Der Traum des Jaguars - Miguel Bonnefoy - E-Book

Der Traum des Jaguars E-Book

Miguel Bonnefoy

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Beschreibung

"Ein gewaltiges Panorama, eine Geschichte Venezuelas und eine berührende Familiensaga." Deutschlandfunk Büchermarkt Erbe und Vermächtnis: venezolanische Familiengeschichte im Schatten politischer Wirren Mitten im gefährlichsten Viertel von Maracaibo, Venezuelas schillernder Metropole, findet eine stumme Bettlerin ein Neugeborenes auf den Stufen einer Kirche: Schlechte Chancen für das Findelkind Antonio. Doch Antonio kämpft sich hoch, schlägt sich als Zigarettenverkäufer, Träger am Hafen und Diener im Bordell durch und wird alle Widerstände überwinden. Er wird zum berühmtesten Chirurgen Venezuelas und erobert die Frau seines Herzens, auch sie eine herausragende, unbezwingbare Persönlichkeit. Seiner Tochter gibt er den Namen seiner Nation – Venezuela –, doch diese sehnt sich nach Paris – nur um zu lernen, dass man die Heimat nie wirklich hinter sich lassen kann …  •    Venezolanische Familiensaga: von den finsteren Gassen Maracaibos bis nach Paris •    Preisgekrönte Lateinamerika-Literatur: Ausgezeichnet mit dem Grand Prix du Roman de l'Académie Française 2024 und dem Prix Femina 2024 •    Ein kraftvoller Gesellschaftsroman in poetischer Sprache und voll sinnlicher Magie  •    Pulsierende Familiensaga für die Leser von Isabel Allende und Gabriel García Marquez Politische Unruhen erschüttern das Land im Jahr 1958, als Anas und Antonios gemeinsame Tochter Venezuela das Licht der Welt erblickt. Doch trotz dieses Namens, Ausdruck der Hoffnungen für die Zukunft einer stolzen Nation, hat die junge Frau bald nur noch Augen für ihren Sehnsuchtsort Paris. Als sie schließlich ihren Traum von Unabhängigkeit wahrmacht und das Land verlässt, ist es ihr Sohn Cristobal, der die außergewöhnliche Familiengeschichte für die Nachwelt festhält. In dieser farbenprächtigen Saga verschmilzt das Schicksal von Bonnefoys eigener Familie mit der wechselhaften Geschichte ihrer venezolanischen Heimat. Ein literarisches Kleinod von fesselnder Intensität, abgerundet mit einer Prise magischem Realismus! »Der Traum des Jaguars ist nicht nur die Geschichte einer Familie, sondern auch die eines Landes, die eines Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts.« Le Figaro

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Als eine stumme Bettlerin in Maracaibo, Venezuela, ein Neugeborenes auf den Stufen einer Kirche findet und sich seiner annimmt, ahnt sie nicht, welch außergewöhnliches Schicksal dem Waisenkind bevorsteht. Antonio Borjas Romero wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf und wird doch zu einem der berühmtesten Männer seines Landes. Auch gewinnt er die Liebe seines Lebens für sich: die talentierte Ana Maria, die sich als Ärztin einen Namen machen und in den Wirren der Revolution ihre Tochter gebären wird. Sie tauft sie auf den Namen ihrer stolzen Nation: Venezuela. Doch die hat nur Augen für Paris, ihre große Sehnsucht …

Der Autor

MIGUEL BONNEFOY wurde 1986 als Sohn einer venezolanischenDiplomatin und eines chilenischen Schriftstellers in Paris geboren.

Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Venezuela und Portugal. Miguel wuchs in einer Familie von Frauen auf, umgeben von Tanten, Schwestern und Cousinen. Diese mutigen, intelligenten und mächtigen Frauen bevölkern auch seine Romane. Der Traum des Jaguars ist sein fünfter Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint. Er wurde mit zwei der bedeutendsten Literaturpreise Frankreichs ausgezeichnet: dem Grand Prix du Roman de l‘Académie française und dem Prix Femina. Miguel Bonnefoy lebt mit seiner dänischen Frau und den zwei gemeinsamen kleinen Töchtern in Toulon.

Miguel Bonnefoy

Der Traum des Jaguars

Roman

Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig

Besuchen Sie uns im Internet:

www.eisele-verlag.de

ISBN 978-3-96161-274-1

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Die Originalausgabe »Le rêve du jaguar« erschien 2024 bei Éditions Payot & Rivages, Paris.

© 2024 Miguel Bonnefoy

© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe

Julia Eisele Verlags GmbH, Lilienstraße 73, 81669 München

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagillustration: Favoritbuero

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Über das Buch / Über den Autor

Titel

Impressum

Zitat

Antonio

Ana Maria

Venezuela

Cristóbal

Anmerkung der Übersetzerin

EMPFEHLUNGEN

Orientierungsmarken

Cover

Inhalt

Textbeginn

A la madre,

Y sonarán las campanas.

A Nene,

Al fín bailas.

»Im Norden ist es der Verstand, der den Regen untersucht und die Blitze erforscht.

Im Süden ist es der Tanz, der den Regen weckt und die Blitze heraufbeschwört.«

William Ospina

Antonio

Am dritten Tag seines Lebens wurde Antonio Borjas Romero auf den Stufen einer Kirche ausgesetzt in einer Straße, die heute seinen Namen trägt. Niemand konnte genau sagen, an welchem Datum er gefunden wurde, man weiß lediglich, dass sich dort jeden Morgen eine arme Frau immer an dieselbe Stelle setzte, um eine Kalebasse vor sich hinzustellen und den Passanten auf dem Kirchplatz eine dürre Hand entgegenzustrecken. Als sie das Kind bemerkte, schob sie es angewidert beiseite. Aber dann wurde sie auf ein kleines, zwischen den Falten des Wickeltuchs verborgenes, funkelndes Kästchen aufmerksam, das jemand dort wie eine Opfergabe hinterlassen hatte. Ein Rechteck aus Weißblech, silbern, mit zarten Schnörkeln versehen. Es handelte sich um eine Zigarettendrehmaschine. Sie nahm sie heraus, steckte sie in die Tasche ihres Kleides und interessierte sich nicht weiter für das Baby. Doch im Laufe des Vormittags stellte sie fest, dass dessen zaghaftes Wimmern, sein verhaltenes Geschrei Mitleid bei den Gläubigen erregte, die, da sie glaubten, die beiden gehörten zusammen, einer nach dem anderen die Kalebasse mit Kupferstücken füllten. Als es Abend wurde, trug sie das Baby zu einem Hof mit Kleinvieh, steckte ihm die Zitze einer schwarzen Ziege in den Mund, deren Euter voller Fliegen war, und stillte es, selbst unter dem Bauch der Ziege kniend, mit dickflüssiger, warmer Milch. Am nächsten Tag wickelte sie es in ein Küchentuch und band es sich auf die Hüfte. Nach einer Woche sagte sie, das Kind sei ihres.

