Der Trost von Fremden - Ian McEwan - E-Book

Der Trost von Fremden E-Book

Ian McEwan

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Beschreibung

Hochsommer, die alte Stadt ist von Touristen überschwemmt. Auch das Liebespaar Colin und Mary, das kein Liebespaar mehr ist, macht hier Urlaub. Sie machen sich sorgfältig zurecht für ihren Dinnerspaziergang durch die Stadt; und dann lauert im Labyrinth der beklemmend engen Gassen ein Minotaurus auf sie. Die Kanäle haben Gegenströmungen, die Lagune ungeahnte Tiefen.

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EPUB

Seitenzahl: 178




Ian McEwan

Der Trostvon Fremden

Roman

Aus dem Englischen vonMichael Walter

Titel der 1981 bei

Jonathan Cape Ltd., London,

erschienenen Originalausgabe:

›The Comfort of Strangers‹

Copyright ©1981 by Ian McEwan

Die deutsche Erstausgabe

erschien 1983 im Diogenes Verlag

Covermotiv: Foto von Mark Owen

Copyright ©Mark Owen/Trevillion Images

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright ©2016

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 21266 2 (14. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60638 6

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

wie wir in zwei Welten weiltendie Töchter und die Mütterim Königreich der Söhne

Adrienne Rich

Reisen ist eine Brutalität. Es zwingt einen, Fremden zu vertrauen und all dem gewohnten Trost von Heim und Freunden zu entsagen. Man ist dauernd aus dem Lot. Nichts gehört einem, außer den wesentlichen Dingen – Luft, Schlaf, Träume, das Meer, der Himmel – lauter Dinge, die der Ewigkeit zuneigen oder dem, was wir uns darunter vorstellen.

Cesare Pavese

[9]Eins

Jeden Nachmittag, wenn sich die ganze Stadt hinter den dunkelgrünen Fensterläden ihres Hotels zu regen begann, wurden Colin und Mary geweckt durch das systematische Bosseln von Stahlwerkzeugen gegen die eisernen Lastkähne, die am Ponton des Hotelcafés vertäut lagen. Morgens waren diese rostenden, narbenbedeckten Rümpfe ohne erkennbare Fracht oder Antriebsvorrichtung dann verschwunden; gegen Ende eines jeden Tages tauchten sie wieder auf, und die Besatzungen hantierten unerklärlich mit ihren Holzhämmern und Meißeln. Um diese Zeit, in der wolkigen Spätnachmittagshitze, begannen sich Gäste auf dem Ponton einzufinden, um an den Blechtischen Eis zu essen, und auch ihre Stimmen erfüllten das abgedunkelte Hotelzimmer, wogten auf und ab in Wellen von Gelächter und Unstimmigkeit und überfluteten die kurze Stille zwischen den einzelnen durchdringenden Hammerschlägen.

Sie erwachten, so schien es ihnen, gleichzeitig und lagen ruhig auf ihren getrennten Betten. Aus Gründen, die sie nicht mehr klar definieren konnten, [10]redeten Colin und Mary zur Zeit nicht miteinander. Zwei Fliegen umkreisten träge das Deckenlicht, auf dem Korridor drehte sich ein Schlüssel im Schloß, Schritte näherten sich und verklangen. Schließlich stand Colin auf, stieß die Fensterläden nach außen und ging ins Bad, um zu duschen. Noch verfangen in den Nachwehen ihrer Träume, drehte sich Mary auf die Seite, als er vorbeiging, und starrte die Wand an. Das stetige Wasserrauschen nebenan war besänftigend, und sie schloß noch einmal die Augen.

