Der verstoßene Gott - Josua Rutishauser - E-Book

Der verstoßene Gott E-Book

Josua Rutishauser

0,0

Beschreibung

Wenn Götter fallen, entscheidet ein Mensch über das Schicksal der Schöpfung. Seit Anbeginn der Zeit lastet ein Fluch auf der Welt. Der verstoßene Gott nährt sich von den Seelen der Lebenden, während Titanen, Hexen und Alben im Schatten des Wahnsinns um ihre Macht kämpfen. Eloy, ein junger Sklave mit smaragdgrünen Augen, kennt nur das Leid der Unterdrückten. Bis eines Tages der König der Titanen ihn in die Arena zerrt und in Eloy etwas erwacht, das uralt und gefährlich ist: der letzte Splitter der Urdrachin Esilya. Um den Fluch zu brechen, muss Eloy sich auf eine Reise begeben, die ihn durch eine zerrissene Welt führt – zu mächtigen Feinden, aber auch zu Freunden … die selbst verflucht sind. Doch in ihm schläft nicht nur die Hoffnung der Menschen – sondern auch der Zorn der Drachen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 540

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



1. Auflage 2026

Alle Rechte vorbehalten

© Copyright by Riverfield Verlag GmbH

Vorderbergweg 1

4153 Reinach BL, Schweiz

[email protected]

www.riverfield-verlag.ch

GPSR verantwortliche Person in der EU

PROLIT Verlagsauslieferung GmbH

Siemensstraße 16, 35463 Fernwald (D)

[email protected]

Lektorat, Layout & Satz: Buch&media GmbH, München

Umschlag: Riverfield Verlag (created partially with generative AI)

E-Book Produktion: Dr. Bernd Floßmann. ihrtraumvombuch.de

ISBN 978-3-907459-40-9 (Print)

ISBN 978-3-907459-41-6 (Ebook)

Inhalt

PROLOG. Die Geschichte der großen Sechs

1. Der Steinbruch

2. Die erste Prüfung

3. Die zweite Prüfung

4. Die finale Prüfung

5. Abschied

6. Die Reise zur Prärie

7. Die Höhle der Gnome

8. Der rote Wald

9. Die Tsuchigumo

10. Thaer

11. Alvas Tempel

12. Alva, Königin der Alben

13. Der Fremde

14. Das rätselhafte Tor

15. Das Ogerproblem

16. Die goldene Stadt

17. Das Totenreich

18. Der geheime Pfad

19. Der Basilisk

20. Celso, König der Riesen

21. Das Laster des Drachengeborenen

22. Alte Bekannte

23. Die Lenker der Bestimmung

24. Die Alraune

25. Die Hydra

26. Yenene, Königin der Hexen

27. Die vier Gefährten

28. Wie alles gedacht war

29. Die Korriganen

30. Der Minotaurus

31. Hiroki, König der Schrate

32. Die Schöpfer

33. Esilyas Kontrolle

34. Verloren in den Tiefen

35. Der letzte Seelensplitter

36. Eine ungünstige Begegnung

37. Der Fall des Verstoßenen

EPILOG

Über den Autor

PROLOGDie Geschichte der großen Sechs

Vor vielen Jahrhunderten, noch bevor die Zeit ihren Lauf nahm, da war die Erde kahl und stumm. Ihre Oberfläche war trist und ihre weiten Ozeane wagten es nie, sich in Bewegung zu setzen. Ohne die Zeit gab es weder das Leben noch den Tod, keinen Tag und keine Nacht. Das gesamte Universum stand still, als ob es gefangen wäre, verdammt in einer endlosen Schleife der Nichtigkeit und einem Zustand ohne jede Bedeutung.

Die Zeitlosen, Athanen genannt, herrschten in dieser Zeitlosigkeit über die Erde. Sie waren ein grausames Volk mit niederträchtigen Seelen. Ihre Herzen waren verblendet von Macht und Gier. Doch so groß wie ihre Städte und ihr Reich waren, so leer und sinnlos war ihre Existenz. Verdrängt von den Athanen, unter der Erde, in tiefen Höhlen und felsigen Gewölben, hausten viele schwache Seelen. Unterdrückt von den Zeitlosen, vertrieben von der Erdoberfläche, verbrachten sie ihre Ewigkeit in Dunkelheit und Verzweiflung. Diese schmächtigen, verkümmerten Wesen hatten keine Perspektive und waren nicht mehr als die Bauernopfer in einem verzweifelten Schachspiel.

