Einstürzende Kulissen - Klaus Flessenkemper - E-Book

Einstürzende Kulissen E-Book

Klaus Flessenkemper

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Beschreibung

Die Frohweins hatten Berliner Freunden bei ihrer Übersiedlung aus der Gescheiterten Stadt geholfen. Weitere Ereignisse (gegenwärtige und vergangene), vor allem aber Bettinas energisches Drängen veranlassen Peter, endlich über seine eigene komplizierte Familie nachzudenken und gründlich aufzuräumen. Aus einzelnen archäologischen Fundstücken entsteht am Ende ein komplexes Panorama über Generationen und Epochen. Packend, anrührend, quälend und bizarr. Man könnte auch sagen: typisch deutsch, sofern - selten genug - einmal ALLES auf dem Tisch liegt.

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Seitenzahl: 633

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Kapitel I: Melaten

Kapitel II: Ende und Anfang

Kapitel III: Entziffertes - Eins

Kapitel IV: Garage

Kapitel V: Uli aus Berlin / West

Kapitel VI: Entziffertes – Zwei

Kapitel VII: Photos

Kapitel VIII: Entziffertes - Drei

Kapitel IX: Flucht - Eins

Kapitel X: Mentoren / Glück- Eins

Kapitel XI: Feinkost - Eins

Kapitel XII: Mentoren / Glück - Zwei

Kapitel XIII: Flucht - Zwei

Kapitel XIV: Schlimmer Verdacht

Kapitel XV: Neue Wörter für die „MESSE“

ZWEITER TEIL

Kapitel I: Carl

Kapitel II: Caspar

Kapitel III: Stadt und Land

Kapitel IV: Haumannplatz

Kapitel V: Hedwig handelt

Kapitel VI: Flüchtige Begegnung

Kapitel VII: Lebenslügen, lebenslang

Kapitel VIII: Fatale Rückfahrt

Kapitel IX: Verrat

Kapitel X: Verworrenheiten

Kapitel XI: Es geht weiter, irgendwie

Kapitel XII: Unpässlichkeiten

Kapitel XIII: Flucht- Drei

Kapitel XIV: Feinkost – Zwei

Kapitel XV: Freier Beruf

Kapitel XVI: Auch eine Möglichkeit

Kapitel XVII: Überraschungen und Vorhersehbares

Kapitel XVIII: Und am Ende aus der Bahn

Kapitel XIX: Apotheke

Kapitel XX: Aus und vorbei

Kapitel XXI: Mutti und Vati

Kapitel XXII: Karin

Kapitel XXIII: Carl denkt kurz nach

Kapitel XXIV: Jähes Ende

Kapitel XXV: Neue Wirrnisse und Ruppigkeiten

Kapitel XXVI: Abspann

Erster Teil

I

Melaten

Wir hatten Glück gehabt. Die Fahrt hatte kaum mehr als eine Stunde gedauert. Und dennoch: mir kam sie endlos vor.

Von keinem der vier Insassen war, nachdem sich der Wagen wie üblich verspätet in Bewegung gesetzt hatte, ein zusammenhängender Satz gekommen. Lediglich die gewohnten überflüssigen, reflexhaften Wortfetzen des Beifahrers: „rechts ist frei“, „grün“, „pass auf“ durchbrachen dann und wann für kurze Momente die lastende Stille. Sogar Hedwig, die seit jeher zuverlässig zu den unpassendsten Gelegenheiten ihre Umgebung mit endlosen Wortgirlanden zu belästigen pflegt, schwieg, den leeren Blick auf die Kopfstütze vor sich gerichtet. Immerhin wurde Bettina neben ihr, deren Geduld meine Mutter mit Themen aller Art oft hart prüfte, wenigstens an diesem Morgen verschont.

Wer weiß, was Jo zu dieser Szenerie gesagt hätte?

Vielleicht hätte er lediglich sarkastisch angemerkt, dass in dieser Familie kaum irgendjemand je ein Gespür dafür gehabt habe, zu wissen, wann Reden und wann Schweigen angebracht sei. Vor allem wäre ihm aufgefallen, dass Karin nicht im Auto saß. Hätte es ihn vielleicht verwundert, gar verletzt, dass nicht einmal sein Tod sie zu einer letzten Geste in der Lage gesehen hatte?

Nachdem sich schon auf der Autobahn Richtung Süden und Osten mächtige Gewitterwolkenstaffeln aufgetürmt hatten, empfing uns Melaten dann klatschnass - offenbar war die Front hier schon durchgezogen und hatte auch einiges abgeladen.

Und natürlich: als wir endlich einen legalen Parkplatz gefunden hatten und Hans sich gewohnt umständlich aus dem Wagen gepellt und nach einer knappen Stunde stillen Leidens sich erst einmal eine Zigarette angesteckt hatte, mussten wir feststellen, dass schon Dutzende Trauergäste unter ihren Schirmen vor der geräumigen Trauerhalle ausharrten. Ich drängelte mich kurzentschlossen durch die mir zumeist unbekannten Wartenden in den Innenraum, in der Hoffnung, wenigstens dort und möglichst recht bald auf ein bekanntes Gesicht zu stoßen. Die Erleichterung in den Gesichtern von Silke, Eva und Charlotte - Joachims Tochter, ihrer Mutter und zugleich seiner Ehefrau und der akut trauernden Partnerin - blitzte kurz auf und verlieh ihren verheulten Mienen und dem nicht zuletzt dank der noch immer feuchten Gewitterschwüle leicht derangiert wirkenden und dem Anlass gemäß geschwärzten Gesamteindruck der drei Frauen etwas „gothic-like“ Groteskes.

Man hatte in der ersten und zweiten Reihe eine Handvoll Stühle freigehalten, und nachdem Silke ihre drei Großeltern nach vorne gelotst hatte, sah es dann so aus, dass es bald losgehen konnte. Als ich mich einige Augenblicke später kurz umdrehte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Joachim war in seinem Milieu, seinen speziellen Gravitationsfeldern eine wirklich große Nummer gewesen. Uns, Bettina und mir, war das in den letzten zwanzig Jahren schon immer mehr oder weniger klar gewesen, wenn wir auch - zumal in den zehn Jahren von Berlin aus - ganz bewusst wenig direkte Kontakte zu dieser rheinischen Innenwelt zwischen Buchdeckeln und ihren Protagonisten gepflegt hatten. Die gut hundert Gäste, die wie wir einen Sitzplatz gefunden hatten und die mindestens ebenso große Zahl derer, die längs der beiden Seitenwände und zum Ausgang hin mehr oder weniger unbequem standen, von den vielen „draußen vor der Tür“ ganz abgesehen, vermittelten noch einmal eine konkrete Vorstellung davon, was es mit meinem Bruder auf sich gehabt hatte. Er war offensichtlich nicht irgendein x-beliebiger Verlagsvertreter, „Vertreter“ - „Klinkenputzer“ gar. So wie es Hedwig im Kreise ihrer „Freundinnen“ mitsamt der Riesenhorden vermeintlich akademischer Lichtgestalten, die diese Frauen zuvor unablässig produziert haben mussten, oft verschämt und verzagt eingeräumt haben mochte, wenn, oder: falls es ihr nicht möglich war, die Rede mit ihrer gern und häufig benutzten Parole „Themawechsel“ auf einen für sie und ihr Befinden weniger unangenehmen Gegenstand zu lenken. Sie hätte freilich - das bleibt in diesem Zusammenhang in aller Härte und der Ehrlichkeit halber festzuhalten - auf ein mögliches engagiertes und gar kompetentes Nachfragen nach dem, was ihr ältester Sohn denn nun genau treibe, nur lückenhaft berichten und unter Zuhilfenahme von abgenutzten Phrasen und Plattheiten reagieren können.

Anders als man es von Trauerfeiern unter kirchlicher Regie hinlänglich und leidig gewohnt ist, erklangen an diesem verregneten Julivormittag zu Beginn nicht süßlich-elegische Orgelakkorde, gefolgt von einem für klotziges Geld engagierten Popen in unangenehm hoher Stimmlage intonierte Kirchenschnulzen. Durch eine Seitentür betrat ein maximal dreißigjähriger Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd die Halle. Nachdem er sich mit seiner akustischen Gitarre auf dem bereit gestellten Hocker neben dem Mikrofon installiert hatte, fing er an, nach einem freundlichen Nicken in Richtung der ungewohnt großen Menschenmenge, seine ersten Akkorde erklingen zu lassen. Nach wenigen Sekunden hatte er die regenfeuchte Aura, noch zusätzlich aufgeladen von ungezählten tränenfeuchten Taschentüchern, den von Nässe, Erhitzung und Schweiß dünstenden Kleidungsstücken und dem morbiden Gärtnereigeruch aberhunderter Blumen und Dutzender Kränze und Gestecke, mit Hilfe weniger Akkorde karibisch, kubanisch verfremdet und, ja: verzaubert. Das „körperlos“ wirkende Zusammenspiel gezupfter Saiten mit dem Gitarrenkorpus als kongenialem Perkussionsmedium, das der junge Mann darbot, hätte Jo große Freude gemacht. Spätestens ab dem Zeitpunkt, da er bemerkt hätte, dass der eine oder andere Fuß zu wippen begonnen hätte, vertraute Gesten und in manchen Fällen das eine oder andere Lächeln aus Vertrautheit, Wehmut und Wärme unter den Anwesenden ausgetauscht worden wäre.

Bettina und ich hatten den beiden Alten bereitwillig Stühle in der ersten Reihe überlassen, neben Joachims Tochter, Hans´ und Hedwigs einzigen Enkel, seiner - bis zum Ende - Ehefrau Eva, Elli Rupp, Silkes zweiter Großmutter und und schließlich Charlotte, der letzten „Erstfrau“ an seiner Seite.