Diese Frau, die alle die stumme Teresa nannten, weil sie sich nur schwer artikulieren konnte, musste um die vierzig Jahre alt gewesen sein, auch wenn sie selbst nichts Genaueres zu ihrem Alter hätte sagen können. Ihr Gesicht hatte indigene Züge und auf der linken Seite eine leichte Lähmung, die einem früheren Eifersuchtsanfall geschuldet war. Die Haut auf ihren Knochen war porös, ihre Hände waren mit Wunden übersät, die niemals heilten, und das schmutzig-weiße, platt herunterhängende Haar umrahmte ihr Gesicht wie die Ohren eines Dackels. Ihren linken Daumennagel hatte sie eingebüßt, als ein in den Tiefen einer Schublade verborgener Skorpion sie in die Hand stach, was sie zwar nicht getötet, aber aus ihrer Fingerkuppe eine Art Fleischwurst gemacht hatte, eine tote Wucherung, und genau an diesem Wulst nuckelte nun das Kind in seinen ersten Lebenswochen vor dem Einschlafen.

Sie nannte ihn Antonio, denn der Schutzheilige der Kirche, vor der sie ihn gefunden hatte, war der Heilige Antonius. Sie nährte ihn mit ihrer Wut und ihrem stillen Schmerz. Die ersten Jahre lebte er bei ihr in chaotischen, trostlosen, erbärmlichen Verhältnissen. Sie redete sich ein, dass, wenn er dieses Elend überlebte, niemand außer ihm selbst ihn würde umbringen können. Mit einem Jahr, als er kaum laufen konnte, bettelte er bereits. Mit zwei Jahren beherrschte er die Gebärdensprache, noch bevor er Spanisch sprach. Mit drei ähnelte er ihr so sehr, dass sie sich fragte, ob sie ihn tatsächlich auf den Kirchenstufen gefunden oder nicht doch selbst im Hinterhof irgendeiner Baracke zur Welt gebracht hatte, auf einem Lager aus Stroh, zwischen einem grauen Esel und einem Lamm. Sie zog ihm dreckige, alte Kleider an und drückte ihn, um die Passanten anzurühren, in geheuchelter Eintracht fest an sich, wobei sie ihn ganz nass machte mit ihrem säuerlichen Schweiß, der durch die Hitze wie Gelatine wurde, fettig und gelb. Sie gab ihm Ziegenkäse zu essen, den sie mit bloßen Händen rollte, schlief mit ihm in ihrem Unterschlupf aus aufgeweichten Zeitungen hinten in einem behelfsmäßigen Schafstall, und vielleicht kümmerte sich niemals sonst eine Frau derart beherzt um ein Kind, das sie nicht liebte.

Dennoch war diese verlogene und geizige, verleumderische und betrügerische Frau die beste Mutter, die Antonio sich wünschen konnte. Er hielt die Härte, die sie ihm entgegenbrachte, und das Band der giftigen Liebe, das die Armut zwischen ihnen geknüpft hatte, für Zärtlichkeit. Er wuchs bei ihr in La Rita auf, am Ufer des Maracaibo-Sees, einem Ort, der so gefährlich war, dass man ihn Pela el Ojo nannte, »Augen auf«.

Mit sechs Jahren glaubte Antonio nicht mehr an Wunder, verkaufte Glücksbringer aus Gagat und konnte Karten lesen, denn die stumme Teresa hatte ihm versichert, dies sei die einzige Lehre, von der sich die Menschen überzeugen ließen, ohne dass sie den Nachteil mit sich bringe, wahr zu sein. Mit acht Jahren lernte er von ihr, die bösartigen aguadores zu erkennen, die Wasserträger, die dreckiges Wasser aus dem See verkauften und es als sauberes Regenwasser ausgaben. Aber auch die Lebensmittelhändler, die ihre Waagen mithilfe einer zurechtgebogenen Büroklammer falsch einstellten, die Arbeiter, die Schrauben weiterverkauften, die eigentlich für die Schiffsverschalung auf den Werften gedacht waren, und die Hahnenzüchter, die in den Hahnenkampfarenen Rasierklingen unter dem Sporn an den Krallen versteckten. Sie hatte ihn mit all ihrer Vorsicht und Not, ihrer Mühsal und ihrem Argwohn derart auf das harte Leben vorbereitet, dass Antonio, wenn ein Pfarrer während der Messe plötzlich verkündete, ein Heiliger habe gerade angefangen zu weinen, der Erste war, der die Augen gen Kirchendecke reckte, um zu schauen, wo das Leck war.

Pela el Ojo war zu jener Zeit eine Art großes, von der Hitze ausgelaugtes Sumpfgebiet mit feuchten Ufern, dicht besiedelt von Pfahlhäuschen, deren Türen immer offen standen. Die über dem trüben Wasser erbauten Behausungen hatten Küchen unter freiem Himmel, alte, rußige Öfen, und um sie herum trieb der Müll, den die Stadt in den Vororten ausgespuckt hatte. Hier wurde Brot geknetet und Treibstoff gepantscht. Die Kinder lebten nackt auf den Pfahlbauten und bewegten sich über das Skelett aus Tausenden, immer wieder notdürftig ausgebesserten Baumstämmen, das an der Oberfläche des Sees dümpelte wie die Paläste in Venedig, was die venezianischen Seefahrer, die einstmals mit dem Geruch nach Pergament und Siegelwachs hergekommen waren, zu der Aussage verleitet hatte, sie würden darin ein »kleines Venedig« erkennen, ein venezziola, ein Venezuela.

Die Reglosigkeit der Landschaft weckte allerdings keine Träume mehr von den ehemaligen Städten der Karibik, von Tamanaco und Mara, von Frauen in weiten, goldbestickten Umhängen und Baumwollkleidern, Jugendlichen mit freien, von feinem Silberpuder bedeckten Oberkörpern und in Jaguarfelle gewickelten Neugeborenen. Die Menschen stellten sich nicht mehr das eine alte Volk vor, als Adler verkleidete Männer, Kinder, die mit den Toten redeten, und Frauen, die sich in Salamander verwandelten.

