Die Hotelerbin - Fatima Vidal - E-Book

Die Hotelerbin E-Book

Fatima Vidal

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Beschreibung

Oliva Molina, Hotelerbin aus Valencia, die sich ihr Leben lang nicht für geschäftliche Belange interessiert hat, soll im Auftrag ihrer Tochter, den Mitarbeitern des Hotels Sonne in Zürich, Kündigungsgeschenke überbringen. Das Hotel rentiert nicht mehr. Die Mitarbeiter des Hotels, die im Vorfeld Wind von der Sache bekommen haben, denken nicht daran, kampflos aufzugeben. Ausserdem können sie sich nicht erklären, warum sie plötzlich Minuszahlen schreiben. Der attraktive Niklas, ehemaliger Museumsdirektor, der an einer Kunstphobie leidet, soll die Hotelerbin auf eine Tour de Suisse-Reise einladen – um ein anderes Hotel zu besichtigen – und sie so aufhalten, bis sie abgeklärt haben, was mit den Finanzen los ist. Die Hotelerbin beisst an. Sie verliebt sich auf den ersten Blick in den Hotelmitarbeiter. Sie reisen in die Innerschweiz an den bekannten Chlausumzug und dann weiter nach Zermatt, wo sie in einem Iglu übernachten. Dort kommen sie sich dann näher durch eine List der Hotelerbin, die inzwischen erkannt hat, dass Niklas an einer Kunstphobie leidet. Beachten Sie auch die anderen Bücher der Autorin!

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fatima Vidal

 

Die Hotelerbin

Valencia – Zürich

 

Roman

 

1

 

Jane und die Geschwister

Gutierrez Molina

 

»Jane, deine Kundschaft ist auf dem Weg zu dir!«

Die Detektivin zuckte zusammen. Magdas Stimme war aus der Gegensprechanlage an der Wand gekommen. Rasch stellte sie das Gerät ab und öffnete die Tür, um die zwei neuen Kunden willkommen zu heissen. Von ihnen wusste Jane nur, dass es sich um eine Unternehmerin aus Valencia und ihren Bruder handelte.

»Chief y Broder«, hatte gestern die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung erklärt. Dann: »Elfe Klock«.

Die Geschwister sahen vornehm aus. Die Schwester trug einen edlen, dunkelgrauen Hosenanzug und kleine Diamantstecker an den Ohrläppchen. Ihre bordeauxrote Businesstasche dürfte ein Vermögen gekostet haben. Sie mochte wohl um die dreissig sein. Der Bruder erschien in durchlöcherten Jeans, einem ungebügelten T-Shirt und offenbar handgemachten Massschuhen. Jane schätzte ihn auf etwa Mitte zwanzig.

Die Detektivin nahm Lederjacke, Schirm und Einkaufstasche von einem der Stühle und warf sie auf ein kleines Gestell. Sie bot den beiden einen Platz an, sprach dabei betont langsam, damit die Spanier sie verstanden.

»Bitte sehr. Herzlich willkommen! Mein Name ist Pond. Jane Pond.«

Fast alle ihrer Kunden lächelten bei der Begrüssungsfloskel, doch die Geschwister blieben davon unbeeindruckt.

»Buenos días, wir verstehen Sie gut. Sie müssen nicht extra langsam sprechen«, erklärte die Schwester.

Jane kratzte sich am Arm und wechselte auf normale Sprechgeschwindigkeit.

»Möchten Sie etwas trinken? Tee? Kaffee?«

Die Schwester winkte ab. Der Bruder antwortete: »Si, por favor. Ein Zitronenwasser.«

»Geht auch Wasser ohne Zitrone?«

Überrascht hob er die Augenbrauen. Als ob er niemals zuvor ein zitronenloses Büro betreten hätte.

Dann überwand er die Verblüffung. »Ohne Zitrone ist auch wunderbar. Selbstverständlich, ja!«

»Schokolade?«

Wollten beide nicht. Jane stellte Wasser und Gläser auf den Tisch, warf ihren angebissenen Schoggi-Samichlaus in die Handtasche und setzte sich in den Bürosessel den Kunden gegenüber.

