Der Turm des wiederkehrenden Todes - Anna Smith Spark - E-Book

Der Turm des wiederkehrenden Todes E-Book

Anna Smith Spark

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Beschreibung

Schicksal, Rache und der Mut der Verzweiflung: der 2. Teil der hypnotischen Dark-Fantasy-Trilogie »Empires of Dust« um eine Welt, die ins Chaos stürzt Vatermörder, Feldherr, Eroberer: Marith Altrersyr hat sich seinem dunklen Schicksal ergeben. Auf dem Weg, ganz Irlast zu unterwerfen, hinterlässt er Tränen, Blut und rauchende Trümmer. Auch das Haus der Frau, der er einst versprochen war, geht dabei in Flammen auf. Landra Relast, die einzige Überlebende, schwört ihrem ehemaligen Verlobten bittere Rache. Währenddessen sucht Thalia – einst als Hohepriesterin des Herrn über Leben und Sterben die mächtigste Frau des untergegangenen Kaiserreichs von Sekemleth – in den Ruinen der zerstörten Hauptstadt nach Verbündeten. Noch einmal will sie alle Kräfte aufbieten, um sich Marith und der tödlichen Amrath-Armee entgegenzustellen. Kann es Landra und Thalia gemeinsam gelingen, die völlige Zerstörung Irlasts aufzuhalten? Nach »Das Reich der zerbrochenen Klingen« ist »Der Turm des wiederkehrenden Todes« der zweite Teil der Dark-Fantasy-Trilogie »Empires of Dust« der gefeierten englischen Autorin Anna Smith Spark. Epische Schlachten und gebrochene Helden zeichnen ihre Dark-Fantasy-Reihe aus, die das englische Magazin »Fantasy Book Critic« als »hypnotisierend, brutal und magisch« lobt.

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Seitenzahl: 778

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Anna Smith Spark

Der Turm des wiederkehrenden Todes

Roman

Aus dem Englischen von Kerstin Fricke

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vatermörder, Feldherr, Eroberer: Marith Altrersyr hat sich seinem dunklen Schicksal ergeben. Auf dem Weg, ganz Irlast zu unterwerfen, hinterlässt er Tränen, Blut und rauchende Trümmer. Auch das Haus der Frau, der er einst versprochen war, geht dabei in Flammen auf. Landra Relast, die einzige Überlebende, schwört ihrem ehemaligen Verlobten bittere Rache.

Währenddessen sucht Thalia – einst als Hohepriesterin des Herrn über Leben und Sterben die mächtigste Frau des untergegangenen Kaiserreichs von Sekemleth – in den Ruinen der zerstörten Hauptstadt nach Verbündeten. Noch einmal will sie alle Kräfte aufbieten, um sich Marith und der tödlichen Amrath-Armee entgegenzustellen.

Kann es Landra und Thalia gemeinsam gelingen, die völlige Zerstörung Irlasts aufzuhalten?

Inhaltsübersicht

Widmung

Teil I

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Teil II

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Teil III

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Teil IV

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Teil V

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

Teil VI

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Teil VII

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

Dank

Ich widme dieses Buch meiner Familie: Jamie, Ianthe und Neirin.

Teil I

Sonnenaufgang

 

 

 

 

 

 

 

1

Im hohen Haus am Hafen von Toreth lag Hohepriesterin Thalia wach in der Dunkelheit und lauschte dem Atem ihres Geliebten. Von draußen drangen unterschiedliche Geräusche herein: eine rufende Frauenstimme, das Singen Betrunkener, ein Kreischen und ein Poltern. Gelächter. Der Wind hatte wieder aufgefrischt. Sie konnte das Meer hören, die Wellen, die auf den Steinstrand schlugen, die Möwen.

Ich habe einen Drachen gesehen, dachte sie. Ich habe einen Drachen im Wind tanzen sehen. Ich habe das Meer gesehen. Den Himmel. Den kalten Frost. Die Schönheit der Welt. Ich habe das Licht der Sonne im Gesicht gespürt, als sie über der Wüste aufgegangen ist. Ich habe gespürt, wie klares Wasser zwischen meinen Zehen hindurchgesprudelt ist. Ich habe Leid und Schmerz und Glück und Liebe erlebt.

Sie setzte sich auf und entzündete eine Kerze. Der Mann neben ihr regte sich und kratzte sich heftig das Gesicht. Sie strich ihm mit einer Hand über die Stirn, und er schlief seufzend wieder ein.

König Marith Altrersyr. Zurückgekehrter Amrath. König Ruin. König der Schatten. König des Staubes. König des Todes.

Drachenfürst. Drachentöter. Drachengleicher. Dämonengeborener.

Elternmörder. Hathasüchtiger.

Der schönste Mann der Welt.

Sie ging hinüber zu der Wand, an der sein Schwert hing, nahm es ab und trat vor das Bett. Einen Augenblick zitterten ihre Hände.

Es wäre Güte, dachte sie.

Die Möwen kreischten vor dem Fenster.

Sie hob das Schwert, hielt es über sein Herz.

Blickte auf ihn herab.

Güte. Ihm und auch ihr gegenüber.

Aber er ist so wunderschön, dachte sie.

Sie ließ das Schwert sinken und legte sich neben Marith.

Schlief.

2

Heller Vormittag. Die grünen Moore über der Stadt Toreth. Gras und Wildblumen auf den Klippen, dunkle Felsen, verwitterter Stein, weit unten das tosende Meer. Grauer Himmel. Graue Erde. Graues Wasser. Ein Riss in der Welt, eine Narbe, eine Wunde, wo einst der Turm von Malth Salene stolz über Stadt und Wasser aufragte, wo eine Schlacht geschlagen und ein junger Mann zum König gekrönt worden war.

Marith Altrersyr stand oben auf der Klippe und blickte auf die Ruinen hinab. Bei Tageslicht wirkte das Schlachtfeld trostlos. Fels und Erde, Fleisch und Blut waren abgekühlt und wie gegossenes Glas erstarrt. Alles glänzte auch wie Glas. An manchen Stellen waren die Gesichter von Menschen durch die Oberfläche auszumachen, wie ertrunken und für immer begraben. Eine große Festung hatte hier gestanden. Schlafgemächer, prunkvolle Hallen, die Kapelle von Amrath dem Welteneroberer, in der Marith gekniet hatte, um den Segen seines Ahnen für seine Krönung zu erhalten. Schätze, wunderschöne Gegenstände, Seide, Wandbehänge, Gold, Edelsteine. In wenigen Stunden hatte die Armee des Ansikanderakesis Amrakane alles zerstört. Die Pferde seiner Soldaten schnaubten und wurden ob des Gestanks des Todes immer unruhiger. Sogar die Möwen und Krähen hatten die Flucht ergriffen.

Ich habe das getan, dachte Marith. Eine seltsame Erkenntnis. Ich habe das getan; ich bin dafür verantwortlich. Diese Zerstörung, dieses triumphale Ende: alles mein Werk. Vielleicht die Zusammenfassung meines Lebens. Ich habe einen Mann getötet, eine Festung in Asche verwandelt und muss daher ein König sein.

Oder auch gar nichts. Ein zerstörtes Gebäude. Etwas verbrannte Erde, wo Männer die Mauern wieder aufbauen und neue Grashalme wachsen werden.

Es war das Wundervollste, was ich je gesehen habe, dachte er. Der Einsturz. Die Zerstörung. Das Wundersamste, was ich je getan habe.

Die Erinnerung, wie alles brannte: Feuer war an den Wänden herabgelaufen, flüssiges Feuer darüber geströmt. Alles hatte feurig geglänzt wie mit Wasser benetzte Steine, wie Felsen am Ufer, über die die Wellen spülten. Die Wände hatten geglüht, strahlend hell gebrannt, der Stein war vor Hitze rot und heiß geworden. Bannfeuer schoss aus den Bliden, zermalmte die Mauern zu Staub, zerfraß die Steine, den Staub und den Boden darunter. Die Männer, die ringsherum, darüber, darin kämpften: bewaffnete Männer aus der Armee seines Vaters, sein eigenes armseliges Heer aus Malth Salene, waffenlose Diener, alte Männer, Küchenmädchen. Alle rangen miteinander, töteten einander. Rissen die Mauern der Festung ein. Töteten die Tiere auf den Höfen. Fällten die Bäume im Obstgarten an der Südmauer. Vollkommene Zerstörung. Er erinnerte sich an brennende Bäume, deren Äste vom Feuer rot leuchteten; sie hatten ausgesehen wie ein herrlicher Herbstwald voller Birken. Funken waren aufgestoben. Hatten den Himmel erfüllt. Alle Sterne verdeckt. Der Boden aufgewühlt und schlammig, schwarz im Feuerschein und der abendlichen Dunkelheit. Seine Männer tanzten, hieben die Schwerter gegen die Schilde, riefen nach ihm, sangen seinen Namen, die Gesichter mit Blut und Asche verschmiert.

Glorreich. Erstaunlich. Schöner als alles andere.

Sie haben es auf meinen Befehl getan, dachte er. Für mich. Ich habe so viele von ihnen getötet. Sie haben gemordet, zerstört, sind mir gefolgt. Ich habe sie umgebracht, erkannte er. Und sie sind mir dennoch gefolgt.

