Der Verbannte auf dem Eisernhof - Susanne Bonn - E-Book
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Der Verbannte auf dem Eisernhof E-Book

Susanne Bonn

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Beschreibung

Endlich sind sie wieder zusammen: Seit ihrer Ausbildung an der Königlichen Kriegsakademie haben Tris, Tov, Ag und Echse etliche Abenteuer erlebt, bis sie getrennte Wege gingen. Nun treffen sie sich nach Jahren voller Erfahrungen und Veränderungen wieder. Ein Grund zum Feiern, wie sie finden. Doch Ag bringt mit seinen politischen Ambitionen alles durcheinander. Ein alter Konflikt um die Zauberei lodert auf. Es gibt Verletzte und gar einen Toten, Geister führen die Lebenden auf Abwege. Und was hat der junge Gaukler damit zu tun, der als Verbannter auf dem Eisernhof festsitzt? Die vier Freunde schieben das Feiern auf und suchen nach einer Lösung, denn nur mit Apfelwein und guten Worten wird sich die Ruhe in ihrem Dorf in den Bergen nicht wiederherstellen lassen. Cozy Fantasy-Abenteuer mit kleinen bunten Drachen, klingenden Schellen und eiskaltem Bergsee.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Prolog – Wanderzeit 1260

Meni

ʼs wird Frühling jetzt, wir fahrn hinaus,

und reisen durch die Lande,

aus jedem Zelt, aus jedem Haus,

so finden wir einander.

Erina hat den Stern gesetzt,

die schönste Zeit im Jahr ist jetzt.

Das Leben will sich regen,

wir ziehn, ja, wir ziehn auf neuen Wegen.

Meni schmetterte das Lied aus voller Kehle und schritt im Takt kräftig aus. Mit der linken Hand führte er sein Pony Strümpfchen am Zügel, mit der rechten trug er den Erinen­stern. Hinter ihm trottete die fast reinrassige Feldhündin Waldra-Wana.

Kara trällerte eine Oberstimme, Onkel Di gab mit unsinnigen Silben den Bass dazu.

Sie waren unterwegs. Drei Wagen, ein halbes Dutzend Menschen und viele Tiere.

Solange sie singend aus dem Städtchen zogen, ließ Rik der Jongleur seine Bälle kreisen, und Val und Zessa, die beiden Musikerinnen neben Onkel Dis Wagen, hatten Trommel und Schalmei im Einsatz.

An seine Eltern und die Familie, die er zurückließ, dachte Meni erst wieder, als sie abends das Lager aufschlugen. Die Leute in dieser Gruppe machten einiges anders, als er es von früheren Reisen gewohnt war. Er schaute zu und versuchte, sich einzufinden. Kara half ihm, Strümpfchen und die Krels zu füttern. Für Waldra-Wana und die anderen Hunde gab es Trockenfleisch. Darum kümmerte sich Rik, der sich einen Teil seines Gepäcks von einem großen Berghund namens Plof nachtragen ließ.

Dann bekamen die sieben Ronkon, die mit in Karas Wagen reisten, ihr Trockenobst. Am Ende des Winters war nicht mehr viel übrig, sie mussten sich die Stücke einteilen. Immerhin gab es Honigwasser, um sie einzuweichen. Meni verstand noch nicht viel vom Umgang mit den katzengroßen Tieren, aber sie drückten sehr deutlich aus, dass sie mit ihrer Verpflegung nicht zufrieden waren.

»Keine Sorge, Kinder, es kommen auch wieder bessere Zeiten«, tröstete Kara die sieben. »Bald werden die Erdbeeren reif.« Dann kraulte sie alle ausgiebig. Mit dem weißen Streifen über Nase und Augen sahen sie immer aus, als ob sie etwas ausheckten. Meni durfte sie ebenfalls streicheln, sogar über den schwarz-weiß geringelten Schwanz. »Das lassen sie sich nicht immer gefallen«, erklärte Kara. »Betrachte es als Zeichen, dass du in die Gruppe aufgenommen bist.

Meni nickte begeistert. »Das ist lieb von euch«, murmelte er. Und auf die Erdbeeren freute er sich auch.

»Wir wandern nach Süden«, verkündete Onkel Di am Lagerfeuer.

Kara und Meni gingen, mit den Ronkon auf Armen und Schultern, zu ihm hin. Dem Duft nach würde es dort auch für sie etwas zu essen geben.

Onkel Di verteilte Suppe und erklärte dabei den Plan für die nächsten Wochen der Reise. »Wir folgen der Mora bis Gortenri. Bis wir dort hinkommen, sind die Erdbeeren und das erste Feldgemüse reif. Dann gibt es etwas zu feiern.«

Die anderen nickten erfreut.

Onkel Di schaute Meni an. »Hast du etwas, was du bis dahin vorführen kannst?«

»Ja, also …« Natürlich hatte er mit Strümpfchen und Waldra-Wana kleine Tricks eingeübt, aber die erschienen ihm jetzt alle viel zu langweilig.

»Du hast uns doch in Dervatopi schon was vorgeführt«, erinnerte Kara. »Das schauen wir uns noch mal an und überlegen, was sich daraus machen lässt.«

Meni nickte. Hoffentlich war das gut genug. Was sollte er sonst anfangen?

Doch, es war gut genug. Mit seinen beiden Tieren, Kara und den Ronkon schaffte er seine ersten Auftritte als Gaukler, und für sein Gefühl wurden sie jeden Tag besser. Als sie in Gortenri ankamen, wurde dort das Erdbeerfest gefeiert, und er bekam frische, rote Früchte in allen Variationen zu essen und zu trinken. Er fütterte die Ronkon damit und freute sich, wie sie für jeden Bissen herumtollten und ihre schönsten Kunststücke machten. Kara sorgte für einen Vorrat an eingekochten Beeren und Marmelade, damit sie die Tiere auch später noch belohnen konnte.