Doch die Zeitlosigkeit endete, als eine gewaltige Explosion den Himmel erschütterte. Ein Feuerwerk aus allen Farben, durch das gesamte Universum zu sehen, strahlte über alle Himmelskörper hinweg. Und die See begann sich zu rühren, Wellen begannen die Küsten zu erschüttern, Winde begannen Wolken zu tragen und die trockene Erde mit Wasser zu tränken. Leben begann aus dem tristen Boden zu sprießen und der ewige Zyklus vom Werden setzte ein. Es wurde Tag und es wurde Nacht, denn die Erde drehte sich um ihre Achse. Die Sonne spendete am Tag ihr warmes Lachen sowie der Mond in der Nacht seinen kühlen Atem. Doch mit der Zeit kam nicht nur das Leben, sondern auch der Tod. Die Zeitlosen wurden sterblich und ihre einstige Ewigkeit wurde durch ihre alternden Körper zunichtegemacht. Getrieben von der Angst vor dem Tod, den die Athanen nicht gekannt hatten, ließ Athanius, deren König, nach einem Weg suchen, das Sterben aufzuhalten. Er sandte seine Krieger aus, ließ schwache Seelen aus den unterirdischen Höhlen fangen und begann sie ihrer Lebenszeit zu berauben. Die Zeitlosen erkannten, dass sie sich die Lebenskraft der schwachen Seelen einverleiben konnten, um ihr eigenes Leben zu verlängern. So begann eine finstere und qualvolle Zeit für die geplagten Seelen. Sie wurden wie wilde Tiere gesammelt, eingesperrt und ausgequetscht, als wären sie eine Frucht, die neues Leben spendet. So entflohen die Athanen dem Tode durch das Ermorden Abertausender schwacher Seelen.

Doch einige der schwachen Seelen versuchten sich in die Tiefen der Erde zu retten und dem Monster namens Athanius zu entkommen. Sechs dieser schwachen Seelen drangen tiefer in die Erde ein, als es jemals jemand während der Zeitlosigkeit getan hatte. Und als sie im Innersten der Erde ankamen, da fanden sie ein Wesen, das älter als die Zeitlosigkeit selbst war – die Drachin Esilya, Mutter der Erde und aller Drachen. Esilya bot den schwachen Seelen einen Handel an. Sie würde ihnen helfen, doch als Gegenleistung mussten die sechs Seelen den heiligen Tempel der Drachen wieder aufbauen und das darinstehende Portal öffnen, auf dass die Drachen auf die Erde zurückkehren könnten. Die sechs schwachen Seelen akzeptierten diesen Wunsch. So teilte Esilya ihre Seele in sieben Teile und schenkte sechs davon den schwachen Seelen.

Die Erste nannte sie Hiroki, aus welchem die Schrate entstanden, baumähnliche Wesen, welche die Hüter des grünen Waldes werden sollten. Die Zweite nannte sie Alva, aus welcher die Alben entstanden, anmutige Kreaturen, bekannt für ihre Schönheit und Eleganz. Die Dritte nannte sie Yenene, aus welcher die Hexen und Hexer hervorgingen und welche das Feuer der Drachen in sich tragen. Die Vierte nannte sie Celso, aus welchem die Riesen entstanden, große Kreaturen, die alles niedertrampeln können, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Fünfte nannte sie Lucca, aus welchem die Zwerge entstanden, kleine, ausdauernde Kämpfer, die sich durch jedes Loch zwängen können und gerne tief unter der Erde hausen. Die Sechste nannte sie Marlec, aus welchem die Titanen entstanden, ein großgewachsenes und äußerst starkes Kriegervolk. Doch einen letzten Teil behielt Esilya für sich.

Diese sechs nun großen Seelen bauten im Untergrund ihre Armeen auf und planten ihre Angriffe auf die Städte der Athanen. Titanen, Alben, Riesen, Hexen, Schrate und Zwerge, sie alle kämpften gemeinsam, Seite an Seite, gegen ihren großen Feind. Viele starben in diesem langen Krieg, doch die großen Sechs errangen den Sieg gegen Athanius und beendeten das Zeitalter der Zeitlosen endgültig. Sie erbauten eine große Stadt um den Drachenberg, auf dem einst der Drachentempel gestanden hatte. Aus den schwachen Seelen spross neues Leben und ihre Kraft wuchs mit jedem Tag. Wie versprochen, bauten sie den Tempel auf dem Drachenberg neu auf und reaktivierten das Portal für die Drachen.

