Der Verfall der Eisernen Männer - Lothar Nietsch - E-Book

Der Verfall der Eisernen Männer E-Book

Lothar Nietsch

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Beschreibung

1348: Es brodelt in Nürnberg. Handwerker und Bürgerliche begehren gegen die steigende Macht der Ratsherren und Kaufleute auf. Das kommt dem verarmten Ritter, Ekkelin Gayling vom Walde, Lehnsmann des Hauses Hohenlohe, gerade recht. Er unterstützt nicht nur die Rädelsführer der Aufständischen, sondern überfällt Handelsfuhrwerke nach und von Nürnberg. Rückendeckung geben ihm der Bamberger Bischof und Markgraf Ludwig von Brandenburg. Letzterer strebt nach der Kaiserkrone gegen den verhassten Kandidaten, den Luxemberger König Karl. Während des Aufstands versucht Ekkelin, die Losungsgelder der Stadt zu erbeuten, und gerät dabei zwischen die Mühlräder der Mächtigen.

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Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lothar Nietsch

DerVerfallder Eisernen

Männer

Die wahre Geschichte

hinter der Legende von Strauchritter Ekkelin

Inhalt

Impressum

1

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Personenverzeichnis

Danksagung

Author

Autorin

Impressum

Nietsch, Lothar: Der Verfall der eisernen Männer –

Die wahre Geschichte hinter der Legende von Strauchritter Ekkelin

Hamburg, acabus Verlag 2024

1. Auflage 2024

ISBN 978-3-86282-875-3

Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

ePub-eBook: 978-3-86282-876-0

Lektorat/Korrektorat: Andrea Simon

Umschlaggestaltung, Buchsatz,

Karte & Innengestaltung: Phantasmal Image

Der Verlag behält sich das Text- and Data-Mining nach § 44b UrhG vor, was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:

(www.verlags-wg.de), acabus Verlag (bedey-thoms.de)

©acabus Verlag, Hamburg 2024

Gedruckt in Deutschland

1

Burg Plankenfels, Januar 1348

Es ging auf Mitternacht zu. Laut hallte der Hufschlag eines Pferdes auf den Holzbohlen der Zugbrücke von den steinernen Burgmauern wider. Schlaftrunken torkelte der zur Wache eingeteilte Knecht herbei, rieb sich die Augen und musterte den Ankömmling. Im nächtlichen Schatten des Torbogens hob sich die Silhouette von Pferd und Reiter gegen den Nachthimmel ab. Erst der flackernde Lichtkreis der Fackel, die neben dem hochgezogenen Fallgitter in ihrer Wandhalterung steckte, verwandelte sie in Wesen aus Fleisch und Blut. Der Rappe war ein herrliches Tier, das erkannte der Knecht auf Anhieb, doch der in einen dunklen Überwurf gehüllte Reiter ließ sich nicht so einfach zuordnen. Freund oder Feind? Das Ende einer Schwertscheide ragte unter dem Saum des Stoffes hervor. Der Knecht senkte den Spieß, sodass dessen Spitze auf die Brust des Reiters zeigte. »Halt!«, rief er, darum bemüht, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. »Was ist Euer Begehr?«

Der Reiter zügelte sein Pferd und schob gemächlich die Kapuze seines Umhangs nach hinten. Ein kantiges, bartloses Gesicht, eingerahmt von schulterlangem schwarzem Haar, zeigte sich im Fackelschein. Das Antlitz kam dem Knecht bekannt vor, aber ihm wollte kein Name dazu einfallen und so blieb er misstrauisch.

»Melde deinen Herren die Ankunft des Ekkelin Gayling!«, erwiderte der Reiter mit barschem Ton.

Nun erkannte der Knecht den Ritter, trotzdem zögerte er. Wo war des Gaylings Knecht? Nicht einmal ein Packpferd führte er mit sich.

»Worauf wartest du, Bursche? Soll ich dir erst deine krummen Hammelbeine langziehen?«, herrschte ihn der Ritter an und augenblicklich kam Bewegung in den Knecht. »Wartet, Herr. Ich rufe den Pferdeknecht und melde den Herren Eure Ankunft.« Damit wirbelte er herum und rannte zum Stall.

Ekkelin stieg aus dem Sattel, streckte seine Glieder, bevor er langsamen Schrittes dem Knecht folgte. Bei der Stallung angekommen, übergab er dem Pferdeknecht sein Ross und ließ sich in die Burghalle führen.

Rußende Fackeln an den Wänden erhellten spärlich die fensterlose Halle. Vor den grob gezimmerten Bänken aus Eichenholz, die links und rechts an der Tafel standen, deutete ihm der Knecht, zu warten.

Lange musste sich der Ritter nicht gedulden, dann erschienen Hermann und Konrad von Plankenfels. Beide trugen einen ärmellosen Surcot, ein einteiliges bequemes Kleid, das bis zu den Knöcheln reichte und durch einen Gürtel um die Taille fixiert war.

»Meiner Treu«, sagte Hermann der Ältere, mit einem Blick zu seinem Bruder, »er ist es tatsächlich.«

»In der Tat«, gab Konrad schmunzelnd zurück, wobei sich die hell leuchtende Narbe, die von der rechten Stirnseite ausgehend quer über sein Gesicht verlief, verzog. »Obwohl er auf den ersten Blick gar nicht wie er selbst aussieht«, fügte er hinzu und trat Ekkelin mit einem breiten Grinsen entgegen. »Sei uns willkommen – trotz der späten Stunde. Was verschlägt dich in diesem Aufzug hierher?«

Nicht weniger herzlich entgegnete Ekkelin: »Bischof Friedrich von Hohenlohe schickte nach mir. Mein Weg führte mich nahe an eurer Burg vorbei. Seit der Schlacht um Neideck haben wir uns nicht mehr gesehen, darum dachte ich, dass ich auf einen Trunk vorbeischaue. Gegen ein kleines Mahl hätte ich auch nichts einzuwenden.«

»Immer noch der Alte«, lachte Hermann, Ekkelin die Hand entgegenstreckend. Dann rief er nach dem Gesinde und befahl, Brot, kalten Braten und Wein zu bringen. Zum Schluss setzte er sich mit seinem Bruder an den Tisch und lud Ekkelin ein, ebenfalls Platz zu nehmen.

Kaum hatte sich der Ritter seines Überwurfs und des Schwertgehänges entledigt, trugen schon zwei Mägde die Speisen auf.

Nachdem die drei ihr spätes Mahl beendet und die letzten Bissen mit Wein hinuntergespült hatten, lehnten sie sich zurück und fuhren mit ihrem Gespräch fort.

»Habt Dank für die Gastlichkeit«, sagte Ekkelin.

Hermann von Plankenfels winkte ab und entgegnete: »Nicht der Rede wert, Gayling. Das ist das Mindeste, was wir einem alten Streitgefährten schulden.«

Auf Seiten Konrads von Schlüsselberg hatten sie einst Seite an Seite gegen die Nürnberger Burggrafen und die Bischöfe Würzburgs und Bambergs gestanden. Doch nach dem Tod des Schlüsselbergers, der in der Schlacht um Neideck fiel, waren Burg Plankenfels und die dazugehörigen Ländereien an das Bistum Bamberg gefallen.

»Ganz recht«, stimmte sein Bruder Konrad mit deutlich schwerer Stimme zu. »Was aber soll dieser Mummenschanz? Hast du vor, dem Bischof einen Streich zu spielen? Noch dazu ohne Begleitung.«

Ekkelin, der sich im Gegensatz zu den Brüdern beim Trinken zurückgehalten hatte, kratzte sich über die Bartstoppeln, als er antwortete: »Die Nürnberger, besonders die Burggrafen, sind im Glauben, ich reise mit Weib, Kind und Gesinde von Illesheim zu meiner Burg Dramaus. Der getreue Pankraz führt an meiner statt den Zug an. Er trägt meinen Waffenrock. Ein einzelner Reiter, wie ich, dürfte ihre Spitzel also kaum interessieren, noch dazu, wenn dieser auf den ersten Blick nicht als Ritter zu erkennen ist.«

»Und ich dachte schon, sie hätten dich für vogelfrei erklärt«, griente Hermann. »Sieht dir Pankraz immer noch so ähnlich? Ha, ich wünschte wir hätten auch so einen Knecht, was Konrad?«

Lachend nickte Konrad. »In der Tat. Es machte schon die Runde, dass der Gayling an zwei Orten zur gleichen Zeit erschienen ist.«

Ekkelin lächelte verschmitzt. Es stimmte. Pankraz, obwohl einige Jahre älter, sah ihm zum Verwechseln ähnlich, zumindest aus einigen Schritten Entfernung. Schon häufig war der Waffenknecht in die Rolle seines Herrn geschlüpft.

»Diese Burg liegt ziemlich weit ab vom Weg, wenn du von Schloss Röllinghausen kommst«, wechselte Hermann das Thema.