Zu jener Zeit war Maracaibo nichts als eine kleine Stadt ohne jeden Zauber mit aufgeheizten Dächern aus Palmenblättern und mit Jugendlichen, die aus Pick-up-Reifen zurechtgeschnittene Sandalen trugen. Die Baracken in den Slums waren aus den Motorhauben alter Indiana Trucks gebaut, die Fenstergriffe aus Konservendosen, und auf den Stühlen lagen Werbetafeln von Shell aus Aluminium. Und da es heftige Regenfälle gab und man die Palmendächer schützen musste, kauften die Leute alte Schilder von Chevrolet, die irgendjemand nachts entlang der Autobahnen geklaut hatte, sodass auf sämtlichen Abdeckungen der Slums, dort, wo Leute ohne Führerschein schliefen, zu lesen war: »Ohne Chevrolet kein Glück.«

Diese Regenfälle, palo de agua genannt, ließen den See oftmals anschwellen und über die Ufer treten. Das Wasser stieg langsam immer weiter über die Ebene und überschwemmte das Land. Manchmal dauerten die Schauer vierzig tosende Nächte lang an und bedeckten die Wiesen mit toten Papageien, und wenn die Flut bis zu den Bauernhöfen kam und die Pflanzen auf den Feldern unter Wasser setzte, schwammen Tausende Langusten vom Golf zu den Maistrieben und gönnten sich ein Unterwasserfestessen, das innerhalb von zwei Wochen die komplette Jahresernte ruinierte. In Maracaibo verfluchte man Langusten, wie man Heuschrecken in Ägypten verflucht.

In dieser Umgebung wuchs Antonio auf und ging fischen auf dem See. Da er ständig zwischen den Mangroven herumpaddelte, bestand seine Ernährung ausschließlich aus Katzenfischen, weißfleischigen Adlerfischen, Blaukrabben und riesigen Süßwassergarnelen, sodass die stumme Teresa in ihren kühnsten Träumen langsam glaubte, ihm wüchsen Kiemen und er fange an, unter Wasser zu atmen. Eines Tages, als Antonio elf Jahre alt war, packte er seine Angelhaken und -schnüre in eine Tasche, ging zum Bootsanleger des Dorfes und klaute eine Piroge. Ein paar Kinder bemerkten es und verrieten ihn. Es dauerte nicht lange, bis man von Weitem die Besitzer des Bootes angerannt kommen sah. Das waren die reichen Männer von La Rita, diejenigen, die die Macht hatten, die die Gesetze auf dieser Seite des Sees bestimmten: Manu Muro, ein zwei Meter großer Kerl, dessen Hüften genauso breit wie seine Schultern waren, Hermès Montero, ein kleiner, nervöser Typ, der vor Wut rot angelaufen war, und Asdrubal Urribarri, ein métis* mit grünen Augen und Klumpfüßen in weißem Unterhemd, der mit den Armen und einem Küchentuch wedelte, als wäre er gerade überstürzt vom Tisch aufgestanden.

»Antonio, ich erkenne dich genau!«, schrie er. »Komm her.«

Ungehalten liefen sie am Ufer auf dem am Strand herumliegenden Müll hin und her und warfen Antonio, der sich mit jedem Ruderschlag weiter entfernte, jähzornige Blicke zu. Asdrubal Urribarri ging weg und kam anschließend mitsamt einem wutschnaubenden Hund wieder, den er ins Wasser stieß. Der Hund schwamm los wie ein Besessener und erreichte das Boot derart gewandt und kraftvoll, dass alle überrascht waren, sprang auf die Planken und ging Antonio an den Hals. Der hatte gerade noch Zeit, ihm geschickt auszuweichen, indem er über Bord sprang, und floh gegen den Strom schwimmend. Der Hund folgte ihm und ließ das Boot unter dem Geschrei Asdrubals gen Horizont treiben.

»Das Boot! Lass es nicht untergehen!«

Der Hund verfolgte Antonio hartnäckig, bellte aufgeregt, schnappte nach den Wellen und knurrte wie verrückt. Und Antonio strengte sich noch mehr an, tauchte den Kopf ein und verschwand unter Wasser. Nach einer halben Stunde, als er einen heftigen Krampf im Oberschenkel spürte und seine Arme vor Erschöpfung steif wurden, bemerkte er, dass das Bellen des Hundes in ein Klagen übergegangen war, das Stöhnen eines Schiffbrüchigen, und ein paar Minuten später schaute nur noch sein kleines Maul aus dem Wasser heraus. Erst als der Hund tatsächlich kurz davor war, zu ertrinken, und wie ein Welpe kläffte, entschloss Antonio sich, langsamer zu schwimmen. Mit einem letzten Schnaufer holte das Tier ihn ein, doch statt ihn zu beißen, klammerte es sich sofort an seinen Schultern fest. Es war achtzehn Uhr. Am Ufer lauerten die Bootsbesitzer mit Lederriemen und Gürteln auf ihn.

»Irgendwann wirst du schon müde werden. Wir warten hier auf dich.«

Erschöpft und mit dem Hund auf dem Rücken ließ Antonio sich von der Strömung bis nach Punta Camacho treiben und stellte sich darauf ein, bis zur Dunkelheit zu warten, um aus dem See herauszukommen. Es wurde erst einen Kilometer weiter, in Puerto Iguana, dunkel, und als die Nacht und der Mondschein ihm endlich Schutz boten, schwamm er bis zu einem kleinen Steg und lief, begleitet von dem Hund, bis ans Ende von Camino Real auf der freien Straße, die nach Pela el Ojo führte. Als er mit einem Seufzer der Erleichterung die Lichter seiner Baracke erkannte, froh darüber, endlich wohlbehalten angekommen zu sein, entdeckte er entsetzt die hinkende Gestalt von Asdrubal Urribarri, der, das Küchentuch noch immer in der Hand, wild gestikulierend mit der stummen Teresa sprach. Obwohl er vor Müdigkeit fast in Ohnmacht gefallen wäre, hielt Antonio es für zu gefährlich, sich zu zeigen. Er fand eine robuste Palme, kletterte bis in den Gipfel und wartete dort, dass die Nacht verging.

