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Stella Merz arbeitet als Temporärsekretärin in einer Zürcher Anwaltspraxis. Als sie erfährt, dass der früh verstorbene Mann ihrer Mutter nicht ihr leiblicher Vater gewesen war, macht sie sich auf die Suche. Ein romantischer Krimi Eine spannende Love-Story
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Fatima Vidal
Der verschollene Vater
Costa Blanca – Zürich
Roman
Frühmorgens an einem Sonntag
Es ist der 31. August.
Alles lief nach Plan.
Um Viertel nach sieben, auf die Minute genau zur abgemachten Zeit, drückte Stella die silberne Klingel des dreistöckigen Mehrfamilienhauses. Der schrille Ton ging ihr durch Mark und Bein.
Im Nachbarhaus zog ein blonder Knabe die Storen nach oben. Auf dem frisch gemähten Rasen glitzerten dicke Tautropfen im Morgenlicht. So früh am Sonntag waren noch nicht viele Leute unterwegs. Stella schon. Als der Wecker um fünf Uhr gesummt hatte, war sie sofort aus dem Bett gesprungen. Die Locken hatte sie erst geglättet, dann straff nach hinten gebürstet und in eine Haarspange gezwungen. Gezähmt. Für ihre Mutter. Schmerzlich genug für sie, dass ihre Tochter rothaarig war.
Stella würde Heidi Merz mit dem gelben Döschwo, den sie von Rob, ihrem Hauswart, geliehen hatte, zum Flughafen fahren. Sie wollte ihr diese eine Frage stellen, die ihr seit zehn Tagen das Herz zuschnürte. Ohne die Nerven zu verlieren, ohne zu weinen. Ihre Mutter konnte Gefühlsausbrüche nicht ausstehen.
»Hallo Mutter. Freust du dich auf Biarritz?«, versuchte Stella das Eis zu brechen.
Ohne Erfolg. Heidi Merz und sie waren einander fremd. Sie trafen sich selten, und nur, wenn es sich nicht vermeiden liess. Wie jetzt. Weil Stella hartnäckig darauf bestanden hatte.
»Selbstverständlich freue ich mich. Was für eine Frage!«, antwortete ihre Mutter und drückte ihr eine blaurot gestreifte Canvastasche in die Hand.
»Warte bitte draussen auf mich. Ich komme nach, sobald ich hier fertig bin.«
Die Tasche war federleicht. Es könnte sich ein Luftkissen für die Reise darin befinden. Stella tastete sie ab, spürte ein paar härtere Gegenstände. Eine Haarbürste? Ohrclips? Sie stieg die Treppen hinunter, trat vor das Haus und wartete neben »Ducki«, wie Rob sein Auto liebevoll nannte. Stellas Herz klopfte wild und in ihrem Kopf tobte ein Sturm. Sie dachte sich Dialoge aus, legte sich Fragen zurecht:
»Mutter, ich habe erfahren, dass mein verstorbener Vater nicht mein leiblicher Vater war«, würde sie beginnen. Oder: »Heidi«, meistens nannte sie ihre Mutter beim Vornamen, »Heidi, wer ist mein Vater? Sag es mir. Bitte!«
Aus dem Nachbarhaus kam eine Frau in einem hellblauen, wattierten Morgenmantel und dazu passenden Pantöffelchen, mit einem Hund in ihrer Armbeuge. Sie schaute Stella mit geschürzten Lippen an. Dann stellte sie den Hund auf den Boden, trippelte mit ihm ein paar Meter hin und her. Er schnüffelte am Rosenstrauch, an den Steinen, an der Baumrinde, hob sein Bein, setzte sich hin. »Braver Pit, Schätzeli«, lobte sie ihn, und schaute wieder zu ihr. Dann nahm sie das Häufchen mit einem knisternden roten Plastiksack auf, schlurfte in aller Ruhe zum Trottoir und warf das Säckchen in den hellgrünen Robidog. Ein paar Minuten später verschwanden Frau und Hund im Haus.