»Ihr wisst, wie verstreut meine Ländereien liegen. Ich musste noch verschiedenes in die Wege leiten und nach dem Rechten sehen. Ihr wisst nicht zufällig, weswegen mich der Bischof zu sehen wünscht?«

Konrad zuckte die Schultern: »Vielleicht wegen Markgraf Ludwig von Brandenburg, der seit vorgestern Gast des Bischofs ist. Sein Heer, etwa zweihundert Mann stark, lagert vor den Mauern Bambergs. Ich war gestern in der Stadt und konnte mich mit eigenen Augen davon überzeugen.«

»Markgraf Ludwig«, murmelte Ekkelin und senkte den Blick. Nun kannte er den Grund, weswegen der Bischof nach ihm geschickt hatte. Blieb die Frage, warum ihn der Markgraf zu sprechen wünschte. Ausgerechnet jetzt. In den Wintermonaten mit großem Gefolge zu reisen, war äußerst ungewöhnlich. Hatte er vor, von ihrem Abkommen zurückzutreten?

Bedächtig schüttelte er den Kopf. »Mir gilt seine Aufwartung sicher nicht. Ich hatte allerdings gehofft, dass ihr von eurem Bruder Eberhard etwas über die Gründe erfahren hättet, weshalb der Bischof mich jetzt zu sehen wünscht. Eberhard ist doch noch Domherr zu Bamberg, oder nicht?«

»Schon«, Hermann zuckte mit den Schultern. »Aber deswegen erläutert ihm der Bischof noch lange nicht seine Pläne. Was hast du eigentlich mit dem Bischof zu schaffen?«

Ekkelin lächelte. »Du spielst auf dessen Rolle bei Neideck an. Würdest ihn am liebsten ans Kreuz nageln, habe ich recht?«

»Ans Kreuz nageln«, schnaufte Konrad, »rädern würd‘ ich ihn und du müsstest das gleiche empfinden.«

»Würde keinen Falschen treffen«, nickte Ekkelin zustimmend. »Aber mir sind die Hände gebunden. Wie ihr wisst, ist der Bruder des Bischofs mein Lehnsherr. Zudem gelten des Bischofs Interessen in der Hauptsache seiner Person. Von mir erfährt er Neuigkeiten über seine Brüder und ich erhalte oft wertvolle Hinweise, was die Burggrafen und ihre Pläne anbetrifft. Auch von Kaufmannszügen mit lohnender Ware ist die Rede«, Ekkelin grinste verschmitzt, »insbesondere, wann diese auf welchen Wegen unterwegs sind.«

»Hm«, machte Hermann. Seine Miene nahm einen versöhnlichen Ausdruck an. »Wohl wahr. Aber verschweige nicht, dass er den Zehnten des Erlöses gerne einstreicht, den ihm diese Gefälligkeiten einbringen. Wie auch immer, sag Bescheid, wenn dem Bischof plötzlich das Gewissen plagt und er uns keinen Nutzen mehr bringt.«

»Verlass dich drauf«, lachte Ekkelin. »Da der Markgraf in Bamberg weilt, könnte ich mir vorstellen, dass der Bischof dessen Ambitionen auf die Kaiserkrone unterstützt. In meinem Sinne wäre das zumindest.«

»Auch in unserem, auch in unserem«, beteuerte Konrad und sein Bruder nickte zustimmend. »Gleichwohl ich dem Markgrafen nicht zutraue, Karl bis zum Letzten die Stirn zu bieten.«

Ekkelin horchte auf. »Du kennst den Markgrafen?«

»Nicht besonders gut«, räumte Konrad ein. »Doch gut genug, um zu wissen, dass er seine derzeitige Stellung im Reich unter keinen Umständen gefährden würde.«

»Was ihm auch nicht zu verdenken ist«, warf Hermann ein.

»In der Tat«, pflichtete Ekkelin bei. Dennoch hatte sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck angenommen. »Nun«, sagte er, »ich werde morgen ohnehin erfahren, weswegen mich der Bischof zu sehen wünscht. Wenn ihr erlaubt, begebe ich mich nun zur Ruhe. Ich will zeitig aufbrechen.«

Die Burgherren erhoben sich. Hermann sagte: »Natürlich, mein Freund. Die Halle ist dein, such dir eine gemütliche Ecke aus.«

Nachdem die Brüder den Saal verlassen hatten, schichtete Ekkelin am Boden verstreutes Stroh zu einem Lager, wickelte sich in seinen Mantel und kurze Zeit später war er eingeschlafen.

***

Vor dem ersten Hahnenschrei war Ekkelin auf den Beinen. Darauf, die Burggrafen zu wecken, verzichtete er. Er begab sich in den Stall, sattelte seinen Rappen und führte das Tier zum Tor. Der wachhabende Knecht sah auf, nickte ihm zu und lehnte sich wieder müde an die Mauer.

In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, doch im Laufe des Vormittags verzogen sich die restlichen Wolken.

Gegen Mittag tauchten die vier Glockentürme des Bamberger Doms am Horizont auf. Als sich Ekkelin dem Rand der Hochebene näherte, kamen die Häuser der Stadt in sein Blickfeld. Das weitläufige Zeltlager des Markgrafen, das sich östlich der Stadtmauern bis zum Ufer des Mains hin ausbreitete, war ebenfalls deutlich zu erkennen. Er zählte etwas über dreißig Zelte.

Sanft drückte er seinem Pferd die Fersen in die Flanken und lenkte es die Straße hinab, die sich von der Hochfläche ins Tal wand. Unten angekommen, ließ er sein Tier ausgreifen und näherte sich rasch dem Heerlager. Angesichts der Zahl an Zelten sah er verhältnismäßig wenige Pferde auf einer Koppel, nahe dem Fluss. Ekkelin vermutete, dass nur die Adligen über ein Reittier verfügten, denn für ein berittenes Heer war es in den Wintermonaten ausgesprochen schwierig, genügend Futter für die Tiere zu beschaffen. Auf einer zweiten Koppel standen zwei Dutzend Ochsen dicht beieinander, die Zugtiere für Karren und Kutschen.

Die Wachtposten vor dem Lager hatten sein Näherkommen beobachtet, doch sobald ihnen klar wurde, dass er der Stadt zustrebte, beachteten sie ihn nicht weiter. Kurz nach dem Heerlager tauchte er in den Strom der Händler, Handwerker, Bürger, Bettler, Beutelschneider, Huren und ihrer Karren ein, die zwischen Stadt und Zeltlager hin und her pendelten. Das Gefolge des Markgrafen bescherte ihnen in den ansonsten ertragsarmen Wintermonaten einträgliche Geschäfte.

Die beiden Torwächter sahen argwöhnisch zu Ekkelin auf, als er sein Pferd vor ihnen zügelte. Er öffnete seinen Überwurf, sodass der Blick auf das handtellergroße Wappen sichtbar wurde, das auf seinem Steppwams aufgenäht war.

»Ekkelin Gayling«, brummte einer der Torwächter. »Der Bischof erwartet Euch. Ihr reist allein?«

Ekkelin nickte und sah dem Wachmann mit unbewegter Miene ins Gesicht.

Da eine Antwort ausblieb, sagte er schließlich: »Äh … nun gut. Erlaubt, dass ich Euch zu ihm führe. Er verlangte, keine Zeit zu verlieren.«

Ekkelin hatte nichts anderes erwartet. Wortlos folgte er dem Wachmann durch die verwinkelten mit Unrat übersäten Gassen, bis sie die Erhebung mit dem Kaiserdom erreichten. Gegenüber lagen die bischöfliche Residenz und die Stallungen.

Dort überließen sie Ekkelins Pferd der Obhut eines Knechtes, dem der Ritter eine Münze zusteckte. Anschließend geleitete ihn der Wachmann über einen vor Blicken geschützten Zugang der Residenz in die kleine Schreibstube, die er von früheren Treffen kannte. Der Bischof empfing Männer wie den Gayling nur äußerst selten in seiner Kanzlei oder der Bibliothek.

Als Einrichtung dienten ein verstaubtes Schreibpult, zwei Truhen vor der rechten Wand und vier lederbezogene Stühle mit hohen Lehnen.

»Wartet hier«, beschied der Wachmann und ließ Ekkelin in der Stube zurück.

Aus einer der Truhen holte er einen Krug mit gewürztem Wein, sowie mehrere Becher heraus, ganz so wie er es gewohnt war.

Sein Becher war nicht einmal zur Hälfte geleert, als Friedrich von Hohenlohe seine füllige Gestalt in die Stube schob.

»Schön, dass Ihr so rasch kommen konntet«, begrüßte der Bischof seinen Gast und streckte ihm die Hand entgegen. Offensichtlich war er geeilt, denn sein Gesicht war rot angelaufen und er rang mit tiefen Atemzügen nach Luft. Ekkelin erhob sich, ergriff die dargebotene Hand mit dem Siegelring und führte sie an seine Lippen.

