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Es ist lange her, und doch nicht so lange, daß mir inzwischen ein Zug, eine Linie, ein Licht oder ein Schatten von dem, was ich schildere, im Gedächtniß erblaßt oder verschwunden wäre. Es ist eine Erinnerung aus der Jugendzeit, wo das Herz noch voll üppiger, überschwenglicher Träume, der Kopf voll kühner Pläne, wo die Hand mit grüner Unerschrockenheit in die düstere, nächste Zukunft hinausgriff.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Vampyr
Hans Wachenhusen
© 2025 Librorium Editions
ISBN : 9782385749699
Im Balkanpaß.
Gospodin Jowan.
Was der Mudessarif gewollt.
Marko und sein Weib.
Viktor Berzek.
Selwa's Sckicksal.
Kola Petrowic.
Das Zigeunerweib.
Unter dem Jasmin.
Des Mudessarif Opfer.
Jowan's Entschluß.
Jowan's Schatzkammer.
Auf der Flucht.
Ueber die Berge.
Das Berggespenst.
Martelli.
Jowan! Jowan!
Ein Pferd.
Im Kloster.
Martelli hat immer Recht.
Der Vampyr.
Es ist lange her, und doch nicht so lange, daß mir inzwischen ein Zug, eine Linie, ein Licht oder ein Schatten von dem, was ich schildere, im Gedächtniß erblaßt oder verschwunden wäre. Es ist eine Erinnerung aus der Jugendzeit, wo das Herz noch voll üppiger, überschwenglicher Träume, der Kopf voll kühner Pläne, wo die Hand mit grüner Unerschrockenheit in die düstere, nächste Zukunft hinausgriff.
Der Schauplatz, von dem ich erzähle, ist heute noch derselbe. Der Balkan streckt noch heute sein schneebedecktes Haupt, der Sonne trotzend, über Bulgarien und Rumelien, seinen Brüdern drüben jenseits des Marmarameeres und des goldenen Hornes winkend. Adler und Geier kreisen über den wild gezackten und geklüfteten Felsen und Schlünden des Hämus, die schnellfüßigen bulgarischen Rosse tänzeln noch heut in langen Reihen über die schmalen Pässe des Balkan, an steiler Granit- oder Kreidewand, an unergründbaren Tiefen entlang; Bär und Wolf hausen noch heut ungestört in dem Dickicht der Bergkuppen, in den blauen Schluchten, und nur das „Haide!“, des türkischen Postillons, das melancholische Flötenspiel einer rastenden Zigeunerbande oder das Gebell eines wilden Hundes unterbricht die Stille wohl, die kein Schuß des Jägers zu stören wagt.
Es ist alles wie es war, und Todesstille mag augenblicklich wieder über den phantastisch gestalteten Abhängen des Gebirgszuges Balkan herrschen, die Stille des Todes, namentlich an den trostlosen Stätten, welche die Geier vor Kurzem beutewitternd überkreisten, als der Islam seinem Propheten so grauenhafte Opfer brachte, als Plündersucht und Mordlust die christlichen Dörfer und Flecken überfielen und zu Tausenden die Bekenner des Kreuzes hinschlachteten.
Trümmerhaufen mögen jetzt die Stätten bezeichnen, an welchen die bulgarischen Niederlassungen gestanden, ein stilles, duldendes Völkchen beherbergend, das in der Furcht vor der Willkür der Gouverneure und seiner Schergen die goldenen Dukaten vergrub, die sein Schweiß erspart, schweigend seine Frohnden unter der Peitsche seiner Würger leistete, den Zehnten gewissenhaft zum Mudir trug und am stillen Herd in den unterirdischen Höhlenwohnungen der Armen, unter dem anspruchslosen Dach des Bauern heimlich seine Lieder summte, in denen es die Helden einer blutigen Vorzeit feiert.
Langsam ansteigend hebt sich aus den grünen Donautriften der Weg zum Balkanpaß von Tirnowa. Grotesker gestalten sich vor uns die dunklen Bergkolosse, einer den andern überragend, schärfer werden ihre Umrisse, aus dem Nebelblau heraustretend; spärlicher werden die Ansiedlungen, selbst die Heerden der wilden Hunde werden seltener und die Gassen von Nußbaum, Feige, von Maulbeer und Edelkastanie weichen dem wilden Unterholz, dem majestätisch anwachsenden, von keiner Axt gelichteten Gebirgsforst.
