Der Verschwindene - Frank Seder - E-Book

Der Verschwindene E-Book

Frank Seder

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Beschreibung

Ein in Duisburg spielender Horror-Roman, gespickt mit einer gewissen Hingabe für das Übernatürliche. Den Leser erwarten Lacher, Tränen, aber auch einige philosophische Ansätze. Lassen SIe sich ein auf dieses wilde Werk! Als ein in Duisburg wohnender Autor erwarten den Leser viele Anspielungen an regionales sowie in Fantasie verpackte Lebensanekdoten und Beobachtungen.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Verschwindene

Der warme Regen versorgte wenigstens die Pflanzen gut. Er schien das Laub der Bäume mit Klarlack zu überziehen. Durch die lebensspendende Nässe präsentierten sich die Blätter prahlerisch und arrogant. Nur der aufgehende Mond versteckte sich beleidigt hinter den grauen Wolken. Mensch und Tier spürten eine beruhigende Entspannung, eine einkehrende Ruhe für die flatterhafte Nacht. Selbst die Betonplatten des Geh Wegs und der Asphalt der Straßen stöhnten fast hörbar auf, als der Schmutz in die Kanalisation gespült wurde. Alles schien etwas gemächlicher. Aber eigentlich wurde alles nur nass.

Es kostete Hubert viel Selbstüberwindung, seine Bude verlassen zu können. Seine Sozial Phobie schränkte den Umgang mit fremden Menschen ein. Er fürchtete immer den ersten Eindruck, den er hinterlassen könnte.

Doch die aufkommende Dunkelheit ermutigte ihn zu einem Spaziergang. Wem das Wasser bis zum Hals steht darf den Kopf nicht hängen lassen. Entgegen kommenden Anderen wollte er nun tapfer in die Augen blicken. Kam aber niemand.

Er sah verstohlen in die hell erleuchteten Fenster der anliegenden Wohnungen.Vermutlich aßen die Familien gerade Abendbrot. In einer glücklichen Gemeinschaft leben, sein großer Traum. Der häufigste Wunsch nach einem weniger einsamen Leben. Solche resignierenden Gedanken blockierten wieder mal seinen Verstand. Er wollte sich nur etwas ablenken. Der Normalität näher kommen, einmal um den Block gehen, allein.

Sein verstrahltes Hirn setzte andere Ziele. Immer wieder tanzte es Rock n Roll. Es weigerte sich zur Ruhe zu kommen. Nichts war vergessen, nichts verziehen. Unter seinen wirren Gedanken litt Hubert. Stimmungsschwankungen, der extremeren Art.

Verstohlen spannte er in die hell erleuchteten Fenster. Sie strahlten menschliche Wärme aus. Unerreichbar für einen wie ihn. Aber träumen darf man ja. Ein mit Fernlicht fahrender Toyota setzte sich zügig in eine freie Parkbucht. Der vor Wut schnaufende alte Mann kletterte steif aus dem Wagen. Sofort donnerte er los. Seine abstrafende Schimpf Kanonen richteten sich zweifellos gegen Hubert.

„ Du Perverser glotzt in die Stuben fremder Leute. Dir sollte man in den Arsch treten.“

„ Halt dein Maul,“ schrie Hubert erschrocken zurück. Er wurde ertappt.

Nebelschwaden zogen durch seinen Kopf. In diesem Zustand hatte Hubert Gedächtnislücken. Ein Geschenk, das ihm das Leben im Heim bescherte. Er rannte weg. Weiter immer weiter. Wie gewohnt auf der Flucht vor dem Rest der Welt. Nach einigen hundert Meter beendete er erschöpft seinen panischen Lauf.

Was, wenn seine Schwäche eines Tages publik würde. Menschen erfahren würden, wie einsam und verletzlich er doch war. Der Hirntwist befand sich in der akrobatischen Phase. Von einer auf die andere Minute verzog sich der Nebel in seinem  Kopf. Eine leere Erinnerung blieb zurück.

Zurück zu dem cholerischen Alten. Die Sache regeln. Wie konnte der es wagen, ihn dermaßen an zu machen. Doch ihn verließ der Mut. Er hasste seine Feigheit. Als er die Wohnungstür aufschloss, tropfte Blut von seinem Schlüssel. Seine rechte Hand  blutete, die Knöchel waren verschrammt. Mit der Wahrnehmung kam auch der Schmerz. In der Küche band er sich ein Geschirrtuch um die Blessuren. Wahrscheinlich hatte er sich gestoßen. Doch wo? Sein Unterbewusstsein rettete ihm die Nacht.

Aus der Ferne ertönte Sirenengeheul. Doch darauf achtete er kaum und grübelte , wie er die gerade verlorene Zeit zurück holen könnte.

Ivy Bendig, geborene Laarson arbeitete als Call Center Agent am Flughafen Düsseldorf. Um acht Uhr hatte sie den Dienst begonnen und jetzt nach fünf Minuten Arbeitszeit gab es schon wüste Beschimpfungen und verbale Spuck Attacken. Die Warteschlangen vor dem Check-In erschienen zu lang, das Service Personal inkompetent. Diese verdammten Verspätungen. Die Anrufer waren groß in Form.