»Eure Nachricht erreichte mich bei Weib und Kind. Ich hatte es also nicht weit«, sagte er.

Der Bischof winkte schnaufend ab: »Ihr kommt wie gewohnt zur rechten Zeit. Eine Eigenschaft, die Euch bisweilen unheimlich erscheinen lässt. Euch ist bekannt, wer mich derzeit mit seiner Anwesenheit beehrt?«

»Ist schwerlich zu übersehen. Ich nehme an, Markgraf Ludwig ist der Grund, weswegen Ihr nach mir rufen ließet.«

»Ganz recht«, bestätigte Bischof Friedrich der II., wobei er sich auf einen Stuhl sinken ließ. »Ludwig bat mich, nach Euch zu schicken. Fragt nicht nach dem Grund. Den wollte er mir nicht nennen und ehrlich gesagt, will ich ihn auch gar nicht wissen.«

Ekkelin lächelte, sagte aber nichts, holte stattdessen einen weiteren Becher aus der Truhe und schenkte ein. »Ein vorzüglicher Tropfen«, sagte er, während er dem Bischof den Becher reichte.

»Das ist mir durchaus bekannt«, entgegnete Friedrich verdrießlich. »Schließlich habe ich persönlich dafür gesorgt, dass uns hier ein guter Trunk zur Verfügung steht«, fügte er an und wechselte das Thema. »Sagt, wie geht es in Nürnberg voran? Von den Burggrafen erfuhr ich, dass die Verschworenen einen zweiten Anführer haben und außerdem stetigen Zulauf aus der Bevölkerung verzeichnen.«

»Ja, auch ich hörte davon«, gab der Ritter zurück. »Ein gewisser Hans Pfauentritt rüttelt die Unterdrückten auf. Es heißt, er sei der wohlhabende Spross einer vom Rat verschmähten Patrizierfamilie.«

Lachend klopfte sich der Bischof auf den dicken Schenkel. »Hans Pfauentritt … Bei allen Heiligen, mein werter Gayling, dies ist wahrlich Euer tollstes Stück.«

»Sagt, wann beliebt es dem Markgrafen, mich zu treffen?«, wich Ekkelin aus. Ihm lag wenig daran, dem Bischof weitere Einzelheiten zu offenbaren.

Vor zwei Monaten waren Ekkelin und Markgraf Ludwig zum ersten Mal zusammengetroffen. Ekkelin war der dreiunddreißigjährige Fürst nicht unsympathisch und während eines längeren Gesprächs hatten sie viele Gemeinsamkeiten in ihren politischen Ansichten entdeckt. Im Laufe der folgenden Stunden verfielen sie auf die tollkühne Idee, die damals kaum ernst zu nehmende Gruppe unzufriedener Handwerker und Bürger in Nürnberg zu unterstützen und die Ratsherren aus ihren Ämtern zu vertreiben.

Nürnberg besaß neben vielen anderen Privilegien das des Münzrechts, außerdem war die Nürnberger Burg ein bedeutsamer kaiserlicher Stützpunkt im Reich. Mit dieser Stadt im Rücken, vermochte man die Kaiserfrage durchaus günstig zu beeinflussen.

Ekkelin hatte daraufhin Kontakt zu den Verschworenen aufgenommen. Er hatte damals keine Ahnung davon, dass Nürnberg erst der Anfang war. Inzwischen gärte es ebenfalls in Regensburg, Rothenburg, München und Augsburg.

»Ich habe nach Markgraf Ludwig schicken lassen und rechne jeden Moment mit seinem Erscheinen«, erwiderte Friedrich. »Habt Ihr über meinen Vorschlag nachgedacht, den ich Euch letztes Mal unterbreitet habe?«

Ekkelin runzelte die Stirn. »Ihr habt mir einige Vorschläge gemacht. Welchen meint Ihr?«

»Ich meine den, Euch in den Dienst des Markgrafen zu stellen, und zwar unabhängig davon, wie die Kaiserfrage letztendlich entschieden wird.«

»Das hieße, den Verpflichtungen meiner Stammburg und meinem Lehen nicht länger nachzukommen. Auf die Wegerechte einiger dieser Güter haben die Burggrafen ein Auge geworfen. Dagegen lässt sich nichts machen, doch werde ich es zu verhindern wissen, dass die Hohenzollern diese Güter vereinnahmen. Nein, Markgraf Ludwig mag später meine Rechte bekräftigen, erneuern und mich und meine Verbündeten unter kaiserlichen Schutz stellen.«

Der Bischof zuckte zurück. »Seid Ihr noch zu retten? Unterliegt der Markgraf und kommt zudem heraus, inwieweit Ihr Eure Hände bei dem Aufstand in Nürnberg im Spiel hattet, droht Euch der Verlust Eurer Lehen, womöglich erklärt man Euch sogar für vogelfrei.«

»Bedroht dies Los nicht all meine Wege?«, gab der Ritter zurück. »Ihr kennt mein Ansinnen! Unter Karl als Kaiser werden wir Ritter und Ministeriale noch weiter an den Rand gedrängt. Fügen wir uns nicht, wird über uns die Acht verhängt, während die Pfeffersäcke an Macht und Einfluss gewinnen. Das ist es, wogegen ich kämpfe, und ich frage mich, warum Euch das kümmert. Ihr gewinnt doch in jedem Fall. Allein Eure Stellung macht Euch für die Widersacher meinesgleichen unantastbar. Was also kümmert Euch mein Schicksal?«

Der Bischof presste die Lippen aufeinander, schnaufte hörbar durch, dann sagte er: »Ihr solltet nicht nach der Hand schlagen, die es gut mit Euch meint. Doch treibt, was Euch beliebt. Eines Tages wird Euch Euer mangelnder Respekt den Kopf kosten. Sagt dann nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.«

»Keine Sorge, das werde ich nicht. Aber begreift Ihr nun, dass ich kaum geeignet bin, einem Mann wie dem Markgrafen zu dienen? Wie stellt Ihr Euch das vor? Ich unter diesen Speichel leckenden Höflingen seines Gefolges?«

Friedrich von Hohenlohe hatte durchaus nicht Unrecht damit, wenn er darauf anspielte, dass Ekkelin sich bisweilen sogar seinen Lehnsherrn widersetzte. Was er letzten Sommer eindrucksvoll bewiesen hatte, indem er Konrad von Schlüsselberg bei der Schlacht um Neideck sein Schwert zur Verfügung gestellt hatte.

»Da ist wohl was dran«, stimmte der Bischof resignierend zu. Bevor er weiter darauf eingehen konnte, pochte es an der Tür.

»Tretet ein!«, rief der Bischof.

Knarrend öffnete sich die Tür und Markgraf Ludwig betrat den Raum. Ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Der Fürst trug einen kostbaren mit Hermelin gefütterten und golddurchwirkten Wappenrock. Schwungvoll warf er die Tür hinter sich ins Schloss. Die blitzenden, blauen Augen unterstrichen den offenen Ausdruck im Gesicht des Mannes. Von allen Söhnen des letzten Kaisers sah Ludwig seinem Vater am ähnlichsten.

Ekkelin erhob sich und trat Ludwig entgegen, der seine Hand ergriff und sagte: »Schön, Euch wohlbehalten wiederzusehen. Was ich mit Euch besprechen möchte, lässt sich schwerlich durch eine Botschaft übermitteln.«

»Auch ich freue mich; doch ebenso überrascht es mich, Euch hier anzutreffen«, entgegnete Ekkelin. »Eurer Miene nach zu urteilen, scheinen mir diese dringenden Neuigkeiten zumindest nicht besonders beunruhigend zu sein.«

»Nein, gewiss nicht. Doch lasst uns später davon sprechen. Kommt, setzen wir uns. Wie ich sehe, habt Ihr Wein. Wenn sich auch für mich ein Becher findet, so will ich erstmal mit Euch anstoßen.«

»Daran soll’s nicht fehlen«, lachte Ekkelin und griff ein weiteres Mal in die Truhe.

Jetzt erst meldete sich der Bischof zu Wort: »Nachdem Ihr nun beisammen seid, gestattet mir, mich zurückzuziehen. Leidige Amtsgeschäfte warten auf mich. Seid so gut und verlasst später, wenn Ihr aufbrecht, diese Stube getrennt. Ich halte es für klüger, dass niemand von dieser Zusammenkunft erfährt.«

»Verlasst Euch darauf«, erwiderte Ludwig. »Schon dafür, dass Ihr dieses Treffen ermöglicht habt, gebührt Euch mein Dank und es liegt mir fern, Euch weiter zu kompromittieren.«

»Das tut ihr nicht und bislang ist das auch noch niemandem gelungen, gab der Bischof zurück. Dann wuchtete er sich ächzend von seinem Stuhl hoch. Auch der Markgraf und Ekkelin erhoben sich. Bevor er sich zum Gehen wandte, sagte der Bischof zu Ekkelin: »Tut Euch den Gefallen und denkt über meine Worte nach. Der Herr weiß, wie wenig Ihr es verdient, dennoch will ich seinen Segen für Euch erbitten.«

Ekkelin verneigte sich. Er war überrascht. Einen derart salbungsvollen Abschied hatte er vom Bischof nicht erwartet.