Höher steigt der Weg, auf dem uns nur zuweilen ein von schwarzen Büffeln bespannter Karren oder ein auf dem Eselein trottender, zerlumpter Zigeuner noch begegnet. Die Maisfelder hören auf, aus denen uns die schwarzen Augen bulgarischer Dirnen neugierig entgegen schauten. Ginster, Disteln und Dornen wechseln mit mannshoch bewachsenen Prärieen, in denen keine Roßheerde mehr waidet. Felsiger wird der Pfad, dunkler, massiger wird's vor uns, die schroffen, scharfgezackten, gespaltenen oder über einander geschobenen Granit- und Schieferwände rücken näher und näher.
Wir erreichen den Eingang des Balkanpasses. Zwei riesige Felsblöcke bewachen ihn, auf ihrer Höhe zwei drohende Schanzen, die schon ihre Rollen in den Erbfehden mit Rußland gespielt, der erste Vorposten eines Gebirgspfades, den auf schwindelnden Höhen nur der Fuß des zierlichen Bergrosses, eins hinter dem andern kletternd, zu ersteigen vermag.
Hell schlägt der Huf unter uns auf dem Felsenweg, daß das Echo an den steilen schwarzen, mit Gestrüpp überhangenen Wänden eine taktmäßige Musik unterhält. Schauerlich überfällt uns die Kälte. Die Unke flieht gestört in ihre Felsspalte zurück, die schillernde Eidechse windet sich an dem aufstarrenden Gestein zwischen dem Rankenwerk, die kleine Landschildkröte steckt neugierig den Kopf aus den Lianen hervor; Fuchs und Iltis jagen in hohen Sprüngen über die Schründe und gellend ertönt das Pfeifen des Falken über uns.
Jetzt thut die Schlucht sich auf. Wie ein Feenmärchen liegt es vor uns. Rechts hebt sich die Gebirgswand steiler, mächtiger, von Lianen, Epheu, Felsblümchen und Steinröschen wie mit einer bunten Tapete überhangen; links gießt sich die Jantra, ein silbern lustiges Gebirgsflüßchen, über kolossale schwarze, in ihrem unruhigen Bett lagernde Felsblöcke, die, von den Höhen herabgestürzt und spiegelblank geschliffen durch die ewig spülende, schäumende Welle, ihr Recht dort behaupten.
Zischend gießt sich der Fluß vom Abhang herab, seine Millionen glitzernder Perlen in weiten Sprühregen über die frisch begrünte Thalsohle dahinstreuend. Ueppiges Rankenwerk hängt vom jenseitigen Ufer in den Fluß herab, Ahorn-, Maulbeer-, Feigenbaum und wilder Jasmin spiegeln sich in der lustigen, geschwätzigen Flut. Alles athmet Leben, Alles fingt ein Lobgedicht, Alles wuchert und sprießt, und wiederum steigt vor uns der Fels an; zackig ist der Giebel, über dessen Front sich die Jantra herabstürzt.
Drüben, von den Feldspitzen überragt, schaut von dem Abhang ein seltsam geformtes Gebäude mit flachen Dächern und graziösen Thürmchen; weiß und blendend leuchten seine Mauern über das Thal, blendender noch strahlen die weißen Metalldächer der Thürme, auf denen die Sonne spielt.
„Ein Monastir ist's,“ so sagt der Tatar, ein Kloster. Und so ist's ja überall! Mögen sie zu Allah oder Zebaoth beten, die Herren der Kirche suchen für ihre Einsamkeit die herrlichsten Stätten. Seit Kurzem ist das Kloster verödet, nachdem es den härtesten Schicksalen, dem Fanatismus des Islam getrotzt. Nur jeweilig beherbergt es wieder fahrende Mönche, fromme Pilger, die vom Morgen zum Abend ziehen. Ist doch die Menschenseele nie froher und frommer, als wenn sie vor des Allmächtigen schönsten Werken steht!
