Der Turm des Todes - Otto Emersleben - E-Book
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Der Turm des Todes E-Book

Otto Emersleben

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Beschreibung

Mittelasien, Rom, Peru, Beringstraße - in drei Kontinenten und auf den Weltmeeren liegen die Schauplätze der zehn historischen Abenteuererzählungen dieses Bandes. Entdecker, Ketzer und sturmerprobte Kapitäne sind unter ihren Helden zu finden, die Verstrickungen von brutalem Machtstreben und der Sehnsucht nach einer besseren Welt ein immer wiederkehrendes Thema. Die Titelgeschichte erzählt vom gescheiterten Aufstand der Bewohner von Buchara unter Führung des frommen Handwerkers Machmud Tarabi gegen die mongolische Fremdherrschaft. Auch die Erzählungen um Giordano Bruno, die Weltumsegler Anson und Cook, um Sir Walter Raleigh, Semejka Deshnjow, Ulug Beg und all die anderen Kämpen sind an historische Figuren angelehnt. Doch wird nicht die Wiedergabe dessen angestrebt, was ohnehin in Geschichtsbüchern steht. Vielmehr ist der Ausgangsgedanke: wie hätte es sein können? Das Buch erschien erstmals 1985 beim Verlag Neues Leben Berlin in der Reihe "Spannend erzählt".

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Impressum

Otto Emersleben

Der Turm des Todes

Historische Abenteuererzählungen über drei Kontinente und die Weltmeere

ISBN 978-3-86394-501-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1985 beim Verlag Neues Leben, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Wie Steppengras im Wind

"Fatim, Fatim!"

Die Frau, die aufgeregt in den Hof stürzt, stößt sich an einem kupfernen Waschtrog. Sie stolpert, fängt sich, läuft weiter.

Im Grunde des Hofes, hinter kahlen Rebstöcken, geht ein Fenster auf. Das Gesicht einer jungen Frau erscheint, sie ruft: "Was gibt es, Nachbarin Hamro?"

Keuchend bleibt Hamro unter dem Fensterloch stehen. Leicht hebt sie den Schleier aus Rosshaar an, der Nase und Mund bedeckt hat, und stößt hastig hervor: "Die Mongolen, sie wollen zu dir..., eine Zehnerabteilung."

"Zu mir?"

Als Hamro darauf heftig nickt, wirft Fatim das Fenster zu und erscheint wenig später im Hof.

"Zu mir? Was wollen sie denn von mir?"

Ehe Hamro antworten kann, ist schon Hufgeklapper zu hören, die Hoftür springt auf. Eine Lanze wird hindurch geschoben, knallend stößt ein Schild gegen den Türrahmen. Die Frauen weichen zurück.

"Wer von euch ist Fatim, die Zauberin? Fatim, die Schwester des Siebflechters Machmud?" Der fremde Krieger, der laut, fast schreiend, diese Frage stellt, steht breitbeinig mitten im Hof. Sein Pferd und die anderen Reiter seines Kommandos scheinen weit entfernt zu sein, obwohl nur die Lehmziegelmauer sie den Blicken verbirgt.

Solch ein einzelner Mann, der gelassen eine alltägliche Frage stellt, verliert trotz seiner Waffen alle Bedrohlichkeit. Fatim vergisst für die Dauer eines tiefen Atemzuges, dass der Fremde ein Mongole ist, ein Eroberer, einer von denen, die ihren Vater getötet haben, als sie vor zweimal neun Jahren unter Chan Dschingis die Stadt Buchara und das umliegende Land in ihren Besitz brachten. Sie vergisst es und denkt, als sie ausgeatmet hat, doch wieder daran.

Mit belegter, ein wenig schriller Stimme, welche das Zittern ihres Körpers verrät, antwortet sie: "Ich. Ich bin Fatim."

Da streckt der Mongole den Arm seitwärts, weit spreizt die Lanze sich ab. Aus entspanntem Gesicht sieht er Fatim an, sagt: "Wir sind in dein Dorf Tarab gekommen, um dich in unser Feldlager zu holen. Der Große Schamane Tarwa hat von deinen Zauberkünsten gehört. Zur Feier unseres Neujahrsfestes verlangt er eine Probe davon."

Er stößt mit der Lanze auf und setzt noch hinzu: "Ein Pferd haben wir mitgebracht." Da weiß Fatim, dass jetzt keine Bitte um Aufschub mehr gilt.

Als die beiden aus dem Hof treten, machen die anderen Lanzenmänner eine Gasse frei. Die nachdrängende Hamro schüttelt den Kopf. Sie missbilligt, dass Fatim noch immer unverschleiert ist, selbst jetzt, unter den Blicken der fremden Männer. Will sie sich so auf den Weg machen - das lange Haar flüchtig aufgesteckt, unter dem Arm einen schlaffen Lederbeutel und die flache Tanztrommel? Ihr Tschapan, das weiße Männerkleid, das sie gern trägt, fällt faltenreich über die Knie ihrer Stiefelhosen.

Hamro hat sich schon oft über Machmuds Schwester gewundert.

Sicher setzt Fatim ihren Fuß in den Steigbügel, schwingt sich auf das bereitgehaltene Pferd. Als sie, im hölzernen Sattel sitzend, die Zügel ergriffen hat, beugt sie sich zu Hamro herab. "Sag meinem Bruder, warum ich fort bin. Er kommt erst heut Abend zurück." Dann drückt sie dem Rappen die Knie in den Leib und sprengt los. Die mongolischen Reiter folgen.

Schweigend geht Hamro die wenigen Schritte an ihre Arbeit zurück.

"...machten wir auf diesem Jagdausflug trotz des winterlich kalten Wetters überaus reiche Beute. Die Falkner brachten mehr Fasane und Wüstenflughühner zur Strecke als bei der letzten Jagd anlässlich des Besuchs Seiner Würdigkeit, des Statthalters Jalawatsch, im vergangenen Herbst. Und unserem Gepard - Dank sei Seiner Würdigkeit für dieses Geschenk anlässlich jenes Besuchs - gelang es gar, eine Dshairan-Gazelle zu fangen und mit geschicktem Biss in den Hals zu töten."

Der Schreiber Kejwan lässt den braungeschweiften Kiel seiner Trappenfeder eilig über das Papier gleiten. In kurzen geschlängelten Linien, kräftigen Auf- und Abstrichen, entschlossen hinzugefügten Kreisen und Punkten hält er die Worte des Sadr Burchan-ad-din fest, als sei es für die Ewigkeit.

"Als sich die Jagdgesellschaft am letzten Abend um den Schein des Feuers vereinte, sangen die Männer Weidlieder zum Klange des kräftig gezupften doppelbäuchigen Dutar. Nur das Heulen eines einsamen Luchses unterbrach sie von Zeit zu Zeit."

Kejwan lauschte der Stimme des Sadr nach. Beim Diktat heute Morgen war Burchan-ad-din auf und ab geschritten, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, und hatte die Worte bedächtig gewählt. Als sei es tatsächlich für alle Ewigkeit, was er seinem Schreiber anzuvertrauen beliebte.

An dieser Jagd hat Kejwan nicht teilgenommen, und doch kennt er andere, ähnliche Nächte - voll würzigen Bratengeruchs und drückend qualmigen Reisigrauchs. Pelze, Turbane, Kleider sogen sich satt daran. Das Ohr war erfüllt von den schmachtenden Gesängen der Jäger, dem zufriedenen Rülpsen des Sadr und endlich von seinem steinsprengenden Schnarchen, denn Burchan-ad-din pflegte über den Jagdliedern stets einzuschlafen.

Auch Kejwan hat schon in ein solches Biwak mitreiten dürfen und von sich sagen können, zur vertrauten Jagdgesellschaft Burchan-ad-dins zu gehören. Aber er hat auch erfahren müssen, wie wetterwendisch diese Gnadenerweise waren, wie schnell sie in tödlichen Hass umschlagen konnten. Soweit allerdings ist es bei ihm, Kejwan, nicht gekommen, Allah sei Dank. Denn obzwar er im Augenblick nicht zur Jagdgesellschaft gerechnet wird, hat er doch noch immer das Vertrauen des Sadr, ist sein Chronist und damit das Ohr für so manche Geheimnisse Burchans...

Nachdenklich fährt er fort mit der Reinschrift.

"Gegen Mittag in Unsere Stadt Buchara zurückgekehrt, erwarteten Uns nicht nur die süßen Umarmungen der kleinen Asermidocht mit ihrem frühlingsgleichen Atem und ihren eben erst knospenden Brüsten. Auch Kummer und Sorge über den Fortgang der Staatsgeschäfte lauerten zwei unverschleierten runzligen Weibern gleich am Tor des Palastes."

Müde streicht Kejwan sich mit der Feder über die Stirn. Wie lange hat Burchan über den nächsten Sätzen gegrübelt, bis er sie für das Zeitbuch aufzuschreiben befahl - so, dass sie zwar nicht die ganze Wahrheit sagen, aber auch keine Lüge enthalten.

"Aus seiner Residenz in Chodshent hat Seine Würdigkeit, der Statthalter Jalawatsch, Uns wissen lassen, er stimme einer Wiedereinführung der Marktsteuer zu. Allah schenke ihm ein langes Leben und erhalte ihm für alle Ewigkeit das Wohlwollen Unserer mongolischen Freunde.

Es ist dies eine Steuer, die von jedem Basarhandel zu erheben seit Menschengedenken ein Vorrecht des Stadtoberhauptes darstellt. Allerdings - so soll der Bote gesagt haben - erfolge die Zustimmung nur bei Abführung von je einem Drittel an den mongolischen Zehntausendschaftsführer in Buchara und an den Schatzmeister der Statthalterei. Außerdem sollen Zwischenhändler und Karawanen Seiner Würdigkeit von dieser Abgabe befreit sein. Eine Beute, die geteilt wird, muss größer sein als die, welche einer allein genießt. An Unsere Marktschreiber ist bereits Befehl ergangen, bei jedem Geschäftsabschluss auf den Basaren nicht einen, sondern drei Dircham Silbergeld einzufordern."

Kejwan lächelt. Er hat die Botschaft aus Chodshent entgegengenommen und mit dem Reiter gesprochen. Wäre es nicht der erklärte Wunsch des Sadr, die Sache in eigener Darstellung überliefert zu sehen - es juckte ihm geradezu in den Fingern, auch ein solches Blatt dem Zeitbuch anzuvertrauen: "Die Absicht einer Besteuerung aller Abschlüsse auf den Märkten der Stadt Buchara ist von Uns geprüft worden. Wir stimmen ihr zu. Die damit verbundenen Auflagen erläutert der Überbringer. Sollte jedoch die Erhebung der neuen Steuer in irgendeiner Weise zu Unfrieden oder dem Ausdruck öffentlichen Missbehagens führen, verliert diese Unsere Zustimmung ihre Gültigkeit. Ausgefertigt im Auftrage und in Übereinstimmung mit dem Willen Seiner Würdigkeit des Statthalters."