Doch Esilya betrog die großen Sechs und die Drachen unterwarfen die Seelen und ihre Stadt. Der Drache forderte seine Seelenteile zurück, aber die großen Sechs flüchteten in den Süden. Verbittert durch den Verrat erklommen sie einen längst vergessenen Berg, auf dem sie einen alten Altar fanden. Dessen Inschrift forderte ein Opfer im Tausch für göttliche Gunst. So fingen sie einen jungen Drachen und opferten diesen. Der verstoßene Gott erhörte das Opfer auf seinem Altar, das Opfer eines Drachens der Art, die ihn einst verstoßen hatte. Er stieg hinab zu den Sechs und gab ihnen Waffen, mit welchen sie die Drachen töten konnten. Es waren einst die Waffen der Götter. Auch wenn der verstoßene Gott großen Zorn gegen die Drachen hegte, so forderte er doch eine Gegenleistung für diese Waffen. Denn er selbst stand am Ende seines Lebens und war dem Tode nahe. Die sechs Seelen versprachen ihm alles zu geben, was er forderte, wenn sie damit die Drachen besiegen konnten. Sie waren verzweifelt und hatten keine andere Wahl.

Mit den Waffen der Götter kehrten sie zurück, befreiten ihre Völker und besiegten schließlich die Drachen. Das Portal wurde verschlossen und versiegelt, sodass nie mehr ein Drache auf diese Welt kommen möge. Esilya wurde im Kampf schwer verletzt und die großen Sechs dachten, sie sei tot. Doch sie lebte und versteckte sich, kroch tief hinab in die Erde, bis in das dunkelste Dunkel, wo noch viele schwache Seelen in der Finsternis umherirrten. Die Mutter der Drachen lag im Sterben. Nichts sehnlicher wünschte sie sich als Rache an den großen Sechs, so tat sie das Einzige, was ihr blieb, um nicht vollständig zu sterben: Esilya teilte den letzten Teil ihrer Seele in tausend Splitter und die schwachen Seelen wurden von ihnen erfüllt. So entstanden die Menschen.

Nachdem die Drachen besiegt waren, verlangte der verstoßene Gott nach seinem Opfer, so sandte er einen Fluch zur Erde, der sich auf jede Seele niedersetzte. Der Fluch labte sich an der Seele und entzog ihr Lebenskraft, die der Verstoßene in sich aufnahm, um so selbst seinem Tod zu entgehen. Doch der Fluch machte viele krank, selbst starke Seelen begannen zu verzweifeln und verfielen dem Wahnsinn des Verstoßenen, wandelten umher, ohne zu sein, wer sie waren. Einzig getrieben von der Suche nach Seelen. Doch es war der Preis, den die großen Sechs für die Freiheit ihres Volkes zahlen mussten.

Als die Menschen aus den Tiefen hervorkamen und die großen Sechs erkannten, dass ihnen der Geist Esilyas innewohnt, da fürchteten sie die Rache des Drachens und sperrten die Menschen ein. Sie begannen sie zu benutzen, um die Gier des verstoßenen Gottes zu stillen und nicht selbst dem Wahnsinn zu verfallen. Und taten es so den Athanen gleich, die sie einst bekämpft hatten.

Die großen Sechs teilten die Welt unter sich auf, errichteten große Königreiche, über die sie herrschten. Hiroki bekam den großen, grünen Wald im Westen. Alva übernahm die Prärie und den roten Wald im Osten. Yenene suchte ihr Heim bei den Vulkanen im Südwesten. Celso zog es auf die Gletscher und Alpen im Südosten. Lucca ging in die erzreichen Berge im Norden und Marlec errichtete eine große Stadt um den Berg des heiligen Drachentempels.