Eine Stunde lang dehnt sich das poetische Thal dahin, immer begleitet von der geschwätzigen Jantra, bis der Weg wiederum eine steile Höhe erklimmt, dicht vorüber an dem tief abschießenden Flußufer. Es ist ein Hochthal. Wieder dieselbe Romantik. Ein ungeheurer Felsblock liegt inmitten des Kessels. Riesige Baumdome beschatten die grünen Triften. Ueber ihnen klettern bereits die kleinen Häuschen der Bulgaren und Türken an den Terrassen der Basaltwände hinan und abermals blicken uns von den Plateaux zwei mächtige Schanzen, überweht von der rothen Halbmondflagge, entgegen.
Es ist der Osmanentrotz, der hier den Paß verlegt, dessen Feuerschlünde verderbendrohend in das Thal hinab gerichtet. Hinter den Schanzen hängen wiederum die Häuschen gleich Schwalbennestern an den Abhängen, und die schlanken Minarets mit ihren Blechdächern verkünden uns die Stadt Tirnowa, die einstige Residenz der bulgarischen Könige.
Eine enge Straße nimmt uns auf, nicht zugleich der Schmutz echt orientalischer Städte. Das griechische Christenthum hat sich hier vorzugsweise seit langem Gedenken angesiedelt. Die Häuser sind meist von Holz nach Orientsitte, aber sie sind sauber und einladend mit ihren flachen Dächern. Blumen stehen auf den Holzgesimsen an den geöffneten Fenstern; manch' dunkeläugiges, schönes Bulgarenkind mit den blanken Münzen in den um das Haupt gewundenen schwarzen Zöpfen schaut neugierig heraus, als frage es den Fremden: „Um Gott, wie kommst denn Du hieher?“
Der Pferdehuf dröhnt auf dem holperichten Pflaster, der begleitende Gendarm gibt sich eine achtunggebietende Miene, hebt sich im Sattel, zieht die Hälse seiner Pistolen höher aus den Holstern, streicht sich den Schnauzbart und blickt mit Amtsmiene auf die bulgarischen, griechischen, armenischen und türkischen Kaufleute, die in ihrer nach der Straße zu offenen Läden hocken.
Die Schneider lassen die Nadel ruhen, die Schuster den Hammer, der Tabakshändler vergißt das frische, duftende Kraut zu schneiden. Der Weg geht direkt zum Pascha-Konak, zur Residenz des Gouverneurs. „Haide!“ ruft der voranreitende Postillon durch die sich krumm dahinwindenden, aber freundlichen Gassen. Das weite Thor des Konak steht geöffnet; es füllt sich mit bärtigen Gesichtern, mit bunten Uniformen, unter ihnen der stets bereite Dolmetsch des Pascha, dahinter im Thorgewölbe der neugierige Dienertroß desselben, und — da steht auch, Allen voran, überragt von zwei baumlangen englischen Offizieren, der Held unserer Erzählung, von dem ich diese bis auf einige romantische Zuthaten buchstäblich wahre Geschichte jetzt erzählen will.
Ein hübscher Bursche von etwa vierundzwanzig Jahren, mit schwarzbraunem Kraushaar, blitzenden dunklen Augen, leicht gestutzter Nase und einem keck gekräuselten Bärtchen auf der Oberlippe — ein Bild jugendlichen Trotzes, den er seiner wetterbraunen Gesichtsfarbe nach schon geprüft zu haben scheint.
Schlank und doch von muskulösem Bau, in einer dunklen Joppe, das Tuch lose im den Hals geschlungen, ein Stilet in dem schmalen rothseidenen Gürtel, die Reitstiefel über das Knie gezogen, spielt er eine auffallende Rolle unter der bunten Gesellschaft.
Der Orientkrieg hatte damals eine Menge abenteuerlicher Existenzen auf der Balkanhalbinsel versammelt; die westmächtlichen Truppen waren bereits gelandet, die ersten englischen und französischen Kriegsdampfer ankerten auf der Rhede von Varna und Burgas; es fehlte also nicht an wilder, romantischer Staffage.
Die Belagerung Silistrias war vor einigen Wochen aufgehoben; die russischen Truppen hatten sich über die Donau in die Wallachei zurückgezogen, verfolgt von den Türken, die ihnen drüben noch die zwei siegreichen Treffen bei Giurgewo und Oltenitza lieferten. Alles wälzte sich also jetzt gen Osten an die Ufer des Schwarzen Meeres, und die Balkanpässe von Tirnowa und Prawadi bildeten die Etappenstraßen für die nach Beendigung des Vorspiels, des Donaukrieges, disponibel gewordenen türkischen Regimenter.