Also wird es so sein, denn Allah ist die Wahrheit, und was oder wen sie außer ihm anrufen, ist die Lüge. Sagt nicht so der Prophet?

Bedauernd legt Kejwan den Bogen aus der Kanzlei des Statthalters neben sein Pult auf die Erde. Er wird nicht entscheiden, was Wahrheit ist und was nur Eitelkeit oder gar Lüge.

Aber auch dafür wird einmal Zeit sein.

Machmud schrickt auf. Angestrengt horcht er in die Dunkelheit. Da - wieder das Rütteln.

Ist der Lagerschuppen etwa nicht richtig verschlossen? Reißt der Nachtwind an der Tür? Oder - kommt Fatim schon zurück? Mit einem Ruck setzt sich Machmud auf, zieht die Stiefel über die nackten Füße. Wohlig spürt er das weiche Leder sich um die Haut spannen.

Vielleicht doch Diebe, denkt Machmud dann. Seit vor zwei Tagen die Schwester verschwand, ist er auf alles gefasst. Was er in den letzten Wochen geflochten hat, liegt dort im Schuppen: Strohmatten, Bastschalen, Fischkörbe. Und Seile, Reissiebe, Netze, Siebe für Sand, Kies und Mehl. Morgen will er es auf den Markt nach Buchara schaffen.

Als Machmud aufsteht, wird er ruhiger. Aber noch bevor er die Tür erreicht, hört er erneutes Rütteln, diesmal ganz nah und laut. Gleich darauf klopft es. Machmud verhält mitten im Schritt, atmet lautlos mit aufgerissenem Mund.

"Machmud, so öffne doch!", hört er hinter der Tür eine eindringlich flüsternde Stimme. "Ich muss mit dir sprechen, jetzt gleich, hörst du? Ich bin es, Aslan."

Machmud fällt aus seiner Erstarrung. Mit zwei Sprüngen ist er an der Tür und tritt hinaus in die Nacht. Ihn fröstelt.

Im hellen Mondlicht sieht er Aslans untersetzte Gestalt zurückweichen. Der Bauer ist barhäuptig. Kaum dass er Machmud vor sich stehen sieht, sagt er: "Du musst mit mir kommen. Sofort. Mein Sohn Nurlin, verstehst du..." "Hat er wieder die Krämpfe?"

Aslan nickt heftig.

Ratlos hebt Machmud die Schultern. "Wie soll ich da schon helfen? Ja, wenn Fatim hier wäre..."

"Bis deine Schwester zurück ist, kann es zu spät sein. Der Junge ist anders als sonst bei einem Anfall. So hilflos und... sehr abweisend, verstehst du. Er stößt jeden zurück, der ihn anfassen will. Nur seine Mutter Hamro nicht."

"Und du willst, dass ich..."

"Ja, du. Wer denn sonst. Du hast deiner Schwester oft genug zugesehen, wie sie die Geister austreibt. Nur richtig wollen musst du es, dann wirst du es auch schaffen, Machmud. Fatim ist es nicht gelungen, und wie oft hat sie es versucht. Aber du wirst es schaffen. Du musst es nur richtig wollen!"

Aslan hat beim Sprechen Machmud die Hand auf die Schulter gelegt. Erwartungsvoll sieht er zu ihm auf.

"Komm!" sagt er noch einmal. Und dann: "Ich bitte dich."

Wieder fröstelt Machmud. Er blickt Aslan an, Aslan, den Nachbarn, den Hilfesuchenden, Ratlosen. Er kann die Bitte nicht abschlagen - selbst wenn er dessen kranken Sohn nicht wirklich wird helfen können. Darum sagt er: "Ich komme, hole nur meinen Pelz und eine Trommel" und verschwindet lautlos.

Aslan tritt durch den Hof. Die Tür zur Straße stöhnt, als er sie aufschiebt.

Er braucht nicht lange zu warten. "Ich habe noch nie...", sagt Machmud unterwegs. "Du musst uns helfen, Machmud. Du weißt doch, wie Fatim es macht. Und du bist kräftiger als sie. Vor dir fürchten sich die Geister. Und außerdem - du bist ein Mann."

"Und wenn es der Hodsha erfährt? Er wird mich in die Moschee bestellen und befragen. Den Weibern kann er es nicht verbieten, das Geisteraustreiben. Aber mir - gerade weil ich ein Mann bin?"

"Ach, der Hodsha", sagt Aslan. "Er hat Nurlin auch nicht geholfen. Der Hodsha ist nicht Allah. Nur wenn Allah nicht helfen will, ist der Zauberer machtlos. Aber der Hodsha - um den kümmere dich nicht."

Dann schweigen sie, hasten weiter durch das kalte Mondlicht. Queren die Schatten der hohen Lehmmauern, biegen um eine Ecke.

Als sie anlangen, hat Aslans Sohn sich beruhigt. Schweißnass liegt er da, schöpft mühsam Atem mit weitgeöffnetem Mund. Pausenlos. Neben ihm auf dem Lager sitzt Hamro.

"Schlaf, Nurlin. Schlaf, mein Sohn." Sie streicht ihm über das nasse Haar.

Nurlin schlägt die Augen auf, als der Vater in den Lichtkreis der Öllampe tritt. Der Junge versucht zu lächeln. Doch dann sieht er Machmud hinter Aslan stehen, und es reißt ihn von neuem hoch. "Nein! Nein..." Schreiend klammert er sich an die Mutter. "Ich lasse mich nicht mit glühenden Nadeln stechen. Nein! Niiicht! Bitte nicht, Mutter!"

Aslan tritt auf die Schlafmatte neben seine Frau.

"Gib ihn mir!"

Aber der Junge lässt Hamro nicht los, schreit in immer höheren Tönen: "Ich will nicht, nein!"

Schaum tritt aus seinem Mund, er wirft den Kopf zurück. Die Mutter streichelt wortlos seine heißen Wangen. Sie ist dagegen gewesen, den Siebmacher zur Austreibung der Geister zu holen. Denn das Böse gehorcht nicht jedem - und schon gar nicht einem Ungeübten wie Machmud. Wäre nur Fatim nicht geholt worden von den Mongolen!

Zu Aslan hat sie kein Wort gesagt von ihren Bedenken, er ist doch ihr Mann. Und nun ist Machmud also gekommen. "Schlaf, Nurlin, schlaf!", versucht sie es wieder.

Da hört sie den Siebmacher sagen: "Niemand wird dich mit glühenden Nadeln stechen, mein Junge!"

Die Stimme des Mannes, so scheint es Hamro, strahlt Ruhe und Kraft aus.

"Niemand wird dich stechen, niemand", vernimmt sie ihn noch einmal.

Das Kind lässt sich jetzt in die Arme des Vaters gleiten. Die Frau steht auf und gehorcht, als Machmud ihr befiehlt: "Geh und bereite Tee. Er muss ihn siedendheiß trinken. Und das hier schüttest du in das kochende Wasser." Er gibt ihr ein Leinensäckchen, "Aber alles hineinschütten, hörst du!"

Als sie geht, tritt Machmud neben den Jungen.

Da ist es wieder, das Stöhnen und Schluchzen. Wie sich doch all die Kranken gleichen... Ja, er hat seiner Schwester zugeschaut bei ihren beschwörenden Tänzen. Und bei ihren Heilsprechungen. Hat ihre Ruhe zu bewundern gelernt, wenn es galt, schweißgebadete, verängstigte Menschen zu besänftigen und Todkranken Mut zuzusprechen. Hat gesehen, wie sie die Trommel schwang, als sei der fellüberspannte, zerbrechliche Rahmen des Gildurmá ein starker, verlässlicher Balken, der sich zum Festhalten anbiete.

Scheu blickt sich Machmud nach dem Licht um. "Lösch die Lampe!", sagt er dann zu Aslan.

In der Dunkelheit steht er auf, tastet neben sich. Er spürt die Wand, greift nach der Trommel und beginnt sie zu schlagen. Zaghaft erst, dann immer lauter und sicherer. Mit der Daumenbeuge der rechten Hand hält er das flache Gildurmá in der Schwebe, lässt die freien Finger auf dem Fell springen.

Dadadamm, dadadamm.

Dazu hebt und senkt er die Arme, reißt sie heftig hoch und dann wieder nach unten, hält die Trommel weitab vor sich hin und hämmert endlich lockend mit nur zwei Fingern.

Drdrdrdrdrdrdrdr.

Der Böse Geist muss gereizt werden - in dieser Weise kennt es Machmud -, bis er zu toben beginnt und dabei aus dem Körper des Kranken ins Dunkel entweicht. Kommen wird die Wahrheit und vergehen das Nichtige, denn siehe, das Nichtige ist vergänglich. So hat Machmud es vom Hodsha gelernt. Das Nichtige aber, weiß er, hat viele Gesichter.

Die Trommel gibt jetzt auch ihm Kraft und Halt. Schließlich beginnt er zu tanzen. Die ungewohnten Bewegungen verursachen ihm Schmerz und Wohlsein zugleich. Machmud stampft den Lehmboden mit seinen Stiefeln, stößt hervor, was ihm in der Kehle steckt - wilde Rufe zunächst, die den Klang des Gildurmá nachahmen, zum Schluss einen gellenden Schrei.

"Weiche, böse Gewalt...!" Zu diesen Worten wirft er die Trommel ein letztes Mal herum - so stark, dass er sie pfeifen hört in der Dunkelheit. Dann breitet sich Stille über den Raum und der Geruch nach Schweiß.

Als die Frau frischgebrühten Tee bringt, flammt die Öllampe auf. Ihr Licht greift nach der niedrigen Decke, lässt die Lehmwände schwanken im flackernden Schein. Taucht Nischen und Winkel in undurchdringliches Dunkel.

Hamro blickt in das entspannte Gesicht ihres Jungen. Er ist in den Armen des Vaters eingeschlafen.

"Leg ihn hin", sagt sie und glättet das zerwühlte Tuch. Sie sieht Machmud erschöpft am Boden hocken.

"Soll ich jetzt...?" fragt sie. Da nickt er.

