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Der verborgene Wald - Erzählungen Dieter Hentzschel Alltagsschicksale von Menschen im Sog des Lebens. Acht Erzählungen im Umfeld urbanen Geschehens auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Der Tippelbruder, den die Kälte einer emphatielosen Gesellschaft mit voller Wucht trifft, und dessen Scheitern von Anfang an festgeschrieben ist. Die Bewohner eines Pflegeheimes, die auf den letzten Metern ihres Daseins versuchen, Normalität und Teilhabe in einem durchorganisierten Tagesablauf zu bewahren. Eine gestresste, aber selbstbewusste Marketingtrainerin, deren privates Leben nur noch Randgeschehen ist, und die in einer männerdominierten Arbeitswelt erfahren muss, dass Erfolg oft auf tönernen Beinen steht. Der im Leben dahintreibende junge Taxifahrer, den eine Millionenstadt zu verschlingen droht und der sich dennoch im letzten Augenblick von kriminellen Verwicklungen befreien kann. Eine Story deren Ende slapstickhafte Züge annimmt. Ein akkurat den Müll entsorgender Bürger, dessen Schlüsselbund fast zu seinem Verhängnis wird. Die Begegnung des jungen Rechtsanwaltes, der auf seinem täglichen Weg in seine Kanzlei durch den alten Stadtfriedhof die Bekanntschaft eines hochbetagten Herrn macht und erfährt, dass dessen Jugendliebe ein Leben lang sein Schicksal bestimmt hat. Die Folgen zweier ähnlicher Unfallgeschehen in deren Verlauf das Schicksal den Weg in eine bessere Zukunft ebnet. Der alte Mann, dessen Suche nach einem geheimnisvollen Wald zu einer Reise ins eigene Ich wird, einer Reise die dennoch zu einem guten Ende kommt.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Dieter Hentzschel
Der verborgene Wald
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Inhaltsverzeichnis
Titel
STAMMTISCH
BENTON
NEBENWIRKUNGEN
FROST
MANN IM CONTAINER
CAROLINE
GEFEUERT
DER VERBORGENE WALD
Impressum neobooks
_____________________________________________________________________________
Dieter Hentzschel
DER VERBORGENE
WALD
Erzählungen
STAMMTISCH
Sorgfältighatte Herr Spielmann die Tagesordnungspunkte für das heutige Treffen erarbeitet. Die letzte Position auf seiner Liste hatte es in sich. Während der vergangenen drei Wochen wurde er immer wieder von den Mitgliedern des Stammtischs darauf angesprochen. Eigentlich sollte dieses einmal monatlich stattfindende Treffen lockerem Gedankenaustausch, aber auch allgemeinen Anregungen dienen, die das Zusammenleben und die täglich ablaufende Routine zum Wohle aller verbesserte. Verbessern? Was sollte das Leben mit zweiundneunzig noch verbessern? Ich bin und bleibe alt, dachte Herr Spielmann. Warum tue ich das hier? Um die Zeit totzuschlagen? Nein, um den Gedanken an den in jeder Sekunde gegenwärtigen Tod zu verdrängen. Dabei ging es ihm noch gut. Er konnte laufen. Er konnte seine Arme bewegen. Sein Appetit war immer noch da. Und das Wichtigste: In seinem Kopf summten keine Hummeln. Wenn er da an Herrn Hinze dachte. Erst fünfundsiebzig. Stand total neben sich. Hatte alles vergessen. Seinen Beruf, seine Frauen - ja er war mit mehreren Frauen verheiratet gewesen erzählte man sich - seine Kinder, einfach sein ganzes Leben. Keine hellen Momente mehr. Kurz, die totale Leere. Dennoch war es erstaunlich, dass er keines der Treffen versäumte.
Was wohl aber daran lag, dass ihn Herr Rupert, mit dem er sich ein Zimmer teilte, und der ihm einfach Gesellschaft verschaffen wollte, immer mitbrachte. Und Hinze saß mit am Tisch, hörte zu, nickte mit dem Kopf und sagte, wenn er angesprochen wurde, seinen Standardsatz: >Das muss ich mirüberlegen<. Dabei überzog seine untere Gesichtshälfte ein leichtes Lächeln. Nein, dachte Herr Spielmann, davon bin ich - zumindest bis jetzt - verschont geblieben. Er klickte sich jeden Tag mit seinem Computer ins Weltgeschehen. Scrollte sich durch Elend, Katastrophen und Politik. Er blieb auf dem Laufenden. Genoß jeden Tag sein Einzelzimmer, wartete auf das Mittagessen und machte seinen täglichen Spaziergang durch den kleinen Park.
