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Der Vize-Senator von Terra 3 wird ermordet. Seit Jahrhunderten ereignete sich kein Mord dieser Art innerhalb der zehn Megastädte, die sich über den Globus verteilen und in denen die Menschen seit dem Großen Krieg leben. Inspektor Dalmo Panzer vom Morddezernat nimmt die Ermittlungen auf und stößt dabei auf immer größere Ungereimtheiten, die ihn selbst in die Gefahr einer Gedächtnisformatierung befördern. Wie es aussieht hat der Vize-Senator die Titan-Werke seiner Stadt an einen Multikonzern verkauft, doch davon will niemand etwas hören.
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Seitenzahl: 696
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Lothar Nietsch
Ein Science-Fiction-Krimi
AndroSF 214
Lothar Nietsch
INSPEKTOR PANZER UND DIE TRAURIGEN KLONE
Ein Science-Fiction-Krimi
AndroSF 214
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Februar 2025
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Eleanor Smith (Pixabay)
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printversion: 978 3 95765 440 3
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 701 5
Es war 04:30 Uhr, nicht richtig hell und er bekam den verdammten Traum nicht aus dem Kopf.
Inspektor Dalmo Panzer steuerte den Gleiter hinab in die Straßenschlucht. Am Randbezirk der Badlands wiesen nur wenige Gebäude mehr als sechs Ebenen auf, sein Ziel zu dieser frühen Stunde hatte davon nur zwei. Der Inspektor setzte den Gleiter vor die gelbgrünen Absperrbänder der Behörden neben zwei Flugmaschinen der Streife. Ein weiterer Gleiter parkte auf der anderen Seite der Absperrbänder. Am seitlich angebrachten Zahlencode identifizierte der Inspektor das Fluggerät als das eines Mediziners. Das Fehlen eines Pressegleiters irritierte ihn. Einem Uniformierten der Cyborgeinheit zeigte er seinen Dienstausweis und nannte die Identifikationsnummer.
Das Erste, was ein Beamter für einen Einsatz genannt bekommt, ist jene Identifikationsnummer. Der Cyborg, einer von einem halben Dutzend, das den Tatort sicherte, deutete zum Eingang des heruntergekommenen Schuppens, in dessen Inneren ein Mordopfer auf die Ermittlungstätigkeit des Inspektors wartete.
Terra 3 wies im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine geradezu lächerliche Mordrate auf; nicht anders verhielt es sich in den anderen Megastädten. Zu einem vorsätzlichen Mord kam es ausgesprochen selten. Lag ein Tötungsdelikt vor, handelte es sich meist um eine Handlung im Affekt. Auf Mord kannte das Gesetz nur eine Strafe: Terminierung, keine Anhörung, keinen Ankläger, keinen Anwalt, keinen Prozess. Das Urteil stand in dem Moment fest, in dem man einen Menschen tötete, die Gründe waren irrelevant.
Nicht selten ereigneten sich tödliche Unfälle und meist stellte der Inspektor dies an einem vermeintlichen Tatort fest. Als er vor drei Jahren im Morddezernat angefangen hatte, erfasste er sechsundsiebzig Todesfälle, bis er zum ersten Mal einen richtigen Tatort betrat.
Damals war das Opfer eine Prostituierte gewesen, der Tatort hatte nicht weit vom jetzigen entfernt gelegen, erinnerte er sich, während er die Straße hinunter blickte. Zwei Blocks weiter hob ein Personengleiter von einer Sammelstelle ab. Arbeiter, die zu ihrer Schicht befördert wurden. An der Sammelstelle waberten drei Holowerbeflächen über der Straße. Auf die Entfernung hin vermochte Dalmo die Botschaften nicht zu entziffern. Er wandte sich dem Tatort zu, eine Traube Schaulustiger hing hinter dem Absperrband herum und taxierte die Beamten, die in dem Haus ein und aus gingen. Soeben erschien Doktor Vorwerk Sieben in der Tür, in der Hand den obligatorischen Koffer.
»Ah, Panzer«, rief er, sowie er den Inspektor erspähte, und kam schnurstracks auf ihn zu. »Grauenhaft«, raunte er, als er vor Dalmo stand. »Selbst in unmittelbarer Nähe der Badlands hätte ich das nicht erwartet. Man sollte es nicht glauben – aber wem sage ich das?« Sieben klopfte Panzer auf die Schulter.
Dalmo hatte den Chef der Pathologie noch nie richtig einschätzen können. Einerseits gab es offenbar nichts, was der Mediziner im Zusammenhang mit einer Leiche nicht herausbekam – seine Methoden waren ebenso unorthodox wie genial – was ihm andererseits den Ruf eingebracht hatte, ziemlich durchgeknallt zu sein. Dalmo hatte eine Begebenheit noch lebhaft in Erinnerung. Er hatte vor einigen Monaten die Einschätzung Doktor Siebens benötigt, doch war der Chefpathologe für wenigstens vierundzwanzig Stunden außer Gefecht gesetzt, weil er sich neue Narkotika im experimentellen Stadium selbst verabreicht hatte.
»Traumlose Erholung, absolute Entspannung. Danach ist man ein neuer Mensch!«, hatte er dem Inspektor vorgeschwärmt, nachdem er aus seiner Betäubung erwacht war.
Sieben trat nahe an Dalmo heran, beugte sich vor – er war eine Handbreit größer als der Inspektor – und flüsterte: »Kann noch nichts Konkretes sagen, muss erst ein paar Spuren auswerten und dann brauche ich die Leiche auf meinem Tisch.«
Ach was?, hätte Dalmo am liebsten erwidert, beließ es aber bei einem stummen Nicken.
Bei der Prostituierten damals hatten sie erstaunlich rasch Ergebnisse geliefert, zu rasch, wie sich Dalmo im Nachhinein eingestand. Tatmotiv: Eifersucht. Täter: Gore T. Raunstein, Arbeiter in der Erntefabrik. Opfer: Chanel Nautilus, Prostituierte. Gore hatte sich in Chanel verliebt und wollte sie dazu bewegen, einen gemeinsamen Antrag auf Zusammenschluss zu stellen und ihr Gewerbe aufzugeben. Schon der Gedanke musste jedem, der alle beisammenhatte, absurd erscheinen. Jegliche selbstständige Tätigkeit war vom Rat streng limitiert und eine autorisierte Prostituierte, die ihren Job aufgab und das für einen Kunden – davon hatte noch nie jemand in dieser oder einer anderen Stadt gehört. Was an dem Fall nicht stimmte – doch diesen Umstand bemerkte Dalmo erst später – war die Frage, warum Gores Health-Terminal nicht eingegriffen hatte? Es hätte eine Veränderung der Hormonwerte feststellen und diese korrigieren müssen. Aber das fiel ihm erst ein, als es zu spät war, er hatte nie in diese Richtung ermittelt. Er war den Indizien gefolgt. Eine der in Hautschuppen, Haaren und getrockneten Körperflüssigkeiten festgestellten DNA-Spuren hatte zu Raunstein geführt. Nachdem Dalmo den Verdächtigen dingfest gemacht hatte, dauerte es nicht lange und Gore legte ein umfangreiches Geständnis ab. Was den aufwendigen Test am Truth-Polygrafen unnötig machte. Ein wenig hatte sich dies Geständnis für den Inspektor eine Spur zu glatt, eine Nuance zu logisch angehört, aber darauf, dass vielleicht Gores H-Terminal nicht fehlerfrei arbeitete, kam er nicht.
Gore jedenfalls bestand auf seiner Version und schließlich verlangten alle Ergebnisse, Dalmo nicht minder und ja, er hatte bei den monoton vorgetragenen Aussagen des Verdächtigen nicht einmal nachgehakt. Der Mann wurde in der gleichen Dekade terminiert und das Leben war weitergegangen.
Zumindest bis vor wenigen Wochen, als sich die Träume zurückmeldeten. Seither schlief er schlecht. Der Traum (es war immer der gleiche) verwirrte ihn, verfolgte ihn in den Tag hinein und er ertappte sich immer häufiger dabei, Fragen zu stellen, die ihn zuvor nicht gekümmert hatten. Etwas stimmte nicht mit ihm und im Augenblick bemühte er sich, das alles so weit wie möglich aus seinem Bewusstsein zu verbannen.
Wenn er nur nicht so verdammt müde wäre. Sein Mobiltec, kurz MT, hatte den Einsatzbefehl nur wenige Minuten, nachdem er eingeschlafen war, empfangen. Dalmo ließ seinen Blick über die Schaulustigen wandern. Ob einer von denen etwas gesehen hatte?
»… meinen Sie nicht?«, drang Siebens Stimme zu ihm durch.
Er hatte keine Ahnung, wovon der Mediziner gesprochen hatte. »Äh – ja«, sagte er.
»Na, ich verschwinde dann mal ins Labor«, sagte Sieben und wandte sich seinem Gleiter zu.
»Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«, hakte Dalmo nach. Sieben hatte nichts dergleichen erwähnt, doch eigentlich müsste er eine vage Vorstellung des Todeszeitpunktes haben.
»Schwer zu sagen, Inspektor. Der Tod trat vermutlich vor fünf bis sechs Stunden ein, doch darauf möchte ich mich jetzt noch nicht festlegen.«
Dalmo nickte und wandte sich den Schaulustigen zu, die hinter den Absperrbändern standen und gafften. Er schlenderte auf sie zu. »Hat jemand etwas gesehen? Oder ist jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Eine fremde Person, eine seltsame Unterhaltung – irgendwas?«
»Hier ist jeder fremd, Inspektor«, sagte ein männlicher Passant. Die Bemerkung erntete vereinzeltes Gelächter, aber eine Erwiderung auf die Fragen des Inspektors blieb aus.
