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Christian Sprengel hatte sich das Himmelfahrtswochenende ganz anders vorgestellt. Statt mit Beate an schottischen Grüns verbringt er zwei Tage "auf Lichtenstein". Der ärztliche Direktor der Lichtensteiner Mühle hatte kurzfristig auf Christians Kontaktaufnahme einige Wochen zuvor geantwortet. Sein nächstes Buchprojekt zu dem lästigen Begriff "Burnout" treffe sich ideal mit dem in punkto Forschung und Diagnostik expansivsten Bereich des Hauses. Christian erlebt in diesen zwei Tagen eine Tour de Force durch die Hinter- und Abgründe, aber auch die stolzen Kapitel einer Familie. Er wird im Sog der Storyline dieser Familie ein Pandämonium, aber auch lichte Höhen europäischer und nordamerikanischer Geschichte nacherleben. Sprengel ist ein typischer Journalist: beredet, hin und wieder zu kleinen Exkursen neigend, die freilich hintenheraus betrachtet meist einige Relevanz gewinnen. Als Berichterstatter dieser prallgefüllten beiden Tage taugt er allemal: er wickelt jeden um den Finger und zieht den Leser in alles hinein.
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2021
Landpartie
Check in
Lichtenstein
Gästehaus
Pandämonium
Smarter Job
Lübeck, im Kleinen
Lübeck, im Großen
SchokoOttoRoloff
Randolph & Roloff
Delarue
Atlanta/ Baltimore
Osterbotschaft
in medias res
Otto Zwei
Herr Weiss
Mühlenteich
C. v. H.
Ins Freie
Southern California
Verqueres
Investments
Lichtenstein Foundation
Otto Vier
Swantje
Chef
Bis zum Dienstagabend der Himmelfahrtswoche war alles rund gelaufen. Beate hatte am Sonntag dann doch - nach dem üblichen kleinkarierten Palaver mit den Linsenstaplern aus der Personalabteilung - mit ihren beiden sehr aufgeweckten Praktikantinnen die Maschine nach London nehmen können. Sie hatte nicht nur Lust auf ein paar Tage London, sondern auch das Bedürfnis, ihnen nach vier intensiven Monaten etwas Gutes tun zu wollen.
Es war ihr sogar gelungen, ihren alten BBC-Kollegen Greg Norman zu überreden, den beiden Chicks die heiligen Hallen beispielhaften und leidenschaftlichen Journalismus´ zu zeigen. Für Emma und Julia, beide Anfang Zwanzig und weit über den sonst üblichen jammerlappigen, geistlosen und lethargischen Durchschnitt ihrer Altersgenossen hinaus fit, informiert und motiviert, würde ein solcher Lokaltermin ganz sicher einen zusätzlichen Impuls für ihre ersten eigenen journalistischen Gehversuche bedeuten. Beide hatten dieses alberne „Journalistik-Studium“ clevererweise schon nach anderthalb Semestern geschmissen und sich schnurstracks für den Einstieg ins wahre Journalistenleben entschieden und in Lokstedt beworben. Beate hatte es imponiert, dass die beiden, die ohne weiteres ihre Töchter hätten sein können, schon nach so kurzer Zeit kapiert hatten, dass man in jenen verkeimten und so üppig wie idiotisch ausgestatteten Gelassen - ohne jede Aufsicht, was mit den erheblichen Steuermitteln geschieht - nicht vorankommt. In diesen Reservaten vulgärmarxistischer Kopfgeburten der 70er Jahre kann man alles mitkriegen und sich einfangen: nur keinen Journalismus, weder Print, noch Broadcast, geschweige denn Netz.
Nach dem langen BBC-Nachmittag, der, wie Beate ihren walisischen Kollegen von früher kannte, mit einem genauso üppigen wie auch fröhlichen Dinner in irgendeinem neuen und frisch angesagten indisch-bengalischen Deli irgendwo in Notting Hill oder den Docklands fortgesetzt und ganz sicher mit einem zünftigen Besäufnis in der Nähe ihres Hotels an der Battersea Bridge enden müsste, würde sie an diesem komischen Feiertag die beiden zunächst in das erste Flugzeug nach Hamburg setzen.
Sie selbst nähme kurz darauf eine kleine schottische Fluggesellschaft in Anspruch, die sie nach Dundee brächte. Am frühen Nachmittag wäre ich dann von Hamburg kommend in Edinburgh eingetroffen, wo Beate mit einem Mietwagen auf mich gewartet hätte.
Am späten Nachmittag wäre dann in der Nähe von St. Andrews der gemütliche Teil unseres langen Mai-Wochenendes losgegangen. St. Andrews - für die fünf, sechs Erdenbürger, die es vielleicht noch nicht wissen sollten, sei es erwähnt - ist für Golfer ungefähr das, was für Tennisspieler Wimbledon oder Roland Garros und Skifexe Kitzbühl oder Wengen ist. Mehr geht nicht! Und mit Tim Walker jemanden zu kennen, der mit seinem Namen dafür bürgt, dass man Platzreife habe und auch sonst convenient sei, ist für jeden einigermaßen engagierten Hobbygolfer sheer heaven. Nicht zuletzt deswegen hatte ich unsere beiden Eisenausrüstungen durchsehen und an der einen oder anderen Stelle auffrischen und ergänzen lassen und war froh, sie endlich am Montag gegen einen gerade noch akzeptablen Betrag wieder abholen zu können.
Doch, was soll ich sagen: Wären sie schon am Freitag abholbereit gewesen und ich, was ursprünglich so geplant gewesen war, am Sonntag zusammen mit den Damen nach London mitgeflogen, könnte ich Ihnen, liebe Community, das nun Folgende nicht jetzt schon und auch nicht in dieser Form und Ausführlichkeit erzählen. Eine späte Mail am Dienstag war es, die mir/ uns dieses Golf-Highlight oberhalb des Firth of Tay dann endgültig versaute. Wie mir aber Tim nach unserer Absage versicherte: nur vorläufig. Und, ja: auf der anderen Seite war ich innerhalb der nächsten Minuten wieder versöhnt und sogar auch ein klein wenig geschmeichelt, denn kein Geringerer als Falk Schwarz hatte fest zugesagt, große Teile des Feiertags und wohl auch des nachfolgenden toten, in der Regel völlig ereignislosen „Brückentags“ für mich und intensive Interviews freizuschaufeln. Wie er bekräftigte, ganz ausdrücklich nicht nur für oberflächliche Statements zwischen Tür und Angel.
Schon der Titel meines sich noch in Arbeit befindenden Buches, dazu noch die von mir in aller Kürze erstellte Zusammenfassung seines Roten Fadens und die, wie er freimütig schrieb, ihm schon seit geraumer Zeit bekannten und besonders zuletzt für ihn als Spezialisten immer interessanter werdenden langen Linien meiner Arbeit als Fachjournalist und Publizist hatten ihn offensichtlich neugierig gemacht. Jedenfalls neugierig genug, um ein paar Stunden seiner Lichtensteiner Zeit zu investieren. Und falls seine Wenigkeit (!) dazu beitragen könne, das Projekt zu beschleunigen, vielleicht auch wissenschaftlich zu ergänzen und „abzurunden“, wäre er sehr gerne zu Diensten(!).
Als ich Beate vom Stand der Dinge berichtete, reagierte sie wie erwartet und genau in der Weise, wofür ich sie seit bald zwanzig Jahren liebe. Einerseits - wie denn auch nicht? - für einen Moment enttäuscht über das zuvor so akribisch geplante und uns nun zunächst versagt bleibende Wochenende an den legendären Grüns über der schottischen Nordsee.
Andererseits professionell, man könnte sagen vollkommen investigativ und journalistisch, weil sie genau wusste, dass nun das vielleicht noch fehlende Puzzlestück zum Greifen nah war. Und schließlich ihr großartiger Pragmatismus, der dabei aber so gar nichts von einem wurstigen „Auch egal“ aus der „Leckmich-Straße“ hat.
Da das Wetter ohnehin in den kommenden Tagen ausgerechnet vor allem im Süden Schottlands rough angesagt sei und ihre eigenen Eisen jetzt nun einmal sowieso in Hamburg bleiben würden, wolle sie London bis Samstagmittag verlängern und genießen. Sich endlich einmal die Tate Modern in Ruhe intensiv und „privat“ erschließen, endlich einmal wieder durch Galerien und neue oder zumindest seit Jahren nicht mehr aufgesuchte queer&scenic shops ohne Zeitdruck strollen und vielleicht könnte sie sogar etwas insider-gossip über das frisch angekommene Royal Baby Girl CED (CharlotteElizabethDiana) aufschnappen, mit dem sie nach ihrer Rückkehr die Redaktion für Vermischtes in den Senkel stellen könnte.
