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Über Hitlers Tod wurde viel geschrieben. Es gibt zum einen die zahllosen Veröffentlichungen, welche die offizielle Version seines Todes verbreiten aber zum anderen auch viele Veröffentlichungen, welche Spekulationen über Hitlers Flucht aus Deutschland kolportieren. Die ersteren geben sich oft noch den Anschein wissenschaftlich unvoreingenommenen Herangehens, verwenden aber die unzureichenden Indizien und die widersprüchlichen Aussagen angeblicher Zeugen zur Festschreibung der wackligen Position eines Selbstmordes Hitlers. Die anderen gehen eher nicht mit wissenschaftlichen Methoden heran und lassen sich hinreißen, unbewiesene Informationen über Hitlers Flucht kritiklos als wahr zu betrachten, ohne die Wahrscheinlichkeit solcher Darstellungen zu prüfen und ohne sich die Mühe zu machen, die Indizien wirklich zu prüfen. 70 Jahre hat es gedauert, bis sich endlich ein kleines Forscherteam mit wissenschaftlichen Methoden an die Aufklärung eines ungeklärten historisch-politischen Ereignisses gemacht hat: Hitlers angeblicher Tod durch Selbstmord am 30.04.1945 im Führerbunker.
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
des Herausgebers
Erster Teil
Die Ermittlungen zum Todesfall Hitler
Die offiziellen Ermittlungen zu den Geschehnissen vom 30.04.1945 im Führerbunker
I.1 Sowjetische Ermittlungen und Ermittlungsergebnisse
I.1.1 Die ersten Untersuchungen durch Sowjetgeheimdienste
I.1.1.1 Kampfauftrag: Hitler fassen – tot oder lebendig!
I.1.1.2 Fahndung nach Hitler und Tatortbesichtigung
Die „Eroberung des Führerbunkers“ – eine Sternstunde sowjetischen Heldentums?
I.1.1.3 Suche nach Zeugen, Verhöre und Zeugenbefragungen
I.1.1.4 Leichenfund, Leichensicherstellung und Leichenidentifizierung
I.1.1.5 Sicherung von weiterem Beweismaterial und Spurensicherung
I.1.1.6 Gerichtsmedizinische Obduktion der Leichen
I.1.2 Die Beweismanipulation
I.1.2.1 Die Idee zur Beweisfälschung
Wie kamen die Russen an die Röntgenaufnahmen, deren Besitz die Voraussetzung für eine erfolgreiche Manipulation war?
Wie haben die Russen diese Röntgenaufnahmen genutzt?
Wie konnten die Russen in ihrem Zahnlabor die Beweise fälschen?
Wie wurde der Eindruck erweckt, dass die Zähne durch die Gerichtsmediziner den Leichen entnommen wurden?
I.1.2.2 Die Suche nach Hitlers Zahnarzt und nach dessen Personal Wie sind die Russen auf die deutschen Fachleute gestoßen, die ihnen die Echtheit der Gebissteile bestätigen sollten?
Wie haben es die Russen arrangiert, dass der Eindruck entstand, sie seien mit Hilfe von Frau Heusermann erst am 09.05.1945 auf die Röntgenaufnahmen gestoßen?
Die Russen und die Zeugin Heusermann
Die Russen und der Zeuge Echtmann
Die Russen und der Zeuge Blaschke
I.1.2.3 Die Manipulation der Zeugen aufgrund des Angstfaktors
I.1.3 Der Hauptbeweis überzeugte selbst die vermutlichen Auftraggeber nicht
I.1.4 Eine ganz andere Vermutung
Mögliche Manipulation des Zahnbeweises durch die Gestapo
I.1.5 Die „Operation Mythos“ im Jahre 1946
I.1.6 Zur Tragfähigkeit der Sachbeweise
I.1.7 Fazit zu den Ergebnissen der sowjetischen Untersuchungsorgane
I.1.8 Langzeitziel sowjetischen und postsowjetischen Verhaltens in der Frage von Hitlers Tod (1945 – heute)
I.2 US-amerikanische Ermittlungen und Ermittlungsergebnisse
I.3 Britische Ermittlungen und Ermittlungsergebnisse
I.4 Ermittlungen des Nürnberger Tribunals zum Verbleib von Adolf Hitler
I.5 Ermittlungen und Ermittlungsergebnisse bundesdeutscher Untersuchungsorgane
Die Mängel in ausgewählten Aufarbeitungen des Todesfalles Hitler durch Historiker und Journalisten
Plausibilitätsprüfungen fremder Ermittlungsergebnisse und fremder Ermittlungsbewertungen
Zweiter Teil
Indizien für Fehlermittlungen zum Todesfall Hitler
Dritter Teil
Todesfall Hitler – eine mögliche Aufklärung
Nachwort
Informationsspeicher
Personenverzeichnis Sowjetische Akteure
Personenverzeichnis Deutsche Akteure
Zeittafel zur russischen Informationsgewinnung im Vergleich mit den Aussagen Stalins und seiner Generale über Hitlers Tod
Dossiers
Axmann / Dr. Bruck / Doppelgänger / Junge / Heusermann / Kempka / Klimenko / Dr. Kunz / Linge / Mengershausen / Misch / Rattenhuber / Rshewskaja-Kagan / Sicherheit im Führerbunker / Täuschungsaktionen („Rote Heringe“) / Verhörmethoden der Sowjetgeheimdienste
Dienstgrade der Waffen-SS im Vergleich zu Wehrmachtsdienstgraden
Abkürzungsverzeichnis
Personenregister
Literaturverzeichnis
Quellenverweise und Anmerkungen
Als in den ersten Maitagen des Jahres 1945 die Suchtrupps sowjetischer Geheimdienste das Gelände der Reichskanzlei und insbesondere den Führerbunker betraten, gelang es den Ermittlern nicht, Stalins Befehl auszuführen und den Führer des Deutschen Reiches gefangen zu nehmen. Der hatte nämlich, um das zu verhindern, vorgesorgt.
Was sie nach einigen Tagen fanden, das waren zwei verkohlte Leichen, die als die Leichen von Hitler und seiner Frau durch die Geschichtsbücher geistern. Für Leichtgläubige vermeintlich ganz gewiss wurde das dann sogar, als die Russen Ende der 60er Jahre erstmalig publik machten, dass sie die Leichen 1945 gefunden und durch positive Prüfungsergebnisse des Zahnstatus identifiziert hätten.
Wo diese Leichen abgeblieben waren, wurde Jahre später ebenfalls publiziert, lange nachdem diese mehrmalige Umbettungen an wechselnden sowjetischen Garnisons-Standorten auf dem Gebiet der DDR erfahren hatten und schließlich in Magdeburg endgültig und restlos verbrannt worden waren, so dass die Gefahr gebannt wurde, dass unerwünschte Identifizierungsversuche durch Dritte hätten erfolgen können.1
Die Russen waren 1945 zwar nicht wirklich sicher, ob es die Leichen von Adolf und Eva Hitler waren, sie konnten es auch nicht wirklich nachweisen, aber sie waren damals froh, überhaupt zwei Leichen gefunden zu haben, die später von Historikern, Journalisten, Politikern und damit von der überwiegenden Öffentlichkeit unbesehen als die von Hitler und seiner Frau anerkannt wurden, ohne dass sie jemals ein Angehöriger von Hitlers Hofstaat oder gar erst ein unabhängiger ausländischer Gutachter geprüft hatte. Bestätigen ließ man sich den Tod Hitlers durch den angeblich unbestechlichen Beweis seines Zahnstatus anhand angeblich gefundener Kiefer, Zahnbrücken, Prothesen, welche erstaunlicherweise die Einäscherung der Leichen überstanden haben sollten, sowie durch Hitlers Tod bestätigende Aussagen von Zeugen, die tatsächlich aber nichts gesehen hatten.
Aufgrund ihrer Unsicherheit, es wurde auch eine mögliche Flucht Hitlers in Erwägung gezogen und man zweifelte an der Echtheit der Zähne, haben die Sowjetgeheimdienstler noch Jahre nach der angeblich definitiven Bestätigung von Hitlers Tod Zeugen nach dem Verbleib Hitlers befragt.
Zahllose Berichte über Hitlers angebliche Flucht oder eben über seinen angeblich bewiesenen Tod im Führerbunker gibt es, seit 1945 sind sie Legion geworden. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Spekulationen und unwissenschaftliches, weil parteiisches Herangehen von der einen oder anderen Seite.
Offizielle Untersuchungen gab es durch Geheimdienstoffiziere der Siegermächte, durch die Untersuchungsorgane der Nürnberger Prozesse, durch deutsche Staatsanwaltschaften und es gab auch zahlreiche Abhandlungen zur Problematik durch Historiker und andere Autoren, dargestellt in Zeitschriftenartikeln oder in Büchern.
Eine Grundlage des wackeligen Beweisgebäudes für Hitlers Bunkertod war die Befragung von Zeugen aus Hitlers Umfeld. Es gab Zeugen, die angaben, dabei gewesen zu sein, bzw. etwas gesehen zu haben, die auch tatsächlich zur Zeit der Ereignisse vor Ort waren. Es gab Zeugen, die ihr Zeugnis für bestimmte Ereignisse im Führerbunker am 30.04.1945 grundsätzlich leugneten. Es gab angebliche Zeugen, das heißt, Personen, die gern dabei gewesen wären bei dem, was geschah, und die, obwohl es eben nicht so war, dennoch gern darüber berichteten. Das Problem bei der Auswertung der Zeugenaussagen ist es, dass diese so unglaublich widersprüchlich waren. Das hatte verschiedene Ursachen:
Es wurden falsche Aussagen gemacht, weil wahre Aussagen bestimmten Zeugen zusätzliche Bestrafungen eingebracht hätten.
Es erfolgten falsche Angaben, weil Zeugen angedrohte Folter oder die Fortsetzung bereits erlittener Folter befürchteten und deshalb so antworteten, wie sie glaubten, dass die Vernehmenden es hören wollten.
Es wurden Falschaussagen gemacht, weil einige Zeugen bestimmten Kameraden nicht schaden wollten.
Es erfolgten falsche Aussagen, weil sich einige Zeugen auch nach dem vermeintlichen Tod Hitlers noch an ihren Eid gebunden fühlten.