»Nun«, fragte die Detektivin, »was führt Sie zu mir?«

»Mein Name ist Eulàlia Oliva Gutierrez Molina«, erklärte die Schwester kühl. »Unserer Familie gehören die Hoteles Internacional mit Hauptsitz in Valencia. Und das ist mein Bruder Lorenzo Joaquin Gutierrez Molina.«

Jane bereute, den Schoggi-Samichlaus nicht mehr in Griffnähe zu haben und nahm stattdessen den Bleistift in den Mund. Von dieser spanischen Hotelkette hatte sie bereits gehört; früher, als sie noch für die Versicherung gearbeitet hatte.

»Señor Muller hat uns an Sie verwiesen. Sie seien gut und verschwiegen. Die Materie ist delikat!«

»Tatsächlich?« Jane überlegte, welcher ihrer ehemaligen Mitarbeiter das gewesen sein könnte. Dieser Name war schliesslich dem halben Versicherungsteam aufgebrummt worden. Mirco, Jorie, Giovanna, Finn … alle mussten sich Müller nennen, wenn sie ihren Job behalten wollten. Auch sie hatte damals den Namen geändert – und anschliessend beibehalten. Aurora Runaldi nannte sie fast niemand mehr.

Die Detektivin entschied, später herauszufinden, welchem Müller sie die internationale Kundschaft zu verdanken hatte.

»Wir sind aus Valencia gekommen, weil unsere Mutter hier in der Schweiz verschwunden ist. Müller ist uns von vormaligen Geschäften bekannt, deshalb baten wir ihn um die Adresse einer Detektei. Señor Muller ist Ihnen ein Begriff?«

»Ja, doch«, log die Detektivin.

»Es ist so, dass unsere Mutter seit fünf Tagen kein Lebenszeichen von sich gegeben hat. Das gleicht ihr gar nicht!«, sagte der Bruder und runzelte die Stirn. Er sah besorgt aus. »Sie müssen wissen, dass sie mich in Valencia normalerweise jeden Tag anruft. Mindestens einmal. Pero, aber: Sie hat meiner Schwester vor ein paar Tagen eine Postkarte geschrieben.«

»Haben Sie diese Karte dabei?«, frage Jane. Ihre Hose kniff am Bauch. Sie fürchtete, der Knopf, den sie vorhin in aller Eile angenäht hatte, würde bald wegspringen.

»Natürlich, ja«, antwortete die Schwester. Sie öffnete die schöne Businesstasche, der sie eine schwarze Kartonmappe entnahm. Die Mappe enthielt mehrere Dokumente. Eulàlia Gutierrez blätterte darin, klaubte eine Postkarte hervor und überreichte sie Jane. Der Text war kurz und auf Spanisch:

Muchos bésos desde Zürich!

PS: El Hotel Sonne es precioso.

»Der Stempel ist von der Poststelle Gelateria«, bemerkte Jane.

»Oh ja?«, fragte der Bruder und machte grosse Augen. »Aber eine Gelateria ist doch eine Eisdiele?«

»Ja, die Post vor Ort wurde geschlossen. Nun werden in diesem Quartier Briefe und Pakete in der Gelateria abgegeben.«

»Oh ja?«, wiederholte Lorenzo Gutierrez, der aus seinem Staunen kaum herausfand. »Das ist witzig!«

Die Detektivin kam sich plötzlich albern vor. Sie klappte ihren Laptop auf und legte ein Dokument mit dem Namen »Familie Gutierrez« an.

Sie schrieb: Mutter seit fünf Tagen verschollen. Sprösslinge haben Postkarte erhalten. Stempel: Gelateria, Zürich.

»Können Sie mir übersetzen, was auf der Karte steht?«, bat Jane. Sie verstand nur ein paar Wörter Spanisch: Buenos días, Hasta la vista, Vamos a la playa und Cerveza.

»Mutter schreibt«, übersetzte Lorenzo: »Viele Kusse aus Zurich! PS: Das Hotel Sonne ist geeignet. – Ich glaube, das Wort heisst geeignet?« Er schaute seine Schwester an, die nur die Schultern hob.