Damit Sie ungefähr wissen, mit wem Sie es überhaupt zu tun bekommen, ein paar biographische und auch sonstige Splitter zur Person: Mein Name ist Christian Sprengel. Nicht, wie viele immer wieder vermuten, aus Hannover stammend und auch ohne Beziehung zu, nun ja: Erfrischungsstäbchen. Knapp über Fünfzig, vor zwanzig Jahren kinderlos und somit vollkommen glücklich und entspannt geschieden, leidlich aussehend, einsneunzig, überwiegend noch blond, sportlich, wenn auch mit saisonal, vor allem winters, auftretendem Bauchansatz. Seit bald zwanzig Jahren sehr glücklich und kinderlos liiert mit einer formidablen FrauFrau. Beate Binder, geboren im 7. Wiener Gemeindebezirk, am - kein Scherz - 7.7.77. Nun ja, die vorletzte Sieben sei halt a bisserl verrutscht, doch, solange man ihr die eine Sieben zuviel abkaufe, so Beate, müssten die Sechs und die zehn Jahre noch in der Remise bleiben. Stellvertretende Ressortleiterin Kultur - qua Studium und zu ihrem Glück noch immer im Alltag unterwegs in den Schwerpunkten Bildende und Zeitgenössische Kunst. Und was mich angeht: weitgehend journalistisch- publizistisch tätig, wenn auch im öffentlichrechtlichen Sinne völlig anstaltsfrei und auf ganz anderen Spielfeldern. Ursprünglich Historiker und Anglist. Mittlerweile, etwa seit der Jahrhundertwende, in den weitläufigen, zum großen Teil unerforschten und fast noch überhaupt nicht in praktisches Handeln umgesetzten multiplen Faltungen der Medizin-Soziologie: neudeutsch public health unterwegs.
Jenseits unserer so unterschiedlichen journalistischen Betätigungsfelder teile ich mit Beate neben vielen anderen Dingen die Leidenschaft für frische Luft.
Am liebsten dort, wo in regelmäßig unregelmäßigen Abständen achtzehn Fähnchen in zumeist angenehmer Umgebung in gepflegtes Grün gesteckt sind. Anders als der entgegen landläufiger Meinung gar nicht immer so kluge Volksmund frech behauptet, leben wir an dieser Stelle so gut es geht die Gegenthese: Sex und Golfen schließen sich weder aus, noch lösen sich beide Tätigkeiten im günstigsten Fall einander in der Lebensbahn ab. Diffuser Neid, wenn nicht gar Gehässigkeit mögen bei manchen Mitbürgern die Triebfeder für solch plumpe Einschätzungen sein. NEID, neben Zäunchenstreichen, Rasenmähen, angstgesteuerten Ressentiments und Autovergötzung ohnehin die stärksten Lebensäußerungen vieler Zeitgenossen in unserem miesgelaunten schwerreichen Bullerbü-Land.
Dieser blöde Golf-Spruch trifft also nach unseren Erfahrungen keineswegs zu, weder in unserem Umfeld hierzulande noch anderwärts, im Gegenteil. Oder wie Beate es auf ihre etwas kecke Wiener Art recht pointiert formulieren würde: „Putten und pudern - des geht sich scho sehr wohl aus, verstehst.“ Wie sie aussieht? Nun, wenn Sie mögen, klicken Sie Tippi Hedren auf Ihre innere Festplatte. Natürlich die Tippi Hedren von 1963, bevor sie in ihrem schicken San Francisco-Outfit in dem Motorboot vor Bodega Bay von einer Krähe heimgesucht wurde. Allerdings nicht ganz so schüchtern und gläsern - man könnte vielleicht auch sagen - vermeintlich züchtig und wohlerzogen, wie sie sich Hitchcock, dieser alte notorische blondenizer und Schwerenöter, in seinen feuchten Träumen gebacken haben mag.
Zurück zur realen Bea: Was zuweilen umwerfende Schlagfertigkeit und Weltstadt- Mundwerk angeht, wohl eher eine Mischung aus Maria-Charlotte Furtwängler-Lindholm und Monika Gruber auf Wienerisch, wobei man sich mit Verlaub und bei allem Respekt für ihre sonstigen Eigenschaften Letztgenannte allerdings eher nicht auf der Fläche zwischen den achtzehn Löchern vorstellen möchte. Schließlich ist einer der großen Vorzüge des Golfens die unschätzbare kulturelle Errungenschaft, von Zeit zu Zeit schweigen zu dürfen, ohne sich dem Vorwurf der Unhöflichkeit, schlimmer noch: Uninspiriertheit oder gar Sturheit ausgesetzt sehen zu müssen.
Nun ja, mit dem einen wie dem anderen war es nun also bis Samstagabend erst einmal Essig. Beate also länger und intensiver als gedacht unterwegs in dieser faszinierendflirrenden Weltstadt 2.0. Und ich setzte mich ins Auto und strebte hinaus aus dem Tor zur Welt nordostwärts hinaus ins weite, offene Gelände, knapp hundert Kilometer Richtung Holsteinische Seenplatte.
Lichtensteiner Mühle. Bisher mir und den Leuten aus unserem Umfeld allenfalls als flapsige Redewendung bekannt. So etwa nach dem Motto: „Jetzt benimm dich endlich und hör auf, diesen Bullshit zu erzählen. Oder willst du etwa am Ende vielleicht noch in Lichtenstein enden?“
Phonetisch klingt das Ganze ja zunächst ziemlich positiv, man hört das „e“ gerne mit und denkt als Außenstehender: Was hat er denn nur? Schöne Berge und Geld, viel Geld, viel schwarzes Geld, dazu eine der höchsten Briefkastendichten des Planeten, eine saftige Steueroase - wo ist das Problem? Doch es gibt nun einmal kein „e“ im Licht, und zugespitzt könnte man sagen, dass vor allem Leute dorthin gelangen, damit ihnen idealerweise wieder ein solches aufgehen möge.
Von Dauerresidenten ist allerdings dann und wann auch schon einmal die Rede. Die Einrichtung finanziert sich wie man hört vor allem aus wohlhabendem, in bestimmten Zyklen immer wieder auftauchendem, letztlich aber „unheilbarem Patientengut“. Wenn man mit einer solchen Thematik über die Jahre im Land etwas herumkommt, so entsteht in punkto dieses verschwiegenen Sektors unserer Lebenswirklichkeit eine ganz eigene, sehr spezielle Landkarte: Namen von Orten oder Einrichtungen, die zum Teil seit Generationen der vermeintlich normalen Bevölkerung als Flüster- und Drohkulisse dienen. Bethel, Hadamar, Bedburg- Hau, früher „Bonnys Ranch“, Berlinwest oder auch heute noch Grafenberg, um nur einige zu rekapitulieren. Wobei zum Beispiel bei Letzterem der nicht Eingeweihte und mit Düsseldorfer Innereien nicht ganz so Vertraute viel eher an Pferde, waghalsige Wetten und an ein für deutsche Verhältnisse ziemlich gut, geradezu exzentrisch gekleidetes Publikum und rassige Galopprennen denken mag.
Als ich am späten Vormittag dann auf den Adressaten meiner Kontaktaufnahme zuging, musste ich erneut feststellen, dass bloße „Netz“ -Abbildungen eines Kopfes wenig über des „Rest“ aussagen. Dr. Dr. Falk Schwarz, den ich aus einer Laune heraus Anfang März angeschrieben hatte und Ärztlicher Direktor dieser Dreihundertplätze- Einrichtung ist, davon nur knapp ein Drittel stationäre Patienten, verkörpert bis auf ein einziges Detail perfekt seinen Namen. So mein Eindruck, als ich nach knapp anderthalb Stunden Autofahrt auf ihn zutrat: Seine features: extrem hager - früher sagte man wohl in solchen Fällen drahtig dazu -, ebenfalls ziemlich großgewachsen, Raubvogelnase, dezente Seglerbräune, sehr fester Händedruck, knappe Gesten, kurze Sätze, zumindest zu Anfang, passten ideal zu seinem Namen aus zwei Stakkato-Silben mit doppelt dunklem Vokal. Etwa in meinem Alter, wobei man das bei diesen leptosomen, sehnig- zähen Marathonmännern schwer sagen kann, also eher irgendetwas zwischen Mitte Vierzig und Mitte, Ende Fünfzig.
