere Schönheits­flecken weg! Dieser Verräter – neulich hat er tatsächlich vor unseren Augen ein Taschentuch zerrissen, das er in einem Band der Fleurs des Saintsgefunden hatte: Wir vermengten, sagte er dabei, auf verbrecherischste Weise das Heiligste mit dem Teufelsschmuck …

Szene III

ELMIRE. MARIANE. DAMIS. CLÉANTE. DORINE.

ELMIREIhr könnt Euch glücklich schätzen, dass Ihr die Predigt verpasst habt, die sie uns noch an der Tür gehalten hat … Oh, ich habe meinen Mann gesehen! Da er mich nicht gesehen hat, will ich schnell hinaufgehen und seine Ankunft dort erwarten.

CLÉANTEIch werde hier unten auf ihn warten, damit es nicht so lange dauert, und werde ihm einen guten Tag wünschen.

DAMISSprecht mit ihm doch ein wenig über die Heirat meiner Schwester. Ich habe den Verdacht, dass Tartuffe sich ihrem Vollzug widersetzt und er meinen Vater zu den entsprechenden Ausflüchten nötigt – und Ihr wisst, welches Interesse ich an dieser Sache habe. Sollten meine Schwester wie auch Valère einander in gleichem Maße zugetan sein, so ist mir die Schwester dieses Freundes, Ihr wisst es, umso teurer; und sollte es –

DORINE

Szene IV

ORGON. CLÉANTE. DORINE.

ORGONAh!, mein Bruder, guten Tag.

CLÉANTEIch wollte gerade gehen – es freut mich, zu sehen, dass Ihr zurück seid. Zu dieser Jahreszeit wird auf dem Land nicht viel in Blüte stehen …

ORGONDorine, mein Schwager, wartet, ich bitte Euch: Gestattet, dass ich Euch, um mich einer Sorge zu entledigen, um ein paar Neuigkeiten ersuche. Hat sich hier in den letzten zwei Tagen alles ordentlich zugetragen? Was tut sich so im Hause? Wie ist es allen ergangen?

DORINEMadame hat vorgestern bis zum Abend Fieber gehabt, begleitet von einem kaum zu ertragenden Kopfschmerz.

ORGONUnd Tartuffe?

DORINE Tartuffe? Dem geht es blendend. Dick und fett, mit frischem Teint und purpurroten Lippen.

ORGONDer Guteste!

DORINEAm Abend war ihr plötzlich übel, so dass sie beim Essen nichts anrühren konnte, so grausam schmerzte ihr noch immer der Kopf.

ORGONUnd Tartuffe?

DORINEDer aß, für sich allein, vor ihren Augen, und verschlang voller Gottesfurcht zwei Rebhühner und eine halbe haschierte Lammkeule.

ORGONDer Guteste!

DORINEDie Nacht verging, ohne dass sie auch nur ein Auge zutun konnte, Hitzewallungen hinderten sie daran, in den Schlaf zu finden, und bis Tagesanbruch mussten wir an ihrer Seite wachen.

ORGONUnd Tartuffe?

DORINEGetrieben von einer angenehmen Schläfrigkeit ging er in sein Zimmer, kaum dass die Tafel aufgehoben war, und legte sich sofort in sein warmes, weiches Bett, wo er ohne Schwierig­keiten bis zum nächsten Tag schlief.

ORGONDer Guteste!

DORINESchließlich, Dank unseres guten Zuredens, ließ sie sich davon überzeugen, einen Aderlass über sich ergehen zu lassen, woraufhin endlich Erleichterung eintrat.

ORGONUnd Tartuffe?

DORINEDer fasste neuen Mut, wie es sich gehört, und um seine Seele gegen alles Übel zu stärken und das Blut, das Madame verloren hatte, zu ersetzen, trank er zum Frühstück vier große Gläser Wein.

ORGONDer Guteste!

DORINE

Szene V

ORGON. CLÉANTE.