Vor zehn Tagen hatte Stella über eine Anwältin Post von ihrem Vater Carlo erhalten. Genau an seinem dreissigsten Todestag. Aus diesem Brief erfuhr sie, dass Carlo Merz, der früh verstorbene Ehemann ihrer Mutter, gar nicht ihr leiblicher Vater gewesen war! Stella wurde seither von widersprüchlichsten Gefühlen überrannt. Wenn Carlo nicht ihr Vater war, wer war es dann? Und wieso hatte Heidi Merz fünfunddreissig Jahre lang darüber geschwiegen? Eine getigerte Katze rannte über die Strasse. Ein Auto war zu hören, von weitem ein Flugzeug. Jemand zog die Nase hoch. Stella schaute sich um, nach links, nach rechts. Auf einem der Balkone stand die Frau im wattierten Morgenmantel. Eine Kaffeetasse in den Händen, eine Zigarette zwischen den Lippen.
Stella hatte also keine Ahnung, wer ihr leiblicher Vater war. Wo er lebte, ob er überhaupt noch lebte. Aber sie hatte zwei Mütter: ihre leibliche Mutter Heidi Merz, die nichts von ihr wissen wollte, und Zara Sanz, die zuerst ihre Tagesmutter gewesen war. Bis zu dem Tag, an dem ihre Mutter sie nicht mehr bei Zara abholte. Von da an, Stella war gerade fünf geworden, wohnte sie bei Mama Zara und der kleinen Viola.
Um sich zu beruhigen, atmete Stella tief ein und aus. Ihr Magen knurrte. Zuhause hatte sie keinen Bissen heruntergebracht, jetzt plagte sie rasender Hunger. Ein Hund bellte. Schon wieder zog jemand die Nase hoch. Es roch nach Whisky, und das frühmorgens. Neben ihr plötzlich ein Rascheln im Gebüsch.
Stella schreckte auf.
»Die Tasche!« Ein Typ mit vernarbtem Gesicht und aufgeschlagenen Händen war aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht. Ein Handtaschendieb!
»Glaub mir, da ist nur wertloses Zeug drin!« Stella drückte die Tasche fest an sich. »Aber schau, diese hier«, sie zeigte auf ihre goldene Halskette, »kannst du für mindestens dreihundert Franken verkaufen. Ich schenke sie dir.«
Er schüttelte den Kopf. Schaute sich hastig um. »Die Tasche. Sofort!«
Der Typ war ungepflegt und unrasiert. In einer Sekunde hatte sie ihn von unten nach oben gescannt. Rodolfo, der Vater ihrer Freundin Viola, ein überängstlicher spanischer Milliardär, hatte ihnen das als Kinder so beigebracht. Auch hatte er die Mädchen zu jahrelangem Karatetraining verdonnert. Stella war jetzt weniger fit als eine Vierzehnjährige, die ständig trainiert. Doch alles hatte sie nicht vergessen.
Der Handtaschendieb sah versoffen und ungefährlich aus. Rasch scannte sie ihn von unten nach oben, blieb bei den abstehenden Ohren, den übermässig vollen Lippen und dem vernarbten Gesicht hängen und tippte auf massive Akne in seiner Jugend.
»Ich gebe dir das Auto!«, Stella warf ihm die Schlüssel mit dem gelben Schlüsselanhänger vor die Füsse. Bereute es sofort wieder. Schielte auf den Schlüssel, sah dann wieder zum Gauner. Tausend Gedanken fegten durch ihr Gehirn. Würde ihre Mutter sie hassen, wenn sie die Tasche weggab? Musste sie sich wirklich prügeln nur für ein Flugkissen, damit ihre Mutter sie lieben konnte? Wie sie aus Erfahrung wusste, war das verlorene Liebesmüh.
Der Ganove zog ein Stellmesser und schaute sich hastig um. Stella erschrak. Gegen ein Messer würde sie nicht ankommen, wenn sie keins hatte. Sie schob den rechten Fuss auf die Seite, zog den linken Fuss nach, machte einen Sprung und rannte weg.
»Stella!«
Ihre Mutter war an die Türe getreten. Stella schaute kurz zurück, stolperte über eine steinerne Schildkröte, die am Rand des frisch geschnittenen Rasens platziert war, fiel zu Boden, rollte ab und richtete sich rasch wieder auf.