Es wurden falsche Aussagen gemacht, weil einige Möchtegernzeugen sich in die Nähe eines publicityschwangeren historischen Ereignisses hineinlügen wollten.
Es erfolgten falsche Aussagen, weil einige Zeugen in ihren später veröffentlichten Büchern besondere „Highlights“ haben wollten, mit denen sie ihr Buch interessanter machen konnten.
Es kam zu falschen Aussagen, weil sich einige Zeugen nicht richtig erinnern konnten.
Es wurden Falschaussagen gemacht, weil einige Zeugen von anderen Personen mit Falschinformationen gefüttert worden waren.
Die Tatsache der unglaublichen Widersprüchlichkeit der Zeugenaussagen zu Hitlers Tod veranlasste übrigens kaum einen der zahllosen Autoren die sich mit dem Thema befassten, an der Behauptung, Hitler habe einen Suizid begangen und seine Leiche sei verbrannt worden, in irgendeiner Weise zu zweifeln.
Stalin dagegen veranlasste das durchaus, zu zweifeln. Und mehr noch: All diese Widersprüche waren für ihn ein klares Indiz für eine Flucht Hitlers. Und er verfügte über zusätzliche Informationen. Schon im Mai 1945, wusste Stalin, bei dem die genauen Untersuchungsergebnisse seiner diversen Geheimdienste zusammenliefen, dass ihm sein Rivale im Ringen, Diktator über Europa zu werden, entkommen war. Stalin verfügte über entsprechende Quellen, die ihm das hinreichend bestätigten:
Auf Stalins Tisch lagen sämtliche Protokolle der Zeugenvernehmungen konkurrierender Sowjetgeheimdienste.
Auf Stalins Tisch lagen die unzureichenden Obduktionsergebnisse.
Auf Stalins Tisch lagen vermutlich die Berichte über die Manipulation des Zahnstatus Hitlers und seiner Frau, da die Sowjetgeheimdienste sich üblicherweise bei Stalin gegenseitig denunzierten.
Auf Stalins Tisch lagen die Tagebücher von Goebbels, vermutlich einschließlich der in der Historikerzunft als verloren gegangen betrachteten Teile.
Auf Stalins Tisch lagen auch die echten Aufzeichnungen von Martin Bormann (nicht nur das manipulierte „Tagebuch“, welches in mindestens zwei identischen Exemplaren Anfang Mai 1945 an unterschiedlichen Orten in Berlin gefunden wurde!)
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Auf Stalins Tisch lagen die Berichte seiner Auslandsagenten in Spanien und in Argentinien.
Auf Stalins Tisch lagen bis heute geheim gehaltene Verhörprotokolle bestimmter Zeugen aus dem Bunker, die durch Folter gesprächig gemacht worden waren.
Stalin verfügte also als einziger Mensch zu dieser Zeit über alle relevanten Quellen und kam zu dem begründeten Schluss, dass Hitler die Verfolger genarrt hatte. Stalin hatte sein System der Geheimhaltung und des Informationsmonopols wahrscheinlich noch raffinierter gestaltet als Hitler seines.3 Stalin hatte die Kanalisierung der wichtigen und geheimen Informationen direkt zu ihm hin perfektioniert. Aufgrund seines Wissens um die wirklichen Geschehnisse ließ der Sowjetdiktator den sowjetischen Oberkommandierenden in Deutschland, den Marschall Schukow, auf einer internationalen Pressekonferenz in Berlin am 09.06.1945 erklären: „Die Umstände sind sehr geheimnisvoll. Wir haben Hitlers Leiche nicht identifiziert, ich kann nichts über sein Schicksal sagen. Er könnte im allerletzten Augenblick Berlin im Flugzeug verlassen haben.“4 Und auf den Konferenzen der Alliierten betonte Stalin, Hitlers Überreste seien nicht gefunden worden, deshalb glaube er, dass Hitler nach Spanien oder nach Südamerika geflohen sei.
Stalin wurde dafür von vielen Seiten gescholten und es hieß, allein aus machtpolitischen Überlegungen habe er geleugnet, dass Hitler tot sei. Aber Hitlers Leichnam wurde tatsächlich niemals gefunden. Die Leichenreste, welche von den Sowjets ausgegraben worden sein sollen, gehörten definitiv nicht zu Hitler und seiner Frau. Und eine vollständige und spurlose Verbrennung bei offenem Feuer war auch nicht möglich. In dieser Frage erfährt also der blutrünstige („Väterchen“) Stalin, der zweite mächtige und ebenfalls ungestrafte Diktator des 20. Jahrhunderts, eine posthume Rehabilitierung, seine Meinung zu Hitlers Überleben betreffend.
Auch auf Seiten der Alliierten herrschte völlige Unklarheit bezüglich Hitlers Schicksal. So bemerkte der Stellvertreter des amerikanischen Hauptanklägers im Nürnberger Prozess, Thomas J. Dodd: „Niemand kann sagen, daß er tot ist.“5 Und General Eisenhower, der zunächst davon ausgegangen war, dass Hitler tot sei, äußerte am 18.06.1945, dass Hitler sicher noch lebe, da es keine wirklich identifizierte Hitlerleiche gebe. Eisenhower wiederholte und bekräftigte diese Auffassung auch am 06.10.1945 bei einem Besuch in den Niederlanden.6
Es hätte sich also aufgrund fehlender Beweise für Hitlers Tod und aufgrund der widersprüchlichen und vielfach nachweisbar falschen Aussagen der Zeugen eine offensichtlich vertuschte Flucht aus dem Bunker den Untersuchungsorganen und den Autoren entsprechender Veröffentlichungen geradezu aufdrängen müssen.
Dagegen beharren auch heute noch, auch nachdem sich die wenigen angeblichen Beweise für Hitlers Tod Stück für Stück in Wohlgefallen aufgelöst haben, zahlreiche Historiker und Journalisten darauf, er sei am 30.04.1945 zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau, von eigener Hand (oder durch erwünschte fremde Hilfe – Tötung auf Verlangen) aus dem Leben geschieden. Selbst wenn sie erkennen, dass „… zwei Dutzend Menschen … am Nachmittag des 30. April im Führerbunker (waren), zahlreiche andere Zeugen im Vorbunker, und was sie alle hinterher Journalisten,
Historikern, alliierten oder deutschen Vernehmern, sowjetischen Geheimpolizisten, freiwillig und unter Folter, berichteten, lässt sich unmöglich auf einen gemeinsamen Nenner bringen.“7, wird nicht die einzig logische Schlussfolgerung gezogen: Hitlers Tod ist also ungewiss, sondern im Gegenteil dazu setzte der Autor fort: „Sicher ist, dass nach einer Weile einige die Tür öffneten und einen erschossenen Hitler sowie seine vergiftete Gattin vorfanden.“
Sicher? Ganz im Gegenteil! Es besteht begründeter Zweifel an der bekannten Darstellung vom Tode Hitlers am 30.04.1945 im Führerbunker der Reichskanzlei. Das veranlasste uns, erneut zu recherchieren und zu versuchen, mehr Licht in das Dunkel des Falles zu bringen und mit diesem analytisch-synthetischen Informationsmittel auch Anregung für weitere Forschungen zu liefern.
In diesem Band werden insbesondere die sowjetischen Ermittlungsergebnisse kritisch hinterfragt und die von den Untersuchungsführern und in ihrem Gefolge auch von zahlreichen Autoren aus vielen Ländern angeführten angeblich begründeten Vermutungen, handfesten Indizien und unwiderlegbaren Beweise, die das ganze Gebäude der Falschdarstellung von Hitlers Tod stützten, konnten im wesentlichen als falsch charakterisiert werden.
Alfred H. Mühlhäuser
Seit Mitte Mai 1945 galt: Aufgrund der positiven Prüfung des Zahnstatus und aufgrund von passenden Aussagen durch gefangen genommene SS-Leute und hohe Funktionäre der NSDAP ist der Tod Hitlers und seiner Frau Eva Anna Paula, geborene Braun, bestätigt worden. Dennoch wurde im Juni 1946 im Schlussbericht der sowjetischen „Operation Mythos“ zur definitiven Klärung von Hitlers Tod festgestellt:
"Ungeachtet der Tatsache, dass alle Angaben für die Aussagen von Linge und anderen Personen sprachen, Hitler habe Selbstmord begangen, hält die Kommission es nicht für möglich, in dieser Frage endgültig Schlüsse zu ziehen."
„Die Muse der Geschichte ist eine rachsüchtige Dame. Jeder Verstoß gegen sie, auch der aus den alleredelsten Motiven begangene, wird früher oder später bestraft: morgen, übermorgen oder in 100 Jahren.“
Lew Besymenski
Der sowjet-sozialistische Diktator Dschugaschwili (Kampfname: „Stalin“) hoffte, dass seine Soldaten den national-sozialistischen Diktator Hitler (Kampfname: „Wolf“) lebendig gefangen nehmen würden. Er wollte ihn, genau so wie Hitler das befürchtete, in erniedrigender Weise durch Moskau führen lassen, ähnlich wie die Römer den Gallierkönig durch Rom. Das äußerte er gegenüber Marschall Schukow, seinem militärischen Stellvertreter. Und dass diese Absicht nicht nur so daher gesagt war, zeigte sich auch an der Art, wie deutsche Kriegsgefangene durch Moskau getrieben wurden. Sie erhielten vorher eine Wassersuppe, die mit Rizinusöl angereichert war, was dazu führte, dass Zehntausende deutsche Kriegsgefangene auf erniedrigende Weise mit vollgeschissenen Hosen in langer Kolonne durch Moskau laufen mussten. Von Stalin hatte der Chef der SMERSCH („Tod den Spionen“: Militärische Abwehr), Abakumow, schon mit dem Beginn des Sturmes auf Berlin den Befehl zur Fahndung nach Hitler erhalten. Tatsächlich haben die Russen aufgrund der Tatsache, dass sie allein ganz Berlin erobert hatten, den entscheidenden Platzvorteil gehabt, als es darum ging, Hitler aufzuspüren. Als sie Ende April 1945 in das Zentrum Berlins vorgestoßen waren, lautete der Auftrag für mehrere Suchtrupps, Hitler zu finden: „Finden Sie Hitler – tot oder lebendig!“
Der sowjetische Geheimdienstoffizier Klimenko stellte dies so dar, als ob allein er den Auftrag erhalten hätte: „In den letzten Apriltagen 1945, als die sowjetischen Soldaten den Reichstag stürmten, beauftragte das Oberkommando eine von mir geleitete Aufklärergruppe, Adolf Hitler und die ihn umgebenden Personen zu finden...“8 Tatsächlich aber gab es diverse Suchtrupps. So hat Klimenko selbst auch berichtet, dass von der anderen Seite die Soldaten (und in deren Gefolge auch die Geheimdienstler) der 301. Division unter General Antonow zur Reichskanzlei vorgestoßen waren.