Die Detektivin machte sich Notizen und fragte sich: Was die Vermisste damit gemeint haben könnte? Geeignet wofür? War diese Familie womöglich in kriminelle Geschäfte verwickelt? Drogenschmuggel, Geldwäscherei oder Menschenhandel? Das Hotel Sonne lag nicht im besten Quartier der Stadt, es war in früheren Zeiten ein Stundenhotel gewesen.

Jane lehnte sich zurück und schaute die beiden an. Lorenzo sah harmlos aus. Bestimmt war er Musiker, Schriftsteller oder Künstler. Der Schwester jedoch traute sie kriminelle Energie zu.

»Darf ich Sie fragen«, sagte Jane sachlich, »... was ihre Mutter im Hotel Sonne zu tun hatte?«

Der Bruder antwortete: »Meine Schweister Eulàlia hat ihr einen geschäftlichen Auftrag gegeben.«

Aha! So wie es aussah, hatte die unterkühlt wirkende Spanierin ihre frisch manikürten Finger mit im Spiel.

»Frau Gutierrez«, die Detektivin beugte sich nun nach vorn und schaute ihr direkt in die Augen, »ist es möglich, dass Ihre Mutter illegalen Geschäften nachgegangen ist?«

Die Kundin atmete scharf ein. Sie richtete sich erneut auf und sass noch steifer im Stuhl als zuvor.

»Nein, nein!«, rief Lorenzo belustigt. »Unsere Mutter würde nie etwas Gesetzwidriges machen. Sie ist besser als Brot!«

Jane dachte kurz darüber nach, was diese spanische Redewendung zu bedeuten hatte, kam jedoch zu keiner logischen Schlussfolgerung.

»Wir sind eine ehrenwerte Familie und haben es nicht nötig, illegalen Geschäften nachzugehen«, bekräftigte nun auch seine Schwester. »Seit mehr als hundertfünfzig Jahren gehören uns einige der besten Hotels in Spanien, sieben Häuser, um genau zu sein. Ausserdem führen wir je ein Hotel in London, Paris, Nizza, Venedig und Zürich. Unser kleinstes Haus befindet sich hier in der Schweiz.«

Jane bereute ihre forsche Gangart. War sie zu weit gegangen? Einen Moment lang sah sie den Auftrag davonschwimmen – und damit das dringend benötigte Honorar.

»Bitte entschuldigen Sie. Ich sammle nur Informationen, damit ich Frau Gutierrez rasch finden kann.«

Die Geschwister sahen sich verdutzt an.

»No, no! Unsere Mutter heisst nicht wie wir, sondern Molina«, berichtigte sie Lorenzo.

»Hat sie nochmals geheiratet?«, nahm Jane die Fährte erneut auf. Unter Umständen war die Gesuchte vom zweiten Mann, der es auf ihr Erbe abgesehen hatte, eliminiert worden.

»Nein«, erklärte Eulàlia. »In Spanien ändert die Frau nie ihren Namen. Nicht bei der Heirat, nicht bei einer Scheidung. Nie. Unsere Mutter heisst Oliva Maria Molina Sanchez. Das sind die Vornamen ihrer Grossmütter, der Nachname des Vaters und der Nachname der Mutter.«

Jane drehte sich der Kopf, während sie das alles eintippte. Sie kratzte sich am Hals.

»Aber wenn sie ausserhalb von Spanien unterwegs ist«, erklärte Lorenzo, »nennt sie sich Oliva Molina, weil Ausländer Probleme haben mit langen Namen. Aus Höflichkeit.«

»Ich verstehe«, nickte Jane erleichtert. Sie tippte die Kurzversion in den Laptop.

 

»Wir befürchten«, fuhr der Bruder fort, »dass ihr etwas Schlimmes widerfahren ist. Ein Verbrechen oder eine Entführung«. Jetzt bebte die Stimme von Lorenzo Gutierrez. Seine Lippen zitterten.

Jane erschauerte und bemühte sich gleichzeitig darum, keine Miene zu verziehen. Endlich ein interessanter Fall!