Und auch die sahen abenteuerlich genug aus! Eine Armee, die keine Intendantur, also auch kein regelmäßiges Verpflegungswesen kennt, hatte drei Jahreszeiten hindurch ohne Sold, ohne ausreichende Nahrung, ohne selbst den nöthigen Ersatz für ihre Bekleidung die russischen Angriffe, die Belagerungen von Kalafat und Silistria bestanden.
Zerlumpt, aber mit ungebrochenem Muth, getragen vom Bewußtsein ihrer Bravour, zogen die türkischen Tabors die Balkanwege daher, die Füße in Lappen gewickelt, die Uniformen zerfetzt, die Offiziere selbst mit zerrissenen Nähten und klaffenden Stiefeln.
Und doch herrschte trotz Allem die bewundernswertheste Ordnung in den Regimentern des Nizam, der Linie, selbst in denen der Redifs, der Landwehr, und was an Demoralisation verlautete, das leisteten damals wie heute die Irregulären, die Baschi-Bozuks, die nicht selten in den Balkanschluchten die Proviantzüge ihres eigenen Padischah überfielen und auf eigene Faust den Krieg gegen Feind und Freund führten.
Zu der Rajah, den christlichen Unterthanen der Pforte, die damals für den Krieg am meisten bluten mußten, gehörte der reiche Jowan Silowic, ein geborner Serbe, der draußen vor der Stadt Tirnowa auf der grünen Matte in dem Thalkessel, den auf der südlichen Seite die hochaufsteigenden Felsen, auf der nördlichen das mächtige Plateau des Klosters beherrschten, seine Niederlassung, ein Gehöft mit bescheidenem Wohnhaus, aber großen Magazinen besaß.
Jowan war ein Graubart von echtem Serbenschlag, ein Mann, der wohl seine vollen sechs Fuß über der Meeresfläche stand, mit breiten Riesenschultern, dem Nacken eines Stiers, martialischem Schnurrbart, der sein braunes, verwittertes Gesicht in zwei Hälften theilte, und großen südslavischen Augen, unter denen die Backenknochen stark hervorsprangen. Er hatte kolossale Fäuste, aber Niemand durfte sich beklagen, daß sie je ihm etwas zu Leide gethan, denn Jowan war Rajah, d. h. ein stiller Dulder, wie sie Alle, in steter Furcht vor der despotischen Gewalt des Mudir.
Jowan Silowic trug stets das Bulgarenkäppchen auf dem kahlen Scheitel, um welchen sich sein krauses Haar wie Schafwolle kränzte; er trug, selbst wenn er zu Hause war, gern das schlichte graue Bulgarenhemd, über der Hüfte mit einem Gürtel gehalten, graue kurze und weite Bulgarenhosen, an die sich unter dem Anie die mächtigen Stiefel schlossen.
Er war der Sohn eines armen serbischen Krämers in Negotin, hatte als junger Mann an der Militärgrenze durch Tabatschmuggel und Roßtäuscherei ein kleines Vermögen gewonnen, hatte dann in Ungarn und Oesterreich bis tief nach Deutschland hinein den dankbaren serbischen Viehhandel betrieben und endlich in Tirnowa die Tochter eines angesehenen Bulgaren geheirathet. Seit einem Menschenalter trieb er hier bedeutende Geschäfte. Seine Verbindungen dehnten sich bis nach Wien und über den Balkan hinweg nach Konstantinopel und Kairo. Sein Hauptaugenmerk war anfangs der Großhandel mit Rosenöl gewesen, das die Bauern des Balkan in den endlosen Triften auf den Centifolienfeldern gewinnen. Er selbst verstand es mit Geranium zu verfälschen, und was die türkische Regierung von dem Produkt nicht bekam, das ging heimlich oder öffentlich in Jowan's Hände. Seine Magazine waren stets mit Kukuruz (Mais), mit Waizen und anderem Getraide gefüllt; er hielt in den Prärieen an der Donau ganze Pferde- und Büffelheerden, besaß in den bulgarischen Uferstädten und in der Walachei große Faktoreien und Agenten in Bukarest, Galatz, Wien und Stambul.