Bei der Eroberung Berlins konkurrierten miteinander die 1. Belorussische Front (Marschall Schukow) und die 1. Ukrainische Front (Marschall Konew). Der Oberst Andrej I. Ryschkow, ein Mann von Marschall Konew, berichtete später: „Unser Korps gehörte zur 28. Armee im Bestand der 1. Ukrainischen Front. ... Am Morgen des 2. Mai ... fanden wir auf einer einfachen Soldatendecke den Leichnam Hitlers. ... Wir trugen den Leichnam auf die Terrasse, aber weil es dort noch dunkel war, brachten wir ihn in den Hof der Reichskanzlei. Dort fanden wir ein Porträt Hitlers, das wir ihm auf die Brust legten. Ein Kameramann nahm das alles auf ...9
Dieses Foto des falschen Hitler, wie sich bald herausstellte, ging um die Welt. Die Leiche gehörte einem der Doppelgänger Hitlers. Er war erschossen worden, um die Angreifer zu täuschen.
Stalin war außer sich, als er am 02.05.1945 erfahren musste, dass Hitler nicht lebend aufgefunden worden war. Er nahm sofort an, dass ihm Hitler entkommen war. Um diesen Verdacht auszuräumen verlangte er, die Leiche Hitlers aufzufinden und genauestens auf Echtheit prüfen zu lassen.
Die mit der Suche nach Hitler Beauftragten, standen also unter großem Druck: Hitler lebend gefangen zu nehmen, was misslang, oder wenigstens seine Leiche zu finden und sicherzustellen.
Als Hitlers Leichnam bis zum 3. Mai nicht gefunden worden war, lobte der sowjetische Stadtkommandant von Berlin, General Bersarin, für den Finder den Titel „Held der Sowjetunion“ aus.10 Da aber ein Mann in der Position Bersarins vermutlich nicht befugt war, diesen hohen Orden zu verleihen, wird dieser Anreiz von noch weiter oben gegeben worden sein.
Am frühen Morgen des 02.05.1945 besetzten Einheiten der 301. und der 248. Schützendivision der 3. Stoßarmee sowie Soldaten der 5. Stoßarmee der Roten Armee beinahe kampflos die von ihren Verteidigern im Zuge des am Abend davor erfolgten Ausbruchs nahezu gänzlich verlassene Reichskanzlei. Wie gingen die Sowjetgeheimdienstler bei der Aufklärung von Hitlers Verbleib vor? Zur Palette ihrer Maßnahmen gehörten alle notwendigen Aktionen, um einen Täter zu finden und zu identifizieren:
Sie fahndeten nach Adolf Hitler.
Sie untersuchten den Führerbunker und die gesamte Reichskanzlei.
Sie suchten nach Zeugen für Hitlers Verbleib.
Sie führten Verhöre und Befragungen durch.
Sie trugen Beweisstücke zusammen.
Sie sicherten Spuren.
Sie stellten Leichen bzw. Leichenreste sicher.
Sie versuchten die Leichen zu identifizieren.
Die Untersuchungsgruppen taten alles, um nachzuweisen, dass Hitler tot sei. Wie belastbar waren aber die von ihnen erhobenen Indizien und gesammelten Beweisstücke? Im folgenden Abschnitt sehen wir uns dazu die oben angeführten Aktionen genauer an.
Die „Eroberung des Führerbunkers“ – eine Sternstunde sowjetischen Heldentums? Am 23.04.1945 hatte Marschall Schukow befohlen, einen Sondertrupp mit 25 Panzern einzusetzen, um Hitler, Himmler und Goebbels zu fassen oder an der Flucht zu hindern.11 Als das Gelände der Reichskanzlei in der Frühe des 02.05.1945 besetzt wurde, konnte die Suche im Zentrum von Hitlers zerbrochener Macht erfolgen.
02.05.1945, 09:00 Uhr: Nun wäre der Weg frei gewesen für die Ermittler. Allerdings waren die ersten sowjetischen Soldaten, die den Führerbunker betraten, nicht etwa Angehörige der die praktisch leere „Zitadelle“ erstürmenden Einheiten und auch keine Angehörigen der Greifertrupps des Geheimdienstes, sondern etwa ein Dutzend Militärärztinnen, die sich auf einem Plünderzug befanden und es auf die Reizwäsche der Frauen der Naziführer abgesehen hatten.12
In der offiziellen „Kriegsgeschichtsschreibung der UdSSR, der fünfbändigen „Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“, werden sie natürlich nicht als mutige Bunkerstürmerinnen erwähnt, dagegen wird Oberstleutnant Iwan I. J. Klimenko (vgl. Dossier Klimenko) als der erste Sowjetsoldat dargestellt, der in den Führerbunker eingedrungen sei. Dafür erhielt er sogar die Auszeichnung als „Held der Sowjetunion“!
Hatte man die eher unkriegerischen Frauen in Uniform übersehen, nicht erwähnen wollen, weil ein Sturm auf den Führerbunker durch mannhafte Krieger für die Medien berichtenswerter war oder hatten die Ärztinnen wohlweislich geschwiegen und sich ihrer Beute, Eva Hitlers Reizwäsche, still erfreut?
Aber es waren ja nicht nur die Frauen, die vor Klimenko den Bunker betreten hatten.
02.05.1945, 10:00 Uhr: Nach sowjetischen Darstellungen wurde die Reichskanzlei mit Minensuchgeräten Raum für Raum nach Minen und Sprengfallen durchsucht. Wenn der Raum als sicher galt, wurden Dokumente eingesammelt. So soll es angeblich auch mit dem Führerbunker geschehen sein. Diese Pioniersoldaten wären dann die ersten bewaffneten Sowjetsoldaten gewesen, die, kampflos, offiziell den Führerbunker betreten hätten. Allerdings hat der Maschinenmeister Hentschel, der sich als einziger Mensch zu dieser Zeit immer noch direkt im Führerbunker aufhielt, keinen solchen sowjetischen Pioniersoldaten bemerkt. Als erste sowjetische Geheimdienstoffiziere erschienen nach den um 09:00 Uhr eingetroffenen sowjetischen Militärärztinnen gegen 10:00 Uhr ein Major Polewoi und ein Hauptmann, dessen Name nicht überliefert wurde. Es handelte sich bei dem Major mit hoher Wahrscheinlichkeit um den jüdischen Schriftsteller und Frontberichterstatter der „Prawda“, Boris Polewoi13, der später selbst über seinen Besuch im Bunker schrieb.
Den Führerbunker hatten sie zunächst nicht gefunden. Sie forderten sogar deutsche Zivilisten, die noch nie von einem solchen Bunker gehört hatten, auf, sie zu dem Bunker zu führen. Demnach wären die vermutlich angetrunkenen Offiziere ohne auf Sprengfallen zu achten, in den Kellern unter der Reichskanzlei herumgelaufen. So wie die Ärztinnen. Schließlich fanden sie den Führerbunker.14 Sie betraten ihn, auch so wie die Ärztinnen, aus dem Keller der Reichskanzlei kommend, durch die „Kannenbergallee“, einen Versorgungsgang, und trafen ebenfalls auf den Maschinisten Hentschel. Polewois erste Frage an Hentschel war die, wo Hitler sich befände.15
Sie fanden Hitler nicht und auch nicht seine Leiche. Polewoi hat einige unglaubwürdige Behauptungen aufgestellt, die von dem Autor Ryan kritiklos übernommen wurden.16 Major Boris Polewoi und der ihn begleitende Hauptmann gehörten zur 1. Ukrainischen Front (Heeresgruppe) des Marschalls Konjew und wilderten wohl im Revier des Marschalls Schukow17, denn sie entfernten sich bald wieder, ohne den Tatort gesichert zu haben, ohne die Leichen der Goebbelsfamilie zu bergen, ohne den Zeugen Hentschel mitzunehmen und ohne weitere Maßnahmen einzuleiten.
02.05.1945, 10:30 Uhr: Bald nachdem Polewoi und sein Begleiter wieder verschwunden waren, erschienen gegen 10:30 Uhr, laut lärmend, aus Richtung der „Kannenbergallee“, also aus den Kellern unter der Reichskanzlei, etwa 20 sowjetische Infanterieoffiziere. Da sie den Weinkeller Kannenbergs, des Intendanten der Reichskanzlei, entdeckt hatten, übersahen sie zunächst Johannes Hentschel, den letzten Insassen des Führerbunkers, der sich gerade ebenfalls in der Kannenbergallee befand und den sie bald darauf in ihre Sauforgie einbezogen und mit Sekt überschütteten, vergaßen aber, den Führerbunker zu erstürmen oder wenigstens, ihn in seiner fast gänzlichen Leere zu entdecken.18
Noch immer hielt sich die Hälfte der ersten „Erstürmerinnen“ des Bunkers, etwa sechs sowjetische Militärärztinnen, in Eva Hitlers Raum auf. Sie probierten deren Büstenhalter. Aber auch das waren nicht die letzten Sowjetmenschen, die vor dem offiziellen Bunkerstürmer Klimenko, den Bunker betraten.
02.05.1945, vermutlich 11:00 Uhr: Die erste echte „Erstürmung“ des leeren Führerbunkers durch Sowjetsoldaten erfolgte am Vormittag als der Maschinenmeister vor dem Notausgang des Bunkers frische Luft schnappen wollte und er von einem sowjetischen Oberst und einem Leutnant nach den Räumen von Goebbels und Hitler gefragt wurde. Die Offiziere stürmten mit gezückten Pistolen die Treppe hinunter in den leeren Bunker und versuchten, in Hitlers Räume zu gelangen. Als Hentschel sie in Panik und ihm selbst später unverständlicher Handlungsweise, wie er behauptete, vor Minen warnte, die es gar nicht gab, ließen sie von der gänzlichen „Erstürmung“ des Führerbunkers ab und nahmen dafür den Maschinenmeister fest, um ihn außerhalb des Bunkers der sowjetischen Militärpolizei zu übergeben.1920
Nun endlich verließen auch die echten „Eroberinnen“ des Führerbunkers, nein, eher die Eroberinnen von Eva Hitlers Dessous, diese, laut Aussagen von Hentschel, mit Freudengeheul in den Händen schwingend, durch den Gartenausgang den Bunker.