CLÉANTEDa lacht sie Euch, mein Bruder, einfach mitten ins Gesicht … Nicht, dass ich Euch vergrätzen will, doch muss ich Euch leider sagen: Sie tut es mit Recht. Hat man denn jemals von einer solchen Einfalt gehört? Ist es wirklich möglich, dass Ihr dem Zauber eines solchen Mannes gänzlich verfallen seid und darüber alles andere vergesst? Dass Ihr, nachdem Ihr ihn aus seiner Misere befreit habt, so weit geht, ihn tatsächlich –

ORGONHaltet ein, mein Schwager – Ihr wisst nicht, über wen Ihr da sprecht.

CLÉANTEIch mag ihn nicht kennen, wie Ihr sagt, und doch: Um zu wissen, um was für einen Menschen es sich handelt –

ORGONMein Bruder, Ihr wäret begeistert, wenn Ihr ihn kennenlerntet, und Eure Begeisterung nähme gar kein Ende. Er ist ein Mann, der – ach!, ein Mann – Ein Mann eben! Wer seinen Ratschlägen folgt, der kommt in den Genuss des allertiefsten Seelenfriedens – für den ist die ganze Welt nur noch ein Misthaufen. Tatsächlich, der Umgang mit ihm macht mich zu einem anderen Menschen; er lehrt mich, mein Herz an nichts mehr zu hängen, er befreit meine Seele von jeder Freundschaft, und müsste ich meinem Bruder, meinen Kindern, der Mutter und meiner Frau beim Sterben zusehen, es würde mich nicht weiter bekümmern.

CLÉANTEDas, mein Bruder, nenne ich menschliche Gefühle!

ORGONWenn Ihr nur gesehen hättet, wie ich seine Bekanntschaft gemacht habe, Ihr brächtet ihm genau dieselbe Freundschaft entgegen wie ich. Jeden Tag kam er mit sanfter Miene in die Kirche und fiel gleich mir gegenüber auf die Knie. Die Blicke der gesamten Gemeinde zog er auf sich, so inbrünstig sandte er seine Gebete gen Himmel; er stieß Seufzer aus, ein großes Stöhnen, und küsste währenddessen immer wieder demütig den Boden. Und sobald ich mich erhob, um die Kirche zu verlassen, da überholte er mich rasch, um mir an der Tür das Weihwasser zu reichen! Einem Hinweis seines Gehilfen folgend, welcher ihm in allem – seinem Verhalten wie auch seiner Bedürftigkeit – nacheiferte, machte ich ihm Geschenke; doch er, bescheiden wie er war, bestand stets darauf, mir einen Teil zurückzugeben! „Das ist zu viel“, sagte er, „Die Hälfte muss reichen, denn ich verdiene Euer Mitleid nicht …“ Und wenn ich mich weigerte, die Spende zurückzunehmen, begann er vor meinen Augen, sie unter den Armen aufzuteilen. Schließlich nahm ich ihn, der Himmel sei gepriesen, bei mir auf, und seitdem scheint mir hier alles zu wachsen und gedeihen. Ich sehe täglich, wie er sich aller Dinge annimmt; selbst für meine Frau, und das gereicht mir besonders zur Ehre, interessiert er sich ungemein: Sobald ihr jemand schöne Augen macht, lässt er es mich wissen und zeigt sich dabei zehnmal so eifersüchtig wie ich selbst. Doch werdet Ihr kaum glauben, wie weit sein Eifer reicht: Die kleinste Kleinigkeit ist ihm eine Beichte wert, nichts ist gering genug, ihn nicht aus der Fassung zu bringen – das geht sogar so weit, dass er sich neulich selbst anklagte, beim Beten einen Floh gefangen und vor Wut getötet zu haben …

CLÉANTETeufel auch! Ich glaube wirklich, Bruder, Ihr seid verrückt. Wollt Ihr mich mit solchen Berichten für dumm verkaufen? Was glaubt Ihr denn, was dieses ganze Gefasel –

ORGONMein Bruder, Eure Rede riecht verdammt nach Freidenkerei – mir scheint wirklich, Eure Seele ist ganz davon ganz besessen, und wie ich es Euch schon zigmal vorausgesagt habe: Ihr halst Euch damit nur Ärger auf.