Das einzige Detail, was seinem Nachnahmen geradezu Hohn sprach, waren dann seine Haarfarbe und sein Teint. Der mir nur allzu vertraute leicht näselnde und bedächtige Tonfall verriet ihn mir sofort als Kind der Region, im weitesten Sinne als Landsmann und insofern war seine Erscheinung in punkto Teint plausibel: semmelblond, sommersprossig, wobei wir Blonden in beinahe allen Schattierungen den, zumindest für Eitle, großen Vorteil haben, auch im fortgeschrittenen Alter noch geraume Zeit die Frage „Blond oder doch etwa schon Grau?“, zumal im Sommer, schmunzelnd unbeantwortet lassen zu können.
Nachdem er mich ins Haus geleitet hatte, wunderte es mich dann auch überhaupt nicht, dass er sofort und ohne die üblichen Smalltalk-Umwege auf zwei praktische Fragen zu sprechen kam: „Herr Sprengel, freut mich, dass es mit uns sozusagen dann schon im ersten Anritt geklappt hat. Darf ich fragen, ob sie hin und her fahren wollen oder ein Hotel in der Nachbarschaft klargemacht haben?“
Ich errötete ein wenig und fragte: „Sie haben wirklich auch morgen noch Zeit für mich?“
Schwarz lächelte und schüttelte den Kopf: „Mails sind sozusagen der lästige Kohlenstaub 2.0, doch wenn ich eine verfasse, schreibe ich innerlich wie auch in punkto Syntax und Zeichensetzung einen Brief, ganz so wie früher. Ja, es stimmt: ich freue mich auf ein langes, intensives und auch wirklich gegenseitiges Gespräch über zwei Tage. Ein Interview sollte es eben deshalb gerade nicht sein. Das hieße doch wieder nur: Sie befragen mich in einem albernen, hektischen Schnappatmungsduktus à la 1:30-Statement. Augenhöhe könnte ich dabei nicht erkennen. Der mich elektrisierende Arbeitstitel Ihres wohl im Entstehen begriffenen Buches „Was brennt hier wirklich?- Die große Burnout-Verdummung“ rennt bei mir - und, glauben Sie mir, nicht nur bei mir - sperrangelweit offene Türen ein.
Also, was ist nun? Vorab vielleicht noch ein Hinweis: Ich verspreche Ihnen, Sie werden keinen Schaden nehmen, hier in unserer Mühle zu übernachten. Hätte natürlich auch den Vorteil, noch ein wenig mehr Zeit für unsere reichhaltigen und wie ich hoffe spannenden Themenfelder herauszuholen. Zum anderen - vor allem! - wird hier im Hause in der Regel ordentlich mainstream und sogar vorzüglich regional gekocht und mein Weinkeller hat wohl sogar dem verwöhnten Weinkenner ( „Wer hat denn hier schon wieder etwas getratscht?“) noch die eine oder andere interessante Flasche zu bieten. Also, was ist?“
Ich hob meine beiden Hände, die Handflächen nach außen, sodann aber in nur leicht ironisierender buddhistischer Devotion in seine Richtung: „Gebe mich an dieser Stelle, vor allem natürlich dem letztgenannten Punkt, immer wieder bereitwillig und schnell geschlagen, sehr gerne und vielen Dank, ich freue mich.“
Hannah, wahrscheinlich ein weiteres blondes Exemplar der Region und dieses Mal eher das Modell Wuchtbrumme, zwischen Dreißig und Vierzig erneut schwer definierbaren Alters, begleitete mich kurz darauf zu „meinem Trakt“ im Gästehaus. Vermutlich war ich der erste Logiergast, der ohne das kleinste Fitzelchen Gepäck angereist war. Dementsprechend perplex, so empfand ich es zumindest, schaute sie mich auch an.
„Sorry“, versuchte ich der ganzen Sache einen Hauch Plausibilität zu geben, „aber ich hätte bis vor drei Minuten noch nicht gedacht, dass ich derart überzeugend zur Nächtigung eingeladen werden würde, und zudem, dass ich dieses unmöglich würde ausschlagen können.“
Hannah runzelte leicht die Stirn, wahrscheinlich über zu viele Konjunktive. Aber offenbar konnte sie so schnell nichts aus der Ruhe bringen: „Kein Problem, Herr Sprengel, erleben wir hier regelmäßig, zumal dann, wenn die Ärzteschaft spondan der Überzeugung ist, dass einem unserer Batienten ein längerer Aufenthalt seines Besuches gut tun könnte. Wir haben für solche Fälle nicht nur Räumlichkeiten, sondern seit ein paar Jahren eine Art von „Spontan- Kulturbeutel“ parat. Und“, sie setzte auf einmal ein ziemlich freches Zahnpastawerbungslächeln auf, „wenn wir schon grad amal bei wichtigen Dedails sind: Hart, weich oder hätten´s gern die mittlere Stärken?“
Ich spürte wie ich knallrot wurde. Zwei Dinge schossen mir durch den Kopf. Zum einen lag ich bei meiner Einschätzung in punkto Hannahs geographischer Abstammung, Beate hätte es wienerisch so formuliert: fulminant daneben. Detail mit zwei „d“, „spondan“ ist entweder Fränkisch oder, wenn es wie in der soeben gehörten Variante, leicht nasaliert nachklingt, sozusagen aushaucht: klarer Befund Süd- / Südost. Aber vor allem: war ich hier verdammt noch mal an einen Drehort von diesem beknackten Machwerk Fifty Shades of Grey geraten? Vor wenigen Augenblicken hatte ich noch gedacht, dass das dekadent-träge Brauereinachkommengezücht nach dem Tod der tattrigen Gräfin den ganzen Komplex an eine Klinikgesellschaft verscherbelt hätte. Nachdem Hannahs Frage für gefühlte fünf Minuten im Raum gestanden hatte, antwortete ich so originell wie möglich: „Was? Wie meinen? Wie jetzt?“
Hannah: „Pardon, geht Ihnen meine Frage vielleicht a bisserl zu weit? Bis gerade eben hatte ich freilich noch vermutet, dass man sich auch in Hamburg die Zähne putzt?“
Noch immer bombig errötet, haspelte ich: „Oh ja, natürlich, mittel, ja mittel, wenn`s keine Umstände macht...“ Lag es an Hannahs Kleidung - wie Klinikpersonal überall auf der Welt ganz in Weiß -, dass ich mich für einen kurzen Moment wie ein hiesiger Patient gefühlt hatte? Doch nur wenige Augenblicke später war diese unschöne Anwandlung in meinem Unterbewusstsein gelöscht.
Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, war ich erneut perplex. Mein Zimmer war, wenn man Hotelvergleiche anstellen möchte, eher eine großzügige Suite und zitierte dabei beinahe alle angenehmen Komponenten norddeutscher Gemütlichkeit, ja sogar Gediegenheit. Mit floralen und maritimen Motiven bemalte Bauernschränke, dabei mit einer völlig anderen Aura als zum Beispiel ihre bayrischen Pendants. Diese machen sehr oft durch ihre lastenden, lichtschluckenden und zuweilen ein wenig vernachlässigt und geradezu ungepflegt wirkenden Brauntöne die schönsten Motive zunichte, während die niederdeutschniederländischen Varianten mit allen Abstufungen von Weiß bis Achatgrau Fröhlichkeit und bei besonders schönen Exemplaren sogar eine Art Weltoffenheit ausstrahlen. Vor allem dann, wenn die Grundfarben noch dazu unregelmäßig und verwaschen aufgetragen sind, entsteht der Eindruck von „shabby chic“. Dieser Design- und Einrichtungstrend ist seit Jahren nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er Gewachsenheit, ja, vor allem bei höherwertigen Stücken eine würdige Anciennität atmet und mitnichten neureich, frisch gekauft oder einfach nur steril wirkt. Ein Federbett, wenn auch im Mai etwas deplaciert wirkend, im kleinen blau-weißen Karo mit rot-weiß karierten Kissenbezügen und auf diese Weise die schleswig- holsteinischen Landesfarben abbildend, ergänzten das Bild.
Die IT-Versorgung allerdings und vor allem die Gestaltung und Ausstattung des Badezimmers, ungefähr vier Meter im Quadrat und damit alleine schon fast die Gesamtfläche eines Standardhotelzimmers bietend, ließen andere Assoziationen aufkommen. Offene Dusche mit vernünftigem, wirkungsvollem Gefälle zur Raummitte und dazu eine pfiffige Eckbadewanne für mindestens drei Personen, verkörperten internationalen Luxus, Stand 2.0. So etwas nimmt man immer wieder gerne in Anspruch - sei es in NYC, Hamburg, London, doch noch viel erfreuter, weil dort ganz unerwartet, in der ostholsteinischen Walachei. Fliesen in hellgrau, andere Einbauten in Anthrazit, gegenüber der Badewanne zwei ovale Waschbecken auf in achatgrau/ türkis gefliesten Podesten.