Und das Morden. Das Töten, das Kämpfen, es war so … bei den Göttern, es war herrlich gewesen.

Einst hatte er diesen Ort mit dem Blut seines besten Freundes an den Händen verlassen. Gefesselt und erniedrigt war er zurückgekehrt, ein Gefangener, der über seinen Tod nachdachte. Und nun hatte man ihn hier zum König gekrönt. Ich hätte nie gedacht, dass ich König werden will.

Eine merkwürdige Vorstellung.

Eine Stimme hallte laut durch die ruhige, kalte Luft. »Wir haben ihn gefunden.«

Ah, bei den Göttern. Marith drehte sich um und ging zu der Stelle, auf die sich seine Soldaten zubewegten. Er hatte es nicht eilig. Sein Herz schlug sehr laut.

»Wir haben ihn gefunden, mein König.«

Marith rieb sich die Augen. Sah nach unten. Wandte den Blick ab. Schaute zu Boden.

Vor ihm lag die Leiche seines Vaters ausgestreckt auf der Erde. Mit dem Gesicht nach unten. Zerbrochen. Von der Klinge seines Sohnes zerfetzt, verzehrt, zerstört. Ich habe ihn getötet, dachte Marith abermals. Ich habe ihn umgebracht. Bei den Göttern.

Marith bückte sich, kniete sich neben die Leiche, betrachtete sie. Tote Augen starrten ihn an. Erstaunen zeichnete sich auf dem Gesicht seines Vaters ab. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Marith es tun würde, selbst dann nicht, als das Schwert wieder und wieder auf ihn herabfuhr.

»Rede mit ihm«, hatte Thalia noch vor wenigen Nächten auf den Mauern von Malth Salene gesagt, als sie auf die Feuer im Lager seines Vaters hinabgeblickt hatten.

Er hat meine Mutter getötet. Er hat allen erzählt, ich wäre tot. Er hat mich gehasst. Er hat sich meiner geschämt. Was hätte ich ihm schon sagen können?

Die Luft zischte und zuckte um Marith herum. Dunklere, kältere Luft. Der Klang der Wellen, die am Ufer weiter unten gegen die Steine prallten. Sein Herzschlag, dem Flügelschlag eines Vogels gleich oder dem Donnern von Pferdehufen.

»Bringt die Leiche hinunter nach Toreth«, befahl er den Soldaten. »Legt sie in Honig. Wir bringen sie zurück nach Malth Elelane, um sie dort mit allen Ehren zu begraben.« Malth Elelane, der Turm der Freude und der Verzweiflung, der Sitz der Altrersyr-Könige. Zuhause. Meines Vaters Grab, dachte er, und das Grab seines Vaters … bis zurück zu Altrersys und Serelethe, der Mutter Amraths. Der Mutter eines Gottes. Mit der alles begann. Die mich zu dem hier verdammt hat. Drachengeborener. Dämonengleicher. Der Blutlinie der Altrersyr, in deren Name schon Schmerz und Hass mitschwingen.

Die Luft zischte und zuckte um ihn herum. Das Antlitz seines toten Vaters. Fliegen krabbelten über seine leicht geöffneten Lippen.

»Marith«, hatte sein Vater ausgerufen, während sein Sohn ihn tötete. Daran erinnerte er sich. Als er mit dem Schwert wieder und wieder und wieder auf seinen Vater eingeschlagen, ihn zertrümmert, zerschmettert, in tausend Stücke zerbrochen hatte, hatte dieser im Sterben seinen Namen geschrien. »Marith. Bitte.«

Kannst du nicht mit ihm reden? Töten und noch mehr töten. Sein Schwert so hell. Der Zusammenprall von Bronze, seine Klinge auf der Rüstung seines Vaters; sein Vater hatte versucht, ihn abzuwehren, ihn zurückzudrängen, und sie hatten aufeinander eingehackt, waren einander so nah gewesen, Schlag um Schlag, Bronze auf Bronze. »Marith. Marith«, hatte sein Vater gerufen. Und er hatte so heftig auf seinen Vater eingeschlagen, hatte gespürt, wie der Körper seines Vaters unter seinem Schwert zerbrach, Fleisch, Fett und Knochen, hatte gesehen, wie der Leib seines Vaters rot und zerklüftet unter seinen Schlägen aufklaffte. Hatte ihn zerfetzt. Ihm Schmerzen zugefügt. Ihn ausgelöscht. Blut und Blut und Blut.

Sieh mich an, Vater! Ich bin König!

Er muss mich gehasst haben, dachte Marith.

Dann wandte er sich von der Leiche ab. Die Soldaten hoben sie unbeholfen auf, in Einzelteilen, die herunterfielen, herumwackelten; der Kopf sackte nach hinten, getrocknetes schwarzes Blut klebte an der Kehle. Lauf nicht weg, dachte er, nicht vor den Soldaten, vor meinen Soldaten, lauf bloß nicht weg. Da, in der verbrannten Erde vor ihm inmitten eines Haufens herabgestürzter Steine, unter dem Ruß mit Farbe befleckt, die Schnitzarbeit noch deutlich zu erkennen, die glatte Rundung polierten Steins: der Kopf der Amrath-Statue aus der Kapelle, perfekt und unversehrt, sauber am Hals abgetrennt.

Lauf nicht weg, dachte er. Nicht vor den Soldaten. Meinen Soldaten. Lauf bloß nicht weg.

Er ging zurück zu seinem Pferd, verharrte, sah sich um, lief über den zerstörten Boden in Richtung Norden zum Rand der Klippe und zum Meer. Dort auf der Landzunge war der Boden unangetastet, das Gras wuchs noch, lilafarbenes Heidekraut, die letzten gelben Blüten des Ginsters, die Blütenblätter zackig und braun nach dem kürzlichen Schneefall. Die Leiche eines Mannes, der den Dolch noch mit der erhobenen Hand umklammerte. Die Leiche eines Kindes, das mit offenen Augen gen Himmel blickte. Ein Hügel aus dunkler Erde, darauf ein mit dem simplen Abbild eines Pferdes verzierter Stein.

Carins Grab. Es hatte die Schlacht gesehen, hatte gesehen, wie Carins Mörder triumphierend und siegreich durch Blut schritt, wie Carins Familie und Carins Heim zerstört wurden.

»Es tut mir leid.« An seinem Gürtel hing eine Flasche Wein; Marith goss ein Trankopfer über den Grabstein. »Du … vielleicht hast du das verdient, Carin. Dass du nicht mit ansehen musstest, was ich getan habe.«

Der Stein erwiderte nichts. Aber sie hatten auch nie über das geredet, was er war. Marith rieb sich die Augen. Hier war alles vollbracht. Alles, was ihm hier etwas bedeutet hatte, war tot und verloren. Er stieg auf sein Pferd und ritt über die golden gepflasterte Straße nach Toreth. Die Soldaten folgten ihm; auf einer Trage führten sie die Leiche seines Vaters mit sich, der weiterhin erstaunt in den grauen Himmel starrte. Die Luft zischte und zuckte. Auf dem Meer huschten Wolkenschatten vorbei. Die See war kalt wie Eisen, und auf dem Wasser tanzte kein Licht. An den Stadttoren wurde er mit Jubel begrüßt.

»König Marith! Ansikanderakesis Amrakane! Tod! Tod! Tod!«

Ein einzelner Sonnenstrahl brach durch die Wolken und fiel genau auf Mariths silberne Krone.

3

König? Er trug eine Krone, Männer knieten zu seinen Füßen, er war der erstgeborene Erbe der Weißen Inseln, und sein Vater, der letzte König, war tot. Aber das Haus des Königs lag weit entfernt auf einer anderen Insel, sein jüngerer Bruder saß an seiner statt auf dem Thron der Altrersyr, die Männer der Weißen Inseln hielten ihn für tot. Er war König einer einzelnen Stadt, eines Fischerhafens, und sein Königssitz war das Haus eines Fischhändlers mit hohen, schmalen Zimmern und abgenutzten Fußböden. Was für ein glorreicher Ort, um das zu beanspruchen, was ihm zustand.

Vielleicht war es dumm gewesen, die eine Festung, die er besaß, dem Erdboden gleichzumachen, ging es ihm durch den Kopf. Die Welt zu verbrennen und auf die Asche zu pissen, um dann in einem unbequemen alten Bett neben Schimmelflecken an den Wänden zu schlafen. Ein wahrer Triumph.

Neben der Haustür hingen vom Meer glatt gespülte Steine und Vogelfedern an Lederschnüren. Sie klapperten, wenn man vorbeiging. Der Besitzer des Hauses, der zukünftige Lord Fischverkäufer, der reichste Heringshändler in Toreth, kniete neben allen anderen, als Marith hereinkam. Sein Haar war fettig, er hatte Kopfschuppen auf den Schultern, und Marith bildete sich ein, unter dem Parfüm Fischgeruch wahrzunehmen. Aber er hatte ihm sein Haus nur zu gern überlassen, nahezu begeistert, und über das ganze Gesicht gestrahlt, weil sich der blutgetränkte Junge in sein unbequemes altes Bett legen wollte. Das war gewiss die größte Ehre, die einem Mann jemals zuteilwerden konnte.