Auch gut, dachte Dalmo, wandte sich ab, während der Gleiter des Doktors abhob, und betrat das Innere des Hauses. Eine für diese Gegend typische Absteige, zwei übereinander liegende Ebenen mit jeweils einem langen Korridor, von dem bis zu zwanzig winzige Wohneinheiten abzweigten. Die Einheiten waren mit einem Wohnraum, einer Nahrungsaufbereitungsnische und einer Nasszelle ausgestattet, genauso, wie man sich die Arbeitsstätte einer Prostituierten eben vorstellte. Wahrscheinlich kam ihm deswegen auch ständig der Mord vor drei Jahren in den Sinn. Gleiches Milieu, ähnliche Umstände, nur – und das war das Entscheidende – handelte es sich beim heutigen Opfer nicht um eine Prostituierte, soviel hatte er dem Einsatzbefehl entnommen, der, umso länger er darüber nachdachte, ziemlich ungewöhnlich war. Vermutlich eine in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeit, hatte die Sprachmitteilung gelautet, über deren Identität bei Identifizierung bis auf weiteres Stillschweigen zu bewahren ist.
Sogar äußerst ungewöhnlich.
»Sie sind sicher Inspektor Panzer«, rief jemand und holte Dalmo aus seinen Gedanken.
»Ja.« Er sah sich suchend nach dem Sprecher um.
»Kommen Sie hier herauf, erster Stock, zweite Tür links.« Am Ende einer schmalen Treppe, die rechter Hand in die nächste Ebene hinauf führte, erkannte er die Silhouette eines schmächtigen Mannes, die nach einem knappen Wink in einem Zimmer verschwand.
Das muss Weiland sein, dachte Dalmo und stapfte die Stufen empor. Man hatte ihm den Techniker angekündigt, der ab sofort seine Ermittlungen unterstützen sollte. Das war Teil des neuen Einsatzplanes der Sicherheitsbehörden. Jedem Ermittler wurde ein Techniker zur Seite gestellt. Jemand, der sich auf das Sichern von Spuren verstand. Der Sinn entzog sich ihm. Bisher waren die Techniker der Spurensicherung auch nicht an der Seite des ermittelnden Beamten gewesen und das hatte nicht geschadet. Aber wer war er schon, dass er derlei Fragen stellte. Der Rat und seine Vorgesetzten hatten sich dabei sicher etwas gedacht. Wenn er nur nicht so daran gewöhnt wäre, alleine zu arbeiten. Dalmo war sich nicht sicher, ob er nach den Jahren noch zur Teamarbeit fähig war – ehrlich gesagt, war das nie seine Stärke gewesen.
Er hatte die Tür, in der der Techniker vor wenigen Augenblicken verschwunden war, erreicht, der metallene Geruch von Blut und der Gestank allmählich trocknender Fäkalien schlugen ihm entgegen. Dalmo holte ein Taschentuch aus der Jackentasche und hielt es sich vor die Nase, dann betrat er den Raum und blieb wie angewurzelt stehen.
Er hatte schon einiges gesehen, jetzt aber zwang ihn der Anblick dazu, sich mit ganzer Kraft darauf zu konzentrieren, seinen Mageninhalt dort zu belassen, wo er seinem Verständnis nach hingehörte. Das Opfer (männlich und auf den ersten Blick in mittleren Jahren) baumelte nackt und an einem Stromkabel hängend von der Decke. Darm und Blase des Toten hatten sich entleert und ihren Inhalt über den Boden aus Kieferimitat ergossen. Weiland, der Techniker, fuhrwerkte in der angrenzenden Nasszelle herum. Dalmo presste sich das Taschentuch fester unter die Nase und betrachtete das Opfer. Die Genitalien des Mannes hatte jemand mit einem scharfen Gegenstand abgetrennt und dem Opfer in den Mund gestopft. Die Hände waren mit einem weiteren Stromkabel auf dem Rücken zusammengeschnürt. Das Kabel hatte sich in das Fleisch der Handgelenke gearbeitet. Die Identität des Opfers festzustellen, würde dem Labor vorbehalten bleiben, wie Dalmo mit einem Blick in dessen Gesicht vermutete. Es war eine blutige Fleischwüste. Offenbar hatte der Täter mit dem gleichen Gegenstand, mit dem er die Genitalien des Mannes abgetrennt hatte, das Gesicht verunstaltet. Jetzt sah er auch, dass die Fingernägel herausgerissen und die Haut von den Fingerspitzen abgeschnitten worden waren. Der Inspektor würde einen Jahreskredit darauf verwetten, dass dem Burschen sämtliche Zähne fehlten. So wie es aussah, war nur eine DNA-Analyse in der Lage, die Identität des Mannes aufzuzeigen, wenn er überhaupt in irgendeiner Datenbank registriert war.
»Da hat jemand gründliche Arbeit geleistet, was, Inspektor?«, meldete sich der Techniker zu Wort, und als Dalmo aufsah, erblickte er seinen neuen Kollegen grinsend in der Tür zur Nasszelle stehen. »Professioneller Schlachter, würde ich mal behaupten«, fügte er an.
»Was?« Dalmo fragte sich, wie jemand, der noch nicht vollkommen abgedreht hatte, im Beisein einer derart zugerichteten Leiche zu einem fröhlichen Grinsen fähig war.
»Na, der Zustand des Opfers!«, rief Weiland. »Jemand, der dazu imstande ist, muss ziemlich abgestumpft sein, meinen Sie nicht? Deshalb dachte ich an einen Schlachter. War letzten Monat selbst noch in einer Schlachtanstalt beschäftigt. Als Systembetreuer und leitender Techniker.«
Dalmo horchte auf. »Und daran erinnern Sie sich?«
Weiland zuckte mit den Achseln. »Bei angehenden Kriminalern sehen sie schon mal über die Gedächtnisformatierung hinweg. Sogar bei den niederen Dienstgraden.«
Dalmo nickte. Was Weiland sagte, entbehrte nicht einer gewissen Grundlage. Nur selten wurden etablierte Ermittlungsbeamte in ein anderes Tätigkeitsfeld versetzt und häufig wendete das Zentralkomitee die Verordnung der Gedächtnisformatierung bei frischgebackenen Ermittlern nicht an. Die Begründung lag im gesteigerten Empathieempfinden, das den Beamten in ihrem neuen Aufgabenbereich wichtige Dienste leistete. Demnach war Weiland ein sogenannter Frischling. Nun, dafür konnte er nichts und wenn er vorher in der Schlachterei beschäftigt war, so mutete seine Reaktion auf die verstümmelte Leiche nicht halb so bemerkenswert an, wie sie Dalmo im ersten Augenblick erschienen war.
Er sah schon überall Gespenster. Das muss an den Träumen liegen, dachte er und wischte er diese Gedanken beiseite.
Erneut betrachtete er das Opfer. Auch wenn er weit davon entfernt war, irgendetwas sagen zu können, so befürchtete er, dass das Opfer nicht nur eine prominente Persönlichkeit war, sondern eine, die im Rat etwas zu sagen gehabt hatte. Der ungewöhnliche Wortlaut des Einsatzbefehls kam ihm in den Sinn und noch immer keine Spur von irgendwelchen Presseleuten.
»Wer ist hier gemeldet?«, fragte er Weiland.
»Die Einheit ist unbewohnt. Der zentralen Datenbank zufolge existiert sie nicht einmal.«
Dalmo stutzte. »Unbewohnt? Nicht existent?«
Weiland nickte. Eine für drei Monate leer stehende Wohneinheit. Es herrschte akuter Wohnraummangel und das nicht erst seit gestern. Wie konnte da die zuständige Behörde eine Einheit übersehen? Dass sie in einem offiziellen Rotlichtviertel angesiedelt war, spielte keine Rolle. Die Einheit hätte belegt sein müssen. Die ungewöhnlichen Umstände mehrten sich beängstigend rasch. Das alles ließ Dalmo in Bezug auf die Identität des Opfers das Schlimmste befürchten. Mit einem Blick zu Weiland stellte er fest, dass sich im Kopf des Technikers vermutlich die gleichen Fragen ein Stelldichein gaben.
»Was denken Sie?«
»Da ist etwas oberfaul. Keine Einheit bleibt einen so langen Zeitraum über ungenutzt.«
»Richtig. Irgendwelche Zeugen? Nachbarn, Kurierdienste, Essenslieferanten, die irgendwen aus dieser Einheit kommen oder darin verschwinden gesehen haben?«
»Fehlanzeige. Das Interkom der Einheit ist abgeklemmt. Die Nachbarn, alles autorisierte Huren, werden gerade befragt. Das erledigen die Jungs von der Streife, aber bis jetzt hat keine etwas mitbekommen. Stehen meist auf der Straße und schleppen ab und an einen Freier in ihre Wohneinheiten und gehen anschließend wieder runter. Vierzig Einheiten! Ist ein ständiges Kommen und Gehen, da achtet keiner so genau auf den anderen. Wollen Sie der Befragung beiwohnen?«
»Nein.« Dalmos Erfahrung nach schreckte ein Polizeiaufgebot mit Spurensicherung und Cyborgeinheiten potenzielle Zeugen im ersten Moment ab. Meistens hatten die Leute in diesen Augenblicken nichts zu sagen, doch hatte sich die anfängliche Aufregung gelegt und war der Großteil der Beamten verschwunden, stellte sich nicht selten das Erinnerungsvermögen bei so manchen Zeugen wieder ein. Ganz besonders galt dies in der unmittelbaren Nähe der Badlands.
»Wer hat den Mord gemeldet?«, fragte er.
»Anonymer Anruf.«
»Was macht die Auswertung der Watch-Drohnen?«
»Die Bänder sind im Labor, ich erwarte den Bericht innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten.«
Dalmo war überrascht. Der Mann denkt mit, stellte er verblüfft fest. Eine Eigenschaft, die viele Zeitgenossen zu wünschen übrig ließen. »Und hier?«, hakte er nach. »Irgendwelche Hinweise, die auf einen oder mehrere Täter hindeuten?«
Weiland schüttelte den Kopf. »Nichts. Keine Haare, keine Hautschuppen, Fußabdrücke, Fingerabdrücke, es wurde weder an der Einrichtung etwas verändert, noch hat in den vergangenen Wochen jemand etwas gesehen oder irgendetwas gehört.«
Von nichts anderem war Dalmo ausgegangen. »Nun, von selbst wird sich der Gute nicht da hingehängt haben.«
»Kaum, ebenso wenig dürfte er in der Lage gewesen sein, mit auf dem Rücken gebundenen Händen solche Schnitzarbeiten an sich durchzuführen.«
»Da ist was dran«, bestätigte Dalmo. »Was bedeutet, dass wir ebenso im Dezernat auf die Auswertungen des Labors und die Berichte der Streifenjungs warten können.«
»Wüsste nicht, was dagegen spricht.«
Dalmo nickte, ihm gefiel Weiland und das gab ihm zu denken. Dalmo gefiel nur selten irgendetwas und wenn doch, dann handelte es sich meist um etwas Lebloses.