Über den Waschbecken keine verkeimten und zur Hälfte erblindeten DIN-A-4 großen Nachkriegsspiegel, sondern ein Trumm, welcher zwar nur gut vierzig Zentimeter hoch, dafür aber mit fast drei Meter Breite den gesamten Wasch-, Rasier- und Schminkbereich einnahm. Apropos Schminken: Man nimmt wohl an, dass auch gemischte Doppel nächtigen, denn sonst hätte ein Riesenspiegel, der die komplette Eckbadewanne von der Seite ins Visier nahm, kaum Sinn gehabt...
Angesichts der Ausmaße des Herrenhaus-Komplexes schien es mir wahrscheinlich, dass mindestens ein oder zwei Dutzend Zimmer für Besucher von Patienten existieren, wohl nach Geldbeutel und Status der Besucher mit graduellen Unterschieden, doch diese Ausstattung gab es sicher nur in ganz wenigen Varianten, wenn überhaupt. Da der Prospekt zur Geschichte des Hauses und auch die bekannten Standard-Sicherheitshinweise nur zusätzlich noch in Englisch abgefasst waren - ohne dieses noch immer nicht überall entfernte alberne „Quoten“- Schulfranzösisch voller peinlicher Fehler - war mir klar, dass hier bei Bedarf auch Fachkollegen der hiesigen Ärzteschaft untergebracht werden. Bei den betriebenen Disziplinen, abgesehen von Gästen aus dem deutschen Sprachraum, niederländischen und skandinavischen Gästen, machten den Rest der Besucher wohl wie üblich zu 90% Kollegen aus UK-USA-CAN aus.
So gesehen hatte ich also innerhalb von zwanzig Minuten zu dieser frühen Mittagsstunde des Feiertags erneut allen Grund, mich extrem geschmeichelt zu fühlen. Und so machte ich mich nach einer kurzen Erfrischung - unter anderem mit einer Zahnbürste mittlerer Stärke - auf den ungefähr zweihundert Meter langen Weg zum Alphahaus. Alle vier Gebäude, die ich auf meinem kurzen Weg ausmachen konnte, waren in zartem Lindgrün gehalten, sodass momentan hier im Norden zu dieser Zeit noch sehr frischen Mai-Grüns die üppige Vegetation mit den Gebäuden eine perfekte Symbiose einging. Einen weiteren sehr freundlichen und harmonischen Akzent vermittelten die Fensterrahmen, Türen und sonstige nicht aus Stein bestehenden Ein- und Anbauten: alles in gediegenem hellen „shabby chic“ - Grau gehalten. Im Alphahaus wurde ich schon erwartet. Eine Mittdreißigerin, leicht norditalienischer Typ, brünett, Haare hochgesteckt nahm mich in einem aprilkotfarbenen Kostüm in Empfang.
Als sie mit ihren extravaganten Highheels, ebenfalls aprilkotfarben, vor mir herstöckelte, rotierten diverse Fragen durch meinen Kopf: „Paula Fröhlich? Empfangsdame, ärztliche Kollegin, Sekretärin, Mitglied der Geschäftsführung, Schwarzens Muse ...?“ An einer hohen, hellgrauen Tür angekommen, hinter der sich meine „Zielperson“ offenbar befand, drückte sie mit der rechten Hand die Klinke herunter, zeitgleich donnerte die linke aufs Furnier.
Als sie energisch die schwere Tür aufgestoßen hatte, blieb sie stehen, winkte mich mit einem kurzen Augenzwinkern an sich vorbei und sagte zu Schwarz, der aus seinem Freischwinger hinter seinem Schreibtisch längst schon hochgefedert war: „Falk, ich bringe dir nun Herrn Sprengel. Bekannt gemacht habt Ihr euch ja wohl schon kurz.“
„Danke, Cherie.“ Und mit der ARD-Wettermann-Pose, dem mittlerweile kultigen „Plöger´schen Urbi et Orbi“, uns drei gleichsam einhegend fuhr er fort: „Da wir nun gerade zufällig so zusammen stehen, sollten wir den weiteren Fahrplan kurz besprechen.“ Vor allem an mich gewandt und mit einer übergriffig wirkenden Geste demonstrativer Zusammengehörigkeit in Richtung Cherie - er umfasste ihre Taille - sagte er: „Ich schlage also folgendes vor. Wir“, noch immer mit Blick auf mich, „bequatschen in den nächsten zwei Stunden bei Kaffee und ein paar Leckereien alles Wesentliche zum Haus und seiner Arbeit. Für fünf Uhr habe ich Hannah gebeten, ein kleines Tee-Sandwich zu machen und dann solltest du, meine Liebe“ - er küsste ihr tatsächlich die Hand! - „zu uns mit deinem speziellen Thema zu stoßen. Ich denke, dass wir gegen halb acht, spätestens acht Uhr durch sind, sodass dann der gemütliche Teil des Abends beginnen kann: Lecker Essen, lecker Wein und so weiter.“
Paula hatte sich mittlerweile von Schwarz losgemacht und ergänzte, vor allem in meine Richtung: „Sofern bis acht Uhr - und ich finde, dann sollten wir wirklich mit den Lichtenstein-Themen für heute durch sein - noch Fragen oder Kontroversen bestehen, so haben wir ja noch morgen bis mindestens vierzehn Uhr ein hübsches Zeitfenster.“ Schwarz nickte und fügte an: „Und noch etwas. Ich darf das als zumindest Zweitältester und sozusagen Hausherr vorschlagen: Wie wäre es, wir ließen ab sofort Fröhlich, Schwarz und Sprengel fort und einigten uns auf Paula, Falk und Christian?“
Paula fühlte sich als Jüngste und Frau wohl zunächst angesprochen: „Gute Idee, auf das „Du“ können wir ja später noch ausgiebig anstoßen. Einstweilen lasse ich euch jetzt erst einmal allein. Bis später“, sie drückte Falk im Weggehen einen flüchtigen Kuss auf die Wange, mich zwinkerte es erneut an - ein klein wenig länger und verbindlicher oder war hier nur der Wunsch Vater des Gedankens?, „See you later, und bitte: nicht so viel Schokolade, Ihr beiden! Ihr wisst: das Zeug macht träge und in ungünstig verlaufenden Fällen sogar verhaltensauffällig.“
Als Paula die Tür geschlossen hatte, fragte ich: „Kollegin?“ Falk lachte laut auf: „Guter Witz! Doch warte mal: wenn man es aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachtet, doch auch, irgendwie, mittlerweile.“ Ich schmunzelte: „Herr Doktor, du sprichst in Rätseln.“
Er: „Ich weiß, später wird sich deine Frage von selbst beantwortet haben. Fürs Erste sei gesagt: Paula ist von Haus aus Designerin und seit zwei Jahren die Frau - die Traumfrau - an meiner Seite.“
„Irgendwie“ hatte ich zu diesem Punkt jetzt erst einmal genug gehört, wer weiß, vielleicht gab es ja später weitere Gelegenheiten, „paulistische“ Fragestellungen über das wohl ohnehin Geplante hinaus zu vertiefen. Um das Thema zu wechseln, machte auch ich eine Art „Urbi&Orbi“ - Bewegung und fragte: „Sag mal, das sieht ja hier alles nach der realen Kulisse dieser ZDF-Achtzigerjahre-Herzkino-Trash-Serie aus. Als ich auf das Gelände gefahren kam, hatte ich auch noch den Namen auf dem Schirm, meine Eltern guckten das Zeugs fanatisch, bis zum Abwinken, inklusive der Wiederholungen. Irgend so ein adeliges Gelichter, dabei aber doch nur und damit höchst unstandesgemäß Bier brauend.“