Apropos Politik. Keine fünf Minuten würde es heute wieder dauern bis Herr Simonis wieder die Politik ins Spiel brachte. Das Konzept von Herrn Spielmann missachtend legte er los. Schimpfte auf die Parteien, auf einzelne Politiker, auf die Bundeskanzlerin. Und erst wenn ihn Herr Spielmann mit den Worten >Politik ist für das nächsteTreffen vorgesehen< energisch unterbrach, verstummte er beleidigt. Natürlich waren die jeweiligen Tagesordnungspunkte nicht allein die Ideen von Herrn Spielmann. In den Wochen zwischen den Treffen sprach er einzelne Mitbewohner an, fragte sie nach Wünschen und Beschwerden. Holte sich Anregungen die er sortierte und nach Prüfung für wichtig genug befand sie gemeinsam zu besprechen. Nur selten nahmen Heimbewohnerinnen an den Gesprächen teil. Das liegt wohl am Motto unserer Veranstaltung. Stammtisch klang nach Bierzelt und Männern. Die weiblichen Bewohnerinnen hatten es mehr mit Gymnastiknachmittagen - könnte uns Männern übrigens auch nicht schaden - sinnierte Herr Spielmann - Filmvorführ-ungen, Brett-oder Bingospielen. Letzteres war auch immer gut von den Männern besucht.
Fünfzehn Uhr. Mittagsschlaf beendet. Ein Pfleger brachte Herrn Otto, schob seinen Rollstuhl in den Aufenthaltsraum, rollte ihn zu einem der Tische.
"Hallo Werner, wie immer der Erste", grüßte Herr Spielmann den ersten Teilnehmer der Runde. Werner Otto konnte nach einem Sturz kaum noch gehen. Von der anschließenden OP hatte er sich bislang nicht erholt.
"Ich bin ja auch motorisiert", witzelte Herr Otto. "Was sind denn heute die Themen?", wandte er sich an Simon Spielmann. Der Angesprochene wollte gerade antworten, da erschienen die nächsten drei Teilnehmer der Runde. Kurzes Grüßen, Stühlerücken und Gemurmel. Herr Piper ehemals Architekt fragte: ""Hast Du auch Kaffee bestellt Simon?"
"Piper du weißt genau, dass hier nicht serviert wird. Wenn du Kaffee willst hol ihn dir in der Cafeteria nebenan."
Gleich darauf betraten Herr Rupert und Herr Hinze den Raum. Im Schlepptau der beiden kam Herr Ohrner. Letzterer war bei allen bisherigen Treffen nur durch sein beharrliches Schweigen aufgefallen. Keine Meinung, keine Wortmeldung, keine Fragen.
Als Herr Spielmann ihn eines Tages auf seine Passivität ansprach antwortete er nur: "Ich bin Zuhörer Simon."
Als Letzter erschien wie immer Herr Simonis.
Schon fünf Minuten nach fünfzehn Uhr. "Sind das heute alle?", fragte Herr Spielmann die kleine Runde. Achselzucken.
"Geben wir noch fünf Minuten zu."
Stummes Warten. Herr Spielmann sah seine Fünfpunkteliste durch. Da war erstmal Punkt eins. Soll der automatische Türöffner des Haupteingangs in den Sommermonaten länger als bis einundzwanzig Uhr aktiv sein? Das bestimmte natürlich die Heimleitung. Aber falls die Runde das mit ja beantworten würde, konnte man zumindest mal eine Anfrage stellen.
Er nahm seine Liste zur Hand und wollte gerade die Anwesenden noch einmal offiziell begrüßen, als sich die Tür erneut öffnete. Köpfedrehen und erstaunte Gesichter. Frau Valentin aus dem dritten Stock trat ein. Sie grüßte kurz in die Runde und nahm an der einen freien Stirnseite des Tisches Platz. Auf der gegenüberliegenden Stirnseite saß Herr Spielmann. Ramona Valentin. Das hört sich irgendwie nach Künstlername an, dachte Herr Spielmann. Hier musste er mal seine Fühler ausstrecken. Ein bisschen Internet-Recherche. Er wusste, dass sie nur selten ihr Zimmer verließ und auch sonst an keinen Gesprächsrunden der Frauen teilnahm. Wahrscheinlich lag er mit seiner Vermutung gar nicht so falsch. Die Dame wollte auch im Alter ein bisschen von ihrem Künstlernimbus wahren.