02.05.1945, nach 13:00 Uhr: Es waren also drei oder sogar vier verschiedene Gruppen sowjetischer Offiziere, die nacheinander den Führerbunker betreten hatten, bevor Stunden später Oberstleutnant Klimenko (Chef der SMERSCH des 79. sowjetischen Schützenkorps) zwischen 13:00 und 14:00 Uhr das Gelände der Reichskanzlei erreichte. Insgesamt sollen sogar acht bis zehn „Greifertrupps“ auf Jagd nach Hitler und anderen hochrangigen Nazis gewesen sein21.
Klimenkos Gruppe betrat, als in der sowjetischen Kriegsgeschichtsschreibung offizielle Bunkerstürmer dargestellt, erst als fünfte Gruppe, geführt von dem Gefangenen Hentschel, den leeren Führerbunker und Klimenko wurde, wie erwähnt, später für diese Heldentat zum „Helden der Sowjetunion“ gemacht und zum Oberst befördert. Laut Bericht der Militärdolmetscherin Rhsewskaja wurde ein kleiner Heizer „ein unansehnlicher Zivilist“ (Hentschel steckte im „Blaumann“) gefunden, als Führer von Oberstleutnant Klimenko und Major Bystrow. „Schließlich finden sie das Loch. Hitlers Behausung ist leer ...“22
Auch der Sowjethistoriker Besymenski stimmte in den Chor der Lobeshymnen für allein Klimenko ein, der fast als Letzter kam: Die sowjetischen Abwehroffiziere „... hatten Befehl, sofort die Suchaktionen nach den Führern des Reiches zu eröffnen. Begonnen wurde das Unternehmen von Oberstleutnant Iwan Issajewitsch Klimenko, dem Chef der Abwehrabteilung des 79. Schützenkorps, seinen Offizieren und Soldaten.“23
Nun kann man, wenn man die wirkliche Abfolge der den Führerbunker betretenden Sowjetmenschen betrachtet, zu der Feststellung gelangen, dass von Klimenko das Unternehmen nicht begonnen, wie Besymenski schrieb, sondern eher abgeschlossen wurde.
02.05.1945, nachmittags 17:00 Uhr: Klimenko und die Majore Bystrow und Chasin begaben sich erneut, diesmal mit vier Gefangenen zur Reichskanzlei. Sie näherten sich vom Garten aus dem Notausgang des Bunkers. Dort fanden sie die Leichen von Goebbels und von dessen Frau, wenige Meter vor dem Bunkerausgang. Diese wurden durch die Kriegsgefangenen Schneider (Garagenmeister) und Lange (Chefkoch) identifiziert. Damit wurde die Suche für diesen Tag beendet und die Leichen wurden auf ausgehängten Türen in das Gefängnis Plötzensee gebracht24, wo die SMERSCH des 79. Schützenkorps der 1. Belorussischen Front Quartier bezogen hatte.25
03.05.1945, 05:00 Uhr: Vizeadmiral Voss, der von Geheimdienstoffizieren der 3. Stoßarmee festgenommen worden war, musste zu dieser Zeit in Plötzensee die Leichen des Ehepaares Goebbels identifizieren.26
03.05.1945, vormittags: An diesem Tag wurde der Tatort sogar von Marschall Schukow persönlich, der sich vom Selbstmord Hitlers und anderer hochrangiger Nazis überzeugen wollte, in Begleitung einiger Generale besucht. Schukow berichtete später, was er dort erlebt hatte27:
„Man berichtete uns, die Faschisten hätten alle Leichen verscharrt; niemand wusste aber genau den Ort und wer daran beteiligt gewesen war. Die Angaben widersprachen sich.“
„Wir suchten vergebens nach dem Scheiterhaufen, auf denen Hitlers und Goebbel’s Leichen verbrannt worden waren. Zwar sahen wir Spuren von Feuerstellen, sie waren aber zu klein und dürften nur Soldaten zum Wasserkochen gedient haben.“
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Während der Anwesenheit Schukows wurden die Leichen der sechs Kinder von Joseph und Magda Goebbels und die Leiche des Generals Krebs zum zweiten Mal, diesmal von Oberleutnant Iljin (und Angehörigen seines Zuges) von der Gruppe Klimenko (sowjetischer Militärgeheimdienst SMERSCH) im Bunker entdeckt.30
Der Korpsarzt, Oberstleutnant Gratschkow, stellte fest, dass die Kinder durch das Gift bildende Karboxyhämoglobin zu Tode gekommen seien.31 Die Gerichtsmediziner stellten Tage später aber Zyanverbindungen als Todesursache fest.
Die Leichen der Eltern dieser ermordeten Kinder waren bereits einen Tag zuvor, am 02.05.1945, gefunden worden. Deshalb verwundert es, dass Marschall Schukow schrieb, man habe die Stelle gesucht, an welcher die Leiche von Goebbels verbrannt worden sei. Herrschte bei den Sowjets das Informationschaos? Immerhin wäre der Oberkommandierende der Sowjetstreitkräfte im besetzten Deutschland nicht informiert worden! Oder ist das eine indirekte Bestätigung für eine Behauptung Hentschels, dass von der SS versucht worden sei, die Leichen des Ehepaares Goebbels nicht oben, außerhalb des Bunkers, sondern unten im Bunker zu verbrennen?
Und auch der Leichnam von General Krebs wurde gefunden. Dieser soll nach Klimenko im Bunker32, nach Berichten der Dolmetscherin seines Vorgesetzten aber im Hof der Reichskanzlei33 gefunden worden sein. Rochus Misch sah die Leichen der Generale Krebs und Bugdorf am 01.05.1945 nach 22:00 Uhr tot im Lagevorraum, später waren sie aber weg und er glaubte, RSD-Leute hätten sie hoch in den Garten der Reichskanzlei getragen.34
Im Bericht des Generals Wadis, der nach Moskau gesandt wurde, wurde die Entdeckung der Leiche von Krebs überhaupt nicht erwähnt.35 Nach Darstellung der Rshewskaja hatte sich Krebs vergiftet.36 Wahrscheinlich sah man keine Schusswunde. Rochus Misch sah ebenfalls keinen Einschuss und hatte keinen Schuss gehört, obwohl die beiden Generale nur wenige Meter von seinem Arbeitsraum entfernt saßen. Deshalb glaubte auch er, dass sie sich vergiftet hätten.37 Und auch in der Obduktionsakte Nr. 7 (General Krebs) wurde keine Schusswunde erwähnt und dokumentiert, dass zwar in der Mundhöhle keine Glassplitter gefunden wurden, dass aber bei der Öffnung des Hirns und bei der Öffnung der inneren Organe deutlicher Bittermandelgeruch habe festgestellt werden können.38 In der Akte wurde auch hinsichtlich mehrerer Wunden und Blutergüsse am Kopf von General Krebs vermutet, dass sie beim Sturz des in Agonie befindlichen Körpers zustande gekommen seien. Rochus Misch hatte aber berichtet, dass die beiden Generale Krebs und Burgdorf tot in den Sesseln im Lagevorraum des Führerbunkers gesessen hätten! Krebs war also nicht gestürzt. Eine offene Frage: Wie war es zu den Wunden am Körper des Generals Krebs gekommen?
Eine weitere Auffindungsvariante für die Leiche des Generals Krebs stammt von dem SMERSCH-Offizier Polewoi. Dieser hatte angeblich die Leichen von Krebs und Burgdorf, die sich erschossen hätten, im Vorbunker entdeckt, also nicht im Lagevorraum von Hitlers Bunker, wie Rochus Misch aussagte.39
Nach dem sowjetischen Frontkameramann Schneiderow war die Leiche von Krebs nicht verbrannt. „... man konnte ihn unschwer identifizieren.40 Bei Besymenski jedoch wird ein Foto einer ganz offensichtlich zumindest durchgehend oberflächlich verbrannten Leiche als die des Generals Krebs präsentiert.41 Das ist alles sehr merkwürdig und zeigt, wie widersprüchlich auch die Ermittlungsergebnisse der Hitlerjäger waren.
03.05.1945, 21:00 Uhr: Nachdem Oberstleutnant Klimenko den Vizeadmiral Voss verhört hatte, fuhr er am Abend42 mit seinen Leuten und Voss erneut zur Reichskanzlei.43 Sie begaben sich in den Führerbunker, wo sie aber nichts Substantielles fanden.44 Danach stiegen sie wieder nach oben, wo Voss dann neben vielen anderen Leichen eine Hitler ähnelnde Leiche, mit einem Einschussloch in der Stirn, in einem leeren Löschwasserbecken entdeckte, die er zunächst für die Leiche Hitlers hielt.45 Voss rief: „Das ist Hitler!“46 Aufgrund der Tatsache, dass die Leiche gestopfte Socken trug, zweifelte er dann aber an deren Echtheit und seine sowjetischen Begleiter suchten weiter.
Die Leichen der Goebbelskinder und die des Generals Krebs wurden ebenfalls nach Plötzensee gebracht. Dort in einem Raum der Direktorenwohnung zur Identifizierung abgelegt, wurde der Vizeadmiral Voss erneut mit den Leichen konfrontiert, die er alle identifizierte. 47 Hitlers Leiche aber blieb unauffindbar.48
Die weitere Tatortuntersuchung erbrachte nichts. Sie fanden Hitler nicht im Bunker, wo sie ihn anzutreffen hofften. Und sie fanden ihn auch nicht in den Trümmern der Reichskanzlei. Er wurde auch nicht im Umfeld gefangen genommen. Auch in den Straßen Berlins, vielleicht doch „gefallen im Kampf gegen die Bolschewisten bei der Verteidigung der Reichshauptstadt“ wurde Hitlers Leiche nicht entdeckt.