Lord Fischverkäufer sah nervös aus. »Mein König«, setzte er zaghaft an. Ich werde wohl seinen Namen herausfinden müssen, dachte Marith. »Mein König …«

Thalia kam die Treppe herunter. Das Sonnenlicht fiel durch ein Fenster auf ihr Gesicht. Sie trug ein mit rosafarbenen und grünen Blumen besticktes weißes Kleid: Im goldenen Licht und mit der braunen Haut und dem schwarzen Haar erinnerte sie ihn an einen blühenden Maibaum. Marith schloss die Augen. Schlug sie wieder auf. So hell. Das Sonnenlicht schien gleißend hell auf sie, und ihr Gesicht leuchtete förmlich.

Sie hatte ihren Umhang dabei.

Einen langen Augenblick sah sie ihn an und schien etwas sagen zu wollen.

Sie wird mich verlassen, dachte er.

Ich habe dafür gesorgt, dass sie mich gefahrlos verlassen kann. Und jetzt wird sie gehen. Die Erkenntnis traf ihn schwer: Sie ist nicht freiwillig mit mir hierhergekommen. Ich habe sie vor einem gewalttätigen Fremden gerettet; sie hat mich als Gefangene herbegleitet; sie war mit mir in einer belagerten Festung eingeschlossen. Und jetzt, wo ich die Belagerung durchbrochen habe, wendet sie mir den Rücken zu und geht.

Sie ist zu gut für mich, dachte er. Elternmörder. Widerling. König des Todes.

Lord Fischverkäufer wieselte neben ihm herum. »Mein König …«

Eine Wolke verdeckte die Sonne. Das Licht verblasste. Thalias blaue Augen wirkten dunkel und vorsichtig. Sie sagte nichts. Im Schatten sah sie aus wie der Stein auf Carins Grab.

»Thalia?«, fragte Marith.

Sie sah ihn an. Sehr lange Zeit schien sie ihn einfach nur anzusehen.

»Marith.« Sie wirkte verunsichert. Ich … ich verstehe das nicht, ging es ihm durch den Kopf. Sieh doch, was ich für dich getan habe. All das, Thalia, all das habe ich nur für dich getan. Damit du bekommst, was du verdienst. Damit du Königin wirst.

Sie war die Hohepriesterin des Herrn über die Lebenden und die Sterbenden, des Großen Tanis, der über Alles herrscht, des Einen Gottes des Sekemleth-Reiches der Asekemlene-Kaiser der Ewigen Goldenen Stadt Sorlost. Sie, die den Sterbenden den Tod bringt und das Leben zu jenen, die darauf warten, geboren zu werden.

Sie wusste, dass er log, wenn er glaubte, er hätte auch nur irgendetwas davon für sie getan.

»Thalia«, sagte er abermals. »Geh nicht. Bitte. Ich liebe dich.«

Sie kniff die Augen zusammen. Streckte die Hand aus.

»Bitte bleib«, fügte er hinzu.

Da lächelte sie. »Vorerst«, sagte sie. »Weil du mich so freundlich bittest.«

Das war keine befriedigende Antwort. Dennoch machte sein Herz einen Sprung.

 

Es gab viel zu tun, er musste sich an die zerlumpten Soldaten seiner Armee wenden und einen Plan schmieden. Nun gut, Marith, du bist König einer Stadt auf einer Insel, hast eine Armee aus Fischern und Dienstmädchen, ein geborgtes Pferd und ein geliehenes Schwert. Dein Vater hat seine Schiffe einen Tagesmarsch westlich von hier bei Escral zurückgelassen, und möglicherweise sind bereits weitere seiner Männer hierher unterwegs. Ja, zugegeben, du kannst einen Turm einstürzen lassen. Was für eine Machtdemonstration, mit Mörtel zusammengefügte Steine zu zerstören und einen Ort des Friedens zu vernichten! Aber kannst du auch gegen Krieger in einer Schlacht bestehen? Säuglinge hast du getötet, Marith. Frauen. Alte Männer. Was vermagst du wirklich zu vollbringen?

Die Gedanken hämmerten auf ihn ein. Wieder einmal wie donnernde Pferdehufe. Schlagende Flügel. Seine Augen juckten schrecklich. Er starrte die Wände an und versuchte, etwas zu erkennen. Thalia saß ihm schweigend gegenüber. In einem Raum, der nach Schimmel roch und in dem ein unbequemes Bett stand. All das nur für dich!

Ich wollte dich nach Ith bringen, dachte er. An den Hof meines Onkels, um dich zur Prinzessin zu machen, dich mit Gold und Diamanten zu schmücken, wir hätten unsere Tage damit verbringen können, durch die Wälder zu reiten, Seite an Seite lesend vor einem warmen Feuer zu sitzen, zu reden, zu tanzen, zu trinken, zu vögeln und den lieben langen Tag gar nichts zu machen. Dieser Traum ist vorbei. Und was habe ich stattdessen?

Wieder hatte er das Gefühl, sie wollte etwas sagen.

Unruhe draußen auf dem Korridor. Ein Klopfen an der Tür, dringlich, fordernd. Fast schon eine Erleichterung, dass jemand kam und die Anspannung brach, dass etwas geschah, dass er etwas zu tun bekam. Lord Fischhändler, ich muss unbedingt seinen Namen herausbekommen, dachte Marith, Lord Fischhändler an der Tür mit einer Nachricht: Einer der Lords von Terz war eingetroffen, Lord Fiolt, zusammen mit dreißig bewaffneten Männern. Angeblich wollte er seinem König seine Aufwartung machen. Er sei ein besonderer Freund des Königs.

Ah ja. Thalia blickte verwirrt auf. Carin Relast war mein einziger Freund, hatte er ihr einmal erzählt, mein einziger Freund, und er ist tot.

Marith erhob sich. »Osen Fiolt? Ich werde ihn in der Hauptkammer empfangen. Lasst uns Wein bringen.« Er versuchte, den Blick von Thalia abzuwenden. »Ich werde allein mit ihm sprechen.«

Sie runzelte die Stirn. Schien nachzudenken.

»Ich muss mir seiner sicher sein, bevor ich etwas riskiere«, fügte Marith hinzu. Auch jetzt war ihm bewusst, dass sie seine Lüge durchschaut hatte.

Sie nickte. Alles war so zerstückelt und angestrengt. Vielleicht hätte sie ihn verlassen sollen. Er hätte ihr einen Beutel Gold und ein Pferd gegeben und sie ihres Weges ziehen lassen.

Nun ging er die Treppe hinunter, um den Mann zu empfangen, der sich als seinen Freund bezeichnete.

 

Osen Fiolt war ein junger Mann, nur wenig älter als Marith. Dunkles Haar, dunkle Augen, schneidig und mit gewitzter Miene. Er kniete sich vor Marith und reichte ihm sein Schwert mit dem Knauf voran. Dabei war er so klug, die einfach gefertigten Holzstühle, die verputzten Wände, den Zinnkrug und die Tonbecher zu übersehen.

»Euch gehören meine Treue und mein Leben, mein König«, sagte Osen. »Gebietet über mein Schwert.«

Osens Tonfall, halb ängstlich, halb spöttisch, Marith Altrersyr, gekrönter »König«.

»Euer Leben und Eure Treue. Euer Schwert.« Marith hob den Blick zur Decke. Dort prangte ein Fleck, wo es während der Winterstürme hereingeregnet hatte. Der besondere Freund des Königs. »Und doch wart Ihr nicht hier, als mein Vater Malth Salene belagert hat, Lord Fiolt. Eintausend Männer, sieben Bliden und ein Magierfürst, und Ihr seid mir nicht zu Hilfe geeilt. Dann soll ich Euch jetzt nicht töten? Weil Ihr mich im Stich gelassen habt? Weil Ihr mich nicht unterstützt habt? Wo war Euer Schwert da? Eure Treue? Euer Leben?«

Osen erbleichte. »Ich … Marith … mein König … Marith …« Er blinzelte und verkrampfte die Hände am Schwert. Wenn er nicht aufpasste, würde er sich gleich schneiden. »Ich …« Sämtlicher Spott war aus seiner Stimme verschwunden. Marith Altrersyr, gekrönter König.

Männerstimmen drangen durch das Fenster herein, Soldaten, denen der jämmerliche Anschein von Ordnung eingetrichtert worden war. Amraths Armee. Mariths Armee. Mariths treue, geliebte Männer. Osen blickte zu Marith auf, und Marith konnte erkennen, was in dem Mann vorging.

»Ich bin der Lord von Malth Calien«, gab Osen zögernd zu bedenken. »Ich bin Malth Elelane, dem Thron der Weißen Inseln, verpflichtet und Vasall des Königs. Ich habe Eurem Vater einen Eid geschworen. War ich nicht daran gebunden, solange er lebte? Ohne Treue bricht Chaos aus. Wem gebührt denn die Treue eines Mannes, wenn nicht vor allem seinem König?«

Ich schätze, wir waren einst Freunde, dachte Marith. Ich habe Carin getötet. Ich habe meinen Vater getötet. Vermutlich werde ich einige Freunde brauchen. Er sah auf Osen herab. Versuchte sich an einem Lächeln. Früher einmal hatte er mit Osen und Carin an einem Tisch gesessen, geredet und gelacht, immer mit Osens halb liebevollem, halb spöttisch-neidischem Blick auf sich. »Ich vertraue ihm nicht«, hatte Carin häufig gesagt.