Das Befremden von Hans und Hedwig Frohwein über den Auftakt dieser etwas unorthodoxen Art von Trauer-„Andacht“ war für uns, ohne die Möglichkeit, ihr Mienenspiel wahrnehmen zu können, geradezu körperlich spürbar. Bettina hätte nach zwei Jahrzehnten einmal mehr Gelegenheit gehabt, ihr Wortspiel in Richtung ihres Schwiegervaters anzuwenden. „Frohwein? Der Mann ist ein wandelnder Widerspruch auf zwei Beinen: Weder verbreitet er Freude, Frohsinn und nicht einmal das, wozu die zweite Silbe seines Namens auszulösen imstande ist, gelöste, angeregte Entspanntheit. Noch viel weniger mag er es, wenn andere, zumal ohne sein Zutun, solche Regungen an den Tag legen.“

Nachdem der Solist geendet hatte, verharrte er, ohne dass er mit „seinem Publikum“ eine weitere noch so diskrete Kommunikation gesucht hätte, auf seinem Hocker. Silke war in der Zwischenzeit aufgestanden und hinter das andere Mikrofon, das auf einer Art Rednerpult ein paar Schritte neben dem Gitarristen installiert war, getreten. Sie straffte sich ein wenig, dämmte in einer Übersprunghandlung mit beiden Händen ihre rappelkurzen blonden Haare zurück und setzte sich eine zu ihrer androgynen Gesamterscheinung perfekt passende strenge Lesebrille auf. Ein optisches Mehrfachzitat in dieser Hinsicht längst überwundenen Feminismus´, doch, nun ja: als „68erin“ (wenn auch nur qua Geburt) sollte es wohl so sein...

Mit einer angesichts der schlimmen Umstände und ihrer persönlichen Angefasstheit erstaunlich festen Stimme wandte sie sich an die Anwesenden: „Liebe Gäste, liebe Freunde! Diese Anteilnahme überwältigt uns alle! Der eine oder andere mag sich vielleicht wundern - die allermeisten wohl nicht - über das, was nun hier stattfinden wird. Und es ist ja richtig - ein „Drehbuch“ mit irgendwelchen Anweisungen oder gar strikten Verfügungen für einen solchen Anlass konnte man in Jo´s Nachlass natürlich nicht erwarten. Absurder Gedanke! Das hätte allem widersprochen, was meinen Vater sein Leben lang ausgemacht hatte - und überhaupt: wer denkt in seinem Alter an irgendwelche Verfügungen für endgültige Veranstaltungen in eigener Sache? Wir haben uns überlegt, welche Form eine solch traurige Erinnerungsveranstaltung - sozusagen eines im besten Sinne weltlichen, genauer: der Welt zugewandten „Memorials“ - für ihn, so wie er gestrickt war, das Richtige sein könnte. Oder, anders formuliert: was wäre ihm wichtig gewesen, wenn er für jemanden, der ihm sehr nahe gestanden hätte, so etwas hätte arrangieren dürfen/ müssen? Lassen wir also in den kommenden Minuten vor allem zwei Grundelemente auf uns wirken, was für Jo Zeit seines Lebens ganz essentiell war: Musik und Sprache! Lieber Harald, nun hast du das Wort!“

Aus der Menschenmenge, die links von Silke längs der Wand dicht an dicht stehend Platz gefunden hatte, löste sich ein großgewachsener Mann. Strenge Hornbrille, mittellanges schwarzes, an den Schläfen ergrauendes Haar, in seiner Hand einige Manuskriptseiten. Harald S. war ungefähr in Joachims Alter. Ein Kollege, Weggefährte und in vielen Dingen mit seinem Leben eng Vertrauter - wenn auch selber in gänzlich anderen Lebensumständen. Er war Bettina und mir aus gelegentlichen Erzählungen vage, wenn auch nicht persönlich bekannt.

Harald schilderte meinen Bruder in alltäglichen, zum Teil banalen Situationen. Er vermittelte den Zuhörern, dass trotz dieser eher beiläufigen Darstellung von Alltäglichkeiten kein beliebiger Mensch, kein genormter, vorhersagbarer Charakter, sondern eine komplexe Persönlichkeit skizziert werden sollte. Jo, die Spinne in weitverzweigten Netzwerken, doch nicht wie diese auf der Suche nach schneller Beute, sondern bemüht, diese Netze stetig auszubauen und die schon bestehenden, zum Teil sehr feinen und recht komplizierten Verästelungen mit großer Sorgfalt zu pflegen. „Commandante“ Jo: immer ein offenes Ohr für jeden, stets mit guten Ratschlägen bei der Hand, ohne dass sie, wie Harald hervorhob, wie „Schläge“ daherkamen. Doch, wie die Spinne das Netz zur Aufrechterhaltung ihres Stoffwechsels benötigt, war es für Joachim vielleicht so, dass eine möglichst große Schar von Freunden und eine solche komplexe private Infrastruktur das überlebenswichtige Stützkorsett darstellte, um ihn selbst in der Spur zu halten? Stellten die dort offengelegten Bedrängnisse der anderen für ihn selbst vielleicht oft genug einen willkommenen Anlass dar, Rechenschaft in eigener Sache zu vermeiden, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen oder überhaupt ihre Notwendigkeit zu ignorieren? Es wäre vollkommen unredlich zu behaupten, dass wir uns diese Fragen während oder unmittelbar nach Haralds Worten gestellt hätten. Seine Bemerkungen, auch die leicht ironisch gefärbten, waren voller Wärme, freundschaftlicher Emotionen und tiefempfundener Wehmut - etwa wenn er von seinem so plötzlichem Ende als „mindestens ein halbes Leben zu früh“ sprach.

Zwei Umstände ließen uns in den folgenden Jahren tiefer gehende Fragen stellen: Zum einen war Haralds Text in großer Stückzahl ausgedruckt worden - ob allerdings für wirklich alle Trauergäste in ausreichender Zahl, ist nicht bekannt. Im Nachhinein, vor allem natürlich in der ersten Zeit, hatten wir uns häufig mit den zwei DIN-A-4 Seiten beschäftigt, sie sozusagen zwischen den Zeilen immer wieder und wieder gelesen. Und vor allem tauchten nach seinem Tod mehr und mehr weitere Fragen auf. Fragen nach seinen privaten Lebensumständen, nach vielen Baustellen, die sein Leben vor allem in seiner letzten Lebensphase immer komplizierter umstellt haben müssen. Und was war diese von Harald in mildes Licht der Nostalgie und Wehmut getauchte „Groupie“-Szenerie wirklich?

Nun ja, sie wurde auch von einer ganzen Reihe mehr oder weniger verkrachter Existenzen bevölkert, bis hin zu vertrottelten, heimatlosen Altstalinisten oder jüngeren Kollegen, hart gesagt: Jünger-Jüngelchen, die nach stetiger Beachtung, Betreuung und Unterweisung am Hofe des Urgesteins lechzten. WMW - ein besonders tragisches Beispiel eines lebenslänglich Unerwachsenen.

Der längst verstorbene Vater eine Vertreterlegende - man munkelte, er habe in den späten Sechzigern aus den Provisionen für einen einzigen Bestseller ein Haus gebaut. Der Betreffende erfüllte das Klischees des dekadenten, irrlichternden Trottels und Sohns eines Übervaters perfekt, und spielte damit kongenial die Rolle des geduldeten Hofnarren, genauer: fest implantierten Kücheninventars (denn genau dort wurden bei Jo Weltall- und „Kiez“ - Probleme verhandelt).

Wir waren schon vor unserer Berliner Zeit zunächst belustigt, später dann allerdings mehr und mehr verstört auf Abstand gegangen. So wie wir es auch in unserem privaten Umfeld schon längst getan hatten: nur noch Umgang zu haben mit solchen Menschen, bei denen wir das Empfinden und die regelmäßig bestätigte Gewissheit haben konnten, dass wertvolle private Zeit zum gegenseitigen Nutzen, im Idealfall zu gegenseitiger Freude miteinander verbracht werden konnte. Nur noch so viel an dieser Stelle zum Thema: Verstörende, wutkranke alte Männer (ja, das ist auch wahr: erstaunlicherweise kaum Frauen) gab es hierzulande schon ab den frühen Neunzigern. Wobei angesichts „alternativer“ Exemplare unserer Gegenwart (in diesem Fall allerdings reichlich Frauen) die uralte Erkenntnis aus der Farbenlehre hilfreich ist: Keine Farbe hat eine solche Vielzahl von Übergängen zu Braun wie Rot. Jeder halbwegs ernsthafte Weintrinker weiß: Rotwein oxydiert ins Bräunliche, wenn man ihn vergisst und/ oder schlecht behandelt. Diese „Frühwutkranken“ in Joachims Entourage waren Leute, denen nach Ende des Sowjetkommunismus der Boden unter den Füßen und in nicht seltenen Fällen auch wesentliche Geldflüsse abhandengekommen waren. Ein besonders krasser Fall, ein gewisser Karl U., etwa zehn Jahre älter als Jo, spreizte sich gerne vor (jüngerem) Publikum damit, dass er in seiner charmant-harmlosen Wienerschmäh-Intonierung Josef Stalin zum größten Staatsmann aller Zeiten ausrief. Er dachte ernsthaft, er könne die Jüngeren damit noch schocken und in Diskussionen hineinziehen, um sie womöglich für „die Sache“ zu gewinnen. Bei uns materialisierte sich an seinem Beispiel besonders krass der in jenen Jahren entstandene Begriff des „Fremdschämens“ - ansonsten allerhöchstens noch ein flüchtiger Gedanke, dass U. ganz sicher den Zeitpunkt verpasst haben musste, irgendwann rechtzeitig Termine in Altbau-Praxen mit Parkett, hohen Decken, gedämpftem Licht und bequemen Möbeln wahrgenommen zu haben... Doch das alles - wie auch ähnliche Beobachtungen, die wir zu seinen Lebzeiten zu seiner rastlosen, unermüdlichen „Netzwerk- Arbeit“ dann und wann und eher beiläufig gemacht haben mochten - war an diesem Freitagmorgen zunächst noch weit weg.