Jowan's Vermögen ward auf Millionen von Dukaten geschätzt; aber er lachte ängstlich, wenn ihm Jemand damit kam, und kraute sich mit der Riesenhand in der Schafwolle, wenn man so unvorsichtig oder boshaft war, ihn einen reichen Mann zu schelten.
Mit der Zunge schnalzend erklärte er das Gerücht für eine schändliche Lüge, mit der ihm seine Neider nur die Steuerschraube des Mudir auf den Nacken bringen wollten. Er sei arm und aller Welt schuldig, und wenn ihm einmal ein einziges Geschäft fehlschlage, sei er ein ruinirter Mann.
Das hinderte nicht, daß er dem gestrengen Gouverneur insgeheim oft ganz ansehnliche Summen auf Nimmerwiedersehen borgen mußte, und Jowan beklagte sich nicht darüber. Es war seiner Meinung nach noch immer vortheilhafter, den Pascha zum Freund, als dessen nimmersatte Steuerpresse auf dem Hals zu haben.
Gospodin [Serbisch: Herr.] Jowan hatte an die fünfzig bulgarische Knechte, die seine Felder pflegten, ein halbes Dutzend Zigeuner, die seine Magazine beaufsichtigten, aber fast alle lebten und schliefen draußen auf den Feldern oder waren vertheilt in den elenden Selos, den Dörfern. Sein Faktotum war der alte graubärtige Zigeuner Marko, der die Aufsicht des Hauses führte, wenn er auf Reisen, während Marko's Kind, die schwarzäugige Selwa, flink und geschmeidig wie eine Eidechse, schlau und anstellig wie jede Zigeunerin, der jungen Herrin, der Tochter Jowan's, das üppige Haar salbte und ihr die Goldmünzen und die Perlen in dasselbe flocht, ihr auch melancholische Lieder sang, die sie von ihren Stammesangehörigen erlauscht, wenn diese drunten in den Bergtriften in ihren Zelten saßen und ihr Mameliga, ihr Maisbrod, backten.
In Jowan's Hause ging es einfach her, wie bei allen Rajahs, denn jedes äußere Zeichen von Wohlhabenheit oder gar Reichthum ruft den Steuereintreiber in's Haus.
Nach orientalischer Sitte lief in seinem Zimmer ein mit sauberen Teppichen bedeckter Divan an drei Wänden herum. Kein Tisch, kein Stuhl war im Zimmer; die Fenster waren ohne Glas, mit Holzgitter versehen, die Decke wurde von dicken Balken getragen, den Boden schmückte ein schlichtes Holzgetäfel. Eine schwarze Truhe stand neben dem großen Kamin, an der Wand hingen eine lange Arnautenflinte, ein paar langhalsige Pistolen und ein Yatagan, eine Vergünstigung, die dem Rajah Jowan in Rücksicht auf seine Reisen ausnahmsweise vom Gouverneur gestattet worden, denn der Rajah darf keine Waffe führen.
In dem großen Hauptzimmer zu ebener Erde empfing Jowan seine Geschäftsfreunde, auch seine Untergebenen; hier nahm er die Rapporte seiner Leute entgegen, wenn diese aus den Thälern und oft recht weit her kamen, um Rechnung zu legen; hier auch schrieb er nach orientalischer Sitte auf seinen Knieen mit der stumpf geschnitzten Pfefferrohrfeder seine Briefe, führte er seine Bücher.
Es war ein ewiges Halbdunkel in diesem großen Raume. Der Tschardack, die um das Haus laufende Holzgalerie, beschattete die Fenster und zwei uralte Steineichen breiteten ihre grünen Dome vor dem Hause aus.
In den oberen Gemächern, ebenso prunklos, wohnte Jowan's Tochter, Marinka, umgeben von Selwa und einer bulgarischen Dienerin. Ihr Bett war der Divan, mit kostbaren Teppichen belegt; sie legte ihr Haupt auf die seidenen Jastiks, die weichen Kissen. Ein paar mit Elfenbein eingelegte Truhen enthielten ihre Garderobe, ihr Geschmeide, ihre Nippsachen, die ihr der Vater mitbrachte, wenn er von Wien oder Stambul zurückkehrte, und hier in diesen Zimmern spielte sie mit den hübschen Sächelchen in Selwa's Gesellschaft, die stets um sie war; hier führten beide Mädchen ein stilles, von noch unverstandener Sehnsucht durchathmetes Traumleben, als sie heranwuchsen.