»Lassen Sie die Leiche ins Labor schaffen«, wies er seinen Techniker an und Weiland gab die Instruktion über MT an die Cyborgeinheit weiter.
Kurze Zeit später schritten die beiden Beamten zum Gleiter des Inspektors. Die Cyborgeinheit trug dafür Sorge, dass der Tatort unberührt blieb. Sie zog erst ab, wenn der Inspektor, oder einer seiner Vorgesetzten, die nötigen Instruktionen erteilte.
Die Pyramide war das unbestrittene Herz der Stadt. Neben dem Präsidium der Polizeibehörde beherbergte das monumentale Bauwerk den Amtssitz des Senators, eine Kanzlerinnensuite, die Büros der Bürgermeister sowie sämtliche Behörden und Verwaltungsorgane der Stadt. In den unteren Ebenen waren das Geburtenzentrum und verschiedene medizinische Abteilungen untergebracht. Die abgeflachte Spitze diente als Landeplattform für zwölf bewaffnete Jagdgleiter. Diese Maschinen waren der Garde vorbehalten. Dalmo hatte diese beeindruckenden Dinger noch nie in der Luft gesehen und mittlerweile bezweifelte er, dass sie überhaupt funktionierten. Nicht anders verhielt es sich mit den Geschütztürmen, die auf unterschiedlichen Ebenen platziert und von Pflanzen getarnt, ein eher sinnloses Dasein fristeten.
Mit ihren hundertzwölf terrassenförmig aufgebauten Ebenen überragte die Pyramide jedes andere Gebäude. Zwischen Sträuchern und Zwergbäumen drängten sich Solarkollektoren, die, neben allen möglichen anderen Systemen, die Energieversorgung sicherstellten. Darüber hinaus verfügte die Pyramide über eine eigene Wasserversorgung, ein Klärwerk, unterirdische Kühlhallen, die bis an den Rand mit Nahrungsmitteln gefüllt waren und eine Versorgung der beschäftigten Personen für mindestens vier Jahre gewährleisteten. Verbunden war die Pyramide über einen Bahnhof im Sockelgeschoss mit dem Metronetz und über ein Tunnelsystem mit dem Senatorenbezirk, dem Komplex der Gardegarnison und der runden Tagungshalle des Zentralkomitees. Im Notfall waren die Zugänge mit tonnenschweren Stahlschotten abzuriegeln, die Verteidigungsanlagen zu aktivieren, und die Behörden konnten jegliche Revolte in aller Seelenruhe aussitzen.
Abgesehen von seiner Schul- und Lehrzeit in Terra 1 war Dalmo nie über die Grenzen von Terra 3 hinausgekommen. Wenn den Berichten von außerhalb zu trauen war, so waren die Megastädte, die über den Globus verteilt waren, nach dem gleichen Muster errichtet. Lediglich Terra 1, im ehemaligen Kanada gelegen und zugleich Sitz der Kanzlerin und des Großen Rates, bildete eine Ausnahme dieser architektonischen Regel.
Gleich nach dem Start geriet die Verwaltungspyramide in ihr Sichtfeld, dennoch betrug die Flugzeit dorthin zehn Minuten. Zehn Minuten, die Dalmo und sein Techniker schweigend verbrachten. Beim Landeanflug übernahm der Inspektor die Steuerung und folgte den Anweisungen der Fluglotsen. Routiniert setzte er den Gleiter auf Landebucht vierzehn, zischend öffneten sich die Flügeltüren und er und Weiland entstiegen dem Flugapparat. Allmählich nervte ihn Weilands Schweigen. Offensichtlich hielt es sein Techniker für unangemessen, sich zu äußern, solange ihn sein Vorgesetzter nicht dazu aufforderte. Sie erreichten den Fahrstuhl, und sowie sich die Türen geräuschlos hinter ihnen schlossen, fiel Dalmo ein, womit er das unangenehme Schweigen brechen konnte, ohne sich in voreiligen Vermutungen ihres Falls zu ergehen. »Wie heißen Sie eigentlich noch? Ich meine außer Weiland. Sie haben doch einen Vornamen, oder?«
»Opel. Ich heiße Opel Weiland.«
Dalmo nickte und da der junge Mann nicht so aussah, als wolle er etwas anfügen, brachte er sein rechtes Auge nahe an den fünf Quadratzentimeter großen Monitor, der neben dem Bediendisplay angebracht war, und identifizierte sich. Nachdem ihn der Fahrstuhlcomputer als autorisiert eingestuft hatte, was mit dem Aktivieren der Kabinenbeleuchtung quittiert wurde, gab Dalmo auf dem Bedienfeld die Ziffer 43 ein. In dieser Ebene war der Polizeiapparat untergebracht, darunter Dalmos Abteilung: das Morddezernat. Nach wie vor kreisten seine Gedanken um die Frage, wer das Opfer war. Im Präsidium gingen sie von einer wichtigen Persönlichkeit aus. Wie waren sie zu dieser Erkenntnis gekommen, bevor die Ermittlungen aufgenommen worden waren? Hätte er das Opfer womöglich erkannt, wenn es nicht so zugerichtet gewesen wäre?
Die Fahrstuhltür öffnete sich, er und Weiland traten in den Korridor. Die offen stehende Sicherheitsschleuse des Dezernats brachte Dalmos kreisende Gedanken zum Stillstand. Wer will denn jetzt etwas von mir?, dachte er.
Kaum eingetreten, baute sich die bullige Gestalt von Chief Jack D. Heimschlauer vor ihnen auf. Seine Anwesenheit, in dieser von ihm nur wenig beachteten Abteilung, demonstrierte, wie ihn der Fall beschäftigte. Irgendwie erschien Dalmo die Situation surreal, als wäre er nicht völlig wach. Der grimmige Tonfall indes, der ihm um die Ohren schlug, verdeutlichte ihm keineswegs zu träumen.
»Na endlich, Panzer. Dachte schon, Sie finden den Weg ins Präsidium nicht mehr. Was können Sie sagen? Hinweise oder Erkenntnisse über die Identität des Opfers?«
Dalmo schüttelte den Kopf. Der Chief hatte ihn, gelinde ausgedrückt, überrumpelt, und während ihn Heimschlauer ungeduldig anstarrte, die Hände in die Seiten gestemmt und mit den Füßen auf und ab wippend, wusste er nicht, was er erwidern sollte.
»Nein, Chief«, sprang ihm sein neuer Techniker bei. »Uns sind weder die Identität des Täters, noch die des Opfers bekannt. Auch über das Motiv tappen wir im Dunkeln. Unstrittig ist nur, dass es sich um einen Mordfall handelt.«
»Hm, ja«, knurrte Heimschlauer, nickte Weiland nicht unfreundlich zu und begann damit, im Raum auf und ab zu laufen. »Das Ganze kommt sehr ungelegen«, sagte er. »Das Amt für innere Stabilität rückt mir auf die Pelle. Wirklich, gucken Sie nicht so! Die SWOSI-Korps melden immer häufiger von Verstößen gegen die Health-Check-Pflicht, was wiederum auf eine zunehmende Aktivität von Abweichlern hindeutet.«
SWOSI stand für Safety Watch Of Sacrificium Intellectus. Die SWOSI-Korps überwachten alles und jeden und sie unterstanden dem Amt für innere Stabilität.
Heimschlauer fuhr fort: »Darüber hinaus liegen mir die Bürgermeister wegen der stagnierenden Prosperität der Stadt in den Ohren, sie müssten unsere Mittel kürzen, wofür sie die aktuelle Situation der Titan-Werke verantwortlich machen.«
Herrje, dachte Dalmo, jetzt geht das wieder los. Dieser ganze Wirtschaftskram hatte ihn noch nie interessiert.
»Und das ist keineswegs alles«, sagte der Chief. »Wir registrieren ungewöhnlich viel Bewegung im Grenzbezirk der Badlands und ich muss mich um das Funktionieren von drei oder vier Dezernaten kümmern – ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele das sind. Zu allem Überfluss weilt die Kanzlerin in der Stadt. Können wir wenigstens für ihre Sicherheit garantieren oder soll ich ihr raten abzureisen?«
»Nun«, hob Dalmo an. Er fragte sich, was Heimschlauer von ihm erwartete, ahnte er die Identität des Opfers? Wenigstens hatte der Redeschwall des Chiefs seine Fähigkeit, sich zu artikulieren, reanimiert, aber es gab vorerst nichts hinzuzufügen, das hatte Weiland treffend zusammengefasst. Dabei hätte er selbst gerne einige Fragen gestellt, schon wegen der ungewöhnlichen Wortwahl des Einsatzbefehls. Das bekam er nicht aus dem Kopf. Anbetracht der finsteren Miene Heimschlauers verschob er seine Fragen auf später. So zuckte er die Achseln und sagte: »Sicherer wäre es bestimmt. Also, wenn es Ihnen nichts ausmacht, empfehlen Sie der Kanzlerin …«
»Und ob mir das was ausmacht!«, polterte der Chief. »Wie sollte ich dem Polizeipräsidenten je wieder in die Augen schauen, vom Senator ganz zu schweigen, nachdem ich unserer Kanzlerin geraten habe, die Stadt zu verlassen? Und das, weil mir der leitende Ermittler in einem Mordfall eingestanden hat, er könne nicht für die Sicherheit der Kanzlerin garantieren?«
»Das hab ich ni…«, unternahm Dalmo den Versuch, sich zu rechtfertigen (Personenschutz betraf nicht seinen Aufgabenbereich), aber soweit kam er erst gar nicht.