* * *

Im Lauf des Sommers lernte Meni allerlei von Kara und ihren Tieren. Er versorgte die Ronkon und studierte Kunststücke mit ihnen ein. Als es auf den Herbst zuging, vertrugen sie sich mit Strümpfchen und Waldra-Wana, sodass sie gemeinsam auftreten konnten. Das mochten die Leute, und die Gruppe bekam Essen, ein Dach über dem Kopf und was sie sonst noch brauchten, manchmal sogar Geld.

Onkel Di kümmerte sich darum, dass Meni auch tanzen und springen übte. Dafür war er zwar schon reichlich alt, wie der Onkel ihm immer wieder sagte. Dabei war er selbst noch viel älter, und dafür ausgesprochen beweglich. Es gab Posen, bei denen verstand Meni auch nach langen Erklärungen nicht, wie er sich hinstellen sollte oder wie er anschließend weitertanzen konnte. Das lag wohl daran, dass er nicht schon als kleiner Knirps angefangen hatte zu üben. Aber eigentlich wollte er ja auch mit seinen Tieren auftreten, dazu brauchte er einfache, wirkungsvolle Tricks, keine künstlerisch anspruchsvollen Routinen. Trotzdem lernte er gern von Onkel Di, so viel er konnte, und der erklärte gern. Meni gab dem alten Herrn Hilfestellung, wenn er sie brauchte, oder beteiligte sich an Trios mit Kara oder einer Musikerin. Manchmal durfte auch ein Ronki mitspielen.

Natürlich kostete all das Kraft, und das Herumreisen kam noch hinzu. Meni hatte die letzten Jahre in Dervatopi, einem Städtchen nicht weit von Madalalimya verbracht, und er fand es an der Zeit, den Rest des Landes kennenzulernen, danach vielleicht noch andere Länder, oder gar zur See zu fahren. Es gab so viele Möglichkeiten.

Nach und nach konnte Meni immer besser mit den Zug- und Lasttieren umgehen, die der Gruppe auf dem Weg weiterhalfen. Er putzte und fütterte sie, lenkte sie im Geschirr oder mit ihrem Gepäck. Dazu kam die Futterbeschaffung. Gerade für die Ronkon war das nicht ganz einfach. Sie mochten Sonnenpflaumen, die eigentlich nur in Alba wuchsen. Deshalb kamen sie getrocknet oder in scharfe Gewürze eingelegt nach Norden. Die erste Variante konnte man den Ronkon noch schmackhaft machen, indem man die ledrigen bräunlichen Streifen einweichte, am besten nicht einfach in Wasser, sondern in Saft oder verdünnten Honig.

Aber Kara hatte in ihrem Wagen ein gut gehütetes Geheimnis. In zwei großen Töpfen wuchsen stachlige Sträucher, an denen im Hochsommer eine Handvoll Sonnenpflaumen reiften. Das war ein Fest für die Ronkon, wenn sie frische Früchte bekamen. Ansonsten aßen sie auch Obst, das im Land der Fahrenden wuchs, nur mit weniger Begeisterung. Erst recht, wenn es getrocknet oder eingekocht war, um über Winter auszureichen. Kara zog weit durch das Umland, um Winteräpfel zu beschaffen, und Meni half ihr dabei.

Hinter Gortenri hatten sie die Mora überquert und zogen nun mehr oder weniger geradewegs nach Osten, zur Lena. An ihrem Ufer lagen Weinberge und größere Ortschaften, in denen mit Wein, aber auch mit Waren aus den Stadtstaaten jenseits des Meeres gehandelt wurde. Die Ruhezeit verbrachte die Gruppe in einem solchen Städtchen, Narvelima, mit anderen Gaukeltruppen, Kaufleuten und Heilkundigen. Auch die Einheimischen mischten sich fröhlich unter die Fahrenden. Strümpfchen und Waldra-Wana waren besonders bei den Kindern beliebt. Meni spielte mit ihnen, lernte Lieder und Geschichten und zeigte ihnen dafür Tänze. Und ein paar von den Älteren brachten ihm das Gelehrtenspiel bei. Meni rauchte bald der Kopf bei den vielen Zugvarianten, die durch den kleinsten Zufall völlig ausgehebelt werden konnten.

Außerdem trainierte er mit Onkel Di, mit Kara und den Ronkon. Sie bildeten eine tierisch-menschliche Schlange, die sich um Strümpfchen in die Höhe und wieder hinunter auf den Boden wand. Waldra-Wana tanzte bellend um sie herum und gab ihnen die Richtung an, in die sie sich drehen sollten. Dazu spielten die Musikerinnen und sangen übermütige Texte.

Als es auf das nächste Aufbruchsfest zuging, schrieb Meni der Familie zu Hause einen Brief. Er zeichnete die ganze Gruppe und beschrieb, wie wohl er sich bei ihnen fühlte, was er alles lernte und wo sie schon gewesen waren. Die Kleineren sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen. Sie brauchten nicht in ihrem Städtchen sitzen zu bleiben, bis sie angewachsen waren. Man konnte viel erleben, wenn man draußen umherzog und Leute traf. Meni war mit sich und der Welt zufrieden.

Eine der anderen Gaukeltruppen, die in Narvelima Station machten, hatte Xarikón dabei, und Meni beobachtete die kleinen bunten Drachen fasziniert. Zwei Schwestern, San und Ves, tanzten mit ihnen, pfiffen und schlugen Tamburine dazu. Manchmal tanzte auch Meni mit ihnen, obwohl er nicht immer verstand, wie die Melodien und Rhythmen mit ihren Bewegungen zusammenhingen. Die Drachen plusterten sich auf und wechselten die Farbe. Nach einigem Üben konnten die Schwestern ihre Haare und Kostüme passend einfärben. Meni gab sich reichlich Mühe, aber das gelang ihm nicht.

Kara betrachtete diese Übungen skeptisch und holte Meni oft weg zu ihrem eigenen Training, wenn sie ihn entdeckte.