Es waren ungeheuer viele Sterne am Himmel, und die ganze Welt schien überschwemmt von Schlick. Eine Gruppe Männer machte sich derweil auf die Suche nach ihm. Oben in der Palme weinte Antonio, nicht vor Angst, sondern vor Wut. Er war allein, ihm war eiskalt von der Brise über dem See, ihn störte das Geflecht aus Palmenblättern, die er zwei Ratten streitig machen musste, die in der Baumkrone an den Stängeln knabberten, und so brauchte er zwei Stunden, um einzuschlafen, während er hörte, wie die Frösche sich paarten, und in seinem Traum mischte sich ihr Gequake mit den Stimmen der Männer.

Am frühen Morgen erwachte er von Schlägen auf seine Füße. Es war die stumme Teresa. Die ganze Nacht lang hatte sie ihn in allen Büschen und allen Meertraubenbäumen am Rande des Sees gesucht, vergeblich. Schließlich war es der Hund, der sie wider Erwarten und ohne Wissen seines Besitzers aus Dankbarkeit, dass Antonio ihn vor dem Ertrinken gerettet hatte, zu ihm führte. Die stumme Teresa legte ein Tuch mit zwei arepas auf den Boden, Maisfladen mit ein wenig geriebenem Käse. In ihrer eingeschränkten Sprache bedeutete sie ihm, oben zu bleiben und sich noch eine weitere Nacht, vielleicht auch zwei zu verstecken, weil Asdrubal Urribarri seine Runden in der Nähe ihres Unterschlupfes drehte. Antonio krümmte sich vor Wut.

»Eines Tages bin ich ein Mann, und dann habe ich keine Angst mehr«, sagte er zu ihr aus dem Gipfel der Palme. »Dann zeige ich ihm, wer der Chef ist.«

Aber die stumme Teresa antwortete nicht. Wie sie ihn da so sah, oben auf dem Baum in seinem Versteck, von allen vergessen in dieser trostlosen Welt, empfand sie einen tiefen Schmerz, denn in ihrer Vorstellung gab es für Antonio keine andere Zukunft als die eines Straßengauners, geboren am falschen Ort, der bis zum Tod einsam in unglückseligen Rumbrennereien sitzen würde, in die sich nur Zuhälter und Kriminelle verirren, verzweifelte Menschen, die nichts Schönes vom Leben erwarten und nicht mehr wissen, für wen es sich zu sterben lohnt. Sie stellte ihn sich vor wie diejenigen, die ihn suchten, diejenigen, die ihn schlagen wollten, die böse und arrogant und von der Unbändigkeit des Sees und ihren geizigen Vätern geprägt waren, das Herz ein Dornenstrauch ohne Blüte. Schlimmer noch, sie stellte ihn sich vor wie sich selbst, ein Leben aus Fehlschlägen und Enttäuschungen, auf den Stufen einer Kirche sitzend und fremden Menschen eine knochige Hand hinstreckend, über Demütigungen und Jugendsünden grübelnd, nachdem er eine Kindheit ohne Zuhause und Zuflucht überstanden hatte, ohne Liebe und Schutz, eine Kindheit, in der ihm niemand beigebracht hatte zu leben.

Darum empfing ihn die stumme Teresa drei Tage später, als alle die Sache mit dem Boot vergessen hatten und Antonio wieder nach Hause konnte, geduldig und sanft. Sie wartete dort auf ihn auf einem kleinen Schemel, während sie über eine Wanne gebeugt Wäsche wusch, und als sie ihn sah, ganz blass vor Müdigkeit und Hunger, vor Kälte und Angst, konnte sie nicht umhin, sich zu fragen, wie inmitten all dieser Grausamkeit die Menschlichkeit hatte überleben können. Schweigend setzte sie ihn auf den Boden, zog ihn aus und bereitete ihm mit dem Waschwasser ein notdürftiges Bad, gab Algen und Kokospalmenrinde in die Wanne und schrubbte seinen Körper, und ihr Leben lang sprachen sie niemals mehr ein einziges Wort über diese Begebenheit.

Am Tag darauf durchsuchte sie ihre Baracke bis in den letzten Winkel und gab ihm schließlich ein Päckchen in die Hand. Antonio, für den dies das erste Geschenk war, öffnete es eilig. Es war die kleine Zigarettendrehmaschine, die sie zehn Jahre zuvor zwischen den Falten des Wickeltuchs auf den Kirchenstufen gefunden hatte. Auf der Rückseite waren Buchstaben eingraviert: Borjas Romero. Sie schaute Antonio direkt in die Augen, und es war eines der wenigen Male, dass er ihre Stimme hörte:

»Wenn du der Chef werden willst, dann klau nicht«, brachte sie heraus. »Arbeite.«

So setzte Antonio es sich in den Kopf, Zigaretten zu verkaufen. An die erste Handvoll Tabak kam er dank seiner Gewitztheit. Eines Morgens im September, wenige Tage nach der Geschichte mit dem Boot, überquerte er den einzigen Platz von La Rita, betrat entschiedenen Schrittes den Lebensmittelladen La Pioja von Henri Reille, einem unauffälligen Kerl um die vierzig, der vor Kraft und Gesundheit strotzte und von seinen Anfang des Jahrhunderts aus Nantes eingewanderten Vorfahren den Sinn für wagemutige Geschäfte geerbt hatte, und schlug ihm folgenden Handel vor:

»Geben Sie mir Papier und Tabak. Noch heute Abend werde ich mit Geld, das doppelt so viel wert ist, wiederkommen.«

Er verließ Henri Reille mit zehn Gramm Tabak, rollte dreißig Zigaretten und begab sich zum Hafen von Santa Rita, wo täglich Dutzende Männer anlegten, die aus dem südlichen Teil des Maracaibo-Sees, aus der Cordillera de Mérida und den Sumpfgebieten von Santander, Trujillo und Táchira kamen und auf aus einem einzigen Stamm gehauenen Booten und Pirogen am Steg anlandeten, vollbeladen mit Tieren, deren Geschrei in der ganzen Bucht widerhallte. Bis zum Abend hantierte er mit seiner Maschine, als wäre sie eine venezianische Laute, und verkaufte alles, was er hatte, wobei er sorgfältig wie ein Juwelier jedes Gramm Tabak bemaß und jeden Millimeter Papier sparte. Gegen neunzehn Uhr machte er sich auf den Rückweg zum Laden und legte zur Verwunderung von Henri Reille seine Ausbeute des Tages auf den Tresen.