Nachdem dieser gegangen war, setzten sich die beiden Männer, füllten ihre Becher, stießen an und leerten sie in einem Zug.

»Herrlich«, meinte der Markgraf zufrieden, »das verlangt nach mehr.« Die aufgesetzte Fröhlichkeit vermochte jedoch nicht, über die kaum unterdrückte Anspannung hinwegzutäuschen.

»Erzählt mir, wie ergeht es Euch in Nürnberg? Das Wenige, was mir der Bischof berichtete, hörte sich ziemlich vielversprechend an«, forderte er Gayling auf.

Entspannt lehnte sich der Ritter zurück: »Bis zum Frühling habe ich die Verschworenen so weit, dass sie das Rathaus stürmen. Dank meines Einflusses scheiterten alle bisherigen Verhandlungen mit den Ratsherren. Derweil ergreifen sogar Mitglieder der ehrbaren Geschlechter für die Verschworenen Partei, besonders nachdem ich verbreiten ließ, dass Ihr den Verschworenen Euer Wohlwollen schenkt.«

Anerkennend nickte Ludwig: »Ihr übertrefft in der Tat meine kühnsten Erwartungen. Doch mich interessiert zur Stunde, ob Ihr Euch in der Stadt frei bewegen könnt.«

Ekkelin lachte: »Seit Jahren bewege ich mich in den Straßen Nürnbergs so frei, wie es mir beliebt.«

»Ausgezeichnet!« Der Markgraf schlug seine Faust in die andere Handfläche. »So hört, weswegen ich mit Euch sprechen will. König Karl beobachtet die Entwicklung im Reich mit Sorge. Besonders die Zustände in Nürnberg lenken sein Augenmerk auf sich. Er beabsichtigt, der Stadt in Kürze einen Besuch abzustatten, um zwischen den Parteien zu vermitteln.« Ludwig verstummte und sah bedeutungsschwanger zu Ekkelin. »Sofern meinen Informationen zu trauen ist, wird er sein Quartier im Hause des Ratsherrn Konrad Groß beziehen«, fügte er nach einer Weile hinzu.

Ekkelin schürzte die Lippen. »Sagt, worauf wollt Ihr hinaus?«

Ludwig beugte sich näher an Ekkelin heran, bevor er mit gedämpfter Stimme fortfuhr: »Es müsste doch herauszufinden sein, auf welchem Weg man unbemerkt in das betreffende Haus eindringen kann. Denkt Ihr nicht auch?«

»Jaa …«, meinte Ekkelin gedehnt. »Das müsste durchaus zu machen sein.«

»Wie man sieht, verstehen wir uns auch ohne viele Worte!«, lachend breitete der Markgraf die Arme aus. »Wie glaubt Ihr, entscheidet sich die Kaiserfrage, wenn König Karl in Nürnberg auf mysteriöse Weise verschwindet?«, schob er nach.

»Die Wahl wird auf den verbliebenen Kandidaten fallen«, antwortete Ekkelin. »Doch würde Karls Verschwinden nicht früher oder später auf Euch hinweisen, da Ihr der größte Nutznießer in diesem Falle wärt.«

»Das ist richtig«, stimmte Ludwig zu. »Darum darf Karl weder sein Leben verlieren noch für immer verschwinden. Ein Ritter wie Ihr, der sich offen gegen die Krönung Karls ausspricht und der den König in seine Gewalt bringt, dürfte den Verdacht gegen meine Person entkräften. Noch dazu, wenn dieser Ritter nach einiger Zeit Lösegeld für die Freilassung des Königs fordert.«

Ekkelin schenkte sich den Rest des Weines ein, kippte das Getränk in einem Schluck hinunter, dann sagte er: »Ihr setzt wahrlich großes Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich sehe das doch richtig, dass Ihr mich für den Ritter haltet, der sich in dieses waghalsige Unterfangen stürzt.«

»Ich wüsste keinen besseren als Euch. Dennoch, überlegt es Euch gut. Ich würde es Euch nicht verübeln, wenn Ihr ablehnt. Dabei geht Ihr ein weit größeres Risiko ein als in der Rolle als Pfauentritt. Andererseits winkt als Lohn schnelles und sicheres Erreichen unserer Ziele.«

Ekkelin kniff die Augen zusammen und sah zu Boden. Seinen Teil des Planes hatte er bislang erfüllt, während sich Ludwig im Hintergrund gehalten hatte. Und jetzt verlangte der Markgraf von ihm, König Karl zu entführen. Was, wenn er bei diesem Versuch scheiterte? Konnte er sich dann auf den Markgrafen verlassen? Obwohl er Ludwig mehr Vertrauen entgegenbrachte als den meisten andern Fürsten, die er mit den Jahren kennen gelernt hatte, löste Ludwigs Ansinnen ein mulmiges Gefühl im Innern des Ritters aus. Bis heute hatte es der Markgraf nicht für nötig erachtet, sich als Gegenkönig aufstellen zu lassen. Aber genau das erwarteten seine Anhänger von ihm, wenn er die Ambitionen als Nachfolger seines Vaters auf den Kaiserthron ernst meinte. Solange er diesen Schritt unterließ, vermochte er jederzeit von seinen Ansprüchen zurückzutreten. Und jeder, der ihm die Treue gehalten hatte, hätte dann das Nachsehen. Andererseits verfolgte Ekkelin mit dem Aufstand in Nürnberg auch eigene Ziele.

Darum sagte er, als er den Kopf hob und Ludwig in die Augen schaute: »Mit einer Ausnahme.«

Verdutzt zog der Markgraf eine Augenbraue hoch. »Was meint Ihr?«, fragte er.

»Die Verschworenen. Sie sind dann für die Kaiserfrage nicht mehr entscheidend.«

Fragend blickte der Markgraf dem Ritter ins Gesicht. »Euch geht es bei dem Umsturz in Nürnberg um mehr … habe ich Recht?«

Für einige Augenblicke erwiderte Ekkelin den Blick Ludwigs, dann huschte der Anflug eines Lächelns um seine Mundwinkel und er entgegnete: »In der Tat!«

Ludwig schien amüsiert: »Ich verstehe. Also ich an Eurer Stelle, hätte es auf die Losungsgelder der Stadt abgesehen.«

»Hm«, brummte Ekkelin grinsend. »Eine vorzügliche Idee.« Dann verfinsterte sich sein Blick und er gestand: »Ich wäre ein Narr, würde ich diese Gelegenheit nicht nutzen. Doch in der Hauptsache gilt es, eine Schuld zu begleichen.«

»Eine Schuld?«

»Erlaubt, dass ich darüber nicht weiter spreche. Seid jedoch versichert, dass dies Anliegen unsere Pläne nicht gefährdet. Doch meine ich, dass wir die Verschworenen nicht sich selbst überlassen dürfen. Sie vertrauen mir mehr als mir gefällt. Wenigstens bis zum Tag des Umsturzes muss ich ihnen zur Seite stehen, will ich meinem Namen keine Schande bereiten. Sagt darum geradeheraus, wie Ihr zu unserem Plan in Nürnberg steht, sollte es mir gelingen, König Karl in meine Gewalt zu bekommen.«

Ludwig schmunzelte, stellte seinen Becher vor sich zu Boden und erwiderte: »Ihr hättet meine Erwartungen enttäuscht, wenn Ihr mir diese Frage nicht gestellt hättet. Und ich sehe, wie ernst Euch diese Angelegenheit ist. Darum will ich Eure Zweifel auf der Stelle zerstreuen, indem ich schwöre, unserer Sache bis zum Schluss beizustehen. Erwartet mich und mein Gefolge zu gegebener Zeit in Nürnberg. Vorausgesetzt Ihr bezahlt bis dahin Euren Wagemut nicht mit Eurem Leben.«

»Der Tod lauert überall«, entgegnete Ekkelin. Dann streckte er Ludwig seine Rechte entgegen und meinte: »So sei es! Ich hole mir Euren König.«

***

2

Nürnberg, Februar 1348

Der fortdauernde Streit um die Kaiserfrage hatte die Bürgerschaft zu Nürnberg ebenso gespalten wie in anderen Städten des Reiches. Dabei waren die Ratsherren im November des zurückliegenden Jahres ihrem neuen König, Karl dem Luxemburger, nach dem plötzlichen Tode Kaiser Ludwigs mit nur wenig enthusiastischen Gefühlen begegnet. Vom Freund des Papstes, dem Pfaffenkönig, wie Karl im Volksmund gerufen wurde, erwartete man nichts Gutes, als er sich Nürnberg näherte.