Von der Hauptstrasse her heulten Sirenen.
»Her damit! Wird’s bald!« Der Ganove keuchte und brüllte zugleich. Seine Stimme überschlug sich. Er hatte Stella eingeholt und riss nun am Henkel der Tasche, die sie jedoch nicht freiwillig hergab. Tränen schossen ihr in die Augen. Aus Enttäuschung, aus Wut. Heidi Merz würde nach diesem Spektakel sicher nicht der Sinn nach Vergangenheitsbewältigung stehen.
»Du Armleuchter!«, schrie sie. »In der Tasche meiner Mutter ist nichts von Wert!«
»Tasche gehört Mutter?« Als hätte er plötzlich die Sinnlosigkeit des Vorhabens eingesehen, blieb der Typ mit den Narben wie angewurzelt stehen. Er liess die Schultern hängen, presste seine dicken Lippen zusammen und schaute um sich, als ob er Hilfe suchte. Mit der Hand wischte er sich Schweisstropfen von der Stirn.
Die Sirenen bogen in die Quartierstrasse ein.
Plötzlich packte sie jemand von hinten an den Haaren. Die Haarspange platzte auf und flog davon. Instinktiv drehte sie sich halb um und trat dem Typen mit dem linken Fuss heftig zwischen die Beine. Die farbigen Holzblumen der Sandaletten zersprangen und klirrten auf den Boden, ihr grosser Zeh schmerzte unerträglich. Stella schrie auf. Was sich weich hätte anfühlen sollen, war stahlhart. Er trug einen Hodenschutz. Der Narbige entriss ihr die Tasche. Sie schlug ihm mit der rechten Faust ins Gesicht. Dort hinterliess ihr Ring einen blutigen Stern unterhalb des Auges. Der Gauner taumelte. Noch eine Narbe, dachte sie kurz.
»Du elende Sau!«, näselte der Mann hinter ihr. Sie hörte noch, wie er die Nase hochzog, dann hörte sie nichts mehr.
*
Später, bei Mama Zara in Zürich
Wind ist aufgekommen.
»Du meine Güte, Stella! Das ist ja schrecklich!«
Zara klang fassungslos. »Hättest du ihm doch die hässliche Tasche deiner Mutter freiwillig gegeben!«
Stellas Pflegemutter spülte die frischen Pfefferminzblätter mit kaltem Wasser ab und warf sie energisch in den Glaskrug. Als sie den kühlen Tee mit einer Kelle umrührte, klackten die grossen, runden Eiswürfel an die Krugwand.
Stella hinkte mit einem Tablett auf die Terrasse.
»Lass das bitte und setz dich in den Schatten!«, rief Zara besorgt.
»Geht schon!« Stella schob ein Radieschen in den Mund, »ich bin wieder fit. Ehrlich!«
Sie stellte zwei Gläser, die roten Stoffservietten und den Teller mit den belegten Brötchen auf den grünen Metalltisch, der windgeschützt in einer Ecke des Gartens stand. Die Mittagssonne war nicht mehr ganz so heiss wie Anfang August. Ein Windspiel klingelte von einem der Nachbarhäuser.
Der Überfall war zum Glück glimpflich abgelaufen. Die Streifenpolizisten fuhren Stella, nachdem sie den Sachverhalt aufgenommen hatten, ins nahe gelegene Spital zur Routineuntersuchung.
»Das muss sein nach einem Schlag auf den Kopf«, erwiderte die Polizistin auf ihre Einwände.
Stellas Mutter hatte sich kurz zuvor verabschiedet. Verärgert, weil die Tasche mit dem Flugkissen abhandengekommen war. Wütend, weil sich Stella nach dem leiblichen Vater erkundigt hatte.
»Das ist alles gelogen!«, entsetzte sie sich theatralisch, während der Taxichauffeur den Koffer im Kofferraum verstaute. »Wer hat dir dieses Märchen vom unbekannten Daddy erzählt?«
»Das ist doch egal!«, gab Stella hartnäckig zurück. Sie hatte angefangen zu zittern. Der Überfall war ihr nachträglich in die Knochen gefahren.