»Sie sind heute Abend reicher, als Sie es heute Morgen waren«, sage er. »Ich auch. Lassen Sie uns weitermachen.«

In der drückenden Hitze an der Küste pendelte er drei Wochen lang unablässig zwischen Pela el Ojo und La Rita hin und her und animierte alle Leute, die er am Hafen traf, zum Rauchen. Mit eiserner Beharrlichkeit mischte er sich unter die vielen Verkäufer, die mit zerstoßenem Eis handelten und mit guarapo sowie kalten Getränken auf Basis von Saft, Palmzuckerpaste und Pinole, bis zu jenem Tag, an dem ein Träger ihm drei Groschen bot, wenn er ihm hälfe, Säcke mit Kokosnüssen aus einem Schiff auszuladen.

Antonio, der zu diesem Zeitpunkt bereits breite Schultern und einen starken Rücken hatte, warf sich mithilfe zweier Lederriemen einen Sack auf die Schultern und war selbst erstaunt, wie robust seine Arme und wie tragfähig seine Beine waren, dann lief er, unter dem Gewicht nach vorne gekrümmt, zum Lastwagen, in blindem Eifer, den die anderen Träger nicht seiner Kraft, sondern seiner Jugend zuschrieben. Trotz der extremen Last, die ihm den Atem nahm, schaffte er es, alles auszuladen, und verdiente dank seiner Arme innerhalb einer Stunde, was er mit seinen Zigaretten nicht einmal an einem ganzen Tag hätte erwirtschaften können. Von da an setzte er nie wieder einen Fuß in den Laden von Henri Reille. Am nächsten Tag begab er sich wieder zum selben Ort am Landungssteg in dem festen Glauben, er könne mit seiner Muskelkraft reich werden, doch er begriff schnell, dass es überall eine Hierarchie gab, selbst unter den Trägern.

Jemand stellte ihn einem alten Pirogenbesitzer aus Panama namens Alfaro vor mit Händen voller Ringe und einer Hakennase, der für seine Launenhaftigkeit und seinen cholerischen Charakter bekannt war und Arbeitskräfte suchte. Antonio war ein Ausbund an Disziplin und Anpassungsfähigkeit, er opferte sich auf, gehorchte ohne Widerworte und gab sich mit dem zufrieden, was man ihm bot. In der stickigen Hitze des Hafens, an dessen Quais sich täglich nach Gewürzen und Blumenkörben duftende Kisten stapelten, lernte Antonio lesen und zählen, er lernte, die Flaggen auseinanderzuhalten, die die Schmuggler umgestalteten, um die Küstenwache zu täuschen, lernte Münzen zu ertasten und damit zu rechnen, wenn man ihm sein Geld aushändigte, und lernte nicht nur sämtliche Akzente einzuordnen, die er um sich herum hörte, sondern nahm auch all die sagenhaften Geschichten in sich auf, die die Männer gemeinsam mit ihren Lieferungen brachten und die sich in seiner Fantasie vermischten wie in einem antiken Roman.

Auf diese Weise erfuhr er von einem Dorf im Süden, das sich bewegt, das sich verschiebt, ein Dorf, das sich um die Stadt Barinas dreht wie ein Planet um einen Stern und das man nur durch Zufall findet. Er hörte die Legende von der massiven goldenen Statue der Heiligen Jungfrau des Benito Bonito, hörte von der mitten im Dschungel erbauten Oper in Manaus, vom 38-Minuten-Krieg um Sansibar und die Geschichte eines andalusischen Siedlers, der für seinen Pferdestall in der Wüste, in den Dünen bei Coro, vierhundert Elefanten aus Nepal kommen ließ. Diese wunderbaren Erzählungen schrieben sich so tief in seine Erinnerung ein, dass Antonio später, als das Schild an der Straße angebracht wurde, die seinen Namen tragen sollte, noch einmal erstaunlich deutlich jenen brütend heißen Morgen vor Augen hatte, an dem er im kleinen Hafen von Santa Rita mitten im Gemenge zwischen Seilen und schweren Ketten mit einem Mal die Statue des Libertador Simón Bolívar ankommen sah, als diese für einen Zwischenstopp in Maracaibo anlandete.

Sie tauchte an einem Dienstag im November auf. Die Menschen, die am See lebten, erblickten schon von Weitem, von der mit zertrampelten Mangos und vergammeltem Fisch bedeckten Promenade aus, eine beeindruckende, vier Meter hohe Statue aus sechs Tonnen Bronze, die in der Toskana gegossen worden war. Sie stellte einen Mann auf einem Pferd dar in einem Anzug aus dem 19. Jahrhundert, mit autoritärer Haltung, der geradeaus schaute und dabei mit seinem Schwert in Richtung Zukunft wies und dessen Anmut von so beeindruckender Wirkung auf die in Lumpen gekleideten Jungen am Strand war, die Simón Bolívar noch nie gesehen hatten, dass sie, als sie nach Hause kamen, riefen: »Gott ist nach Maracaibo gekommen!« In einem gewagten Manöver wurde Simón Bolívar mit Eisenrollen, Abdeckungen und Gurten aus dem Schiff herausgezogen und zwischen Kisten mit Kochbananen und Dörrfleisch, Hühnerkäfigen und Kaffeesäcken abgestellt. Die Bronze stank nach Guave. Simón Bolívar kam von weit her. Er hatte eine Schiffsreise auf einem tosenden Fluss hinter sich. Hatte tropische Regenfälle überstanden, die mehrmals niedergeprasselt waren, achtzig Kilometer mit Kaimanen und schreienden Affen sowie Rost und Oxidierung. Er sollte ein paar Tage in Maracaibo bleiben und anschließend seinen Weg auf dem Rio Escalante fortsetzen bis zum Hafen von Santa Bárbara del Zulia, gegenüber der Stadt San Carlos, wo Simón Bolívar sich eines Tages im Jahr 1820 das in der Region im Überfluss vorhandene Holz zunutze gemacht und den Bau von fünf Schiffen angeordnet hatte, um die Spanier anzugreifen.

Gegen vierzehn Uhr wusste bereits die gesamte Stadt vom Besuch des Libertador. Die Leute drängten sich mit karnevaleskem Geschrei um die Statue, trugen die Kinder auf den Schultern und holten die Alten aus ihren Zimmern, und auf den Anlegestegen sah man sogar Angehörige der Guajiro, die mit Vögeln in der Hand und schellenrasselnd barfuß aus der Sierra de Perijá gekommen waren, weil sie gehört hatten, dass mitten auf ihrem See ein Mann aus Metall gesichtet worden war. Es dauerte nicht lange, bis die Behörden vor Ort zu einem offiziellen Auftritt erschienen, an der Spitze der Gouverneur des Bundesstaates Zulia und weitere verdienstvolle Repräsentanten der Stadt, um dem Helden des Vaterlandes ihre Ehre zu erweisen, wobei sie über faulende Früchten laufen mussten.