"Gib ihm alles!", hört sie ihn sagen. Machmud nimmt die Trommel auf und erhebt sich. Tritt neben den schlafenden Jungen und horcht auf dessen gleichmäßiges, ruhiges Atmen und wiederholt bekräftigend: "Gib ihm den ganzen Tee." Dann geht er zur Tür, und als bedürfe es einer Entschuldigung dafür, dass er sie verlassen will, dreht er sich noch einmal um. "Morgen ist Markt, und ich reite noch vor dem Frühgebet."

Mehr als drei Stunden ist Machmud mit dem Kamel von Tarab am Rande der Wüste nach Buchara unterwegs. Er hat das geduldige Tier mitKörbenundSiebenundalldemanderenFlechtzeugvollgeladen bis über beide Höcker - kaum dass er selbst noch hat aufsitzen können.

Machmud friert in der morgenfrischen Luft, und als er auf dem Basar anlangt, schmerzen Arme, Beine und auch sein Rücken. Er befreit das Kamel von der Last, ordnet die Siebe zu einem sperrigen Haufen, schachtelt die Körbe ineinander nach Größe und Umfang. Streicht die Netze glatt und breitet sie auf dem Boden aus.

Um ihn herum füllt sich der Markt. Die Händler ereifern sich beim Anpreisen ihrer Waren, halten sie wortreich möglichen Käufern entgegen. Gewürze, Reis, getrocknete Früchte - es ist immer das Beste und immer das Billigste, was die Bauern anbieten. Pralle Weintrauben, Zwiebelzöpfe und dickbäuchige Wassermelonen in kunstvoller Bastverstrickung gehen von einer Hand in die andere über.

Nicht weniger lebhaft handeln die Seiler, Stoffhändler, Goldschmiede, Teppichverkäufer. Wer sich nicht entschließen kann, jetzt zu kaufen, der verliert - so muss er es glauben - eine nie wiederkehrende Gelegenheit, und sie wird ihm noch leid tun...

Unter dem Blöken der feilgebotenen Schafe und Rinder, dem Gackern der Hühner, den gequälten Rufen der Esel, zwischen den Buden und Stapeln schreiten stolz, mit grellfarbigen Kannen und Schläuchen behängt, die Wasserverkäufer. Ein Becher - ein Kupferstück. Bitte, du mögest gesund sein.

Es gibt nichts, was nicht seinen Abnehmer suchte in diesem allumspannenden bunten Gesurre.

Das Treiben wird lauter und lauter, die Gänge zwischen den hockenden, knienden und lauernden Händlern füllen sich mit Schaulustigen. Kritisch wird geprüft, kostend abgewogen, kopfschaukelnd überlegt, bevor man sich zum Kauf entschließt. Farbenprächtige Turbane sind zu sehen, turmhohe Zottelfellmützen, einfache Hirtenkappen aus Tuch. Unterschiedlich sind auch die Pracht und die Sauberkeit der wattierten Männerkittel und der Rosshaarschleier der Frauen.

Machmud gegenüber, hinter Becken, Krügen und Schalen eines Kupferschmiedes, türmen sich Ballen und Säcke eines Wollhändlers, mit eintönig quäkender Stimme suchen auch sie Käufer herbeizulocken.

Der Strauß der Gerüche, der Brodem der Abfälle und des Unrats, der stechende Gestank verderbenden Fleisches - all das ist weniger lastend als an den heißen Markttagen des Sommers. Ruhig wartet Machmud auf seine festen Abnehmer, die sicher wie immer erst gegen Mittag kommen werden. Aber auch für einen Zufallskäufer erhebt er sich, zerrt das gewünschte Sieb aus dem Stapel, streicht nach kurzem Handel das Geld ein, danklos und stumm. Nur Allah vermag die Gunst zu bestimmen, welche ein Kunde der Ware entgegenbringt. Also sei es nach seinem Willen, denkt er mit einem Blick auf den bettelnden Derwisch am Wegrand.

Da reißt ihn das durchdringende Blöken eines Hammels herum, den zwei Männer in blutbespritzter Kleidung unter Stöhnen und Ächzen vorbeischleppen. Ein Käufer springt aufgeregt hinterher, mit den Armen rudernd.

"Hier drüben, hier drüben!", ruft er und weist auf ein Zeltdach, unter dem gelangweilt der Marktschlächter steht, ein Mongole. Überall sind sie, denkt Machmud, lassen uns nicht einmal einen Hammel schlachten nach Weise der Väter - mit einem Schnitt durch die Gurgel, wie der Koran es vorschreibt.

Dann hört er den Todesschrei, hört, wie die Männer stampfend das wild zuckende Tier zu halten versuchen, dem derMongole am Halsansatz einen tiefen Schnitt beigebracht hat nach ihrem Gesetz, um dann hineinzulangen in die auseinanderklaffende, stark blutende Wunde. Schwächer und schwächer werden die Bewegungen des Hammels, bis er endlich ganz verendet. Da erst lässt der Schlächter das Herz los, nach dem er gegriffen hat. Er hat alles Leben herausgedrückt.

Halten die Fremden nicht mit ebenso unerbittlichem Griff das Land umklammert wie jener Todbringer das Herz dieses Tieres? Überall sind sie. Aber werden sie sich jemals von selbst bescheiden in ihrer Willkür? Und plötzlich denkt Machmud an Fatim. Wann wird sie endlich zurück sein? "Guten Morgen, Machmud, und Friede sei mit dir!"

Die kräftige Stimme schreckt ihn aus seinen Gedanken. Machmud blickt sich kurz suchend um und entgegnet dann freudig: "Guten Morgen, guten Morgen, Ismet! Wie geht das Geschäft? - Hier ist nicht viel los heute. Du jedenfalls bist der erste unter meinen Bestellern, der mich besuchen kommt."

Machmud steht auf, verneigt sich, die Hand auf der Brust. Er hat für Ismet, den Müller, zwei Siebe in Auftrag gehabt, hochwandige, feinmaschige Mehlsiebe. Die kramt er hervor. "So etwas meintest du doch?"

Ismet nickt. Schweigend zahlt er.

Da tönt das Geschrei des Markttrommlers über den Platz. Klein und bucklig taucht der Kerl zwischen Buden und Wollbergen auf, mit einer übergroßen Salla, dem Turban, der ihm auflastet wie ein zweiter Buckel.

"...verkünden wir... für alle, die es noch nicht gehört haben!"

Er setzt die Trommel ab. Bis zur Brust reicht sie ihm, und kraftlos fallen die Schläge. Bamm, bamm...

"Für alle, die es noch nicht gehört haben!", ruft er noch einmal, und dann: "Es hat unserem Herrn und Sadr gefallen, nach Recht und Gesetz die Marktsteuer wieder einzuführen. Und so sind fürderhin bei jedem auf diesem Basar getätigten Handel vom Käufer drei Silbergroschen an den Marktschreiber zu entrichten."

Bamm, bamm, schlägt er noch einmal, kraftlos wie vorher. Dann nimmt er die Trommel auf und zieht weiter, lässt die Menge schweigend zurück.

Machmud blickt auf, sieht Ismet ins Gesicht, der regungslos vor ihm steht, als gehe ihn all das nichts an. Hört ihn dann plötzlich mit überlauter Stimme reden, fast schreit er: "Wer weiß, welche neuen Steuern ihm mit der Zeit außer dieser einfallen werden." Und als sei er irgendwo ganz allein, als spreche er nicht zu Machmud und den anderen, hebt er im Weiterreden die Stimme noch mehr an: "Er wird uns bald dahin bringen, dass wir alle die Bettelschale in unsere schwieligen Hände nehmen. Die Bettelschale, jawohl! Dieser Ausbund von Sadr."

Über das glatte Gesicht des Müllers zieht Dunkelheit. Die Blicke der anderen treffen ihn nicht, ja, Machmud scheint es gar, als sei es ihr aller Schweigen, das Ismet zu neuem Empörtsein anstachelt. Er sieht ihn die Arme heben und wie einen Berauschten laut rufen: "Wenn jetzt einer käme und den ganzen Spuk wegfegte, den Sadr und die Mongolen und das ganze Geschmeiß - ich würde die Mühle Mühle sein lassen und mir einen Knüppel schnappen und mitziehen. Dreinschlagen sollte man da...

Wo bleibt denn in diesem Augenblick der Schejch Schems-ad-din, von dem es immer geheißen hat, er allein verhindere Maßlosigkeit und allzu brutales Vorgehen der Regierung? Sind dem großen Kaufherrn die drei Silberdircham, die man jetzt von uns fordert, vielleicht zuwenig und keinen Widerstand wert? Wir sollten uns auf uns selbst verlassen!"

Ismet blickt über die in ihrem Schweigen verharrenden hockenden Männer. Fest drückt er die beiden Siebe an sich, grüßt Machmud mit der freien Hand und geht dann.

Lauernd sehen die anderen ihm nach aus ihrer Kauerstellung. Seiler. Kaufleute. Bauern. Mitten unter ihnen der Siebflechter Machmud aus Tarab. Still wie sie - und doch aufgeschreckt. In seinem Kopf wirbeln die Worte Ismets durcheinander, zerfransen dabei das Schweigen der anderen. Die Mühle Mühle sein lassen..., einen Knüppel schnappen und mitziehen. Dreinschlagen... Wenn jetzt einer käme... Wir sollten uns auf uns selbst verlassen! Wo bleibt denn in diesem Augenblick...Schems-ad-din?

Laut pocht sein Blut in der Stille, lauter als das gequälte Blöken der Tiere und lauter auch als das ferne Trommeln des Ausrufers. Plötzlich aber hört Machmud seinen Pulsschlag nicht mehr, in ihm klingt überdeutlich ein Hilferuf seiner Schwester Fatim auf. Wenn ihr nun etwas geschehen ist, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann...

Taub geworden scheint er gegen den wiedererwachenden Lärm des Basars, das Feilschen, Anpreisen, das neuerliche Ungehemmtsein der Leute ringsum. Wenn jetzt einer käme... Dreinschlagen... Nichts vermag Machmud zu überzeugen, alles sei unverändert so wie vor Fatims Entführung und vor Ismets Zornesausbruch. Nichts. Weder das Schweigen der anderen noch sein eigenes.

Aber hat der Prophet den Menschen nicht aufgetragen, zu leiden des Herrn Vorbestimmung? So zu leiden wie sein, Machmuds, Vater - zu Tode gebracht von einem beutegierigen Mongolenpfeil vor zweimal neun Jahren. Einem von Allah vorbestimmten Pfeil eines Ungläubigen?

Und Fatim? Was ist ihr durch die Hand der Mongolen zu leiden vorbestimmt? Soll er warten, bis er auch darüber schreckliche Gewissheit hat? Dagegen empört sich sein Gerechtigkeitssinn.