Marcos Gitarrenspiel, Haralds Worte und auch die sich jeweils nach kurzen musikalischen Intermezzi anschließenden persönlichen und sehr nahegehenden Statements mehrerer langjähriger verlegerischer Wegbegleiter ließen keinen Raum für derart Grüblerisches. Auch der riesige Lindwurm, der sich über die breite Hauptachse von Melaten in Richtung des offenen Grabes erstreckte, erfüllte uns mit einem eigenartigen Gefühl verblüfften Stolzes, gepaart mit der Trauer, angesichts dieses Aufmarsches offenbar so vieles nicht voneinander gewusst zu haben.

In den folgenden anderthalb Stunden passierte dann etwas, was uns, anders als der erst im Nachhinein von uns auf die beschriebene Weise interpretierte Text des Trauerredners Harald S., ganz direkt und nachhaltig verstörte.

Sehr bald, nachdem die Familie und die allerengsten Freunde einen letzten Blumengruß in das offene Grab geschickt hatten, nahmen wir, die Angehörigen, etwas seitab Aufstellung. Zum Glück hatte es ein wenig aufgeklart, sodass man nicht vollends im Morast oder auf vom Dauerregen total durchweichtem Rasen stehen musste. Viele der nun folgenden Gäste traten dann kondolierend auf Silke und Charlotte zu, etliche berücksichtigten auch Eva, einige sogar uns alle, die wir uns als verwandtschaftliche Kleingruppe von insgesamt acht Personen aufgestellt hatten. Nachdem dieses Procedere eine Weile würdig, geordnet und einigermaßen zügig funktioniert hatte, trat, nachdem er etwas abseits eine Zigarette geraucht hatte, Hans „zurück ins Glied“. Zunächst. Doch offenbar hatte das Nikotin ihn derart belebt, ja geradezu angefeuert, dass er sich veranlasst gesehen haben musste, wenig später eine Änderung vorzunehmen.

Als ein Mann mittleren Alters aus der weiter unaufhörlich kondolierenden Schar der Trauergäste unsere Gruppe erreicht hatte, trat er ihm plötzlich in den Weg. Unvermittelt hielt er ihm seine ausgestreckte Hand entgegen und sagte einen einzigen Satz: „Danke, dass Sie gekommen sind.“

Es konnte auch kein Irrtum oder eine Verwechslung bestehen: dieser Mann, wie alle nachfolgenden Personen, die er auf diese Weise behelligte, waren meinem Vater völlig unbekannt, was zum größten Teil durch fragende und ratlose Gesten der Angesprochenen noch unterstrichen und ungewollt bestätigt wurde. Durch den sehr bald entstandenen Rückstau entstand Unruhe, was einige Gäste veranlasste, davon abzusehen, sich unter diesen Umständen den direkt Betroffenen zuzuwenden. Mir ist diese Szenerie in den Jahren seither immer wieder in Träumen erschienen. Oft habe ich die Situation dann dadurch aufgelöst, man könnte auch sagen: gerettet, dass ich meinen Vater anschrie: „Was bildest du dir eigentlich ein? Siehst du nicht, in welch unmögliche Situationen du die engsten Freunde und Weggefährten deines ältesten Sohnes bringst?“

Was wenige Jahre später diesem Melaten-Erlebnis noch einen zusätzlich realen, tragischen, beinahe unheimlichen Nachgeschmack verlieh? Harald S. starb auf ähnlich dramatisch-plötzliche Weise wie Joachim, exakt im gleichen Alter, allerdings als Vater mehrerer noch minderjähriger Kinder. Doch das unfassbare Verhalten Hans Frohweins war das eigentlich dauerhaft Verstörende dieses Freitagmittags im Juli 2002. Diese peinliche Geste, in ihrer ahnungslosen Anmaßung, ihrer ganzen Hilflosigkeit angesichts der auf diese Weise so brutal sichtbar gewordenen jahrzehntelangen Ausgrenzung aus dem Leben seines ältesten Sohnes legte in chirurgischer Präzision offen, was in dieser Familie in den vergangenen Jahrzehnten schief, verquer oder gar nicht gelaufen war. Es gibt eine Menge von Gründen dass wir uns, selber mittlerweile in einer relativ vorgerückten Lebensphase, über so Einiges klar werden sollten.

II

Ende und Anfang

Heute, im Frühjahr 2022, in wenigen Wochen zwanzig Jahre nach „Melaten“, stellen wir fest, dass wir seit einiger Zeit unser inneres Gleichgewicht wieder gefunden haben. Sechs Jahre nach unserem Wegzug aus Oberbayern und zwölf Jahre, nachdem wir Berlin verlassen hatten, haben wir hier in Meerssen längst die Gewissheit, dass diese beiden verlassenen Lebensschwerpunkte, die wir während gut anderthalb Jahrzehnten besiedelt hatten, schwerst gestört, ja: dauerhaft kontaminiert sind. Der in den letzten Jahren nach und nach zu Tage getretene Befund, es handele sich in beiden Fällen um gescheiterte „Gemeinwesen“, ist angebracht.

Das sei, sozusagen als „Vorwort“ an dieser Stelle einmal kurz gestreift. Dann und wann, falls es in entsprechenden Zusammenhängen angebracht ist, wird konkret über Manches und Manchen zu reden sein. SeehoferSöder und ihre Satrapen waren ja keineswegs aus dem Nichts entstanden. Dass sie, diese dumm-dreisten Schergen, sich dem dumpfen Publikum, das ihre Verstiegenheiten nur allzu gerne und allzu lange aufgesaugt hat, sich derart lange hatten als Lösung aufdrängen können, ohne dass es einer gewagt hätte, ihnen nachzuweisen, dass sie zentraler Teil eines Riesenproblems sind: dieses und noch viel mehr wird die schwindenden Ressourcen endgültig aufsaugen und viele Gutwillige und Kreative, die einst gut- und bereitwillig gekommen waren, vertreiben.

Mit Anfang Sechzig, einem Alter also, welches für viele, ja, es stimmt: leider allzu viele Zeitgenossen eine Art von Schlusspunkt darstellt, haben wir in den letzten beiden Jahren aufgeräumt, sortiert, gewichtet. Für geistig „Freischaffende“ - Dozentin und Publizist - sind das zwar dauerhafte und zwingend notwendige Erfordernisse, doch für familiäre Hinterlassenschaften in Form von Plunder, auch Preziosen, Fundstücken und vor allem Papier(en) jeder nur erdenklichen Art hatte solch ein Tun für lange Zeit leider nicht gegolten.

Wie so oft war es ein äußerer, von uns nicht beeinflusster Anlass, der die Chose ins Rollen brachte. Vor gut einem Jahr nun hatten wir spontan alten Berliner Bekannten Zuflucht und zumindest für den Übergang eine Art Stützpunkt gewährt. Sie waren Mitte Januar 21 mit Sack und Pack - genauer: einem Container ihrer Habe - bei uns gestrandet. Nach einem dreiviertel Jahr war es dann endlich soweit, dass ihre neue Bleibe in einer ziemlich einsamen, aber preiswerten Ecke der Eifel so weit hergerichtet war, um unsere Garage und zahlreiche Nischen des Hauses von den allerletzten Resten „ihres Lebens“ zu befreien. Am nächsten Tag, als Ulrich und Franziska Grambow mit Hilfe ihres Spediteurs die diversen „Stapelgelasse“ unseres Hauses in Zuid-Limburg von ihrem Plunder befreit hatten, hatte Bettina dann eine spontane (?), jedenfalls naheliegende Idee. Wie wäre es, so ihre vermutlich schon lange gehegte und aus den verschiedensten Gründen ungestellt gebliebene Frage, selber einmal mit unseren über Haus, Gartenhaus und Garagen verstreuten Klamotten „klar Schiff“ und dort, wo es sich nach gemeinsamer Einschätzung als notwendig erwiese, wortwörtlich „reinen Tisch“ zu machen? Da wir beide zur Jahreswende 21/22 keine größeren oder drängenden Projekte auf dem Schreibtisch oder im Notebook hatten, machten wir uns also an die Arbeit. Bald stellten wir fest, dass das Gros der Klamotten nicht einmal direkt mit uns selbst zu tun hatte, sondern vor allem aus Nachlässen oder Teilen von Nachlässen der letzten zwei Jahrzehnte bestand - überwiegend von meiner Sippschaft, dabei zum größten Teil von Hedwigs, also der Seite meiner Mutter. Es kamen Fragen auf. Teil-Antworten warfen nur immer wieder neue Fragen auf. Kurz: Bettina forderte mich, Peter Frohwein, auf, als letzter „Überlebender“ und relevanter „Zeitzeuge“ dieser sehr „speziellen“ Familie, zu berichten, reichlich geschwollen ausgedrückt: „Zeugnis abzulegen“.

Gelegenheit, nähere Umstände und Zeit dafür seien nun einmal gerade recht günstig, womöglich der letzte Zeitpunkt, bevor erneut wichtige Erfordernisse des Alltags, noch geplante große Reisen und am Ende zwangsläufige dem Alter geschuldete Einschränkungen diese Tür endgültig zuschlagen ließen. Und dass es eine Menge zu berichten gebe, womöglich auch, um sich selbst manches klarer zu machen, das sei, so Bettina, die „den Laden“ seit vierzig Jahren genau, aber immer noch nicht genau genug kenne, völlig klar.

Nachdem ich mich feierlich ihrer Mithilfe versichert hatte, versprach ich, das gerade angebrochene Jahr nicht nur mit Aufräumen im lediglich haptischen Sinne zu verbringen. Ich würde am Schreibtisch streng Dienst tun: Ordnen, Chronologisieren und Mitteilenswertes, womöglich sogar zu Erkenntnissen Geronnenes mit ihrer lektorierenden Hilfe nach bestem Wissen und Gewissen in Bits und Bytes umwandeln.