»Ich will keine Ausflüchte, Panzer, ich will Ergebnisse! Jetzt, da Sie über einen Techniker verfügen, erwarte ich einen vorläufigen Bericht von Ihnen. Sie haben eine Stunde, dann liegt Ihr Bericht auf meinem Schreibtisch. Machen Sie sich an die Arbeit.« Damit ließ der Chief seinen Ermittler und dessen verdattert dreinschauenden Techniker stehen und stiefelte zum Ausgang.
»Ist der immer so?«, wollte Weiland wissen, nachdem Heimschlauers Schritte im Korridor verklungen waren.
»Meistens.« Dalmo zuckte mit den Schultern. »In der Regel bleiben wir davon verschont. Unsere Abteilung ist von geringer Bedeutung. Sie sind zwar neu, aber Ihnen ist sicher bekannt, dass unsere Polizei- und Sicherheitskräfte vorrangig mit Industriespionage beschäftigt sind. Den zweiten Rang halten die Abweichler, Tendenz steigend.«
»Ja«, sagte Weiland. »Ich entnahm den Statistiken, dass die Suche nach Abweichlern eine Riesenressource an Personal und Mittel verschlingt. Die ganze Überwachung, die Auswertung unzähliger Daten. Dazu die weniger bedeutenden Delikte, wie Diebstahl, Betrug, Drogenkonsum und Handel, nicht lizenzierte Prostitution und was weiß ich. Stimmt es, dass ein Großteil dieser Vergehen von Beschäftigten im gehobenen Dienst verübt wird?«
Dalmo lächelte gequält. »Sagen Sie so etwas ja nicht laut«, mahnte er. »Im Übrigen kennt jeder im Polizeidienst die Statistik, nur wird unter keinen Umständen darüber gesprochen. Und daran sehen Sie recht deutlich: Mordfälle finden keine Beachtung. Es gibt in dieser Stadt einfach zu wenige. Zumindest an Personen, die die Aufmerksamkeit Heimschlauers erregen«, schloss er mit einem fast resigniert zu nennenden Tonfall und trat an seinen Schreibtisch.
Die Bilder der Watch-Drohnen waren inzwischen online. »Kontaktieren Sie Doktor Sieben. Vielleicht kann er bereits etwas über Todeszeitpunkt und Ursache sagen«, wies er Weiland an und öffnete die Videodateien.
Watch-Drohnen überwachten beinahe alle Bezirke der Stadt. Ihr Einsatzgebiet endete im Grenzbezirk der Badlands. Dalmo erinnerte sich, dass sie früher auch innerhalb des Gettos eingesetzt worden waren. Doch die Bewohner der Badlands hatten nichts für die Idee erübrigt, sich rund um die Uhr beobachten zu lassen, und so hatten sie die Drohnen attackiert und zerstört. Aus Kostengründen beschränkte man schließlich den Einsatzradius der Drohnen auf das Grenzgebiet.
Dalmo startete die Auswertung mit den Bändern ab 01:00 Uhr morgens. Kein Rotlichtviertel der Stadt kam je völlig zur Ruhe und so gerieten, trotz der frühen Stunde, Passanten aller Alters- und Geschlechtsgruppen in den Fokus der Watch-Drohne und verschwanden daraus. Einige Gleiter huschten durchs Bild, doch keines der auf dem Bildschirm auftauchenden Individuen benahm sich auffällig oder so, als bemühe es sich darum, unauffällig zu wirken. Bis zum Zeitpunkt des anonymen Anrufes waren zwölf Bänder registriert. Auf keinem der Bänder entdeckte Dalmo etwas Verdächtiges oder eine Person, die von der Statur her, Ähnlichkeit mit ihrem Opfer aufwies. Er wandte sich seinem Techniker zu.
»Was Neues aus dem Labor?«
Weiland drehte sich zu ihm um, sein Gesicht aschfahl, der Mund ein schmaler Strich. »Die Identität des Opfers steht fest.« Allein dieser Satz reichte aus, um sämtliche Alarmglocken in Dalmos Kopf erschallen zu lassen.
»Nun sagen Sie schon«, fuhr er den Techniker an. »Wenn Sie schweigen, ändert das auch nichts.«
Weiland nickte. »Der Name des Opfers lautet Bull Herbschmitt, der Vizesenator! Das ergab die DNA-Analyse.«
Dalmo schnürte es die Luft ab. Unmöglich, dachte er. Wer, um Himmels willen, legte Hand an ein Mitglied der Führungsriege? Soweit ihm bekannt war, hatte es einen derartigen Fall seit den Gründertagen der Megastädte nicht gegeben.
»Doktor Sieben hat den Tathergang rekonstruiert«, sagte Weiland mit kraftloser Stimme. »Demnach ist das Opfer mit einem harten Gegenstand niedergeschlagen worden …«
»Haben wir irgendetwas in der Art eines solchen Gegenstandes sichergestellt?«, unterbrach Dalmo. Natürlich kannte er die Antwort, aber er wollte auf Nummer sichergehen.
»Nein, Inspektor«, bestätigte Weiland. Dann wiederholte er das, was er vom Chefpathologen erfahren hatte: »Der Vize wurde offenbar vergewaltigt. Doktor Sieben fand Spuren mehrfacher Penetration und Sperma im Rektalbereich des Opfers.«
Himmel, dachte Dalmo. Hat es denn nicht gereicht, Herbschmitt zu terminieren? »Und das Sperma?«, fragte er nach.
Weiland schüttelte den Kopf. »Unbekannte DNA von einer Person.«
»War ja klar«, knurrte Dalmo. »Trotzdem seltsam, finden Sie nicht?«
»Ich verstehe nicht.«
»Na, da hinterlassen die oder der Täter einen blitzblanken Tatort – ich meine, da passt das Sperma doch nicht ins Bild.«
»Daran habe ich gar nicht gedacht. Eine falsche Spur?«
»Ausgezeichnet«, sagte Dalmo. »Zwar nur eine Möglichkeit, aber wir sollten sie nicht aus den Augen verlieren. Zumindest ist sicher, dass einer der Täter – wenn es denn mehrere gewesen waren – männlichen Geschlechts ist. Das grenzt den Kreis der Verdächtigen gehörig ein.« Er glaubte nicht, seinem Techniker erklären zu müssen, wie er das meinte.
»Anschließend hat man ihm die Geschlechtsteile abgetrennt«, fuhr Weiland fort.
Wie sehr die Sache den Techniker mitnahm, entging Dalmo keineswegs. Wo war der abgebrühte Schlachter vom Tatort geblieben? Aber er ging nicht darauf ein. »Todesursache und Zeitpunkt?«, fragte er.
»Strangulation«, erwiderte Weiland. »Aber die Mühe hätten sich der oder die Täter sparen können. Der Vize wäre wenig später ohnehin verblutet. Der Tod trat zwischen zwei Uhr und zwei Uhr dreißig ein«, dabei sah er auf sein MT, »also vor ungefähr sieben Stunden. Wenigstens wurden ihm die anderen Verstümmelungen posthum beigebracht. Die Verletzungen im Gesicht, das Entfernen der Zähne, Fingernägel und die Haut der Fingerkuppen.«
»Wenigstens«, murmelte Dalmo. Zugleich fragte er sich, weshalb der Täter soviel Zeit und Mühe darauf verwendet hatte, die Identifizierung zu erschweren. Das ergab nur Sinn, wenn die DNA des Opfers behördlich nicht erfasst worden war. Aber genau das war bei einem Mitglied der Führungsriege ausgeschlossen. Hatten sich der oder die Täter in Bezug auf die Identität ihres Opfers geirrt? Eine simple Verwechslung? Und wenn ja, was, in aller Welt, hatte Herbschmitt in dieser Gegend zu suchen gehabt? Ohne Personenschutz!
Dazu der ominöse Einsatzbefehl und die Abwesenheit der Presse. Jemand im Präsidium hatte gewusst, wo sich der Vize aufhielt und Vorsorge getroffen, dass nichts publik wurde. Hatte Heimschlauer Kenntnis davon? Wenn ja, wer außer ihm noch und wenn nein, wer dann? Fragen über Fragen. Wie sollte er das in einem Bericht zusammenfassen, ohne sich unfreiwillig auf die Abschussliste zu setzen? Dalmos Blick fiel auf Weiland, der ihn ganz so anschaute, als erwarte er Instruktionen.
Wenn es weiter nichts ist, dachte er. »Verfassen Sie bitte einen Bericht über den Stand der Ermittlungen«, forderte er seinen Techniker auf. »Ich muss über das Ganze nachdenken. Informieren Sie mich per MT, sobald Ihr Bericht fertig ist.«
»In Ordnung, Inspektor«, erwiderte Weiland. Es klang tatsächlich so, als sei er froh, eine Aufgabe erhalten zu haben. Rasch, als gelte es keine Zeit zu verlieren, setzte er sich an den einzigen Schreibtisch in der Abteilung.
Darum muss ich mich kümmern, dachte Dalmo, Weiland braucht einen Arbeitsplatz. Möchte nur wissen, warum ihn die Geschichte auf einmal so mitnimmt?
Mit diesen Gedanken verließ er die Abteilung und fuhr mit dem Aufzug in die dreizehnte Ebene, wo sich unter anderem die Kantine befand. Er benötigte einen Kaffee und ein Amphetaminpflaster. Vielleicht gelang es ihm dann, seine Gehirnströme in die richtigen Bahnen zu lenken. Zumindest, was diesen Fall anbetraf. Himmel, wenn er nur daran dachte, drehte sich ihm der Magen um. Wem nutzte der Tod des Vizesenators?
War es keine Verwechslung, blieben nicht viele Möglichkeiten. Eine heikle Entscheidung im Rat, die der Vize boykottierte oder befürwortete oder jemand war scharf auf seinen Posten. Ebenso konnte es sich um Rache handeln und die Wohneinheit war eine Falle, in die der Vize mit irgendeinem Vorwand gelockt worden war. Die Einheit hatte leer gestanden und was immer dahinter steckte, das Ganze war von langer Hand vorbereitet.