Jowan nahm sein Kind selten, nur an griechischen Feiertagen, einmal mit in die Stadt. Als es zur Jungfrau herangewachsen, ward häusliche Abgeschlossenheit sein Loos. Zu ihnen hinaus kamen nur die Geschäftsfreunde, meist graubärtige Kaufleute und der alte griechische Pope, der gern seine Füße unter des reichen Mannes Tisch streckte und bei ihm den schwarzen Schumlawein trank — oft sogar über die Maßen — der bei dem reichen Jowan durch Darlehen hoch in der Kreide stand, aber niemals an Bezahlen dachte und seit Wochen am Podagra leidend das Haus hütete, dafür aber seinen Adjunkten sandte, den vor Kurzem, da ihm der Dienst der Kirche zu sauer ward, der abwesende Bischof ihm als Gehülfen gesandt hatte.
Marinka war mit ihren siebenzehn Jahren, frühzeitig entwickelt wie alle Töchter ihres Stammes, eine Glutseele eigener Art, trotz der sanften, anmuthigen Weise, in der sie sich zu geben gewohnt.
Sie hatte tiefernste, sinnende Augen mit einem geheimnißvoll leuchtenden Phosphorglanz, überschattet von starken, über der Nase leicht zusammengewachsenen Brauen und langen Wimpern, ein edel griechisches Profil, leicht aufgeworfene frischrothe Lippen, und die Nacht ihres in's Blaue schillernden Haars, wenn es gelöst über ihre Schläfe fiel, gab dem leichtgelben Anhauch ihres Teints ein fast zigeunerhaftes Dunkel, das sich wie Pfirsich färbte, wenn das Blut durch das Herz heraufjagte.
Sie hatte nicht des Vaters überkräftigen Wuchs geerbt, vielmehr den der früh verschiedenen bulgarischen Mutter, schlank, geschmeidig, zeitig ausgesprochen in seinen jungfräulichen Konturen. Sie war meist von stillem, fast trauerndem Ernst in ihrer Ruhe, schnellte aber jäh bei jedem Affekt aus derselben in leidenschaftlicher Lebendigkeit auf. Ihre Stimme war voll und tief, wenn sie zu der unvollkommenen bulgarischen Mandoline, der Gusla, sang, und inmitten der melancholischen Nationallieder warf sie wohl das leichte Instrument überdrüssig auf den Divan, sprang hinaus auf den Tschardack und schaute unruhig, mit wild flackerndem Auge zu den Felsenhöhen hinauf. Sie stürmte auch wohl auf die Trift hinaus, warf sich in das Gras, deckte die Hände über das Gesicht und — schrak zusammen, wenn sie der alte Marko hier fand und sie im Auftrag des Vaters zur Vernunft und in's Haus zurückrief.
Nur Sonntags pflegte sie den Putz zu lieben und dann mußte Selwa stundenlang um sie sein, Selwa, die bei dieser Gelegenheit nie müde ward, die Schönheit ihrer Herrin zu rühmen, und an solchen Tagen riefen Beide wohl ein paar Zigeunerbuben in's Haus, damit Selwa mit ihnen die Hora, den Kolo tanze und sich von einem derselben auf der Rohrflöte begleiten lasse.
Marinka trug ein Gedenken im Herzen, das sie oft mit Unzufriedenheit erfüllte, als sie heranwuchs.
Ihr Vater hatte sie als Kind mit nach Wien genommen und auf einige Jahre einer Erziehungsanstalt übergeben, als die Mutter gestorben war. Marinka hatte also eine andere Welt gesehen als die, welche sie hier umgab, und der Unter: schied beider verstand sie erst ganz, als sie sich selbst verstehen lernte. Es kamen auch zuweilen des Vaters Geschäftsfreunde aus Pest und Bukarest, Galatz und Odessa, die ebenfalls Dinge aus dieser Welt erzählten, die so anders klangen, als was sie hier in der Abgeschiedenheit des Bergstädtchens umgab und sie sehnsuchtsvoll mit der Erinnerung an jene Zeit und an ihre damaligen Gespielinnen erfüllte.