Insgeheim war ich froh, dass Bettina die Initiative ergriffen hatte. Eine gewisse Last aufgrund der Vielzahl der Geschehnisse hatte ich lange schon empfunden, spätestens als meine beiden Geschwister so jung und innerhalb so kurzer Zeit gestorben, in Karins Fall: eher doch wohl endgültig zugrunde gegangen waren. Letztere kurz nach Hans´, aber zweieinhalb Jahre vor Hedwigs Tod. Freilich, aus eigener Initiative in diese Richtung etwas zu unternehmen, fehlten viele Jahre Zeit, Kraft und Gelegenheit, doch selbst wenn man sich diese abgerungen hätte: Es wäre mir Bettina gegenüber als ein egomanes, oktroyierendes Ansinnen vorgekommen.

Zumal sie mit ihren eigenen familiären Hypotheken, zumindest zeitweise, etwa bis ins letzte Drittel der Zehnerjahre, reichlich belastet war.

III

Entziffertes - Eins

Prag, Anfang März 1942

Lebe hier in der vierten Woche wie im PARADIES!

Die Stadt eine einzige Friedensidylle. Beschaulich, altehrwürdig. Jeder, der hier seit drei Jahren seine Arbeit macht, an dieser gesegneten Stelle Aufgaben für das Reich hat übernehmen dürfen, ahnt zunächst nicht einmal, was für ein großes Los er gezogen hat.

Kaum zu glauben: vor nicht einmal sechzig Tagen hockte ich mit meinem Haufen noch in der schlimmsten Winterhölle. Dort unten am Dnjepr wusste keiner von uns, ob das überhaupt gut ausgehen würde. Unsere Nachschublinien stark gefährdet, zum Teil gar abgeschnitten durch ständige Bandenüberfälle: Kälte, Kohldampf, keine Post, keine Nachrichten - hatte man uns etwa vergessen? Und das Schlimmste: dieser ewig anrennende Ivan! An unserem kaum dreißig Kilometer breiten Divisionsabschnitt hatten wir nach zwei Monaten etwa vierzig Prozent Ausfälle: Ernste Erfrierungen, Darmerkrankungen, ein paar Kameraden, die es sogar nervlich erwischt hatte! Ausfälle durch direkte Feindeinwirkung gleich Null.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da treiben diese verbrecherischen Bolschewisten-Kommissare Tag für Tag, Nacht für Nacht erbärmlich bewaffnete Muschiks vor unsere MG-Läufe und in unsere Minenfelder! Anfangs, vor allem um unsere Nerven zu schonen, haben wir nach dem Abebben der zuletzt zusammengeschossenen Welle noch einmal in Richtung der elendiglich Schreienden und Wimmernden gefeuert. Doch nachdem uns mit der Zeit auch die Munition knapp geworden war, erging der Befehl, dass solcher „Luxus“ zu unterbleiben habe. Überläufer und Gefangene berichteten, dass dieses Gesindel mit gezogener Pistole die Landser zum „Angriff“ zwinge. Wer sich weigere oder auch nur einen Moment zögere, würde umgehend erschossen. Es sei wohl auch so, dass die Angehörigen dieser Unglücklichen im Hinterland zusätzlich noch zu leiden hätten - bis hin zum Arbeitslager! Und kein einziger dieser dumpfen Tölpel hatte offenbar den Schneid, diesen Gangstern den Hals umzudrehen! Völlig unfassbar!!

<<<Unsere Aufgabe, in diesen riesigen Räumen ordnend, zivilisierend einzugreifen, ist gewaltig. <<<

Hoffe nur sehr, dass dem FÜHRER das ganze Ausmaß klar ist!!

Man muss es leider so knallhart sagen: dieser ganze Ost-Krieg ist eine einzige Schweinerei! Er besudelt unsere Soldatenehre in mehrfacher Hinsicht! Ein viehischer Gegner, der seine eigenen Leute ganz unbeschreiblich, noch weit schlechter behandelt als man sich das bisher nach Lage der Dinge bei aller düsteren Phantasie hatte vorstellen können. Eine bolschewistische Verbrecher- und Funktionärsclique, die auch UNS zum Äußersten zwingt. Eine üble, fanatisch abgerichtete Verbrecherbande, die jeden Anstand, jedes Maß verhöhnt. Man sollte die Drahtzieher dieses Gesindels nach dem Krieg nicht alle liquidieren - zumindest einigen sollte der Prozess gemacht werden!

Bevor bei uns am Ende alle verhungert, erfroren oder an der... Scheißerei verreckt waren, waren es dann tatsächlich loyale Tataren und Kosaken, die vor allem dank ihrer Sprach- und Ortskenntnisse zum Glück große Teile der Bandengebiete unter Kontrolle bringen konnten. Sicher half uns auch ab Mitte/Ende Januar die nach und nach behobene Krise am Mittelabschnitt aus dem Schlamassel.

Eigentlich sehr peinlich: was war da schief gelaufen?

Wehrmacht, Reichsbahn, aber auch unsere eigenen Oberführer sollte man nicht so einfach zur Tagesordnung zurückkehren lassen!

Wir haben zwar an unserem kleinen Abschnitt während dieser zehn, zwölf Wochen mindestens vierzigtausend elende, armselige Rotarmisten ins Jenseits befördert, aber warum sind Hunderten Kameraden Gliedmaßen abgefroren, diese dadurch für nichts und wieder nichts zu Invaliden geworden und warum sind weitere Hunderte an Ruhr oder Typhus krepiert? Und das Allerschlimmste: diese Besten der Besten starben keinen würdigen Soldatentod! Sie starben nicht, weil der Feind stark, an Zahl überlegen oder gerissen war (welch ein Aberwitz bei dieser verbrecherischen, primitiven „Führung“ auf der anderen Seite), sondern weil geschlampt wurde - bei UNS selbst!

Doch eines bleibt bei allem Ärger, der hoffentlich lehrreich ist, ebenso klar: Diese Steppe, diese krasse Entartung, dieser Abschaum musste und muss angegangen und am Ende getilgt werden! Europa wird es sich nicht leisten können, diese riesigen Räume weiter ohne jegliche zivilisatorische Gestaltung sich selbst überlassen zu können.

Das Gebot für die zivilisierten Völker Europas muss eindeutig sein: Opferbereitschaft JA, doch so wenig Verschwendung wertvollsten Blutes! Kulturnationen wie zuletzt Japan im Stillen Ozean verstehen es immer wieder, mit geringstmöglichem Aufwand an Mensch und Material große Schäden beim Feind anzurichten. Unser Sieg in Frankreich mit angesichts der Größe des Erreichten sehr geringem Blutzoll war eine ähnliche Glanztat.

Aber wie verhielt es sich dann verglichen mit diesen beiden Großtaten mit Kreta im letzten Frühsommer? War diese ärmlich-erbärmliche Insel mit einer gegenüber dem Kern-Griechenland rassisch ohnehin recht fragwürdigen Bevölkerung am Rande des Mittelmeeres das Leben Tausender unersetzlicher und exzellent ausgebildeter deutscher Elitesoldaten wert?

Wehe, wenn sie uns irgendwann bei wirklich wichtigen Operationen fehlen sollten! Wir - besonders WIR Angehörige des Schwarzen Ordens - müssen aufpassen, dass uns im Osten der zu allem entschlossene Feind und dieses gottlose Terrorsystem nicht verbiegt. Verrohen wir in ähnlicher Weise, so hätten WIR uns angepasst.

Dann hätte der Feind an dieser Stelle „gewonnen“.

Prag, 10. März

Die „Wikinger“ hatten dann schließlich unsere Stellungen mitsamt den schweren Waffen und Ausrüstungen übernommen und so ging es dann vor sechs Wochen für unseren Haufen mit knapp sechzig Prozent seiner Stärke vom Oktober 41 auf die Bahn. Poltawa- Kiew- Lemberg- Pressburg- Wien. Auch wenn man die zum Teil schlimmen Begleitumstände dieser „Reise“ - immerhin drei Tage für wenig mehr als tausend Kilometer - bedenkt: UNS kam es vor wie eine KDF-Reise! Und dann erst WIEN!

Herrlich duftender, vor allem echter Bohnenkaffee! Reichlich und gut zu Essen - wahre Köstlichkeiten, die manch einer nicht einmal im Frieden zu sehen bekommen hatte! Kolossal prunkvolle, riesige Häuser! Und dann noch diese „Krankenschwestern“: die „feschesten“ göttinnengleich wie UFA-Stars, sogar die „unauffälligeren“ noch jeden Blick wert. Sie hatten eine vordringliche Aufgabe: uns zu entlausen, bevor wir wieder auf die zivilisierte Menschheit losgelassen werden konnten. Der überwiegend mitleidige Blick dieser weißen Erscheinungen ließ uns nur ahnen, welch schlimmen Eindruck wir auf sie gemacht haben mussten. Und dennoch: WIR fühlten uns sauwohl, vor allem, wenn man bedachte, wer sich bisher um uns gekümmert hatte und wer jetzt!

Und dann, nur wenige Tage nachdem man uns einigermaßen wieder hergerichtet hatte, das nächste Wunder, dieses Mal für mich! Ein noch recht junger Standartenführer hatte der Lazarettleitstelle befohlen, sobald Sturmführer Frohwein wieder „auf dem Damm“ sei, diesen in die Mariahilfer Straße zu überstellen. Es stellte sich heraus, dass dort die Dienststelle des Reichsprotektors Böhmen und Mähren ein Verbindungsbüro betrieb. Dort erfuhr ich, dass diese Position seit demletzten Herbst kein Geringerer als Obergruppenführer Reinhard Heydrich bekleidet. Nichts war davon zu uns in die ukrainische Schlammwüste durchgedrungen, so abgeschnitten wie wir waren! Noch einmal lief es mir kalt den Rücken herunter, wie viel Glück und Zufall mich vor dem bewahrt hatte, was so vielen anderen Kameraden willkürlich und ohne ihre „Schuld“ zugestoßen war!