Es drängt Machmud zum Aufbruch. Hastig beginnt er, die Netze zusammenzurollen, belädt das Kamel mit den Sieben und Körben. Und doch ist in ihm ein Rest Hoffnung, dass die Schwester längst in Tarab auf ihn wartet.

Am Abend desselben Tages diktiert Sadr Burchan-ad-din seinem Schreiber Kejwan für das Zeitbuch "Von vornherein war abzusehen, dass die Miesmacher und Meckerer nun nicht stillhalten würden. Und so haben Wir Uns, als die ersten Nachrichten über vereinzelt und am Rande des Geschehens aufgeflackerte Unruhe vorlagen, dazu entschlossen, jene als notorische Nörgler bekannten Personen in aller Stille gefangen zu setzen, um sie an weiterer Hetze zu hindern. Darüber hinaus ist für den Schwarzen Hauptmann der Wache eine Liste in Vorbereitung mit den Namen all derer, die Uns und Unseren Räten als Unruhestifter bekannt sind.

Auf dieser Liste steht obenan Schems-ad-din, ein Uns und Unserer Regierung auf das grimmigste verfeindeter Schejch, der schon seit Jahren Schaden anzurichten versucht. Selbst solche Anlässe wie die Einführung einer Steuer lässt er nicht vorübergehen ohne den Versuch, sie für seine Zwecke zu nutzen. In den Kasematten des Ark, Unserer Festung und Zitadelle, wird er Gelegenheit haben zu ruhigem Nachdenken.

Ein deutliches Zeichen ist in der Brust derer, denen das Wissen gegeben ward, und nur die Ungerechten bezweifeln Unsere Zeichen.

Lob sei Allah und Preis seinem Propheten."

"Gelobt sei der Weltenherr, der Barmherzige, der König am Tag des Gerichts."

"Gelobt sei er." Die vielhundertköpfige Gemeinde im Geviert der Kaljan-Moschee lauscht dem vorbetenden Imam, hält die Hände dabei an die Ohren, um keins der heiligen Worte zu verpassen, die er verkündet.

"Es gibt keinen Gott außer Allah, dem Lebendigen, dem Ewigen. Und er ist ein mächtiger Rächer."

Die Gläubigen werfen sich nieder, wie der Imam es ihnen vormacht: die Stirn auf die Erde gedrückt.

"Wir haben uns aus traurigem Anlass zusammengefunden in dieser Stunde. Beklagen wir doch den plötzlichen Tod unseres Bruders, des Müllers Ismet, den ihr alle gekannt habt. Vor dem Morgengebet fanden wir seinen leblosen Körper, entstellt von grausamen Wunden und fast nicht zu erkennen auf einem Kehrichthaufen am Rande des Basars. Tiefergriffen von deinem Ratschluss, o Herr, rufe ich dich, Bruder Derwisch, der du es übernommen hast, zu uns zu sprechen, bevor wir Ismet zu Grabe geleiten."

Der Imam tritt zur Seite. Sein Gesicht ist verschlossen, fast unmerklich zittert der lange weiße Bart. Sprechgesang flattert auf.

Der Derwisch, von kleiner Statur, ist noch jung. Das fußlange Gewand verbirgt den Takt seiner Schritte, und so scheint er dahinzugleiten vor den Augen der Gläubigen. Sie werfen die Arme hoch, halten sie dann, die Innenkanten der Hände aneinandergelegt, vor sich in Andeutung des aufgeschlagenen Buches, des Korans.

"Siehe, gesandt haben wir dir das heilige Buch, darum diene Allah lauteren Glaubens."

Die Menge verbeugt sich, da der Derwisch vor der Betnische kniet. Dann steht er auf, fasst die ihm am nächsten stehenden Männer ins Auge und wartet, bis diese der Reihe nach seine Blicke erwidern.

Der Herr sucht Einlass in jedes Einzelnen Seele.

"Seht, Brüder, ich bin zu euch gesandt als ein Warner, denn es gibt keinen Gott außer Allah, dem Einen, dem Allmächtigen. Als Warner bin ich gesandt von Gott, denn ihn hat die Gleichgültigkeit entsetzt, mit der ihr der Stimme unseres Bruders Ismet begegnet seid, als dieser noch lebte. Allah bleibt nichts verborgen in seiner Allmacht, und mancher bettelnde Derwisch, den ihr gering achtet trotz Allahs Gebot der Mildtätigkeit, sieht mehr und hört mehr auf Basaren und Straßen, als anderen lieb ist. Denn diese namenlosen Brüder sind das Auge Gottes und sind Gottes Ohr. Und nur Allah verleiht Macht über andere Menschen, und er nimmt sie auch wieder, wenn er durch seine Augen und durch seine Ohren erfährt, dass diese von ihm stammende Macht missbraucht wird. Und seht: Kein Ungläubiger kann Macht erteilen in Allahs Namen. Denn ihr Unglaube ist ihm ein Gräuel."

"Allah ist der Einzige, der Barmherzige, und ihm bleibt nichts verborgen." Reue klingt mit im Sprechgesang der Gemeinde.

Der Derwisch lässt seinen Blick ruhig über die Gläubigen gleiten - über ihre gekrümmten Rücken, die Turbane ohne Zahl, hier und dort über ein offen zu ihm aufschauendes Gesicht. Hier liegt, so weiß er, geduldiger Boden vor ihm für Gottes Wort, gierig der Wahrheit harrend und fruchtbar, wenn er gepflegt und mit Maß benetzt wird.

"Gleichgültigkeit ist Allah verhasst. Denn er hat jeden von uns mit der Fähigkeit ausgestattet, die guten und die schlechten Seiten einer Sache zu wägen und sich dann zu entscheiden. Wer also wollte noch gleichgültig bleiben angesichts deines Todes, Bruder Ismet, den einen feigen Mord zu nennen wir uns nicht scheuen dürfen."

Hörbar macht sich Gemurmel auf in den Reihen, Erschrecken über die Worte des heiligen Mannes. Ahnt er denn nicht, dass der Schwarze Hauptmann seine Spitzel und Zuträger überall hat - auch an solch heiligen Orten wie diesem? Dass sie, hinter frommer Maske verborgen, jedes Wort abklopfen?

"Schütze du, der du Erde und Himmel zusammenhältst, deinen Knecht, den Derwisch. Denn er hat auch uns sehend gemacht in unserer Unentschlossenheit und in unserem ängstlichen Schweigen." So plötzlich, wie es aufgeflackert ist, verstummt das Gemurmel.

Der Derwisch hebt beschwörend die Arme. "Jede Seele, so sagt der Prophet, schmeckt schon im Leben den Tod. Und Allah will uns auf die Probe stellen mit Bösem und Gutem, und zu ihm kehrt jeder zurück. Darum, Bruder Ismet, wenn du auch hast sterben müssen durch Willkür, tröste dich damit, dass auch ihnen kein ewiges Leben beschieden ist."

Und wie er die Arme zurücknimmt, erschrickt er über die vielen Blicke, die auf ihn gerichtet sind, und über die Entschlossenheit, die in ihnen glimmt. Noch ist es zu früh, dass die Saat aufgeht in diesem allzu geduldigen Boden. Noch braucht es Geduld, bis ihre Zeit kommt. Und so sagt er beschwichtigend: "Allah richtet allein. Erst wenn er ein Zeichen gibt, wird er euch zum Gericht rufen. Denn sein ist die Rache. Er ist gerecht."

"Gerecht ist er", schallt es zurück aus der Menge.

Eine letzte Verneigung, ein Armeaufwerfen, dann hebt der Derwisch zu singen an.

Als die Männer hinauswanken, hoch auf den Schultern Ismet in der Kiste aus rohen Brettern, begleiten sie die Worte des jungen Mönchs.

Da ist es plötzlich, als tue die Erde sich auf. Eine dichte Kette bewaffneter Männer stellt sich dem Trauerzug in den Weg. Schreie zerreißen die Luft.

Die vorderen Reihen der Gläubigen drängen zurück, reißen um, was sich ihnen entgegenstellt in lautem Entsetzen. Der ersten Welle ohnmächtiger Wut folgen Steinwürfe auf die Angreifer, neue Schreie, Verwünschungen.

Die stumme Besessenheit, mit der die Knüppelschwinger ihr Werk verrichten, lässt den Widerstand der Geschlagenen zusammenbrechen. Hoffnungslosigkeit bemächtigt sich ihrer. Und da, auf einmal eine zweite Schlägerreihe, die den Weg zurück zur Moschee abschneidet. Nun gewinnt wilder Schrecken die Oberhand. Keine Möglichkeit einer Flucht, kein Ausweg mehr, keine Wendung. Und in das Bewusstwerden dieser Lage dringt ein Schrei: "Dass ihr mir nicht den Derwisch erschlagt! Ich brauche ihn lebend!"

Das ist, so erkennen die Gehetzten, die feste Stimme des Schwarzen Hauptmanns.

"Hier entlang, Aslan! Hier!"

Machmud winkt mit weit ausladenden Armen. Sein Rappenhengst bäumt sich auf bei dem plötzlichen Halt.

Er sitzt ab. Tritt an den brusthohen Haufen aufeinander geschichteter kleiner Felsbrocken hinter der Bodenwelle. Legt ein faustgroßes Stück zu den anderen.

Schweigend führt Aslan sein Pferd heran. Wie Machmud bückt er sich und stapelt auch einen Stein auf.

Schon sitzen sie wieder im Sattel. Die Pferde fallen in leichten Trab. Machmud tätschelt seinem Schwarzen den Hals. Seit der Rückkehr aus Buchara hat es ihn zum Aufbruch in die Wüste gedrängt. Der Schwester helfen... Denn dass Fatim in Gefahr schwebt, hat er von dem Augenblick an gewusst, da er in Tarab das leere Haus betrat.

Er war zu Aslan geeilt, und auf sein Klopfen hatte Nurlin geöffnet, der gesunde Nurlin. Der Junge hatte gelächelt, den Anfall am Abend zuvor aber mit keinem Wort erwähnt.

Aslan war sofort bereit mitzukommen, hatte in Windeseile die Pferde gesattelt. Sie verließen Tarab in der Richtung, die Hamro ihnen wies. Keiner Spur eines Mongolenpferdes sind sie jedoch seither begegnet. Nur die Sonne hat sie davor bewahrt, im Kreis zu reiten. Das unerwartete, Wegzeichen gibt ihnen neuen Mut. Solche Male errichten die Mongolen zur Abwehr der bösen Geister. Und jeder, der selbst einen Stein auflegt, darf auf die Hilfe der Menschenfreunde unter den Steppendämonen hoffen.