Sie tippte, was die beiden Kunden nach und nach über ihre Mutter berichteten:

Oliva (wie Olive, nicht Olivia) Molina, 55 Jahre alt, 1.62 m gross, mittelschlank, hellblonde Haare (gefärbt), braungrüne Augen, sehr gepflegt, viel zu gut für diese Welt, kocht besser als ein Fünfsternekoch und ist die liebevollste Mutter auf der ganzen Welt (sagt ihr Sohn). Manchmal etwas zu kreativ (sagt die Tochter). Seit zehn Jahren verwitwet. Seit fünf Tagen nimmt sie ihr Mobiltelefon nicht ab und beantwortet keine Mails. Das ist sehr aussergewöhnlich, da sie sich normalerweise täglich beim Sohn meldet.

»Lebenspartner oder Liebhaber?«, tastete sich Jane nun weiter vor.

»Nein. Daran hat unsere Mutter kein Interesse!«, antwortete die Tochter entschieden.

Jane überlegte, dass die Gesuchte sehr wohl an Männern und der Liebe interessiert sein könnte, nur eben nichts davon erzählen wollte. Möglich, dass sie ein Doppelleben führte, von dem ihre Kinder nichts wussten. Solche Fälle waren ihr tägliches Brot.

 

Letztes Domizil der Gesuchten in der Schweiz: Ferienwohnung einer Freundin an der Bergstrasse 173 in Zürich.

Jane runzelte die Stirn. »Und in der Wohnung ist sie nicht?«

»Nein, Jean-Luc, einer der Portiers, hat nachgeschaut. Es scheint aber, als ob alle ihre Sachen noch dort sind«, sagte Lorenzo.

Die Schwester redete jetzt schnell auf den Bruder ein. Er antwortete: »No, no!« oder »Si, si. Claro!« und fügte hinzu: »Bueno, also, ein paar Dinge sind dort. Der Portier weiss natürlich nicht, ob sie etwas mitgenommen hat.«

»Kann ich mich in der Wohnung einmal umsehen?«

»Mein Sekretariat wird den Kontakt für Sie herstellen!« Eulàlia schob eine Visitenkarte über den Tisch.

»Kann ich auch dort wegen des Vorschusses …?«

»Ja.«

Erleichtert atmete Jane auf. Endlich wieder Einnahmen. Der Knopf ihrer Hose sprang lautlos auf ihren Oberschenkel und fiel dann leise auf den Boden.

Lorenzo war aufgestanden und an das vorhanglose Fenster getreten. Er betrachtete den stahlgrauen Himmel, das Schienennetz, die ankommenden und abfahrenden Züge. In der Nacht hatte es etwas geschneit. Schneeflaum lag auf der Wiese. Mit seinen teuer aussehenden Schuhen hat er mit Sicherheit gefroren, dachte Jane. Von Weitem waren die Lautsprecher des Bahnhofs zu hören: »Winterthur, ihre nächsten Anschlüsse …«

 

Frau Gutierrez blätterte in den Unterlagen, zog Blätter heraus und diktierte der Detektivin weitere Angaben über die vermisste Mutter: Kreditkartennummer, Nummer des Passes, des Fahrausweises. Sie hielt kurz inne, bevor sie hinzufügte: »Die Blutgruppe brauchen Sie womöglich auch, für den Fall, dass …«

Lorenzo drehte sich erschrocken um, schaute seine Schwester an und bekreuzigte sich.

Eulàlia Gutierrez fischte zwei Fotos ihrer Mutter aus der Mappe und überreichte sie Jane.

»Eine schöne Frau!«, bemerkte die Detektivin.

Beide nickten wortlos. Rasch zog Lorenzo ein Stofftaschentuch mit eingestickten Initialen aus der Jeanstasche, wischte sich eine Träne vom Gesicht und schnäuzte die Nase.

Eulàlia Gutierrez hielt kurz inne. Dann nahm sie die Mappe vom Tisch, schob sie in ihre Tasche und stand abrupt auf.

»Ich bin very busy und muss den nächsten Flieger zurück nach Valencia erreichen«, sagte sie. Dann wandte sie sich ihrem Bruder zu: »Vamos Lorenzo?«

»Ya? Jetzt schon?«

»Si!«

Als sie gegangen waren, hob Jane den Knopf vom Boden auf, öffnete den Reissverschluss ihrer engen Hose und stellte ihren Bericht fertig.