Der Aufzug stoppte, die Tür öffnete sich und Dalmo trat in den Korridor. Er fand, dass dies seine ersten vernünftigen Gedanken waren, seit er den Tatort betreten hatte. Doch führten diese zu einem weiteren: ein Auftragsmord? In so einem Fall würde er sich wundern, existierte eine Verbindung zwischen Täter und Opfer.
Wie dem auch sei, jetzt galt es herausfinden, wer einen Grund hatte, den Vize zu beseitigen oder sich an ihm zu rächen. Damit fiel ihm wieder der Einsatzbefehl ein. Für gewöhnlich erhielt er keine Sprachmitteilung. Bisher hatten sich die Nachrichten aus dem Präsidium auf Textmitteilungen beschränkt. Als Titel die Identifikationsnummern, dann das Wort Todesopfer und die Adresse, gefolgt von der Order festzustellen, ob es sich um einen Mord, einen Unfall mit Todesfolge oder einen natürlichen Tod handelte. Anschließend entschied die Leitstelle die jeweilige Zuständigkeit. Manchmal ging das auch schneller, wenn, so wie heute, Doktor Sieben oder ein anderer Mediziner vor ihm am Einsatzort eintraf. Aber niemals ein Wort über eine mögliche Identität des Opfers. Selbst wenn er sich täuschte, er sollte davon ausgehen, dass Heimschlauer schon vor den Ermittlungen Bescheid gewusst hatte. Aber wieso spielte er dann den Ahnungslosen?
Dalmo schluckte, er hatte die Doppeltür zur Kantine erreicht. Na, großartig, dachte er, das wird von Minute zu Minute besser. Er stieß die Pendeltür zur Kantine auf und steuerte auf die Theke zu, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des fünfzig Meter durchmessenden Raumes befand.
»Was kann ich für Sie tun, Inspektor?«, grüßte der Servicerobot. Ein älteres Modell und wie alle Robots war auch dieser von Human System Corporation hergestellt worden.
»Einen Kaffee, vier Süßkapseln, zwei Milliliter Euterweiß und ein Amphetaminpflaster zweiten, nein, besser dritten Grades«, erwiderte Dalmo und reichte dem Robot seine Kreditscard.
»Geht klar, Boss«, trompetete der Servicerobot, nahm die Plastikkarte und wandte sich den Regalen an der rückwärtigen Wand zu, wo neben mehreren Batterien verschiedener Gläser und Hunderten mehr oder weniger gefüllten Flaschen ein Terminal untergebracht war. Versenkbare Hartgummirollen an der Unterseite ihrer eisernen Fußsohlen ermöglichten den Servicerobots in der Pyramide ein geräuschloses und schnelles Vorankommen. Im Laufmodus verursachten die bis zu dreihundert Kilo schweren Robots einen Höllenlärm auf metallenen oder steinernen Böden.
Dalmo ließ sich auf einem der einbeinigen Hocker nieder, die in einer akkuraten Reihe vor der Theke platziert waren und die ihn von jeher an eine Reihe frischer Rekruten bei ihrem ersten Morgenappell erinnerten. Heute dachte er nicht daran. Schwer stützte er die Ellenbogen auf die Theke und spielte im Stillen seine Optionen durch, die, wie ihm viel zu schnell bewusst wurde, kaum der Rede wert waren.
Zuerst benötigte er eine Legimitation, damit er im Umfeld des Vizes ermitteln durfte. Ohne formelle Berechtigung des Senators konnte Dalmo gleich einpacken. Selbstredend bekäme er die volle Verantwortung an diesem Versagen zugewiesen, schlimmstenfalls unterzogen sie ihn einer Gedächtnisformatierung und er landete in der Crew eines Hochofens oder an einem Fließband. Irgendeinen der untersten Jobs und er würde sich an nichts von all dem hier erinnern.
»Inspektor«, unterbrach der Servicerobot Dalmos trübselige Gedanken. »Tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ihre Kreditscard das Verrechnen von Koffein und Amphetaminen nicht genehmigt. Der erforderliche Health-Check ist einundfünfzig Stunden und siebenundzwanzig Minuten überfällig. Ich darf Ihnen als Alternative warmes Wasser mit Süßkapseln und Euterweiß kredenzen.«
»Was?« Dalmo kratzte sich am Kopf. Das hatte ihm noch gefehlt, aber der Robot hatte recht. Er erinnerte sich nicht, sich gestern oder heute dem obligatorischen Check seiner Werte und Körperfunktionen unterzogen zu haben. Er hatte bis jetzt nicht einmal einen Gedanken an die übliche Prozedur verschwendet und er fragte sich, wie er das hatte vergessen können?
»Außerdem muss ich den Statuten folgend, das Amt für innere Stabilität kontaktieren, damit unter der Beaufsichtigung der SWOSI-Korps Ihre Werte ermittelt und korrigiert werden«, fuhr der Servicerobot mit seiner stets gut gelaunt klingenden Stimme fort und stellte Dalmo, ohne dass der etwas gesagt hätte, ein Glas dampfendes Wasser, sowie zwei daumennagelgroße Behälter vor die Nase. Die Süßkapseln und das Euterweiß. »Ich muss Sie bitten, bis zum Eintreffen des SWOSI-Korps, an Ihrem Platz zu verweilen«, sagte der Robot.
»Schon gut«, Dalmo winkte ab. Das Ganze war zwar unangenehm und brachte Heimschlauer sicher auf die Palme, aber eben nicht zu ändern. Irgendetwas stimmte mit ihm in letzter Zeit nicht, diesbezüglich machte er sich nichts vor. Da waren die wiederkehrenden Träume von dieser Frau. Schon früher hatte er solche Träume gehabt, aber das war es nicht. Dalmo ertappte sich immer öfter dabei, wie er versäumte, Routineangelegenheiten zu erledigen. Angelegenheiten, über die er sonst nicht einmal nachgedacht hatte, so wie den morgendlichen Check am Health-Terminal seiner Nasszelle.
Zudem hinterfragte er seit einigen Wochen Dinge, die ihn vorher nicht gekümmert hatten und die, wie er festgestellt hatte, außer ihm, niemand sonst kümmerten. Ihn beschäftigten auf einmal Fragen wie die, ob weite Teile der Erde außerhalb der urbanen Zonen wirklich derart hohe Strahlenwerte aufwiesen, wie der Rat und die Medien behaupteten. Werte, die angeblich vom Großen Krieg herrührten. Ihm war sehr wohl bewusst, wie irrelevant die Beantwortung dieser Frage für ihn und sein Leben war, dennoch nagte sie an ihm. Nach seinem Wissensstand waren die Strahlenwerte in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht kontrolliert worden und der Krieg lag über dreihundert Jahre zurück; wenn der Geschichtsschreibung zu trauen war.
Und das war der Kern des Problems. Wie kam er auf derlei Gedanken? Kein Mensch zweifelte an, was in den Lehr- und Schulzentren in Terra 1 unterrichtet wurde und ausgerechnet er grübelte seit Neuestem darüber nach. Wenn er nur sagen könnte, warum. Was hatte sich geändert? War er zu alt? Unwahrscheinlich, er näherte sich seinem fünfzigsten Lebensjahr. Kein Alter für jemanden, der mit einer Lebenserwartung von wenigstens hundertfünfzig Jahren rechnen konnte. Machte er den Job schon zu lange? Nicht von ungefähr mussten sich die Bürger der Arbeiterklassen in regelmäßigen Intervallen einer Gedächtnisformatierung unterziehen, erhielten sie neue Identitäten sowie Erinnerungen. Den Betroffenen war diese Maßnahme nicht bewusst, selbst wenn sie es im Verlauf der Prozedur eindringlich vor Augen geführt bekamen. Nach dem Erwachen waren sie eine andere Person und ihren neuen Erinnerungen zufolge, genasen sie an einer Operation oder den Folgen eines Arbeitsunfalls.
Zu den davon ausgenommenen Schichten zählten höhere Dienstgrade der Sicherheitsorgane und Polizeidezernate und selbstverständlich die Kanzlerin sowie die Mitglieder der Stadtverwaltung und des Stadtrates. Was aber nicht bedeutete, dass man, egal welche Position man innehatte, nicht trotzdem einer Gedächtnisformatierung unterzogen werden konnte, hielten die Vorgesetzten so eine Maßnahme für sinnvoll. In dem Fall kam es zu einer Anhörung vor dem Zentralkomitee. Das war die oberste Instanz der zehn Städte, die Spitze der Legislative. Wenn überhaupt, dann war die Identität seiner Mitglieder höchstens der Kanzlerin und den Senatoren bekannt und sie waren unantastbar – was immer sie bestimmten, das geschah. Und so, wie sich Dalmos Situation für ihn im Augenblick darstellte, glaubte er nicht, dass das Zentralkomitee von einer Gedächtnisformatierung absah, käme es zu einer Anhörung wegen seiner versäumten Health-Checks und wer weiß was noch alles.
Vielleicht wäre das nicht einmal das Schlechteste, dachte er resignierend. Keine Zweifel, keine Fragen, keine Träume, so wie sich das gehört. Damit wäre ich weiß Gott besser dran.
Missmutig führte er die dampfende Tasse an die Lippen, der Servicerobot beachtete ihn nicht weiter.
Richtete man nicht das Wort an einen Androiden, so überließen sie einen sich selbst. Panzer erinnerte sich, dass es früher viel mehr von diesen Servicerobots gegeben hatte, zudem waren sie damals wesentlich intelligenter als heute. Aber deswegen war es ja überhaupt erst zu Problemen gekommen. Die Robots hatten angefangen, die Selbstverständlichkeit ihres Gehorsams gegenüber ihren Schöpfern infrage zu stellen, und es hatten sich einige Störfälle ereignet. Danach waren alle Robots in die Werke zurückbeordert worden und binnen zweier Wochen hatte man ihre selbstlernenden Prozessoren und Speicherchips gegen frühere Versionen ausgetauscht. Seither stellten sie zwar keine Befehle infrage, waren aber nicht mehr universell einsetzbar. Ihre früheren, meist stupiden Aufgaben im öffentlichen Bereich der Städte hatten die Cyborgeinheiten übernommen. Diese setzten sich aus schwer verunfallten Männern und Frauen der Arbeiterklassen zusammen, deren versehrte Körperteile und Organe durch künstlich hergestellte ersetzt worden waren.