In der Ferne zieht eine Herde Wildesel. Die Pferde nehmen Witterung auf, aber sie traben unbeirrt weiter. Suchen sich ihren Weg zwischen knorrigen, vom Winter entlaubten Sträuchern zum flach geneigten Kamm einer Düne.

Hinter der Linie, die noch eben den Himmel zerschnitt, tut sich eine weite Ebene auf - besprenkelt mit einzelnen Dornensträuchern, in der Ferne von einem Kranz zerklüfteter Felsen gerahmt. Die Reiter halten auf einen der Steinriesen zu, umgehen ihn, sitzen endlich erleichtert ab: Dort vor ihnen, im Grunde der Steppe, liegt das Mongolenlager. In der Mitte die prachtvolle Unterkunft des Baskaken, mit Lanzen und wehrenden Bändern geschmückt. Zu einem weiten Reif darum aufgefädelt die Jurten der Krieger und ihrer Familien.

Vorposten scheinen nicht ausgestellt.

Frauen schleppen Gesträuch herbei. Aus den Jurtenluken oben im Kegelspitz quillt Rauch, stoßweise.

"Wir warten die Dunkelheit ab und lassen die Pferde hier zurück", entscheidet Machmud. Hinter den Felsen binden sie den Tieren die Vorderfesseln zusammen. Nun können sie den kärglich bewachsenen Boden nach Futter absuchen, ohne sich allzu weit zu entfernen.

Der Tag erschöpft sich. Die beiden ruhen. Als im Innern des Jurtenringes die ersten Feuer aufleuchten, machen sie sich auf den Weg. Bald schon sind die Laute im Mongolenlager zu unterscheiden: das Scheppern von Töpfen, Hundegebell, eine Schamanentrommel.

Eine Schamanentrommel!

Vor den wuchtigen Karren - dem äußeren Ring der Jurtenburg - halten sie. Ducken sich, ohne den Blick zu senken.

Hundegebell scheucht sie weiter.

Machmud stolpert über ein Seil, und obwohl Aslan ihm sofort aufhilft, lockt das zerrende Geräusch einen Mongolen herbei. Im lauter werdenden Bellen des Hundes steht er plötzlich vor ihnen - übergroß, ein nach vorn kippender Schatten. Die klobigen Stiefel mit ihren aufwärts gebogenen Spitzen, sein weiter Pelz und die flatternde Mütze aus Wolfsfell lassen Machmud an eine bizarre Baumwurzel denken.

Der Mann scheint ebenso überrascht zu sein wie die beiden Eindringlinge. Aber er fasst sich sofort, springt auf sie zu, schreit. Im Nu sind andere Mongolen heran, umringen die beiden, drängen sie dann auf einen Platz, in den Feuerschein.

Da wird der Vorhang der Prachtjurte auseinander geschoben. Machmud sieht den Baskaken heraustreten, hinter ihm drängen sich Kinder, Mongolenfrauen, unbewaffnete Krieger.

"Was führt euch beide hierher? Und - warum kommt ihr heimlich wie Wölfe, die unser Lager beschleichen?"

Im Flammenschein zuckt das Gesicht des Hundertschaftsführers.

"Wenn ihr in guter Absicht kommt, dann bleibt nicht hier in der Kälte stehen. Seid unsere Gäste nach dem Gesetz der Wüste. Feiert das Fest des Weißen Mondes mit uns nach altem Neujahrsbrauch."

Er hält den Vorhang auf, winkt sie herein. Tritt dann selbst in das Jurteninnere.

Machmud ist von dem Licht und der dumpfen Wärme benommen. Er sieht sich um nach Aslan, aber wohl auch nach Fatim. Setzt sich dann auf den Ehrenplatz neben der Tür, den der Baskake ihm weist. Da entdeckt er seine Schwester am äußersten Jurtenrand, zusammengekauert und mit abgewandtem Gesicht.

Ihr Haar ist zerzaust. Eine Adlerfeder hängt strähnig und kraftlos herab. Auch auf ihre Hände blickt der Bruder, sieht, wie sie müde, im Handgelenk abgekippt, über den Rand der Trommel hängen.

Tamscha, der Baskake, hat das Erschrecken in Machmuds Blick bemerkt. Schweigend reicht er ihm ein randvolles Trinkhorn, winkt dann Fatim heran.

Als sie schließlich kommt, ist Machmud tief erschrocken. Was nur haben sie mit der Schwester gemacht? Ihr Blick ist verschwommen, der sonst so scharf geformte Mund ausdruckslos. Nur zögernd nähert sie sich. Legt, als sie vor dem Baskaken steht, mit zittrigen Händen die Trommel neben sich auf die Erde.

Ob sie wohl von dem Zaubertrank gekostet hat, den die Fremden aus Kräutern und Wurzeln der Steppe brauen? Schon als Junge hat Machmud davon gehört.

"Fatim", flüstert er. "Hier bin ich. Und mit mir ist Aslan - du kennst ihn doch? Unser Nachbar Aslan, Hamros Mann. Fatim, so sag bitte etwas."

Da hebt sie die Augen und lächelt. "Machmud, wie hast du den Weg in das Reich der Träume gefunden?"

Machmud ergreift Angst, zu spät gekommen zu sein. Was hatte er auf dem Basar zu suchen, was bei Aslans krankem Sohn? Seit dem Verschwinden der Schwester war sein Platz hier.

"Fatim, du bist nicht mehr allein. Wir bleiben jetzt bei dir", sagt er. Seine Stimme klingt gütig, voll Selbstvertrauen.

"Ich bin nicht allein, Bruder", entgegnet Fatim, "bin niemals allein gewesen, seit ich an diese gastliche Stätte kam. All die Menschen hier sind meine Freunde." Sie breitet die Arme aus und blickt um sich. "Sie werden mich an den Hof ihres Chans bringen, in die Stadt Karakorum... Freue dich mit mir, Bruder!"

Neuerliches Erschrecken kommt über Machmud. Aus Karakorum, das weiß er, ist noch nie jemand zurückgekehrt. Kein Baumeister und kein Goldschmied, keine Weberin und kein Töpfer - niemand, den sie aus dem eroberten Buchara an den Hof ihres Chans gebracht haben. Wie also sollte er nicht erschrecken...

Ein Diener bringt dampfendes Hammelfleisch. Der Baskake gießt Wein nach, füllt auch die Trinkhörner für Machmud und Aslan. Auf das Gesicht des Mongolen legt sich ein breites Lachen, so dass von seinen schmalschlitzigen Augen kaum noch das Weiße zu sehen ist vor lauter Zufriedenheit.

"Deine Schwester ist eine große Zauberin", sagt er. "Sie war unserem Schamanen behilflich, die Geister der Wüstenerde anzurufen und gut zu stimmen für das angebrochene neue Jahr. Und da sie also sein unbegrenztes Vertrauen gewinnen konnte, hat sich der große Tarwa entschieden, sie als seine Tochter anzusehen und aus ihr eine Schamanin zu machen."

Genussvoll nimmt der Mongole einen tiefen Zug aus seinem Weinhorn.

"Wie sie aber bei euch lebt", meint der Schamane, "bleiben ihr die wirklichen Wege in die Welt jenseits des hellen Tages verschlossen. Und so werden wir sie an den Hof unseres Chans bringen, nach Karakorum."

Lauernd steht der Mongole auf, als Machmud antwortet: "Jeder Mensch, großer Baskake, gehört dorthin, wo die Geister ihn für die Welt entlassen haben. Fatim ist hier geboren. Sie führt mir das Haus, und ihre Kranken warten auf sie."

"Du wirst ohne sie auskommen. Und auch die Kranken, denen sie bisher geholfen hat. Ist ihnen aber zu sterben vorherbestimmt, dann kann deine Schwester ohnehin nicht helfen. Steht es nicht so in dem Buch eures großen Schamanen Mohammed?"

Wieder trinkt Tamscha. Mit dem Horn in der Hand weist er in die Runde. "Siehst du meine tapferen Krieger, Machmud? Keiner von ihnen ist in eurem Land geboren, und doch stehen hier ihre Jurten. Wenn es dem Chan gefällt, werden wir unsere mongolische Steppenheimat bald noch weiter zurücklassen. Bis zum letzten Meer wird unser Ritt gehen. Und wäre der große Chan Dschingis nicht im Jahr des Ebers, vor elf Sommern, vom Pferd gestürzt und in das Reich der Stummen hinübergewechselt - wir hätten schon längst das Land der untergehenden Sonne erobert mit seinen Städten aus Stein und den gewaltigen Schätzen und handwerksgeschickten Bewohnern."

Bei diesen Worten erhebt sich ein lautes Brummen ringsum, die Mongolen beginnen die Schultern nach rechts und nach links zu neigen, wieder und wieder. Dazu heben sie ihre Arme und lassen das Brummen anschwellen zu lauten, unverständlichen Rufen, aus denen Machmud nur den Namen des Eroberers Dschingis heraus hört.

Da sieht Machmud seine Schwester neben sich aufstehen. Sie drängt durch die Reihen der Sitzenden, tritt auf einen alten, krumm dahockenden Mann zu, der wie sie selbst eine Trommel in den Händen hält.

Der Schamane.

Gemeinsam beginnen die beiden zu tanzen. Fatim schreit dabei, als sei sie die Vortänzerin in einem gewaltigen Reigen, irgendwo auf einer frühlingsfrischen Wiese. Ihre Füße stampfen den Boden der Jurte. Hals, Kopf, Körper, Arme beugen sich hin und her - wie Steppengras, das der Wind seine ungebändigte Kraft spüren lässt.

Es wird ihnen Platz gemacht. Auch der alte Schamane tanzt nun schneller und schneller. Seine Schreie sind weniger laut und ertrinken fast im dunklen Lärm der hin und her wogenden Menge.

Genauso plötzlich, wie es eingesetzt hat, verstummt das allgemeine Brummen. Fatim lässt die Trommel fallen. Erschöpft sinkt sie zu Boden.

Da fühlt sich Machmud an die Schulter gestoßen. Es ist Aslan, der sich hinter dem Rücken des Hundertschaftsführers herüberbeugt. "Sollen sie erst alle betrunken sein, dann verschwinden wir drei...",flüstert er mit gepresster Stimme.