Jeden Abend, in der rituellen Stunde, die sie auf ihrem Balkon verbrachten, bevor sie sich auf die Suche nach einem Restaurant machten, hatten sie geduldig den Träumen des anderen zugehört, im Austausch für den Genuß, ihre eigenen erzählen zu können. Colins Träume waren solche, wie Psychoanalytiker sie empfehlen, vom Fliegen, sagte er, von ausbröckelnden Zähnen, davon, nackt vor einem sitzenden Fremden zu erscheinen. Bei Mary verbündeten sich die harte Matratze, die ungewohnte Hitze und die kaum erforschte Stadt dazu, in ihrem Schlaf einen Tumult von lärmenden, streitsüchtigen Träumen zu entfesseln, die, beklagte sie sich, ihren Wachzustand betäubten: und die schönen alten Kirchen, die Altarbilder und die Steinbrücken über den Kanälen fielen matt auf ihre Netzhaut wie auf eine ferne Leinwand. Am häufigsten träumte sie von ihren Kindern: daß sie in Gefahr schwebten und daß [11]sie selbst zu unbeholfen oder durcheinander war, um ihnen zu helfen. Ihre eigene Kindheit verwirrte sich mit der ihres Sohns und ihrer Tochter. Sie waren ihre Altersgenossen, die sie mit ihren beharrlichen Fragen ängstigten. Warum bist du ohne uns weggegangen? Wann kommst du wieder? Wirst du uns vom Zug abholen? Nein, nein, versuchte sie ihnen klarzumachen, ihr sollt doch mich abholen. Sie erzählte Colin, sie habe geträumt, ihre Kinder seien zu ihr ins Bett geklettert, auf jeder Seite eines, und da lagen sie und zankten sich die ganze Nacht über ihrem schlafenden Körper. Hab ich. Hast du nicht. Doch. Hast du nicht… bis sie erschöpft erwachte, die Hände fest an die Ohren gepreßt. Oder, sagte sie, ihr Exgatte bugsierte sie in eine Ecke und begann ihr geduldig, so wie er es einmal getan hatte, die Handhabung seiner kostspieligen japanischen Kamera zu erklären und sie dabei nach jedem Schritt die Raffinessen abzufragen. Nach vielen Stunden fing sie an zu seufzen und stöhnen und bat ihn, doch aufzuhören, aber nichts konnte die unbarmherzige Leier von Erklärungen unterbrechen.

Das Badezimmerfenster ging auf einen Hof, und zu dieser Stunde belebte auch er sich mit Geräuschen aus angrenzenden Zimmern und den Hotelküchen. In dem Moment, als Colin die Dusche abdrehte, begann der Mann von gegenüber, wie an den vorherigen Abenden, unter seiner Dusche sein [12]Duett aus der Zauberflöte zu singen. Mit einer Stimme, die das wolkenbruchartige Wasserbrausen und das Schmatzen und Schlabbern verschwenderisch geseifter Haut übertönte, sang der Mann mit der völligen Ungezwungenheit dessen, der sich ohne Publikum glaubt, kiekste und jodelte die hohen Töne, tra-la-la-te die vergessenen Worte und schmetterte die Orchesterpassagen. »Mann und Weib, und Weib und Mann, reichen an die Gottheit an.« Sowie die Dusche abgestellt war, verflachte der Gesang zu einem Pfeifen.

Colin stand vor dem Spiegel, lauschte; dann begann er ohne besonderen Anlaß sich zum zweitenmal an diesem Tag zu rasieren. Sie hatten seit ihrer Ankunft ein wohlgeordnetes Ritual festgelegt, bestehend aus Schlaf, dem nur bei einer Gelegenheit Sex vorausgegangen war, und dem ruhigen, selbstverlorenen Zwischenspiel jetzt, während dem sie sich sorgfältig zurechtmachten vor ihrem Dinnerspaziergang durch die Stadt. In dieser Zeit der Vorbereitung bewegten sie sich langsam und sprachen kaum. Sie behandelten ihre Körper mit teurem, zollfreien Eau de Cologne und Puder, sie wählten ihre Garderobe mit peinlicher Sorgfalt und ohne den anderen um Rat zu fragen, so als warte irgendwo unter den Tausenden, zu denen sie sich bald gesellen würden, jemand, dem sehr viel an ihrer äußeren Erscheinung lag. Während Mary auf dem [13]Schlafzimmerfußboden ihr Yoga machte, drehte Colin immer einen Marihuana-Joint, den sie dann auf ihrem Balkon rauchten, was jenen köstlichen Augenblick steigern würde, wenn sie aus der Hotelhalle in die cremige Abendluft traten.