»Soweit ich mich erinnern kann, hatten wir beschlossen, dass das vom König abhängt.«

Osens Lippen umspielte ein zaghaftes Lächeln. »Und von allem anderen.« Eine kurze Pause. »Aber wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sind wir zu keinem endgültigen Schluss gekommen und mussten die Diskussion abbrechen, weil Euch übel wurde.«

Junge Männer, die zusammen tranken. Die bei auf der Tischplatte verschüttetem Wein Pläne schmiedeten und träumten. »Ich werde noch einige andere Lords an meiner Seite brauchen, wenn ich König bin«, hatte Marith zu Carin gesagt. »Irlast ist ziemlich groß für uns beide allein.«

Er sah Osen in die Augen. Die Anspannung verschwand.

Freunde.

Marith nahm das angebotene Schwert entgegen. »In der Tat. Nun gut, Lord Fiolt, ich nehme Eure Treue, Euer Leben und Euer Schwert an.« Er lachte. »Trinken wir auf den Umstand, dass ich noch am Leben bin?«

Osen schob sein Schwert in die Scheide und lachte ebenfalls. »So, wie ich auf Euren Tod getrunken habe?«

»Ihr habt auf meinen Tod getrunken?«

»Ich musste meinen Kummer ertränken. Das hättet Ihr doch so gewollt, oder nicht?«

Nun grinsten sie einander an und setzten sich ans Feuer. Marith schenkte ihnen beiden Wein ein. »Das ist natürlich ein widerwärtiges Gesöff. Fast schon Essig. Aber abgesehen davon gibt es nur Ziegenmilch … Bald werden wir in Malth Elelane sein, und dann können wir richtig feiern.«

Osen sah sich im Zimmer um. Die einfachen Möbelstücke, die schlichten Wandbehänge, die hässliche Bronzelampe. »Wir können schon früher feiern, und zwar in Malth Calien. Meine Treue, mein Leben, mein Schwert und der gesamte Inhalt meiner Weinkeller gehören Euch.« Er hob seinen Becher. »König Marith. Möge sein Schwert niemals stumpf werden, die Welt vor ihm erzittern und stets Wein in seinem Becher sein. Möge meine Klinge stets scharf sein und mein Lebensblut für ihn vergossen werden.«

»Und Eure Keller enthalten bessere Tropfen als diese Brühe?«

»Das kann ich Euch guten Gewissens versichern. Wenn wir heute losreiten, könnt Ihr morgen Abend am Feuer Hippocras trinken.«

Er hatte hier Freunde. Selbstverständlich hatte er hier Freunde. Immerhin hatte er hier gelebt. Freunde, Geliebte, Saufkumpane und Menschen, die ihn seit seiner Geburt kannten. Eine ganze Welt.

4

So marschierten sie im blassen Licht der Nachmittagssonne aus Toreth hinaus; eine lange, schmale Kolonne aus gerüsteten Männern mit ihrem König und ihrer Königin an der Spitze. Marith hielt eine Rede, lobte den Mut der Soldaten und bezeichnete sie als die Ersten, die Wahrhaftigsten seines Heeres, als die Armee Amraths, die die Welt blenden würde. Die Soldaten hämmerten mit den Schwertern gegen ihre Schilde und jubelten ihm zu. »König Marith! Amrath ist zu uns zurückgekehrt! König Marith! Tod! Tod! Tod!« Die Stadtbevölkerung ließ ihn nur ungern ziehen, diesen leuchtenden neuen jungen König, der vor ihren Mauern gekrönt worden war.

Das Marschieren und Reiten, das Knarzen und Klappern der Rüstungen, die grummelnden Männerstimmen und das Dröhnen der Stiefel waren Thalia inzwischen vertraut. Es war alles, was sie wirklich von dieser Welt der Männer kannte. Sie fand einen gewissen Trost darin, wie sie da ins Licht und in den Wind ritten. Mariths Miene wirkte heiterer, friedlicher, seine Augen glänzten, wenn er den Blick über das unebene Land und den gewaltigen Himmel schweifen ließ. Die Trage mit der Leiche seines Vaters folgte ihnen, und die Pferde, an denen sie befestigt war, schritten unruhig dahin und ruckten mit den Köpfen.

Sie drehte sich zu den Soldaten um. Die Überlebenden der beiden Schlachten gegen König Illyn, die gekämpft hatten, damit Marith König werden konnte. Diese Männer hatten in ihren Augen denselben Stellenwert wie die Priesterinnen in ihrem Tempel. Sie taten, was Marith verlangte, so wie die Priesterinnen dem Gott dienten und die Einwohner der Stadt freiwillig für den Gott durch ihr Messer starben. Leben und Tod waren im Gleichgewicht. Wer sterben musste, starb, wer Leben brauchte, wurde geboren. Sie berührte die Narben an ihrem linken Arm, wo sie sich nach jedem Opfer geschnitten hatte. Die wunde, schorfige Haut war niemals ganz geheilt.

Als sie die Männer musterte, glaubte sie für einen Moment, ein vertrautes Gesicht zu entdecken. Tobias, dachte sie. Tobias ist hier. Ich glaubte auch gestern Abend, ihn gesehen zu haben, nicht wahr? Sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, konnte sie ihn nicht mehr wiederfinden. Marschierende Männer in Rüstungen mit Helmen auf den Köpfen, die ihre Augen halb verbargen. Tobias hält sich gewiss auf der anderen Seite von Irlast auf, sagte sie sich, und verprasst das Geld, das er für den Verrat an uns erhalten hat. Die Männer veränderten die Formation, als die Straße im Tal breiter wurde, und ja, unter ihnen befand sich ein Mann, der Tobias ähnelte, aber eindeutig nicht er war.

»Sieh nur.« Marith deutete nach vorn. »Die Wälder, durch die wir geritten sind.« Leuchtend rote Blätter hingen an den Ästen der Birken, aber der Schnee hatte die anderen Bäume bereits ihres Laubes beraubt.

Thalia lächelte, als sie sich daran erinnerte. Sie waren eine Weile durch den Wald geschlendert. Die Hufe ihrer Pferde hatten auf dem weichen, angenehmen Boden in den Blättern und der Buchenmast ein wundervolles Geräusch erzeugt. Thalia sah einen Hasen, dessen weiße Blume aufblitzte, als er vor den Soldaten weglief, und Eichhörnchen in den Bäumen. Saatkrähen krächzten über ihren Köpfen.

»Ich mag Wälder«, sagte sie zu Marith. »Dieser Ort gefällt mir sehr.«

Wie er es auch bei ihrem Ritt durch den Wald getan hatte, ließ er sein Pferd zu einer in voller Pracht strahlenden Birke traben und brachte einen Armvoll kupferfarbener Blätter mit zurück. Sie legte sie wie einen Blumenstrauß vor sich auf den Sattel. Kurz darauf durchquerten sie einen Fluss, der den Pferden bis an die Knie reichte. Das Wasser war so klar, dass man den glatten, sandigen Grund sehen konnte. Marith deutete auf eine Stelle etwas weiter das Ufer entlang, wo sich seinen Worten zufolge ein Otternest befand. Auf der anderen Flussseite standen gelbe Blumen und Unmengen brauner, mit weißem Flaum bedeckter Samenstände, die an ihrer Kleidung und dem Fell ihres Pferdes haften blieben.

»Dies ist ein guter Ort zum Angeln«, erklärte Marith.

Dann stieg das Land an, es gab keine Bäume mehr, und sie ritten über das Moor und durch den Wind. Thalias Haar flatterte hinter ihr her. Mariths abscheulicher, mit Blut bedeckter Umhang wehte wie eine Flagge durch die Luft. In den letzten Strahlen der Abendsonne leuchteten die Hügel golden im Licht und purpurn von den Heidekräutern, und zahlreiche Vögel sausten am Himmel herum. Das ist ebenfalls ein wunderschöner Ort, stellte Thalia fest. Sie folgten eine Zeit lang dem Ufer eines breiteren Stroms. An einer Stelle erzeugte das Wasser Geräusche, die an Musik erinnerten, als es über Steine floss.

Ich dachte, ich könnte hier mit ihm leben, ging es Thalia durch den Kopf. Jetzt weiß ich es nicht mehr … Warum habe ich ihn am Leben gelassen? Nicht nur wegen seiner Schönheit. Weil dieser Ort so wunderschön ist?

Sie verbrachten die Nacht in einer Unterkunft, die in einem Tal zwischen zwei steilen, kargen Berghängen errichtet worden war. Die Männer stellten die wenigen Zelte auf, die sie dabeihatten, oder schliefen in ihre Mäntel gewickelt halbwegs vor der Kälte geschützt am Feuer. Auch das kannte Thalia bereits. Der steinerne Gott am Eingang ließ sie erschaudern; sie bemerkte, wie einige der Männer mit dem Kopf darauf deuteten und kleine Opfergaben wie Kieselsteine, eine Münze oder eine Haarlocke darauf legten. Aber die Wesen, die auf der Straße der Toten wandelten, waren lautlos und furchtsam.

Eine Krone, dachte sie. Dafür? Nur dafür?