Trotzdem blieb sie beharrlich: »Ich bin hundertprozentig sicher, dass Carlo nicht mein leiblicher Vater war.«
Heidi Merz schaute auf ihre Armbanduhr, dann machte sie mit der Hand eine Wischbewegung.
»So oder so: Mein Liebesleben ist Privatsache und geht dich überhaupt nichts an.«
»Bitte!«, Stella wurde übel. Ihre Beine fühlten sich wie Gummi an. Sie setzte sich auf den Randstein und versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu bringen.
Heidi Merz presste ihre Lippen zusammen und schaute weg. Dann sprang ihr Blick auf Stellas Füsse. »Deine Zehe blutet, die Sandaletten sind ruiniert. Hast du sie von der Opernsängerin ausgeliehen? Du wirst sie ersetzen müssen.«
»Ja, die Schuhe gehören Viola. Aber versteh doch, bitte, ... wie wichtig das für mich ...«
»Ich muss jetzt leider los und kann mich nicht um dich kümmern. Rasche und vollständige Besserung wünsche ich dir und deinem Fuss!«
Heidi Merz stieg in das Taxi.
»Zum Flughafen bitte!«, war das Letzte, was Stella von ihr hörte.
Die Eiswürfel klackten an die Krugwand. Zara trat mit Eistee und Besteck auf die Terrasse. Stellte alles auf den Tisch und setzte sich auf einen der geflochtenen Stühle.
»Aber sag, sie hat dir keinen einzigen Hinweis gegeben? Ob er tot ist oder noch lebt?«
»Kein Wort. Stell dir vor, sie meint, es gehe mich nichts an, wer mein Vater ist.«
»Eine Unverschämtheit!« Zara schüttelte den Kopf.
Stella wischte sich mit dem Handrücken eine Träne vom Gesicht. Sie versuchte, das Erlebnis wegzustecken, genauso wie all die anderen Dinge, die sie mit Heidi Merz erlebt hatte.
Ein Windstoss fuhr in die Pflanzen. Zaras Garten war ein kleines Paradies, vollgestellt mit Blumentöpfen aus Terrakotta, Holzkistchen, bunten Übertöpfen mit üppig blühenden Geranien, rosaroten Petunien, lilafarbenen Drillingsblumen. Mit duftenden Hängeblumen, Zitronenbäumen, Tomaten, Petersilie, Schnittlauch, Majoran, Rosmarin – Blumen und Gewürze in allen Farben und Geruchsschattierungen.
Stella fühlte sich geborgen bei Zara. Sie atmete durch, streckte sich vorsichtig. Der Körper schmerzte noch vom Zusammenstoss mit den Gaunern am frühen Vormittag. Wie bei einem Muskelkater. Sie hatte ein paar blaue Flecken, ihre rechte Hand, mit der sie den Dieb geschlagen hatte, war leicht gestaucht. Doch dem Kopf ging es gut.
»Das ist das Wichtigste!«, hatte die Ärztin in der Notaufnahme des Spitals konstatiert und sich dabei mit einem Finger an die Stirn getippt.
Nachträglich war Stella unglaublich froh, Ducki, den gelben Döschwo, zurückbringen zu können. Rob verdiente sich etwas dazu mit der Vermietung seines Autos. Für ihn wäre der Verlust ein herber Schlag gewesen.
»Wie Mobility«, schwärmte der Hauswart jeweils, während er mit den Fingerspitzen liebevoll über das Autodach fuhr, »aber schöner und in Gelb«. Sie hätte ihm ungern erklären müssen, sein Auto sei abhanden gekommen.
Der Döschwo war noch da; die Hoffnung, von der Mutter etwas über ihren Vater zu erfahren, war zerplatzt wie eine Seifenblase.
Sie schaute ihre Pflegemutter an.