Während ihrer Abwesenheit, und nicht nur morgens, kam ein Zimmermädchen und machte die Betten oder zog die Laken ab, wenn es das für nötig hielt. An das Hotelleben nicht gewöhnt, hemmte sie diese Intimität mit einer Fremden, die sie nur selten sahen. Das Zimmermädchen entfernte benutzte Papiertaschentücher, es stellte ihre Schuhe im Schrank in einer anständigen Reihe auf, es legte ihre schmutzigen Kleider auf einem Stuhl zu einem ordentlichen Haufen zusammen und arrangierte loses Kleingeld in kleinen Stapeln längs des Nachtkästchens. Rasch jedoch wurden sie von ihr abhängig und fingen an, ihre Sachen achtlos zu behandeln. Sie wurden unfähig, sich umeinander zu kümmern, unfähig, in dieser Hitze ihre Kissen selbst aufzuschütteln oder sich nach einem fallengelassenen Handtuch zu bücken. Gleichzeitig waren sie gegen Unordnung intoleranter geworden. Eines Spätvormittags kamen sie in ihr Zimmer zurück und fanden es noch so vor, wie sie es hinterlassen hatten – schlicht unbewohnbar–, und es blieb ihnen nur übrig, wieder wegzugehen und abzuwarten, bis es aufgeräumt worden war.

[14]Die Stunden vor ihrem Nachmittagsschlaf waren ebenso festumrissen, wenn auch weniger voraussagbar. Es war Hochsommer, und die Stadt quoll über von Besuchern. Colin und Mary zogen jeden Morgen nach dem Frühstück mit Geld, Sonnenbrillen und Stadtplänen los und schlossen sich den Scharen an, die über die Kanalbrücken und durch jede enge Straße schwärmten. Sie erfüllten getreulich die vielen touristischen Pflichten, die die uralte Stadt auferlegte, und besuchten ihre Haupt- und Nebenkirchen, ihre Museen und Paläste, allesamt angefüllt mit Schätzen. In den Einkaufsstraßen blieben sie vor den Schaufensterauslagen stehen und erörterten Geschenke, die sie eventuell kaufen würden. Bislang hatten sie noch kein Geschäft betreten. Trotz der Stadtpläne verirrten sie sich häufig und konnten leicht eine Stunde damit zubringen, den gleichen Weg zurück und im Kreis zu laufen, den Sonnenstand (Colins Trick) zu Rate zu ziehen, um sich dann einer vertrauten Wegmarke aus einer unerwarteten Richtung zu nähern und immer noch irrezugehen. War die Strapaze besonders groß und die Hitze noch drückender als gewöhnlich, erinnerten sie einander sardonisch daran, daß sie »doch Ferien machten«. Sie verbrachten viele Stunden auf der Suche nach »idealen« Restaurants oder beim Versuch, das Restaurant von vor zwei Tagen wiederzufinden. Häufig waren die idealen Restaurants voll [15]oder, nach neun Uhr abends, gerade dabei zu schließen; kamen sie an einem vorbei, das auf und Platz hatte, aßen sie dort, manchmal lange bevor sie hungrig waren.

Allein vielleicht hätte jeder für sich die Stadt mit Vergnügen erkunden, Launen erliegen, Ziele aufgeben und so das Verirrtsein genießen oder ignorieren können. Es gab so viel zu bestaunen hier, man mußte nur auf Draht sein und die Augen aufsperren. Doch sie kannten einander so gut wie sich selbst, und ihre Vertrautheit war, wie zuviele Koffer etwa, eine ständige Belastung; gemeinsam bewegten sie sich langsam, unbeholfen, schlossen klägliche Kompromisse, achteten auf leise Stimmungsumschwünge, kitteten Brüche. Als Individuen waren sie nicht leicht gekränkt; aber gemeinsam gelang es ihnen, einander auf überraschende, unerwartete Weise zu kränken; dann irritierte den Kränkenden – es war zweimal seit ihrer Ankunft geschehen – die Überempfindlichkeit des anderen, und sie setzten die Erkundung der gewundenen Gassen und unvermuteten Plätze schweigend fort, und mit jedem Schritt wich die Stadt zurück, während sie sich tiefer in der Gegenwart des anderen verschlangen.