Da ihm die Burggrafen indessen huldigten und zum Entgelt dafür freigiebig mit Privilegien ausgestattet wurden, öffnete die Stadt dem neuen König seine Tore. Karl zeigte sich über die Maßen gnädig und bestätigte nicht nur alle früher erlangten Freiheiten Nürnbergs, sondern verlieh ihr zudem völlig neue Privilegien.

Die mittlerweile zu Geld und Ansehen gelangten Zünfte der Handwerker und viele unter den Handel treibenden Bürgern Nürnbergs hingegen hingen den Söhnen ihres ehemaligen Kaisers an. Ludwig der Bayer war dem einfachen Volk zugetan gewesen und viele der ihnen zugestandenen Rechte waren ihm zu verdanken. Man fürchtete unter dem Luxemburger, weiterhin von der geforderten Mitbestimmung der Ratsgeschäfte ausgeschlossen zu bleiben, und führte offen das Wort gegen Karls Krönung zum Kaiser.

Dazu klagte man über den Übermut und die Hoffart der Geschlechter, insbesondere der jungen Patriziersöhne und dass der Arme dem Reichen gegenüber kein Recht erhielte.

Trotz verhärteter Fronten zwischen den Anhängern der unterschiedlichen Parteien legten beide Seiten ihren Zwist für die Dauer kurzweiliger Abwechslung nur allzu gern beiseite. So wie an jenem eisigkalten Morgen des dritten Februar, als sich eine stattliche Anzahl Schaulustiger zum Richtplatz am Ufer der Pegnitz einfand, um dem für diesen Tag anberaumten Schupfen des Bäckermeisters Friedhelm beizuwohnen.

Selbst für diese Jahreszeit war es ungewöhnlich kalt. Den Alten bereitete es Mühe, sich auf einen ähnlich eisigen Winter zu besinnen. Das Wasser des Flusses bedeckte an Stellen geringer Strömung eine zur Flussmitte hin fingernde Eisschicht.

Vor dem Eintreffen erster Zuschauer hatten die Knechte des Scharfrichters das Eis der Pegnitz unterhalb des Richtplatzes mit einer Stange aufgebrochen. Anschließend hatten sie den für den Verurteilten bestimmten Eisenkorb an der über den Fluss schwenkbaren Hebelstange befestigt.

Unmittelbar darauf strömten erste Bürger, Handwerker und Gemeine auf den Platz. Die eigens für die Patrizier, Ehrbaren und Schöffen der Stadt errichtete Tribüne direkt neben der hölzernen Plattform, füllte sich ebenfalls. Kurz darauf wurde der an den Händen gefesselte Übeltäter von acht Scharwächtern, den zwölf Schöffen und dem Schultheißen, dessen Amt dieser Tage der Kaufmann und Ratsherr Konrad Groß innehatte, durch die Schimpfreden rufenden Menge dem Scharfrichter zugeführt.

Mit gemischten Gefühlen folgte der sechzehnjährige Landolf an der Seite seines Freundes Ismar dem Schauspiel. Ohne Ismars Zureden wäre er mit Sicherheit zu Hause geblieben. Entgegen der Mehrzahl seiner Altersgenossen fand er nur wenig Freude an dieser Art der Zerstreuung. Dem Freund zuliebe, der sich derartige Spektakel nach Möglichkeit nicht entgehen ließ, hatte er jedoch nachgegeben. Gleichwohl Landolf bewusst war, Zeuge eines gerechten Urteils zu werden, dauerte ihn der Delinquent, der mit aschfahlem Gesicht, weinerlichen Augen und hängenden Schultern vor dem Scharfrichter stand.

Schultheiß Konrad Groß war inzwischen auf die hölzerne Plattform gestiegen und die Schöffen hatten sich zu ihren Plätzen auf der Tribüne begeben. Groß wechselte einige Worte mit dem Scharfrichter, währenddessen seine Büttel den Verurteilten ebenfalls auf die Plattform führten und ihn auf das Kommando des Schultheißen warten ließen.

Mittlerweile drängten sich alle Bevölkerungsschichten auf dem Platz. Bettler und Beutelschneider schoben sich unauffällig durch die Reihen der Bürgerlichen. Huren boten wohlhabend scheinenden Herren ohne Begleitung ungeniert ihre Dienste an. Es wurden heiße Kastanien sowie gewürzter Wein, Met, Bier und Gebäck feilgeboten. Und über all dies hinweg tönten lauthals gerufene Spottverse und Beschimpfungen gegen den Verurteilten.

»Geschieht dir recht, Betrüger!«, brüllte Ismar und riss Landolf aus seinen Gedanken. Beide waren sie frühzeitig eingetroffen und standen Schulter an Schulter eingeklemmt in der zweiten Reihe der grölenden Menge. Von hinten geschoben, von vorne gestoßen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als dem Schupfen bis zum Schluss beizuwohnen.

Ismar bemerkte den beklommenen Blick des Freundes, stieß seinen Ellbogen in Landolfs Rippen, grinste ihm ins Gesicht und lachte: »Sei kein Hasenfuß. Soll der Hundsfott doch ersaufen. Zu kleines Brot backen, um größeren Profit zu erzielen – pfui Deibel.«

»Er könnte bei der heutigen Kälte sterben«, entgegnete Landolf, der die Begeisterung Ismars nicht nachvollziehen konnte.

»Na und?«, fragte Ismar, dem es mit Landolfs unbegreiflichem Mitgefühl keineswegs anders erging. »Er wusste was ihm blüht, wenn er sich erwischen ließe.«

Wenigstens darin pflichtete Landolf dem Freund bei. Seit Alters her waren Größe, Gewicht und Preis von Backwaren sowie vielerlei andere Erzeugnisse der Stadt durch den Beschluss der Ratsherren festgelegt. Ebenso das Strafmaß bei Missachtung dieser Regelung.

So gab es Strafen für Bäcker, welche die Bürger nicht täglich mit Brot versorgten, den Markt nicht belieferten oder im Backofen kein Brot hatten, bei denen der Scharfrichter jedoch Mehl in der Vorratskammer fand. Wegen zu klein gebackenen Brotes konnte einem Bäcker die Bürgerrechte aberkannt und er aus der Stadt verbannt werden. Dagegen erschien das Schupfen eine durchaus milde Form der Bestrafung.

Außerdem hatte der Verurteilte die Möglichkeit, sich von dieser diffamierenden Strafe freizukaufen. Doch Landolf hatte gehört, dass Meister Friedhelm seine gesamten Münzen ins Hurenhaus getragen, weswegen ihn sein Weib bei den Schöffen angezeigt haben soll. Zumindest munkelte man dies hinter vorgehaltener Hand.

Nun wandte sich der Schultheiß der Menge und dem Verurteilten zu, richtete seinen Blick zu den Ehrbaren und Patriziern auf der Tribüne, hob die Arme, woraufhin Ruhe unter die Versammelten einkehrte.

Mit lauter, klarer Stimme sprach er: »Bürger Nürnbergs. Wir sind heute, am Morgen des dritten Februar im Jahre des Herrn 1348 zusammengekommen, um das nach Fug und Recht gefällte Urteil über den Bäckermeister Friedhelm im Angesicht Gottes und seiner ergebenen Diener zu vollstrecken. Dem Beschuldigten wurde im vollen Umfang nachgewiesen, das vorgeschriebene Maß an Mehl, um eine halbe Unze je Laib unterschritten zu haben.«

»Pfui!«, rief es aus der Menge. »Taucht die Sau, bis sie ersäuft!«, kam es von anderer Stelle. Fauliges Gemüse und hartes, altbackenes Brot flogen unter Gejohle über die Köpfe der Versammelten, trafen den Gefesselten oder klatschen neben ihm auf die Bodenbretter der Plattform. Gleich einem geprügelten Hund duckte sich Meister Friedhelm und drückte sich an die ihn flankierenden Scharwächter.

Neuerlich verschafften die erhobenen Arme dem Schultheißen Gehör. »Haltet ein!«, donnerte er. »Weiter bezichtigt das Eheweib des Beschuldigten ihren Gatten der Unzucht und des Bruchs des Ehegelübdes. Auch dieser Vergehen überführte das Gericht den Beschuldigten.