Ein Soldat kam angerannt, mit begeisterter Miene und einem toten, noch warmen Hasen als Geschenk. Sie hatten Verpflegung aus Toreth mitgenommen, Brot, Wein und Fleisch, aber Marith schenkte dem Mann ein Lächeln, bedankte sich und ordnete an, das Tier zuzubereiten. Das Fell kannst du behalten, erklärte er fröhlich. Mach dir ein Paar schöne Handschuhe daraus. Du wirst sie beim bevorstehenden Feldzug brauchen. Man friert leicht, wenn man des Nachts das Zelt des Königs bewachen muss. Das Zelt des Königs bewachen?, wiederholte der Mann atemlos und strahlte. Oh, ich finde, das hast du dir verdient, oder nicht? Der Mann betrachtete Marith voller Liebe. Wie heißt du? Tal? Ein guter Name. Fängst du gleich heute Abend an?

Nach und nach verfallen sie ihm alle, erkannte Thalia. Mariths Gesicht schien zu leuchten, wenn er mit ihnen sprach, und er genoss es, wie sie sich vor ihm verbeugten, ihn verzückt anblickten, ihren Geliebten; schon jetzt schien er für sie unantastbar zu sein, König Marith, Großer Amrath, Ansikanderakesis Amrakane. Sie erinnerte sich daran, wie man ihm in Malth Salene als König gehuldigt, geklatscht und seinen Namen skandiert hatte. Die Einwohner von Toreth hatten ihn mit Blumen beworfen und seinen Einzug durch die Tore bejubelt, obwohl von seinem Schwert noch das Blut seines Vaters getropft war. Noch vor wenigen Monaten hatten ihn alle für tot gehalten, aber jetzt folgten sie ihm, als würden sie es schon seit Jahren tun. Als wäre das alles ganz natürlich.

Man richtete ihnen ein Bett aus Decken auf den harten Steinbänken im Haus her. Draußen waren die Soldaten zugange, unterhielten sich, sangen, kochten. Tal servierte ihnen stolz den Hasen, den er auf seiner Klinge gebraten hatte. Marith und Osen Fiolt zupften das Fleisch von den Knochen und leckten sich lachend die fettigen Finger.

»Besser, als auf dem Boden zu schlafen«, erklärte Marith fröhlich. »Und es ist nur für eine Nacht.« Er wäre weitergeritten, vermutete sie, hätte seinen Trupp durch die Dunkelheit geführt, doch ihm war ihre Müdigkeit nicht entgangen. »Sobald wir in Malth Calien sind, wird sich einiges verändern.«

Falls du die Festung nicht ebenfalls niederbrennst, schoss es Thalia durch den Kopf. Der Schatten des Gottessteins ragte im Feuerschein auf, als würde er brennen. Das Feuer loderte heller, und die Flammen flackerten über das dünne Silberband von Mariths Krone. Osen und Marith reichten lachend einen Weinschlauch hin und her. Sie schürten das Feuer, sodass die Funken aufstoben. Draußen konnte Thalia die Männer reden, die Pferde aufstampfen, das Klappern von Metall hören. Aus weiter Ferne hallte der Schrei eines Tieres zu ihnen herüber: Sie zuckte furchtsam zusammen und hörte die Männer lachen. Diese Dunkelheit wirkte lebendig und voller Leben. Am Fuß des Gottessteins glitzerte frisches Blut auf einem Häufchen aus Eingeweiden. Rasch wandte sie den Blick ab und sah durch die Tür nach draußen. So viele Sterne.

»Machen wir noch einen Weinschlauch auf?«, fragte Marith hinter ihr Osen.

»Das Zeug schmeckt wie Ziegenpisse«, erwiderte Osen. »Und Ihr braucht Schlaf, mein König. Hebt Euch das für morgen Abend auf.«

»Ach, wie langweilig. Aber so sei es.« Marith goss die letzten Tropfen ins Feuer, woraufhin beißender schwarzer Rauch emporstieg.

»He!«, brüllte Osen lachend. »Was …«

»Ich wusste nicht, dass noch so viel drin ist«, rechtfertigte sich Marith. Seine Augen tränten. Er stocherte mit einem Stock im Feuer herum, damit es wieder heller brannte. »Entschuldigung«, sagte er zu allen und niemandem. Tal trat herbei, um sich ums Feuer zu kümmern.

Gestern hat er noch Krieg geführt und seinen Vater getötet, dachte Thalia.

 

Am nächsten Tag wurde das Land wilder, graue Felsen ragten aus der Erde, derbes Gras, ein rauer Wind. Der Berg Calen Mon war im Süden zu sehen. Sein Gipfel leuchtete golden in der blassen Morgensonne. Sie marschierten schnell, begegneten niemandem und folgten der alten geraden Straße der Toten über das Moor. Keine Menschen. Wo sind die Menschen?, fragte sich Thalia. Dieses Land war leerer als die Wüste. Ein leeres Land und ein leerer König. Hinter ihnen wurde die Trage mit der Leiche des alten Königs, Mariths Vater, auf einem Karren transportiert, und man hatte das Fass mit der Leiche mit einem roten Tuch abgedeckt. Ein totes Land und ein toter König. Sie konnte es sehen, obwohl sie seiner nicht ansichtig geworden war, das verwesende, von den Krähen zerhackte Gesicht im Fass, gerade noch zu erkennen im dickflüssigen schwarzgelben Honig, in dem die Leiche mit offenen Augen schwamm.

Habe ich ihn aus Mitleid am Leben gelassen?, fragte sie sich.

Gegen Mittag fing es an zu regnen; der feine graue Nieselregen benetzte Mariths Haar und den Dreck auf seinem Umhang. Regenwasser glitzerte auf den Rüstungen der Männer, ließ vor Thalias Augen alles verschwimmen und war widerwärtig und kalt. Der Berggipfel verschwand hinter den Wolken. Sie zogen weiter, und der Regen ließ nach; sie konnte in der Ferne sehen, wie er auf die Hügel herabfiel, als hätte sich dort ein großer dunkler Fleck ausgebreitet.

Gegen Abend erklommen sie einen Gebirgskamm. Unter ihnen funkelten Lichter in der Dämmerung, und Osen deutete mit einem Triumphschrei darauf. Die Straße fiel steil ab; vor ihnen lag im Schatten eines Hügels eine Stadt rund um einen von Matsch umgebenen Meeresarm. Das Wasser schimmerte silbrig und dunkel, und in der Ferne erhob sich eine Landmasse, bei der es sich um eine weitere Insel im Süden handeln musste. Auf einem trockenen Erdhügel in den Sümpfen ragten die hohen Mauern einer Feste empor.

»Malth Calien!«, rief Osen. »Der Turm des Adlers! Malth Calien! Ich lege es Euch zu Füßen, mein König!«

Eine weitere Stunde marschierten sie, dann hatten sie das Sumpfgebiet erreicht und mussten sich mit Bedacht auf dem schmalen Damm bewegen, der zum Turm führte. Der Weg bestand aus rutschigem Holz und war so schmal, dass nur zwei Mann nebeneinander Platz hatten. Auf beiden Seiten wuchs das Schilf schulterhoch und raschelte im Wind. Ein intensiver, feuchter Salzgeruch hing in der Luft. Abgesehen vom Flüstern des Schilfs, an dem man sich die Haut aufschnitt, wenn man es berührte, gab es nichts außer einem schweren, drückenden Schweigen. Mit einem Mal brach der Schrei von Gänsen die Stille, die wie ein weißer Schatten über sie hinwegflogen und einem Pfeil gleich in Richtung Meer strebten.

Der Damm führte über einen Bach, in dem es von Stelzvögeln wimmelte. Auch einige Männer bahnten sich mit Laternen in den Händen einen Weg an den Ufern entlang und stocherten mit langen Stäben im Schlamm.

»Wattwurmsammler«, erklärte Marith, der bemerkt hatte, wie Thalia die vor schwarzem Dreck starrenden, durchnässten Säcke auf den gebeugten Rücken der Männer neugierig betrachtete. »Messermuscheln. Meerfenchel. Köstlich.« Wattwürmer? Thalia drehte sich der Magen um.

Wieder folgte Röhricht, bis der Weg breiter wurde und anstieg. Sie erreichten trockenes Land auf einem runden Hügel, der sich aus dem Matsch erhob und weitaus größer war, als er aus der Ferne gewirkt hatte. Darauf thronte ein steinerner Turm, eine von spitzen Dornen gekrönte dunkle Palisade. Auf der anderen Seite ging der Hügel in flaches Sumpfland über, das ans Meer grenzte.

Sie ritten durch das Holztor. Eine Handvoll Männer jubelte ihnen zu und schlug mit den Schwertern gegen die Schilde. Vor den Toren des Hauptturms hielten sie an, wo sie von einer in Grün gekleideten Frau erwartet wurden, die einen mit Edelsteinen verzierten Becher in den blassen Händen hielt. Sie sank auf die Knie, als Marith vom Pferd stieg.