Mary stand von ihrem Yoga auf und, nachdem sie ihre Unterwäsche sorgsam ausgesucht hatte, begann sich anzuziehen. Durch die halboffene Verandatür [16]konnte sie Colin auf dem Balkon sehen. Ganz in Weiß gekleidet lümmelte er in dem Strandstuhl aus Aluminium und Plastik, sein Handgelenk baumelte dicht über dem Boden. Er inhalierte, kippte den Kopf, hielt den Atem an und atmete über den Geranientöpfen, die die Balkonmauer säumten, den Rauch aus. Sie liebte ihn, wenn auch nicht eben in diesem Augenblick. Sie zog eine Seidenbluse und einen weißen Baumwollrock an, und als sie sich auf die Bettkante setzte, um ihre Sandalen zuzumachen, nahm sie einen Reiseführer vom Nachtkästchen. Den Fotos zufolge gab es in anderen Teilen des Landes Wiesen, Berge, menschenleere Strände, einen Pfad, der sich durch einen Wald zu einem See schlängelte. Hier, in ihrem einzigen freien Monat im Jahr, galt die Verpflichtung Museen und Restaurants. Als sie Colins Stuhl quietschen hörte, ging sie hinüber zum Toilettentisch und begann sich mit knappen, energischen Strichen das Haar zu bürsten.

Colin hatte den Joint für Mary hereingebracht, und sie hatte abgelehnt – ein rasch gemurmeltes »Nein, danke«–, ohne sich auf ihrem Stuhl umzudrehen. Er zauderte noch hinter ihr, starrte mit ihr in den Spiegel und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Doch sie blickte geradeaus sich selber an und bürstete weiter die Haare. Er fuhr mit dem Finger die Kontur ihrer Schulter entlang. Früher oder später mußte das Schweigen brechen. Colin [17]wandte sich zum Gehen, und entschied sich um. Er räusperte sich und legte ihr seine Hand fest auf die Schulter. Draußen mußte ein beginnender Sonnenuntergang beobachtet und drinnen mußten Verhandlungen eröffnet werden. Seine Unschlüssigkeit war ganz und gar durch die Droge bedingt und von der Sorte, die im Kreis herum argumentierte, daß, ginge er jetzt weg, wo er sie berührt hatte, sie, zumindest möglicherweise, gekränkt sein könnte… doch andererseits bürstete sie sich weiter die Haare, obwohl es schon längst nicht mehr nötig war, und es schien so, als warte sie darauf, daß Colin ging… und weshalb?…weil sie das Widerstrebende seines Bleibens spürte und bereits gekränkt war?…aber widerstrebte es ihm denn? Unglücklich strich er mit dem Finger über Marys Rückgrat. Sie hielt jetzt den Bürstenstiel in der einen Hand und ließ die Borsten im offenen Handteller der anderen ruhen und starrte weiter geradeaus. Colin beugte sich vor und küßte ihren Nacken, und als sie ihn noch immer nicht zur Kenntnis nahm, durchquerte er mit einem geräuschvollen Seufzer das Zimmer und ging wieder auf den Balkon.