»Wenn du mit Xarikón zurechtkommen willst, musst du zaubern können, und zwar richtig. Ein präpariertes Instrument hilft ein bisschen weiter, aber auf die Dauer ist es zu wenig«, erklärte sie. »Halt dich lieber an die Ronkon, mit denen kannst du auch viele schöne Nummern einstudieren, ohne Farbwechsel und so.«

Da hatte sie natürlich recht, und ihm war schon klar, dass es noch viel Arbeit brauchte, bis er so gut wäre wie sie. Bis ihm die richtig tollen Nummern einfielen, in denen alles zusammenpasste.

Onkel Di dagegen fand es nicht schlimm, wenn Meni auch mit anderen tanzte, nicht nur mit ihm. »Die beiden sind Profis, und sie sind noch jung. Ich glaube, du kannst viel von ihnen lernen, Dinge, die mir in meinem Alter gar nicht mehr einfallen.«

Das bezweifelte Meni. Trotzdem gab er sich umso mehr Mühe, etwas Greifbares zu lernen, wenn er bei San und Ves war, etwas, das er zu Hause, bei seiner Gruppe, vorführen konnte. Doch vor allem stellte er einen Vorteil der Xarikón gegenüber den Ronkon fest: Sie waren weniger wählerisch, was ihr Futter anging. Die Tanzschwestern fütterten sie mit Eicheln, Bucheckern und andere Baumsamen, aber auch Blätter und Gras mochten sie gern. Meni sammelte solche Sachen, wenn er unterwegs war, und brachte sie dem kleinen Schwarm mit. Zu fünft waren sie, und sie ließen nicht jeden so nah heran, dass er sie füttern konnte.

Ein kleiner Drache mit einem vorwitzigen Horn auf der Stirn kam immer als erster zu ihm, beschnupperte seine Mitbringsel und wechselte in schneller Folge die Farbe.

Das war ihre Art, sich zu verständigen, so viel wusste Meni. Die anderen fingen dann auch gleich an zu fiepen, und wenn eine der Schwestern pfeifend antwortete, kamen sie und fraßen Meni aus der Hand. Das waren seine liebsten Augenblicke in diesem Winter.

* * *

Der Wegemond schien, und es wurde Zeit, sich zu überlegen, wer mit wem weiterziehen wollte. Versprechen liefen aus und wollten erneuert werden. Dafür wurde in den Gruppen und auch im Dorf eifrig verhandelt und gefeiert.

Meni bekam einen Brief von zu Hause. »Willst du nicht wieder zu uns kommen?« Sie gaben sich große Mühe mit ihren Beschreibungen, wie schön es doch bei ihnen in Dervatopi war. Aber das kannte er schon. Und inzwischen kannte er auch das Wanderleben, einschließlich eines nassen, kalten Winters zwischen Wagenplanen und dünnen Bretterverschlägen. Das schreckte ihn nicht mehr. Dafür gab es in der Welt noch so viel, das er nicht kannte, das er noch sehen und erleben wollte.

Die entscheidende Frage war jetzt also: Mit wem wollte er weiterziehen? Mit Strümpfchen und Waldra-Wana natürlich. Aber mit welchen Menschen? Mit Onkel Di. Mit Kara und den Ronkon. Oder mit den Schwestern San und Ves und ihren Xarikón. Am liebsten mit ihnen allen, wenn sich die Gelegenheit ergab. Die anderen hatten dabei natürlich auch ein Wort mitzureden, aber Meni glaubte, dass er in seiner Gruppe angekommen war, dass ihn niemand loswerden wollte.

Im Dorf zu bleiben, wie es manche Leute planten, kam für ihn gar nicht in Frage. Da könnte er ebenso gut nach Hause zurückkehren. Lieber überlegte er, was er den Leuten, von denen er Abschied nehmen müsste, zum Aufbruch schenken konnte, und suchte im Dorf und in den umliegenden Feldern und Wäldern nach dem nötigen Material.

Insgeheim wünschte er sich, dass San und Ves ihm einen Xarikí überlassen würden. Aber das war ein zu großes Geschenk, damit durfte er nicht rechnen. Sie könnten sich aber auch einfach seiner Gruppe anschließen. Bei Onkel Di würden sie gewiss noch Einiges lernen. Die beiden schienen an die Gruppe, mit der sie angereist waren, nicht besonders gebunden zu sein. Dann wäre das doch eine gute Lösung. Er wagte es nur nicht, andere Leute auf ihre Pläne für die nächste Wanderzeit anzusprechen. Auch wenn Onkel Di oder Kara ihn in größerer Runde direkt fragten, zuckte er nur die Schultern und sagte: »Weiß nicht.« Dabei hörte er genau zu, was die anderen vorhatten. Danach konnte er sich dann immer noch richten.

Je näher das Aufbruchsfest kam, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass er mit Onkel Di und den Musikerinnen, mit Kara und den Ronkon weiterziehen würde. Heimlich hoffte er immer noch, dass San und Ves und ihre Xarikón auch zu ihnen stoßen würden, aber die machten keine Anstalten. Es sah eher aus, als ob sie sich einer Gruppe von Heilkundigen anschließen wollten, und Meni fragte sich, was das sollte.

Dann war es so weit. Die Freudenfeuer wurden angezündet, es wurde gesungen und getanzt, getrunken und geraucht. Meni erinnerte sich an die strengen Mahnungen der Erwachsenen seiner Familie, dass er damit rechtzeitig aufhören sollte, was auch immer sie als rechtzeitig empfanden …

»Denk dran, mein Junge, berausch dich am Tanz und an der Musik, nicht mit irgendwelchen Mitteln«, mahnte an diesem Abend Onkel Di.

Kara lachte. »Lass dir nicht den Spaß verderben, Meni.« Dann fügte sie aber doch hinzu: »Morgens verkatert aufzuwachen ist aber alles andere als spaßig. Hast du ja in den letzten Wochen schon gesehen.«

Da hatte sie wohl recht. »Ich pass schon auf«, behauptete Meni und nahm sich vor, wirklich vorsichtig zu sein.