"Hallo Frau Valentin. Herzlich willkommen in unserer Runde. Selten werden wir mit Damenbesuch beehrt." Herr Spielmann sah in die Runde der erstaunten Gesichter. Das konnte ja heiter werden. Da würden sich alle wieder wie Springböcke im Frühling aufführen befürchtete er. Mal sehen.
"Also kommen wir zum heutigen Punkt eins der Liste. Sie liegt ja auch vor ihnen auf dem Tisch. Wer dafür ist, dass wir bei der Heimleitung anfragen ob in den Sommermonaten der Haupteingang bis zweiundzwanzig Uhr offen bleibt, hebe bitte die Hand."
Alle Männerhände waren oben. Außer der Hand von Herr Hinze. "Na Wolfgang wie ist es mit dir?"
Herr Spielmann kannte die Antwort natürlich schon.
"Ich muss es mir überlegen". Alle schmunzelten.
Herr Spielmann überging den Einwand und wandte sich an Frau Valentin: "Wäre das auch ihr Wunsch Frau Valentin?"
Alle Köpfe wandten sich ihr zu. "Ach Herr Spielmann diese Frage ist für mich nicht so wichtig. Ich gehe grundsätzlich nach zwanzig Uhr nicht mehr aus dem Haus. Das ist mir zu gefährlich. Viel interessanter scheint mir der letzte Punkt auf ihrer Liste."
Herr Spielmann überlegte kurz. Es war ihm nicht unbedingt bewusst, dass Frau Valentin das Haus nach zwanzig Uhr nicht mehr verließ. Aber der Punkt fünf. Er hatte es ja gewusst. Aller Augen ruhten auf ihm. "Ja das interessiert uns wirklich." Es war Herr Rupert der die Aussage von Frau Valentin aufgriff und bekräftigte. Ringsum Köpfenicken, denn jeder wusste, dass Herr Rupert ein Kunstliebhaber war. Olaf Piper stimmte dem Ansinnen durch Kopfnicken ebenfalls zu.
Herr Rupert setzte noch einen drauf. "Ist mir doch egal ob ich die Speisekarte für die kommende Woche schon am Samstag erhalte oder erst am Sonntag. Ist eh immer das Gleiche."
"Na also", bekräftigte Herr Rupert indem er sich an Herrn Spielmann wandte, "siehst du Simon, alle wollen, dass wir gleich zu diesem Punkt auf der Liste kommen. Also lass uns Punkt fünf vorziehen."
"Na wenn ihr meint. Dann frag ich mal in die Runde. Was haltet ihr von der Idee, dass wir den Antrag stellen mal gemeinsam einen Abendbesuch ins Theater zu unternehmen?"
Herr Simonis meldete sich als Erster: "Die Kunst geht mal wieder vor. Als ich den Vorschlag eingebracht habe mal eine Stadtratssitzung zu besuchen, haben die meisten von euch abgewunken."
"Es spricht nichts dagegen dass du den Vorschlag erneut einbringst Ferdinand", erwiderte Herr Spielmann. "Aber jetzt lass uns abstimmen über den heutigen Vorschlag. Was meint ihr?"
Herr Rupert meldete sich erneut. "Falls ihr es nicht alle wisst, seit einiger Zeit haben wir im Landkreis ein kleines, feines Theater. Und das ist beileibe keine Laienbühne. Es handelt sich hier um den Ableger eines Theaters aus der Hauptstadt. Profis. Wer schon mal die Kritiken in der Zeitung gelesen hat der weiß Bescheid."
"Kann ich denn da auch mit?" witzelte Herr Otto. "Ich meine wegen meinem Ferrari hier."
"Davon gehe ich aus", antwortete Herr Spielmann. "Aber das klären wir vorher ab."
"Und wie kommen wir zu dem Spielort?", meldete sich Herr Ohrner.
Herr Spielmann ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. "Hallo Josef schön dass du dich auch mal an der Diskussion beteiligst. Zu deiner Frage: Es gibt Taxiunternehmen die auch Kleinbusse in ihrem Fuhrpark haben. Das kann nicht so teuer sein, wenn wir alle zusammenlegen. Außerdem sind es nur wenige Kilometer. Es ist ein kleiner Ort ganz in der Nähe."
Leicht verdrossen hob Herr Simonis seinen Finger: "Und was hast du für uns ausgesucht? Ich meine was wird da gespielt?"