Colin ließ sich in seinem Stuhl nieder. Über ihm dehnte sich eine gewaltige, klare Himmelskuppel, und er seufzte erneut, diesmal aus Zufriedenheit. Die Arbeiter auf den Lastkähnen hatten ihre Werkzeuge eingepackt und standen jetzt in einer Gruppe, [18]dem Sonnenuntergang zugewandt, und rauchten Zigaretten. Auf dem Ponton des Hotelcafés waren die Kunden zum Aperitif übergegangen, und die Unterhaltungen von den Tischen klangen gedämpft und gleichförmig. Eis klingelte in Gläsern, und die Absätze der tüchtigen Kellner klackten mechanisch über die Pontonplanken. Colin stand auf und betrachtete die Passanten unten auf der Straße. Touristen, viele davon älter, in ihren besten Sommeranzügen und Sommerkleidern bewegten sich in reptilienhaftem Zeitlupentempo auf den Gehsteigen. Dann und wann blieb ein Paar stehen, um billigend die Gäste auf dem Ponton zu betrachten, die vor dem gigantischen Prospekt aus Sonnenuntergang und gerötetem Wasser tranken. Ein älterer Herr postierte seine Frau im Vordergrund und ging mit dünnen, zittrigen Schenkeln halb in die Hocke, um ein Bild zu knipsen. Die Trinkenden an dem Tisch direkt hinter der Frau hoben ihre Gläser gefällig zur Kamera. Doch der auf Spontaneität bedachte Fotograf richtete sich auf und versuchte sie mit einer scheuchenden Bewegung seiner freien Hand in die Bahn ihrer unbefangenen Existenz zurückzuweisen. Erst als die Trinkenden, lauter junge Männer, das Interesse verloren, hob der alte Mann die Kamera vors Gesicht und beugte wieder die wackeligen Beine. Aber jetzt war seine Frau ein paar Schritte zur Seite getreten und interessierte sich für etwas in [19]ihrer Hand. Sie kehrte der Kamera den Rücken, um die letzten Sonnenstrahlen in ihre Handtasche zu locken. Ihr Gatte rief sie scharf an, und sie glitt flink wieder in Positur. Das Zuschnappen des Handtaschenbügels brachte Leben in die jungen Männer. Sie rückten sich in ihren Stühlen zurecht, hoben erneut die Gläser und setzten ein breites, unschuldiges Lächeln auf. Mit einem kleinen, gereizten Aufstöhnen zog der alte Mann seine Frau am Handgelenk weg, während die jungen Männer, die ihr Gehen kaum bemerkten, das Zuprosten und Lächeln wieder auf einander lenkten.

Mary erschien an der Verandatür, sie hatte sich eine Strickjacke um die Schultern gehängt. Aufgeregt den Stand der Dinge zwischen ihnen mißachtend, machte sich Colin sofort daran, das kleine Drama auf der Straße unten nachzuerzählen. Sie stand an der Balkonmauer und betrachtete den Sonnenuntergang, während er sprach. Sie wandte den Blick nicht, als er auf die jungen Männer an ihrem Tisch deutete, sondern nickte schwach. Colin vermochte die vagen Mißverständnisse nicht wiederzugeben, die seiner Ansicht nach den Hauptreiz der Geschichte ausmachten. Statt dessen hörte er sich ihre Erbärmlichkeit zu einer Kabarett-Nummer aufblasen, vielleicht in dem Bemühen, Marys ganze Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er beschrieb den älteren Herrn als »unglaublich alt und [20]gebrechlich«, seine Frau war »unwahrscheinlich gaga«, die Männer an dem Tisch waren »blöde Hornochsen«, und den Ehemann ließ er »ein unglaubliches Wutgebrüll« ausstoßen. Das Wort »unglaublich« drängte sich ihm andauernd auf, vielleicht weil er befürchtete, daß ihm Mary nicht glaubte, oder weil er sich selbst nicht glaubte. Als er fertig war, machte Mary durch ein halbes Lächeln hindurch einmal kurz »Mm«.