Persönliche Gegenstände sind noch in der Wohnung. Hat sie einen heimlichen Liebhaber?

Dieser Fall unterschied sich von den anderen, die Jane bisher betreut hatte, bei denen es meist um Untreue, verschwundene Papiere oder Wertgegenstände und Ähnliches gegangen war. Möglicherweise eine Nummer zu gross für sie, doch sie würde an der Aufgabe wachsen. So oder so, das Honorar stimmte.

Die Detektivin legte die Fotos vor sich hin und studierte die Gesichtszüge der fremden Frau. Dann las sie ihren Text am Bildschirm nochmals durch, blickte kurz auf und sah aus dem Fenster. Eine Krähe flog vorüber. Dann noch eine.

Sie notierte: Ist Oliva Molina womöglich Opfer eines Verbrechens geworden?

2

 

10 Jahre zuvor und

ein paar Tage zuvor

In Valencia

 

Jagdzeiten in Valencia sind reglementiert. Der erste Schuss darf eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang und der letzte eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang abgegeben werden.

Am frühen Morgen des 29. Oktober wurden die Uhren von Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt. Doña Simona, wie die jagdbegeisterte Gästeschar ihre Gastgeberin nannte, gab die Zeiten durch, bevor sich die Gruppe aufteilte und mit den bellenden Hunden losmarschierte.

Für das gemeinsame Mittagessen, das den ganzen Nachmittag dauerte, trafen sich die Freunde wie immer vor der Jagdhütte im Wald. Es gab Paella, Tomatensalat mit Zwiebeln, Kapern und schwarze Oliven, Lammkoteletts mit grünem Salat und Maiskolben. Später dann Karamellköpfchen, auf dem Grill gebratenen Kürbis und Orangenkuchen. Es war ein sonniger Tag gewesen, der sich dem Ende zuneigte.

»Sonnenuntergang ist um Viertel nach sieben!«, rief die Gastgeberin in die Runde.

»Si, si!« oder »Gracias Doña Simona!«, prosteten ihr die Gäste zu.

Später konnte niemand mehr sagen, ob sie alle zu viel Wein intus hatten oder ob die Zeitumstellung schuld an der entstandenen Verwirrung war. Sicher war nur, dass Manuel Gutierrez – Ehemann von Oliva Molina und Vater der damals zwanzigjährigen Eulàlia und des fünfzehnjährigen Lorenzo – in der Annahme, die Jagd sei zu Ende, in die Büsche ging, um sich zu erleichtern. Zwei Minuten später war sein irdisches Dasein beendet.

Olivas Trauer um ihren Mann dauerte nur kurz an. Die Rechnungen, die sie in Vertretung des verstorbenen Gatten visieren musste, und die darauffolgenden Recherchen verrieten seine Untreue: Kleider, Schmuck, Blumensträusse für verschiedene Geliebte. Wochenenden am Strand in den Pyrenäen, in Paris, Rom, New York. Zu zweit oder in Gruppen ... Sogar die Honorarrechnungen des Begleitservices Kiss and more Valencia hatte ihr Ehegatte als Spesen verrechnet, was Olivas Meinung nach nicht nur unvorsichtig, sondern auch ausgesprochen unfein gewesen war. Genau betrachtet hatte nämlich sie seinen ausschweifenden Lebensstil bezahlt, da die Hotels ihr gehörten.

Die gehörige Portion Wut und Fassungslosigkeit, die wie ein Vulkan in ihr aufbrodelten, beendeten die Trauerzeit der Witwe abrupt.

Einen Monat nach Manuels Tod liess sie sich auf ein Abenteuer mit ihrem langjährigen Verehrer Ruben ein.

»Leider!«, hatte sie später dazu gesagt.

Die gemeinsam verbrachte Nacht war nichts, was Oliva den Verstand raubte oder in andere Sphären katapultierte, wie das so oft besungen und in Filmen dargestellt wurde. Das Feuer im Blut und die Leidenschaft blieben aus. Zusätzlich entstand danach eine ganz und gar unerfreuliche Situation.

 

»Und, wie war ich?«, fragte Ruben frühmorgens im Bett. Er fuhr mit seiner Fingerkuppe über Olivas Arm.