»Ein Glück, dass ich bei dir und Viola aufwachsen durfte und nicht bei dieser kaltherzigen Frau. Sie raubt mir noch den letzten Nerv.«
Mama Zara tätschelte ihre Hand. »Damals, als sie dich plötzlich und unangemeldet bei uns liess, glaubte ich, sie stehe unter Schock. Carlo war ja an dem Tag seiner Krankheit erlegen.«
Zara wirkte ratlos. Immer wieder schüttelte sie den Kopf. Sie goss beiden Eistee ein. Er roch nach frischer Minze, nach Zitrone. Stella fischte mit der Gabel einen der Eiswürfel aus dem Krug, steckte ihn in den Mund und nuschelte: »Eine Frau, die ihre fünfjährige Tochter einfach bei der Tagesmutter lässt! Habe ich deswegen geweint?«
»Nein. Dein Lebensmittelpunkt war bereits zuvor hier bei uns. Der Wechsel deshalb nicht schockierend. Die Nachricht, dass dein geliebter Papa im Himmel war, verstörte dich aber schon.«
Zara nahm einen kleinen Schluck, tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab und fuhr fort: »Als mich Heidi ein paar Tage später fragte, ob du endgültig bei mir bleiben darfst, war ich sofort einverstanden. Ich fragte sie nicht nach den Gründen. Der Behördenkram war rasch erledigt.
Ich hatte mir immer schon viele Kinder gewünscht. Ab diesem Moment hatte ich eben zwei Töchter.«
Stella zerkaute das Eisstück. Zara fuhr fort: Die Leute dachten oft, Viola und du wärt zweieiige Zwillinge, weil ihr gleich alt seid. Sie sagten: »Wie erstaunlich! Das eine Mädchen so blond, das andere rothaarig.«
Zara fuhr ihrer Pflegetochter mit der Hand über das Haar. »Meine Kleine!«
»Mit einem Meter fünfundsiebzig bin ich eher gross geraten«, scherzte Stella. Sie lachten.
»Für Mütter sind ihre Kinder immer klein.«
Stella atmete tief durch. Zum ersten Mal an diesem Tag. Es tat gut, zu hören, dass sie geliebt wurde.
Ausser Zara und Viola hatte sie keine Familie. Rodolfo, Violas Vater, lebte in Andalusien. Victor, Violas Halbbruder, an der Costa Blanca.
»Hoffentlich werde ich niemals so gefühllos wie diese Frau!«
Zara legte ihre Hand auf Stellas Unterarm. »Ich bin sicher, dein Vater ist ein warmherziger, wundervoller Mensch, genauso wie du einer bist.«
Stella nahm ein Käsebrötchen von der Platte. Es war mit Erdbeerhälften und einer schwarzen Olive garniert. An Heidi Merz wollte sie heute nicht mehr denken.
»Wo ist eigentlich Violas Geschenk? Ich meine deinen kleinen Mitbewohner.«
Zara hob die Stimme, als würde sie ein Baby rufen: »Edgardo!«
Ein junger, grauer Kater hüpfte zwischen den Töpfen wie ein Gummiball auf die beiden zu, sprang auf Zaras Schoss, spitzte die Ohren und schnurrte laut wie ein kleiner Motor.
»Na, du Kuscheltiger!« Stella streichelte ihn. Der Kater rieb das Köpfchen an ihrer Hand. Dann versuchte er an die Brote zu kommen, hakte die Krallen in eine Serviette, zog eine Schlaufe heraus. Zara nahm seine Pfote vom Tisch und stellte ihn wieder auf den Boden. Schnurrend strich er um ihre Beine.
»Möglicherweise kann mir Victors Kollegin weiterhelfen bei der Suche nach meinem Vater?«
»Die jähzornige Oriana?«
Der 23-Jährigen eilte ihr Ruf voraus. Stella hatte vor einiger Zeit mit ihr zu tun gehabt.
»Ich finde sie sympathisch.«
»Sie hat Victors Laptop an die Wand geworfen! Dazu gehört mindestens eine kleine Portion Jähzorn, würde ich meinen.« Zara lachte.