»Mein König. Seid willkommen.« Die Stimme der Frau klang zart und lieblich und erinnerte an das Zwitschern von Vögeln. Sie reichte Marith den Becher, der einen tiefen Schluck nahm und ihn dann Osen gab, damit dieser ebenfalls daraus trinken konnte. Ein Diener eilte herbei und half Thalia beim Absteigen. Nach dem Schlamm und der Leere der Sümpfe war der Kontrast überwältigend: die Frau, jung und rosig, ihr mit Silberfäden durchwirktes Kleid, Edelsteine an ihrem Hals; die Türen hinter ihr wurden zu einer mit bunten Wandteppichen verzierten Kammer geöffnet; Diener strömten heraus, deren Jacken in der kalten Luft noch die Wärme des Feuers abstrahlten. Osen nahm Thalias Arm und führte sie hinter Marith hinein, zuerst in einen Vorraum und dann ein größeres Gemach mit hohen, geschwungenen Deckenbalken und kleinen, schmalen Fenstern, um den wilden Sumpf fernzuhalten. Sie stand dankbar am Feuer, während die Männer sich vor Marith knieten und die Hand ihres Königs küssten. Danach ging es über eine Wendeltreppe weit hinauf in ein Schlafgemach mit hoher Decke. Es war schummrig und vom starken Geruch der Bienenwachskerzen durchdrungen, der Thalia erschaudern ließ. Durch die schmalen Fenster konnte sie den dunklen Himmel sehen.

Sie hatte damit gerechnet, dass sie sich nun schlafen legen würden, da sie nach dem langen Ritt völlig erschöpft war und sich ihr der Kopf drehte, aber eine Dienstmagd legte ihr ein blaues Samtkleid und für Marith Hemd, Beinkleider und eine Jacke heraus. Schon wurden sie zurück in die Hauptkammer gescheucht, wo ein Fest im Gange war. Die heiße, rauchige Luft roch nach Fleisch, Alkohol, Schweiß und Salzwasser, und ein riesiges Feuer ließ Schatten über die Wände und die fröhlichen Gesichter tanzen. Die Soldaten des Königs, die Männer aus Malth Calien, Lady Fiolt und ihre Damen, alle erhoben sich, senkten die Köpfe, als Marith eintrat, und jubelten ihm zu. Lady Fiolt drückte ihm lächelnd einen Becher in die Hand; sie trug nun ein scharlachrotes Kleid und rote Edelsteine im Haar und am Hals. Marith leerte den Becher und reichte ihn zurück.

»König Marith«, sagte Lady Fiolt.

5

Ich kann ihn nicht verlassen.

Kann ich es nicht? Werde ich es nicht? Möchte ich es nicht?

Wer weiß das schon?

Aber ist es nicht auch ein Vergnügen, von einem König geliebt zu werden?

6

Dunkelheit. Ein enger Gang, der sich wie eine Faust um sie schließt. Sehr lange Zeit hatte er weiter nach unten geführt und sich in die Erde gebohrt. Von Würmern durchlöchert. Eine Leichengrube. Sie spürte schon seit einer ganzen Weile, wie ihr beim Kriechen der Zorn und der Hass folgten. Die Erde dröhnte vom Klang fallender Steine. Die Welt brach zusammen.

Der Tunnel senkte sich noch weiter ab. Schluchzend kroch sie vorwärts und scheuerte sich am rauen Boden die Hände auf. Der Tod ihrer Familie war ihr ständiger Begleiter. Sie war so müde. So erschöpft. Ihre Trauer brach immer heftiger über sie herein. Trauer, Schuldgefühle und Wut. Nach und nach machte sich der Hunger bemerkbar. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon kroch. Stunden. Minuten. Tage. Ihr Mund war vor Durst völlig ausgetrocknet. Ihr Kopf schmerzte an den Stellen, an denen sie vom Magierfeuer getroffen worden war. Ihre Blase drohte zu platzen.

Der Tunnel wurde gerade und stieg dann an. Ein feuchter, frischer Geruch stieg ihr in die Nase. Geisterhaftes Licht tauchte vor ihr auf. Ein Geräusch. Langsam rückte sie weiter vor, konnte es kaum erwarten, hier herauszukommen, und fürchtete sich gleichzeitig vor dem, was sie dort erwartete. Verlass den Tunnel, entkomm dieser Bedrängnis. Bleib hier im Dunkeln, wo nichts echt ist. Dort draußen wurde alles in Asche verwandelt. Alle sind tot, und die Welt ist verbrannt. Ganz langsam erreichte sie das Tunnelende, das sich als Loch in den Klippen herausstellte und von heruntergefallenen Felsen verdeckt wurde. Das Meer brandete unter ihr an den Strand und ließ die Kieselsteine singen und seufzen. Das letzte Abendlicht, einige Sterne, die von einer aufsteigenden Wolke verschluckt wurden. Sie kroch keuchend ins Freie und atmete die Luft ein, die nach dem Meer roch. Am Leben! Die Trauer in ihr machte Gelächter Platz, denn sie hatte ihn geschlagen. Sie war am Leben!

Landra Relast, die älteste Tochter des Lords von Terz, die Verwandte der Altrersyr, der Calboriden und der Könige von Bakh, die Nachfahrin von Amrath, eine hohe edle Dame von den Weißen Inseln. Landra Relast, deren Bruder, Schwester, Mutter und Vater ermordet worden waren, deren Heim zerstört war, die mit angesehen hatte, wie Marith Altrersyr, der ihr versprochene Gatte, ihren ganzen Besitz in Asche verwandelte. Landra Relast, die als Einzige der Macht entronnen war, die er über sie hatte, dem Zauber, mit dem König Marith, der Amrath war, sie belegte, diese wahnsinnige, glorreiche Gier nach dem Morden und dem Tod. Landra Relast, die vor ihm geflohen war, hatte sich einen Weg durch die alten Geheimtunnel unter Malth Salene gebahnt, fort vom Bannfeuer, vom Magierfeuer und den Schwertschlägen und in die Sicherheit des einsamen Steinstrands.

Landra Relast, der nichts mehr geblieben war.

Sie pinkelte hinter einen Felsen, obwohl niemand hier war, der sie sehen konnte. Als sie sich die Hände und das Gesicht im Meer wusch, brannte das Salz schmerzhaft in ihren Wunden. Ihr Kleid war völlig zerrissen, und sie stank vermutlich nach Rauch. Was mit ihrem Haar und ihrer Kopfhaut geschehen war, wollte sie lieber gar nicht so genau wissen.

Es war sehr kalt. Der Wind war stärker geworden, und die Wellen donnerten auf die Kieselsteine. Dünner, bitterer Regen. Landra legte den Kopf in den Nacken und öffnete den Mund. Ihr ganzer Kopf tat weh.

Ein Stück voraus müsste ein Dorf liegen. Einen Marsch von etwa einer Stunde entfernt. Ihre Beine zitterten, da sie so hungrig war, und sie beschloss, langsamer zu gehen. Der Weg über den unebenen Boden fiel ihr schwer, ständig rutschten Steine unter ihren Füßen weg, und nach einer Weile zog sie die Schuhe aus in der Hoffnung, es würde leichter gehen, nur um sie kurz darauf wieder anzuziehen, weil ihr die Steine in die Haut schnitten. Es war so dunkel, das Meer toste beinahe unsichtbar neben ihr. Endlich vor ihr Lichter, die aus dem Dorf kommen mussten, das Ächzen, die Unterhaltungen und der Geruch von Menschen.

Landra ließ sich auf den Boden sinken und dachte nach.

Lady Landra Relast. Jemand würde sie erkennen. Alles andere wäre undenkbar. Selbst wenn man sie nicht erkannte, wäre anhand ihres feinen Kleides und der verbrannten Haut offensichtlich, woher sie kam. Es ließ sich nicht vorhersagen, wie die Dorfbewohner das Geschehen aufgenommen hatten oder auf welcher Seite sie standen.

Doch ihr blieb nichts anderes übrig.

Das erste Haus lag vollkommen dunkel da. Im nächsten brannte Licht, das in dünnen Linien durch die Ritzen der Fensterläden drang. Mehrere Steine an einem Band hingen am Türpfosten. Hühnergötter, die vor den Mächten der Dunkelheit schützen sollten. Ein gutes Omen. Landra klopfte an die Tür. Im Haus waren leise Stimmen zu hören, das Klappern von Metall, dann Schweigen, bis die Tür einen Spaltbreit geöffnet wurde. Ein Mann starrte heraus. Er hielt eine lange Eisenstange in der Hand.

»Ich bin unbewaffnet«, sagte Landra schnell und hob ihre weißen Damenhände, die ganz blutig, verbrannt und wundgescheuert waren. »Ich brauche … ich brauche Hilfe. Bitte. Einen Unterschlupf. Etwas zu essen. Ich kann dafür bezahlen.«

»Hilfe?« Helle Augen blickten sie ängstlich an. Er sah ihr verkohltes Haar und ihr verbranntes Gesicht und wollte die Tür schon wieder schließen.