So hört denn, Bürger Nürnbergs, das über Bäckermeister Friedhelm gesprochene Urteil, welches wir zur Vollstreckung dem Scharfrichter übereignen: Demnach hat sich der Verurteilte in den Schöpfkorb zu begeben, in dem er dann ein Dutzend Mal bis über das Haupt in die Wasser der Pegnitz zu tauchen ist. Um seines durch den Bruch der vor Gott geheiligten Ehe gefährdeten Seelenheils willen, hat er von diesem Tage an für die Dauer eines Jahres die Hälfte seiner Einnahmen dem Spital zum Heiligen Geiste zu stiften.«

Konrad Groß verstummte, bedachte den vor Scham gebeugten Verurteilten mit einem vernichtenden Blick und wandte sich unter der erwartungsvollen Stille der Menge dem Scharfrichter zu.

»Scharfrichter«, hob er an, »hiermit übergebe ich dir und deinem Amt den vor Gott dem Herrn verurteilten Bäckermeister Friedhelm. Walte deines Amtes und führe den Verfehlten seiner gerechten Strafe zu.«

Kaum verstummte der Schultheiß, brandete tosender Beifall aus der Menge auf. Neuerliche Wurfgeschosse fanden ihr Ziel, denn diesmal sträubte sich Meister Friedhelm gegen den harten Griff des Scharfrichters, der ihn am Arm packte und gnadenlos in den geöffneten schwankenden Korb bugsierte. Daraufhin wurde der Korb verriegelt und unter dem begeisterten Jubel der Versammelten schwenkte der Scharfrichter die Hebelstange über den Fluss.

Ismar lachte im Einklang mit der Menge. Landolf hingegen dauerte der Delinquent, vergegenwärtigte er sich die Härte des Urteils. Selbst in den warmen Sommermonaten war die »Bäckertaufe« wie das Volk das Schupfen nannte für die Betroffenen keine harmlose Angelegenheit. Bei der vorherrschenden Witterung war zwölfmaliges Untertauchen in das eiskalte Wasser fast ein Todesurteil. Sah er sich um, wurde Landolf ein weiteres Mal schmerzlich bewusst, dass niemand unter den Anwesenden derartige Gedanken verfolgte. Was unterschied ihn von den anderen?

Im Grunde pflegte er wenig Umgang mit seinen Altersgenossen. Ausgenommen Ismar, dem ältesten Sohn Rudolf Haubenschmidts, genannt Geißbart, hielt er sich in Anwesenheit anderer auffällig zurück und bisher hatte er den Richtplatz all die Jahre über erfolgreich gemieden. Er wusste selbst nicht, warum es Ismar ausgerechnet diesmal gelungen war, ihn zu überreden mitzugehen. Dabei war selbst Landolfs Vater und Lehrmeister, Schwertmacher Johann von Sulzbach, kein Freund solcher Darbietungen. In diesem Punkt unterschied er sich nicht von Landolfs Mutter.

Aber sosehr ihn das grausige Prozedere missfiel, so wenig vermochte er jetzt seinen Blick abzuwenden. Langsam senkten die Knechte des Scharfrichters den über ein Seil mit der Hebelstange verbundenen Korb in den Fluss ab. Nach und nach versank der Käfig in den Fluten, bis er im trüben Wasser verschwunden war. Nur das Seil ragte straff gespannt aus der Wasseroberfläche. Quälend zäh verrann die Zeit, niemand unter den Anwesenden gab einen Laut von sich. Endlich wies der Scharfrichter seine Knechte an, den Korb hochzuziehen. Prustend und hustend schnappte der Bäckermeister nach Luft, was von der Menge mit einem erlösenden Jubel quittiert wurde. Dann wiederholte sich die Prozedur ein ums andere Mal.

Verschwand der Korb in der Pegnitz, hielten die Schaulustigen gemeinsam mit dem Delinquenten den Atem an. Totenstille herrschte, bis Meister Friedhelm wieder emporgezogen wurde.

Umklammerte er dann mit zitternden Händen die Stäbe seines Käfigs und japste nach Luft, brachen sie umso lauter mit Spottversen und höhnischen Rufen über ihn herein.

Meister Friedhelm erfüllte die Erwartung der versammelten Menge ganze acht Mal. Als der Korb zum neunten Mal aus dem Wasser gezogen wurde, lag er wie leblos auf den Bodenstangen des Korbes, Beine und ein Arm hingen schlaff zwischen den Gitterstäben hindurch. Dessen ungeachtet fuhren der Scharfrichter und seine Knechte mit ihrem Handwerk fort; ungerührt vollstreckten sie das Urteil bis zu seinem Ende.

Fortan verfolgte das Volk das weitere Schupfen in völligem Schweigen. Da sich das Ziel ihrer Anfeindung nicht mehr rührte, unterließen sie spöttische Bemerkungen. Ohne dass dies jemand ausgesprochen hätte, schien jedem klar, dass der Verurteilte seine Strafe nicht überlebt und somit Gott der Herr selbst in das Urteil eingegriffen hatte. Über ein Gottesurteil riss niemand seine Witze.

Landolf suchte nach dem Weib des Bäckers. Ismar hatte zuvor gemeint, dass sie dem Schupfen beiwohne, doch vermochte er sie nicht unter den unzähligen Frauen herauszufinden. Dabei hätte er dieser Frau gerne ins Gesicht geschaut.

Man munkelte, dass Friedhelms Weib der eigentliche Herr in des Bäckermeisters Haus war. Ein Weib mit Haaren auf den Zähnen, das seinem Gatten nicht erlaubte, die Schänke aufzusuchen. Sich darüber lustig machend, erzählten die Leute weiter, dass Friedhelms Weib außer für die Zeugung der drei Kinder ihrem Gatten kein einziges Mal gestattet hatte, die Hand an ihren Körper zu legen. Liebesfreuden jeglicher Art bezeichnete sie als Teufelswerk, ebenso den Genuss berauschender Getränke. Da sei es beileibe nicht verwunderlich, wenn Bäckermeister Friedhelm seinem männlichen Drang im Hurenhaus nachgegeben habe.

Seit Landolf diese und andere Geschichten über Meister Friedhelm zu Ohren gekommen waren, hatte er sich gefragt, wie so eine Frau aussah, die ihren eignen Gemahl vor den Schöffen führte? Aber keine der Frauen, die er unter den Schaulustigen entdeckte, schien ihm infrage zu kommen.

Nachdem das Urteil vollstreckt war, schwenkten der Scharfrichter und seine Gehilfen den eisernen Korb auf die hölzerne Plattform und öffneten das Gitter. Noch immer verfolgte die Menge schweigend das Geschehen.

Plötzlich durchschnitt ein Schrei die erwartungsvolle Stille: »Seht! Er bewegt sich!«

Der Scharfrichter und seine Gehilfen sprangen zurück. Ihre Gesichter wirkten, als seien sie dem Leibhaftigen begegnet. Jetzt, da der Korb von ihnen nicht mehr verdeckt war, vermochte jeder zu sehen, dass sich Bäckermeister Friedhelm regte. Dann schnellte sein Oberkörper empor, sackte der Kopf vornüber und würgend erbrach er schleimige Flüssigkeit.

»Der Teufel will ihn nicht haben!«, rief jemand. Vereinzeltes Gelächter folgte. Weitere Spottrufe ertönten, wurden aufgegriffen und wie eine Welle der Erleichterung brandete ein um sich greifendes Gefühl von Ausgelassenheit über die Schaulustigen hinweg. Schimpfwörter und schmähende Beleidigungen flogen dem Verurteilten von allen Seiten zu. Im Gegensatz zu vorhin klangen die Rufe jetzt fröhlich und gelöst. Versöhnlich bemerkte Landolf, dass eine gewisse Befreiung in den meisten Gesichtern der Umstehenden zu erkennen war.

Nachdem der Delinquent aus dem Korb gezerrt und auf wackligen Beinen von den Helfern des Scharfrichters fortgeführt worden war, löste sich die Versammlung auf. Stumm schlenderten Landolf und Ismar zwischen den sich zerstreuenden Bürgern zum Haus des Schwertmachers Johann von Sulzbach. Ismars Vater Rudolf Haubenschmidt beredete dort, wie so häufig in den zurückliegenden Wochen, wichtige Angelegenheiten für die Sache der Verschworenen. Landolf wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als von alldem verschont zu bleiben.

***

Nürnberg, zwei Wochen später

Still harrte die schlafende Stadt unter den dahinjagenden Wolken. Eisiger Wind strich durch die nächtlichen Gassen, nahm hier und dort Schneestaub von den Dächern auf, trieb ihn wie Nebelschwaden vor sich her, um ihn dann an anderer Stelle scheinbar achtlos abzulegen. Mit schwerfälligen Schritten bewegte sich der Scharwächter über die rutschige Neigung vor dem Dominikanerkloster. Im schwarzen Schatten eines Torbogens verborgen, den Rücken an das harte Holz der Tür gepresst, bemühte sich Landolf darum, sein Zähneklappern zu unterdrücken bis der Scharwächter um die nächste Ecke gebogen war. Trotz der Kälte standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. Der Gedanke daran, was geschehen würde, wenn man ihn auf seinem Posten erwischte, vertrieb den nächtlichen Frost schneller aus seinen Gliedmaßen, als es die Hitze der Schmiede je vermocht hätte. Da König Karl in der Stadt weilte, galt nach Anbruch der Nacht eine allgemeine Ausgangssperre. Wer von den Scharwächtern oder Türmern ohne Sondergenehmigung auf der Straße aufgegriffen wurde, dem drohte Siechtum und Tod in den nasskalten Steinmauern des Kerkers. So jedenfalls raunte man es sich hinter vorgehaltener Hand zu. Landolf hatte nicht vor, dieses Gerücht auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen.