Oliva überlegte fieberhaft, wie sie ohne zu lügen höflich bleiben konnte.

»Gut!«, murmelte sie. Was durchaus stimmte, auf die eine oder andere Weise. Verglichen mit den wenigen Malen, die ihr Mann in den letzten zwanzig Jahren Interesse an einem Zusammensein mit ihr gezeigt hatte, war es gut gewesen. Sie fühlte sich entspannt und wünschte sich keineswegs, er würde sofort ihre Wohnung verlassen.

»Wollen wir das heute Abend wiederholen?« Jetzt fuhr er mit dem Finger über ihr Schlüsselbein.

»Quizas?«

»Was, vielleicht! – Du willst mich wohl auf die Folter spannen?«

Ruben fing an, Oliva zu kitzeln, was sie als nicht unangenehm, jedoch auch nicht als ausgesprochen angenehm empfand.

»Hör mal, Schatz!« Er legte sich auf den Rücken und faltete die Hände über seinem nackten Bauch. »Wie klingt das in deinen schönen Ohren, wenn ich dich etwas entlaste und die Gesamtleitung der Hotelkette übernehme? Du bist solo und brauchst jetzt jemanden, der zuverlässig ist und sich um alles kümmert.« Ruben betrachtete abwechslungsweise die Stuckatur und die Lampe an der Decke, während er seine Vorstellungen vortrug. Oliva dachte an ihren verstorbenen Ehemann, der sich auch in die Hotels verliebt hatte und nicht in sie.

»Natürlich müssten wir zuerst heiraten. Ist zwar etwas früh, nach dem Tod deines Mannes, aber da dich Manuel sowieso nicht geliebt hat, wird das jeder verstehen«, fuhr Ruben fort, den Blick an die Zimmerdecke gerichtet: »Ich würde mich sofort nach der Hochzeit um die Geschäfte kümmern. So ein Fest hat dein Sekretariat ruckzuck organisiert. Die Liste unserer Gäste wird prachtvoll sein. Ich …«, sprach er weiter, »… die Hotels … Geschäftsleitung … Verwaltungsrat … ich …«

Oliva spürte auf einmal Beklemmung und eine leichte Migräne aufsteigen. Sie wollte Ruben bitten, zu gehen. Andererseits fiel es ihr schwer, entschieden aufzutreten, wo sie doch nackt nebeneinander im Bett lagen. Deshalb stand sie auf und verschwand unter die Dusche. Danach war das Unwohlsein ein klein wenig verflogen. Die Entschlossenheit, etwas zu sagen, was ihren Gast womöglich brüskieren könnte, war in der Zwischenzeit jedoch nicht grösser geworden. Sie zog sich an, trat in das Schlafzimmer, sah den nackten Ruben in ihrem Bett liegen. Er sagte: »Unsere Eltern müssen wir auch bald benachrichtigen.«

Oliva antwortete sachlich: »Ich besuche jetzt meine Mutter«.

»Sag ihr liebe Grüsse vom Schwiegersohn!«, rief er ihr nach.

 

Aus der von ihm erhofften Ehe wurde nichts. Als Ruben realisierte, dass er auch nie wieder Olivas Schlafzimmer betreten würde, bat er sie inständig um die Leitung der Hotels. Immerhin habe er ihr einen Heiratsantrag gemacht und sie habe ihn im Regen stehen lassen.

Oliva willigte ein. Weil sie tatsächlich Unterstützung brauchte und auch, weil sie so schlecht Nein sagen konnte.

Das war nun zehn Jahre her. Seitdem war sie Single geblieben. Die Kinder wurden erwachsen und führten ihr eigenes Leben. Ihre Tochter Eulàlia übernahm die Leitung des Familienunternehmens von Ruben, der seit neun Monaten mit der Erbin einer Kreuzfahrtgesellschaft liiert war und sich dort engagieren wollte. Lorenzo besuchte eine Dolmetscherschule. Die Jahre flogen vorüber.

Ihr Leben lief in angenehmen, gleichmässigen Bahnen. Bis ihre Tochter Eulàlia sie an diesem Morgen in ihr Büro bat.

 

3

 

 

»Mamá, es gibt da einen Gefallen, um den ich dich bitten will. Ich benötige deine Hilfe.«

Eulàlia hatte ihre Mutter bei der Begrüssung ausgiebig geküsst und geherzt; nun räusperte sie sich, weshalb Oliva vermutete, der Gefallen würde ausgesprochen kostspielig ausfallen.

»Willst du ein Haus kaufen?«, fragte sie, noch während sie die Jacke auszog.

»Wie kommst du auf so eine Idee?« Ihre Tochter winkte ab. »Mamá, nimm doch Platz. Un Café Bombón?«

»Ja, gerne!«

Eulàlia machte sich an der Espresso-Maschine zu schaffen.

Oliva setzte sich derweil in einen der weissen Ledersessel. Ihre Tochter hatte das Büro renovieren lassen. Die Fensterrahmen sahen frisch gestrichen aus, die Möbel waren neu. An den Wänden hingen die Porträts aller vorherigen Hoteldirektoren. Natürlich auch das ihres untreuen Ehegatten. Eulàlia vergötterte ihren Vater. Wahrscheinlich, weil sie ihn so früh verloren hatte. Gleich unter den Bildern stand die Platten- und DVD-Sammlung der Familie mit alten und neueren Hotelliedern.

Oliva summte »Hotel California«, legte die Hände auf den Schoss und wartete ab, womit sie ihrer Tochter würde helfen können.

»Oye Mamá«, sagte Eulàlia. »Du fliegst doch dieser Tage nach Zürich an die Kunstvernissage deiner Freundin Amelia.«

»Ja, Liebes, ich habe es vor. Soll ich dir etwas mitbringen? Eine Schweizer Uhr? Wenn ja, musst du mir das genaue Modell notieren. Oder Schokolade?« Oliva brachte gern Souvenirs mit. Dieser Wunsch war einfach zu erfüllen. Ausserdem machte es ihr grosse Freude, ihre Lieben zu beschenken.

»Nein. Also: ja, wenn du willst.« Eulàlia drückte Kondensmilch in das kleine Glas mit dem Espresso. »Aber ich wollte dich um einen anderen Gefallen bitten. Es ist eine nicht ganz angenehme Sache.«

»Tatsächlich?«

Jetzt war Oliva ein klein wenig überrascht. Sie selber würde nie im Leben Menschen, die sie liebte, mit Unangenehmem belästigen. Und es war ihr ein Rätsel, warum ihre Tochter, die sie so hingebungsvoll erzogen hatte, auf diese Idee kam. Es musste sich um etwas sehr Wichtiges handeln, sonst würde Eulàlia sie damit verschonen.

»Mamá, ich weiss, dass du mit geschäftlichen Dingen nichts zu tun haben willst, und ich frage dich nur, weil du sowieso nach Zürich fliegst und ich very, very busy bin.«

Eulàlia rührte die Kondensmilch mit einem Espressolöffel in das kleine Glas, schleckte diesen anschliessend ab und reichte ihrer Mutter den Kaffee.

»Es gibt Dinge, die müssen persönlich erledigt werden, oder?«

»Das ist so.« Oliva nippte an ihrem Bombón. Er war schön süss.

»Zum Beispiel Kündigungen. Da bist du sicher gleicher Meinung.«

Oliva zuckte zusammen. Dabei schwappte ein klein wenig Kaffee auf den weissen Unterteller. Ihre Tochter reichte ihr eine Papierserviette. Kündigungen waren das Allerletzte, was Oliva Molina aussprechen wollte.

»Eulàlia, Liebes, warum denn das? Bist du sicher, dass du Mitarbeiter entlassen willst?«

Ihre Tochter nickte. »Ja.«

»Mehrere?«

»Die ganze Belegschaft. Das Hotel rentiert nicht. Unrentable Objekte hat Vater immer sofort abgestossen. Mein Vorgänger Ruben übrigens auch. Grossmutter hat mir das erzählt. – Das Hotel Sonne in der Schweiz jedoch möchte ich behalten. Also, ich will es abreissen und neu bauen lassen. Grösser, schöner, luxuriöser.«

Oliva dachte angestrengt nach und sagte:

»Dein Anliegen ... das könnte doch Marilena erledigen!

---ENDE DER LESEPROBE---