Von dem Maschinenmeister des Führerbunkers, Hentschel, der als einziger im Führerbunker verblieben war, um für den Strom und das Wasser zu sorgen, die im Lazarett unter der Reichskanzlei benötigt wurden, erfuhren sie, dass Hitlers Leiche außerhalb des Bunkers verbrannt worden sei.
Man sollte nun meinen, dass der Bericht Klimenkos über die unmittelbar nach Hitlers angeblichem Tod erfolgte Suche und deren Ergebnisse Licht in das Dunkel der Ereignisse vom 30.04.1945 im Führerbunker bringen würde, da sie zeitnah und praktisch exklusiv erfolgte, aber weit gefehlt. Klimenkos Bericht über die Suche und den angeblichen Erfolg strotzte nur so von Ungereimtheiten. Seine Beschreibung des Führerbunkers lässt diesen kaum wiedererkennen. Die Lügen einzelner Geheimdienstmitarbeiter, um sich wichtig zu machen, korrespondieren mit den Lügen (Wir haben Hitlers Leiche, Hitlers Schädelteil und Hitlers Zahnteile.), die von ihren damaligen Vorgesetzten und deren Nachfolgern praktisch bis heute verteidigt werden.
Als Hitler bzw. seine Leiche nicht sofort gefunden wurden, versuchte man im Zuchthaus Plötzensee weitere Kriegsgefangene ausfindig zu machen, die Hitler persönlich gekannt hatten und bei der Identifizierung helfen konnten. Voss kannte zwar Hitler persönlich, aber Klimenko zweifelte nach der Fehlleistung von Voss am 02.05.1945 bezüglich des Hitlerdoppelgängers mit den gestopften Socken an dessen Identifizierungsfähigkeiten. Schließlich kam man auf insgesamt sechs Zeugen, die angaben, Hitler gekannt zu haben.
Am 04.05.1945, 11:00 Uhr, fuhr Oberstleutnant Klimenko mit sechs Zeugen erneut zur Reichskanzlei. Die Leiche im leeren Löschwasserbecken, die nun der Identifizierung durch diese Zeugen unterworfen werden sollte, war allerdings nicht mehr dort zu finden. Inzwischen stand die Reichskanzlei in der Verantwortung der 5. Stoßarmee. Klimenko musste deshalb für sich und für seine Begleitung Passierscheine ausstellen lassen, um die in einem Saal der Reichskanzlei ausgestellte angebliche Hitlerleiche identifizieren lassen zu können. Aber nur ein einziger von den sechs Zeugen meinte, es könne sich um die Leiche Hitlers handeln.49
Natürlich suchte man weiter nach Zeugen. Nach einigen Tagen standen dann zunächst etwa fünfzehn Personen zur Verfügung. Das waren eigentlich immer noch recht wenige, was aber seine Ursache in der Tatsache hatte, dass zwar in Berlin oder Umgebung der größere Teil der überlebenden Zeugen, die man später als „Reichskanzlei-Gruppe“ bezeichnete, gefangen genommen worden war, aber zunächst bei einigen dieser Gefangenen, die sich natürlich nicht zu erkennen gaben, nicht klar war, dass sie etwas mit dem Führerbunker zu tun hatten. Außerdem waren sie von unterschiedlichen Truppenteilen unterschiedlicher, miteinander rivalisierender sowjetischer Armeekorps und deren Geheimdienstabteilungen gefangen genommen worden. So wurde bei einigen Zeugen sogar erst in Moskau klar, dass sie für die Aufklärung von Hitlers Verbleib interessante Hinweise hätten liefern können.
Die RSD-Leibwächter Hitlers, Bergmüller, Kölz, Hofbeck, Henschel, die FBK-Offiziere Beermann und Reisser, die Ordonnanzen Schwiedel und Jakubeck, die Hitler-Sekretärin Junge und die Mediziner Professor Dr. Haase und Dr. Schenck, waren ebenfalls in den ersten Maitagen 1945 von sowjetischen Soldaten gefangen genommen, worden, aber wahrscheinlich von anderen Einheiten verhört worden oder gar nicht als wichtige Zeugen erkannt worden. Der Hauptsturmführer Beermann vom FBK konnte bereits nach einem Tag fliehen und geriet dann in britische Gefangenschaft. Frau Junge, eine von Hitlers Sekretärinnen, der es zunächst gelungen war, zu entkommen und die dann am 09.06.1945 in Berlin verhaftet wurde, saß zunächst 14 Wochen im Gefängnis Lichtenberg in Einzelhaft, ohne dass sie überhaupt ein einziges Mal verhört worden wäre!50 Merkwürdigerweise erhielt sie dann Hafterleichterung und durfte sogar außerhalb des Gefängnisses, ausgestattet mit einem Ausweis als Mitarbeiterin der sowjetischen Kommandantur, privat wohnen. Ihre Gegenleistung, die Namen all derer zu nennen, die zu Hitlers Umgebung gehörten, kann nicht so groß gewesen sein. Was aber war der Grund?
Sie hatte angeblich einen Gönner (ohne Gegenleistungen) bei den Russen, dem sie nach einigen Monaten ebenfalls entfliehen konnte. Der Gruppe Gorbuschin stand sie jedenfalls nicht als Zeugin zur Verfügung. Jedenfalls hatte sich Günsche, wie sich zeigte, in Frau Junge offensichtlich die richtige Person ausgesucht für die Verbreitung seiner Falschinformationen.
Die Gefangenen, die zunächst verhört werden konnten, waren jedenfalls keine direkten Zeugen der Ereignisse vom 30.04.1945 im Bunker. Bis auf einen: Johannes Hentschel. Der Maschinenmeister im Führerbunker wurde aber aus irgendeinem Grunde nicht ernst genommen und nicht der Gruppe der Zeugen zugeordnet. Die Dolmetscherin charakterisierte Hentschel so: Ein kleiner Heizer, bescheiden und unscheinbar.51 Das war bezeichnend für die Qualität der geheimdienstlichen Recherchen der SMERSCH. Hentschel, der vieles wusste, was selbst Rattenhuber und Bormann nicht wussten, wurde bereits nach nur vier Jahren aus der Gefangenschaft entlassen, während die Zahnarzthelferin Käthe Heusermann, die an Hitlers Zahnbehandlungen beteiligt war, zehn lange, qualvolle Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern zubringen musste. Möglicherweise war es Hentschel gelungen, sich einem Kriegsgefangentransport anzuschließen, der in die Höhle des Löwen, nach Moskau ging, und so als ein unbedeutender Gefangener unter den vielen anderen unbedeutenden Gefangenen aus der Reichweite der in Berlin aktiven Hitlerfahnder zu verschwinden. Dass Hentschel, ob befehlsgemäß oder aus eigenem Antrieb, versucht hat, Sand in das Getriebe der Ermittlungen, auch viele Jahre nach den Ereignissen zu streuen, wurde deutlich, als er den Autoren des Buches „Die Katakombe“ den Bären aufband, dass am 01.05.1945 Bormann und Stumpfegger vor dem Ausbruch total betrunken gewesen seien. „Bormann … Stockbesoffen und Stumpfegger ebenfalls. Die beiden Brüder hätten Schwierigkeiten gehabt, das Brandenburger Tor am hellichten Tag zu finden.“52 Das stimmte mit Sicherheit nicht. Wenn es so gewesen wäre, dann hätten es Bormann und Dr. Stumpfegger nicht bis zu der Stelle, weit entfernt von der Reichskanzlei, geschafft, an der sie Axmann angeblich tot liegen sah. Kein anderer Zeuge hat jedenfalls Derartiges berichtet.
Weitere Zeugen waren alles andere als aussagefähig und ebenfalls kaum zuverlässig. So hatte Klimenkos Gruppe einen SS-Sturmbannführer Dr. Kunz (Vgl. Dossier Dr. Kunz) verhört, der behauptete, die Goebbelskinder vergiftet zu haben, dies aber später widerrief und dem Dr. Stumpfegger, Hitlers Begleitarzt, die Tötung der Kinder in die Schuhe schob. Dass er nicht weiter als Zeuge erwähnt wurde, hängt wohl damit zusammen, dass er in der Geheimdienstaktion „Zahnstatus“ der Sowjets eine Rolle gespielt hat, was nicht bekannt werden sollte.
Die Dolmetscherin Rshewskaja schrieb bezogen auf die Verhöre aller durch ihre SMERSCH-Gruppe gefangen genommenen Zeugen: „Diese Aussagen mussten aus einem Wust widerspruchsvoller, aus Sensationsdrang gemachter Mitteilungen ausgesondert werden.“53
Die Decke für die Ermittlungen war ziemlich kurz. Es kam nicht viel heraus. Im Ergebnis der Befragungen meinte Klimenko aber dennoch feststellen zu können: „Das einzige, was wir mit Bestimmtheit wussten, war, dass Hitler tot war. Aber wo sollten wir seine Leiche suchen?“ Klimenko war also schon nach den Aussagen an geblicher Zeugen des angeblichen Todes von Hitler und Frau voll davon überzeugt, dass die Selbstmordversion stimmte. Aber niemand von den Leuten war dabei! Alle hatten nur etwas gehört, manchmal auch nur von jemandem, der auch nur etwas gehört hatte.
Die Zeugenbasis verbesserte sich erst, als unter den Gefangenen auch die Generale Rattenhuber und Baur, Hitlers Adjutant Günsche sowie einige Tage später auch Hitlers Chefdiener Linge identifiziert worden waren.54 Diese Gefangenen wurden, getrennt von den anderen, gefangen gehalten und verhört. Rattenhuber und Günsche waren Gefangene des sowjetischen Innenministeriums (NKWD), während die anderen SMERSCH-Gefangene waren. Allerdings haben die Aussagen dieser Zeugen in keiner Weise zur Aufklärung von Hitlers tatsächlichem Verbleib beigetragen. Aber sie erhärteten die Vermutung der Geheimdienstler, dass es sich tatsächlich um die Leichen von Hitler und dessen Frau gehandelt habe, die man aus dem Granattrichter herausgeholt hatte.55
Schließlich wurde auch noch der RSD-Leibwächter Mengershausen, der sich bis dahin nicht zu erkennen gegeben hatte, enttarnt. Der Chefkoch Lange hatte den Russen verraten, dass Mengershausens Identität falsch war.56
Tabelle 1: Aufstellung der Zeugen, die den sowjetischen Geheimdienstlern in den ersten Tagen zur Verfügung standen
Name
Funktion Dienstgrad
Aussagen zu oder Aktivitäten
Gefangennahme am:
Voss, Hans-Erich
Hitlers Verbindungsoffizier zu Dönitz, Vizeadmiral
Identifizierung der Leichen der Goebbelsfamilie. Zeigte falsche Hitlerleiche
02.05.1945
Schneider, Karl
Garagenmeister SS-Hauptsturmführer beim FBK
Benzin für Verbrennung Hitlers und dessen Frau bereitgestellt. Angeblich den Leichentransport beobachtet.