Der gärende Unmut in den Gemütern einfacher Leute gewann stetig an Zustimmung und war mittlerweile zum unverhohlenen Ruf nach Aufruhr gediehen. Längst zogen sich die Patrizier bei Einbruch der Dunkelheit in den Schutz ihrer burgähnlichen Häuser zurück.

Die Burggrafen hielten sich aus den Auseinandersetzungen heraus, soweit dies vor König Karl, dem möglichen zukünftigen Kaiser, zu vertreten war. Sie beobachteten und warteten ab, ob sich etwas Nutzbringendes aus der Angelegenheit für sie ergab. Es war kein Geheimnis, wie wenig die Burggrafen auf die durch Handel reich gewordenen Kaufleute und Ratsherren gaben, zugleich verbot ihnen der Stand des Adels aber auch, Partei für die Handwerker und Bürger zu ergreifen. Zur Stunde hatten sie die Sicherheit ihres Königs zu gewährleisten und so schickten sie ihre Büttel aus, um in den Straßen für Ordnung zu sorgen.

Für die Verschworenen war es derzeit wenig ratsam, Aufmerksamkeit zu erregen. Trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit hätten die Handwerker und Bürgerlichen den offenen Kampf gegen die kriegserprobten Streiter der Burggrafen nicht überstanden, da deren Reihen zudem eine stattliche Anzahl Waffengänger aus dem Gefolge Karls verstärkten.

Landolfs Herzschlag beruhigte sich, dafür drängte sich ihm die beißendende Kälte wieder ins Bewusstsein zurück. Frierend trat er von einem Bein aufs andere. Die Zusammenkunft zog sich. Lange hielt er es auf seinem ungemütlichen Posten nicht mehr aus.

Warum musste König Karl ausgerechnet während dieser lausigen Kälte die Stadt mit seiner Anwesenheit beehren? Nur deswegen war Landolf gezwungen, hier draußen Wache zu halten und nicht, wie üblich, der wöchentlichen Versammlung der Verschworenen beizuwohnen. Seine Zähne schlugen aufeinander.

Endlich machte er eine Bewegung am Tor des Klosters aus und das zitternde Licht einer Kerze flammte auf: Die Versammlung war beendet.

Er sah sich um, lauschte angestrengt. Nichts regte sich, nur der eisige Wind heulte nach wie vor um die verwinkelten Häuser. Es war abgesprochen, dass er zur Entwarnung einen Pfiff ertönen lassen sollte. Seine mittlerweile völlig gefühllos gewordenen Lippen waren jedoch außerstande, den gewünschten Laut hervorzubringen. So lief er kurzerhand über die Straße zum Kloster. »Alles ruhig«, zischte er, sobald er das Tor erreicht hatte. Die Kerze erlosch. Mehrere Gestalten lösten sich aus dem Schwarz des Eingangs, die sie in der bewölkten Nacht nur schwer voneinander zu unterscheiden waren. Erst aus nächster Nähe, vermochte Landolf die langen Bärte der Handwerker zu erkennen, was diese von den Bürgern unterschied. Den Anfang bildeten sein Vater, dessen Freund der Harnischmacher Rudolf Haubenschmidt, der so genannte Geißbart, gefolgt von seinem Sohn Ismar und der stolz einherschreitenden Gestalt des Pfauentritts. Danach drängte der Rest der verschworenen Gemeinschaft geräuschlos auf die Straße. Stumm reichten sie einander die Hände, nickten sich mit feierlicher Miene zu, strömten dann in unterschiedliche Richtungen auseinander und verschwanden in der Finsternis.

Geißbart, Ismar, Landolf, Johann von Sulzbach und der Pfauentritt warteten schweigend vor dem Kloster, bis der letzte ihrer Anhänger außer Sicht war. Wie gewöhnlich gelang es Landolf nicht, die Augen von der geheimnisumwitterten Figur des Pfauentritts abzuwenden. Niemand anderes verstand es so eindrucksvoll, die Leute hinter sich zu scharen. Den Gerüchten zufolge entstammte er einer wohlhabenden und einflussreichen Patrizierfamilie. Ihm folgten die Bürgerlichen in blindem Vertrauen und bildete zusammen mit dem Harnischmacher Haubenschmidt den Kopf der Aufrührer.

Das Auftreten des Pfauentritts hatte etwas Würdevolles, Aristokratisches an sich, was ihn von den anderen Verschwörern unterschied. Seinen Gang, weswegen er Pfauentritt genannt wurde, imitierten seine Anhänger unter den Bürgerlichen. Die Handwerksmeister hingegen ließen sich lange Spitzbärte wachsen, dass sie dem Aussehen Haubenschmidts glichen.

Nichteingeweihte wussten kaum mehr , ob Geißbart und Pfauentritt leibhaftige Personen waren oder nur als Bezeichnungen der verschiedenen Gruppen unter den Aufrührern zu verstehen waren.

»Ihr habt wohl gesprochen, Meister Haubenschmidt«, wandte sich der Pfauentritt nun an den Harnischmacher. »Es wird nicht einfach sein, die Leute bis zum rechten Zeitpunkt im Zaum zu halten. Ich kann ihren Drang fühlen, sie wollen die Köpfe des Rates rollen sehen.«

»Woran Ihr nicht ganz unschuldig seid«, brummte Haubenschmidt. Viel war in der Dunkelheit von ihren Gesichtern nicht zu erkennen, trotzdem glaubte Landolf, Zorn in Geißbarts Zügen auszumachen.

Entweder bemerkte er es nicht oder es focht den Pfauentritt nicht an. Spöttisch, die Mundwinkel nach oben gezogen, erwiderte er: »Ihr müsst Euch schon im Klaren darüber sein, was Ihr erreichen wollt. Mit Worten werden sich die Ratsherren nicht von ihrer Position vertreiben lassen. Ist die Kaiserfrage erst einmal geklärt, könnte es sich für einen Erfolg unserer Pläne als zu spät erweisen.«

»Ihr sprecht, als hätte Markgraf Ludwig bereits verloren. Wartet erst einmal ab. Und dass wir uns besser ruhig verhalten, solange Karl in der Stadt weilt, wisst Ihr genauso gut wie ich.«

Der Pfauentritt nickte, legte seine kräftige Hand, die so gar nicht zu einem Patrizier passte, auf die Schulter des Handwerkers und sagte im versöhnlichen Tonfall: »Erörtern wir dies nicht zu dieser Stunde und an diesem zugigen Ort. Glaubt mir, ich teile Eure Sorgen. aber Ihr solltet einsehen, dass die Zeit des Wartens bald vorüber ist. Wie Ihr wisst, breche ich noch zur Stunde nach Bamberg auf. Bischof Friedrich von Hohenlohe könnte sich als unverhoffter Beistand in unserer Sache erweisen. Lasst uns also nächste Woche weiter darüber sprechen. Jetzt entschuldigt mich. Der Scharwächter wird hier bald wieder vorbeikommen und ich habe wenig Lust, dann noch hier zu stehen.«

Galant verbeugte sich der Pfauentritt, zwinkerte Landolf und Ismar verschmitzt zu, wandte sich um und tauchte mit ausholenden Schritten in die Nacht ein.

»Er hat recht, lasst uns von hier verschwinden«, raunte Geißbart, reichte Johann die Hand, klopfte Landolf auf die Schulter und stiefelte los. Ismar lächelte seinem Freund zu und folgte dem Vater, Landolf und Meister Johann wandten sich in Richtung Burg.

***

Der Pfauentritt bewegte sich, wann immer sich die Gelegenheit bot, im Schatten der Häuser. Sein aufrechter, pfauenartiger Gang war geschmeidigen Bewegungen gewichen. Sein Auftreten wirkte nun keineswegs erhaben oder herrschaftlich, vielmehr auf gewisse Art gefährlich, strahlte Kraft und Kampferfahrung aus. Nach wenigen Minuten erreichte er das Gassenlabyrinth des Judenviertels.

Einst hatte man den Juden den wenig geschätzten Platz der Flussniederung am Rande der Stadt zugewiesen. Mit den Generationen war die Stadt gewachsen und so hatten im Laufe der Jahre die Häuser der Christen die der Juden eingeschlossen.