»Wer weiss, warum sie das getan hat.« Stella nahm nun ein Eierbrötchen mit Schnittlauch vom Teller. »Möglicherweise hat er sich wieder einmal in Dinge eingemischt, die ihn nichts angehen.«
Zara hob eine Augenbraue. Stella fuhr fort: »Er hat nie erzählt, warum Oriana ausgeflippt ist. Oder, was sie genau für ihn arbeitet.«
Sie schwiegen kurz. Zara nahm sich ein Brötchen von der Platte. »Ja, die zwei scheinen einige Geheimnisse zu haben.«
»Wie auch immer, Oriana recherchiert hervorragend. Leider sprengen ihre Tarife das Budget einer Anwaltssekretärin.«
»Stella, ich kann dir aushelfen! Ich bestehe darauf.«
»Danke Mama Zara, aber du weisst, ich will das nicht.«
Zara schnalzte mit der Zunge, akzeptierte jedoch den Entscheid ihrer Pflegetochter.
Stella gab sich einen Monat Zeit, ihren Vater zu finden. Sollte die Suche erfolglos bleiben, würde sie ihr Bankkonto plündern und Oriana engagieren.
»Und wie läuft es mit Egon?« Zara zerschnitt ein Lachsbrötchen in mundgerechte Stückchen. Der Kater sprang auf ihren Schoss. Sie stellte ihn wieder auf den Boden.
»Egon geht es gut. Er hat in Gabi seine grosse Liebe gefunden.«
»Und wie geht es dir? Liebeskummer?«
»Nicht die Spur«, antwortete Stella. »Ich empfinde nur Erleichterung.« Es war erst drei Monate her, dass sie sich getrennt hatten. Nach zweijähriger, meist unglücklicher Beziehung. Egon hatte sich schon wenige Tage nach der Trennung neu verliebt und tat nun so, als hätte er Stella nie gekannt.
Die Hängetöpfe schaukelten im Wind, der Bambus und die Blumen in Zaras Garten bogen sich bei jeder Böe. Welke Blätter flogen durch die Luft. Eine Türe schlug zu.
Seit der Trennung lebte Stella in der Wohnung ihrer Pflegeschwester. Da Viola als Opernsängerin eine Anstellung im Mailänder Opernhaus angenommen hatte, stand die Wohnung meistens leer. Zara nannte das Haus ihrer Tochter »Die Burg«. Rodolfo liess jede Menge Hightech-Vorrichtungen installieren, um sein »kleines Mädchen« zu beschützen. Die Wohnungstüre wurde via Fingerabdruck geöffnet, der Lift reagierte auf die Stimmen der Mieter. Kameras überwachten Hauseingang und Treppenhaus. Am liebsten hätte er die Wohnung noch mit Wanzen versehen.
»Ich kenne ihn ja nicht anders, aber was ich dich lange schon fragen wollte, Mama Zara, war Rodolfo schon immer so übertrieben ängstlich?«
»Bevor Viola auf die Welt kam, war er der unerschrockenste Mann auf der Welt. Kaum hatte er sie in den Armen gehalten, wollte er nur noch eines, sie beschützen und umsorgen.«
Der Kater hatte sich einem leidenschaftlichen Kampf mit einem verdörrten Blumenstängel hingegeben. Der Wind blies ihn immer wieder davon, Edgardo jagte ihm nach.
»Du weisst«, Zara wischte mit der Handfläche imaginäre Brotkrumen vom Tisch, »seine etwas jüngere Schwester Marilena wurde entführt, als sie noch keine elf Jahre alt war. Die Entführer schickten der Familie ihren abgeschnittenen kleinen Finger als Drohung. Nach der Bezahlung des Lösegeldes wurde das Mädchen bei einer Tankstelle gefunden. Drei Tage hatten die Entführer sie in ihrer Gewalt. Sie war schmutzig und völlig verstört. Die Hand entzündete sich. Marilena erholte sich nie wieder von diesem Trauma.«
»Und Rodolfo?«
»Nur teilweise, wie du siehst. Deshalb der Wunsch, Viola um jeden Preis zu beschützen.«
Sie schwiegen.
Mit einem Satz sprang Edgardo von der Bank auf den Tisch. Er rannte zu den Brötchen, schaffte es nicht, rechtzeitig zu bremsen, warf ein Glas um, landete auf dem Teller und schob mit den Pfoten eines der Lachsdreiecke hin und her, bevor ihn Zara erwischte.
»Du Schlingel, du!«, tadelte sie ihn.
Der Kater schnurrte.