Er ließ sich von einem Feuer zum nächsten treiben, hörte sich überschwängliche Reisepläne an und sagte vielen Leuten, dass er sie im nächsten Winter »wieder hier« treffen wollte. Er bekam allerlei kleine, praktische Dinge geschenkt, die das Auftreten mit Tieren und überhaupt die Wanderschaft angenehmer machten. Er bedankte sich und gab dafür die Netze zurück, die er unterwegs geknüpft hatte. Kara nutzte sie, um ihre Pflanztöpfe im Wagen aufzuhängen, und Meni fand, dass andere Leute bestimmt auch so etwas brauchen konnten.

Als er glaubte, eine ganze Runde gedreht zu haben und die Menschen und Gespräche ihm zu viel wurden, zog er sich zu Onkel Dis Wagen zurück. Kurz vorm Ziel hielten San und Ves ihn auf. Beide versteckten etwas hinter ihrem Rücken.

»Also«, begann Ves.

»Wir haben Pläne für die Wanderzeit,« fuhr San fort.

»Wir wollen mit Man weiterziehen …«

»… der Heilerin.«

»Da brauchen wir nicht mehr alle Xarikón.«

»Vielleicht willst du ja einen übernehmen.«

Aber er konnte sich doch gar nicht mit den Tierchen verständigen.

»Wir haben auch noch eine Pfeife übrig.«

»Auf die hört er.«

Meni traute seinen Ohren nicht. Hatte er doch zu viel getrunken? Waren ihm die Dünste aus verschiedenen Räucherbecken zu Kopf gestiegen, obwohl er sich ferngehalten hatte? Das war immerhin die Hälfte seines heimlichen Traums. »Ich …«

»Du bist ein guter Tänzer.«

»Wir glauben, er passt in deine Menagerie.«

»Für einen ist auf jeden Fall noch Platz in eurem Wagen.«

»Was er frisst, weißt du ja.«

»Überleg es dir.«

Meni wusste im Kopf, dass er ein Geschenk auch ausschlagen durfte. Ohne Begründung. Einfach dankend ablehnen. Aber sein Bauch sagte ihm, dass er das nicht wollte. Wie Kara ihm geraten hatte, zählte er bis zehn und sagte dann: »Gerne, vielen Dank.«

»Na siehst du.«

San setzte ihm den kleinen Drachen auf die Schulter, der schläfrig und ganz grau war, Ves hielt ihm die Pfeife hin.

Meni strahlte, und mit diesem Strahlen ging er schlafen.

6. Erina 1264

Trisda

In manchen Jahren trieb der Wind den Winter heftiger aus als in anderen und wehte die Wandernden früher aus dem Gebirge ins Tal. Trisda mochte die Nächte, in denen die Felsgrate sangen und die Bäume rauschten. Dann blieben die Leute vom Grenzschutz lieber in ihren festen Häusern, und Trisda konnte die Pfade gehen, von denen sie wusste, dass der ungestüme Wind dort keine Gefahr bedeutete.

Auch jetzt schob er sie geradezu den Berg hinauf, als ob ihr Mantel ein Segel wäre. Ihr Rucksack war leicht, die beiden anderen Taschen ganz leer. Nur wenige Beutel Salz aus den stanischen Bergwerken bei Salzader trug sie noch bei sich, und das Geld für die restliche Ladung, die sie bei ihrem Geschäftspartner schon abgeliefert hatte.

Der Weg von Rayere nach Salzader war kurz, zu Fuß konnte man ihn in einer Nacht zurücklegen. Die Grenze war eine Linie auf der Landkarte, hier in den Bergen saß gelegentlich ein Stein, der sie markieren sollte. Wenn Trisda auf einen von ihnen stieß, sprang sie tollpatschig darüber und bat um Verzeihung, als ob sie jemanden angerempelt hätte. Das Salinensalz aus Gloratasomië war gewiss ebenso gut, auch wenn man ihm keine magische Wirkung nachsagte, und es kam aus dem eigenen Land. Dafür war es mehrere Tage auf Fuhrwerken unterwegs, und die Leute im Crovati mussten deutlich mehr dafür bezahlen als die im Tiefland. Dem half Trisda gern ab.

Die beste Jahreszeit für ihr Geschäft ging allerdings langsam zu Ende. Die Nächte wurden kürzer, und überall, auf dieser und auf jener Seite der Grenze, feierten Redenton das Aufbruchsfest und machten sich auf die Wanderschaft. Da blieben die Bergpfade nicht mehr lange einsam, und der stanische wie der redentische Grenzschutz achteten genauer darauf, wer ihrer Wege kam.

Deshalb war Trisda mit dem Geld, das sie bekommen hatte, weniger zufrieden. Lieber hätte sie gleich neue Ware mitgenommen, die sie hinüber nach Stanemark hätte bringen können, vielleicht zusammen mit Nen vom Eisernhof. Die Sachen waren zwar nicht schwer, aber wenn die Pakete groß genug waren, ließen sie sich zu zweit doch besser tragen.

Gewürze aus Katria oder Belian kamen öfter bei ihnen vorbei. Die durften nur direkt aus den stanischen Kolonien ins Mutterland gelangen, mit den Schiffen der ausgewiesenen Kaufleute, nicht etwa mit denen der Konkurrenz im Süden. Trisda wusste, dass sie wunderbar schmeckten, und von manchen hatte sie gehört, dass sie gegen Fieber oder Unwohlsein halfen. Solche Sachen brauchten alle Leute in ihrer Küche, nicht nur die, die zufällig am richtigen Hafen wohnten.

Lustiger war die Sache mit der blauen Spitze, die in Stanemark streng reglementiert war. Sie stellte die Wellen dar, in denen der Göttliche Prophet zu Tode gekommen war. Deshalb verzierten wahre Gläubige ihre Gewänder nur mit Spitzen aus den Frauenklöstern am Janun. Es gab jedoch sehr viel mehr wahre Gläubige mit kostbarer Kleidung, die sich ein wenig Segen in den Alltag holen wollten, als klöppelnde Nonnen. Diesen Mangel glichen die heidnischen Redenton gern aus, und Trisda staunte über den Preis, den sie in Salzader dafür bekam.