02.05.1945
Lange, Wilhelm
Chefkoch der RK, Zivilist
Hörte (!) von Hitlers Tod.
02.05.1945
Dr. Kunz, Helmut
Zahnarzt / SS-Sturmbannführer
Beteiligt am Tod der Goebbelskinder
02.05.1945
Eckold, Wilhelm
Chef von Goebbels Leibwache SS-Hauptsturmführer
Identifizierte die Leichen von Krebs und die der Goebbelsfamilie
02.05.1945
Fritzsche, Hans
Ministerialdirektor, Ltr. Abt. Rundfunk im Propagandaministerium
Identifizierte die Leiche von Goebbels
02.05.1945
Heinrichsdorf, Wolf
Regierungsrat im Propagandaministerium
Identifizierte die Leiche von Goebbels
02.05.1945
Hentschel, Johannes
Maschinenmeister im Führerbunker, Zivilist
Beobachtete angeblich den Transport von zwei in Decken gehüllten Leichen aus Hitlers Räumen.
02.05.1945
Nicht namentlich
Fahrer
Behauptete, Hitler sei erst am 01.05.1945 geflohen.
02.05.1945
Nicht namentlich
Dienstmädchen
Erkannte, dass eine angebliche Hitlerleiche nicht echt war.
02.05.1945
Zimm, Wilhelm
Technischer Leiter der RK, Ingenieur
Hörte von Hitlers Tod
02.05.1945
Nicht namentlich
Mehrere Wachleute
unbekannt
02.05.1945
Mengershausen, Harry
RSD-Leibwache Kriminalassistent SS-Rottenführer
Falschinformation zur Verbrennung der Leichen Hitlers und seiner Frau Informationen zur Bestattung der Überreste
02.05.1945
Tornow, Fritz
Hundetrainer Feldwebel
Beteiligt an der Vergiftung von Hitlers Hund
„Hörte“ von Hitlers Verbrennung
02.05.1945
Feine oder Phenie, Paul
Hundewärter
Sagte aus, dass Hitlers Hündin Blondi vergiftet wurde.
02.05.1945
Rings, Erich
Funker in der RK
unbekannt
02.05.1945
Zur spezifischen Aussagefähigkeit der in Tabelle 1 vorgestellten Zeugen bezüglich des Hitlersuizids und der Beseitigung seiner Leiche, folgendes:
Vizeadmiral Voss war zur Todeszeit Hitlers nicht im Führerbunker. Von Hitlers Tod hat er nur vom Hörensagen gewusst. Dennoch hat er am 05.05.1945 bei einem Verhör behauptet, er habe Hitlers Leiche persönlich gesehen.
57
Das war eindeutig gelogen. Im ersten Verhör nach seiner Festnahme, am 02.05.1945, sagte er jedenfalls wahrheitsgemäß: „Von Hitlers Tod berichtete mir Goebbels.“
58
Und so war es wohl auch, denn Voss kam erst wieder in den Bunker, als die Leichen schon vor dem Bunker brannten und er ging nicht hinauf vor den Bunker, um die Verbrennung zu beobachten.
Der Chefkoch der Reichskanzlei, Wilhelm Lange, hatte Hitler nach eigenen Angaben zuletzt Anfang April 1945 gesehen, als dieser mit seinem Schäferhund im Garten der Reichskanzlei spazieren gegangen sei. Lange berichtete, dass am 30.04. der „Reichshundeführer“ Feldwebel Tornow, zu ihm in die Küche gekommen sei und verstört gesagt habe: „‚Der Führer ist gestorben, und von seiner Leiche ist nichts geblieben.’ Unter den Angestellten der Reichskanzlei kreisten Gerüchte, dass sich Hitler vergiftet oder erschossen und man seine Leiche verbrannt hätte. Ob es wirklich so war, weiß ich nicht.“
59
Der Garagenmeister des Führerbegleitkommandos, Karl Schneider, hat lediglich Benzin für den Bunker bereitgestellt. Er selbst kann aufgrund der Umstände nichts gesehen haben, was mit Hitlers Tod in Zusammenhang stand, wenngleich er dies später behauptete.
Die erwähnten „anderen Wachleute“ waren im entscheidenden Zeitraum auf Weisung von Hitlers Adjutant SS-Sturmbannführer Günsche, vom Führerbunker abgezogen worden, so dass keiner von diesen Leuten hätte etwas Relevantes berichten können.
Der technische Leiter der Reichskanzlei, Zimm, sagte lediglich aus: Am 30.04.1945, 18:00 Uhr (also nach Hitlers angeblichem Tod) seien ein Kanalarbeiter und ein Elektriker „von der Arbeit im Führerbunker zurück …“ gekehrt und hätten berichtet, sie hätten dort gehört, der Führer sei tot.
60
Er hatte also nur gehört, was andere auch nur gehört hatten.
Der in der Tabelle erwähnte Harry Mengershausen wurde („gegen Ende unserer Nachforschungen“
61
) von Klimenkos Leuten festgenommen und im Hof der Reichskanzlei von Major Bystrow verhört. Mengershausen befürchtete, erschossen zu werden und berichtete deshalb, was er glaubte, dass es die Russen hören wollten. Er belog die Verhörenden nachweislich. Er hat seine Aussagen zum Teil schon bei den Russen korrigieren müssen.
Was die wichtigeren Zeugen betraf, so wurde der SS-General Rattenhuber als ein führend an Hitlers Flucht Beteiligter betrachtet. Er lieferte einen schriftlichen Bericht64 (Siehe: Dossier Rattenhuber), der dazu diente, alle Vermutungen der Russen hinsichtlich einer Flucht Hitlers weg zu argumentieren. Rattenhuber war demnach am 30.04.1945 erst nach dem Transport der beiden Leichen in den Führerbunker gekommen. Er tat alles, um jede zeitliche und örtliche Nähe zu Hitler am 30.04.1945 zu leugnen. Seine ersten Vernehmungen führten dazu, dass einer seiner Untergebenen, der RSD-Wachmann Mengershausen gefunden wurde. Von Rattenhuber stammte auch die Behauptung, Chefdiener Linge habe Hitler auf dessen Wunsch erschossen (Gnadenschusstheorie), nachdem dieser sich vergiftet habe.65
General Baur wurde ebenfalls als Beteiligter an Hitlers Flucht betrachtet. Sicher hat er mehr gewusst, als er trotz Folter ausgesagt hat, und er gab seinem Stellvertreter Oberst Betz einen Anwesenheitsnachweis, aber er selbst flog Hitler nicht aus.
Hitlers Adjutant Otto Günsche bestätigte, dass Hitler und seine Frau sich im Bunker getötet hätten. Er sagte aus, dass zwei Leichen verhüllt nach oben getragen und dort verbrannt worden seien. Er behauptete, die Leichen seien restlos verbrannt. Günsche, ein absolut zuverlässiger Gefolgsmann Hitlers hat unseres Erachtens dessen Flucht gedeckt.
Hitlers Chefdiener Linge bestätigte, dass Hitler und seine Frau sich im Bunker getötet hätten. Er sagte aus, dass zwei Leichen verhüllt nach oben getragen und dort verbrannt worden seien.
Welche Beweiskraft die Aussagen der Zeugen hatten, die sich in russischer Gefangenschaft befanden, kann man nur einschätzen, wenn man zwei Dinge beachtet:
Erstens: Ein Eid gegenüber dem Feind, und als solcher wurden die Alliierten, insbesondere die Russen, von den Gefangenen nach wie vor betrachtet, galt nichts gegenüber dem Eid, den man auf den eigenen Oberbefehlshaber geleistet hatte.
Zweitens: Die Zeugen wurden in Russland gefoltert und in den Zellen bespitzelt. Es gibt zwar Autoren die, bezogen auf die Folter, behaupten, das sei nicht so gewesen, aber das war eindeutig so und hätte auch verwundert, da Stalin nicht zimperlich dabei war, sogar die eigenen kommunistischen Genossen (selbst alte Kampfgefährten, Lenins Volkskommissare) foltern zu lassen. (Vergleiche „Dossier Verhörmethoden der Sowjetgeheimdienste“)
Aussagen unter Folter dürfen in demokratischen Staaten nicht als Beweise genutzt werden, da man davon ausgehen muss, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen, sondern dem Folterer zu Gefallen oder zur Leidensvermeidung gemacht wurden. In Diktaturen, und eine solche war die Sowjetunion Stalins auch („Diktatur des Proletariats“), ist das allerdings anders.
Zur weiteren Abschöpfung von Informationen über die Person Hitler, Hitlers Privatleben, seine politischen und militärischen Entscheidungen etc., die der Geheimdienst dem Diktator Stalin präsentieren wollte, wurden drei Quellen besonders verhört: Günsche, Linge und Baur. Von denen versprachen sich die Vernehmer aufgrund ihrer funktionsbedingten Nähe zu Hitler besonders viele Informationen zu erhalten. Die Verhöre von Baur ergaben aber wohl bald, dass er für den beabsichtigten Zweck, ein Buch über Hitler für Stalin, nicht die geeignete Quelle war.
Günsche und Linge aber wurden am 29.07.1948 zum Abschöpfen ihrer Informationen in das „Sonderobjekt Nr. 5 des NKWD“, ein Landhaus in der Nähe von Moskau, überführt. Sie erhielten Zivilkleidung und bessere Verpflegung. Die Vernehmungen für den Text des Buches waren Ende 1949 abgeschlossen.