Marinka hatte schon oft den Vater gebeten, sie mit sich zu nehmen, wenn er auf Reisen gehe; Jowan aber hatte mit der Zunge geschnalzt und ein finsteres Gesicht gemacht. Es war darnach auch nicht wieder die Rede davon und das Mädchen suchte einen Ersatz darin, daß sie der kleinen Zigeunerin aus ihrer Kindheitserinnerung von der fränkischen Welt da drüben jenseits der Donau erzählte.
Das Kind allerdings konnte hierin vorübergehend Genüge finden, der Jungfrau Sehnen stillte das lange nicht mehr. Sie erschien sich oft wie eine Gefangene und schaute vom Tschardack dem Flug der Vögel nach, die aus jener Welt ihrer Sehnsucht über die Donau gezogen kamen und ihr doch keine Botschaft brachten.
So war's denn gegangen bis zum Ausbruch des Krieges mit Rußland. Es war das damals kein Glaubenskrieg, und dennoch brachte er feindliche Spannung zwischen die Bekenner des Islam und des Kreuzes. Die Rajahs wurden mit enormen Kriegssteuern bedrückt; man sah in jedem derselben einen Spion, wenigstens einen heimlichen Verbündeten des Feindes.
Jowan zitterte. Er als der reichste der Rajah in Tirnowa — wenn er das auch nie hatte wahr haben wollen — jedesmal auf das Schlimmste gefaßt, wenn einer der Kawassen, der Polizeisoldaten des Pascha, bei ihm erschien, um ihn in den Konak zu laden, und in der That war das Resultat jedes solchen Besuchs eine amtliche Schröpfung an seinem Vermögen.
Man gab ihm große Lieferungen auf, an deren Bezahlung niemals zu denken war. Der Gouverneur gab ihm sogar unter der Hand zu verstehen, man werde seine Magazine leeren, werde ihn zwingen, Rath zu schaffen, wenn er Schwierigkeiten mache, und Jowan mußte immer von Neuem bluten.
Dazu kam, daß der Mudessarif seit Beginn des Krieges oft persönliche Darlehen begehrte, daß der Pope von ihm Hülfsleistungen für die im Kriege beschädigten oder verarmten Glaubensgenossen verlangte, und Jowan mußte wiederum helfen. Zum Ueberfluß kam noch von der Mudirieh die Drohung, man werde sein Haus mit Einquartierung belegen, wenn er sich nicht durch freiwillige Opfer davon loskaufe, und Jowan mußte nochmals bluten, um seines Kindes Leben und Ehre vor dieser Gefahr zu schützen.
Endlich erhielt er eines Tages den Besuch des Gouverneurs, eines noch jungen Mannes, der in europäischen Kriegsschulen erzogen wurde und äußerlich der fränkischen Sitte huldigte, dafür aber die Rajah mit Schonungslosigkeit behandelte. Jowan kraute sich in dem grauen Haar, als er die Kavalkade vor sein Haus reiten sah, denn nimmer konnte das Gutes bedeuten.
Er empfing den Gouverneur mit allen Zeichen der tiefsten Demuth; er hielt ihm selbst den Steigbügel, küßte den Saum seines Waffenrocks, führte ihn in's Haus und bewirthete ihn mit Kaffee und Scherbet.
Ghaleb Pascha, bekannt als verschlagener, heimtückischer Charakter, war herablassend und freundlich. Er sprach endlich auch von seines Wirthes häuslichem Glück und wünschte das Kind desselben zu sehen.
Der schlaue Bulgare sah, daß der Gouverneur in allem scheinbaren Wohlwollen etwas im Schilde führe. Sein Kind verlangte er zu sehen! Der Mann mußte von Marinka's Schönheit gehört haben. Jowan stellte sich entzückt von des Herrn Gnade; er ging und führte — Selwa in Marinka's Kleidern als seine Tochter vor.
Ghaleb Pascha sagte dem Mädchen einige Artigkeiten; sein Auge glitt mit scheinbarer Gleichgültigkeit über die Gazellengestalt der Zigeunerdirne; dann verabschiedete er sich, ohne Jowan irgend einen Zweck dieses Besuches angedeutet zu haben.
Jowan, als er den über den Wiesenplan dahin reitenden Offizieren nachschaute, fragte sich im Haar, daß das Käppchen über die linke Schläfe fiel.