Wie stets, wenn er das Judenviertel aufsuchte, fühlte er sich in eine andere Welt versetzt. Spuren des fast jährlich zur Schneeschmelze wiederkehrenden Hochwassers fanden sich an den Mauern der Häuser. Dennoch vermochten die Schäden und der hartnäckig in den Häuserschluchten hängende Geruch von Moder und Fäule, nicht über den bescheidenen Reichtum hinwegzutäuschen, den sich die Juden mit Heilkunst, Viehhandel und in erster Linie dem Geldverleih erwarben. Trotz des Verfalls der Gebäude, der Enge der Gassen, dem Fehlen von Pflastersteinen, fand sich bedeutend weniger Unrat am Boden als in anderen Teilen der Stadt. Zudem brauchte man zur nächtlichen Stunde keinen Scharwächter oder Türmer im Viertel der Juden zu fürchten. Lediglich das Kriegsvolk unter dem Gefolge des Königs scheute nicht davor zurück, das Judenviertel in ihren Rundgang mit einzubeziehen. Aber das Scheppern ihrer Rüstungen und das Klirren der Waffen verrieten sie schon von weitem, sodass ihre Patrouillen den Pfauentritt nicht schreckten.

Zielstrebig schritt er aus, bis er einen freien Platz erreichte, in dessen Zentrum sich die Synagoge in den Himmel erhob, die auch die Schule der Juden beherbergte. Zweimal stieß er den Ruf eines Käuzchens aus, wartete einen Augenblick, und wiederholte das Zeichen. Eine schmale Seitentür öffnete sich in der Wand der Synagoge. Das warme Licht einer Laterne fiel auf den festgetretenen Schnee des Platzes und erhellte die Umrisse eines Mannes, der in Größe und Umriss, dem des Pfauentritts ähnelte. Mit weiten Sätzen setzte der über die Freiung und kaum war er durch die Tür getreten, warf der andere diese hinter ihm ins Schloss.

»Ihr wart lange fort, Herr. Ich war bereits in Sorge«, sagte der mit der Laterne, während er neben dem Pfauentritt zum hinteren Teil der Synagoge schritt, wo sie vor einer eisenbeschlagenen Tür verharrten.

Lächelnd blickte der Pfauentritt in das ihm nicht unähnliche Gesicht des Sprechers und sagte: »Keine Sorge.« Dann griff er sich mit einer raschen Bewegung in den Mund und brachte zwei kleine Ledersäckchen aus seinen Wangentaschen zum Vorschein. Sogleich verschwand der feiste Ausdruck aus dem Gesicht des angeblichen Kaufmanns und hohe Wangenknochen traten hervor. Mit einem Ruck befreite er sich von dem angeklebten Schnauzbart, nahm die Kopfbedeckung ab, woraufhin langes Haar auf seine Schultern fiel. Niemand hätte in dem Ritter, der nun zum Vorschein kam, den Pfauentritt wiedererkannt, der die Kopfbedeckung, eine gefütterte Gugel, Bart und Backenpolster dem anderen überreichte und sich dann des langen Mantels entledigte. Ein meisterlich gearbeitetes Kettenhemd kam zum Vorschein. Darüber trug er einen Lederharnisch, dessen häufiger Gebrauch sofort ins Auge stach. Er strich sich das Haar nach hinten und setzte eine lederne Gugel auf, ein kapuzenähnlicher Überwurf, der über Nacken und Schultern reichte.

Anschließend öffnete er die Tür und stapfte die dahinter befindlichen Stufen in die Tiefe. Sein Begleiter, der ihm nun noch mehr ähnelte, folgte ihm. Am Ende der Stufen führte sie ein niederer Gang zu einem weiten, von schlanken Säulen gestützten Gewölbe, das bis unter die Decke Vorräte und Handelsware jeglicher Art und in großer Menge beherbergte.

»Ist alles vorbereitet?«, fragte Ekkelin.

»Genauso, wie Ihr es gewünscht habt!«, erschallte die Stimme eines Dritten, aus dem im Dunkeln liegenden Teil des Gewölbes. Eine mittelgroße Gestalt, die auf den Namen Migkenmockel hörte, trat hinter einem Stapel Kisten hervor, gefolgt von den hünenhaften Zwillingen Veit und Thomas.

Während Migkenmockel die Lust auf Abenteuer und Wagemut schier ins Gesicht geschrieben stand, wirkten die Mienen der Zwillinge düster und bedrohlich.

Während sich die drei unterschiedlichen Gesellen Ekkelin und seinem Begleiter näherten, legte der Ritter sein Schwertgehänge um. Dies trug er nicht wie üblich an der linken Seite, sondern auf dem Rücken, was die Bewegungsfreiheit erhöhte.

Mit grimmigem Lächeln sah er den drei Männern entgegen. »Migkenmockel, mir scheint, dir entgeht wie immer der Ernst unseres Unternehmens.«

»Mitnichten, Herr. Mir ist durchaus bewusst, dass dies ein prächtiger Spaß wird. Fürchte nur, unsere beiden Miesepeter vergällen uns die Freude daran.« Mit diesen Worten wandte er sich zu den Zwillingen um. Lachend fuhr er fort: »Mit diesen Mienen könnt ihr Leichen erschrecken.«

»Irgendwann wird dir jemand dein loses Mundwerk stopfen«, brummte Veit und schob sich brüsk an Migkenmockel vorbei. »Alles ist vorbereitet«, sagte er zu Ekkelin. »Wir können sofort aufbrechen.«

Der Ritter nickte, sah sich im Gewölbe um und sagte: »Wo ist der Rabbi? Ich nahm an, er würde uns zu den Kellern des Plobenhofs führen.«

»Er zeigte mir den Zugang und beschrieb den Weg. Weiter möchte er nicht in diese Angelegenheit verwickelt werden, wie er es ausdrückte«, griente Migkenmockel.

Ekkelin zog eine Augenbraue hoch: »Kann‘s ihm nicht verdenken. Im Gegensatz zu dir ist ihm die Tragweite unseres Vorhabens durchaus bewusst. Scheitern wir, ist unser Schicksal besiegelt. Noch könnt ihr umkehren, keinem würde ich es später vorwerfen.«

Streng und abwartend blickte er ihnen ins Gesicht, doch jeder hielt den forschenden Blicken ihres Anführers stand. »Nun gut«, nickte er. »Pankraz wird uns den Rücken freihalten. Migkenmockel, geh voran, du kennst den Weg.«

Der Angesprochene nahm eine Laterne, in der eine Kerze brannte und schritt zur westlichen Mauer des Gewölbes. Die anderen folgten ihm. Sie umrundeten einen Stapel mit Tuchballen und gelangten an eine niedere Tür, die bis vor kurzem, wie die Spuren im Staub des Bodens erzählten, mit allerlei Waren verstellt gewesen war. Hinter der Tür verbarg sich ein enger feuchter Gang, der vor vielen Jahren in den Sandstein gehauen worden war und den die Lebenden, bis auf wenige Ausnahmen, längst wieder vergessen hatten.

Nach etwa zwei Dutzend Schritten schien der Gang an einer massiven Sandsteinwand zu enden. Migkenmockel drehte den Kopf, warf ein schelmisches Grinsen über die Schulter, bückte sich dann, griff in eine leicht zu übersehende Nische zu ihren Füßen und drückte auf etwas.

Ein knirschender Laut ertönte, die Wand schwang ächzend zur Seite und gab den Blick auf einen dunklen Schlund frei, der sich rechts und links der Öffnung in der Finsternis verlor. »Von der anderen Seite ist die Tür genauso wenig zu erkennen«, sagte Migkenmockel und deutete auf ein in den Stein gemeißeltes Kreuz. »Damit der Eingeweihte den Zugang von außen nicht übersieht.«

»Ausgezeichnet«, nickte Ekkelin. »Pankraz! Schließ’ die Tür hinter uns. Öffne erst, wenn du das verabredete Zeichen hörst.«

»Verlasst Euch auf mich.«

»Gut. Migkenmockel! Den Gang rechts oder links hinunter?«

»Nach links.«

»Nun denn«, mit diesen Worten tauchte Ekkelin in den Gang ein, gefolgt von Migkenmockel und den Zwillingen. Leise knirschend schloss sich der Zugang hinter ihnen. Der Gang beschrieb eine leichte Krümmung. Nachdem sie die hinter sich gelassen hatten, flüsterte Migkenmockel: »Wir sind fast da. Seht ihr den dunklen Schatten links in der Wand? Das ist der Zugang zum Weinkeller des Plobenhofs. Hätte davon gerne etwas weggetragen, später wird dies nicht mehr möglich sein.« Ehrliches Bedauern schwang in der Stimme des Rotschopfes mit.

»Es gibt Wichtigeres, als die Gelüste deines Fleisches«, schmunzelte Ekkelin.