Die Tür zur Kantine flog auf und drei Beamte der SWOSI-Korps marschierten auf Dalmo zu.
»Uns wurde ein Verstoß der Health-Check-Pflicht gemeldet«, bellte der Commander.
Dalmo krempelte einen Ärmel nach oben, streckte seinen Arm aus und wartete, bis ihn das Trio erreicht hatte. »Inspektor Panzer, Morddezernat«, sagte er. »Muss an meinem aktuellen Fall liegen. Nimmt mich mehr in Anspruch, als ich verkrafte.«
Der Commander tippte etwas auf das Display seines am Handgelenk befestigten MT ein, ohne auf Dalmos Versuch, sein Vergehen herabzuspielen, einzugehen. »Zwei fehlende Tests«, stellte er mit frostiger Stimme fest. »Beim nächsten Verstoß dieser Art kommt Ihr Fall vor eine Anhörung.«
»Schon klar«, sagte Dalmo. »Kommt nicht wieder vor«, versprach er, »wenn ich jetzt bitten darf … ich brauche Kaffee und Amphetamine, schließlich bin ich nicht zu meinem Vergnügen hier.« Auffordernd hielt er dem Mann seinen Arm entgegen.
»Bin mir fast sicher, dass das heute nicht das letzte Mal ist«, brummte er. Dann nickte er einem seiner Begleiter zu, der daraufhin ein tragbares Blutanalysegerät aus einer Tasche an seinem Gürtel zog. Der dritte entnahm mit einer Hohlnadel einen Tropfen Blut aus Dalmos Arterie und gab es auf das Analysefeld des Geräts.
»Wie ich mir dachte«, murmelte der Commander. »Sämtliche Anti-Neurosenwerte unter Niveau, Hormonhaushalt in bedenklichen Bereichen, Blutzuckerspiegel quasi nicht vorhanden.« Verstummend fixierte er Dalmo mit einem vernichtenden Blick, während sein Kollege eine Injektionspistole vorbereitete. Anschließend verpasste er Dalmo persönlich die Injektion, wartete mit schmalen Lippen exakt hundertzwanzig Sekunden und ließ ein zweites Mal Blut abzapfen.
»Okay«, sagte er, als er wenig später die neuen Werte vom Display ablas. »Sehen Sie das als einen wohlmeinenden Schuss vor den Bug«, mahnte er Dalmo.
Wie Dalmo bekannt war, wurden die Werte zeitgleich auf seiner Kreditscard aktualisiert. Nach einem letzten strengen Blick auf den Inspektor gab der Commander seinen Leuten einen Wink und gemeinsam verließen sie die Kantine.
»Ihr Kaffee und das gewünschte AP«, flötete der Servicerobot und drapierte eine Tasse sowie ein weißes Heftpflaster vor Panzer auf die Theke.
»Er hat nicht mal seinen Namen genannt«, murmelte Dalmo.
»Wie bitte?«
»Kennst du den Namen des SWOSI-Commanders?«
Für einen Augenblick surrten irgendwelche Relais im Innern des Robots, dann erwiderte er: »Bedaure, zwar ist mir der Commander bekannt, seinen Namen jedoch … die SWOSI-Korps sind derart pflichtvergessen, dass sie überhaupt nicht mehr selber denken und dieser Commander ist der Schlimmste von allen. Ich befürchtete, der Name so eines Individuums übt auf meinen Zentralspeicher einen negativen Einfluss aus, weshalb ich davon absah, ihn zu speichern.«
Dalmo starrte Robot ungläubig an. Hatte er sich verhört?
Wieder summte und ratterte es auffällig laut im Innern des Robots, schließlich stammelte er: »Oh – ich – Sie – du meine Güte, ich habe mich wohl missverständlich ausgedrückt. Vergessen Sie bitte meine letzte Äußerung, Inspektor.«
Dalmo lachte, der Robot konnte ihm doch egal sein. »Wenn’s weiter nichts ist«, sagte er. »Im Dinge vergessen stelle ich nämlich gerade einen neuen Rekord auf.«
»Bitte?«
»Ach vergiss es«, winkte Dalmo ab.
»Gerne, Inspektor«, erwiderte der Robot und wandte sich ab.
Dalmo zog die Versiegelung der Klebefläche des Pflasters ab und klatschte es sich auf den Hals, direkt über der Hauptschlagader. Dann schlürfte er seinen Kaffee und wartete.
Wenige Minuten später regten sich seine Lebensgeister, der Trübsinn, der ihn ausgefüllt hatte, verflüchtigte sich und Dalmos Gehirnzellen folgten endlich seiner Leitung. Es half alles nichts, als Erstes musste er sich um die Einwilligung des Senators bemühen. Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, der nichts mit dem Fall zu tun hatte und der dennoch alle anderen zur Seite drängte. Weshalb musste erst ein Servicerobot feststellen, dass sein Health-Check überfällig war? Was war mit der üblichen Datenübertragung los? Lief etwas schief im System? Ein defekter Schaltkreis, ein unbemerkter Kabelbrand, oder woran lag es sonst, dass nicht spätestens vor fünfzig Stunden die SWOSI-Korps in seiner Wohneinheit oder im Dezernat aufmarschiert war, um den versäumten Check auszuführen?
Das System lief vollautomatisch und war nicht so leicht zu umgehen. Jedenfalls nicht, indem man anstehende Checks einfach ignorierte. Jede Nasszelle einer im System gemeldeten Wohneinheit enthielt ein Health-Terminal, das in ständiger Verbindung mit den Behörden stand. Selbst eine simple Unterbrechung dieser Verbindung rief das SWOSI-Korps auf den Plan, ganz zu schweigen davon, wenn man den morgendlichen Check versäumte. Die Meldung über das Ausbleiben des Tests erreichte die zuständige Behörde der inneren Stabilität fünfzehn Minuten nach der Fälligkeit. Zugleich erging eine betreffende Meldung an die Vorgesetzten des säumigen Bürgers. Offenbar nicht bei Dalmo. Ein derartiges Versäumnis hätte der Chief niemals durchgehen lassen, ergo hatte es keine Meldung von Dalmos Health-Terminal gegeben.
Ein vertrauter Pfeifton zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er holte das MT hervor. Ein Anruf aus seiner Abteilung. Dalmo bestätigte und Weilands Gesicht erschien auf dem kleinen Bildschirm.
»Der Bericht ist fertig«, sagte er. »Möchten Sie, dass ich ihn beim Chief abliefere?«
Sicher, nur zu und viel Glück, hätte er am liebsten gesagt, stattdessen: »Nein, das Vergnügen lasse ich mir nicht entgehen. Ich bin in drei Minuten bei Ihnen.«
Das Büro des Chiefs war in die Leitzentrale integriert. Dalmo hatte seinen Techniker aufgefordert mitzukommen. Während er dem Chief ihren Bericht überbrachte, sollte sich Weiland mit den Mitarbeitern der Leitzentrale bekannt machen, zumindest mit den Leuten, die für die Polizeiarbeit wichtig waren und die gerade Dienst hatten. Außerdem schadete es nicht, wenn sich der Techniker ein weiteres Mal die Videos der Watch-Drohnen vornahm. Vielleicht entdeckte er etwas, das Dalmo übersehen hatte.
»Soll ich Sie wirklich nicht zum Chief begleiten?«, fragte Weiland. Dalmo hatte von seinen versäumten Health-Checks erzählt und offenbar glaubte Weiland, er müsse ihm Rückendeckung oder etwas in der Art geben. »Die Bänder kann ich mir im Dezernat noch ansehen«, versicherte er.
Dalmo schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er mit, wie er hoffte, dem nötigen Nachdruck, »Sie machen sich mit den Kollegen bekannt, es schadet nicht, wenn man ein vertrautes Gesicht vor Augen hat, kommuniziert man über MT mit der Leitzentrale. Anschließend fordern Sie die Bänder vom Tatort an …« Dalmo kam ein Gedanke und zögerte.
Erwartungsvoll sah ihn Weiland an und schließlich sagte Dalmo: »Mein Health-Terminal hat keine Meldung an die innere Stabilität gesendet. Überprüfen Sie die Verbindung. Vielleicht finden Sie etwas.«
»Wird erledigt, Inspektor.«
»Aber erst die Bänder von den Watch-Drohnen«, mahnte Dalmo. Weiland nickte und Dalmo unterzog sich an dem kleinen, in der Wand eingelassenen Monitor einem Augenscan. Ein rotes Lämpchen sprang auf Grün und die beiden Männer durften passieren.
Hinter der Schleuse empfing sie das Foyer, das durch Synthetikglaswände und eine weitere Schleuse vom Rest abgeschirmt war. Linker Hand beherbergte ein Glaskasten von fünf mal sechs Metern die Leitstelle, von wo aus die Ermittler ihre Einsatzbefehle erhielten. Diesen Dienst versahen je zwei Sekretärinnen zu drei Schichten rund um die Uhr. Zur Stunde saßen dort Palmolive Yellow und Milka Konhagen.
Dalmo nickte ihnen zu, was beide Frauen mit einem Lächeln quittierten. Hinter der Leitstelle schloss sich Heimschlauers Büro an, ebenfalls mit Wänden aus Synthetikglas und zwei Türen des gleichen durchsichtigen Materials. Eine mündete ins Foyer, die andere in die Leitzentrale. Der Chief thronte hinter seinem Schreibtisch und sprach in sein Tischmikrofon.
In diesem Moment erblickte er den Inspektor, seine Miene versteinerte und selbst auf die Entfernung hin sah Dalmo die Halsschlagadern Heimschlauers anschwellen. Der Chief beendete die Verbindung und starrte ihn wütend an.