Ganz einfach. Wir sehen uns gemeinsam das Programm im Internet an und entscheiden dann. Da gibt es Singspiele genauso wie kleine Kriminalstücke, aber auch Komödien. Aber erst müssen wir das mal grundsätzlich mit der Heimleitung klären. Bei einer Abendvorstellung kämen wir nicht vor halb Elf hier wieder an. Aber ich meine auch gelesen zu haben, dass es ab und zu eine Nachmittagsvorstellung um sechzehn Uhr gibt."
Frau Valentin wandte sich an die Runde. "Es wäre sehr schön wenn wir das realisieren könnten. Überlegen Sie. Ein kleiner Ausflug. Mal raus hier. Noch leben wir."
Und plötzlich war in den Männerköpfen die Frage wie alt Frau Valentin wohl sei. Denn das hatten sie bisher nicht ergründen können. Was auch daran lag, dass die Dame sich nur selten bei gemeinsamen Aktivitäten sehen ließ. Auf jeden Fall viel Gesprächsstoff die eine der Heimbewohnerinnen irgendwann auf den Punkt brachte: "Arrogant! Ja das ist sie."
Herr Spielmann beendete die allgemeinen Überlegungen mit den Worten: "Noch Fragen zu Punkt fünf?"
Keine Wortmeldung mehr. "Gut dann gehen wir zum gemütlichen Teil des Nachmittags über. Punkt zwei drei und vier auf unserer Liste verschieben wir."
Eine Woche später kam das Okay von der Heimleitung. Erneut rief Herr Spielmann die Runde zusammen. Dieses Mal in seinem großzügigen Zimmer das er allein bewohnte. Er verfügte über PC- und Internetanschluss. Herr Spielmann loggte sich ein und rief den Spielplan des Theaters auf.
"Hier, das Programm der nächsten vier Wochen."
Im Halbkreis standen die Männer vor dem Bildschirm. Frau Valentin in ihrer Mitte.
"Das wär doch was", meinte Herr Rupert. Er deutete auf das Programm von Freitag den vierundzwanzigsten Mai. "Ein Singspiel. Mit vielen alten Schlagern."
"Oh ja, das gefällt mir", rief Frau Valentin aus. "Die schönen alten Lieder mal wieder hören."
"Das sagt mir gar nix", grummelte Herr Simonis.
"Und, was meinen die Übrigen?", fragte Herr Spielmann hinter sich. Als nicht gleich Antwort kam meinte er scherzhaft: "Ferdinand sag jetzt bloß nicht, dass du es dir überlegen musst."
"Was hast du gesagt Simon?"
"Nichts. Vergiss es."
"Ich würd gern hingehen", murmelte Herr Rupert. "Sie sind doch auch dafür Frau Valentin."
Nachdem es keine weiteren Einwände gab verkündete Herr Spielmann: "Freut Euch. Ihr habt bestimmt eine gute Wahl getroffen. Ich kümmere mich um unseren Transport und werde der Heimleitung den Termin bekanntgeben. Zuerst spreche ich jedoch mit einem Theatermitarbeiter wegen der Karten und der Rollstuhlunterbringung von Herrn Otto."
Damit schloss Herr Spielmann die Runde.
Ein paar Wochen später. Der gemietete Kleinbus stand bereit. Frau Westerkamp, rechte Hand der Heimleitung, begleitete die kleine Truppe. Dies war Bedingung der Heimleitung gewesen. Man wollte kein Sicherheitsrisiko eingehen. Herr Spielmann staunte nicht schlecht als sich die Teilnehmer am Eingang versammelten. Donnerwetter, dachte er. Da war der lange nicht benutzte dunkle Anzug aus dem Schrank geholt worden. Ein Kleidungsstück das eigentlich für einen anderen Zweck vorgesehen war. Na ja, Schwamm drüber. Die Herren warfen verstohlene Blicke auf Frau Valentin und schwelgten Sekundenbruchteile lang in Erinnerungen an vergangene Abenteuer. Es war wohl das dunkelrote lange Kleid das ihre Gefühle aufwallen ließ. Und es war irgendein unbekanntes Dufterlebnis das sie längst vergessen hatten.
Während der zwanzigminütigen Busfahrt kam fröhliche Stimmung auf und die Erwartungen stiegen. Lange, zu lange waren sie jetzt schon in der täglichen Routine des Heimes gefangen. Fast jeder der Männer hatte Töchter, Söhne, Schwiegersöhne oder Enkel, deren Besuche nur sporadisch stattfanden und die in der Hektik ihres Alltages auch keine Zeit für Unternehmungen mit den Alten fanden. Nur Frau Valentin blieb seltsam still, schien ihren Gedanken nachzuhängen.