Der Baskake reicht ihnen neuen Wein. Er nickt dabei, ermuntert sie zum Trinken. Als sie die leeren Hörner zurückgeben, steht er mit einem Ruck auf, klatscht in seine schaufligen Hände und ruft: "Lasst uns jetzt dem Mondgeist unsere Achtung bezeigen. Das Neujahrsfest Zagansara ist das Fest seiner klaren Herrlichkeit. Wir feiern es, bis er sich zu teilen geruht in eine dunkle und eine hell leuchtende Hälfte."

Wie er dort steht, in der vollen, bedrohlichen Größe, scheint er Machmud das Sinnbild kraftvoller Entschlossenheit - daran gewöhnt, dass geschieht, was er befiehlt.

Ist es nicht vermessen, sich seinem Willen entgegenzustellen? Und doch - es gibt keinen anderen Ausweg. Die Gerechtigkeit fordert es.

Der Aufbruch der anderen reißt Machmud mit. Es gelingt ihm, Aslan zuzuraunen: "Bei der ersten Gelegenheit greifen wir sie..., wenn ich meinen Gürtel öffne."

Draußen auf dem Platz ist Fatim der Mittelpunkt eines großen Beschwörungstanzes. Sie springt und schreit, als gehöre sie von Anfang an unter jene Menschen, zwischen diese Feuer der Freude über ein neu begonnenes Jahr, ja über ein neu begonnenes Leben. Die Geister haben nach ihr gegriffen mit aller Gewalt, durchfährt es Machmud mit Schrecken.

Die Bewegungen werden immer wilder, die Schreie laut, unerträglich fast. Die Mongolen zucken mit den Schultern und Hüften, schleudern die Arme herum in weit ausholenden Kreisen. Dann werfen sie sich plötzlich auf einen Wink des Schamanen zur Erde nieder, strecken die Gliedmaßen in krampfhafter Ruhe und verharren schweigend.

Unwillkürlich tritt Machmud zurück, in den Schatten der Jurten. Noch einmal ertönt ein Trommelwirbel, da erheben sich alle, drängen vom Platz. Machmud sieht auf Aslan, nickt und löst den Knoten an seinem Gürteltuch.

Mit ein paar Sätzen sind sie bei Fatim, mitten im Strom der Menschen. Mit einem schnellen Blick sieht Machmud, dass ihnen niemand Beachtung schenkt, und zögert nicht länger. Er zieht seinen gesteppten Chalat aus und hängt ihn der Schwester um. Legt Fatim dann den Arm auf die Schulter und bedeutet Aslan, es ihm gleich zutun. So führen sie die Erschöpfte und noch immer Betäubte unbemerkt aus dem Trubel.

Im Schatten der Jurtenkegel nimmt Machmud sie wie ein Kind in seine Arme. Er sieht Aslan noch einmal zurückschauen, hört ihn etwas flüstern, das wie "Niemand!" klingt, dann hasten sie vorwärts.

Um ihre Spur zu verwischen, laufen sie den halben Wagenkreis ab, scheren dann erst aus in die Nacht. Der Lärm des Festes wird schwächer und schwächer.

Wortlos wechseln sie sich mit dem Tragen ab. Ihre Schritte sind leise und schnell. Sie gönnen sich keine Pause, unterdrücken das Stöhnen der Müdigkeit.

Völlig erschöpft langen sie bei den Pferden an. Da erst hören sie von den Jurten her Hundegebell und aufgeregtes Geschrei.

Schnell hat Aslan die Stricke gelöst. Die Pferde wiehern, als sie sich frei fühlen. Die drei sitzen auf, reiten hinaus in die Ebene.

Einem Funkengestöber gleich schwärmen unten im Tal Fackelträger in die Dunkelheit - wahllos, in alle Richtungen.

Dann blicken sich Aslan und Machmud nicht mehr um. Die Wüste ist weit und wird sie zu verbergen wissen. Und Fatim ist mit ihnen.

Kalt und klar liegt die Nacht auf dem Land. Der Mond lässt die Dünenfalten und das kahle Geäst der Sträucher durchschimmernd scheinen gleich den Wolken, die sich von Zeit zu Zeit vor ihn schieben - Krustenstücke auf dem Salzsee der schwarzen Himmelsschale.

Mit dem Wind wehen Böen von Lärm durch das Schweigen, Rufe und Peitschengeknall.

Unbarmherzig treiben sie ihre Pferde an. Aslan reitet voraus, er weiß sich mit Hilfe der Sterne zurechtzufinden. Und Machmud folgt ihm voller Vertrauen.

Ihren Ort Tarab umgehen sie in großem Bogen.

Als sie am hellen Morgen in Rometan, einem Nachbardorf, ankommen, sind die Pferde über und über in Schweiß gebadet.

Am Freitag, dem heiligen Tag der mohammedanischen Woche, ruhen nach des Propheten Willen Arbeit und Handel. Durch die Fenster des Palastes fließt grau der frühe Abend. Sadr Burchan-ad-din spürt an diesem Tag, den Allah den Gläubigen zu Gebet und Besinnung gegeben hat, die Last seines Amtes besonders schwer. Aber die Sorge um Buchara, die Abwehr von Unbotmäßigkeit und gewissenlos aufrührerischen Absichten kennen keine Atempause. Allah wird ihn, das weiß Burchan, für diese Bemühungen reichlich entlohnen - nicht erst in den Gärten und an den Quellen des Paradieses.

Bedächtig breitet er die Arme auseinander, so dass sein weiter, goldbestickter Chalat gut zur Geltung kommt. Dann greift er nach dem Blatt, das der Schreiber ihm reicht. Überfliegt es und sagt: "Die Verhaftungen dulden nun keinen Aufschub mehr. Man soll nach dem Hauptmann schicken."

Kejwan eilt, den Befehl weiterzugeben, bald schon ist er wieder beim Sadr. Nimmt auf, was Burchan-ad-din ihm für das Zeitbuch diktiert.

"In wenigen Wochen steht die Feier des Lailet-el-Berat ins Haus, der Nacht, in der jeder Muslim von Allah geprüft wird nach seinen guten und schlechten Taten. Und so haben Wir Uns entschlossen, die in der Liste erfassten Verdächtigen dann zu verhaften. Denn nichts wäre vor Allah leichtfertiger als ein Nachlassen in dem Bemühen, den inneren Frieden Unserer Stadt Buchara zu erhalten. Dabei wird also auch diesen Männern Gelegenheit gegeben, in jener Nacht des Gerichts ihr Tun zu überdenken. Sie werden erfahren müssen, dass die Zeit des Urteils über sie kommt und mit ihm die Strafe Allahs."

Kejwan neigt den Kopf. Die Tür ist aufgegangen und der Schwarze Hauptmann säbelbehängt eingetreten.

"Allah zum Gruß!", hört er ihn sagen, dann den Sadr ähnlich knapp antworten.

Der Mann, den das Volk auf Basaren, in den Karawansereien und sogar hinter den Mauern der eigenen Anwesen noch mehr fürchtet als den Sadr selbst - da steht er. Kejwan hat nicht zum ersten Mal Gelegenheit, ihn so aus der Nähe zu betrachten, und trotzdem spürt er, wie sein Innerstes sich verschließt beim Anblick des Gefürchteten. Die weit aufgerissenen dunklen Augen, das selbstbewusst hochgerückte Kinn und der bullige Nacken scheinen ebenso Teil seines kriegerischen Panzers zu sein wie der Brust- und Leibharnisch aus schwarzem Büffelleder, von dem er sich nie trennt, die wuchtigen Stiefel, der mit Bronzeschuppen belegte Helm.

"Wir haben dich rufen lassen, Hauptmann, weil eine dringende Angelegenheit keinen weiteren Aufschub duldet." Auch der Sadr spricht eigentlich ganz wie sonst, und doch liegt über der Szene eine ungewöhnlich drückende Spannung.

"Einige Leute, von denen die meisten dir nicht unbekannt sind, hast du aufzuspüren und in strengen Gewahrsam zu nehmen. Eine Handvoll Unruhestifter, nichts weiter."

"In strengen Gewahrsam, jawohl!", echot der Hauptmann. Unter dem glänzenden Helm scheint sein breites, bartloses Gesicht Kejwan ausdruckslos anzustarren. Aber der Schreiber kennt die harte, durch nichts umzuwerfende Entschlusskraft, mit der dieser fade, von jeder geistigen Regung verschonte Mensch bislang alle Befehle ausgeführt hat.

Wieder nimmt der Sadr das Wort: "Wir denken, die Notwendigkeit einer Gefangennahme dieser Leute wird in einigen Wochen entfallen. Es ergeht dann ein neuer Befehl. -Und nun höre die Namen."

Ein Wink. Der Schreiber Kejwan nimmt das Blatt auf und beginnt zu lesen, bedächtig und laut. Ja, mit der Langsamkeit übertreibt er es sogar. Hofft er wirklich, dass der Hauptmann den einen oder anderen Namen vergisst, wenn er ihn ungewohnt schleppend zu hören bekommt?

Burchan-ad-din ist in die Mitte des Raumes getreten, an das goldene Vogelbauer. Die Seidenfinken... seine Seidensamtvöglein, die er fast so sehr liebt wie die kleine Asermidocht, sind sie doch auch überaus zart und einfühlsam und anschmiegsam wie das Mädchen. Versonnen steckt er einen Finger zwischen die Gitterstäbe. Lacht. Wartet, bis die Vögel verspielt an der Fingerkuppe zu knappern beginnen. Da zieht er den Finger heraus. Und wieder lacht er.

Kejwan nennt Namen um Namen. Unterbricht sich, blickt kurz auf und schaut auf den Sadr. Dann, beim Weiterlesen, erfasst ihn eine feurige Hitze, als werde er abwechselnd in heißes und in eiskaltes Wasser getaucht. Er spürt seine Ohnmacht und zweifelt gleichzeitig an ihr - wer ist es denn, der die Liste vorträgt? Er und kein anderer.

Jeder Name aber umschließt das Schicksal eines Menschen, einer ganzen Familie. Und der Hauptmann lauert darauf wie ein Schakal. Packt mit den Ohren zu - bei jedem Namen, den er, Kejwan, ihm zum Fraß vorwirft von diesem unglückbringenden Papier. Der Hauptmann wird keinen vergessen, wie langsam auch immer er ihn gelesen hört.

Und wenn er nun selbst...? Kejwan erschrickt bei dem Gedanken, noch nie hat er sich absichtsvoll gegen Befehle des Sadr gestellt.

Da ist ein weiterer Name heraus, ein Mann genannt, für den es nun schon zu spät ist, denn was der Hauptmann gehört hat, bleibt eingeritzt hinter seiner streng gefurchten Stirn.