Man hatte in Prag Reichsprotektor von Neurath aus seinem Amt gehievt - offiziell „krankgeschrieben“, doch in Wahrheit vermutlich zu alt und gebrechlich, wahrscheinlich auch zu lasch und zu wenig gradlinig in seiner Amtsführung. Wie mir der zackige Standartenführer Klose dann dargelegt hatte, gehe es darum, das Protektorat zu einer Art Vorzeige- und Mustergebiet zu machen – federführend und maßgeblich unter der Regie des ZVI (Zentralverband der Industrie) und das heißt am Ende von SD und SS. Die kriegswichtige Bedeutung von Böhmen und Mähren sei dabei gar nicht hoch genug einzuschätzen - aus gleich mehreren Gründen. Zum einen dank der traditionell sehr guten industriellen Basis, einer hervorragend ausgebildeten, anstelligen und größtenteils gutwilligen Arbeiterschaft und vor allem - angesichts der sich stark vermehrenden und sich intensivierenden Feindeinflüge im Westen des Reiches - einer kaum nennenswerten Gefährdung aus der Luft.

Da ich als Nachwuchskraft der Handelskammer Essen durch meine Arbeitsbeziehungen zu Krupp, Haniel und vor allem der Gutehoffnungshütte bis Ende 40 Erfahrungen hatte machen können, vor allem in Sachen „Fremdarbeiter in kriegswichtiger Produktion“, hatte sich dieses über diverse Kanäle innerhalb der Division offenbar bis Prag herumgesprochen. Der RP benötige jedenfalls - und das vor allem bitte recht zügig! - einen guten, verlässlichen und gerne mit „Stallgeruch“ versehenen Verbindungsmann zum ZVI. Wohl auch „zügig“, um dort diverse „eingeschlafene Füße“ aus der Neurath- Zeit ein bisschen auf Vordermann zu bringen. Also: Obergruppenführer und Reichsprotektor Heydrich befiehlt Sturmführer und Industriekaufmann Hans Frohwein, 22, in offensichtlich wichtiger Mission nach PRAG! Was sagt man dazu?

Prag, Anfang April 1942

Zurück von einer Inspektionsreise nach Pilsen (vor allem Skoda-Werke). Organisiert und geleitet von Dr. Adolf, Präsident des ZVI in B&M. Wirklich eine interessante Woche! Ich war anfangs völlig verblüfft!

Die hiesigen Arbeiter genießen sämtliche Rechte (Arbeitszeitregelungen, Rechte auf Sonderzuteilungen usw.) wie ihre Kameraden im Altreich. Allerdings mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass sie regelmäßige Luftalarme oder gar Bombenangriffe nur vom Hörensagen oder aus der Wochenschau „kennen“!

Herrschte in Pilsen wenigstens noch eine Ahnung davon, dass wir uns in einem welthistorischen Ringen auf Leben und Tod befinden – zum Beispiel Waffen und militärische Ausrüstung in Produktion, Transport oder Erprobung oder diskrete Vorkehrungen gegen zumindest theoretisch denkbare Luftangriffe -, so ist man hier in Prag weit, sehr weit von solchen Gedanken entfernt. So könnte man sich eine Stadt oder ein ganzes Gebiet nach dem Sieg vorstellen - eine nach unserem nationalsozialistischen Ordnungs- und Kulturverständnis gestaltete Einheit. Es drängen sich wohl besonders hier Prag solche Gedanken auf, da hier zum Glück Zeugnisse einer jahrhundertealten prägenden Kulturgesittung eines tätigen, kraftvollen Deutschtums allgegenwärtig sind. Die älteste deutsche Universität steht nicht in Heidelberg, sondern in PRAG!

Das einfache Volk - in der Regel des Deutschen kaum mächtig - versucht es dennoch „radezubrechen“, gewiss auch deshalb, um „gut Wetter“ und seine mehr oder weniger kleinen Geschäfte mit uns zu machen. Diese eigentlich braven Leute treten seit vielen Generationen (einst im „alten Österreich) in dienender Weise in Erscheinung: Kellner, Frisör, Schneider, Kutscher, Taxichauffeur, Photograph oder Handlanger aller Art. Viele Gebäude, die wir nutzen, bleiben den „normalen Tschechen“ verschlossen - es sei denn, sie machen dort abends spät oder sehr früh am Morgen sauber oder liefern irgendetwas an.

Auch innerhalb unserer zivilen Dienststellen sind Uniformen allgegenwärtig, man versteckt sie keineswegs und bewegt sich ganz selbstverständlich in und mit ihnen - ganz so, als wäre man in Köln, Regensburg oder Hildesheim.

Für mich eine ganz neue Erfahrung! Doch sollte es nicht genauso sein? Kein düsteres Feindesland, sondern dem Wortsinne nach Schutzgebiet unter unserer Kontrolle, einer zugleich gestaltenden, prägenden, wenn nötig auch einmal zupackenden Hand. Verhält sich der Engländer in Ceylon oder Indien nicht genau auf diese Weise - und das seit Generationen? Und auch der Niederländer in Batavia, der Franzose in Nord- und Westafrika und Siam? Zumal diesen Völkern - besonders den Engländern - ein solches Verhalten, oder doch eher eine solche HALTUNG längst in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken!

Höchste Zeit also für uns, an genau dieser Stelle kräftig „aufzuholen“. Und wäre ein durch und durch nationalsozialistisch und dank des beherrschenden Einflusses unseres Ordens, nicht zuletzt auch dank der amtlichen Anwesenheit des Obergruppenführers, ein auch WELTANSCHAULICH geprägtes Protektorat nicht ein wunderbares Vorzeigestück und Ansporn für andere? Böhmen und Mähren als Testfall für eine tragfähige Friedensordnung und zugleich für ein Modell, wie man vernünftig mit der einheimischen, in ihrer großen Mehrheit absolut friedfertigen, intelligenten und gutwilligen Bevölkerung umginge.

Muss jetzt leider Schluss machen, schade eigentlich. Die Frühlings- und Friedensidylle lässt die Gedanken nur so sprudeln...

Doch übermorgen trifft der ZVI mit allen wichtigen Mitarbeitern - auch den Neulingen(!) - mit dem Reichsprotektor zusammen. Gleich neben unserer Zentrale im Palais Sylva Taroucca empfängt der Ogruf zu einem längeren Vortrag. Seine recht ausführliche Denkschrift „Das Protektorat B&M: Herausforderungen und Aufgaben für den politischen Soldaten“ liegt vor mir. Damit ich nicht gänzlich unbeleckt dort erscheine, werde ich

mich doch noch ein wenig in die Sache hineinknien müssen. Ein bisschen Arbeit für die grauen Zellen kann ja nie schaden.

Allemal sinnvoller, sich weiteres geistiges Rüstzeug für eine kulturstiftende Aufgabe anzueignen, als im ukrainischen Morast Massen stupider russischer Muschiks abzuschießen.

Hier und jetzt wie im Frieden leben und zugleich dabei zum Gelingen von etwas wirklich Großem beizutragen - dafür gilt es auf Zack zu sein!!

IV

Garage

Diese Tagebuchfragmente, fast alle aus seiner recht kurzen Zeit in Prag, muss er lange vor Kriegsende bei einem seiner Heimaturlaube irgendwo deponiert haben. Es war SS-Leuten strikt verboten, Tagebücher zu führen, und je höher man in der Hierarchie stand und je delikater, „geheimer“ die jeweilige Funktion war, desto nachdrücklicher wies man die Betreffenden auf das Verbot und Konsequenzen seiner Missachtung hin.

Bedenkt man die Umstände, unter denen Hans das Kriegsende erlebte, so kann es nur auf die beschriebene Weise möglich gewesen sein, dass sich diese paar Dutzend handbeschriebener Blätter erhalten haben. Unmittelbar nach Hedwigs Tod im Sommer 2008 bekamen wir sie zum ersten Mal zu Gesicht. Der Verfasser war drei Jahre zuvor gestorben („zur großen Armee abberufen worden“, Originalton HF), doch der Ort, ein spezielles Möbelstück, wo er die Blätter vermutlich Jahrzehnte lang deponiert hatte, war eine der wenigen Tabuzonen, auch für Hedwig „off limits“.

Sein altes Büro, von ihr ganz bewusst stets mit einem gewissen Unterton „Herrenzimmer“ genannt, bestand vorwiegend aus heller Eiche und dunklem Leder. Zentral ein Bücher- und Aktenschrank, davor ein wuchtiger Schreibtisch, rechter Hand vom Benutzer aus gesehen in der Nähe des einzigen Fensters der „Maschinentisch“, auf dem bis zuletzt eine wuchtige mechanische „Olympia“ - Schreibmaschine, meist unter ihrer werkseitig passend gelieferten Hülle, thronte. Links diagonal vom Schreibtisch aus gesehen füllte ein Eckschrank diesen Teil des Raums aus: das Oberteil bleiverglast, genau wie beide Türen des Bücherschranks. Doch hier waren es Gläser, in ihrer Verschiedenheit den Alkoholika entsprechend, die hinter der unverglasten Tür im unteren Teil des Eckschranks deponiert waren. Alle diese Möbelstücke waren aus ursprünglich heller, massiver Eiche, insgesamt sachlich, gradlinig gestaltet, mit Ausnahme der ein wenig verspielt wirkenden Kassetten- Profile der jeweiligen Vorderfronten.

Jahrzehnte ununterbrochenes Reval-Rauchen hatte das Holz allerdings etliche Grade dunkler gebeizt. Gedämpft, ja: konterkariert wurde der helle, gar nicht einmal unfreundliche Eindruck durch Folgendes: Gegenüber dem Schreibtisch und längs der fensterlosen Wand klotzten zwei schwere dunkelbraune, am Rückenteil nietenbeschlagene Ledersessel. Zwischen diesen Ungetümen ein „Rauchtisch“ aus getriebenem Metall, schwarzgrün, knapp hüfthoch und mit einem Durchmesser von kaum einem halben Meter zwischen diesen Sesseln geradezu spielzeughaft wirkend. Diese Sessel müssen im Deutschen Reich vor allem zwischen den 1880er- und 1930er Jahren und dann noch einmal im Westen in den Fünfzigerjahren zu Abertausenden produziert worden sein. Ein Statement vermeintlich arrivierter Bürgerlichkeit, vielleicht auch der anfänglichen stark verbreiteten Empfindung geschuldet, dass „Mann“ in „großen Zeiten“ in entsprechende Sitzmöbel gehöre.