Der Wind scheuchte noch ein letztes Mal die Wolken am Mond vorüber und ließ die Kastanienbäume in und um Rayere bedenklich knarren. Trisda hielt sich von der Dorfstraße fern und folgte stattdessen ihrem Trampelpfad hinauf zur Gemeinschaftsküche. Sie lauschte und schnupperte, ob nicht schon jemand mit den Frühstücksvorbereitungen beschäftigt war, aber in dem niedrigen Steingebäude und auf dem Platz davor herrschte Stille. Die Planen, unter denen sich die Leute gern zum Essen niederließen, hatten Ras und ihre Familie wohlweislich am Abend zuvor abgebaut.

Trisda schlich in die Küche und stellte einen der letzten Beutel Salz aus ihrem Rucksack ins Regal. Dann schob sie leise die Tür zu dem Nebenraum auf, in dem die Gemeindekasse stand. Die sollte auch ihren Anteil vom Geld abbekommen. Die Truhe quietschte oft schrecklich, wenn man den Deckel öffnete. Atkuda wollte eben hören, wenn sich hier etwas tat. Sie kontrollierte regelmäßig den Inhalt der Truhe und redete den Leuten ins Gewissen, wenn ihr der Niedrigstand gar zu besorgniserregend schien. Trisda hatte deshalb immer etwas Öl zum Schmieren dabei.

Fast geräuschlos klappte sie die Truhe auf und nickte zufrieden, als sie die kleine Sammlung von recht gut gefüllten Beuteln und Säckchen sah. Sie legte ihren Beitrag dazu und machte sich ebenso leise, wie sie gekommen war, wieder davon.

Auf dem Weg nach Hause drehte Trisda dem stattlichen Hof, auf dem Atkuda wohnte, eine lange Nase. Dann konnte sie sich endlich ins Bett legen und noch ein paar Stunden schlafen, bevor sie in ihrer Werkstatt erscheinen sollte.

* * *

Sie brauchte nicht allzu früh aufzustehen, denn in der Sattlerei war nicht viel zu tun. Die Wanderzeit hatte gerade erst begonnen, da dauerte es noch ein wenig, bis auch in den abgelegenen Tälern des Crovati Reisende vorbeikamen. So lange hatte sie Zeit, sich um die Zuggeschirre für die Frühjahrsarbeit auf den Feldern und im Wald zu kümmern. Sie setzte Wasser für Tee auf und stellte wenig erfreut fest, dass ausgerechnet von der Morgenmischung kaum noch etwas da war. Also trank sie den ersten Schluck mit Bedacht und setzte sich an die Arbeit. Sie nähte gemächlich an einem Halfter, blies sich hin und wieder die braunen Locken aus der Stirn und schaute zu, was auf der Straße vorbeikam. Für ihren Lehrling musste auch noch Arbeit übrig sein, wenn er später irgendwann erschien.

Da hörte sie tatsächlich Hufschlag von draußen, eher ein Reitpferd als ein Ackergaul. Auch hing kein quietschendes, knarrendes Fuhrwerk daran. Könnte Tov sein.

Trisda kannte den feschen Grenzschützer schon lange. Sie waren gemeinsam auf der Königlichen Kriegsakademie gewesen, bevor daraus der Orden für Kampf und Versöhnung wurde. Dann hatten sie bei der Küstenwache gedient. Sie schüttelte sich bei der Erinnerung. Viel zu nass, viel zu instabil der Untergrund. Trisda war nicht lange geblieben. Sie hatte sich für ein Jahr versprochen, und danach war sie sofort in die Berge zurückgekehrt. Auf festen Boden. Selbst wenn der Wind noch so heftig von den Hängen herabpfiff, schwankte nichts.

Tov war es ähnlich ergangen, auch wenn er es nicht gern zugab. Allein aus Trotz war er eine Wanderzeit länger geblieben. Dann hatte er bei der nächsten Begegnung mit Leuten aus den Bergen zugegriffen und gehörte jetzt zu einer Truppe von Kämpfenden, die über die Pässe im Crovati wachten. Manche schienen wirklich darauf zu warten, dass die Stanys wieder angriffen.

Unsinn. Sie mussten Leute vor dem Abstürzen bewahren, ihnen vielleicht helfen, wenn sie nicht mehr weiterkamen. Oder welche davon abhalten, die Grenze zu überqueren, weil sie Waren bei sich trugen, die im anderen Land nicht gern gesehen waren. Leute wie Trisda und Nen zum Beispiel.

Das Pferd hielt vor ihrer Werkstatt an, der Mensch saß ab.

»Tris?«

Es war tatsächlich Tov.

»Hier bei der Arbeit.«

Er stieß die Tür auf. »Tu nicht so wach. Das nehme ich dir doch nicht ab.«

»Aber du bist frisch und munter seit Sonnenaufgang im Dienst, oder was?«

Er nickte knapp und schaute sich in der Werkstatt um. Vermutlich dachte er sich seinen Teil, weil sie so leer und aufgeräumt war.

»Hast du einen Tee für einen müden Krieger?«, fragte er. Es gelang ihm nicht ganz, die anzügliche Betonung zu unterdrücken.

Trisda zog die Augenbrauen hoch. »Um diese Tageszeit?«

Er fauchte. »Einfach was zu trinken.«

»Na dann.« Sie stand auf und holte die Kanne vom Kocher. »Wird Zeit, dass Oma Riv wieder vorbeikommt. Mein Vorrat ist ziemlich am Ende.« Für die war der Beutel Salz bestimmt, der neben der Teedose im Regal stand.

Trisda schenkte zwei Becher voll.

»Danke.« Tov schnupperte an dem aufsteigenden Dampf und schien zufrieden. Dann setzte er den Becher ab, als ob er sich die Finger verbrannt hätte. »Oma Riv? Die kommt bei dir vorbei?«

Trisda nickte. »Alle paar Wochen, mindestens einmal im Monat, und dann ist sie schneller wieder verschwunden, als man gucken kann. Sie huscht durchs Dorf und liefert ihre Kräuter und anderen Mittelchen ab, und auf dem Rückweg nimmt sie die Sachen mit, die sie braucht.«

»Ich meine, du hast sie wirklich leibhaftig gesehen?«, fragte Tov nach.