Nicht wieder hinaus in die Nacht. In die Finsternis. Ihre Beine hätten beinahe nachgegeben. Sie war so hungrig. So durstig. So müde. Nicht wieder hinaus in die Nacht. »Bitte.« Fast hätte sie geschrien. »Bitte. Ich bin Landra Relast aus Malth Salene, Lord Relasts Tochter. Es gab eine Schlacht … Ihr wisst vermutlich davon. Bitte, ich flehe Euch an. Etwas zu essen und Wasser. Bitte.«

»Lord Relast ist tot«, sagte der Mann. »Sie sind alle tot. Malth Salene ist eine rauchende Ruine. Auch der König ist dort oben gestorben. Es gibt jetzt einen neuen jungen König.« Er musterte sie skeptisch. »Ja, Ihr seht aus wie er, wie der junge Lord, der im Frühling gestorben ist. Lord Carin, Lord Relasts Sohn.« Er blickte hinter sich ins Haus, murmelte etwas und öffnete dann die Tür. »Kommt besser herein, wer immer Ihr auch seid. Dies ist keine gute Nacht, um sich außerhalb von Steinmauern aufzuhalten.«

Das Haus war winzig, ein Zimmer zum Wohnen und Schlafen, der Boden unter dem Stroh aus festgetretener Erde, Fischernetze unter der Decke. Im Licht der Feuerstelle erkannte Landra, dass der Mann jung war, noch keine dreißig, mit hellem Haar und heller Haut. Eine Frau saß am Feuer, ebenfalls jung und mit dunklem Haar. In der Ecke war eine Wiege auszumachen, verziert mit dem Bild eines Hirsches.

Der Mann stellte die Eisenstange wieder neben die Feuerstelle. »Ich hole Euch etwas Warmes zu essen. Ist noch etwas vom Eintopf übrig, Hana?«

Die Frau nickte. Sie stand auf und half ihrem Mann, einen Becher Wasser, eine Schüssel mit Fischeintopf und etwas Brot zu holen. Landra aß und verzog ob des salzigen Geschmacks das Gesicht. Die Hand, mit der sie den Löffel hielt, zitterte vor Erschöpfung. Die Geräusche von Wind und Wellen drangen laut durch die Fenster herein und übertönten das Knistern des Feuers und den sanften Atem des schlafenden Kindes. Der Mann und die Frau beobachteten sie mit Furcht in den Augen.

»Mein Name ist Ben«, sagte der Mann schließlich. »Das ist meine Frau Hana. Mein Sohn Saem. Sie sagt, sie wäre Lord Relasts Tochter Lady Landra.«

Hana versteifte sich und nickte, bevor sie Landra einen mitfühlenden Blick zuwarf. »Es tut mir sehr leid.«

»Dann habt ihr den Kampf gesehen?«

Ben schüttelte den Kopf. »Wir sahen das Licht am Himmel, als es brannte. Männer aus dem Moor zogen mit Schwertern hinauf.«

»Einige Männer aus dem Dorf gingen hin, um es sich anzusehen«, berichtete Hana. »Fünf waren es, die aufbrachen. Zwei kamen zurück. Sie sagten, die anderen drei … die anderen drei würden nicht wiederkommen.« Ängstliche Augen. Nach mehrmaligem Blinzeln schaute sie weg.

»Wir richten Euch ein Bett her«, sagte Ben. »Morgen früh rufen wie die Heilerin Alli, damit sie Euch untersucht.«

Trauer, Schuldgefühle und Wut. Sie würde nicht schlafen können, da ihr Herz von Würmern zerfressen wurde. Das Bett bestand aus Heidekräutern, über die eine Wolldecke gelegt wurde, in der es von Flöhen vermutlich nur so wimmelte. Obwohl es kratzte und nach Fisch stank, schlief sie augenblicklich ein.

 

Schlagartig wurde sie wach. Grau machte sich die Morgendämmerung bemerkbar; die ersten Lichtstrahlen stahlen sich zwischen den Fensterläden hindurch, und der Klang des Meeres schien sehr laut zu sein. Sie wusste zuerst nicht, wo sie war: ein fremder Raum, die Atemgeräusche anderer, Feuchtigkeit in der Luft. Erdgeruch stieg vom Boden auf. Auf einmal kreischten draußen Möwen wild, laut und schmerzerfüllt. Und noch etwas anderes. Landra setzte sich auf und sah sich panisch um. Ein Brüllen, das an Lachen erinnerte und langsam verhallte. Das Kind wimmerte im Schlaf, der Mann und die Frau regten sich unruhig. Danach war es wieder still.

Der rhythmische Klang des Meeres, der Vögel und der Welt, die mit zunehmender Helligkeit erwachte. Im Haus regte sich bereits etwas, Hana bereitete Haferbrei zu, das Kind fing direkt nach dem Aufwachen an zu singen und vergoss seinen Becher verwässerte Milch über seine Kleidung. Ben setzte sich mit einem Krug Dünnbier an den Tisch, um seine Netze zu flicken. Besorgt euch das alles nicht?, fragte sich Landra, während sie die Familie beobachtete. Dass der König tot ist? Dass mein Vater gestorben ist? Dass sich die Welt verändert?

Kurz vor Mittag kam ein Mann aus dem Dorf vorbei. Ben bat Landra, sich auf dem Zwischenboden, auf dem sie ihre Vorräte aufbewahrten, zu verstecken, solange er da war. Der Besucher, Ben und Hana unterhielten sich so leise, dass Landra kein Wort verstehen konnte. Aber als es wieder sicher war, sagten sie ihr Bescheid, und sie konnte sofort erkennen, dass die beiden besorgt waren. Der König sei tot, bestätigten sie ihr. Sein Sohn wäre nun an seiner statt König. Marith, der den Gerüchten zufolge tot war. Man kannte ihn auf Terz, diesen Prinz Marith, der häufig zu Besuch kam, ein Freund der Relasts war; er wäre ein König, dem sie ein Gesicht zuordnen konnten, während sein Vater Illyn ein Fremder gewesen war. Fast schon ein Feind gar, der alte König Illyn: Die Muraden, Königin Elaynes Verwandte, waren auf Terz nicht beliebt, da sie seit Langem zu Lord Relasts Erzfeinden zählten. Die Kämpfe waren bis auf Weiteres vorüber. Das war für Ben das Wichtigste, dass es sich auf Malth Salene beschränkt und sich nicht auf seine kleine Ecke der Welt ausgewirkt hatte.

Aber besorgt waren sie. Mit ernsten Mienen und Angst in den Augen sprachen sie darüber. Doch nach und nach dämmerte es Landra, dass sich die Welt für diese beiden nicht verändert hatte.

 

Sie wollten sie keine weitere Nacht bei sich aufnehmen. Es sei zu gefährlich, sagte Ben traurig und beschämt und konnte Landra dabei nicht ansehen, sondern beobachtete seinen Sohn, der mit Steinen spielte. Wenn die Männer des Königs kämen …

»Ich bin unwichtig«, versicherte ihm Landra, »völlig unwichtig. Die Relasts sind alle tot.«

Ben zuckte die Achseln. »Es ziehen bereits Reiter über die Straßen, rufen den neuen König aus und werben Soldaten an. Wir dürfen kein Risiko eingehen.« Er war jung und kräftig genug, um Soldat zu werden, erkannte Landra da. Jede Gefahr, und mochte sie auch noch so fern oder klein sein, jede Stimme, die eine Fremde in seinem Haus erwähnte, die Erwähnung seines Namens gegenüber anderen, all das musste vermieden werden.

»Wir lassen Eure Verletzungen versorgen«, versprach Hana, »aber danach müsst Ihr gehen.« Sie betrachtete ihr Kind. Landra hörte in ihrer Stimme sowohl Güte als auch eine Drohung mitschwingen.

Die Heilerin Alli war die weise Frau des Dorfes, die Hexe, mit Knochenanhängern am Hals, Hühnergöttern aufgereiht über den Brüsten, dem Grün von Blättersaft auf der Haut. Ein sanftes Gesicht. Gütige, nachdenkliche Augen. Sie strich eine fettige Salbe auf Landras Wunden, die fleischig, fischig und bitter roch, brannte und sich wie die Spur einer Schnecke über ihre Arme zog. Aber Landra musste auch zugeben, dass sie den Schmerz ein wenig linderte. Danach sahen die roten Wunden etwas besser aus. Zu guter Letzt bewegte die Frau einen Zweig der grünen Sumpfhaselnuss über Landras Kopfhaut und murmelte dabei Gebete und heilende Worte. Toth, das ist die Kälte des Wassers. Ran, das ist der Frieden des Abends. Palle, das ist das Schimmern der ruhigen See. Danach zerbrach sie den Zweig und gab Landra eine Hälfte. Die andere nahm Alli mit, um sie in die Wellen zu werfen. »Pass gut darauf auf«, ermahnte sie Landra. »Bewahre den Zweig, dann wird deine Haut besser heilen.«

Hana gab Landra ein Stück Stoff, das sie sich um den Kopf wickeln konnte, damit sie wie eine alte, schüchterne Witwe aussah. Zudem bekam sie ein Kleid, das jedoch an Brust und Hüfte viel zu eng war. Die stämmige Lady Landra mit dem unscheinbaren Gesicht. Hübsch war sie nie gewesen, ebenso wenig stolz auf ihr Aussehen, doch sie hatte sich nie darum geschert. Eine bedeutende Dame, dafür geschult, einen großen Haushalt zu führen und die Söhne eines Lords oder Königs großzuziehen. Eine halb kahle Bettlerin ohne Heim und Namen.

»Was werdet Ihr jetzt tun?«, wollte Ben wissen. »Wohin wollt Ihr gehen?« Offensichtlich wollte er sie zum Aufbruch ermutigen. Oder er fürchtete, sie könnte sich ins Meer stürzen.