Joachim hatte dann auch irgendwann in den Siebzigern den Begriff „Reichskanzlei-Stil“ für diese Art von…Ästhetik geprägt. Und dennoch: Es gibt unzählige Fotos oder Wochenschau-Sequenzen höchst unterschiedlicher Gestalten, die in solchen Sesseln, häufig Zigarre rauchend, einen - unfreiwillig - etwas „versunkenen“ Eindruck machen: Brecht, die Gebrüder Mann, Einstein, Thyssen, unzählige Militärs, am Ende natürlich, ganz unvermeidlich, auch reichlich Gesindel. Der EINE aus der Gesindel-Horde ist in einem solchen Möbel nur ganz wenige Male und dann auch nur in Zivil zu sehen. Überhaupt steht er bekanntlich zumeist in Bild und Film, also in offizieller Haltung: Wenn nicht mit beiden Armen rudernd oder den einen emporgereckt, hat er die Hände gerne in der Nähe des Gemächts oder dem, was davon nach dem mutmaßlichen Ziegenbiss in seiner frühen Jugend im Waldviertel noch übrig war...

Doch zurück zum Schreibtisch, der Fundstelle dieser schwierigen Aufzeichnungen. In der hintersten Ecke des rechten Teils - es handelte sich um einen wuchtigen Podest-Schreibtisch mit je einer großen linken und rechten Tür und einer zentralen Schublade unter der Schreibtischoberfläche - bargen wir einen etwa DIN-A-3- großen grauen Karton. Für mich ein Kindheits-Déjà-Vu: genau diese Kartons waren im Haushalt und in den Geschäftsräumen der Brands, Hedwigs Elternhaus, bis zu Carls Tod allgegenwärtig. Carls mit Abstand wichtigster Geschäftspartner, die Bremische Fleischwarenfabrik Könecke verwendete solche Kartons als Versandverpackungen für den Großhandel. Und wenn mich mit meinem Großvater eine Eigenschaft bis heute besonders verbindet, so ist es die zählebige Angewohnheit, Dinge erst dann wegschmeißen zu können, wenn alle noch so intensiven Überlegungen, etwas „Wertiges“ nicht doch irgendwie weiter benutzen zu können, am Ende ergebnislos geblieben sind. Und tatsächlich: nach all den Jahren, Jahrzehnten verströmte dieser halbvolle, vermutlich schon sehr lange nicht mehr geöffnete Karton eine dezente Salaminote!

Wenn von „schwierig“ im Zusammenhang mit jenen Aufzeichnungen die Rede war, so bezog sich dieses Prädikat keineswegs auf deren Inhalt. Uns waren seine dort geäußerten Gedanken und „Statements“ nur zu bekannt und eigenartig vertraut. Es wäre jedoch nicht gerecht und auch zu simpel, Hans etwa ab dem Alter von sechzig Jahren bis zu seinem Tod fünfundzwanzig Jahre später noch immer als einen fanatischen, eingefleischten „alten Nazi“ zu charakterisieren. Seine Schilderungen, wie „man in dieser Zeit tickte“, wie diese Zeit auf seine Umgebung und seinen Umgang wirkte, hat er zum einen immer wieder freimütig zum Besten gegeben, zum anderen auch überhaupt kein Hehl daraus gemacht, dass seine „Weltsicht“ damals für ihn ganz natürlich, geradezu glasklar war. Man könnte, ja: sollte solch eine Freimütigkeit auf seiner Habenseite verbuchen - sofern man in der Lage ist, sich vom „Inhalt“ loszulösen. Der Normalfall seiner Generation sah sich - wenn nicht im „Widerstand“ - als „ahnungslos“, als „Opfer“ in „jener Zeit“. Wenig plausibel und - bei aller gebotenen Zurückhaltung uns glücklich „Nachgeborener“ - kein besonders leichter Weg, den Altvorderen Respekt entgegen zu bringen. Diese „Haltung“ wiederholte sich auf ähnlich erbärmliche Weise nach der Liquidation der SED-Diktatur. Verlogenheit, Verzagtheit und Larmoyanz: ein übles, sehr langlebiges Schwestern-Trio mit reichlich „deutschblütiger“ DNA.

Etwas anderes war es, was uns an Hans´ späterer Sichtweise immer wieder entsetzte, anfangs auch auf die Palme brachte. Was während der ganzen Jahre in seinen politischen Bemerkungen oder beiläufigen Kommentaren zu aktuellen Geschehnissen immer wieder durchschimmerte, war das mitschwingende, wenn auch nie direkt ausgesprochene Fazit, dass nach seiner einschätzenden Abwägung seit jenem 8. Mai 1945 nichts wirklich „Bedeutendes“ mehr geschehen sei. Vielleicht mit der einen Ausnahme: dem Bankrott des Sowjetsystems und seiner Komplizen in „Mitteldeutschland“. Das war in unseren Augen das eigentlich Befremdliche, doch auf der anderen Seite tat er uns wegen dieser offensichtlichen Unfähigkeit und Weigerung, nicht zu bestreitende, geradezu zivilisatorische „Fortschritte“ zu erkennen, leid.

Wirklich „schwierig“ waren diese auf erstaunlich gutem Papier (vielleicht noch „Friedensware“?) niedergeschriebenen Gedanken aus einem ganz anderen, gänzlich banalen Grund. Bis zu seinem Tod schrieb mein Vater in Sütterlin. War er umständehalber gezwungen, „modern“ zu schreiben, sah es so aus und las sich das Ergebnis, als hätte sich ein mäßig begabter Zweitklässler abgemüht. Diese für mich vollkommen unlesbaren, wenn auch mit gestochen scharfer Bleistiftschrift versehenen Blätter blieben aus diesem Grund ein weiteres gutes Jahrzehnt unbeachtet, „unbearbeitet“. Wenn es mich auch damals schon sehr interessiert gehabt hätte, was er in seiner „Prager Zeit“, aus der einige „Anekdoten“ und auch eine ganze Reihe Photos schon lange bekannt waren, zu Papier gebracht hatte. Doch ein sich bald anschließender Umzug von Berlin nach Oberbayern und viele andere Erfordernisse und Aufgaben in dieser Zeit sorgten dafür, dass wir die Chose erneut einpackten und in den folgenden Jahren nicht weiter beachteten. Bettina hatte angemerkt, als sie diese für mich unlesbaren Hieroglyphen beiläufig einmal angeschaut hatte, dass sie „so etwas“ noch in den Siebzigerjahren auf ihrer Klosterschule(!) gelernt habe. Eigentlich erstaunlich, war diese von Nonnen betriebene Privatschule doch seinerzeit von den Nazis arg drangsaliert, ja bis an den Rand ihrer Auflösung gedrängt worden.

Und jetzt, genauer: vor knapp einem Vierteljahr tauchte nach dem Abholen der letzten Grambow ‘schen Habseligkeiten dieser graue Karton plötzlich wieder auf. Bettina hatte ihn im Regal hinter unseren Pflanzen, die in der Garage überwintern, zuerst entdeckt. Sie griff entschlossen zu, versicherte sich mit einem kurzen Blick seines Inhalts, und dann, in Richtung unseres mittlerweile stattlichen Altpapierbergs unterwegs, fragte sie, beiläufig auf den Karton deutend: „Kann ich dann wohl jetzt endgültig entsorgen? Eigentlich schade, aber dich scheinen ja, wie man dieses Jahr über lange Wochen gesehen hatte, Geschichten von anderen Leuten und ihren Lebensumständen intensiver zu interessieren.“

Ich spürte, wie ich rot wurde, zugleich machte ich unbewusst einen Schritt auf sie zu, meinen rechten Arm in Richtung des Kartons schon ausgestreckt. Auf eine ganz besondere Art spürte ich, dass die nächsten Minuten ausgangs unseres vierten gemeinsamen Jahrzehnts wichtig sein könnten, ja: vielleicht eine Weggabelung erreicht war, an der ein Wegweiser ganz sicher in eine ungute Richtung zeigen könnte. Ich bemühte mich, weder laut zu werden, noch einen weiteren Schritt in Richtung Bettina und den Karton zu machen. Ich sagte, zerknirscht, wohl sogar ein wenig kleinlaut: „Aber Schatz, du weißt doch genau, dass mich diese Blätter damals schon interessiert hatten. Aber ich kann doch davon nicht das Geringste entziffern!“

Bettina, offenbar auch um eine gewisse Entspannung der Situation bemüht, schüttelte den Kopf, sagte dann: „Und was hat das dann für einen Sinn, das Zeug behalten zu wollen?“ Bevor ich zu einer Antwort ansetzen konnte, dämmte sie mich mit ihrem freien Arm zurück: „Hör jetzt bitte einmal für einen Moment zu. Ich mache dir das Angebot ganz genau ein einziges Mal, hier und jetzt. In den nächsten Minuten wirst du - nur du - entscheiden, ob der kleine Papierstapel in diesem Karton im Reißwolf oder auf meinem Schreibtisch landet.“ Sie hatte sich zwischenzeitlich auf drei aufeinander gestapelte Bananenkisten gesetzt, die noch unserer „Revision“ harrten. Als ein vielleicht kleines Zeichen der „Entspannung“ hatte sie den Karton zwar aus der Hand, aber immerhin noch direkt neben sich auf die Kiste gelegt. Überraschend leise, ja nachdenklich fuhr sie fort: „Im Sommer, immer wenn die Grambows hier bei uns mal wieder ein wenig abhingen, in der ersten Zeit oft genug auch regelrecht durchhingen, stellte ich fest, mit wie viel Engagement du in ihren alten Geschichten, oft nicht einmal von Uli oder Franziska angestiftet, herumgewühlt hast. Mich hat das zunächst verwundert, später auch ein wenig irritiert und dann auch verärgert, weil ich mir immer wieder sagen musste, dass für die uns viel wichtigere Geschichte und Geschichten deiner eigenen Sippschaft solch ein Eifer schon längst mindestens ebenso angebracht gewesen sein müsste. Ich empfand das alles, spätestens als Ihr dann noch dieses - ich gebe zu recht interessante - Büchlein „Requiem auf das alte Westberlin“ auf den Weg gebracht hattet, als eine ziemlich peinliche Kompensation, ja: sogar regressive Projektion. Ähnlich wie es Jo immer gehalten hatte: sich um die Probleme anderer kümmern, um selber bloß nicht in die Verlegenheit zu kommen, bei sich selbst endlich aufzuräumen.“