Falk gluckste: „Du meinst diese sogenannte Guldenburg- Sippe. Ja, stimmt, von der Gesamtanlage her sahen noch bis weit ins 20. Jahrhundert fast alle traditionellen Gutshöfe, Gestüte, aber auch Mühlen und Brauereien in dieser Region irgendwie ähnlich aus. Und diese ehemalige Papenhagensche Besitzung, mit der passenden und fernsehgerechten Brauerei als authentischer Kulisse für ganze Kohorten in der Regel limitierter Schauspieler liegt tatsächlich nur kaum zehn Kilometer entfernt. Heute mittlerweile allerdings keine medizinische Einrichtung wie in unserem Fall, sondern vielmehr eine noch viel kostspieligere Variante, man könnte auch böse sagen: direkter Zulieferbetrieb für uns, 2025 folgende.“ In meine fragende Miene ergänzte Falk: „International Business School - das Schnöseligste vom Schnöseligen. Jahresbeitrag ab Vierzigtausend. Hannahs Nettoverdienst, und glaub mir, sie wird hier verdammt gut bezahlt, jedenfalls Welten besser als in jeder staatlichen Elendseinrichtung. Noch ein Nachsatz zur realen Lichtenstein-Vorgeschichte: Die Anlage war - believe me or not - als größte Getreidemühle der Umgebung jahrzehntelang Zulieferer für die Papenhagensche Brauerei, bis weit in die sechziger Jahre. Ich kann mich noch an die Etiketten erinnern. Ich weiß aus allerlei Familiengeschichten, dass mein Großvater noch bis in die späten Fünfziger mit seinem Schlossereibetrieb in Eutin regelmäßig zu Reparatur- oder Wartungsarbeiten in die Mühle gerufen wurde. Und was die traditionellen Zuliefererverhältnisse angeht, werden sich in zehn Jahren dann also die Vorzeichen komplett umgekehrt haben. Wir, das heißt vielmehr meine Nachfolger bekommen dann die ausgesonderte Spreu aus den Kokserbüros der Abteilungen für Venture Capital oder Assets frei Haus. Zurzeit werden diese Typen nebenan noch für jeden unausdenklichen Irrsinn abgerichtet. Ich weiß nur noch nicht, was die künftigen Kollegen im Sinne von, nun ja: humaner Weiterverarbeitung mit den schwerst gestörten Neurotikern anfangen werden.“
Während seiner letzten Worte hatte ich meinen Blick ein wenig schweifen lassen. Falks „Büro“ hatte rein gar nichts von der üblicherweise sterilen Atmosphäre eines Arbeitsplatzes zeitgenössischer Wissenschaftler, geschweige denn eines im operativen Geschäft tätigen Arztes. Der Raum von der Größe einer Aula eines kleinstädtischen Gymnasiums wurde dominiert von altem Holz. Da es, anders als in solchen meist hundert Jahre alten Aulen, hell, gewachst und, gänzlich anders als in öffentlichen Schulen mittlerweile leider üblich, insgesamt in einem phantastischen Pflege- und Erhaltungszustand war, wirkte der Raum nicht wie seine Pendants muffig oder düster. Sondern heiter, gediegen und vermittelte demjenigen, der für so etwas einen Sinn besitzt und ihn sich in unseren Zeiten beliebiger Geschmacksverirrungen bewahrt hat, eine Aura gelassener Zeitlosigkeit. Eine der „schmalen“ Seiten, noch immer mindestens acht Meter lang, waren bis unter die gut vier Meter hohe Decke mit Regalen ausgekleidet, da und dort von bronzefarben getönten Vitrinentüren aufgelockert. Als eingebaute „Bibliotheksleitern“ hatte man an beiden Enden eine massive Treppenkonstruktion errichtet und im Boden verankert. Etwa ein Dutzend Stufen brachten den Benutzer auf eine hölzerne Empore, deren gut sechs Meter lange Lauffläche auf gut der halben Höhe der Regale den Zugriff auch in alle hohen und höchsten Regionen erlaubte. Die gesamte Konstruktion machte nicht nur aufgrund ihres sehr gepflegten Zustands einen grundsoliden Eindruck. Sondern vor allem, weil die Empore auf insgesamt drei schmalen Säulen ruhte, die im oberen Teil mit einer Vielzahl kreuz und quer verlaufender Holzstreben miteinander und auch den Stufenblöcken verbunden waren. Gut möglich, dass sich bei diesem Anblick Cineasten und/ oder Liebhabern altmodischer Kriegsfilme Bilder von der Brücke am Kwai einstellen. Aufgrund der Tönung des riesigen Buchrücken-Ensembles war es auf einen Blick zu erkennen, dass die Werke in den Regalen mit jedem halben Meter Richtung Decke älter wurden. Vermutlich handelte es sich hier um den historischen Bestand der Einrichtung, gleichsam die Shelves of Fame dieser mit erst knapp hundertdreißig Jahren noch immer recht jungen Disziplin. Unabhängig vom jeweiligen Nutzer der Räumlichkeit, dessen griffbereit und leicht zugänglich untergebrachter eigener wissenschaftlicher Lese- und Recherchekanon für das Tagesgeschäft aus Werken seines persönlichen Besitzes bestand, im Idealfall erweitert durch eigene aktuelle Publikationen.
Die noch etwas breitere Fensterfront, die einen Blick auf die Bucht eines Sees ermöglichte, bot einer Reihe verschiedener und individueller Sitzmöglichkeiten Raum: Ein weinrotes Dreisitzsofa, drei stilistisch dazu passende Sessel in verschiedenen Blautönen, eine schwarze Recamière, mit dem Rückenteil passend platziert, dass man einen bequemen und sehr guten Blick auf Terrasse, Garten und See hatte. Außerdem in Richtung der Bibliothek etwas abseits eine Couch und ein Sessel etwas oberhalb von ihrem Kopfteil, daneben eine
Art Beistelltisch, dessen größeres Pendant seinen Platz im Bereich der Sitzlandschaft vor dem Fenster hatte, diese Elemente allesamt in Abstufungen von Hellgrau. Letzteres also das klassische Möbelensemble in der zeitgenössischen Boom-Branche der „Seelenzergliederer“. Offensichtlich hielt es der ärztliche Direktor für erforderlich, zu wissenschaftlichen Zwecken - in seiner Gehaltsklasse gewiss nicht aus pekuniären Motiven - dann und wann in speziellen und/ oder wissenschaftlich besonders interessanten Fällen Privataudienzen anzubieten. Doch das war dann auch schon alles, was auf den ersten Blick nach Alltagsarbeit aussah. Ansonsten: bis auf ein Laptop (zugeklappt), zwei Smartphones, eines davon auf einem Apple-Tablet neuester Generation abgelegt, auf dem wie häufig bei Chefs ansonsten sehr aufgeräumt wirkenden anthrazitfarbenen Schreibtisch.
Der Besucher gewann somit nicht den Eindruck, schon gar nicht auf Anhieb, dass es sich um einen Arbeitsplatz eines aktiven Wissenschaftlers handelte. Lediglich eine in die in lindgrün gehaltene Wandverkleidung diskret eingelassene Tür in einem etwas kräftigeren Grünton, in der Nähe des Schreibtischs in der der Bibliothek gegenüber liegenden „Schmalseite“ des Raumes, die offenbar in ein anderes Büro führte, legte die Vermutung nahe, dass hier eine Kontaktmöglichkeit zur realen Außenwelt bestehen könnte und dort die alltägliche schmutzige Arbeit gemacht wurde.