Doch die Reden dauerten so lange und waren so schwülstig, dass die Leute während der zehn Tage, in denen die Statue im Hafen von Maracaibo weilte, schließlich das Interesse verloren. Nachts versuchten Männer, die auf den Quais unterwegs waren, die Kruppe des Pferdes anzumalen, andere warfen Simón Bolívar Avocados groß wie Melonen an den Kopf, und wieder andere wollten ihm sein Schwert stehlen, indem sie es mit einer Holzsäge abzutrennen versuchten, aber sie brachten nur eine drei Zentimeter lange Kerbe auf dem Handteller zustande, sodass man ein paar Tage später, als man sich die Statue genau ansah, glaubte, es handle sich um eine rätselhafte christliche Stigmatisation.

Durch einen unerwarteten Vorfall, der irreführend war, weil er über einen anderen Vorfall hinwegtäuschte, war Antonio dazu gezwungen, ein weiteres Mal den Beruf zu wechseln. Nachdem Simón Bolívar Maracaibo wieder verlassen hatte, wachte der alte Pirogenbesitzer Alfaro mitten in der Nacht von großem Getöse auf der Straße auf. Er spürte seine Beine nicht mehr. Mit kribbelnden Armen und übermannt von einem Erstickungsanfall starb er nach wenigen Minuten, ohne dass er noch um Hilfe hätte rufen können. Obwohl er schon betagt war, war es nicht das Alter, an dem er starb, sondern ein Herzstillstand um vier Uhr dreißig, zu Hause in seinem eigenen Bett, am Tag des Reventón, als die Arbeiter der Venezuelan Oil Concessions das erste Erdölvorkommen entdeckten, das die Wirtschaft des gesamten Landes auf den Kopf stellen sollte.

Als Erstes war die Explosion in Cabimas zu hören. Alle schreckten hoch, als ein Donnerschlag die Verriegelungen der Fensterläden löste und sämtliche Fenster im Viertel aufspringen ließ. Der Presse zufolge dachten die Anwohner, es handle sich um einen Baum, der während eines heftigen Sturms entwurzelt worden und mit aller Wucht in eine alte Hazienda gestürzt war, und als sie auf die Straße traten, bemerkten sie bestürzt, dass es nicht Wasser regnete, sondern eine schwarze, zähe Flüssigkeit. Hinter dem Haus der Familie Barroso konnte man hinten am Himmel eine dunkle Säule erkennen, die sich wie der Turm eines verwunschenen Schlosses vierzig Meter in die Höhe reckte, wie ein unerschöpflicher Geysir, der nicht aufhörte zu grollen und Steine in den Himmel zu spucken.

»Öl! Öl!«, johlten die Arbeiter.

Samuel Smith, der mit der Venezuelan Oil Concessions betraute US-amerikanische Ingenieur, ein Mann mit hellen Augen und einer griechischen Nase, wachte am frühen Morgen von demselben Donnerschlag auf, der den Pirogenbesitzer Alfaro tötete. Er veranlasste, die Bohrung und damit das Ausströmen sofort zu stoppen, aber das Rinnsal floss bereits mehrere Meter zwischen den Felsen und den Kokospalmen entlang und schlängelte sich in Richtung See. Im Morgengrauen war die Bohrkrone durch Steine kaputt gegangen, und das Rinnsal hatte sich zu einem glühenden Fluss ausgewachsen. Am Mittag reichte der aufgehäufte Sand bis an die Metallumzäunung heran, die das Gelände begrenzte, und kein Ventil, nicht einmal das, das man aus Punta de Leiva auf einem von einem Bauern aus Cabimas geliehenen Trecker kommen ließ, konnte den Ausstoß eingrenzen. An jenem Abend musste sich Samuel Smith, der einen wahren Albtraum durchlebte, mit den Schläuchen eines Bohrgerätes zufriedengeben, die das Unternehmen am Fluss Limón besaß, und gegenüber von La Rosa zwei Pumpen installieren, um das ausgelaufene Öl weiterzuleiten.

Doch die schwarze Sintflut war nicht zu stillen. Neun Tage lang regnete es Erdöl, ununterbrochen. Es heißt, aus diesem ersten Bohrloch seien täglich unkontrolliert hunderttausend Barrel geflossen, hunderttausend Barrel, die entsorgt werden mussten, weil niemand sie raffinieren konnte. Und das Bohrloch hätte noch weitere zwanzig Jahre Erdöl ausgespuckt, wäre nicht eines Morgens, als schon alles verloren schien, ein gewisser Andrés Arrieta, ein Anhänger des Heiligen Benedikts des Afrikaners, in das Büro von Samuel Smith geplatzt und hätte darum gebeten, sich mit ihm unterhalten zu dürfen.

Andrés Arrieta war ein mittelgroßer créole*. Mit seinem wachen Blick und den weißen Leinenkleidern erinnerte er an die Alchimisten des Mittelalters, die versuchten, der geheimen Magie der Metalle auf die Spur zu kommen. Obwohl er eine Glatze hatte, trug er farbige Bänder auf dem Kopf, die das nicht vorhandene Haar zu bändigen schienen, ein besticktes Skapulier über der Brust sowie Angelschnüre um die Handgelenke und hatte Wachsflecken auf den Händen.

»Lassen Sie uns zum Bohrloch gehen«, sagte Arrieta. »Der Heilige Benedikt wird den Strahl versiegen lassen.«

Seine Stimme war sanft und fest zugleich. Samuel Smith starrte ihn mit seinen blassen Augen an und brach in Gelächter aus.

»Wenn Sie da reingehen, kommt niemand lebendig wieder heraus, weder Sie noch Ihr Heiliger.«

»Der Heilige Benedikt wird uns beschützen«, antwortete er.

Andrés Arrieta war so beharrlich, dass man ihm schließlich den Zugang zum Bohrloch gewährte. Er machte sich auf, den Heiligen aus einer Kapelle in La Rita zu holen, dann kam er begleitet von acht Männern mit kupferfarbener Haut zurück, die Trommeln an Bändern um den Nacken trugen und ihre Gesichter hinter Teufelsmasken verbargen. Den Heiligen Benedikt auf einer Bahre tragend, drangen sie mit Pomp und Prunk und afrikanische Litaneien verkündend in den abgeschlossenen Bereich des Mineralölkonzerns ein und durchquerten die Ortschaft El Cardonal unter einem Regen aus schwarzen Tropfen. Während sie sich in einer lautstarken Prozession zum Bohrloch bewegten, überzeugt davon, dass nur ein Wunder diese Quelle versiegen lassen könne, begannen sie, den Heiligen Benedikt zum Rhythmus der Trommeln in Öl zu baden. Weitere Männer mischten sich unter diese Prozession, rituelle Tänzer und Sänger, die Fächer und Klopfpeitschen schwenkten und Kreuze verschiedener Gemeinden in die Höhe hoben, als mit einem Mal der Strahl abrupt versiegte.