Ich wollte einen Einwand, eine Ergänzung anbringen, doch erneut dämmte sie meinen Ansatz, etwas sagen zu wollen, weg, funkelte mich stattdessen mit ihren großen grünen Augen an: „Einen Augenblick noch Geduld, bitte. Mein Angebot lautet also: Peter Frohwein setzt sich in den nächsten Monaten auf seinen Hosenboden und berichtet über seine Familie, tiefschürfend, ausführlich. Zielsetzung sollte dabei schon am Ende auch sein, die Sache zu veröffentlichen. Ich hätte dafür auch schon einen Arbeitstitel. „Summa Summarum“ oder ein wenig „österreichisch“: „In Summe“ - klänge wohl beides ganz ordentlich. Meine Investition in das ganze Projekt wäre für den Anfang, quasi als Zündfunke, dass ich mich mit dieser Sütterlin-Bleistiftwüste auseinandersetze. Wenn ich das vor tausend Jahren auch einmal halbwegs gelernt habe, ist es mir völlig klar, dass es eine Herkulesaufgabe sein wird, dieses Konvolut ordentlich zu transkribieren, ganz abgesehen von der zu erwartenden inhaltlichen, nun ja: Sperrigkeit.

Ich fürchte, einige Wochen wird das sicher kosten. Solltest du dich endlich dazu durchringen, ordentlich, zusammenhängend und halbwegs interessant über deine Sippschaft zu berichten, so ist es genauso klar, dass ich mit voller Kraft dabei sein werde: Ermuntern, Reden, Nachfragen, auch Diskutieren, Redigieren, kurz: am Zustandekommen von etwas Brauchbarem so viel beizutragen, wie es mir möglich ist. Ich finde, bald zwanzig Jahre nach Jos Tod solltest du mit Anfang Sechzig schon der Frage endlich einmal zu Leibe rücken, warum seit so langer Zeit keines deiner Geschwister mehr am Leben ist. Beide hast du schon jetzt mit deinem aktuellen Alter längst überlebt, Jo seit einigen Wochen um ein ganzes Jahrzehnt. Du hast jetzt also die Wahl: wandert diese Schachtel auf den Haufen hier hinter mir oder in den ersten Stock, wo ich ihrem Inhalt schon ab morgen Vormittag mit Lupe, Speziallicht und was sonst noch allem zu Leibe rücken würde?“

V

Uli aus Berlin / West

Weit mehr als seine meist positive freundliche Ausstrahlung, die ich vor allem auf seinen beruflichen Umgang mit „antiquarischem Spielzeug“ zurückführte, stand (und steht) Uli noch für einen weit wichtigeren Aspekt. Das galt in meinen Augen vor allem für die Zeit - letztlich waren es kaum mehr als sechs, sieben Jahre -, die wir, nachdem wir uns kennengelernt hatten, in derselben Stadt lebten. Möglich, dass es für einen „gelernten“ Historiker naheliegend ist, in Milieus oder „Phänotypen“ spezielle Charakteristika von Epochen, Haltungen oder Mentalitäten zu erkennen, sozusagen „nachzuschmecken“ und daraus Schlussfolgerungen für das „Große Ganze“ abzuleiten.

Doch zunächst sah es überhaupt nicht danach aus, dass Uli Grambow über das Geschäftliche hinaus für mich Bedeutung erlangen sollte. Sein großer, schöner, chronisch von frisch eingetroffenen Dingen überfluteter und daher stets leicht chaotischer Laden in der Nähe des Lietzensees sprach erst einmal für sich. Diese Charlottenburger Ladenadresse war, wie keine andere in ganz Berlin, eine permanente Bedrohung meiner Geldbörse. Zum Teil deswegen, weil Uli Dinge wunderbar zu präsentieren wusste, ja: besondere Preziosen in seinen hochwertigen Vitrinen regelrecht zu inszenieren verstand. Und zudem passierte es immer wieder, dass er frisch Eingetroffenes, wenn er wieder einmal nicht wusste, wo ihm der Kopf stand, mit einer unaufdringlichen und zugleich aber gegenüber dem Objekt wie dem Interessenten respektvollen Nonchalance nach dem „Drehtürprinzip“ spontan, „ungesehen“ und günstig weiter „vertickte“.

Ich lernte ihn kennen, es war die frühe Euro-Zeit (für mich gut erinnerlich, weil sehr viele Sachen bei ihm zu dieser Zeit mit zwei Preisen ausgezeichnet waren), als er sich geschäftlich und privat sozusagen auf Wolke Sieben befand. Ich erfuhr sehr bald, dass der Endvierziger kürzlich geheiratet hatte, für beide die erste Ehe. Franziska („Franzi“), etwa zehn Jahre jünger, war und ist alles andere als eine Frau, die optisch Eindruck zu machen versteht. Sie verkörpert den Typ „Kumpel“, mit vielen charakterlich angenehmen Merkmalen. Andererseits ist sie eine Frau, die sich eher im Kittel als im Kostüm wohlfühlen mag. Gut vorstellbar, dass sie das selber auch so formulieren könnte. Mit ihrer wuchtigen, leicht adipösen Erscheinung wirkt sie wie das klischeehafte „späte Mädchen vom Lande“, dazu noch mit der Aura der Fünfzigerjahre. An Statur überragt sie ihren Mann - diesen kleinen, agilen, drahtigen Neuköllner - beinahe um einen Kopf, doch damit scheint Uli kein Problem zu haben. Im Gegensatz, das sei hier einmal angemerkt, zu Legionen anderer kleinwüchsiger Männer, ob prominent oder nicht, ob vermeintlich mächtig oder irrelevant.

Seine Präsenz, mit der er jeden Raum zu füllen versteht, überspielt im Nu die dralle blonde Franziska, der das, wie wir hier in Meerssen zuletzt des öfteren beobachten konnten, offensichtlich nichts ausmacht - im Gegenteil. Offenbar haben also wieder einmal krasse Gegensätze: hier die kleine wuselige, ruhelose Großstadtpflanze, dort das stattliche, wenn auch uneitle, schüchterne Ostmädchen vom Land, perfekt zueinander gefunden. Sehr gut möglich, dass am Anfang auch die äußeren Umstände das gegenseitige Interesse gefördert hatten. Doch was ist dagegen zu sagen, wenn ein Endvierziger mit einer geradezu desaströsen „Beziehungsbilanz“ über Jahrzehnte und eine durchschnittliche Enddreißigerin aus der östlichen Pampa zueinander finden? Zusätzlichen Goldstaub verlieh dieser Periode ihres späten Glücks kurze Zeit darauf der Umstand, dass sich Nachwuchs einstellte. Unser „Söhnchen“, so Ulis Formulierung, wie er auch in anderen Fällen auf diese treuherzig-naive Art, so wie es nur (West-) Berliner konnten, jeden unentrinnbar, vor allem nach der flächendeckenden Markt-Implementierung des Smartphones, seines Glücks teilhaftig werden ließ. Und dann noch dieser boomende Laden, Woche für Woche und mit den Jahren in immer größeren Dimensionen angereichert mit allen erdenklichen Schätzen! Mehr und mehr aus Nachlässen derer, die ihre über zwei, drei Jahrzehnte kräftig angewachsenen Sammlungen nicht hatten „mitnehmen“ können, wohin auch immer die Reise ging oder mehr oder weniger abrupt endete. Mitte der Nullerjahre war es nicht übertrieben, wenn man für den noch immer rasch wachsenden Sektor „Antiquarisches Spielzeug“ von Ulis Geschäft als dem Laden in der Stadt und einem zum ersten Dutzend seiner Art gehörenden im ganzen Land sprechen hörte.

„Antiquarisches Spielzeug“. Wenn ich in seinem Beisein damals hin und wieder ganz bewusst diesen Begriff benutzte, so winkte er in der Regel leicht genervt ab. Dann und wann, vor allem, wenn er wieder einmal dabei war, in der „Arbeit zu ersaufen“, setzte ein verstörendes, zuweilen sogar aggressives Poltern ein: „Nu red´ ma nich so jeschwollenes Zeug, Herr Professa! Weißt du überhaupt, wie dit hier funktioniert? Kann ick dir ma kurz flüstern! Die einen kommen mit ´ner Wodka-Fahne hier rein und kippen dir irgendwelchen Müll auf die Theke. Denken Gott weiß was Tolles sie da anschleppen. Andere, eigentlich arme Teufel, die die vom Vater oder Opa geerbte Sammlung Stück für Stück auseinander reißen, nur um den längst überfälligen Stromabschlag oder die nächste Kühlschrankfüllung zu wuppen. Dann wieder elende, leichenblasse Kiffer oder Kokser, die - hoffentlich nicht geklautes - Spielzeug anbringen. Sachen, von denen sie so viel Ahnung haben wie ich von Altgriechisch. Du kannst dir nicht vorstellen, mit was für Geschichten ich obendrein noch zugetextet werde! Erholsam und lukrativ sind nur die Außentermine. Die Witwen kaum erkalteter Männer, die nicht schnell genug die Sammlungen des Verblichenen verhökern können. Doch die sind rar und immer mehr von ihnen haben sich dumm-schlau gemacht und denken Gott weiß was für Preziosen der Göttergatte dereinst an Land gezogen hatte. Denen muss ich dann erst mal schonend beibringen, dass ihr ach so cleverer „Experte“ damals in der Regel auf einen schon längst fahrenden Zug aufgesprungen war und dass nur wirklich sehr seltene und 1a erhaltene Teile hohe Preise erzielen. Und dass ihr Trauerfall - so schlimm das auch für sie persönlich sein mag - mitnichten der einzige ist, ganz im Gegenteil. Ich gebe ja zu, dass ich manch schönen Schnitt mache und jeden Müll, wie viele andere Kollegen, muss ich zum Glück auch nicht mehr kaufen. Aber du glaubst ja gar nicht, in was für`n Siff ich oft packen muss, bis die Teile schlussendlich in der Vitrine zu stehen kommen können. Deshalb also: „Antiquarisches Spielzeug“ - dat ick mir nicht scheckig lache!“