»Ja, mit eigenen Augen, sogar mit ihr geredet.« Trisda kannte die Geschichten, die man sich in manchen Tälern von Oma Riv erzählte. Demnach könnte man sie für eine Art Berggeist oder mindestens eine Wichtel halten. Mitunter hieß es, sie brächte den Kindern Geschenke, anderen Gerüchten zufolge nahm sie heimlich Lebensmittel mit, die dann bei Menschen wieder auftauchten, die sie brauchten.

»Sachen gibt’s.« Tov nahm den Teebecher wieder in die Hand. »Ich würde mich ja gern mal mit ihr unterhalten. Sie weiß wahrscheinlich mehr, als gut für sie ist.«

Trisda zuckte die Schultern. »Kann ich mir nicht vorstellen. Sie hält sich wirklich sehr abseits. Mehr als einen Gruß und zwei, drei Sätze über ihre Kräuter habe ich ihr noch nicht entlockt.«

»Na ja, wenn in der Dunkelheit schwer bepackte Leute an ihr vorbeikommen, vielleicht noch mit Lasttier, wird sie das ja wohl merken.«

»Wenn, ja. Das heißt dann aber noch nicht, dass sie irgendwo davon erzählt.«

Tov schnaubte missmutig und starrte in seinen dünnen Tee.

»Was führt dich zu mir?«, fragte Trisda.

»Ich brauche einen Tipp.«

Sie richtete sich auf, drehte sich von ihm weg. »Und meinst, dass ich ihn dir geben kann?«

»Hoffentlich. Es geht um Drachenschuppen.«

Trisda biss sich auf die Lippen. Sie nahm nichts von dem Zeug mit und hatte auch Nen deshalb schon ins Gewissen geredet. Sie kannte zu viel von der gefährlichen Wirkung und der oft blutigen Vorgeschichte, bis die Ware im Süden des Vaes Redentoni an Land gebracht wurde. Trotz alledem hatte sie selbst schon eine Schuppe auf den Augen ausprobiert und konnte nachvollziehen, warum manche Leute sich das Erlebnis etwas kosten ließen und bereit waren, viel dafür zu ignorieren. Drachenschuppen waren schwieriger zu erbeuten als Steinsalz, und wer mit ihnen handelte, hatte keine andere Wahl, als sich mit Verbrechern einzulassen.

»Du warst das doch, die mal bei Oberleutnant Fässchen mal ein Päckchen davon abgeliefert hat.«

»Stimmt«, sagte sie. Sie war unterwegs darauf gestoßen, bei den Vielenstufen, auf einem Weg, den sie selten nahm. Damit das Zeug sicher aus dem Verkehr gezogen wurde, hatte sie eine größere Scharade aufgeführt und es in Remiehilf auf der stanischen Seite dem Grenzschutz übergeben. Seitdem war Tovs Lieblingsrivale Fess davon überzeugt, dass sie als aufrechte Bürgerin – wenn auch des falschen Landes – dem Grenzschutz bei der Verbrechensbekämpfung half.

»Was sollte die Aktion überhaupt?«, grummelte Tov. »Du hättest das Zeug auch bei mir loswerden können,

»Der kleine, dicke Fess ist einer von meinen besten Kunden. Alle Naselang kommt er vorbei und lässt Riemenzeug flicken. Man könnte meinen, er kaut seine Gurte durch, weil er sonst nichts zu beißen hat.«

Tov schaute sie misstrauisch an. »Ach, egal. Ich gehe mal davon aus, du hast es wirklich gefunden ...«

Sie nickte.

»Ich kenn dich ja. Trotzdem. In letzter Zeit kommt verdammt viel von dem Zeug in Salzader an, und die stanischen Kameradys sind völlig aus dem Häuschen. Wenn man denen zuhört, könnte man meinen, auf unserer Seite des Gebirges stehen riesige Manufakturen, in denen die Dinger gedrechselt werden.«

»Geschnitzt«, verbesserte Trisda. »An der Drehbank kriegt man nichts Überzeugendes hin.«

Er schaute sie an. »Jetzt sag bloß …«

Sie zuckte die Schultern. »Mit Schneidwerkzeug kenne ich mich aus.«

»Ich weiß«, zischte Tov.

Trisda grinste. An welches kleine Abenteuer dachte er wohl gerade? »Aber im Ernst. Die Stanys regen sich ständig über Drachenschuppen auf. Das war bei der Invasion ein Thema, und seitdem kocht es andauernd wieder hoch …«

»Genau, bei der Invasion. Vor zehn Jahren. Und so ein paar Schlauköpfe drüben schwadronieren schon wieder davon, was man dieses Mal aber geschickter anfangen könnte.«

Trisda sog scharf die Luft ein. Das mochte übertrieben sein, leeres Gerede von Leuten, die sich mächtiger fühlen wollten, als sie waren. Trotzdem konnte es für unnötigen Ärger sorgen, die funktionierende Nachbarschaft im Gebirge beschädigen.

»Ich kann mich umhören«, sagte sie langsam. »Normalerweise gehe ich dem Zeug aus dem Weg, je weniger ich davon weiß, desto besser. Aber bevor euch der Hickhack über den Kopf wächst, kann ich vielleicht was in Erfahrung bringen.«

Tov nickte. »Das wäre gut. Bis jetzt machen immer die drüben den Fang. Auf die Dauer bekommt uns das nicht gut.«

»Geschäftsschädigend«, spottete Trisda.