Weiland bekam davon nichts mit, die Größe der Leitzentrale beeindruckte ihn sichtlich. Die durchsichtigen Wände der verschiedenen Abteilungen erlaubten einen nahezu vollständigen Blick über die Zentrale, die zwei Drittel der Ebene vereinnahmte. Das Kernstück bildete die Abteilung Überwachung mit ihren sieben Videowänden.
»Da wären wir«, sagte Dalmo. »Sehen Sie sich um, Sie besitzen für jede Abteilung eine Zugangsberechtigung, das Zentrum der Watch-Drohnen finden Sie dort drüben«, er deutete mit ausgestrecktem Arm in Richtung Videowände. Damit überließ der Inspektor seinen Techniker sich selbst und wandte sich dem Büro Heimschlauers zu.
»Sind Sie noch zu retten?«, empfing ihn der Chief. Der hochrote Kopf und der feine Sprühregen, den er bei diesen Worten ausstieß, unterstrichen seine Erregung.
»Was denken Sie sich? Dachten Sie, wir bekommen nicht mit, wenn Sie die Health-Checks umgehen? Reißen Sie sich zusammen, Mann! Ein weiteres Vergehen dieser Art und ich sorge dafür, dass sie hochkant aus dem Polizeidienst rausfliegen und man Sie einem Trupp Arbeitsrobots in der Strahlungszone zuweist.« Der Chief schnappte nach Luft. Dalmo machte sich auf eine weitere Welle gefasst. Doch nach einigen Atemzügen seufzte Heimschlauer und sagte: »Nehmen Sie meine Warnung nicht auf die leichte Schulter und geben Sie mir den Bericht. Das da ist doch Ihr Bericht, oder?« Dabei deutete er auf die Unterlagen in Dalmos Hand.
»Ja, Chief«, nickte er und reichte Heimschlauer die Mappe. Anschließend wartete er mit auf dem Rücken verschränkten Händen, bis der Chief den Bericht überflogen hatte.
»Nicht zu fassen«, stieß er zwischendurch hervor. Nach den letzten Zeilen sah er Dalmo in die Augen und sagte: »Was für ein Schlamassel! Ein Mord an einem Vizesenator! So etwas kann das ganze System erschüttern. Ich will, dass Sie die oder den Täter schnappen, ich will, dass Sie sich um nichts anderes kümmern, bis die Sache aufgeklärt ist. Notfalls fordern Sie Kräfte aus den übrigen Dezernaten an. Haben wir uns verstanden?«
»Absolut, Chief«, sagte Dalmo und aus irgendeinem Grund entschied er, den Einsatzbefehl zur Sprache zu bringen. »Jemand aus dem Präsidium hat gewusst – zumindest geahnt – um wen es sich bei dem Opfer gehandelt hatte und dass wir es mit einem Mord zu tun haben«, sagte er.
Heimschlauer stutzte. »Wie kommen Sie darauf?«
»Ich erhielt den Einsatzbefehl in Sprachform. Dabei war von einem Mordopfer die Rede und dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelt. Mit Verlaub, dieses Vorgehen entspricht nicht den Statuten und zudem scheinen die Reporter von TMN einen weiten Bogen um den Tatort zu machen.«
Zu Dalmos Erstaunen wich die Anspannung aus Heimschlauers Zügen. Er hatte mit einem weiteren Ausbruch gerechnet und nun saß ihm der Chief auf seinem Chefsessel gegenüber und sah keineswegs wie jemand aus, der Herr der Lage war.
»Die Sprachmitteilung habe ich veranlasst, wollte keine Aufzeichnungen hinterlassen, bis sich mein Verdacht erhärtet hatte oder, was ich inständig hoffte, zerstreut. Die Presse hat der Präsident an die kurze Leine gelegt. Was für ein Schlamassel«, sagte er abermals, selbst seine Stimme schien sämtliche Kraft verloren zu haben. »Setzen Sie sich und hören Sie zu«, forderte er Dalmo auf und wies auf einen Stuhl, der seitlich des Büros vor einem runden Tisch stand.
Dalmo zog den Stuhl heran und setzte sich. Der Chief beugte sich vor, reckte die massige Brust über die Tischplatte und grollend sagte er: »Was ich Ihnen jetzt mitteile, ist nur für Sie und eventuell für Ihren Techniker bestimmt. Kommt mir etwas davon von anderer Seite zu Ohren, finden Sie sich schneller bei einem Trupp Arbeitsrobots in der Wüste wieder, als Sie sich vorstellen können. Ist das so weit klar?«
Dalmo schluckte mit trockenem Mund und nickte.
Heimschlauer entspannte sich, richtete seinen Blick vor sich auf die Tischplatte und begann: »In meinen dunkelsten Stunden habe ich befürchtet, dass etwas Schreckliches geschieht – aber die Terminierung eines Vize? Das war für mich undenkbar und ich kann es eigentlich noch immer nicht glauben. Im Rat ist es ein offenes Geheimnis, dass der Vize irgendeine Nuttengeschichte am Laufen hatte.«
Dalmo nickte, eine Eifersuchts- oder Diskreditierungsgeschichte, das war sein erster Gedanke. Dazu würde das mit den Geschlechtsteilen passen, dennoch glaubte Dalmo daran immer weniger. Die übrigen Verstümmelungen gaben ihm Rätsel auf, außerdem keine Spur vom persönlichen MT Herbschmitts.
»Ausgerechnet jetzt«, fuhr der Chief fort. »Probleme an allen Fronten, aber ich gehe davon aus, dass Sie keine Ahnung haben. Die Kanzlerin wünscht eine Verlegung der Titanproduktion nach Terra 2 – was unter der Belegschaft der hiesigen Werke bereits die Runde macht. Können Sie sich vorstellen, mit welcher Begeisterung die Arbeiter diese Nachricht aufnehmen?«
Dalmo schüttelte den Kopf.
Heimschlauer grunzte abfällig. »Das sieht Ihnen ähnlich. Es interessiert Sie nicht. Tatsache aber ist, dass es darüber hinaus zu ungewöhnlich vielen Zwischenfällen in den Grenzbezirken zu den Badlands gekommen ist. Abweichler, Spione, Drogenkuriere, alle wirken wie aufgeschreckt und ausgerechnet in dieser Situation wird Herbschmitt ermordet. Die Garde ist seit den frühen Morgenstunden in Alarmbereitschaft.«
Die Garde, dachte Dalmo, schätzt er die Situation so bedrohlich ein? Von etwas unruhigeren Verhältnissen im Grenzbezirk der Badlands hatte er gehört, aber gleich die Garde? Das warf ein ganz anderes Licht auf die Anwesenheit des Vizes in dieser Absteige. Warum hatte er sich seine Nutte nicht irgendwo anders hinbestellt? Und wenn das mit der Nutte nur vorgeschoben war? Vielleicht hatte der Vize bei der Verlegung der Titanproduktion ja seine Hände mit im Spiel gehabt und diese Wohneinheit diente als Treffpunkt mit einem Spion aus Terra 2. Nur dass beim letzten Treffen etwas schiefgelaufen war.
Terra 2 lag im ehemaligen China und verfügte über ähnliche Vorkommen identischer Bodenschätze wie Terra 3. Beide Städte lagen seit ihrer Gründung im Wettstreit, was die Konjunktur bestimmter Abteilungen der Sicherheit kaum je abklingen ließ.
»Verdammte Badlands«, stieß Heimschlauer hervor. »Ginge es nach mir, würde ich diesen Bezirk dem Erdboden gleichmachen. Aber mir sind die Hände gebunden. Ihnen sind die Gründe sicherlich geläufig und ich muss nicht extra betonen, was ich davon halte.«
Dalmo nickte, obwohl das Gegenteil der Fall war. In letzter Zeit hatte er sich diese Frage häufiger gestellt. Weshalb wird am Rand einer Stadt so ein Bezirk geduldet? Nicht nur in Terra 3. Mit Ausnahme von Terra 1 hatte jede Stadt ihre eigenen Badlands. Früher hatte ihn das so interessiert wie die Frage, welches Rasierwasser sein Nachbar verwendete. Möglich, dass sie damals im Schulungszentrum oder später in der Akademie den Zweck und die gesellschaftliche Berechtigung für die Existenz der Badlands erörtert hatten. Aber Gründe für irgendwelche Gegebenheiten waren für die Arbeit eines Ermittlers von nur sekundärer Bedeutung, wenn überhaupt und Dalmo hatte sie dann eben vergessen.
»Ich schweife ab«, seufzte Heimschlauer. »Zurück zum Vize und seiner verdammten Nuttengeschichte. Im Rat spricht man hinter vorgehaltener Hand von zügellosen Sexorgien. Exzesse niederster menschlicher Triebe, unterstützt von Rauschmittelmixturen, und obwohl diese Gerüchte schon eine Weile kursieren, unternahm der Vize nichts, um sie zu entkräften.«
Da ihn Heimschlauer ansah, als erwarte er eine Reaktion, räusperte sich Dalmo und fragte: »Gibt es Indizien, die, so fadenscheinig sie auch sein mögen, die Gerüchte untermauern?«
Heimschlauer lachte bitter auf: »In der Tat, die gibt, besser gesagt, die gab es. Eine Videodatei, ziemlich miserable Qualität, dennoch ist mit etwas gutem Willen, der Vize zu erkennen. Außerdem eine weibliche Person – nun, die Aufnahme war ziemlich schlecht. Wie auch immer, das Video zeigt beide während unschicklicher Tätigkeiten, bei der jede Menge Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Glauben Sie mir, das Ganze ist zu unappetitlich, um näher darauf einzugehen.«
»Wo ist dieses Video? Kann ich es sehen?«
Der Chief schüttelte den Kopf. »Das weiß niemand«, sagte er. »Es ist nicht auffindbar, verschwunden. Doch haben mehrere Personen des Stadtrats und leitende Beamte, mich eingeschlossen, das Video gesehen. Fassen Sie den oder die Mörder, vielleicht lässt sich der Vize dann rehabilitieren. Aber unter keinen Umständen darf zum jetzigen Zeitpunkt die Identität des Mordopfers über die Medien verbreitet werden. Vom Doppelleben des Vizes ahnen die zwar was, aber ohne Beweise sind sie gezwungen, still zu halten. Dass er ermordet wurde, wissen jetzt nur Sie, Ihr Techniker, ich, der Präsident, der Senator und die Kanzlerin, und ich ziehe Sie persönlich zur Verantwortung sollte sich die Liste der Eingeweihten ohne mein Wissen vergrößern. Haben Sie das verstanden?«
Dalmo nickte. Trotz der neuerlichen Drohung brachten ihn die Worte auf den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit zu sprechen: »Unter anderem bin ich deswegen hier. Ich benötige die Einwilligung des Senators, um im Umfeld des Vize zu ermitteln. Vielleicht könnten Sie …«, bevor Dalmo seine Frage fertig artikulierte, klappte Heimschlauer eine Mappe auf und entnahm ihr eine unscheinbare, blaugoldene Plastikkarte, die er dem Inspektor hinhielt.