Genau so klang er, der kleine quirlige Neuköllner mit den schwarzen Haaren und der Goldrandbrille. Ein weiteres „Uli“-Merkmal, wie ich bald feststellte, waren seine C-Klassen-Kombis in jährlich wechselnden, jedoch stets unbegreiflich krass misslungenen Pastellmetallicfarben. Ich lernte ihn erst kennen, als er schon stramm auf dem Weg in Richtung Fünfzig war. Aber er hatte noch immer etwas von der „Fixigkeit“ der Berliner Jungs, die in den labyrinthischen Trümmerlandschaften ihrer Kindheit und frühen Jugend eine Menge vom „wahren Leben“ hatten lernen können. Viel mehr jedenfalls als sonst im beschaulichen und allzu schnell „restaurierten“ Nach-WKII-Deutschland, vielleicht mit Ausnahme des Ruhrgebiets, was vielleicht auch ein Grund war, dass wir von Beginn unserer Bekanntschaft an eine gemeinsame Frequenz hatten. In jeder Pore konnte man noch bei diesem „späten“ Uli die Energie, die Quirligkeit, die Sturheit und den Überlebenswillen, ja: auch das zuweilen anstrengende und verstörende, aber zugleich irgendwie drollige Vorlaut-Prollige und lärmend Altkluge („ha´ick, kenn´ ick, haste denn sonst nüscht Neuet?) des Nachkriegs-Westberliners nachschmecken. Diese in Summe sympathischen Charakteristika waren um die Jahrhundertwende schon längst eine Rarität geworden, zumindest bei den wenigen „Eingeborenen“, mit denen wir zu tun hatten. Und genau das war wohl auch der Grund, warum mich dieser Uli - noch weit über das gemeinsame Interesse an altem Spielzeug hinaus - fesselte.

Doch es wäre übertrieben und auch ein wenig hochnäsig, wenn ich aus heutiger Sicht behaupten würde, dass ich ihn damals sozusagen wie eine Variante aussterbender Spezies mit zoologischem, anthropologischem oder mit dem Blick des Historikers betrachtete. Doch dass er ein Stück Berlin verkörperte, das damals ohne Zweifel dabei war, auszusterben, spürte ich intuitiv. Es erfüllte mich mit einer diffusen Traurigkeit und dem unterbewussten Wunsch, ja: Bedürfnis, dieses „Restpostens“ noch ein wenig länger teilhaftig zu bleiben - über den bloß geschäftlichen Komplex „Antiquarisches Spielzeug“ hinaus. Wie war es überhaupt dazu gekommen, dass Uli und das, was ihn in meinen Augen ausmachte, zu diesem „Restposten“ hatte werden lassen?

Nun, es war wohl diese verdammte Mauer. Während achtundzwanzig langer Jahre prägten sich dank der nur zu bekannten Umstände zwei Berlins aus. Durch die Stadt ging nicht nur ein Riss aus Mörtel und Elektrik, sondern zwei Welten, zwei völlig diametral unterschiedliche Auffassungen, wie Menschen ihren kurzen diesseitigen planetarischen Aufenthalt gestalten sollten, prallten aufeinander. Hauswand an Hauswand, Gewässer an Ufer, sogar durch Friedhofsareale, nicht zuletzt quer durch Familien, ja Individuen.

„Berlin bleibt doch Berlin“ - diese schlichte, provinzielle, einfältige Beschwörungsphrase aus Schlagern und Touristenführern beschwor einen frommen Wunsch und war nach jedem weiteren Jahr der brutalen Zerschneidung so relevant wie die Verheißung der Wiederauferstehung oder Ewigen Lebens aus den sich zeitgleich und immer rapider entvölkernden Syndikatsgebäuden. Wenn man aus rückwärtiger Sicht die noch immer enorme Wirkungsmächtigkeit von Klischees, die vor allem mit Berlin und den vermeintlich „Goldenen Zwanzigern“ in Verbindung gebracht werden, in Betracht zieht - wenn also fünf, sechs flüchtige Jahre des Aufbruchs, der Avantgarde, aber auch eines krassen Deliriums diese Langzeitwirkung über mittlerweile ein Jahrhundert ausüben: wie zählebig mögen dann erst die Zäsuren von fast drei Jahrzehnten „Grenzregime“, gegenseitiger Hetze und monströser Lügengebäude sein?

Doch es war ja seit dem Sommer 61 nicht so, dass die Mauer nur Nachteile für die Bewohner der westlichen Halbstadt gehabt hätte. Zwar verließen viele junge Leute, die genauso lebenspraktisch waren wie Uli, die Stadt. Sie hatten in der Regel eine bessere Ausbildung, vielleicht auch eine geringere innere Bindung und sahen - zu Recht - bessere Perspektiven in „Westdeutschland“.

Die Folge war eine rasant einsetzende Überalterung, was in jenen drei Jahrzehnten vieles (manches bis heute) hat überdauern lassen, worüber in der Bundesrepublik die Zeit längst hinweggegangen war und ist. Doch es kamen auch neue Menschen in die Inselstadt - auch viele junge Leute aus Nah und Fern. Der Senat hatte mit Unterstützung von „Bonn“ kräftig geworben und vor allem in den ersten Jahren nach dem Mauerbau stand man mit reichlich Geld in der weit geöffneten Tür. Jeder, ob Karin Müller, Mehmet Toker, Giuseppe Rossi oder Boris Zivkovic, waren höchst willkommen, wenn sie mithalfen, den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Und sie packten kräftig mit an.

Als sich Anfang der Siebziger Jahre manche weltpolitische Aufregung um die Stadt verflüchtigt hatte, kamen weitere junge Leute in die Stadt. Es waren dieses Mal jedoch ganz andere, jedenfalls nicht solche, für die der Senat noch wenige Jahre zuvor Geld in die Hand genommen hatte. Diesen Leuten war Berlin als „Projekt“ - als westlicher Vorposten gar - völlig gleichgültig. Einzig wesentlich war für diese Leute das Fehlen jeglicher Verbindlichkeit, die Existenz und Erweiterung von „Freiräumen“, angereichert mit öffentlichen Geldern, deren Verwendung und in der Regel krasse Vergeudung oder totales Verschwinden niemanden zu interessieren schien. „Verweigerung“ war das Trendmotto, später größenwahnsinnig und gewohnt geschichtsvergessen: „Widerstand“ genannt.

In besonderes anschaulicher Weise personifiziert durch die von entsprechender Publizistik instruierten und quartalsweise einfallenden „Wehrdienst-Flüchtlinge“, die sich in großer Zahl sehr bald auch langfristig in speziellen „Kiezen“ anlagerten. Der einfältig-unschöne Begriff „Kiez“, der ähnlich schwammig und undurchsichtig daherkommt wie häufig seine Bewohner, stammt aus dem Milieu von Gewohnheitsverbrechern der Weltstadt Hamburg. Dort bezeichnet(e) er seit je „Herrschafts“- und Einflusssphären von Zuhältern, Dealern, Gossengesocks oder sonstigem einschlägigen Gesindel. Insofern ist es schon erstaunlich und mehr als vielsagend, wenn dieses Unwort seit einiger Zeit auf inflationäre Weise Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat, beispielsweise der „Abendschau“.

Doch zurück zu jenen „Pflichtflüchtigen“ der Siebziger Jahre. Als am Ende dieses Jahrzehnts Wehrdienstleistender habe ich nie verstanden, warum der Berliner Senat diesen Leuten nicht freundlich-bestimmt Folgendes sagte: „Liebe jungen Freunde Berlins! Schön, dass Ihr so zahlreich gekommen seid! Aus den uns allen nur allzu bekannten Gründen dürft/ müsst Ihr hier kein Grünzeug anziehen und keine Waffe tragen. In dieser Stadt leben aber schon heute - künftig absehbar aber noch viel, viel mehr - überproportional viele alte und arme Leute. Wir freuen uns sehr, mit Euch einen beispielhaften Zivildienst aufbauen zu können!“ Hat er aber nie gesagt, der Senat - welcher Couleur auch immer. Geschweige denn, jemand aus dem verschnarchten Bonn hätte den Mumm gehabt und „sich zuständig gefühlt“, diese erkennbare Fehlentwicklung überhaupt anzusprechen.

Obwohl man seinerzeit noch wusste und es an bestimmten „Feiertagen“ immer wieder beschwor, dass es in Berlin die Festigkeit, Belastbarkeit und eine intuitive und lebenspraktische Tapferkeit (die nicht wie nebenan im Sowjet-Protektorat auf Kommandos, Erpressung und Druck basierte und auf Lobhudelei und Blechorden spekulierte) über zwei Jahrzehnte fertiggebracht hatte, allen Pressionen und Zumutungen der Moskowiter und ihrer auch an dieser „Front“ sehr „deutschen“ Schergen und Protektoratsaufseher nebenan zu trotzen. Diese feste Haltung und Kompasseinstellung in jenen unruhigen Zeiten, von naiven oder gekauften westlichen Grünschnäbeln und Speichelleckern oder von der anderen Seite abgerichteten „Kundschaftern des Friedens“ als typische „Frontstadtmentalität“ denunziert, kam der Halbstadt in einem schleichenden Prozess abhanden.

An ihre Stelle trat nach und nach eine Subventions- und Vollversorgungsmentalität altkluger Schnösel, die ihresgleichen sucht und in immer wieder neuen und absurden Facetten bis heute fortdauert. Memmenhaft „posende“ Gefühligkeit eigenen „wichtigen Anliegen“