»Lach du nur.« Tov stellte die leere Teetasse ab. »Aber wir kriegen auch schon Andeutungen von oben und von der Seite, ob wir die Schuppen mit Absicht durchlassen. Wenn wir nicht sowieso selbst dahinterstecken und uns eine goldene Nase damit verdienen.«

Dann war der Ärger schon ziemlich weit gediehen. Trisda musste sich genau überlegen, wie sie jetzt weiter verfahren wollte. »Tut mir leid, aus dem Stand kann ich dir nichts Konkretes sagen. Ich höre mich um und melde mich, wenn mir etwas auffällt.«

»Mit dir reden die Leute eher als mit uns«, meinte Tov und stand auf. »Ich muss weiter. Die von meinem Trupp glauben, ich bin ganz woanders, aber ich dachte, die beste Auskunft bekomme ich hier.« Er grinste. »War ja auch so.«

»Und dünnen Tee gab’s noch dazu«, erwiderte Trisda.

Er ging nach draußen und schwang sich in den Sattel

Trisda sah ihm nach, als er die Straße hinunterritt. Irgendwann, bald, fanden sie bestimmt Zeit für eine ausgiebige Teestunde, mit der Mischung, die einen anzüglichen Tonfall verdiente. Sie vermisste Ag und Echse, die an der Akademie und später bei der Küstenwache immer an solchen Aktionen beteiligt gewesen waren. Vor allem Echse, um genau zu sein. Aber der war wirklich weit weg.

Seufzend kehrte sie in die Werkstatt zurück.

Kaum war Tov außer Sicht, schob sich Balinatkuda zur Tür herein, ein rundlicher Junge mit glattem, mausbraunem Haar. Das Nachzüglerkind von Atkuda von der Gemeindekasse. Deshalb kannten ihn alle nur mit seinem Mutternamen. Selbst Trisda musste hin und wieder nachdenken, bis ihr sein Vorname einfiel, Estén.

»Guten Morgen«, grüßte er.

Trisda verkniff sich die Bemerkung, dass es schon bald Mittag wäre. Schließlich war sie selbst noch nicht allzu lange wach. »Gut geschlafen?«, fragte sie stattdessen.

Er nickte mit einem leisen Grinsen.

»Ist nicht viel zu tun heute. Wir fetten noch mal die Kummete für den Eisernhof. Die werden bald abgeholt.«

Estén nickte. Richtig wach wirkte er trotz allem nicht.

Trisda stellte ihm einen Becher Tee vor die Nase.

Er schaute zweifelnd auf.

»Trink, das macht munter.«

»Ist doch nur heißes Wasser«, murmelte er.

»Die Dose ist fast leer.«

Dafür holte sie die noch recht gut gefüllte Dose mit dem Lederfett, und sie machten sich an die Arbeit.

Die beiden Kummete glänzten bald schön schwarz, die Messingbeschläge funkelten. Trisda nickte zufrieden. Die Leute vom Eisernhof sollten nichts zu mäkeln finden. Sie wollte keinen Ärger mit Horvada. Niemand wollte Ärger mit Horvada.

Es war kurz nach Mittag, als jemand vom Eisernhof kam. Jas, ein mürrischer Mann im mittleren Alter, hager und grau. Estén war gerade gegangen, um Brot für das Mittagessen zu holen.

Jas betrachtete die beiden Kummete, nickte und murmelte etwas, das man als Zustimmung deuten konnte.

Trisda ging mit ihm hinaus und wollte helfen, die Teile zu verladen. Aber da stand kein Packpferd vor der Tür, auch kein schmaler Wagen, der den Weg zum Eisernhof bewältigen konnte. Da stand ein junger Mann mit blonden Locken und weichen Gesichtszügen. Er trug den Halsreif eines Verbannten.

»Hallo«, begann Trisda.

Er schaute sie verlegen an.

Bevor er den Gruß erwidern konnte, deutete Jas auf ihn. »Der trägt die Dinger.«

»Bist du sicher?«, fragte Trisda den Jungen. Bis zum Eisernhof waren es fast zwei Stunden zu Fuß, und er sah nicht übermäßig stark aus.

Aber er nickte ausdruckslos.

»Wenn du meinst.« Trisda zuckte die Schultern. »Ihr könnt euch ja unterwegs ablösen.«

Jas knurrte.

Trisda half dem Jungen, das Gewicht einigermaßen sinnvoll auf seinen Schultern zu verteilen. Dann schnalzte Jas mit der Zunge und schob seinen Begleiter an, als ob er es wirklich mit einem Packpferd zu tun hätte.

Als die beiden drei Schritte von der Tür weggegangen waren, drehte er sich doch noch einmal um. »Hast du letztens was von Oma Riv gesehen?«

Das war lauter und deutlicher als alles, was Jas bisher von sich gegeben hatte. Trisda musste ihn trotzdem enttäuschen. »Bis jetzt noch nicht. Aber ich halte Ausschau. Meine Vorräte ist auch fast alle.«

Er schnaubte, drehte sich um und folgte dem schwer beladenen Jungen. Hatte er tatsächlich eine Gerte in der Hand, um seinen Begleiter anzutreiben?

Immerhin hatte er die vereinbarte Menge Ziegenkäse dagelassen. Es gab also noch etwas anderes als Mus zum Brot, wenn Balinat… wenn Estén wiederkam.

Es dauerte ein Weilchen, und er brachte Neuigkeiten mit.

»Agoti Balinsavata Yonemesi kommt«, verkündete er und schwenkte den runden Brotlaib. »Der Kerl, der das Zaubern wieder verbieten will. Danesa bereitet einen Aufmarsch vor. Wir müssen …«

»Erst mal was essen«, unterbrach Tris. Der Name hatte sie aus dem Konzept gebracht. Gerade hatte sie Ag noch vermisst, jetzt war er offenbar auf dem Weg hierher. »Ich habe Käse bekommen.« Sie legte ihre Beute auf einem Holzteller zurecht und ein geeignetes Messer dazu.

»Vom Eisernhof?«, fragte Estén. »Die haben immer was Gutes.«

Die wollten das Zaubern allerdings noch viel dringender verbieten als Ag. Zumindest glaubte Trisda kaum, dass ihr alter Freund wirklich so radikale Forderungen stellte. Das passte nicht zu ihm.