Samuel Smith war dermaßen beeindruckt von diesem ungeheuren Zufall, dass er sich noch viele Jahre später im Wohnzimmer seines Hauses in Boconó, im Bundesstaat Trujillo, wo er mit seiner zweiten Frau lebte, fragte, ob diese Szene nicht ein mystischer Traum gewesen war. Aber er musste sich gar nicht anstrengen, um sich in allen Einzelheiten an das riesige Fest zu erinnern, das die Venezuelan Oil Concessions für die sanbeniteros vor dem Geschäft von Abraham Perozo organisiert hatte, und daran, wie er sich an jenem Abend entschied, nachdem er eine der erstaunlichsten Begegnungen zwischen Magie und Wissenschaft miterlebt hatte, bis ans Ende seines Lebens ein Anhänger des Heiligen Benedikt zu sein.

Sobald das Bohrloch unter Kontrolle war, ließ man dreihundert Männer aus Carora und den Anden kommen, um eine Mauer zu bauen, so dick wie ein Wehr, die das Auslaufen des Öls eindämmen und verhindern sollte, dass es bis zum See gelangte. Auch Antonio half mit. Er arbeitete Woche um Woche, trug Sandsäcke und schob Schubkarren mit Zement, kam in Massenunterkünften für die Arbeiter unter, wo entlang der Zelte Tausende herausgerissener Blumen in Karren verwelkten, und dabei verflog seine Kindheit. Schnell wurde er zu einem kernigen Jugendlichen, gestählt von der schweren Arbeit. Seine Stimme wurde tiefer, ernster und sicherer, seine Hände waren von Adern überzogen, auf seinem Kinn zeigten sich die ersten Barthaare, und seine Arme wurden muskulös wie die von Galeerensklaven.

Alles an ihm strotzte vor Potenz, Robustheit und Freude. Es kostete ihn keinerlei Mühe, Lasten zu heben, mit Kalk zu weißen oder seine Erschöpfung zu überspielen. Eine pochende Lebenskraft durchströmte ihn. Und er war derart auf sein Tun konzentriert, dass er sich weder der Wandlung seines Körpers bewusst wurde noch der Schnelligkeit, mit der sich die Region nun mit Fremden und in Wohnwagen herumreisenden Menschen bevölkerte, denn das Gerücht eines neuen gelobten Landes hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, und niemand konnte mehr darüber hinwegsehen, dass der Maracaibo-See eine Goldmine war.

Die Entdeckung des Erdöls veränderte alles. Die Stadt verwandelte sich zur selben Zeit wie Antonio. Was noch wenige Monate zuvor nur ein Dorf gewesen war, in dem Fischer und Ährenleser lebten, wurde mit dem Einzug gewaltiger Kolonnen gieriger Menschen über Nacht zu einer Art Babel.

Ganz Maracaibo war wie benommen vom Anblick der in langen stummen Reihen am Eingang der Vororte parkenden Lastwagen voller kräftiger Burschen, die aus den abgelegensten Regionen Tucupitas, dem Orinoco-Delta und den überirdisch anmutenden weiten Tälern der Gran Sabana anreisten. Am Hafen kamen und gingen täglich Dutzende nie zuvor gesehener Massengutfrachter mit kleinen Häusern aus den USA, England und Korea, beladen mit lauter Geschäftsleuten und Koffern voller Dollar. Dann tauchten Fremde auf, müde Wahrsager, die die Launen des Himmels anhand der Dicke von Pflanzensäften zu deuten wussten, Holländer und Italiener, die behelfsmäßige Schiffe bestiegen hatten, auf denen sie sich den Namen einer Prostituierten auf die Brust tätowieren ließen, Araber und garimpeiros in Militäruniform, die aus dem Dschungel kamen, und chilenische Weinbauern, die die Gebirgskette zu Fuß hinaufgestiegen waren in der Hoffnung auf ein neues Land. All diese Menschen landeten jetzt an den mit Steinkohle und Kamelien bedeckten Ufern auf der Suche nach schwarzem Gold.

Innerhalb weniger Tage hörte Antonio Flüche in allen erdenklichen Sprachen und lernte dabei so viel über die Welt, wie er in zwölf Jahren seines Lebens nicht gelernt hatte. Die Stadt brodelte, schwärmte, sprudelte und verwandelte sich derart plötzlich und gänzlich, dass man meinte, die ganze Erde wäre hierher gereist, und die Häuser waren mit so vielen Bewohnern vollgestopft, dass man mit einem vom Gouverneur beauftragten Sondertransport Betten aus Caracas heranschaffen musste, denn die Leute hatten schon angefangen, die Matratzen aus Krankenhäusern und die Liegen aus Kasernen zu beschlagnahmen. Frauen mit neumodischen Sitten fielen zu Scharen in den Cafés und Kantinen ein, auf den Restaurantterrassen und den Trottoirs der Avenida El Milagro. Die Straßen wimmelten von Unglückseligen und Abenteurern aus sämtlichen Gefängnissen und Nachtlokalen Amerikas, von Zuhältern und Geizhälsen, Goldsuchern und Krämerseelen, und vielleicht hatte man in diesem kleinen Dorf am Rande eines vergessenen Golfs niemals so viele Besucher gesehen, seit der Deutsche Ambrosius Ehinger vierhundert Jahre zuvor mit hundert Soldaten in der Region gelandet war, um das zu gründen, was er für ein geheiligtes Land hielt.

Antonio verließ Santa Rita etwa zu dieser Zeit. Einer der ältesten Arbeiter beim Bau der Mauer der Venezuelan Oil Concessions, Atilio Berenice, ein Mann mit Albinismus, der etwa hundertfünfzig Jahre alt sein musste, aber durch seine unerschütterliche Kraft wie dreißig wirkte, erzählte ihm von einem Bordell, wo man einen Mann für alles suchte.