Die sowjetischen Geheimdienstler machten sich Sorgen: „Wenn es keine Überreste gibt oder wenn sie nicht gefunden werden können, bedeutet dies: Wir bleiben der Welt den unwiderlegbaren Beweis von Hitlers Ende schuldig. Sein ‚Verschwinden’ würde den Nährboden für Mythen und Spekulationen bilden. Daran konnten nur seine Anhänger Interesse haben.“66
Es war also aus sowjetischer Sicht dringend notwendig, zu den Zeugenaussagen hinsichtlich des Todes und der Verbrennung Hitlers den dazu passenden entscheidenden Sachbeweis, also die Leiche zu finden. Am besten wäre natürlich die von Hitler gewesen, notfalls war man aber, wie die Geschichte zeigt, auch zufrieden, wenigstens irgend eine Leiche als Hitlerleiche präsentieren zu können. Das geschah auch in zwei Fällen. Für die Weltpresse und die sowjetische Wochenschau wurden Fotos mit Leichen gemacht, die Hitler ähnlich sahen oder so zurechtgemacht wurden, dass man es bei oberflächlicher Prüfung annehmen konnte. In mindestens einem Fall war es ein echter Doppelgänger. Dennoch wurde natürlich die Suche nach der echten Leiche fortgesetzt.
04.05.1945: Der Suchtrupp von Oberstleutnant Klimenko durchsuchte die Reichskanzlei und das Bunkerumfeld intensiver. Im Garten der Reichskanzlei wurden in der Nähe des Bunkereinganges etwa 15 Leichen gefunden.
In einem Granattrichter, drei Meter vor dem Notausgang des Führerbunkers, direkt am Gerüst des Abluftturmes, wurden schließlich zwei mit Erde bedeckte verkohlte Leichen entdeckt, die später als die Hitlers und seiner Frau galten.67
Der Fund war mehr ein Zufallsprodukt, wenn man Klimenkos Darstellung folgt.68 Wegen des Fundes einer weiteren Leiche, die nicht verbrannt war und eine Art Uniform (Litewka) trug und dazu noch Hitler ähnelte, seien diese beiden Leichen wieder vergraben worden.69 Diese neu aufgefundene und später als „Doppelgänger“ bezeichnete Leiche war es, die, wie bereits erwähnt, im Speisesaal der Reichskanzlei aufgebahrt wurde, um sie identifizieren zu lassen. Schnell wurde dann erkannt, dass diese Leiche, die gestopfte Socken trug, nicht der Führer des Deutschen Reiches sein konnte. Es handelte sich vermutlich um einen gewissen Gustav Weler.70
Auch der Sowjetdiplomat A. A. Smirnow, der Hitler vor dem Krieg in Deutschland mehrmals sah, stellte am 04.05.1945 fest, dass es sich bei der zur Identifizierung aufgebahrten Leiche nicht um Hitler handelte.71
05.05.1945, 05:00 Uhr: Klimenko erinnerte sich angeblich in der folgenden schlaflosen Nacht daran, dass Gefangene behauptet hätten, die Leichen seien in einem Granattrichter vergraben worden.72 Angeblich hat er dann mit seinem Stellvertreter und dem Fahrer am frühen Morgen die beiden Leichen aus dem Granattrichter gezogen.74 Das musste heimlich nachts geschehen, denn inzwischen hatte die 5. Stoßarmee unter dem Kommando von Generaloberst Bersarin, dem späteren Stadtkommandanten von Berlin, das Gelände von der 3. Stoßarmee des Generalobersten Kusnezow übernommen und Klimenko hatte dort nichts mehr zu suchen.75 Die geborgenen Leichen wurden nicht etwa zur Identifizierung nach Plötzensee gebracht, wie das mit den anderen Leichen geschehen war, sondern ohne Zeitverzug noch am 05.05.1945 nach Berlin-Buch in das Mobile Chirurgische Feldlazarett Nr. 496.76 Man war froh, endlich eine Hitlerleiche gefunden zu haben. Eine Identifizierung durch Gefangene wurde als störend empfunden, denn diese hätte ja, schon aufgrund des Zustandes der Leiche, negativ sein können. Und das passte nun gar nicht.
09.05.1945: Der Vorgesetzte des RSD-Beamten Mengershausen, SS-General Rattenhuber, bezeichnete an diesem Tage in einer schriftlichen Aussage Harry Mengershausen als einen der Männer, welche die beiden Leichen vergraben hätten.77 Natürlich wurde nun nach Mengershausen gesucht.
12.05.1945: An diesem Tag wurde der bereits am 02.05.1945 in Gefangenschaft geratene Harry Mengershausen78, unter den Gefangenen identifiziert.79 Während eines Verhörs im Hof der Reichskanzlei durch Major Bystrow (Gruppe Klimenko) sagte er aus, dass er beobachtet habe, wie zwei Leichen vor dem Notausgang des Bunkers verbrannt worden wären.80 Mit der erfundenen Geschichte einer aus der Ferne erfolgten Beobachtung des Geschehenen gedachte er zum einen den Wissensdurst der Vernehmenden zu stillen, um Pressionen vorzubeugen und zum anderen, wollte er vermeiden, dass er gar als ein direkt zur Bunkerbesatzung Gehörender und damit Hitler Nahestehender erkannt werden würde.81 (siehe Dossier Mengershausen)
Während eines weiteren Verhörs im Stab gab Mengershausen schließlich, konfrontiert mit der Zeugenaussage seines Chefs Rattenhuber, an „... dass er den Ort zeigen könne, wo die SS-Männer die Leichen mit Erde bedeckt haben.“82 Deshalb wurde Mengershausen erneut zur Reichskanzlei gebracht, wo er auf dem Gelände zwischen Reichskanzlei und Notausgang des Führerbunkers zum Garten die Stelle zeigen musste, wo die Leichen vergraben wurden. Als Mengershausen auf den Granattrichter in direkter Nähe des Notausganges wies, aus dem Klimenkos Leute acht Tage zuvor die Leichen entdeckt und herausgeholt hatten, drei Meter vor dem Bunkerausgang und deutlich als Grabungsstelle erkennbar, bestätigte sich für Klimenko und seine Offiziere, dass sie am 05.05.1945 (erstmalig allerdings schon am 04.05. 1945) tatsächlich die Leichen von Hitler und dessen Frau aus dem Granattrichter geborgen hatten.
Generalleutnant Wadis, der oberste Chef von Klimenko bei der SMERSCH der 3. Stoßarmee hat aber in seinem Bericht von Ende Mai 1945 nach Moskau geschrieben, dass Mengershausen bereits am 05.04.1945 die Gruppe Klimenko zu der Stelle geführt habe.83 Die Wahrheit war also möglicherweise eine ganz andere.84
Auf der Basis aller bis zum 08.05.1945 erfolgten Verhöre und gesicherten Beweisstücke lieferte auch der Generaloberst Bersarin, der sowjetische Stadtkommandant von Berlin, einen Bericht, der die Geheimdienstuntersuchungen zusammenfasste, an den Kreml. Die wesentlichen Inhalte waren:
Hitlers Leiche sei im Führerbunker gefunden worden.
Sie sei von Kugeln durchlöchert und mit zahlreichen Blutergüssen (durch Prügel) gezeichnet gewesen.
Fotos der Leiche seien auf dem Kurierweg nach Moskau.
Mehrere Zeugen aus Hitlers Stab hätten die Leiche als die von Hitler identifiziert. Nur ein Fahrer und ein Dienstmädchen nicht. Der Fahrer habe behauptet, es handele sich bei der Leiche um einen Koch aus der Reichskanzlei mit großer Ähnlichkeit zu Hitler, den er gut gekannt habe.
Der Fahrer sagte auch aus, Hitler sei in der Nacht des 01.05.1945 geflohen.
85
Ein durchaus merkwürdiger Bericht der so gar nicht passte zu dem, was die Angehörigen der SMERSCH-Gruppen von Oberst Gorbuschin und Oberstleutnant Klimenko berichteten und protokollierten.86 Falls da wirklich eine Hitler ähnlich sehende Leiche im Bunker zusammengeschlagen und von Kugeln durchsiebt wurde, drängt sich die Vermutung auf, dass ein Doppelgänger, der nicht sterben wollte, zusammengeschlagen und erschossen wurde. Möglicherweise handelte es sich aber nicht um einen Fund im Führerbunker, sondern im Bunker unter der Reichskanzlei, was auch zu der Aussage eines Zeugen passte, es handele sich bei der Leiche um die eines Hitler ähnlich sehenden Koches aus der Reichskanzlei. Möglicherweise hatten betrunkene Sowjetsoldaten, die vor den Geheimdienstlern in die Keller der Reichskanzlei eindrangen ihre Wut auf Hitler an dem Koch ausgelassen, weil er wie Hitler aussah, haben ihn verprügelt und dann erschossen. Als ihnen klar wurde, dass Hitler ja möglichst lebend gefangen werden sollte, haben sie die Tat verschwiegen. Es sei noch erwähnt, dass inoffizielle sowjetische Quellen in diesen ersten Maitagen behaupteten, man habe im Bunker sogar vier Leichen gefunden, „die einige Ähnlichkeit mit Hitler“ gehabt hätten.87
Bei der Obduktion der weiblichen Leiche, hatte man festgestellt, dass sie eine schwere Verletzung im Brustbereich aufwies und man sicherte Metallteile im Brustbereich. Die Verletzungen sollen noch zu Lebzeiten der weiblichen Leiche erfolgt sein. Später hat der Gerichtsmediziner Semenowski aber dann erklärt, dass sie auch nach dem Tode verletzt worden sein könnte. Vermutlich passte diese korrigierte Variante besser zu den angeblichen anderen Untersuchungsergebnissen, weil die Erklärung der Herkunft der Verletzungen nach der vorherigen Darstellung zu mühsam gewesen wäre, Man brauchte rasch abschließende Ergebnisse.
Zur Erklärung dieser Merkwürdigkeit passte den Verhörern, dass RSD-Chef Rattenhuber behauptete (oder nach Drohungen bestätigte?), dass der Schuss, mit dem Hitlers Chefdiener Linge angeblich Hitler töten sollte (Tod auf Verlangen), Eva Braun getroffen haben könnte. Die Dolmetscherin der Ermittlergruppe von Oberst Gorbuschin schrieb: „Linge hat auf Hitler geschossen, erklärte Rattenhuber – nicht wissend, dass die Kugel Eva Braun getroffen hatte.“88 Und die wäre ja bereits durch Vergiftung tot gewesen. Aber was nun? Metallteile oder Projektile? Hier ist offensichtlich bei den Erklärungsversuchen geschludert worden.