Eine Bluecard.
Dalmo traute seinen Augen nicht. So eine Card wies ihren Besitzer mit der höchsten Unbedenklichkeitsstufe aus. Mit ihr standen ihm sämtliche Türen der Städte offen. Davon ausgenommen waren lediglich die Badlands.
»Hier«, sagte Heimschlauer, »vom Senator genehmigt und gezeichnet.«
Zögernd nahm Dalmo die Card entgegen. Wieso lag eine Bluecard beim Chief für ihn bereit? Zu diesem frühen Zeitpunkt und vom Senator persönlich ausgestellt. Es würde ihn nicht wundern, stellte sich heraus, dass der Senator die Identität des Mörders kannte. Läuft es darauf hinaus?, dachte er.
»Wie gesagt«, fuhr Heimschlauer fort. »Uns war nicht verborgen geblieben, wo sich der Vize zeitweilig aufhielt. Als dann der Notruf von eben jener Adresse rein kam, der Vize nicht aufzutreiben war, zählten wir eins und eins zusammen und na ja – den Rest kennen Sie.«
Dalmo nickte, ja, den kannte er und er wünschte sich, das alles nie gehört zu haben. Leistete er sich den kleinsten Fehler – ging es ab in die Strahlungszone.
»Ich erfuhr von Doktor Sieben schon vor Ihrem Bericht, was geschehen war, und informierte den Senator. Die Bluecard war sein Vorschlag und ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie mit seiner vollen Unterstützung rechnen können.« Heimschlauer unterbrach sich, starrte Dalmo finster an und sagte dann: »Versauen Sie’s nicht! Finden Sie den Mörder, Panzer. Ansonsten erhält Weiland Ihren Job. Gehen Sie jetzt.« Mit einem Wink unterstrich er seine Worte und versenkte seinen Blick in irgendwelche Papiere vor sich auf dem Schreibtisch.
Dalmo erhob sich. Vielleicht wäre er gut beraten, wenn er sich vorsorglich über die Bedingungen im verstrahlten Wüstenbereich informierte.
Mit dieser deprimierenden Erkenntnis, die ihn auf unheimliche Weise kaum berührte, verließ er das Büro. Nüchtern betrachtet war bisher, trotz der düsteren Aussichten, was seine berufliche Laufbahn anbelangte, alles weit besser verlaufen, als er es sich ausgemalt hatte. Die ominöse Sache mit dem Einsatzbefehl hatte sich wie von selbst gelöst.
Heimschlauer hatte den Mord am Vize befürchtet, sich aber bis zum Schluss geweigert, die Gefahr als real zu akzeptieren. Das würde sein seltsames Verhalten in Dalmos Abteilung erklären. Dennoch gab er sich nicht dem Trugschluss hin, der Chief wäre damit aus dem Schneider. Möglicherweise steckte er weit mehr in die Affäre, als er seinem Inspektor Glauben machen wollte. Alles, was Dalmo bis jetzt hatte, waren ein toter Vizesenator, Heimschlauers Behauptungen und keine Beweise.
Chief Jack D. Heimschlauer starrte dem Inspektor hinterher. Er schien jemanden zu suchen. Scheinbar ratlos und mit den für den Mann typisch hängenden Schultern und den Händen in den ausgebeulten Hosentaschen, stand er im Foyer und starrte durch die verschiedenen Abteilungen der Leitzentrale.
Als gehört er gar nicht hierher, dachte Heimschlauer. Mit seinen blonden Haaren, der blassen Haut, entsprach Panzer nicht gerade der Norm. Jetzt schien er gefunden zu haben, was er suchte, denn ohne ersichtlichen Ansatz stiefelte er los. Dem Weg nach zu urteilen, den er einschlug, schätzte Heimschlauer, dass Panzers Ziel die Abteilung Überwachung war. Vielleicht will er die Bilder der Watch-Drohnen auswerten, mutmaßte Heimschlauer. Dabei hätte er das längst erledigen können, aber genau diese Trägheit erwartete Heimschlauer von Panzer.
Unwillkürlich schüttelte er den Kopf, als er daran dachte, diesem Mann eine Bluecard ausgehändigt zu haben. Ausgerechnet! Er war sich nicht einmal sicher, ob sich der Inspektor der Schwere des Falls überhaupt bewusst war. Wahrscheinlich hat er von dem, was ich gesagt habe, kein Wort verstanden, dachte er. Ein Bereichscode für den Senatorenbezirk hätte seiner Meinung nach vollkommen ausgereicht und selbst den hätte Heimschlauer zeitlich begrenzt. Wenn er Panzer so in die Augen sah, gewann er manchmal den Eindruck, als hinke der Inspektor gedanklich einige Minuten in der Zeit hinterher. War sich Senator Finkhead im Klaren darüber, wie leichtsinnig das war? Oder kannte er Panzer persönlich? Bestimmt nicht dessen kriminalistische Fähigkeiten, dachte Heimschlauer. Er selbst hielt nicht viel davon und ihm fiel spontan niemand ein, der in diesem Punkt eine andere Meinung vertrat. Im Drogendezernat war Panzer bis vor drei Jahren Detective gewesen. Soweit Heimschlauer die Situation beurteilte, begrüßten seine Kollegen Panzers Entschluss, sich für den Posten im Morddezernat zu bewerben. Heimschlauer hatte damals den Eindruck gewonnen, dass sie es gar nicht erwarten konnten, Panzer loszuwerden. Wäre das Morddezernat keine so unbedeutende Abteilung, hätte er längst etwas unternommen. Mit dem Mord am Vize allerdings hatte sich dieser Stellenwert verschoben, zumindest bis zur Aufklärung des Falles.
Vielleicht tue ich ihm auch unrecht, dachte der Chief weiter, während er beobachtete, wie Panzer einen jungen Mann ansprach, der vor einem Computerterminal saß. Immerhin ist ihm das mit dem Einsatzbefehl aufgefallen und seine Fälle hat er bis jetzt immer aufgeklärt.
Wenn er nur sagen könnte, wie er bei Panzer dran war. Wieder kam ihm die Bluecard in den Sinn. Was hatte Finkhead dazu bewogen, Panzer mit so einer Vollmacht auszustatten? Was wusste der Senator über die Hintergründe von Herbschmitts Tod? Es war Finkheads Anruf gewesen, der Heimschlauer veranlasst hatte, den Fall von Anfang an so zu behandeln, als hätte der Inspektor oder einer der Mediziner, einen Mord gemeldet. Allerdings hatte er sich, bevor er zur Tat schritt, mit einem Anruf beim Polizeipräsidenten abgesichert. Das hatte er Panzer nicht gesagt. Warum auch?
Bist du in einer höheren Position und willst eine Sache vertuschen, dachte er weiter, übertrage den Fall einem unfähigen Ermittler und statte ihn mit allen Befugnissen aus, die dir einfallen. Ist es das?
Durch die Glaswände verfolgte er die Unterhaltung zwischen dem Inspektor und dem jungen Mann. Panzer betrachtete den Monitor. Der junge Mann erklärte etwas. Panzer nickte, erwiderte etwas, woraufhin sich der junge Mann erhob und dem Inspektor folgte. Dann erkannte Heimschlauer in dem jungen Mann Panzers Techniker. Mal sehen, dachte er, wie der mit Panzer klarkommt. Die beiden Männer erreichten das Foyer und verschwanden kurz darauf hinter der Sicherheitsschleuse. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es der Inspektor versaute. Und dabei saßen sie in diesen Wochen auf dem sprichwörtlichen Pulverfass. Er hatte Panzer gegenüber nicht übertrieben, denn es sah danach aus, als stünden die Titan-Werke kurz vor dem Aus. Sie zählten zu den letzten Werken der Metall verarbeitenden Industrie, die keinem Konzern angehörten, sondern sich im Besitz der Stadt befanden. Selbst wenn die Umstrukturierung reibungslos ablief, drohte der Stadt ein Heer von Arbeitern ohne Beschäftigung. Das zwang die Bürgermeister zu enormen Einsparungen, womöglich stünden dann Personalstellen wie die eines Chiefs zur Disposition. Dazu Unruhen im Grenzbezirk der Badlands und der Mord an einem Vize. Was zum Teufel geht nur vor in der Stadt?, fragte er sich ein weiteres Mal. Das Schlimme daran war, dass ihm der Polizeipräsident irgendwann genau dieselbe Frage stellen würde und es dann besser wäre, wenn er eine Antwort parat hatte.
»Nicht zu fassen«, stieß Dalmo hervor, nachdem sich die Schleuse des Morddezernats hinter ihm und Weiland geschlossen hatte. »Sind Sie sicher?«
»Absolut«, bekräftigte der Techniker. »An den Aufzeichnungen der Watch-Drohnen hat sich jemand zu schaffen gemacht.«
»Mist«, fluchte Dalmo. »Lässt sich das belegen?«, fragte er.
»Schon«, räumte Weiland ein. »Aber was nützt das, wenn wir nicht wissen, von wem?«