»Es heißt Majestic. Sag, dass du von mir kommst.«

Noch am selben Abend ging Antonio dorthin. Das Majestic war ein Treffpunkt auf der anderen Seite des Sees, weit weg von allem, in der Nähe eines Auswuchses der Stadt aus elenden, stinkenden Gassen auf gestampfter Erde, wo die Kinder nackt herumliefen und die Menschen aus Mangel an Liebe starben. Auf der rot gestrichenen Fassade war auf einem Holzschild in glänzenden Buchstaben Majestic zu lesen, wobei die Schrift an die langgezogenen Unterschriften der ersten Gouverneure im Bundesstaat Zulia erinnerte.

Es war ein altes, vierstöckiges Haus, würdevoll und weitläufig, vermutlich das Haus eines Siedlers im Dienste Kastiliens, das so groß war, dass nach zweitägigem Hausputz, wenn man im letzten Raum angelangt war, das erste Zimmer bereits wieder staubig war. Diese Sisyphusarbeit wurde unablässig und ohne Ruhepausen in diesem düsteren Königreich verrichtet, das mit Kork verkleidet war, um die Geräusche des ausschweifenden Liebeslebens darin zu dämpfen, und das mit Möbeln von tropischen Trödelmärkten und Statuen der Heiligen Jungfrau aus blauem Marmor geschmückt war, mit Gemälden vom Fischfang und allegorischen Figuren aus Alabaster, die Füllhörner in Händen hielten, mit einer goldverschnörkelten Harfe, die niemals irgendwer angerührt hatte, und an dessen Wänden barocke, übertrieben verzierte gerahmte Spiegel hingen wie in einem Kristallmuseum, vor denen sich junge Mädchen mit aufreizenden Gesten die Haare richteten.

Antonio klopfte an die Eingangstür. Als man ihn aufforderte, sich vorzustellen, nannte er den Namen Atilio Berenices.

»Warte hier«, antwortete eine weibliche Stimme.

Schließlich öffnete sich die Haupttür. Er ging durch einen langen Flur, der zu einem Zimmer mit gepolsterten Wänden führte. In diesem Raum saß unter einem Lampenschirm mit Spitze, eine Zigarre in der Hand, eine Frau an einem arabischen Beistelltischchen. Ihr Name war stadtbekannt: Lucrecia Montilla. Sie trug eine Blüte mit getigerten Blättern hinter dem Ohr, mehrere silberne Panzerarmbänder mit abgeflachten Gliedern und eine ganze Flut verschiedener Parfums.

»Wie alt bist du?«

»Dreizehn«, log Antonio.

Sie hob ihren Arm voller goldener Armreifen und Ringe und bedeutete ihm, näher zu treten. Als er direkt vor ihr stand, fasste sie ihm ganz plötzlich zwischen die Beine.

»Du scheinst mir jünger«, sagte sie lachend.

Sie musste einst unverschämt schön gewesen sein, was sich unter den erbarmungslosen Falten noch erahnen ließ, doch jetzt schien der große, unbeholfene Körper aus festem, kompaktem Lehm zu bestehen, so schwer, dass sie sich nur mithilfe zweier Personen setzen konnte. Ihre Hände rochen nach Reispulver, nach Schminke mit Zimt, nach Nagellack, falschen Wimpern, granatapfelrotem Lipgloss, nach Enthaarungswachs und lokaler Korruption.

»Was kannst du?«, fragte sie.

»Alles«, antwortete Antonio.

Ein paar junge Mädchen auf dem Boden glucksten vor Lachen. Sie waren die Jüngsten des Hauses. Ihr langes, glänzendes, parfümiertes Haar wirkte im Zusammenspiel mit den Motiven auf dem Teppich wie ein Beet aus lauter Nattern. Lucrecia Montilla musterte Antonio von Kopf bis Fuß und schien zufrieden.

»Dann komm in drei Tagen wieder«, sagte sie. »Hier gibt es alles Mögliche zu tun.«

Drei Tage später kam Antonio pünktlich um neun Uhr, wie es vereinbart worden war. Als er die Tür des Majestics aufstieß, brauchte er eine ganze Weile, um sich von seinem Erstaunen angesichts des Berges abgeschnittener Haare, die mitten im Raum wie zu einem Strohballen aufgehäuft waren, zu erholen. Der Hügel leuchtete noch rot und musste an die vier Pfund wiegen. Daneben nahm Antonio eine in einen weißen Morgenmantel aus Alpaka gekleidete Gestalt wahr, die in einer Ecke auf einem Samtsessel saß und ihm wie ein aus Alabaster geformtes Rehkitz erschien.

Es war ein junges Mädchen mit kahl geschorenem Schädel, das sich die Kopfhaut von zwei indigenen Frauen mit Macadamiaöl einreiben ließ. Ihr Blick ging ins Leere. Ihre Haut war blass. Antonio hätte sie eigentlich auf zwanzig Jahre geschätzt, aber irgendetwas an ihrer Haltung, eine Art Kraftlosigkeit und Erschöpfung, etwas in den auffälligen Adern ihrer Hände und der Traurigkeit auf ihrer Stirn ließ ihn denken, dass sie doppelt so alt wäre. Sie schien erstarrt und regungslos wie eine Statue, verirrt in einer ihm unbekannten Welt, und ihr schauerlicher Blick ließ Antonio vermuten, dass in diesem abgelegenen Bordell alle aus Liebe begangenen Vergehen vollkommen straffrei blieben.

Das junge Mädchen hieß Leona Coralina. Sie war über die kolumbianische Grenze nach Maracaibo gelangt, nachdem sie gehört hatte, auf der anderen Seite der Berge regne es Erdöl, und um dem Einfluss eines Zuhälters zu entkommen, eines perversen Mannes mit langem blonden Schnurrbart, der sie auf sämtlichen Gehsteigen Cartagenas in Seidenstrümpfen hatte laufen lassen und für ein Butterbrot an Scharen von Touristen verkauft hatte. Eines Abends im Februar, als sie sich endlich damit abgefunden hatte, dass nur sie allein ihr Schicksal zum Besseren wenden konnte, schnitt sie sich die Haare ab und verkaufte sie, um die Schleuser aus der Sierra zu bezahlen und die Grenze zu passieren, wobei sie undurchdringliche Wege durch den Dschungel und eine gefährliche Reise mit Treibstoffschwarzhändlern zurücklegte, die sich von ihr in natura bezahlen lassen wollten, und erreichte schließlich den Hafen von Maracaibo mit einem Haarschnitt à la Garçonne und um zehn Jahre gealtert.