Sie standen etliche Schritt weit auseinander und starrten schweigend über das Wasser. Die große Kirche jenseits des breiten Kanals, die sie sich oft zu besuchen vorgenommen hatten, war jetzt eine Silhouette, und etwas näher schob ein Mann in einem kleinen Boot seinen Feldstecher in den Köcher zurück und kniete sich hin, um den Außenbordmotor wieder anzuwerfen. Links über ihnen flammte der grüne Neonschriftzug des Hotels mit einem abrupten, aggressiven Knattern auf, das zu einem leisen Summen herabsank. Mary erinnerte Colin daran, daß es spät wurde und sie bald losgehen sollten, bevor die Restaurants schlossen. Colin gab ihr recht, doch keiner von beiden rührte sich. Dann setzte sich Colin in einen der Strandstühle, und nicht lange danach setzte sich Mary auch. Noch ein kurzes Schweigen, und sie streckten die Hände nach einander aus. Ein kleiner Händedruck antwortete einem kleinen Händedruck. Sie rückten ihre Stühle [21]dichter zusammen und flüsterten Entschuldigungen. Colin berührte Marys Brüste, sie wandte sich um und küßte zuerst seine Lippen und dann, auf eine liebevolle, mütterliche Art, seine Nase. Sie flüsterten und küßten sich, standen auf, um einander zu umarmen, und kehrten ins Schlafzimmer zurück, wo sie sich im Halbdunkel auszogen.

Es war nicht mehr die große Leidenschaft. Ihre Annehmlichkeiten lagen in ihrer hastlosen Freundlichkeit, in der Vertrautheit ihrer Rituale und Prozeduren, im sicheren und präzisen Ineinanderspiel von Gliedern und Körpern, bequem, als werde ein Guß in seine Gießform zurückgelegt. Sie waren großzügig und bedächtig, stellten kaum Ansprüche und machten ganz wenig Lärm. Ihr Lieben war ohne klaren Anfang oder klares Ende, und häufig schloß es mit oder wurde unterbrochen von Schlaf. Sie hätten empört bestritten, daß sie sich langweilten. Sie sagten oft, es falle ihnen schwer, sich darauf zu besinnen, daß der andere ein eigenständiger Mensch sei. Wenn sie einander anschauten, schauten sie in einen beschlagenen Spiegel. Wenn sie über Sexualität und Macht sprachen, was sie manchmal taten, sprachen sie nicht von sich selbst. Es war genau dieses geheime Einvernehmen, das sie für einander verletzlich und empfindlich machte, leicht verwundbar durch die Wiederentdeckung, daß ihre Bedürfnisse und Interessen voneinander [22]verschieden waren. Sie führten ihre Auseinandersetzungen schweigend, und Versöhnungen wie diese waren ihre intensivsten Augenblicke, und dafür empfanden sie tiefe Dankbarkeit.

Sie dösten, dann zogen sie sich rasch an. Während Colin ins Bad ging, kehrte Mary auf den Balkon zurück, um zu warten. Die Hotelreklame war ausgeschaltet worden. Die Straße unten lag verlassen, und auf dem Ponton räumten zwei Ober die Tassen und Gläser ab. Die wenigen Gäste, die noch blieben, tranken nichts mehr. Colin und Mary hatten das Hotel noch nie so spät verlassen, und von dem, was folgte, sollte Mary vieles diesem Umstand zuschreiben. Sie schritt ungeduldig den Balkon auf und ab und atmete den muffigen Geruch der Geranien ein. Jetzt hatten keine Restaurants mehr auf, doch auf der anderen Seite der Stadt gab es, falls sie sie fanden, eine bis spät nachts geöffnete Bar, vor der manchmal ein Mann mit seiner Hot-dog-Bude stand. Als sie dreizehn gewesen war, noch ein gewissenhaftes, pünktliches Schulmädchen, übersprudelnd von Ideen zur Selbstverbesserung, hatte sie ein Notizbuch geführt, in dem sie jeden Sonntagabend ihre Ziele für die kommende Woche festlegte. Es waren bescheidene, lösbare Aufgaben gewesen, und es hatte sie getröstet, sie mit dem Fortschreiten der Woche abzuhaken: Cello üben, netter zu ihrer Mutter sein, zur Schule laufen, um das Busgeld zu [23]sparen. Sie sehnte sich jetzt nach solchem Trost, danach, daß Zeit und Ereignisse wenigstens teilweise einer Kontrolle unterlägen. Sie schlafwandelte von einem Augenblick zum nächsten, und ganze Monate glitten erinnerungslos vorüber, ohne die mindeste Spur ihres bewußten Willens zu tragen.