Direkt vor dem Theater setzte der Busfahrer sie ab. Ein ehemaliges großes Bauernanwesen war jetzt Spielstätte für die vielfältigsten kulturellen Veranstaltungen. In liebevoller Eigeninitiative für die Anforderungen eines modernen, kleinen, aber feinen Theaters umgebaut. Und dann die Überraschung. Als die Gruppe nacheinander den kleinen Saal betrat war Frau Valentin der Blickfang für bereits anwesende Theaterbesucher. Ihre hochgesteckten Haare, das Kleid und ein Lächeln, als hätte sie es eingeübt. Und es schien als würde Frau Valentin bei dem einen oder anderen Besucher Erinnerungen wecken. Doch im selben Augenblick kam auch schon die Erklärung für das allgemeine Interesse an ihrer Person. Aus einem Nebenraum trat ein kleiner grauhaariger Mann und ging auf Frau Valentin zu.
"Welche Freude Frau Valentin sie in unserem Theater begrüßen zu können. Es ist lange her, dass wir sie bei uns gesehen haben." Galant nahm der Mann ihre rechte Hand und führte sie zu einem Handkuss.
Vornehm zurückhaltend antworte Frau Valentin: "Ich freue mich auch Herr Wiesner."
Erstaunt stand die kleine Männertruppe einschließlich Frau Westerkamp um Frau Valentin und Herrn Wiesner herum. Ehe jemand etwas sagen konnte wandte sich Herr Wiesner an die Gruppe und sagte: "Meine Damen, meine Herren das ist schön, dass sie Frau Valentin mitgebracht haben. Ich habe hier die Theaterleitung und es war mir soeben eine große Freude eine ehemalige Kollegin begrüßen zu können. Sie sind natürlich ebenso herzlich willkommen. Sie müssen wissen, Frau Valentin hat an vielen großen Bühnen gespielt und am Ende ihrer aktiven Laufbahn war sie bei uns."
Im nächsten Augenblick öffnete sich der Vorhang der Bühne und mehrere Personen gesellten sich zu der Gruppe. Offensichtlich hatte die Dame an der Kasse die übrigen Theatermitglieder informiert. In dem kleinen Vorraum wurde es eng. Die Männertruppe riss die Augen auf, als das halbe Ensemble des Theaters Frau Valentin begrüßte. Welch prominente Mitbewohnerin sie hatten. Herr Otto in seinem Rollstuhl kam sich ein bisschen an den Rand gedrängt vor, was aber seiner guten Laune keinen Abbruch tat. Man hatte im unmittelbar vor der Bühne einen Platz zugewiesen der ihm beste Sicht auf das Geschehen bot. Den Rest der Truppe lud Herr Wiesner zu einem Glas Prosecco ein. Ein weiterer kleiner Raum in der Nähe der Bühne war als Bar ausgestattet. Herr Wiesner hob sein Glas und wandte sich an seine Gäste: "Liebe Frau Valentin, sehr geehrte Frau Westerkamp, meine Herren, ich freue mich über ihren Besuch und hoffe, dass ihnen unser kleines Singspiel gefallen und auch in Erinnerung bleiben wird."
Weitere Theaterbesucher drängten jetzt in die kleine Bar. Während Herr Simonis sich immer noch etwas verdrossen umsah, war Herr Rupert in freudiger Erwartung der Aufführung. Herr Hinze lächelte die Anwesenden reihum freundlich an, nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf und plauderte mit Frau Westerkamp als wäre seine fortgeschrittene Demenz nur ein böser Traum. Herr Spielmann der ihn beobachtete wusste um diese Momente. >Wolfgang hat wieder seine klaren Augenblicke<. Wenig später hatten alle ihre Plätze eingenommen. Das begeisterte Publikum riss auch die Besucher des Pflegeheims mit und bald klatschten alle im Takt der gesungenen Lieder mit Klavierbegleitung. Nach der Pause wurde Frau Valentin kurz auf die Bühne geholt und und Herr Wiesner stellte sie dem Publikum als ehemalige Kollegin vor. Welch eine elegante Erscheinung dachten ihre Mitbewohner. Und so mancher der Herren nahm sich vor des Öfteren an ihrer Tür zu klopfen und sie zu einem Kaffee einzuladen. Was für ein schöner Abend.
Draußen wartete schon der kleine Bus und unter fröhlichem Geplauder stieg die kleine Truppe ein. Der Busfahrer bekam eine Gratisvorstellung des Abends als alle, einschließlich Frau Westerkamp, das Lieder- Repertoire der Vorstellung aus voller Kehle sangen. Selbst Herr Piper, sonst eher zurückhaltend, äußerte sich anerkennend und auch Herr Simonis wurde jetzt von der guten Laune angesteckt. Schon während der Vorstellung hatte Herr Spielmann bemerkt, dass seine Beine zum Takt der Musik das Parkett bearbeiteten.
Simon Spielmann lag noch lange nach Mitternacht wach. Seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit. Erinnerungen an seine Eltern und Großeltern tauchten auf. Manches, so schien es ihm, war so lebendig und frisch als wäre es erst gestern gewesen. Ein leicht schmerzliches ziehen stieg in seinem Herzen auf, als er an seine erste Liebe dachte, an die Jahre in der kleinen Dorfschule. Kleine Begebenheiten, wie der erste Schwimmunterricht im Flussbad, der Klassenausflug und die Erfahrungen seiner Lehrjahre, standen ihm klar vor Augen. Er blickte an die schwach vom Mondlicht erhellte Decke seines Zimmers, und das nicht enden wollende Geschehen aus seinem Leben hielt an. Der neue Tag kündigte sich bereits an, bevor ihn dann doch der Schlaf übermannte. Ein unmerkliches Lächeln spielte um seine Lippen. Große Ruhe und Zufriedenheit erfüllten ihn.
Am nächsten Morgen tat Frau Valentin etwas sehr Ungewöhnliches. Entgegen ihrer sonst üblichen Kontaktscheu fand sie sich plötzlich vor der Zimmertür von Herrn Spielmann. Der vorangegangene Abend hatten Gefühle in ihr geweckt die sie lange aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Zu schmerzlich waren die Erinnerungen an eine lebendige, erfüllte Zeit ihres Lebens. Sie klopfte vorsichtig an die Tür von Herrn Spielmann. Kein freundliches Herein war zu hören. Noch einmal klopfte sie. Es blieb still. Plötzlich sah sie Frau Westerkamp auf sich zukommen.
"Oh schönen guten Morgen Frau Valentin. Sie wollten sich wohl auch bei Herrn Spielmann für den schönen Abend bedanken?"
"Ja, das wollte ich tatsächlich. Aber er schläft wohl noch."
"Genau deshalb wollte ich nach ihm sehen. Weil er ist sonst immer der Erste im Frühstücksraum."
Nachdem auch Frau Westerkamp mehrmals geklopft hatte drückte sie vorsichtig die Klinke der unverschlossenen Tür. Zögerlich blieb Frau Valentin vor der Tür stehen. Durch den Türspalt konnte sie sehen wie sich Frau Westerkamp über das Bett beugte, Herrn Spielmanns Hand nahm, und sie leicht schüttelte. Wenig später kam sie zurück an die Tür.
"Er atmet nicht mehr. Es ist so traurig."
Stumm verharrten die beiden Frauen eine Weile vor der Tür. Wenige Minuten später begann die eingespielte Routine des Pflegeheims die beim Tod eines Bewohners üblich war.
Benton stand nun schon eine gute Stunde in der Schlange der wartenden Taxis. Zwischendurch döste er vor sich hin und wurde immer wieder unsanft von der Hupe seiner Hintermänner geweckt.
"He schließ auf Penner!"
"Ja, ja ist ja gut", murmelte Benton. Wo blieben die Flugzeuge? Hatten die heimkehrenden Passagiere keine Kohle mehr? Er brauchte dringend eine Fahrt ins Stadtzentrum. Dreißig Kilometer. Am Abend würde er einen ehemaligen Mitschüler treffen. Er wollte dann ein bisschen Geld in der Tasche haben. Ihm einen ausgeben, damit er dachte es gehe ihm gut. Um am nächsten Tag mit der Zentrale abrechnen zu können, durfte er allerdings nicht zu viel ausgeben. Warum hatte ihn der Bursche wohl angerufen nach so langer Zeit? Fünfundzwanzig Jahre. Er konnte sich kaum noch an ihn erinnern. Dachte scharf nach. Doch alles was ihm einfiel war die Tatsache, dass Chess kaum eins sechzig groß war und schon damals einen Ansatz von Fettleibigkeit zeigte. Ihm war schleierhaft was der Kerl von ihm wollte. Am Telefon hatte er geheimnisvoll getan. >Bin zufällig in der Stadt und möchte dich sehen<.
Es ging wieder ein paar Meter vorwärts. Über seinem Kopf der dröhnende Lärm einer landenden Maschine. Er schätzte die Anzahl der vor ihm wartenden Kollegen. Könnte diesmal klappen. Dann bloß nicht das Pech haben, das es nur um eine Kurzstrecke ging. Er schniefte. Nein nicht heute! Heute konnte er das nicht brauchen. Den schmeiß ich raus!
Plötzlich ging es zügig voran. Die Kolonne bewegte sich. Na, na das würde knapp werden. Der Strom der Passagiere, die zu den wartenden Taxis gingen, versiegte langsam. Und dann war Benton ganz vorn. Hoffnungsvoll schaute er zum Ausgang der Ankunftshalle. Nichts. Alle versorgt. Er musste weiter warten.
Aber immerhin, er war der Nächste. Und dann schwang die Glastür noch einmal auf. Ein Mann der sich flüchtig umblickte und dann auf Bentons Cab zustrebte. Na endlich! Jetzt musste er nur noch Glück haben. Er stieg aus. Der Mann hatte zwar keinen großen Koffer. Nur eine Aktentasche. Er wollte höflich sein.
"Möchten Sie vorne oder hinten sitzen Sir?"
Er öffnete dem Fahrgast die Beifahrertüre. Die meisten wollten vorne neben dem Fahrer sitzen. Sofern sie allein waren.
"Danke, ich setz mich in den Fond."
"Gern."
Benton stieg ein und startete den Motor.
"Wo solls hingehen Sir?"
Der Kunde nannte die Adresse und Benton jubelte innerlich. Glück gehabt. Er fuhr los, fädelte sich in den Verkehr ein. Als er auf die Schnellstraße einbog sah er zum ersten Mal in den Rückspiegel. Doch er sah nichts Besonderes. Durchschnitt. Kleiner Geschäftsreisender. Vielleicht eins siebzig groß. Gut genährt. Keine besonderen Merkmale im Gesicht. Augenfarbe vermutlich grau. Seine Miene drückte nichts aus, allerhöchstens Abwesenheit. Nagut, dachte Benton. Ich stör dich nicht. Wenn du mit mir reden willst, wirst du es schon tun. Er jedenfalls hatte es sich abgewöhnt schweigsame Passagiere zu bequatschen. Er versuchte sich an den Dialekt der wenigen Worte die der Fremde gesagt hatte, zu erinnern.
Doch er konnte ihn nirgendwo einordnen. Innerlich zuckte er die Schultern. Was solls! Ich bring dich zu deinem Ziel. Und dann plötzlich war da doch leichte Verwunderung in seinem Kopf. Was wollte er dort? Soweit Benton sich erinnern konnte, gab es dort nur ein paar verfallene Hafenanlagen, viel Schrott, eine uralte Mole. Eine Gegend die man nur aufsuchte wenn es unbedingt sein musste.
"Äh Sir... ,"
"Ja?"
"...hab ich mich vielleicht verhört? Ich meine wegen der Adresse. Ist ne verlassene Gegend."
"Ja genau."
"Ah und Sie wollen da hin. Wissen Sie da gibts nämlich gar keine... also ich meine ne Hausnummer oder sowas."
"Das weiß ich. Bringen Sie mich einfach hin."
"Gut. Wie Sie wünschen."
Benton grübelte. Es begann zu dämmern. Bis sie ankamen war es wahrscheinlich dunkel. Was wollte der Kerl dort? Der hatte doch nicht etwa vor ihm eins über die Rübe zu geben. >Na so leicht wird dir das nicht gelingen<, dachte er. Seine körperliche Kondition ließ zwar seit einiger Zeit zu wünschen übrig, doch mit über eins achtzig Größe fühlte er sich fit genug um einen eventuellen Angreifer abzuwehren. Er nahm sich vor öfter mal wieder seine Hanteln aus der Mottenkiste zu holen. Oh verdammt! Ein grelles Hupgeräusch riss ihn aus seinen Überlegungen. Beinahe wäre er auf die Gegenfahrbahn gekommen.
"Sind Sie lebensmüde?"
Das kam aus dem Fond. "Nein... nein... entschuldigen Sie, kommt nicht mehr vor."
Vorsichtig blickte Benton in den Spiegel. Sein Fahrgast sah aus dem Seitenfenster und jetzt sah er eine kleine Narbe am Hals des Fremden. Sollte er ein Gespräch beginnen? Nein, besser nicht. Der Ton vorhin war nicht gerade freundlich.