Falk hatte natürlich registriert, dass ich seinen nostalgischen Bemerkungen zum Haus und seiner zugespitzt formulierten Einschätzung der Nachbarschaft mit nur einem Ohr Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sein Schmunzeln verriet mir, dass er darüber nicht nur nicht böse war, sondern dass er sich angesichts meiner so offensichtlichen Neugier, mit der ich seinen Arbeitsbereich betrachtete und mir nach seiner Vermutung meine Gedanken dazu machte, seinerseits auch seinen Teil dazu dachte. Jedenfalls hatte er mir dazu genügend Zeit gelassen und für einen Augenblick den Fluss seiner Bemerkungen und Erläuterungen unterbrochen. Bevor er mich auf irgendetwas in dieser Richtung ansprechen konnte, kam ich ihm zuvor: „Sag mal, das ist ja alles hier sehr hübsch, fast schon wohnlich, richtig familiär geradezu. Aber wie soll ich sagen...“ Falk: „Ja, du hast völlig Recht, wirklich nett hier und ich weiß genau, was du denkst, dich aber sowieso nicht zu sagen traust. Meine Annahme ist, dass dein Subtext, der gerade unterbewusst bei dir im Oberstübchen ablaufen mag, etwa so lautet: „Wie kann jemand, der einer solchen Einrichtung vorsteht, dazu noch nachweisbar nicht geringen wissenschaftlichen Ehrgeiz hat, vernünftig in einem solch kuscheligen Freizeit- , ja: Rentnerambiente arbeiten? Zumal er, sofern die ganze Chose in der Zwischenzeit nicht noch weiter nach hinten geschoben werden muss, noch knapp zwei weitere Jahrzehnte vor der Brust hat.“ Ich lächelte ein wenig verlegen. „Gib´s zu - so oder ähnlich schwirrten deine Gedanken hier durchs Wohnzimmer?“
Was diesen Teil seiner Bemerkungen anging, lag er vollkommen richtig und meine zustimmende Geste, die auch eine Prise Verlegenheit enthalten haben mochte, ließ ihn zunächst zufrieden weiterschmunzeln. Fast genauso wie früher meine selbstzufriedenen Mathelehrer, die in einem Affentempo einen hochkomplizierten Beweis für irgendeine abgefahrene mathematische These oder Annahme entwickelten, bevor neun Zehntel der Klasse auch nur ansatzweise kapiert hatten, um was es gehen solle, nach dem Motto: „Was hat er denn jetzt nur wieder?“ Doch in Falks Schmunzeln hinein sagte ich dann: „Ja, vordergründig hast du natürlich Recht, wenn ich auch zugeben muss, einer solchen Arbeitsatmosphäre auch selber eine Menge abgewinnen zu können. Liegt vermutlich daran, dass wir langsam in ein Alter kommen, in dem „Gediegenheit“ einen anderen Stellenwert besitzt als mit Dreißig. Doch meine Gedanken gingen sogar noch etwas weiter. Wenn diese Einrichtung mitsamt ihrem völlig aus der Zeit gefallen wirkenden Äußeren - früher sagte man wohl Sanatorium, in schlimmeren Fällen Heilanstalt dazu - auch ohne Zweifel ihre Daseinsberechtigung haben mag, und sie hat diese in Zeiten immer raumgreifenderer und immer öffentlicherer Wirrnisse ganz sicher, so frage ich mich doch, ob eine derart profilierte Stimme im Konzert deiner Disziplin hier, nun, wie soll ich es ausdrücken: richtig aufgehoben ist.“ Falk war sichtlich amüsiert, wenn auch zum Glück nicht in dem für mich wenig schmeichelhaften Sinne, sich unter seinem Niveau belustigt zu fühlen. Er veränderte seine Sitzhaltung, die bis dahin so lässig war, etwa wie man sie von Wartelounges auf überlasteten Flughäfen oder dem meist belanglosen Journalisten- Smalltalk „off the record“ nach den eigentlichen Interviews her kennt. Er setzte sich in seinem Sessel geradezu in Position und sagte: „Nun gut, dann zäumen wir den Gaul ebenso auf, ist vielleicht auch besser so. Ich hatte zunächst vorgehabt, dir einen Kurzvortrag über Geschichte, Gegenwart und den Stellenwert des Hauses zu halten, natürlich etwas detailreicher als es in deinem Zimmerprospekt steht. Doch, ich habe gemerkt, du gehst die Sache persönlich an, sozusagen direkt von der Person des Oberindianers her. Völlig in Ordnung, wie gesagt, wahrscheinlich sogar besser, denn dann braucht man nachher zu Dritt manche Details nicht noch einmal besonders deutlich zu machen. Nun, Christian, viele deiner Bilder und, mit Verlaub: Vorurteile sind, zumindest was Lichtenstein angeht, überholt. Es sind Vorstellungen, die bis weit in die Siebzigerjahre fast flächendeckend ihre Plausibilität hatten, wobei generell nur von der „Bundesrepublik alt“, der Bonner Republik, die Rede sein kann. Das spätere Beitrittsgebiet kannte ja per definitionem keine gemütskranken Menschen. Für den sozialistischen Menschen auf seiner von der Geschichte längst vorgezeichneten Siegesbahn und für die allgegenwärtigen Streckenposten mit dem Parteibonbon am Revers waren solche Phänomene nichts anderes als die sichtbar gewordenen Pestbeulen am verrottenden spätkapitalistischen Todeskandidaten. Irgendwelche psychischen Auffälligkeiten, gar solche psychotisch-pathologischer Art, geschweige denn krasses Suchtverhalten, Obsessionen, Abartigkeiten und dergleichen: allesamt Symptome kapitalistischer Auswüchse und Dekadenz. Die allseits entwickelte Sozialistische Persönlichkeit hatte mit den Jahren längst gegen so etwas immunisiert. Inflationär verliehene Blechorden, Datschen, Spitzeldienste, Alkohol - in Wahrheit wohl eher Staatsfusel -, Helotenprivilegien, Aufmärsche mit Wink-Element oder der traditionellen blakenden Deutschen Fackel und nicht zuletzt auch ganze Gebirge von Dopingmedaillen taten ihr Übriges: Seelische Kraft durch Freude am allseitig und stetigen Aufbau des Sozialismus.
Die am Ende rege, in etlichen Fällen von den volkseigenen Insassen mehrfach genutzte Chance, von den Bonner Ultras 100 DM Begrüßungsgeld zu vereinnahmen, diente letztlich nur dazu, den Klassenfeind bis zum Schluss entscheidend zu schwächen. Nein, Scherz beiseite, auch heute noch, mehr als eine Generation später, ist es fast nicht möglich, auffällig gewordene ehemalige Protektorats-Insassen, seien sie auch noch so schwer traumatisiert, psychiatrisch aufzuschließen.
Denke nur an formal kluge Menschen wie Christa Wolf, „Staatspreisträgerin“, der es bis zu ihrem Tod, fast zwanzig Jahre nach Honeckers Doomsday, trotz all ihrer unbestrittenen analytischen Fähigkeiten und sensiblen Intelligenz, nicht gelingen wollte, sich würdig in der neuen Realität zu verorten. Sie wird ihre manifesten Depressionen, die ihr seit den sechziger Jahren beinahe jeden einzelnen Tag verschatten, auch unter den neuen, endlich zivilisierten Verhältnissen nicht mehr los. Vielleicht, dass tageweise aus „manifest“ ein weniger drückendes „latent“ werden konnte, doch der schwarze Schatten war nie gänzlich verschwunden. Vielleicht hätte sie auch „einfach“ ihren Kerl davonjagen sollen - eine Lichtgestalt war dieser hölzerne Feigling und Apparatschik jedenfalls für sie nicht, nie.
Ihr „Jahrestag-Tagebuch“ mit Aufzeichnungen aus fünf Jahrzehnten gibt darüber quälend- klaren Aufschluss. Insofern ist diese kluge, zugleich schwache, genauer: von ihrer Umgebung permanent geschwächte Frau für dieses gescheiterte staatliche Etwas nach seinem Untergang sehr repräsentativ. Daher auch bis in unsere Tage zum Beispiel signifikant und vor allem konstant höhere Suizidraten, nicht zuletzt dank nach wie vor verkümmerter Verhältnisse in punkto Bürgerlichkeit. Will sagen: Strukturen gewachsener Subsidiarität oder im gespreizten, aber in diesem Fall die Sache exakt beschreibenden Joschka-Fischer-Deutsch: zivilgesellschaftlicher Ansätze. Mit einem klaren Wort also: VOZE - Verrohte Ostblock Zone Europas.
Ganz ähnlich, fatal ähnlich wie es etwa 1965ff für unsere westdeutschen und zum Teil auch österreichischen Vorgänger und Lehrer kaum möglich war, an die Millionen übriggebliebener, vollkommen sich selbst überlassener, traumatisierter ehemaligen Kinder und jungen Leute des so kurzen wie tief wie nie zuvor einschneidenden Tausendjährigen Reichs heranzukommen. Oder nimm die noch immer zum großen Teil verrohten und von den schlimmsten Ausprägungen multipler Delinquenz geprägten „gesellschaftlichen Bezüge“ in Osteuropa in- und außerhalb der EU, vor allem in diesen erbärmlichen Kleinststaaten Ex- Jugoslawiens à la Kosovo, Montenegro, Bosnien, Mazedonien. Alle seit Generationen in der Hand verfestigter Clans primitiver, kleptokratischer, niederträchtigster Schwerstkrimineller. Und, geradezu lehrbuchartig und überhaupt kein Spaß für die dauerhaft gestresste Nachbarschaft: Putins elende, in jeder Hinsicht verrottete Sowjetruine.
Glasklar ohne beschönigende verschleiernde Phrase, analytisch gesprochen: krachend und wahrscheinlich auf Dauer IGS. Irreversibel Gescheiterte Staaten.