Das Essen lenkte Estén nicht lange ab. Aufgeregt erzählte er von Danesa und ihrem Aufmarsch. Trisda konnte sich den roten Wuschelkopf gut beim Protest organisieren vorstellen. Sie war schon als Kind an allen Diskussionen beteiligt gewesen, die ihrer Wege kamen.

»Also, verstehe ich das richtig? Der Eisernhof hat Ag...oti Balinsavata eingeladen, und jetzt sind Anhänger aus der ganzen Umgegend unterwegs, um ihn da zu treffen?«

Estén nickte kauend.

Das konnte ungemütlich werden. Uresdarya, das Ordenshaus für Banngesang, lag kaum eine Wegstunde entfernt. Deshalb gab es Rayere schließlich, damit die Leute im Dorf ein Auge auf die Zauberkundigen dort hatten.

»Ich nehme an, in Uresdarya wissen sie Bescheid?«

Estén zuckte die Schultern.

Trisda vermutete, dass Ag sich schon selbst dort angekündigt hatte. »Dann würde ich als nicht zauberkundige Person eher aus der Schusslinie bleiben, als mich der einen oder anderen Gruppe entgegenzustellen.«

Estén hörte auf zu kauen und schaute sie mit großen Augen an.

Sie nickte. »Wir kennen die Bannsängys als gute Nachbarn, mit denen man toll feiern kann und die helfen, wo sie gebraucht werden. Aber glaub mir, die können einem das Leben verdammt unangenehm machen, wenn man sie ärgert.« Trisda brach ab. Sie wollte nicht vom Krieg erzählen, aber sie war nun einmal dabei gewesen, damals kaum älter als Estén heute, und sie hatte hässliche Dinge gesehen.

»Ja, schon gut«, murrte er. »Zauberkundige sind böse, und man muss sie unschädlich machen. Dabei haben die so viel praktisches Zeug entwickelt …«

Jetzt kam er nicht mehr weiter. Vielleicht fielen ihm auf der Stelle doch keine überzeugenden Beispiele ein. Aber die Lederarbeiten für diesen Tag waren erledigt, also sagte Trisda: »Du musst es wissen, Estén. Von mir aus kannst du gehen und den feierlichen Empfang für Agoti Balinsavata vorbereiten.«

»Worauf du dich verlassen kannst.« Er rannte geradezu davon.

Trisda wünschte ihm im Stillen viel Glück bei Danesa. Dann ging sie nach draußen. Sie musste sie sich um ein paar Dinge in ihrem Gärtchen kümmern, solange es noch hell genug war. Einiges hatte sie schon ausgesät und hoffte, dass dieses Jahr mehr gedeihen würde als nur der Wirsing. Der hatte sie zwar über Winter gebracht, und natürlich tauschte die Nachbarschaft gern gegen alles Mögliche. Trotzdem wünschte sie sich auch noch andere Sorten Kohl und Rüben. Radieschen wuchsen in jedem Garten, nur nicht in ihrem. Im Spätsommer klagte alle Welt über die große Kürbisschwemme, von der Trisda regelmäßig verschont blieb. Aber sie gab nicht auf, weder im Garten noch bei anderen Gelegenheiten. Und das bedeutete, weitere Beete vorzubereiten.

Dabei behielt sie die Landstraße im Auge, in der Hoffnung, vielleicht Oma Riv zu entdecken. Die musste doch auf dem Weg hierher sein. Trisda gestand es sich ungern ein, aber ohne den Morgentee der Alten ging ihr die Arbeit deutlich schlechter von der Hand. Und für Estén galt das noch viel mehr.

Doch statt der Kräuterfrau sah sie eine Reisegruppe, die an der grünen Linde ihr Lager aufschlug. Das war nicht allzu ungewöhnlich, wenn auch etwas früh im Jahr. Von weitem sahen die Leute aus wie die typische Gaukeltruppe, wie man sich in Stanemark und anderen Nachbarländern eben Redenton vorstellte. Vielleicht waren sie auf dem Weg über die Grenze. Zwei Wagen reihten sich am Weg entlang auf. Fast sah es aus, als ob sie die Passanten vom eigentlichen Lager fernhalten sollten. Von weitem kam Trisda nichts an ihnen bekannt vor. Ein paarmal versuchte sie, unauffällig näher heranzukommen und das Geschirr der Zugtiere – ein Pferd und ein Esel – zu betrachten. Die Formen waren eher im Osten und im Flachland üblich, sonst waren die Sachen gut in Schuss. Am Abend würde die abweisende Breitseite doch sicher geöffnet, um zu feiern. Dann wäre Trisda auf jeden Fall dabei.

Als es schließlich dunkel wurde, ging sie ins Haus, wusch sich und zog das helle Kleid mit dem Wellenmuster an, das an einem Lagerfeuer besonders gut zur Geltung kam. An ihren braunen Locken war nicht viel zu machen, sie schlang einfach gelbe Filzschnüre hinein. Die kamen von Danesa. Sie verarbeitete die gröbere Wolle des Dorfes zu recht ansehnlichen Taschen, Hüten und anderem. Aus den Resten formte sie diese dekorativen Schnüre oder Blumen. Wenn sie nicht gerade um die neueste aufregende Sache stritt.

Trisda fand sich hübsch genug zum Feiern und überlegte, was sie mitbringen sollte. Tee fiel aus. Außerdem würden am Feuer bestimmt einige Tassen mit spannenderem Inhalt die Runde machen. Stattdessen schnitt sie ein Stück Ziegenkäse ab und packte es ein. Leise summend machte sie sich auf den Weg.

An der grünen Linde war es auffallend ruhig. Die Position der Wagen hatte sich nicht verändert, und hinter dieser Barriere war ein Zelt aufgebaut. Auch ein Feuer brannte. Darüber hing ein Kessel, dünner Dampf stieg auf. Nicht einmal ein halbes Dutzend Leute saß dabei oder bewegte sich zwischen Zelt und Wagen. Sie unterhielten sich gedämpft, jemand zupfte auf einer Laute. Mehr war es nicht.

---ENDE DER LESEPROBE---