*
Am späteren Nachmittag
Unterwegs in Zürich
Die Ampel schaltete um auf Grün. Stella fuhr die Rämistrasse hinauf. Heftiger Wind rüttelte am Döschwo. Ein Standplakat mit Werbung für den Zürcher Ärztekongress lag, von einer Böe umgestossen, am Boden.
Der Besuch bei Zara und dem kleinen Kater hatte Stella über die Enttäuschung mit Heidi Merz hinweggetröstet. Wenn sich ihre Mutter in Schweigen hüllen wollte, würde sie sich eben ohne ihre Hilfe auf die Suche nach ihrem Vater machen. Carlos Brief enthielt nur ein paar liebe Worte an sie und die Information, dass er nicht ihr leiblicher Vater gewesen war.
Stella schaute in den Rückspiegel. Ein alter Opel folgte ihr seit zehn Minuten. Nach der Episode mit den Dieben am frühen Vormittag war sie vorsichtiger als sonst. Deshalb drehte sie ein paar Extrarunden in der Stadt. So lange, bis der Opel von einer roten Ampel blockiert wurde. Wahrscheinlich war es nur Zufall gewesen. Aber sicher ist sicher. Das hatte ihnen Violas Vater so beigebracht.
Nachdem sie die Kirche Fluntern hinter sich gelassen hatte, stellte sie den Blinker an, bog in eine Seitenstrasse ein und parkierte vor dem mehrstöckigen Jugendstilhaus. In einem der Türmchen brannte Licht. Auch in der Parterrewohnung.
Rob, der Hauswart, kam in Jeans und T-Shirt aus dem Garten gelaufen.
»Hallo Stella. Na? Alles gut gegangen?« Die langen Haare hatte er hinter dem Nacken zusammengebunden.
»Ja, prima.« Sie warf ihm den Autoschlüssel zu. Mit ihrem Familienkram verschonte sie ihn.
»Gib es zu, Ducki fährt besser als ein Ferrari«, schwärmte Rob, während er mit den Fingerspitzen zärtlich über das Autodach fuhr.
Stella widersprach ihm nicht. Sie war noch nie Ferrari gefahren.
»Und die neue Hupe, hast du die neue Hupe ausprobiert? Da kann jeder Tesla einpacken.«
In ihrer Wohnung streifte Stella die Sandaletten sorgfältig ab. Der Telefonbeantworter blinkte. Zwei neue Nachrichten. Beim Vorbeigehen betätigte sie den grünen Knopf.
»Stella cara, amore mio!«, trällerte Violas Stimme aus dem Gerät. Ich bleibe noch eine Woche in Mailand. Mein überbesorgter Vater hat mir verboten, nach Zürich zu reisen. Ein krimineller Handtaschendieb treibe dort sein Unwesen. – Viola ahmte den Schrei eines Geiers täuschend echt nach. – »Vergiss mich nicht!«, sang sie dann. »Non ti scordar di me ..., non ti scordar di me ...«
Der Anrufbeantworter piepste, dann hörte sie die zweite Nachricht. Sie war von Victor. »Estrellita, du Schönste unter den Schönen, wo steckst du schon wieder? Ich versuche es morgen nochmals.«
*
In Mailand
Sonntagabend
Violas Freundin Lucía gab an diesem Abend ihr Abschiedsapéro. Nachdem die Sopranistin für ihre Lakmé am Mailänder Opernhaus den Diva-Award gewonnen hatte, standen ihr die Türen aller renommierten Häuser offen. Lucía jedoch wollte nicht nach Sydney, Zürich oder Wien, sondern nach Hause. Zurück nach Mexiko, zu ihren Liebsten.
»La famiglia!«, Claudio aus Neapel prostete Viola zu. Der Chorist sah superb aus mit seinen schwarzen Haaren, den funkelnden Augen und dem kleinen tätowierten Anker, der bei jeder seiner Handbewegungen auf dem Unterarm tanzte. »Es gibt nichts Wichtigeres als la famiglia. Sie ist der Motor, der uns am Leben hält. – Du fährst bald nach Spanien zu deiner Mutter, oder?«, fragte er Viola.
»Nach Zürich«, antwortete Viola etwas trübselig, da ihre Reise auf wackligen Beinen stand. »Vielleicht.