Doch das, Christian, nur ganz sozusagen am äußeren Rande. Reden wir lieber weiter über Lichtenstein, ich finde, viel spannender als die soeben gestreiften Elendsgebiete, auch wenn sie uns noch über viele Jahre beschäftigen werden, und sei es auch „nur“ dank hochtoxischer Isotope „menschlichen Treibguts“, welches diese Todeszonen nun seit bald drei Jahrzehnten in Richtung fast aller halbwegs kultivierter oder doch zumindest teil- akkulturierter Gegenden freisetzen. Lichtenstein gibt es erst seit knapp dreißig Jahren, exakt seit 1987.“
Es hatte dezent an der Tür geklopft. Ein Teewagen, von Hannah dirigiert, kam zu uns ans Fenster herangerollt: herrlich „bohnig“ duftender Kaffee, ohne diesen lächerlichen präpotent- italienisch designten und üblicherweise funktional höchst anfälligen technischen Overkill zubereitet, sondern mit dem seit Generationen unverändert gebliebenen klassisch- keramischen Melitta-Filter. Dazu Raake-Tassen und ein „Dessert“ -Teller aus selbigem Haus mit einem großzügigen Stück Herrentorte, die ganz sicher keinen Vergleich mit den urköstlichen Erzeugnissen jenes weltberühmten Etablissements an der Ringstraße zu scheuen brauchte.
Ich fragte Hannah: „Gehe ich recht in der Annahme, dass nicht nur der Kaffee hand- und hausgemacht ist?“ Hannah lächelte verlegen. Falk nahm die Frage auf: „Absolut, mein Lieber. Ich hatte, glaube ich, schon bei der Begrüßung gesagt, dass die Küche hier ohne jede Übertreibung schlicht formidabel ist. Einer der Gründe, ja, ich würde so weit gehen: der entscheidende, ist der glückliche Umstand, dass Hannahs Mädchenname Zotter ist. Heutzutage weltweit jedem Schokoladen-Freak ein Begriff, wenn Hannah auch nur über ein paar Ecken mit dem berühmten Chocolatier Joseph Zotter verwandt ist. Was sie aber definitiv mit ihm gemein hat, ist die steirische Abstammung, mitsamt dem dort gar nicht so selten anzutreffenden Genie, aus bloßen Zutaten Großes kreieren zu können.“
Mit Blick auf Hannah fragte Falk: „Habe ich etwas Wichtiges vergessen, unser aller Dreistern in der Küche?“ Mittlerweile zart errötet, knickste sie mit übertrieben höfischer Devotion und sagte nur: „Oh nein, großer Meister des gedrechselten Wortes! Ich entschwebe nun dank neuerlich üppig verabfolgter Huldigung und avisiere hiermit untertänigst mein erneutes Erscheinen in ungefähr zweieinhalb Stunden mit demjenigen von Paula.“
Als wir wieder unter uns waren, fragte ich glucksend: „Was war das denn?“ Falk: „Du meinst diesen zarten Sarkasmus, als unbedarfter Außenstehender könnte man es auch anders nennen? Nun, vor knapp drei Jahren hat sich Hannah von ihrem Kerl - endlich - getrennt. Das ganz volle Programm: sadistischer Schläger, Trinker, perverses Schwein, untherapierbar. Und, glaube mir, bis ich dieses Wort benutze, muss schon eine Menge passiert sein. Seit knapp zwei Jahren bin ich nun mit Paula zusammen. Auch ich nach einer langwierigen und ziemlich beschissenen Trennung, die liegt allerdings schon weit länger zurück. In diesem eigenartigen Zwischenjahr unserer beider „Singlezeit“ hatte Hannah sich ganz sicher etwas mehr mit mir ausgerechnet. Jedenfalls mehr als die vielleicht anderthalb Dutzend Male, die wir auf Dienstreisen oder hier im Hause gevögelt hatten, jedenfalls mehr als es mir über - zugegeben - guten Sex hinaus bedeutet hatte. Zum Glück hat sie mittlerweile diese für sie große Enttäuschung überwunden und auch einen neuen Mann an ihrer Seite und vor allem: Sie ist unserem Haus treu geblieben. Hannah ist nicht nur die unumschränkte Herrscherin über Küche, Keller und Magazine. Vor allem personifiziert, ja inkarniert sie den unverzichtbaren Kitt, der ein solches Haus zusammenhält, organisatorisch, personell, klimatisch.“
Mich verblüffte die große Freimütigkeit, mit der mein Gastgeber nach so kurzer Zeit private, sehr private Dinge öffentlich abhandelte. Durchaus möglich, dass er es nicht nur längst gewöhnt war, solches von seinen Patienten und Mitarbeitern, sondern von jedem, den er in seine Nähe ließ, ebenso zu erwarten, ja einzufordern. Ich nahm den Faden wieder auf und kam auf das Jahr 1987 zurück: „Also erst 1987 gegründet - dann ist dieses Haus verglichen mit anderen ja sehr jung. Kann mir vorstellen, dass dieses manchen Nachteil, aber doch auch Vorteile hat. Vor allem in punkto Altlasten, die Nazizeit nur als ein Stichwort.“ Falk nickte: „Hast du natürlich völlig Recht, wenn man auch auf der anderen Seite mancher ergrauten Koryphäe aus altberühmten Häusern sogar bis heute immer wieder einmal klar machen muss, dass auch wir unseren Kanon mehrstimmig beherrschen. Im Grunde aber ist diese alberne Vergleicherei alles Bullshit. Im Sinne einer traditionellen Heil- und Verwahranstalt, also letztlich als ein - recht häufig aus Sicht der lieben betroffenen Verwandtschaft - Endlager oder Ort finaler Wegsperrung hat sich Lichtenstein nie verstanden, verstehen müssen. Zum Glück war Ende der Achtziger der state of the art in unserer Disziplin immerhin schon so weit voran gekommen, dass Therapien, ganzheitliche Strategien therapeutischer Herangehensweisen und vor allem interdisziplinärer Analyse - in anderen Bereichen Differentialdiagnostik genannt - sich mit jedem Jahr zielgenauer herauszubilden begannen. Lichtenstein ist somit die üble Geschichte erspart geblieben, die in fast allen „traditionellen“ Häusern, beginnend mit der „Irrenanstalt“ des Kaiserreiches über die Sanatorien der Folgezeit, die sich plötzlich jenen Aberhunderttausenden traumatisierter armer Schweine aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs hilflos gegenüber sahen, bis hin zu den perversen Versuchs- und Quälanstalten der Nazischweine, bis tief in die Sechzigerjahre die Arbeit und einen Wiederanfang, genauer: Neuanfang verschattet und erschwert hatten. Wenn ich bedenke, dass ich erst der dritte Verantwortliche in der Geschichte dieses Hauses bin und in zwei Jahren dann doch immerhin schon über ein Drittel seiner dann dreißigjährigen Existenz mitbestimmen durfte, so zeigt das zweierlei. Es ist ein großes Privileg, keine Leichen im Keller zu wissen und dazu ein großer Ansporn für die mir noch verbleibende Zeit, hier gänzlich neue, unverkennbare Duftmarken setzen zu können. Oberstes Ziel muss es bleiben, in erster Linie ein Epizentrum von Forschung, Therapie und Prävention zu sein, zugegeben: im letztgenannten Punkt erst noch zu werden. Wenn du also so willst: klinisches Arbeiten im klassischen Sinne.“
Ich hatte danach uns beiden mit Hilfe einer knappen Geste spontan eine längere Redepause verordnet, in der wir endlich der perfekten Symbiose zwischen Kaffee und Gewürzen, Teig, Sauerstoff, Kakao und schokoladiger Glasur auf den Grund gehen konnten. Ganz so, als läge auf unseren streng geometrischen Tellern nicht etwas Köstliches in festem Aggregatszustand, sondern als versuchten wir mit unseren letzten Endes dann doch viel zu grob ausgelegten Geschmackspapillen den sensorischen Finessen eines großen Pinot Noir der Domaine Romanée-Conti auf den Grund zu gehen. Als ich dann nach einer mir als angemessen erschienenen Frist und mit zwei, drei unmissverständlichen, fast schon pantomimischen Gesten deutlich gemacht hatte, wie das soeben Genossene bei mir angekommen war - von Falk mit Freude, wenn auch nur mit einer knappen, ebenso pantomimischen Bewegung nach dem Motto „Nun, was habe ich gesagt?“ quittiert - und als ich unsere Tassen noch einmal mit dem kaum weniger köstlichen echten Kaffee aufgefüllt hatte, fragte ich: „Dann ist also die Vorstellung, dass es sich hier um eine Einrichtung handele, die auf herkömmliche Weise langfristig sozusagen hoffnungslose Fälle verwahrt, völlig abwegig? Oder anders gefragt: wenn das so ist, wie kann das mit diesem geradezu paradiesischen Personalschlüssel wirtschaftlich funktionieren, wenn man davon ausgeht, dass die privaten Kassen - über die anderen brauchen wir wohl in punkto Lichtenstein gar nicht erst zu reden - sicher keine höheren Tages-Fall-Pauschalen als in normalen Kliniken üblich abzurechnen bereit und in der Lage sind.“