CLÉANTELeute wir Ihr sprecht doch immer gleich: Ein jeder soll so blind sein wie Ihr selbst! Kaum hat einer gute Augen, so wird er schon als Freidenker beschimpft, und wer nicht gleich vor wilder Spiegelfechterei in die Knie geht, dem mangelt es prompt an Glauben und Ehrfurcht vor den heiligen Dingen! Ehrlich, Euer Reden macht mir keine Angst: Ich weiß, was ich sage, und der Himmel kennt mein Herz – wir lassen uns von Euch Umstandskrämern nicht zu Sklaven machen. Denn genau so, wie es Schein-Helden gibt, so gibt es auch Schein-Heilige, und so, wie man beobachten kann, dass die wahren Helden selten die wären, die, wohin auch immer die Ehre sie verschlagen mag, viel Lärm verbreiten, so sind es auch nicht die wahren Heiligen, jene, deren Spuren man nur mühsam verfolgen kann, die viel Aufhebens um sich machen. Ja, was! Wollt Ihr etwa keinen Unterschied machen zwischen Heuchelei und wahrer Hingabe? Ihr wollt sie über einen Kamm scheren und der Maske wie dem Antlitz die gleiche Ehre erweisen, die Behauptung mit der Aufrichtigkeit gleichsetzen, Schein und Sein miteinander verwechseln, das Gespenst gleich viel achten wie die lebende Person und Falschgeld für bare Münze nehmen? Was sind die Menschen nicht sonderbar mitunter! Selten sieht man sie sich natürlich verhalten, die Grenzen der Vernunft sind ihnen zu eng, pausenlos drängen sie darüber hinaus; das Edelste noch verhöhnen sie, indem sie es übersteigern und allzu stark in den Vordergrund stellen! Dies nur mal nebenbei, mein Schwager.

ORGONNun, Ihr seid gewiss ein ausnehmend kluger Kopf; die Weisheit der großen weiten Welt scheint es sich dort oben bei Euch gemütlich gemacht zu haben, Ihr seid der einzig Weise und Erleuchtete, ein Orakel, der Cato unseres Jahrhunderts – neben Euch sind alle Menschen die reinsten Narren.