Die Ermittlungsergebnisse der Aufklärungsgruppe Klimenko (Befragung von Gefangenen, Untersuchung der Reichskanzleigebäude und der beiden Bunker, Ausgrabung von Leichen) bestanden also unter dem Strich lediglich:
in der durch Vizeadmiral Voss verursachten Entdeckung einer falschen Hitlerleiche im Garten der Reichskanzlei, welche als „Doppelgänger“ durch die Medien ging;
in der angeblichen Entdeckung eines weißen Hochzeitskleides von Eva Hitler im Führerbunker, welches es aber mit Sicherheit gar nicht gab (Klimenko-Märchen) oder das ein edles Nachtgewand war, etwas, was Klimenko mangels positiver Erfahrungswerte mit edler Nachtwäsche und durch den Vergleich mit der Damennachtwäsche seiner Versorgungskategorie in der Sowjetunion durchaus als Hochzeitskleid betrachtet haben könnte;
in den Informationen über die letzten Bunkertage durch Voss und andere Zeugen;
in dem Fund der Leichen der Familie Goebbels;
in dem Fund der Leiche von General Krebs;
in dem Zufallsfund der angeblichen Leichen von Hitler und dessen Frau;
in der zweifelhaften Bestätigung durch Mengershausen, dass es sich dabei um Hitlers Leiche und die seiner Frau gehandelt habe;
in dem Fund zweier Hundekadaver, der vergifteten „Blondi“ und ihres Welpen, des erschossenen „Wolf“;
in der falschen Information, Axmann habe Hitlers Asche mitgenommen.
89
Das war der Stand vom 13.05.1945. Und er war für die mit der Suche nach Hitler beauftragten Geheimdienstoffiziere keineswegs erfreulich.
Im Bunker und außerhalb des Bunkers wurden diverse „Beweisstücke“ zusammengetragen, von denen einige auf Hitler hinwiesen und deren Existenz ebenfalls dem Nachweis dienen sollte, dass Hitler tot sei.
Allerdings wurde auf typisch sowjetische Weise - Schlamperei - gearbeitet. Zahlreiche Unterlagen und Gegenstände, ja sogar Aufzeichnungen über Hitlers Tagesablauf mit den wichtigsten Terminen, geführt vom Chefdiener Linge, den Zeitraum vom 14.10.1944 - 28.02.1945 betreffend, wurde nicht von den Rotarmisten sichergegestellt, die den Bunker in ihrem Machtbereich hatten und bewachten, sondern von einem britischen Oberstleutnant, der zusammen mit einem britischen Brigadegeneral (Dr. Dick White?) den Bunker besuchte und (vier Monate nach Kriegsende) das offen auf einem Stuhl liegende „Tagebuch“ fand!91
Die von den Sowjets sichergestellten Beweisstücke kann man in Primärbeweisstücke (sind eindeutig Hitler und/oder seiner Frau zuordenbar) und Sekundärbeweisstücke (sind nur vermutlich Hitler und/oder Frau zuordenbar) unterteilen. Wir wollen zunächst die Sekundärbeweisstücke vorstellen. Dies waren: Hitlers (angebliche) goldene Uhr, ein „Goldenes Parteiabzeichen“, Stofffetzen und ein EK I.
Wenn schon die Zeugenaussagen nicht wirklich belastungsfähig waren, waren es dann wenigstens die Sachbeweise?
Eine goldene Uhr: Der Chefdiener Linge hatte Hitlers Uhr möglicherweise bei sich. Er hatte ganz klare Befehle von Hitler zu befolgen: „Nach der Verbrennung solle ich alle Sachen, die an ihn erinnern könnten, fortschaffen oder verbrennen.“92 Damit hätte es bei korrekter Ausführung des Befehls keinerlei Objekte geben können, die Hitler gehörten. Linge warf aber eine Uhr, die er gegenüber einem Begleiter (SS-Oberscharführer Misch) als die „vom Führer“ bezeichnete, bei der Gefangennahme durch die Rotarmisten weg.93 Diese Uhr wurde bei der sowjetischen Kommandantur abgegeben. Da aber Linge eine solche Uhr für treue Dienste von Hitler geschenkt bekommen hatte, kann es durchaus seine Uhr gewesen sein, die er als die „vom Führer“ (erhaltene Uhr) bezeichnete. Da er eine solche Uhr geschenkt bekommen hatte, kann man aber auch davon ausgehen, dass ebenso andere Angehörige von Hitlers „Hofstaat“ eine solche Uhr erhalten haben und einer von denen starb vielleicht auf dem Gelände der Reichskanzlei (General Burgdorf?). Und natürlich konnte auch eine goldene Uhr, vielleicht sogar die echte von Hitler, bewusst zur Täuschung im Garten bzw. bei den Leichen ausgelegt worden sein. Diese goldene Uhr ist also kein Beweis für Hitlers Tod.
Ein goldenes Parteiabzeichen: In der Reichskanzlei befanden sich Ende April 1945 vermutlich mehrere Träger eines „Goldenen Parteiabzeiche. Außerdem besaß Hitler mehrere davon in Reserve an verschiedenen Uniformröcken. In den letzten Tagen hatte er von einem seiner Uniformröcke ein solches Goldenes Parteiabzeichen Magda Goebbels verliehen, der Frau seines „Trommlers“ und eine seiner fanatischsten Anhängerinnen. Um falsche Spuren zu legen, hätte durchaus ein solches verwendet werden können. Damit ist auch dieses Sekundärbeweisstück für Hitlers Tod, „Goldenes Parteiabzeichen“, als solches entkräftet.
Ein EK I: Träger des Eisernen Kreuzes Erster Klasse gab es ebenfalls viele am Ort und diese Eisernen Kreuze lagen zuletzt in großer Anzahl in Schuhkartons im Bunker, sogar für die Auszeichnung von Hitlerjungen, bereit. Das aufgefundene EK I ist also auch kein Beweis für Hitlers Tod.
Stofffetzen: Gefunden wurde „ein an den Rändern verbranntes Stück gelben Strickstoffes“. Gelber Strickstoff? Das deutet auf eine Weste oder Strickjacke hin. So etwas trug Hitler nachweislich nicht.
Auch der Stofffetzen fällt als Beweis für Hitlers Tod aus.
Weitere Fundstücke94. Direkt in dem Granattrichter, in welchem man die männliche und die weibliche Leiche fand, wurden weitere Fundstücke gesichert:
Zwei dunkle, gläserne Ampullen für Medikamente
Hitler und Eva Braun hätten garantiert keine Medikamentengläser oder „Ampullen“ mit sich herumgeschleppt. Dafür waren Ordonnanzen und Ärzte zuständig.
Versengte Blätter aus Druckschriften und kleine handbeschriebene Papierschnitzel
Die Papierschnitzel inhaltlich auszuwerten, wäre sicher hilfreich gewesen. Leider scheint das nicht erfolgt zu sein.
Sechs Einhundertmarkscheine
Ob Hitler oder seine Frau mit Geld in den Taschen herumliefen ist äußerst fraglich. Hitler hat in den letzten Tagen ganze Geldbündel aus seinem Tresor im Garten der Reichskanzlei verbrennen lassen. Da hätte er sicher nicht sechs Hundertmarkscheine als eiserne Reserve mit in den Tod genommen.
Ein elliptisches Metallschild mit der Nummer 31907
Eine Mitgliedsnummer dieser Größenordnung verwiese jedenfalls nicht auf Hitler. Auch als Erkennungsmarke hätte dieses Metallschild ihm nicht zugeordnet werden können.
Ein ellipsenförmiges metallisches Medaillon auf einer dünnen Kugelkette, 18 – 20 cm lang, mit einer Inschrift auf der Rückseite: „Laß mich immer bei Dir sein!“ oder „Immer mit dir.“ Der Hundewärter habe bestätigt, dass es von Blondi stammte.
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Die sowjetische Schlampigkeit zeigte sich zum Beispiel auch daran, dass offensichtlich keinerlei Fotos existieren, wie sie normalerweise kriminalistisch bei der Auffindung von Sachbeweisen, nach der Markierung der Lage der Objekte im Raum erfolgen.96 Und sie zeigt sich auch daran, dass keines der Dokumente aus den sowjetrussischen Archiven über die angeblichen Sachbeweise „irgend eine Auskunft über die Umstände ihrer Entdeckung“ gibt.97
Es ist anzunehmen, dass die Fundstücke etwas mit diesen dort gefundenen unbekannten Leichen zu tun hatten, denn weshalb sollten sie sonst gerade in diesem Granattrichter befindlich gewesen sein? Für den Nachweis des Todes Hitlers waren sie jedoch absolut wertlos. Da alle diese „Beweisstücke“ und die Leichen niemals von unabhängigen Gutachtern geprüft werden durften, erhielten die Zweifel an Hitlers Tod im Bunker über die Jahrzehnte immer neue Nahrung und wurden in Büchern und Zeitschriften öffentlich gemacht.
Den zuständigen Kommandeuren des Militärgeheimdienstes SMERSCH vor Ort in Berlin wurde damals schon bald klar, dass das was man bis zu diesem Zeitpunkt (am Ende der ersten Maiwoche) gefunden und aufgeklärt hatte, nicht hieb- und stichfest den Tod Hitlers bewies.
Die Leichen aus dem Führerbunker wurden einer sofortigen ersten Untersuchung durch Militärärzte unterzogen. Zudem ist es durchaus denkbar, dass eine medizinische Geheimdienstabteilung der SMERSCH oder des NKWD die beiden Leichen als erste begutachteten, ebenso, wie es denkbar ist, dass die Beteiligten an der offiziellen Obduktion gelogen und die Protokolle mit falschem Datum versehen haben. Dafür spricht einiges.
Generalmajor Telegin, Mitglied des Kriegsrates der 1. Belorussischen Front, hatte aus Moskau die Anweisung erhalten, alle Leichen von Führungskräften des Naziregimes genau begutachten zu lassen und festzustellen, ob es sich wirklich um die vermeintlichen Personen handele. Deshalb erteilte er am 03.05.1945 den Befehl zur Bildung einer Untersuchungskommission aus Gerichtsmedizinern und Pathologen.99