Falk hatte sehr konzentriert zugehört und bei jedem meiner ihm wichtigen Stichworte kurz genickt, ganz so, als hätte er sich die einzelnen Punkte auf einem virtuellen, in diesem Fall „zerebralen“ Merkzettel notiert. Als ich nicht mehr weiter redete, ging er sofort auf das eben Gesagte ein: „Dein Fragen- und Thesenkatalog umschließt einige sehr wesentliche Gesichtspunkte, unter dem Strich führt er gar direkt in den Kern und auf den entscheidenden Punkt unserer Arbeit. Am Anfang reden wir natürlich in erster Linie - wie auch nicht! - über das liebe Geld. Aber nicht in dem verzagten, ignoranten und letzten Endes verantwortungsfreien Sinne von Kosten, Deckelung, Einsparung oder gar diesen komplett irrsinnigen Abrechnungsmodellen nach Punkten und Minuten. Alles das ruiniert momentan und binnen der nächsten zehn, maximal fünfzehn Jahre final dieses sogenannte Gesundheitssystem da draußen. Hier im Haus nur noch knapp unter „Kuckucksnest“ geführt - du kennst den Film. Geld wird hier investiert, nicht zu knapp, gewiss, doch man hat strategische Ziele, Etappen und fixe Vorstellungen zu, ja: Marktdurchdringungen. Wenn dir das alles nach Unternehmen, vor allem gewinnorientierten Unternehmen klingt, habe ich mich richtig ausgedrückt. Alles andere ist Humbug, spätestens seit dem Verschwinden des Militär- und Panzer- Sozialismus getrocknete Kinderkacke aus Sigmar Gabriels, Volker Kauders oder Andrea Nahles` Prilblümchenwelt der Siebzigerjahre - von den lebenslangen Kinderladen-Gehirnen der Grünen erst recht nicht zu reden. In der Welt 2.0 ungefähr so sinnvoll und überzeugend wie Margot Käsmann, wenn sie von Koks und Koran zugedröhntes IS-Mordgesindel für den Sexappeal Martin Luthers begeistern und zugleich vor den Gefahren des Fahrens unter Alkoholeinfluss warnen wollte. Wer dir, wer uns allen etwas anderes erzählt und sogar frecherweise den Eindruck erwecken möchte, dass er den Durchblick in diesem Systemdschungel habe, ist - sofern nicht längst gekauft oder ideologisch abgerichtet - ein Lügner, Betrüger, Vollidiot und heißt vielleicht auch Hannibal und weiß es vielleicht nur - noch - nicht. Das gilt auch für jenen ehemaligen Fliegenträger-Chirurgen aus Köln, Typus „Fachidiot“, die Betonung der vier Silben steht jedem frei...
Nun also ein paar Worte zu deinen interessanten Bemerkungen: Punkt Eins. „Paradiesischer Personalschlüssel“. Ja, stimmt, absolut und relativ. Wäre sinnlos und unredlich, diesen Umstand bestreiten zu wollen. Hundertneunzig Patienten maximal stationär im Haus, dem gegenüber neunzig Stellen Klinikpersonal, davon gut die Hälfte ärztliche Kollegen, zusätzlich gut dreißig andere Dienstleister, vom Gärtner, über die Sicherheit bis zum Fahrdienst. Wir beide kennen die Verhältnisse draußen, wissen also, dass dieses hier für alle outstanding ist. Und nebenbei: faire Arbeitszeiten, ordentlich bezahlt, aber das sagte ich ja wohl schon. Ja, es stimmt, wir behandeln natürlich auch chronisch kranke Patienten. Wenn du so willst: solvente Stammkunden, mit „ihrem“ zuständigen Arzt und Pfleger. Doch auch diese sind nicht ständig im Hause, die allerschwersten Fälle vielleicht in drei, vier Intervallen pro Jahr, jeweils nicht länger als vier, maximal sechs Wochen, also aufs Jahr gerechnet höchstens ein gutes Drittel bis maximal zwei Fünftel. Ich weiß nicht, ob es dir über dem Portal draußen aufgefallen ist: Ein griechischer Buchstabe, Alpha.“ Ich schüttelte den Kopf: „Das, muss ich zugeben, nicht, aber in eurem Hausprospekt ist bei Rückfragen oder Problemen auf die Verwaltung und das „Housekeeping“ verwiesen, im Alphahaus.“ Falk nickte und ergänzte: „Lichtenstein erstreckt sich arbeitstechnisch insgesamt auf fünf Gebäudekerne. Das Alphahaus: der Zentralbau mit allen notwendigen Fazilitäten, der Geschäftsführung, ambulanter Behandlung, dabei vor allem auch methodisch-wissenschaftliches Zentrum, klinische, interdisziplinäre Dokumentation und Kommunikation, am Ende und Rande auch Repräsentation. Beta, Gamma, Delta. Verschiedene spezifische Schwerpunkte, in Beta zum Beispiel der in der nächsten Zeit zentrale Sektor der Prävention, dazu immer auch einige Räume für stationäre Behandlung oder intensive, eng begleitete Evaluierung bei länger währenden komplexen Studien. Und dann also fünftens noch Omega: ausschließlich stationäre Behandlung und Therapie, exklusiv der besagten Stammkundschaft vorbehalten. Dieses Gebäude ist ein wenig abseits gelegen, nicht um die Patienten zu verstecken, sondern um sie vom teils unruhigen Tagesgeschäft so weit wie möglich fern zu halten. Schließlich noch deine Unterkunft, das Gästehaus mit siebzehn Doppelzimmern und zwei Suiten. Neben einigen weiteren Einrichtungen für technische Geräte, Vorräte und Fahrzeuge wär´s das schon. Falls es dich aus technischer und energetischer Perspektive interessiert: Wir bewirtschaften eine Heizfläche von knapp viereinhalbtausend Quadratmetern, damit kaum ein Viertel einer durchschnittlichen Psychiatrischen Landesklinik mit allerdings nur maximal doppeltem Patienten-Potenzial.“
Ich sagte: „Alles sehr beeindruckend, nicht nur meine unfassbar tolle Suite. Vielen Dank übrigens für diesen Luxus! Aber, mal ehrlich und erst recht: Wie rechnet sich das denn alles? Was die Ausgaben angeht, wenn ich nur die Ärztegehälter rechne, lande ich allein dort bei einem Budget von zehn Millionen, einschließlich der Sozialversicherung.“ Falk schüttelte lachend den Kopf: „Schön wär´s, ich wiederhole, hier wird ordentlich bezahlt. Das Haus hat zwei eherne Grundprinzipien. So hohe Fluktuation wie nur irgend möglich - bei den Patienten. Und das genaue Gegenteil beim Personal. Von den gut hundert Beschäftigten sind zwanzig seit der ersten Stunde dabei. Fast alle anderen, so auch ich, haben pensionierte Kollegen nur ersetzt oder sind deswegen dazugestoßen, weil ein Aufgabenfeld erweitert oder überhaupt erstmals im Hause angelegt worden ist. Auch gar kein Wunder: jeder, der kündigt, verliert nicht nur eine überdurchschnittliche Bezahlung, sondern auch eine sehr ordentliche Betriebsrente, die nach kaum mehr als zwanzig Jahren „Lichtenstein“ meist die sogenannte gesetzliche übertrifft. Dass es vor allem für die Stammkunden sehr wichtig ist, bei ihren Aufenthalten mit vertrauten Gesichtern zu tun zu haben, bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung. Nein, frank und frei - alles in allem bewegen wir seit einigen Jahren Etats in der Größenordnung von deutlich jenseits der dreißig Millionen auf der Ausgaben- und Kostenseite, wobei - zugegeben - zum Glück der ganze Komplex „Grund und Boden“ dank der das Ganze seit einigen Jahren überwölbenden Stiftung keine Rolle spielt.“ Ich schüttelte mich und sagte mit tonloser Stimme: „Das könnt Ihr doch nie im Leben erwirtschaften. Es müssen ja gewaltige Geldgeber hinter euch stehen. Aber dabei...“ Falk hatte sich wieder aufrecht gesetzt. Kam jetzt ein offizielles Statement, gar strammer Gegenwind? Er war offensichtlich dankbar, dass ich freiwillig inne gehalten hatte, daher sagte er freundlich, aber bestimmt: „Christian, sei bitte so gut und lass jetzt an dieser Stelle, wo es wirklich spannend geworden ist, den Kaffeesatz im Melitta-Filter! Das ist hier keine vom Steuerzahler