Siehst du denn nicht, dass Allah Wasser vom Himmel herabsendet, Wasser für heiße und Wasser für kalte Quellen? Und dass er das Wort gibt zum Guten und zum Bösen? Die Schriftzeichen für das Wort aber nur denen, die sie beherrschen...

Und wieder ein Name.

Allah findet Wohlgefallen an treuen Dienern, die nicht um des Dienens willen treu sind, sondern um seinetwillen.

Siebzehn.

Achtzehn.

Name auf Name.

Neunzehn, einundzwanzig, zweiundzwanzig.

Warum tue ich das?

Glaubt ihr denn nicht, dass die Strafe Allahs plötzlich über euch kommen kann?

Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig.

Die Strafe Allahs - nicht die Strafe des Sadr Burchan-ad-din! "Das sind alle."

Warum tue ich das? Warum habe ich den zwanzigsten Namen nicht mitgelesen?

"Alle?" Der Sadr blickt auf. Langsam zieht seine Hand sich vom Finkenbauer zurück.

"Alle. Der Imam der Kaljan-Moschee. Der Derwisch. Alle vierundzwanzig."

"Es waren nur Dreiundzwanzig. Wir vermissen noch einen, der uns besonders teuer ist."

"Der Müller Ismet...?"

"Unsinn. Die Sache hat sich erledigt, das weißt du doch. Und überhaupt - Ismet, der Müller.., nicht einmal mehr ein Name ist das jetzt noch. Hm, der Müller Ismet..." Der Sadr stößt noch einmal hämisch Luft durch den geöffneten Mund. Aber er lauscht diesem knappen Lachen nicht nach, sondern stellt sich direkt vor Kejwan und fragt ihn geradeheraus: "Warum hast du Schejch Schems-ad-din nicht mit den anderen dreiundzwanzig genannt?"

"Schems-ad-din? Ich dachte...", setzt Kejwan verlegen stammelnd an, aber der Sadr hat ihm sofort das Wort abgeschnitten.

"Du dachtest? Du sollst aber nicht denken. Du sollst tun, was man von dir verlangt. Und wenn es heißt, lies vierundzwanzig Namen vor, dann liest du vierundzwanzig Namen vor. Wozu hast du denn sonst lesen gelernt?" Scharf dreht er sich um, und die goldbestickten Ärmel seines Chalats streifen das Blatt Papier in der Hand des Schreibers.

Er tritt an den Vogelbauer zurück, neckt einen Finkenhahn durch das Gitter. Wendet dann noch einmal den Kopf und sagt zu Kejwan: "Ihr Schreiberlinge denkt irgendwann alle einmal, die Welt habe euch zu gehorchen. Nur weil ihr geheime Zeichen zu deuten und weiterzugeben versteht, die ebenso eingebildete Zeichendeuter vor euch erdacht und hingeschmiert haben. Bei Allah - was sind schon diese Kringel und Schnörkel und Kritzel, um die ihr solch Aufhebens macht? Jeder Wurm, der lange genug durch den Sand kriecht, malt interessantere Bilder." Er zieht den Finger zurück und deutet auf Kejwan. "Aber nimm dich in acht. Wenn du glaubst, ein vergessener Name sei nur ein Stück vom Wind ausgelöschte Wurmschrift, dann irrst du, Kejwan. Du hast zu tun, was man von dir verlangt. Wie ein Diener, der für mich einen Becher Wasser vom Brunnen holt."

Dann wendet er sich an den Hauptmann und sagt mit ruhiger Stimme: "Also auch Schems-ad-din."

"Jawohl!", quittiert der Hauptmann diesen Befehl. "Und - soll auch der Schejch die Zitadelle wieder lebend verlassen, in wenigen Wochen dann, oder..."

Unwirsch betrachtet der Sadr sein Gegenüber. "Wir haben Uns wohl noch immer nicht deutlich genug ausgedrückt. Wir sagten, dass alle genannten Männer auf Unserer Zitadelle, der Festung Ark, sicher zu bewahren sind. Sicher zu bewahren! Das gilt auch für Schejch Schems-ad-din."

"Jawohl! Auch für Schejch Schems-ad-din. Gibt es weitere Anordnungen?"

Der Sadr lächelt, als er nun aufblickt. "Es gibt die Hoffnung, dass du den Derwisch nicht noch einmal verfehlst."

Damit ist der Schwarze Hauptmann entlassen.

Auch Kejwan würde nun am liebsten gehen, aber Burchan-ad-din lässt ihn warten. Die dunkel getäfelte Decke scheint dem Schreiber tiefer und tiefer zu sinken.

Was hat der Sadr vor?

Kejwan ist die Fülle der Strafen genau bekannt, die Burchan zu Gebote stehen, Auspeitschen, Stockschläge, Arbeit im Steinbruch, Dunkelhaft... Wie oft hat er solche Befehle aufschreiben müssen, wenn der Sadr jemandem seine Gunst entzog. Und doch darf er noch hoffen: Burchan-ad-din hat den Schwarzen Hauptmann allein gehen lassen - ohne ihn, den Schreiber Kejwan. Den Schreiberling, dessen Feder auf dem Papier Spuren zurücklässt wie ein Wurm im Sand...

Plötzlich dringt in die Ungewissheit des Wartens Burchans Stimme: "Allah liebt nicht den Treulosen. Du solltest deine Lesekünste hin und wieder am Koran ausprobieren. Auch dort darf man nichts auslassen - keine Sure, keinen einzelnen Vers."

Kejwan schweigt, senkt seinen Blick. "Nun gut - für diesmal wollen Wir wirklich glauben, dass du den Schejch vorzulesen vergessen hast. Du dachtest, du hättest den Namen schon genannt. Nur - nimm dich in Acht! Wir sagen es dir ein letztes Mal. Noch ein solches Versehen, und du denkst gar nichts mehr."

Mit einem verkrampften Lachen entlässt der Sadr den Schreiber, Tatsächlich: ein Wurm, denkt er. Warum zertrete ich ihn nicht sofort?

Missmutig setzt er sich, schlägt einen Gong.

Die Tür öffnet sich. "Wir beginnen mit der Audienz."

Er schließt den Chalat vor der Brust. "Sind Bittsteller da? Untersucht sie nach Waffen."

Der Diener meldet einen einzigen Wartenden. Untersucht sei er bereits.

"Dann lass ihn kommen." Aus dem Gesicht des Sadr ist gelangweilter Verdruss über die Pflichten seines Amtes ablesbar. Als sich aber die Tür öffnet, kann er die aufkommende Überraschung nicht verbergen.

"Oh - Schejch Schems-ad-din! Wie freue ich mich, dich nach so vielen Jahren den Weg zu mir finden zu sehen. Ich hoffe, es ist ein Stück Weges zu unserer Verständigung." Er steht auf, hält dem Besucher beide Hände entgegen.

Der Schejch tritt nahe an den Sadr heran. Er verneigt sich, wie es die höfische Vorschrift verlangt, die dargebotenen Hände aber ergreift er nicht.

"Warum sollte ich den Weg zu dir nicht finden, Burchan! Dies ist doch deine Audienzstunde, die Tür des Palastes steht jedermann offen zu dieser Zeit. Nur - außer mir scheint niemand diese Möglichkeit nutzen zu wollen." Sein Blick fällt etwas spöttisch aus.

Sogleich ärgert sich Burchan-ad-din über seine eigene Freundlichkeit. Hat er es überhaupt nötig, sich mit diesem Querulanten von gleich zu gleich zu unterhalten? Ist er auch ein Schejch, was macht das schon, der Befehl zu seiner Verhaftung ist vor wenigen Minuten ergangen. Was soll da noch ein Gespräch?

Aber ebenso plötzlich, wie dieser Gedanke gekommen ist, und mit derselben Entschiedenheit überlegt der Sadr auf einmal: Soll auch der Schejch Schems-ad-din seine Chance haben! Schließlich ist er nicht schlechter als der Schreiber, dieser Sohn einer Hündin. Alle stecken sie unter einer Decke - aber er wird sie darunter hervorzerren. Jeden einzelnen. Den Schreiber. Den Imam. Den Derwisch. Den Schejch. Und alle, die sonst noch da sind. Nur Zeit braucht er dafür...

So lächelt der Sadr nun gleichfalls. "Mein Herz und mein Ohr", sagt er, "stehen den Bürgern von Buchara immer offen, Nicht nur zu dieser Audienz und nicht nur hier im Palast. Ich liebe es, über die Basare und Plätze der Stadt zu gehen, mit den Menschen zu sprechen und mir von ihren Erfolgen und Nöten berichten zu lassen. Dies Interesse für alles, was in der Stadt geschieht, ist an keinen Ort und auch an keine Stunde gebunden, Schejch!"

Schems-ad-din schaut den Sadr an, blickt durch das etwas zu strahlende Lächeln auf den Grund seiner Augen und erkennt darin Angst. Angst vor dem Ausgang dieses Zusammentreffens, Angst vor einer plötzlich nach seinem Leben greifenden Hand, um den Verlust des erbärmlichem Prunks dieser Hofhaltung. Überall und um alles Angst. Zwar versucht er sie zu verbergen, aber es geht nicht. Burchan-ad-din wird schreien, lügen, töten müssen und auch immer wieder falsch zu lächeln versuchen - aus Angst und um diese Angst zu verbergen... So wie er jetzt schon lächelt, lügt, tötet.

"Es ist schade", sagt Schems-ad-din, und er gibt das Lächeln zurück, "dass ich dir während deiner Wanderungen über die Märkte und Plätze der Stadt nie begegnet bin. Du scheinst so etwas nicht häufig zu wagen."

"Mäßige dich."

Doch schon spricht der Schejch weiter: "Ich bin nicht gekommen, um dich zu beleidigen, Burchan. Ich komme vielmehr mit einer Bitte."

Unwirklich, wie von fern, vernimmt der Sadr diese Worte. Sie beruhigen ihn, eigentlich ganz gegen seinen Willen. Und trotzdem ist er schließlich froh, als er die eigene Stimme fest und bestimmt sagen hört, durch sein maskenhaftes Lächeln hindurch: "Lass sie mich wissen, die Bitte."

Wie hinter einer Nebelwand sieht er seinen Gast. Es ist ihm unmöglich geworden, den Schejch anzusehen wie irgendeinen anderen Menschen, gleichgültig oder gar voll gehöriger Sachlichkeit.

Fast will er aufbrausen, als er die angekündigten Worte hört: "Mach die Marktabgabe rückgängig, Burchan!"

Aber er zwingt sich zur Ruhe. Denn er will nichts versäumen von dem, was Schems-ad-din noch zu sagen hat. Der Schejch redet niemals ohne Grund. Das weiß der Sadr und vergisst es auch in diesem Augenblick nicht.