CLÉANTEWeder bin ich, mein Bruder, ein ausnehmend kluger Kopf, noch beherbergt dieser die Weisheit der gesamten Welt; meine Wissenschaft besteht, in einem Wort, allein darin, dass ich das Wahre vom Falschen unterscheide. Und da ich auf dieser Welt keine Helden so sehr schätze wie die wahren Frommen, so ist mir hienieden auch nichts edler und schöner als die heilige Inbrunst des wahren Glaubenseifers – genau so wie ich nichts verabscheuungswürdiger finde als die Gipsmaske des vermeintlichen Glaubens, den diese ausgemachten Scharlatane, diese Marktplatzfrömmler, die mit ihrer gottlosen und betrügerischen Fratze das, was den Sterblichen als das Heiligste und Unantastbarste ist, schamlos ausnutzen und sich darüber lustig machen. Diese Leute, die ihre Seele dem Gewinn unterworfen haben und Geschäfte mit dem Glauben machen, die sich Vertrauen und Würde zum Preis ihrer falschen Augenaufschläge und geheuchelter Begeisterung erkaufen wollen, diese Leute, sage ich, die man ihrem Erfolg mit ungewöhnlichem Eifer bis in den Himmel nachlaufen sieht, welche, brennend und betend, doch nur betteln können, Tag für Tag, die im Hof stehend Entsagung predigen und es doch bestens verstehen, ihren Eifer ihren Lastern anzupassen, diese Leute sind gerissen, nachtragend, unverfroren und hinterlistig, und um jemanden ins Unglück zu stürzen, verdecken sie ihre Heimtücke schamlos mit dem Gewand himmlischer Anteilnahme! Sie sind sogar umso gefährlicher, als sie in ihrer bitteren Wut jene Waffen gegen uns richten, die wir doch selbst ins Feld führen – und dass ihre Leidenschaft, deren Anerkennung ihnen sicher ist, nur darauf zielt, uns mit heiligem Schwerte niederzustrecken … Leider sieht man von dieser Art nur allzu viele – welch ein Segen, dass die im Herzen Frommen sich leicht erkennen lassen. Tatsächlich stellt unser Jahrhundert, mein Bruder, uns gleich mehrere glorreiche Beispiele vor Augen: Denkt nur Ariston, an Periander, Orontes, Alkidamas, Polydoros oder Klitander: Niemand, der ihnen ihr Ansehen streitig machen kann, denn sie sind keine jener Tugendprahler, an ihnen ist kein Schimmer dieses unerträglichen Prunks zu sehen, ihre Frömmigkeit ist menschlich, also umgänglich; sie urteilen nicht über jede unserer Handlungen – der Hochmut, der in solchen Zurechtweisungen steckt, ist ihnen völlig fremd – , sie überlassen die stolzen Reden den anderen und tadeln uns lieber dadurch, dass sie ihr Verhalten von dem unseren unterscheiden. Dem bösen Anschein trauen sie selten, denn ihre Seele glaubt immer erst an das Gute im Menschen. In ihnen herrscht keine Kabale, es gibt keine Intrigen zu entdecken; das einzige, wonach sie trachten, das ist das bessere Leben; sie kennen keine Wut beim Anblick eines Sünders, einzig die Sünde selbst vermag ihnen ein Gefühl des Hasses zu entlocken, und sie streben nicht danach, das Anliegen des Himmels eifriger zu verfolgen als dieser selbst. Das sind meine Leute, die wissen, wie man es richtig macht – sie geben ein Beispiel, das einem zeigt, woran man sich zu messen hat. Euer Mann, seien wir ehrlich, ist keiner von diesem Schlage: Zwar rühmt Ihr in gutem Glauben seinen Eifer, doch glaube ich, Ihr seid von falschem Schein geblendet.

ORGONMein lieber Herr Schwager, seid Ihr nun endlich fertig?

CLÉANTEIn der Tat.

ORGONStets zu Diensten. (im Begriff zu gehen)

CLÉANTEIch bitte Euch, mein Bruder, noch ein Wort – lassen wir diese Reden beiseite: Ihr erinnert Euch, dass Ihr Valère Euer Wort darauf gegeben habt, dass er Euer Schwiegersohn werden soll?

ORGONJa.

CLÉANTEIhr hattet sogar schon einen Tag zur Schließung dieses zarten Bundes festgelegt.

ORGONSo ist es.

CLÉANTEWarum also das Fest noch hinausschieben?

ORGONIch weiß es nicht.

CLÉANTEHabt womöglich anderes im Sinn?

ORGONMag sein.

CLÉANTEWollt Ihr Euer Wort brechen?

ORGONDas würde ich so nicht sagen.

CLÉANTEMeiner Ansicht nach hindert Euch nichts daran, Euer Versprechen zu halten.

ORGONJe nachdem.

CLÉANTEIst es denn so schwer, dieses Wort über die Lippen zu bringen? Valère bittet mich, in dieser Sache mit Euch zu sprechen.

ORGONDem Himmel sei Dank!

CLÉANTEWas soll ich ihm denn sagen?

ORGONWas immer Euch gefällt.

CLÉANTEAber dazu muss ich doch wissen, was Eure Pläne sind. Und, welcher Natur sind sie?

ORGONDas zu tun, was der Himmel befielt.

CLÉANTEDann reden wir offen: Valère hat Euer Wort, werdet Ihr es nun halten oder nicht?

ORGON