Was hatte der schlaue Fuchs gewollt? Was kümmerte ihn sein Kind? Er fand im obern Theil die beiden Mädchen lachend über den gelungenen Streich des Alten. Marinka lag als Dienerin zu den Füßen der Zigeunerin, da sie einmal die Rollen getauscht, und sang ihr zur Mandoline vor. Das schwarze Schelmenauge Selwa's schaute nicht ohne Stolz darein. Der Gouverneur hatte sie schön gefunden; die galanten Floskeln desselben klangen ihr noch im Ohr.
Marko, ihr Vater, war von Jowan einst als blutarmer Zigeuner aus einer wandernden Bande heraus und in das Haus genommen. Es kam auch noch alljährlich seine wandernde Sippschaft in das Thal und schlug die Zelte in der Nähe auf. Selwa durfte dann täglich zu ihnen gehen, die Greise und die zerlumpten alten Weiber mit Halwa, mit Tabak und Kaffee versehen, bis sie wieder fortzogen. Marko war noch heut arm und seiner Tochter Gewandung bestand immer nur aus Marinka's abgelegten Kleidern. Das Kind des Pariastammes fühlte sich also stolz auf die ihm heute widerfahrene Ehre.
Jowan sah die Heiterkeit der Beiden mit sorgenvoller Miene. Was hatte doch der Gouverneur gewollt! Der hohe Beamte war sein Schuldner und eben deßhalb war er sein heimlicher Feind. Er war nicht ohne Absicht gekommen.
Der alte Marko stand mit seinem stets gebeugten Rücken unten an der Treppe, als Jowan wieder herabschritt. Marko blickte seinen Herrn stumm fragend an. Jowan that, als sehe er ihn nicht, und trat hinaus, um sich unter die alten Eichen zu setzen und nachzudenken.
Schweigend, in sich versunken saß er da. Ihm war's, als ziehe sich ein Unheil über seinem Schädel zusammen, gerade wie drüben über den Firnen des Balkan die dunklen Wolken, die sich so feurig in der untergehenden Sonne zu säumen begannen.
Ein Geier kreiste eben in weiten Ringen über dem Wiesenplan, immer tiefer und tiefer. Eine Taube flatterte unter den Blätterdom herab und verkroch sich unter dem hölzernen Fries des Daches.
„Ich verlange ja keinen Para zurück von all' dem Geld, das er mir abgezwungen, um seine Verschwendungssucht zu befriedigen,“ brummte er vor sich hin. „Er sieht mich willig zu all den Opfern, die er immer wieder begehrt, aber er ist ein hämischer Schurke; er hat's auf mich abgesehen!“
Jowan sah sein Kind den Abend nicht mehr. Er schritt nach Sonnenuntergang in die Stadt, um zu hören, was Neues an der Donau passirt, denn seine Felder, seine Gehöfte und Magazine drunten am Ufer litten stark unter den Verwüstungen des Krieges. Der Pope erhielt immer geheime, zuverlässige Nachrichten von seinem Prälaten; er wollte zu ihm und ihm von des Gouverneurs sonderbarem Besuch erzählen.
Marko verriegelte hinter ihm vorsichtig Thüren und Thore und schaute seinem Herrn besorgt nach, dann gab er Ordre, die Nachtwache im Hofe zu verschärfen, revidirte, ob Alles in Ordnung, und als die Knechte sich im Hofe zusammensetzten, um ihr Abendmahl, ihr Mameliga, am Feuer zu backen, hockte er sich, die kurze Holzpfeife rauchend, unter den Tschardack und brütete schweigend vor sich hin.
Am zweiten Tage ward Jowan in den Konak des Gouverneurs beschieden.
Sorgenschwer, mit angstbeklommenem Herzen, trat er Nachmittags den Weg an. Es kostete ohne Frage einen neuen Aderlaß. Der Gouverneur hatte sich offenbar selbst von Jowan's häuslichen Verhältnissen überzeugen wollen und nach äußeren Spuren seines Reichthums gesucht. Er hatte sich freilich geirrt, denn in Jowan's Hause verrieth nichts dergleichen. Es handelte sich gewiß um eine neue Lieferung, und man hatte ihm doch seine Schaf-, seine Büffel- und Pferdeheerden schon weggetrieben! Man hatte ihm zwar einen Bon dafür gegeben, aber wehe dem Rajah, wenn er es wagte, denselben zu präsentiren!