"Buchara ist unter deiner Regierung zu neuer Blüte gelangt. Du hast das Handwerk gefördert und die Narben des Krieges geheilt, jedenfalls teilweise. Der Lebensnerv des Wohlstandes aber ist der Handel. Denke an die Karawanen, die täglich von überall her Ware bringen - aber auch an jene, die in allen vier Winden Zeugenschaft vom Handwerksfleiß unserer Meister ablegen. Teppiche, Tongeschirr, Kupferarbeiten aus Buchara, das kennt und schätzt man im prachtliebenden mongolischen Karakorum ebenso wie in Damaskus und Bagdad. Aber auch Baumwolle, Lampenöl, Gold und andere Landesprodukte. Über die Märkte unserer Stadt finden Gewürze aus Indien, chinesische Seidenballen, Salz, Edelsteine und Elfenbeinschnitzereien ihren Weg in die ganze Welt. Wehe uns, wenn diese Warenströme eines Tages versiegten oder sich einen anderen Weg suchen sollten - die ersten Anzeichen dafür haben wir schon."

Da ist es plötzlich mit der Geduld des Sadr vorbei. Wie ein Blitz fährt er herum, mit dem Finger auf Schems-ad-din deutend. "Wir? Wer ist wir? Mit wem hast du dich gegen mich verschworen?"

Aber den Schejch verlässt die Gelassenheit nicht, mit der er bisher gesprochen hat. "Warum so misstrauisch, Burchan-ad-din? Mit niemandem habe ich mich gegen dich verschworen. Wir- damit meine ich alle einsichtigen Leute, denen Bucharas Schicksal am Herzen liegt. Unter dem Druck der neuen Lage werden sie sicherlich zueinander finden. Man kann den Ochsen nur so tief unters Joch spannen, bis sein Maul auf die Erde stößt. Irgendwann reckt er sich dann, und wenn schon das Joch dabei nicht zerbricht, kippt zumindest der Karren um."

"Ist das eine Drohung? Ich nehme die Herausforderung an. Es gibt Mittel und Wege, mich vor deiner Unverschämtheit zu schützen, Schejch!"

"Mittel und Wege - ja, daran zweifle ich nicht. Und doch habe ich weder vor, dir zu drohen, noch, dich herauszufordern. Ich kam, dich um etwas zu bitten."

"Dann geh jetzt wieder. Deine Bitte ist unerfüllbar. Sie ist einfach... lächerlich. Aber dir geht es gar nicht um Bucharas Handel, nicht um den Strom der Karawanen, von dem du so teilnahmsvoll sprichst. Deinen eigenen Karawanen tut die neue Steuer sicher nicht weh, Schems-ad-din. Ein Kaufmann deines Formats braucht keine Markabgabe zu fürchten. Dir passt mein gutes Verhältnis zu unseren mongolischen Freunden nicht. Warum sprichst du nicht davon? Du siehst mich nicht gern an der Spitze dieser Stadt, die erobert wurde und trotzdem aus den Trümmern zu neuer Blüte erstanden ist. Warum schweigst du darüber?"

Um seinen offen hervorgebrochenen Hass zu verbergen, wendet der Sadr sich zum Fenster zurück. Seine Rede unterbricht er dabei nur kurz. "Worauf wartest du noch? Geh doch zu diesen einsichtigen Leuten, von denen du eben gesprochen hast. Geh und sammle sie um dich, die Missvergnügten und Aufsässigen. Sie warten bestimmt auf dich, Schems-ad-din..."

Als er schließlich das Klappen der Tür hört, ist der Sadr zufrieden.

In Freiheit ist dieser Schems-ad-din jetzt wertvoller als in den Kasematten des Ark. Als hätte der Hundesohn Kejwan ihm, dem Sadr, diesen Fingerzeig erst geben müssen...

Burchan-ad-din lacht leise. Er gongt nach dem Diener. "Du wirst sofort den Schwarzen Hauptmann suchen und ihm dies ausrichten: Wir wünschen nicht, dass Schejch Schems-ad-din verhaftet wird. Jedenfalls jetzt noch nicht. All seine Schritte aber sind sorgfältig zu überwachen."

Allein geblieben, öffnet Burchan-ad-din das goldene Pförtchen des Vogelbauers. Trällernd fliegen die Finken heraus, setzen sich ihm auf die Schultern. Einer hüpft mit laut schwirrenden Flügeln bis hinauf zu seinem Turban.

"Ja, kommt nur, kommt. Ihr wenigstens liebt mich alten Mann. Ihr und meine Asermidocht."

Er ahmt den Pfiff der Finken nach. Zirpt und trällert mit den ausgelassenen Vögeln.

Für morgen wird er den Rat zu einer Sitzung zusammenrufen.

Die Tage erzwungener Ruhe in Rometan bringen Klarheit in Machmuds wirre Gedanken. Was er gemeinsam mit Aslan getan hat in jener Nacht, das ist nicht nur eine Herausforderung des Baskaken von Mann zu Mann. Es ist vielmehr eine Kampfansage an jeden einzelnen der mongolischen Reiter. Nicht nur, dass er ihre Verfolgung hat abschütteln können und ihnen nun viele Tage schon Fatim vorenthält, nicht nur die ergebnislose nächtliche Jagd würden sie ihm anlasten, fänden sie ihn. Schwer wiegt vor allem bei ihnen der Missbrauch des Gastrechtes. Er hat an ihren Feuern gesessen und ihre Trinkhörner geleert und ist dann auf und davon mit der Schwester, die sie zu ihrer Zauberin hatten machen wollen und die sie schon für ihr ganzes weiteres Leben als Schamanin in Karakorum sahen.

Mit welchem Recht nur springen sie so mit uns um? Mit welchem Recht haben sie Fatim aus meinem Haus zu sich geholt?

Wie oft hat er Aslan diese Fragen gestellt in die abgestandene Luft ihres Verstecks hinein und wie oft die Antwort gehört: Mit keinem anderen Recht als mit dem Recht des Stärkeren.

Machmud weiß die Schwester hier in Rometan gut aufgehoben, im hinteren Zimmer, bei den Frauen und Töchtern seines Onkels Kachar. Und auch er selbst wird den Raum, den der Onkel ihm und Aslan als Versteck vor den fragenden Augen der Nachbarn zugewiesen hat, nicht wieder verlassen, bevor ein Bote aus Tarab die Nachricht vom Abzug der mongolischen Nachsteller gebracht hat.

Als es dunkel wird und die Nacht hereinbricht wie Wasser durch einen Kanaldamm, alles mit kräftigem Strudel ergreifend, klopft Kachar, der Onkel. Klopft dreimal kurz, wie sie es verabredet haben für diese Stunde der Dämmerung. Tritt ein, dampfenden Tee in zwei Schalen vor sich her tragend. Aber er kommt nicht allein, winkt vielmehr mit dem Kopf einem Mann zu, der ihm aus dem Dunkel des Türrahmens folgt. Setzt die Teeschalen auf dem kniehohen Tisch ab, hinter dem er sich niederlässt und an den er nun auch Machmud und Aslan bittet. "Setzt euch. Und trinkt."

Sie schlürfen das dampfende Getränk. Spülen die Trockenheit der Stunden herunter, die sie mit Warten verbracht haben an diesem langen Tag.

"Dies ist ein Nachbar", hebt da der Onkel zu sprechen an. "Allah hat ihm einen Sohn verweigert."

Der Onkel hat also doch geredet. Hat entgegen seinem Wort den Nachbarn erzählt von denen, die er bei sich versteckt hält. Und hat so die Mongolen vielleicht längst schon auf ihre Spur gebracht?

Was will dieser Mann?

Machmud lauscht dem Schweigen nach, das sich nach den Worten des Onkels im Zimmer ausbreitet.

"Was gibt es?", fragt er schließlich in das Dunkel des Zimmers hinein.

"Nun also", beginnt da der Mann mit dünner Stimme zu sprechen - so dünn, dass Machmud an das Pfeifen einer Zieselmaus denken muss. "Nun also, ich gab vor zwei Jahren meine einzige Tochter für ein gutes Brautgeld einem jungen Mann hier aus der Gegend, weil ich mit seinem Vater befreundet war. Nun aber droht diese Verbindung zu zerbrechen, da die Ehe kinderlos blieb und mein Schwiegersohn daran denkt, mir das Mädchen zurückzugeben. Um es kurz zu machen: Ich bitte euch, bitte dich, Machmud, und deine Schwester Fatim, die ihr beide als Wundertäter bekannt und geachtet seid, dass ihr das Beilager meiner Tochter besprecht, um mir einen Enkel zu bescheren als Trost für meine alten Tage.

Die Stimme des Mannes verstummt, und Machmud fühlt sich einsam. Er vergisst, dass im Dunkel Aslan neben ihm sitzt und dass sie beide sich hier verborgen halten, obwohl dies eigentlich gar kein Versteck mehr ist durch die Schwatzhaftigkeit seines Onkels Kachar. Vor allem wohl ist es sein Zorn über diese Schwäche des Vaterbruders, der das Gefühl der Einsamkeit in ihm weckt.

Trotzdem hört Machmud sich ruhig sagen: "Ich werde alles tun, was mein Onkel von mir verlangt. Schulde ich ihm doch Gehorsam, als sei er mein Vater. Und ich werde nichts unversucht lassen, die Geister so zu beeinflussen, wie es ihm gefällt."

Dann tastet er nach der Schale vor sich auf dem Tisch und trinkt seinen Tee aus.

Die Einzelheiten besprechen sie schnell: die Stunde des morgigen Abends, zu der die Beschwörung geschehen soll, den Kreis der Verwandten, der davon erfahren darf. Und auch den Preis: zwei Lämmer sofort und einen Hammel nach der Geburt des Kindes.

Als der Onkel mit seinem Nachbarn gegangen ist, bricht Aslan sein bisheriges Schweigen.

Es ist, so meint er, als ruhe Allahs Segen auf allem, was Machmud tut. Die Heilung seines Sohnes Nurlin. Die gelungene Flucht aus dem mongolischen Lager, Und so sei sicher auch dieser neuerlichen Beschwörung Erfolg beschieden.

Nach der Ratssitzung an jenem Tage, der auf die Verhaftung der vierundzwanzig oder doch - da Schems-ad-din vorerst in Freiheit geblieben ist - dreiundzwanzig Verdächtigen folgt, lässt Sadr Burchan-ad-din seinen Schreiber Kejwan auf den Seiten des Zeitbuches vermerken: