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Das Ende der Jungsteinzeit. Eine dramatische Zeitenwende für die Menschheit. Tief in den Wäldern Großbritanniens lebt Crow, der Jäger, mit seiner Sippe. Eines Tages wird er gezwungen seinen Stamm zu verlassen, um als Arbeitssklave einem fremden Machthaber zu dienen. Bedroht von kriegerischen Wilden, und unter unmenschlichen Strapazen, ist er beteiligt an der Vollendung eines gewaltigen Monumentes. Stonehenge, dieses alle Zeiten überdauernde Bauwerk wird das Leben seiner Sippe und seines Stammes für immer verändern...
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Dieter Hentzschel
Steinzeichen
Der magische Kreis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
STEINZEICHEN Der magische Kreis
Steinzeichen Teil 2
Impressum neobooks
I Crow erwachte. Er fühlte den Schmerz in seinen Gliedern, spürte die Kälte seine Beine hinaufkriechen. Als er den Kopf hob, um nachzusehen ob es schon dämmerte, blickte er nur in bodenlose Schwärze. Unter seinem Körper war nichts als eine geflochtene Matte. Darunter nackter, feuchter Fels. Das Ziegenfell und der Lendenschurz gaben ihm nur notdürftigen Schutz. Er konnte den Höhleneingang nicht ausmachen. Das Heulen des Windes hatte ihn wohl geweckt. Nur Dunkelheit, die alles einhüllte. Er hörte das Atmen der anderen, die dicht gedrängt neben ihm lagen. Doch da waren auch noch andere Laute. Unverständliche, wirre Wortfetzen drangen zu ihm. Gefährten, die träumten. Auch er wünschte sich zu träumen. Von seinem zuhause, von den Menschen, die er liebte. Die Hand von Alia in seinem Nacken zu spüren. Die Geborgenheit der kleinen Hütte um sich zu wissen. Doch in seinem Kopf war die Gewissheit, dass mit jedem Tag, der verging, die Heimat ferner war. Crow wußte nicht, wohin der Weg führte. Er wußte nur um die Plage, diesen gewaltigen Stein da draußen in der Dunkelheit seinem Ziel näher zu bringen. Ein Ziel, das er nicht kannte. Er stöhnte, wälzte sich auf die andere Seite, um Schlaf zu finden. Doch das Chaos in seinem Kopf, die von der Feuchtigkeit klamme Matte, auf der er lag, hielten ihn wach. Er dachte zurück an die Jahre seiner Kindheit, an die Zeit, als sein Vater mit ihm auf die Jagd gegangen war. Es war immer dieser Kampf um Nahrung, der sie in die Wälder und oft auch auf unbekanntes Territorium trieb. Gegenden, die sie nicht kannten und die voller Gefahren für sie waren. Nachts, wenn sein Vater schlief, musste er Wache halten. Oft wurden sie aufgeschreckt von fremden Jägern, die sie in ihrem Revier nicht duldeten, die nur darauf warteten, sie ein für allemal unschädlich zu machen. Er erinnerte sich, wie sie sich den Atem anhaltend und voller Angst in Felslöchern verkrochen hatten, während die fremden Jäger sie suchten. Diese unheimlichen Fremden, die er nie zu Gesicht bekam, jagten in Gruppen und hätten leichtes Spiel mit ihnen gehabt. Einmal, während einer Wache, war er eingeschlafen. Die Nacht war mondlos und als er den muskulösen Arm um seinen Hals spürte, der ihn würgte und vom Lager wegzuziehen versuchte, da wäre es beinahe um ihn geschehen gewesen. Doch sein Vater erwachte, überwältigte den Angreifer und erschlug ihn mit seinem Steinbeil. Sie hatten Glück. Ein versprengter Einzelgänger, der sich von seiner Gruppe getrennt hatte. Crow wurde starr vor Entsetzen, wenn er an diesen Vorfall dachte. Sein Vater hatte ihn gepackt, und im Dunkel des Waldes konnten sie ihren Heimweg antreten. Er hob wieder den Kopf, sah in Richtung des Höhleneinganges. Ein erster grauer Schimmer durchdrang das bodenlose Nichts. Im gleichen Augenblick setzte starker Regen ein. Noch mehr Pein, dachte er. Nun würde ihr Vorwärtskommen wieder doppelt so beschwerlich. Nasses, glitschiges Seil, abgeschlagene Baumstämme, die vom Gewicht des großen Steins in den weichen Boden gedrückt wurden. Warum schleppten sie diesen Stein Tag für Tag durch die Wildnis? Wo befand sich der geheimnisvolle Ort, zu dem sie ihn bringen mussten? Die Wächter wußten es vielleicht, doch sie sprachen nie mit ihnen. Sie trieben sie nur an. Seine Gefährten ergingen sich in Gerüchten und Vermutungen. Ihr Stein sei nur Teil eines großen Bauwerkes, das vollendet werden mußte. Doch was war der Zweck dieses Bauwerkes? Crow ließ diese Gedanken fallen, dachte an den Tag, der vor ihm lag. Er war jung und doch hatte er manchmal das Gefühl, den Strapazen nicht mehr gewachsen zu sein. Unmenschliche Anstrengung, die über seine Kräfte ging. Sie bekamen gerade ausreichend Nahrung, aber die Wächter forderten ihnen oft das Letzte ab. Einmal hatte einer der Arbeiter zu fliehen versucht. Doch sie fanden ihn und trieben ihn zurück. Er durfte am Leben bleiben, weil sein Körper gebraucht wurde. Manchmal schien es, als sei ihr Vorhaben an einen strengen Zeitplan gebunden. So, als müßte der gewaltige Stein für einen bestimmten Anlass sein Ziel erreichen.Einige der Gefährten neben ihm erwachten. Crow murmelte etwas mit seinem Nachbarn. Dann richtete er sich auf. Der Höhleneingang zeichnete sich jetzt deutlich ab. Graues Licht fiel auf die Höhlenwände, die abweisend und nackt aussahen. Er fror und war einerseits froh, dass die schwere Arbeit ihn bald jede Kälte vergessen lassen würde. Unmittelbar am Höhleneingang bereiteten die für die Nahrungsversorgung zuständigen Arbeiter die Tagesration für die Arbeiterkolonne vor. Er hörte das Brüllen der Ochsen vor der Höhle. Nur mit deren Hilfe konnten sie den Stein überhaupt bewegen. Man trieb sie mit Knüppeln an, wenn sie wieder einmal mit ihrer Last im Morast versackt waren. Er stand auf, stieg über die noch schlafenden Gefährten hinweg und strebte dem Höhleneingang zu. Mehrere Feuer brannten und er roch den Duft von gebratenem Fleisch. Sie führten eine Herde Ziegen mit, von denen täglich einige geschlachtet wurden. Das reichte gerade für eine hungrige Rotte von fast dreihundert Männern und deren Wächter. Manchmal gingen die Wächter auch auf die Jagd, um den Vorrat an Fleisch zu ergänzen. Nun kamen nach und nach auch die anderen Männer zum Höhleneingang. Crow sah zu dem mächtigen Brocken hinüber, der unweit von ihrer Höhle in einer Mulde lag. Der leicht bläulich schimmernde Quader glänzte von dem eben niederge-gangenen Regenguss. Während er hungrig das Fleisch verschlang, schweiften seine Gedanken ab. Wieder fragte er sich, wohin ihre Reise ging. Wie lange es noch dauern mochte bis er wieder zu seinem Stamm zurückkehren konnte. Heimweh plagte ihn und die Ungewissheit über sein Schicksal. Er wurde aus seiner Grübelei gerissen, als die Wächter den Aufbruch verkündeten. Für einen kurzen Moment blickte das große wärmende Gestirn zwischen den Wolken hervor. Die Männer spannten die mitgeführten Ochsen in die dicken, geflochtenen Seile. Allein diese Vorbereitungen waren schon anstrengend, da sich die Tiere störrisch auskeilend widersetzten. Nun mußten Crow und seine Gefährten in einer langen, langen Reihe menschlicher Leiber, das Seil zu beiden Seiten des Steins aufnehmen. Sie warteten auf den Abmarschbefehl. In einem leichten Winkel, der sich nach vorn öffnete, zogen sie parallel zu den Ochsen mit ihrer Muskelkraft den Stein. Das Ungetüm lag auf Holzpfählen. Die Gruppe, der Crow heute zugeteilt war, mußte neue Pfähle vor den Stein legen, die sie am Abend zuvor mit den harten, merkwürdig schimmernden Äxten der Wächter aus dem nahen Wald geschlagen und bearbeitet hatten. Auch die Speere und Messer der Wächter waren aus diesem rötlich-braunen Material. Sein Stamm kannte nur Steinwaffen. Nur mit der Kraft ihrer Arme erledigten sie die schwere Arbeit. Die Rundhölzer des Vortages waren zermalmt. Eine weitere Gruppe von Männern arbeitete vor der Zugkolonne um kleineres Buschwerk und Steine aus dem Weg zu räumen. „Los!“, schrie der Wächter an der Spitze des Zuges. Knüppel und Peitschen sausten auf die Tiere nieder, und die Männer zogen mit aller Kraft an den Seilen. Der Stein rührte sich nicht von der Stelle. Mit seinem gewaltigen Gewicht war er über Nacht in den weichen Boden eingesunken. Wieder der Befehl. Und wieder ruckten die Tiere an, zogen die Männer. Nichts geschah. Die für das Auslegen der Rundhölzer vorgesehenen Männer mußten sich nun ebenfalls in die Seile einreihen. Es galt den Stein aus dem Morast herauszuziehen. Erneut das Geschrei der Wächter. Die Ochsen zerrten mit aller Kraft, denn sie wollten den Schlägen entkommen. Und dann bewegte sich der Stein, wurde aus dem schlammigen Boden gerissen. Endlich! Crow atmete auf. Das Seil rieb schmerzhaft auf seiner nackten Schulter, scheuerte sie jeden Tag aufs Neue wund. Nachdem ein paar Meter zurückgelegt waren, lief er mit einem Teil seiner Gefährten zum Stein zurück. Die Holzrollen lagen bereit und mussten in einer Art Kreislauf von der Rückseite des Steins immer wieder nach vorne geschafft und als Gleithilfe untergelegt werden. Zu steile Erhebungen, die sich ihnen in der Landschaft entgegen stellten, mußten umgangen und damit wieder ein Umweg in Kauf genommen werden. Ein schonungsloser Rhythmus bestimmte nun den Tagesablauf der Menschen und der Tiere. Plötzlich brach einer der älteren Arbeiter direkt vor dem Stein zusammen. Crow schrie: “Halt! Nicht weiter!“ Mehrere seiner Gefährten kamen gerade von der Rückseite des Steins, erstarrten vor Entsetzen. Wild gestikulierend und aus Leibeskräften schreiend, versuchten die Männer auf das Unglück aufmerksam zu machen. Doch das Gebrüll der Ochsen, die Befehle der Wächter ließen ihre Rufe untergehen. Der Stein schob sich langsam über den Unglücklichen. Ihr Geschrei wurde jetzt übertönt von den Schmerzensschreien des Mannes, dessen Beine inzwischen unter dem Stein verschwunden waren. Crow und zwei weitere Männer versuchten durch seitliches einkeilen von Stämmen den Stein anzuheben. Ihre Kraft reichte dazu nicht aus. Als der Zug endlich stoppte, war der Unglückliche bis zur Brust unter dem Stein begraben. Blut lief aus seinem Mund. Nur noch ein Röcheln kam aus seiner Kehle. Crow kniete nieder, wollte helfen. Doch er konnte nichts tun. Wenig später war der Mann tot. Wütend sah Crow in Richtung der Wächter. Er wußte, dass Widerstand und Aufbegehren gegen sie zwecklos war. Sie waren zu gut mit diesen neuartigen Waffen ausgerüstet. Ungerührt kam einer von ihnen näher, sah kurz auf den Toten hinab und gab dann den Befehl zum Weitermarsch.Und dann mussten sie den Stein über den Toten ziehen. Für den Rest des Tages tauschten die Männer nur noch Blicke aus. Die Qual der schweren Arbeit ließ weder Gedanken noch Gespräche zu. Sie hetzten von der Rückseite des Steins nach vorne, legten die Pfähle unter, tauschten zermalmte Stämme gegen neue aus, die auf einem Holzschlitten mitgeführt wurden. Dann mußte diese Kolonne die Männer an den Seilen ablösen. Nach einer kurzen Pause ertönten wieder die Befehle der Wächter. Nun war Crow in der Seilkolonne. Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht. Er fühlte wie jeden Tag um diese Zeit die nahende totale Erschöpfung. Vor ihnen lag eine kleine Anhöhe. Der Anführer entschied, dass sie dieses Hindernis zu bewältigen hatten. Zur Verstärkung wurden Männer der Küchenmann-schaft geholt. Crow hob den Kopf, verhielt einen kurzen Augenblick, in dem er seine Kraft nicht auf das Seil übertrug. Ein paar Meter vor ihm fiel einer der Gefährten zu Boden. Wieder stockte der Zug. Eine willkommene Pause. Ein paar Helfer der Essensmannschaft verteilten jetzt Wasser. Der Erschöpfte wurde ausgetauscht und auf den Schlitten mit den Ersatzpfählen gelegt, der von einem Ochsen gezogen wurde. Da ihre Bewacher keine Möglichkeit hatten, in der unbewohnten Wildnis neue Männer zu finden, mussten sie derartige Ausfälle notgedrungen hinnehmen. Schon am Morgen des nächsten Tages sah Crow den Mann wieder beim Unterlegen der Pfähle. Als es zu dunklen begann, hatten sie die Anhöhe bewältigt. Ausgelaugt und mit schmerzenden Gliedern lag der Troß der Arbeiter am Boden. Noch einmal wollten die Wächter sie antreiben. Doch der Anführer rief sie zurück. Er wußte, dass es am nächsten Tag nur weitergehen konnte, wenn sich die Männer wieder einigermaßen erholt hatten. Das Ziel das sie verfolgten, durfte nicht gefährdet werden. Es galt, diesen heiligen Stein sicher und zu einem bestimmten Zeitpunkt an seinen Bestimmungsort zu bringen. Am Rande eines kleinen Wäldchens schlugen sie ihr Lager auf. Nachdem die Männer sich ein wenig ausgeruht, zu Essen und zu Trinken bekommen hatten, mussten die Kräftigeren unter ihnen junge Bäume fällen und die Stämme zu neuen Pfählen verarbeiten. Auch Crow war dabei. Eine Schar Wächter begleitete sie und händigte immer einem Teil der Arbeiter ihre Beile aus. Mit stoßbereiten Speeren überwachten sie die Männer.Crow überlegte, ob es eine Chance gab, die Wächter zu überrumpeln. Doch er verwarf diesen Gedanken sogleich wieder. Das würde nur in einem Gemetzel enden. Zu gut waren diese Männer ausgebildet und ausgerüstet. Und dazu kam, dass er in einem verborgenen Winkel seines Denkens neugierig darauf war, das Ziel ihrer Reise kennen zu lernen. Zu erleben, wohin dieser riesige Quader gebracht wurde. Welch geheimnisvollem Zweck er einmal dienen sollte. Unsanft wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Gerade hatte er einen der bearbeiteten Stämme aufgenommen, als um ihn her plötzlich Panik ausbrach. Seine Gefährten stoben auseinander, die Wächter bildeten einen Pulk und formierten sich. Er sah dorthin, wo alle Augen hinstarrten. Ein riesiges schwarzes, struppiges Ungeheuer kam zwischen den herumliegenden Baumstämmen direkt auf ihn zu. Crow war vollkommen wehrlos. Keiner seiner Gefährten, die mit den Beilen gearbeitet hatten, war in seiner Nähe. Die Wächter warteten ab, waren unentschlossen, was sie tun sollten. Das unglaublich große Tier, ein Eber, war nun unmittelbar vor ihm. Er sah den Speichel auf den Lefzen des Tieres, die tückischen Augen, aber besonders die langen scharfen Hauer. Ein tiefes, wütendes Grunzen kam aus dem Maul des Ebers. Crow standen die Haare zu Berge. Eiskalte Schauer rannen über seinen Körper. Er stand wie erstarrt. Als das Ungeheuer zum Angriff ansetzte löste sich Crow aus seiner Starre. Er öffnete den Mund und stieß seinerseits einen durchdringenden Schrei aus. Der Angreifer war einen Moment irritiert und wich ein wenig zurück. Das war Crows Chance. Er warf dem zottigen Ungetüm mit aller Kraft die er aufbrachte, den Stamm, den er in seinen Armen hielt, direkt an den Kopf. Es gab einen dumpfen Laut, doch das beeindruckte das Monster nicht im geringsten. Es grunzte erneut, rasend vor Zorn auf dieses widerspenstige Opfer. Aus dem Stand rannte es los. In seiner Hast und Angst stolperte Crow und stürzte zu Boden. Schwer atmend, auf dem Bauch liegend, spürte er plötzlich den Angreifer auf seinem Rücken und gleich darauf einen wilden Stoß. Er stieß einen Schmerzensschrei aus. Einer der langen Fänge hatte sich in seinen Rücken gebohrt. Nun war alles aus. Er war dem Untier ausgeliefert und erwartete den nächsten Stoß. Seine Gedanken flogen zu Alia. Nie würde sie erfahren was mit ihm geschehen war. Und er würde nie erfahren, was es mit diesem geheimnisvollen Steinkoloß auf sich hatte. Er wartete auf den Tod. Doch da vernahm er plötzlich ein marker-schütterndes quieken. Sechs der Wächter hatten sich mit ihren Speeren dem Eber von hinten genähert. Auf ein gleichzeitiges Kommando stießen sie ihre scharfen Waffen durch das zottige Fell. Nun drehte sich der Angegriffene seinen neuen Feinden zu. Weitere vier Wächter sprangen hinzu, bohrten ihre Speere in den Hals des Monsters. Die Männer wichen vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Das riesige Tier war mit ihren Speeren gespickt. Blut lief in Strömen aus den Wunden. Vom Lager war ein weiterer Wächter herbeigeeilt. Er hatte ein extrem langes Messer in der Hand. Mit einem harten und blitzschnellen Stoß rammte er die Klinge in den Hals des Ebers. Er traf sein Ziel genau. Das Tier torkelte, verlor das Gleichgewicht und plumpste seitlich zu Boden. Etwas Glühendes steckte in seinem Körper. Ein röcheln erfüllte die Luft. Und dann erkannten die Männer schlagartig, warum das Tier angegriffen hatte. Am Rand des nahen Waldes stob gerade eine ganze Herde weiblicher Wildschweine mit mehreren Jungtieren davon in das schützende Dickicht. Einige der Wächter setzten ihnen nach, kamen aber nach kurzer Zeit unverrichteter Dinge zurück. Dennoch, so viel frisches Fleisch war ihnen bei der Jagd lange nicht mehr untergekommen. II Brennender Schmerz in seinem Rücken raubte Crow den Schlaf. Er fieberte, erlebte in immer wiederkehrender Folge den Angriff des riesigen Tieres. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, wenn er an das Erlebte dachte. Mit kühlenden Blättern versuchte einer seiner Gefährten, die tiefe Wunde zu behandeln. Stumm, den Schmerz ertragend, lag er bäuchlings auf der geflochtenen Matte, lauschte auf die Geräusche aus dem nahen Wald. In seinem Zustand war er für den Transport des Steins nutzlos. Ob sie ihn wohl zurückließen? Könnte er den Weg nachhause in seinem Zustand schaffen? Ohne Nahrung, ohne Waffe, behindert durch seine Verletzung? Vielleicht setzten sie ihn zur Wasserverteilung, zur Zubereitung des Essens, oder zur Betreuung der Ochsen ein. Wieder dachte er über den Sinn und Zweck ihrer Reise nach. Dieser gewaltige Steinkoloss barg ein Rätsel, für das er keine Erklärung hatte. Aber welcher Art dieses Rätsel war, davon hatte Crow keine Vorstellung. Er schreckte hoch, als er das Knacken von Ästen hörte. Doch es war nur einer seiner Gefährten, der sich hinter den Bäumen erleichtert hatte, beobachtet von zwei Wächtern, die um ein Feuer herum saßen. Sich auf die Seite drehend, blickte Crow hinauf in den klaren Himmel. Vor dem schwarzen Hintergrund blinkten unzählige Sterne. Was bedeuteten diese in kaltem Glanz funkelnden Lichtpunkte, die Nacht für Nacht stumm auf ihn herabsahen? Er prägte sich die Formationen bestimmter Lichtpunkte ein, um sie in der darauffolgenden Nacht an gleicher Stelle wiederzu-finden. Was hielt sie dort fest? Besonderes Augenmerk schenkte er dem tief am Horizont stehenden, rötlichen Punkt. Er wirkte beruhigend auf ihn, schläferte ihn trotz seiner Schmerzen langsam ein. Als der Morgen dämmerte, fühlte sich Crow ein wenig erfrischt, auch wenn die Schmerzen in seinem Rücken ihn immer noch heftig peinigten. Er richtete sich auf und sah, wie einer der Wächter auf ihn zukam. „Steh auf!“, herrschte ihn dieser an. Crow erhob sich, sah den Mann an. Er fürchtete das Schlimmste. „Komm!“ Unsicheren Schrittes folgte er dem Wächter. Wo brachte er ihn hin? Was hatten sie mit ihm vor? Der Weg führte sie zum Zelt des Anführers. „Warte!“ Der Wächter verschwand in dem Zelt, um ihn kurz darauf hineinzuwinken. Gleich darauf stand Crow dem muskulösen Kommandoführer gegenüber. Dieser gab ihm ein Zeichen, sich umzudrehen. Er begutachtete seinen Rücken. „Dreh dich wieder um! Du bist mir schon ein paar mal aufgefallen“, sagte der Anführer nun.Crow wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. „Mit deiner Verletzung kannst du heute keine schwere Arbeit leisten. Du wirst bei der Essenszubereitung helfen, Wasser an den Arbeitstrupp verteilen und für die Ochsen sorgen.“Er wußte nicht, was er antworten sollte. „Hast du mich verstanden?“ „Ja.“ „Gut, geh mit ihm!“, dabei zeigte er auf den Wächter, der ihn hergeführt hatte. Er folgte diesem vor das Zelt. Der Wächter brachte ihn zur Küchenmannschaft, die in der Nähe ihre Kochutensilien aufgestellt hatten. Es gab nur zwei Mahlzeiten am Tag. Jeden Morgen vor dem Abmarsch und am späten Abend, wenn das Transportpensum erfüllt war. Nach der morgendlichen Mahlzeit ertönten die Befehle der Wächter und trieben die Lastenmannschaft zum Aufbruch. Der Küchentrupp marschierte getrennt los, überholte den Zug mit dem Stein, geführt von zwei Wächtern, die auch gleichzeitig die Wegstrecke für den neuen Tag markierten. Am neuen Lagerplatz angekommen, galt es mehrere Steinöfen aufzuschichten und das Tierfleisch vorzubereiten. Zwei Männer wurden jeweils auf die Jagd geschickt, um den Vorrat der mitgeführten Ziegen nicht zu stark zu dezimieren. Oft kamen die Jäger aber ohne Beute zurück. Das Kommando über die Küchentruppe hatte ein älterer Arbeiter mit grauen Haaren und dichtem struppigen Bart. Er begutachtete Crow und wies ihn dann an, als erstes die Wassersäcke zu füllen. Als dieser fragend schaute, sagte der Alte ungeduldig zu ihm: “Mach dich auf den Weg und sieh zu, wo das nächste Wasser zu bekommen ist.“Crow schnappte sich zwei der Säcke und marschierte los. Nach einer längeren Wegstrecke machte er Halt und ging in eine andere Richtung. Doch auch hier hatte er kein Glück. Erst als er erneut umkehrte und einen anderen Weg einschlug, vernahm er nach einer Weile das Murmeln eines Baches. Der kleine Bach befand sich inmitten eines Birkenwäldchens. Das Wasser war klar und kalt. Hastig trank er und löschte seinen Durst. Dann drückte er die Säcke ins Wasser und hielt die Öffnungen in Fließrichtung. Der Weg zurück war beschwerlich. Die gefüllten Säcke zerrten an seinen Armen. Mehrmals musste er eine Pause einlegen. Als er zurück kam, sagte der Alte nicht gerade freundlich: „Das muss schneller gehen! Du hast hier noch mehr zu tun.“ Er schleppte weitere Säcke mit Wasser. Sein Rücken schmerzte und er wusste nicht, wie er bis zum Abend durchhalten sollte. Nach dem Wasserholen sammelte er genießbare Beeren im Wald. Damit kannte er sich aus, seit ihn sein Vater auf die ersten Jagdausflüge mitgenommen hatte. Das bücken verursachte ihm große Schmerzen. Heißer Schmerz stach ihm in den Rücken. Zwei der Küchenhelfer zerlegten den Eber. Schon vor dem morgendlichen Aufbruch hatten sie den größten Teil in transportierbare Teile zerschnitten. Crow musste das Fell zum Trocknen aufspannen. Dabei wurde ihm die unglaubliche Größe des Tieres bewußt. Einmal sank er ermattet zu Boden. Der Grauhaarige sah ihn an und sagte: „Hast du Schmerzen?“ Crow nickte. „Gut, ruh dich ein wenig aus. Nachher nimmst du einen Wassersack, gehst dem Trupp entgegen und verteilst Wasser.“ Der Transport des Steins ging an diesem Tag nur langsam voran. Das Gelände war uneben, immer wieder mussten größere Felsformationen umgangen werden. Er versorgte die erschöpften Männer während einer Pause mit dem frischen Wasser. Dankbar sahen sie ihn an. Er wusste um ihre Mühsal, war er doch einen Tag zuvor noch selbst in das Seil eingespannt. Zurück beim Essenstrupp gab es neue Arbeit für ihn. Der Alte ließ ihn trockenes Holz für die Feuerstellen einsammeln. Wieder überkam ihn Sehnsucht nach seinem zuhause, nach den Mitgliedern seines Stammes. Als die Wächter damals sein Dorf überfielen und nach Arbeitern durchkämmten, waren alle jungen Männer gerade auf der Jagd. So fanden sie nur Crow vor, der an diesem Tag das Lager mit den Frauen und ein paar älteren Männern zu bewachen hatte. Unsanft bedeuteten sie ihm mitzukommen. Ihre Speere ließen ihm keine Chance zur Gegenwehr. So war er innerhalb weniger Minuten aus dem Lager weggerissen worden. Die Frauen hatten sich in den Hütten versteckt. Etwa zwanzig der Wächter durchkämmten das kleine Dorf. Sie ließen die Frauen und Kinder ungeschoren, jedoch plünderten sie alle Nahrungsvorräte. Zornig musste er mit ansehen, wie seinem Clan die überlebensnotwendigen Vorräte gestohlen wurden. Woher kamen diese Männer? Wer hatte sie geschickt? Welcher Herrscher befehligte diese Krieger? Tagelang marschierte er mit den Wächtern über Ebenen und durch dichte Wälder. Immer wieder wurden in anderen Dörfern wehrlose Bewohner gezwungen, sich dem Trupp anzuschließen. Irgendwann erreichten sie eine Schlucht. Hier erfuhren sie, dass sie Teil einer wichtigen Mission seien. Ein Aufseher führte sie zu einem steilen Felsabbruch. Vor dieser Wand lag ein gewaltiger Steinklotz. Er war wohl aus dem Fels heraus gebrochen worden und danach mit Werkzeugen in eine annähernd rechteckige Form gebracht worden. Seine Kanten waren abgerundet. „Dieser Brocken da“, sagte der Aufseher „muss transportiert werden. Ihr werdet ihn mit Seilen jeden Tag ziehen. Das Ziel ist weit, aber ihr werdet gut versorgt. Ochsen helfen euch, ihn zu bewegen. Habt ihr das verstanden?“ Es waren etwa zweihundert, meist junge Männer. Sie verstanden nicht, warum sie diesen gewaltigen Klotz irgendwohin transportieren sollten. Wozu? Zu welchem Zweck? Keiner der Männer neben Crow wagte, eine Frage zu stellen. An Flucht war nicht zu denken. Sie waren förmlich von Wächtern eingekesselt. So hatte für Crow diese schicksalhafte Reise vor vielen Sonnenaufgängen begonnen. Er bückte sich wieder, um dürre Äste auf seine Arme zu schichten. Sichernd sah er sich immer wieder um. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Sie hatten ihn ohne Bewachung losgeschickt. Erst jetzt wurde er sich dessen bewusst. Sollte er fliehen? Einfach losrennen, weg von dieser Fronarbeit. Weg von diesem Zwang, von dem er nicht wusste, wann er endete. Den Weg nach Hause suchen? Er hielt mit seiner Arbeit inne. Vielleicht kam eine solche Gelegenheit nie wieder. Gerade als er im Begriff war, das Holzbündel zu Boden zu werfen, hörte er Schritte hinter sich. Es war der Alte. „Denk nicht daran“, sagte er zu Crow. „Sie kriegen dich. Und dann musst du doppelt schwer arbeiten. Komm jetzt. Die Arbeit in meiner Truppe ist auszuhalten.“Wortlos folgte ihm Crow. Am Ende dieses Tages holte ihn der Alte an sein Feuer und erzählte ihm etwas über ihre Mission. Er sah Crow lange an und begann dann bedächtig zu sprechen. „Du bist neugierig. Setz dich und wir unterhalten uns.“ Erwartungsvoll sah er den Alten an. Und schon nach wenigen Minuten lauschte er gespannt den Worten des Grauhaarigen. „Du musst wissen, dass meine Erkenntnisse aus mitgehörten Gesprächen der Wächter stammen. Nichts habe ich mit eigenen Augen gesehen oder überprüfen können, ob es der Wahrheit entspricht. Viele, viele Tagesmärsche von hier entfernt soll es ein großes Bauwerk, ein gewaltiges Zeichen aus Stein geben. Welchem Zweck es einmal dienen soll, wissen wohl auch die Wächter nicht so genau. Das gleiche gilt für das Ziel unserer Reise. Warum gerade dort das steinerne Gebilde stehen soll, habe ich nicht herausfinden können. Weshalb wird es nicht in der Nähe der Schlucht errichtet, aus der das Material stammt? Dieser entsetzlich lange Transportweg, der so viel Mühsal verursacht, soviel Menschenkraft beansprucht. Ich weiß es nicht. Doch eines scheint gewiss zu sein. Dieser Stein ist nicht der Erste, der auf die Reise geschickt wurde. Viele andere haben ihr Ziel vor ihm erreicht. Und die Wächter munkeln, dass dieser Stein der Letzte sei, der Stein, der das Werk vollenden soll. Der ihm seine Bestimmung geben soll.“ Crow sah den Alten an und unterbrach ihn dann mit einer Frage: „Was glaubst du wie lange es noch dauert bis wir diesen geheimnisvollen Ort erreicht haben?“ „Das kann ich dir nicht beantworten“, sagte dieser nachdenklich. „Ich hoffe, dass wir es bald geschafft haben. Unsere Vorräte gehen zu Ende, die Jagd ist nicht besonders erfolgreich und wenn die Männer nicht genügend zu Essen bekommen, werden sie nicht mehr genug Kraft haben, um den Koloss zu bewegen. Der Überfall des Ebers war ein Glücksfall. Das ist eine Menge Fleisch. Auch wenn es dich beinahe das Leben gekostet hätte.“ Und dann kam Crow plötzlich eine Frage in den Sinn, die seinen Pulsschlag erhöhte. Er sah den Grauhaarigen an und sagte: „Bist du schon einmal dabei gewesen?“ Der Angesprochene verstand ihn sofort und antwortete dann: „Du denkst viel nach. Ja, ich habe schon einmal diese beschwerliche Reise erlebt. Aber du musst wissen, dass ich das Ziel nie gesehen habe. Wohl ein paar Tagesmärsche davor übernimmt ein anderer Arbeitstrupp den Transport des Steins.“ III Seine Gedanken kamen in dieser Nacht nicht zur Ruhe. Die Wunde auf seinem Rücken quälte ihn und die Worte des Alten gingen ihm nicht aus dem Kopf. Warum ließ dieser unbekannte Herrscher riesige Steinblöcke zu einem Zeichen errichten, dessen Sinn nur Eingeweihte kannten? Weshalb durften es bestimmte Menschen nicht sehen? Dafür konnte es nur eine Erklärung geben. Das Bauwerk sollte einer Gottheit huldigen. Etwas anderes konnte Crow sich nicht vorstellen. Einer Gottheit, die diese kalt blinkenden Lichter am Himmel erschaffen hatte. Die über Dunkelheit und Licht herrschte. Die in den Sommermonaten das gleißende Gestirn am Himmel erschuf und in klaren Nächten die große, leuchtende Scheibe, deren sanftes Licht Crow so beruhigte. Er fieberte, drehte sich vorsichtig auf die andere Seite. Morgen musste er den Alten fragen ob er etwas für seine Wunde tun konnte. Er vertraute ihm und nahm an, dass er ihm helfen konnte. Plötzlich vernahm er ein Geräusch hinter seinem Rücken. Ehe er sich umdrehen konnte, hörte er eine Stimme unmittelbar an seinem Ohr: „Komm mit!“In seinem Kopf wirbelten die Gedanken. Er rührte sich nicht und flüsterte über seine Schulter zurück: “Willst du fliehen?“ „Nur ein paar Wächter heute Nacht. Die Gelegenheit ist günstig.“ Crow drehte sich langsam um. Für ein paar kurze Augenblicke fiel das Mondlicht zwischen den Wolken am Himmel hervor und beleuchtete das Gesicht vor ihm. Er kannte den Burschen. Ein kräftiger Hüne in seinem Alter. „Wir haben keine Waffen, nichts zu essen und kennen den Weg nicht. Sie haben noch jeden wieder erwischt.“Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Du wirst es nicht durchstehen mit deinem Rücken. Und morgen werden sie dich wieder in das Seil spannen. Komm mit. Es ist eine gute Gelegenheit. Wir gehen nach Hause zu unseren Familien. Und ich weiß, dass du schon öfters darüber nachgedacht hast.“Er spürte die drängende Ungeduld des Burschen, seine Entschlossenheit dieser Sklavenarbeit zu entkommen. Nichts hätte er lieber getan, als zu den Seinen aufzubrechen, ihnen die Ungewissheit zu nehmen, was aus ihm geworden war. Doch er wußte auch um die Gefahren, sich auf unbekanntem Gelände durchzuschlagen, Nahrung zu finden und sich gegen die Widrigkeiten der Natur zu schützen. Oft genug hatte er es mit seinem Vater erlebt. Und da waren die Wächter, die sie verfolgen würden.