Sie hatte versucht, darauf eine Antwort zu finden. Wie soll es weitergehen? An wen kann ich mich wenden? Was kann ich sein? »Ich werde nach Seneth gehen«, antwortete sie. »Nach Morrstadt.«

»Nach Morrstadt?« Ben warf ihr einen misstrauischen Blick zu und wirkte auf einmal traurig. »Dahin wird auch unser neuer König gehen.«

Landra sah ihn auf die gleiche Weise an. »Ja, ich weiß.«

Seine Augen umwölkten sich. »Ich kann Euch nach Seneth bringen, aber nicht nach Morrstadt. Bis an die Küste im Süden, wo ich Euch unbemerkt absetzen werde. Von dort aus könnt Ihr die Straße durchs Moor nehmen.«

Ehrengäste verlassen im Hafen von Toreth ihr Schiff und reiten über die goldene Straße nach Malth Salene. Mörder, Ausgestoßene und tote Männer nehmen die Straße der Toten und kommen durch das hintere Tor, vor dem die Müllhaufen stehen. Diese Worte hatte sie zu Marith gesagt, ihrem dreckigen, gefesselten Gefangenen, als sie ihn nach Malth Salene zurückgebracht und damit das Schicksal aller besiegelt hatte. Voller Verachtung und Grausamkeit in der Stimme. Es war so gefühllos gewesen. Und Marith hatte beschämt den Kopf hängen lassen.

»Dann heute Abend?«, fragte sie zaghaft.

Ben nickte. »Heute Abend.«

Hana gab ihr Brotkuchen, in Salz eingelegten Fisch und einen kleinen, runden Hartkäse aus Ziegenmilch mit. Sie schenkte ihnen das goldene Armband, das sie an ihrem linken Handgelenk trug. Im Dunkeln brachte Ben sie hinüber nach Seneth, dem Sitz der Könige der Weißen Inseln, wo ihre Ahnen Serelethe, Eltheia und Altrersys einst an Land gekommen waren, um nach dem Tod Amraths des Welteneroberers, des Königs der Schatten, des Königs des Staubes, des Königs der Toten, Schutz zu suchen. Dunkel und kalt war die Überfahrt, und über Stunden hörte sie nichts als das Schwappen des Wassers an den Schiffsrumpf und das Knarren der Ruder. Sie machten kein Licht, um nicht von einem anderen Boot entdeckt zu werden. Das Wasser sah in der Dunkelheit wie schwarzer Stein aus. Sie mussten ankern und eine Weile warten, als Seneth vor ihnen auftauchte, da Ben nicht riskieren wollte, im Dunkeln den Klippen und Felsen zu trotzen, auch wenn es den Anschein hatte, als würde er sich hier blind auskennen.

Endlich dämmerte es. Sanft erhellte das erste Licht den Horizont. Landra konnte das Land vor ihnen sehen, die Einzelheiten der Klippen, die hohen Felsen.

»Wollt Ihr das wirklich tun?«, fragte Ben.

Morrstadt, wo auch der neue König hingehen würde. Beinahe hätte sie gelacht. »Ja. Nein.«

Abermals legte er sich in die Ruder. Es war hell genug, um die Wirbel im Wasser zu erkennen, bevor Ben wieder seinen Rhythmus fand. Die Klippen vor ihnen wirkten wie Gesichter. Gewaltiger grauer Stein, der steil bis in den Himmel ragte.

Ben ruderte an der Küste entlang und am ersten Strand vorbei zu einer schmalen Landzunge, auf der Robben schliefen. Die Klippen wurden niedriger, Buschland reichte bis ans Ufer. Als sie näher kamen, bemerkte Landra einen Weg, der nach oben führte. Meeresvögel kreisten am Morgenhimmel. Einige Robben saßen auf den Steinen und starrten sie an. Das Boot kam knirschend auf dem Steinstrand zum Stillstand. Wellen brachen sich an den Seiten.

»Wollt Ihr das wirklich tun?«, hakte Ben noch einmal nach.

Landra kletterte unbeholfen aus dem Boot ins Wasser. Es reichte ihr bis an die Taille, und sie keuchte auf, weil es eiskalt war und das Salz an ihren Beinen brannte. Ben reichte ihr das Bündel mit ihren Vorräten.

»Danke«, sagte Landra verlegen, während Ben das Boot bereits wieder mit den Rudern zurück ins Meer schob. Sie bewegte sich mühsam über die Steine durchs Wasser, und ihr Kleid klebte ihr schwer an den Beinen. Als sie ausrutschte und sich den rechten Fuß an einem Stein stieß, tauchte sie unwillkürlich den linken Arm ins Wasser, und das Salz schmerzte in ihren Wunden. Sie erklomm das steile Ufer, als wäre es ein Hügel. Die kleinen Steine rutschten unter ihren Füßen herum. Ein dicker Haufen verwesenden Seetangs wimmelte von Fliegen. Kuttelfischgräten und eine tote Qualle glitzerten silbrig rot in der Sonne und sahen aus wie Knochen und ein totes Herz. Die grauen Klippen starrten sie wie Gesichter an. Wie alte, wartende Götter. Die alten Wesen des Landes. Möwen flogen über ihr kreischend mit dem Wind.

Landra drehte sich noch einmal zu Bens Boot um, das bereits kleiner wurde. Sie hob die Hand und winkte. Wie sinnlos. Aber er hatte sie freundlich behandelt.

Eltheia. Oh du Schönste. Pass auf ihn auf. Beschütze ihn. Ihn, Hana und das Kind.

Sie setzte sich auf die Steine, die sich unangenehm in ihre Haut bohrten, und hob den ersten auf, den ihre Hand berührte. Es war ein Hühnergott, graugrün, dessen Loch von einem kleineren blassgrauen Stein versperrt wurde. Ein Omen? Sie warf ihn weit ins Meer hinaus. Es platschte zufriedenstellend. Sie aß etwas Brot und trank aus ihrem Wasserschlauch. Es schmeckte widerlich, schal und nach Fisch.

Dann stand sie auf und ging steif den Weg zu den Klippen hoch, eine müde Bauersfrau in einem schlecht sitzenden Kleid, die nach Fisch, Talg und Kräutern roch.

7

Sie blieben einen Monat in Malth Calien.

»Was machen wir hier?«, wollte Thalia nach einigen langen, ereignislosen Tagen von Marith wissen.

»Wir warten.« In seinem Lächeln lag eine entsetzlich schwere Traurigkeit. »Rufen alle herbei, die zu mir kommen werden.«

»Wozu?«, fragte sie und kam sich so unwissend vor. Hier wimmelte es von Männern, Soldaten, Aktivitäten; ein Schiff hatte am ersten Morgen bei Anbruch der Dämmerung abgelegt, und Marith wartete nervös auf dessen Rückkehr, blickte jeden Tag aufs Meer hinaus.

»Um meinen Thron zu beanspruchen«, sagte Marith bedächtig.

»Aber … du bist der gekrönte König.« Eine Krone aus Silber in deinem schimmernden schwarzroten Haar.

»Der König wovon genau?« Er wirkte gereizt, weil sie seine Welt nicht verstand. »Terz ist nur ein Teil der Weißen Inseln. Der Sitz des Königs befindet sich in Malth Elelane, auf Seneth, im Turm der Freude und Verzweiflung, dem Turm, der für Eltheia errichtet wurde, dem Turm, von dem aus Altrersys als erster König herrschte. Das ist mein Thron. Meine Krone. Mein Zuhause. Ich habe Ti gesagt, dass ich komme. Dass ich König bin und nach Hause zurückkehre. Ti und … Königin Elayne. Sie haben mir nicht geantwortet. Daher muss ich mit Schwertern und Speeren heimkehren und sie dazu zwingen, vor mir als ihrem König auf die Knie zu fallen.«

»Sie hielten dich für tot«, gab Thalia zu bedenken. »Möglicherweise glauben sie nicht einmal, dass du es wirklich bist. Tiothlyn hat dich nur ganz kurz gesehen.« Du hast deinen Vater getötet, dachte sie. Was werden sie wohl tun?

»Sie haben mich nie für tot gehalten«, erwiderte Marith. »Mein Tod wäre für sie zu viel erhofft gewesen.«

So verbittert. Diese unfassbare Verbitterung in seiner Stimme. Aber was weiß ich denn schon von Familie?, dachte sie. Ich wurde bei meiner Geburt dem Gott übergeben. Und dennoch … die kleinlichen Rivalitäten im Tempel, die beiläufigen Nichtigkeiten, die im Laufe der Jahre wuchsen, vereiterten und zu tödlichen Wunden wurden. Ja, vielleicht weiß ich doch etwas über derartige Dinge.

Nach einer Weile fragte sie: »Und was ist, wenn sie sich nicht hinknien?«

Er lachte harsch auf. »Was denkst du? Aber sie werden es tun.« Er verdrehte die Augen und sah bei diesen Worten völlig verrückt aus. Sie erschauderte. So gemein. So viel Hass in ihm. Töte ihn, sagte sie sich. Es ist falsch, etwas anderes als Abscheu für ihn zu empfinden. Aber er wachte in dieser Nacht verschwitzt auf und flüsterte den Namen seines Vaters. Thalia gab ihm Wasser und streichelte sein Gesicht. Seine Augen brannten wie im Fieber. »Aber ich musste es tun. Ich habe es getan. Ich habe es getan. Er hätte mich getötet. Und dich.«

»Ja. Du hast es getan.«