Doch die hübsche Schwedin blieb freundlich, auch wenn einige besonders ordinäre Fäkal Worte sie erschrecken liessen. Die Anrufer wurden oft zu persönlich. Fotze, Schlampe und Nutte gehörten zum Standardprogramm der Fluggäste. Nach hundertzwanzig Minuten die erste Pause. Die Kollegin musste sich nun verbal zerfleischen lassen.. Mehr konnte die Flughafendirektion den Ladys nicht zumuten. Eine Ewigkeit am Rande des Nerven Zusammenbruchs und stets freundlich bleiben.

Die verliebte Ivy war vor Jahren ihrem Mann Bernd nach Deutschland gefolgt. Direkt nach dem Abitur. Aber das Verliebtsein war nur von kurzer Dauer. Nach einiger Zeit schien sie dem aufstrebenden Architekten nicht mehr fein genug. Den mondänen Gattinnen seiner Geschäftspartner konnte die natürliche Frau nichts entgegen setzen. Zu wenig intellektuell für sein neues Leben. 

Arroganz wird man nur bei geistiger Impotenz erlernen. Dabei hatte er die Schwedin für ihre Direktheit und das unbekümmerte Wesen geliebt. Seine Karriere sollte ohne sie stattfinden. In der Schickeria wäre die sympathische Natürlichkeit nur ein Klotz am Bein gewesen.

Ihre Eltern brachen vor sieben Jahren den Kontakt zu ihr rigoros ab, nachdem Ivy ihnen ihre Entscheidung mitteilte, das Land zu verlassen. Sie wäre ihrer ersten großen Liebe überall hin gefolgt. Ohne Wenn und Aber.

Ihre Tochter sollte Medizin studieren. Ärztin werden, wie die Eltern.

Sie ließen ihre junge, verknallte Tochter im Stich. Ivy empfand es als normal beim Erwachsen werden eigene Entscheidungen zu treffen, manchmal die Falschen. Haben Eltern nicht die Pflicht, Fehler zu akzeptieren, das Kind weiter zu lieben.

Mit ihren fünfundzwanzig Lenzen lebte sie nun allein in diesem immer noch fremden Land. Die einst gemeinsamen Freunde blieben Bernds Freunde. Blondi existierte für sie nicht mehr. Sie gaben Ivy die alleinige Schuld am Scheitern der Beziehung. Die Landpomeranze war zu hausbacken für das mondäne Düsseldorf.

Ivy traute sich nicht zurück nach Schweden. Zu groß war die Scham vor den Eltern.

Doch die trüben Gedanken wurden jeden Tag unterbrochen, denn sie hatte über einen Chatroom einen Mann kennen gelernt. In ihren Gesprächen spielten die unkoordinierte Vergangenheit eine untergeordnete Rolle. Beide scherzten gerne und sprachen über ihre Lebenskonzepte. Sie erwiesen sich als die Anker, die man braucht, wenn sich der Alltag als frustrierend erweist.

Klempner Hubert schuftete an diesem Freitag enorm ungeduldig. Die Zeit bis zum Feierabend schien in Zeitlupe zu vergehen. Dieser nervige Uhrzeiger blieb wohl im Intervall stehen, ruhte sich ständig aus. Huberts eigenes, unerfindliches Phänomen, ärgerlich aber unvermeidlich.

Als er um 14 Uhr den letzten Kunden verließ, raste er mit dem Werkstattwagen zügig zurück zur Firma. Im Büro angekommen warf er dem Chef den Arbeitsnachweis und den Autoschlüssel hin. „Da ist noch was Dringendes rein gekommen. Fahr mal eben...“ „Mach dir einen Knoten ins Taschentuch, ich bin verabredet.“ Der Alte lachte. „ Ich weiß doch, das du ein Date hast. Mach nichts, was ich nicht auch machen würde.“

„Du bist ein böser, alter Mann,“lächelte Hubert.

Der fünfunddreißig jährige Geselle hatte in der Firma seine Lehre gemacht. Sein Chef, Klaus Moers, war im Laufe der Jahre zum Freund und Mäzen geworden. Ein Vater, den er sich immer gewünscht hatte. Chef Klaus ließ sich auf den introvertierten Mann ein.

Noch zwei Stunden. Er wird seine Internet Freundin endlich persönlich kennen lernen.

Seit Wochen schrieben sie sich. Schon nach wenigen Sätzen war ihm klar, eine Seelenverwandtschaft führte die Beiden zusammen. Diese Vertrautheit, alles Schöne dieser Welt. Das bedeutete ihm Ivy.

Als sie sich Bilder posteten fiel ihm das Herz in die Hose. Diese blonde Göttin wollte sich mit ihm abgeben.Aber sie schrieb, das sie ihn sich genau so vorgestellt hatte.

Seitdem sah Hubert sich selbst in einem angenehmeren Licht. Selbstbewusstsein breitete sich unter den schütteren, braunen Haaren aus. Er benahm sich seinen Mitmenschen gegenüber weniger psychotisch. Hubert mutierte zu einem angenehmen Menschen.