Benton hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht als der Mann sagte: "Ich hätte da noch einen Auftrag für Sie."
"Ja?"
"Wenn Sie mich bei meinem Ziel abgesetzt haben gebe ich ihnen ein Kuvert das Sie zu einer anderen Adresse bringen. Ich bezahle natürlich."
War das nun eine Finte oder meinte es der Kerl ernst?
"Klar doch, mach ich Sir." Noch ein Auftrag. Er konnte ihn gebrauchen.
Kurz vor der Stadt verließ Benton die Schnellstraße. Ein Schild zeigte den Weg zu ihrem Ziel an. Dieser Hafen wurde schon lange nicht mehr benutzt. Die Anlagen stammten noch aus der Zeit als die Fischfabrik den Fang der vielen kleinen, selbstständigen Fischer verarbeitete. Auch einen Fischmarkt hatte es damals gegeben. War lange her. Das Meer ernährte die Fischer nicht mehr. Jetzt verfiel alles und niemand kümmerte sich darum.
Plötzlich, nach einer Biegung der Straße, konnte man den Ozean sehen. Der glutrote Feuerball der Sonne versank gerade am Horizont. Sie fuhren jetzt auf einer schmalen Küstenstraße, die an den Wochenenden auch vereinzelten Badegästen als Zufahrtsstraße diente. In der langsam eintretenden Dämmerung hätte Benton das kleine Schild beinahe übersehen. Er schaltete die Scheinwerfer ein. Hier bog die kleine, mit Schlaglöchern übersäte Straße zu den alten Anlagen ab. Auf einem verwitterten Schild war gerade noch zu lesen:>Fishmarket<.
Er schlug das Steuer nach rechts ein und riskierte wieder einen Blick auf seinen Fahrgast. Doch er sah nur das blasse Oval eines Gesichtes. Es war schon zu dunkel im Wageninneren. Benton wurde ein wenig mulmig zumute. Jetzt war die beste Gelegenheit im ein Messer oder eine Pistole in den Nacken zu drücken. Keine Menschenseele würde ihm hier zu Hilfe kommen. Brachland, das niemanden einlud einen Abendspaziergang zu machen.
Was war das für ein Geräusch? Benton zuckte zusammen, umklammerte das Steuer. Es kam aus dem Fond. Vorsichtig drehte er sich um.
"Sagten Sie etwas Sir?"
Eine erstickte Stimme antwortete ihm nach einer Weile: "Nein, nein ich habe nichts gesagt. Alles in Ordnung."
Benton runzelte die Stirn. Er hätte schwören können, dass sein Fahrgast geschluchzt hatte. Die Buschreihen beiderseits der Straße endeten abrupt und ein kleiner Sandstreifen lag im Kegel der Scheinwerfer. Zu seiner Linken, dort wo der Strand landeinwärts endete, konnte er die dunkle Gebäudereihe der ehemaligen Fischfabrik erkennen.
"Wo soll ich Sie absetzen Sir?"
"Halten Sie an. Hier ist es okay."
Benton hielt den Wagen an und schüttelte innerlich den Kopf. Was wollte der Kerl an diesem gottverlassenen Strand? Er sah auf den Taxameter und ehe er den Preis nennen konnte kam die Hand des Mannes zwischen den Vordersitzen hervor.
"Hier! Stimmt so. Das war für diese Fahrt. Ich gebe ihnen jetzt den Umschlag. Sehen Sie sich die Adresse an und sagen Sie mir was Sie dafür bekommen. Aber Sie dürfen das Kuvert dem Empfänger nur persönlich aushändigen. Darauf muss ich mich verlassen können."
Benton sah sich die Adresse an und sagte: "Das kostet einen Zwanziger." Er hatte gut gerechnet.
"Sie können sich darauf verlassen, dass ich den Umschlag persönlich abgebe. Aber was soll ich tun wenn der Empfänger nicht zuhause ist?"
"Es wird jemand zuhause sein!"
Benton bekam den Zwanziger, legte das Kuvert auf das Armaturenbrett und sagte: "Also gut Sir. Ich erledige das. Kann ich noch etwas für Sie tun?"
Die hintere Tür wurde geöffnet und sein Fahrgast stieg aus. Die Wagentüre fiel zu und Benton wollte schon losfahren, als sein Kunde auf der Beifahrerseite noch einmal durch die Scheibe sah. Er sagte etwas und Benton kurbelte das Fenster herunter um ihn zu verstehen.
"Ich verlasse mich auf Sie."