[24]Zwei

Überall in der Stadt, an den Einmündungen von Hauptstraßen oder in den Ecken der belebtesten Plätze, gab es kleine, gefällig hingebaute Kioske oder Buden, die tagsüber drapiert waren mit Zeitungen und Illustrierten in vielen Sprachen und reihenweise mit Postkarten, die berühmte Ansichten zeigten, Kinder, Tiere und Frauen, die lächelten, wenn man die Karte kippte.

Im Kiosk, kaum zu sehen durch die winzige Luke und regelrecht im Finstern, saß der oder die Verkaufende. Man konnte hier Zigaretten holen, ohne zu wissen, ob sie von einem Mann oder einer Frau verkauft wurden. Der Kunde sah nur die einheimischen dunkelbraunen Augen, eine blasse Hand und hörte ein gemurmeltes Danke. Die Kioske waren Zentren nachbarschaftlicher Intrige und Tratscherei; hier hinterließ man Mitteilungen und Päckchen. Doch nach dem Weg fragenden Touristen antwortete eine unüberzeugte Geste auf die ausgestellten Stadtpläne, die zwischen den Zeilen schreiendbunter Illustriertentitel leicht übersehen wurden.

[25]Allerlei Stadtpläne wurden angeboten. Die dürftigsten entsprangen kommerziellen Interessen, und außer den vordergründigen Touristenattraktionen, die sie zeigten, hoben sie noch ganz besonders bestimmte Geschäfte oder Restaurants hervor. Diese Stadtpläne verzeichneten nur die wichtigsten Straßen. Ein anderer Stadtplan war ein schlecht gedrucktes Büchlein, und wie Colin und Mary herausgefunden hatten, verirrte man sich leicht, wenn man unterwegs umblättern mußte. Dann gab es noch den teuren, amtlich abgesegneten Stadtplan, der die ganze Stadt zeigte und selbst den allerschmalsten Durchgang benannte. Er maß entfaltet 90 × 120cm, war auf fadenscheinigstem Papier gedruckt und ließ sich im Freien ohne passenden Tisch und spezielle Klammern unmöglich verwenden. Schließlich gab es eine Serie von Stadtplänen, erkenntlich an ihren blau-weiß-gestreiften Umschlägen, die die Stadt in fünf handliche Abschnitte aufteilten, sich aber leider nicht überlappten. Das Hotel lag im obersten Quadrat von Plan zwei, ein teures, unzulängliches Restaurant unten auf Plan drei. Die Bar, zu der sie unterwegs waren, lag in der Mitte von Plan vier, und erst als sie an einem Kiosk vorbeikamen, dessen Läden für die Nacht verrammelt worden waren, fiel Colin ein, daß sie die Stadtpläne hätten mitnehmen sollen. Ohne sie würden sie sich mit Bestimmtheit verirren.

[26]Er sagte jedoch nichts. Mary lief einige Schritte voraus, sie ging langsam und stetig, als messe sie eine Entfernung ab. Sie hatte die Arme verschränkt, und hielt den Kopf in trotziger Nachdenklichkeit gesenkt. Der enge Durchgang hatte sie auf einen großen, blaß beleuchteten Platz gebracht, eine Kopfsteinpflasterfläche, in deren Zentrum ein Kriegerdenkmal stand: massive, rohbehauene Granitblöcke, zusammengestellt zu einem Riesenwürfel, gekrönt von einem Soldaten, der sein Gewehr wegwarf. Dies war ihnen vertraut, dies war der Ausgangspunkt fast all ihrer Expeditionen. Bis auf einen Mann, der draußen vor einem Café Stühle ineinanderstapelte, beobachtet von einem Hund und, in einiger Entfernung, einem weiteren Mann, war der Platz menschenleer.