Die Zeit verging und obgleich sie von der Macht der Seelen der Drachen gestärkt waren, wurden ihre Herzen korrumpiert und sie trachteten nach dem unendlichen Leben und mehr Macht. Alle Sechs wussten, dass in der Seele Lebenskraft steckt, und so begann jeder von ihnen eine mächtige Seelenquelle zu suchen. Yenene versuchte mit ihrer Zauberei Seelen künstlich zu erschaffen, doch ihre Hexerei im Vulkan ging schief und sie stürzte in die Tiefe des roten Schlunds, wo sie dem Wahnsinn verfiel. Celso ließ die Menschen einfangen und aß sie auf, um ihre Seelenkraft zu erhalten. Aber das Menschenfleisch war durchzogen mit dem Geist Esilyas und verdarb seinen Verstand und seine Seele, bis auch er schließlich dem Wahnsinn verfiel. Alva sammelte Menschen und andere Kreaturen und quetschte ihnen die Seele aus, um sich daran zu laben. Ihr Herz wurde böse und bitter, einzig von dem Gedanken getrieben, mehr Seelen zu sammeln. Hiroki allerdings schätzte jedes Leben, auch das der Menschen, obschon er sie fürchtete. Er dachte, er könne dem Fluch des Verstoßenen entkommen, wenn er sich vom Rest der Welt abschirmen würde. Doch seine Paranoia leitete ihn in den Wahnsinn und seither wurde jeder getötet, der es wagte, seinen Wald zu betreten. Lucca grub sich tief ein in die Berge des Nordens, erweckte Gestalten, die lange Zeit geschlummert hatten, und nutzte ihre Seelen, um sich zu nähren und dem Fluch des verstoßenen Gottes Widerstand zu leisten. Doch er grub tief, zu tief, weckte Dinge, die er nicht hätte wecken sollen, und ging verschollen in seiner eigenen Mine. Marlec jedoch war ein weiser Mann, er erkannte, dass der Verstoßene nur seinem Tod fern sein wollte. So suchte Marlec den Totenherrscher Yama auf. Dieser trachtete nach der Seele des verstoßenen Gottes und so handelten sie einen Vertrag aus. Marlec sollte die Seelenreste der Toten erhalten, um sich und sein Volk vor dem Wahnsinn zu retten, und im Gegenzug sollte er nach dem suchen, der einen Gott töten kann. Yama erzählte ihm, dass die einzigen Wesen, die einen Gott töten können, die Drachen, und auch nur die Ältesten und Stärksten unter ihnen seien. Doch diese waren von den großen Sechs vernichtet und ihre Seelen absorbiert worden. Also blieb nur noch die Hoffnung auf einen blutgeborenen Nachkommen eines Drachens. Nur ein Drachengeborener hätte vielleicht die Macht, die alten Drachenseelen zu binden und ihre wahre Kraft zu entfesseln.

Und die einzigen übrigen Nachkommen der Drachen waren die Menschen.

KAPITEL1

Der Steinbruch

Ein lautes Poltern weckte Eloy unsanft aus seinem unruhigen Schlaf. Sein Atem war laut, sein Herz raste. Der Lärm der Stadt hallte durch sein kleines Zimmer. Die Wände waren so dünn, dass man selbst die Marktschreier bis in die kleine Wohnung hören konnte. Die Decke war schief und tief gehalten. Eloy drehte sich in seinem strohenen Bett, welches bei jeder Bewegung in die Haut stach. Er betrachtete die Wand, wie er sie jeden Morgen betrachtete, schaute sich alle Spalten und Risse darin genau an. Versuchte zu vergessen, was er geträumt hatte. Versuchte zu vergessen, wie er an jenem Tag seinen Vater in der Arena hatte sterben sehen müssen.

Erneut klopfte jemand mit viel Elan an die schwache Haustür nebenan. Eloy hörte, wie seine Mutter laut rief und die knarrende Tür aufriss. Sie fluchte laut und schrie den Aufseher an, der die beiden abholen sollte. Doch er war es gewohnt. Der Aufseher beruhigte die alte Dame und bat sie, sich draußen aufzustellen. Noch immer fluchte sie weiter.

Eloy stand in der Zwischenzeit auf, zog sich seine verdreckten und zerlumpten Kleider an und verließ sein Zimmer. Seine Mutter beachtete er noch nicht einmal, er schob sie lediglich leicht zur Seite, grüßte den Aufseher, verließ das Haus und stellte sich in die Reihe, wie er es jeden Morgen tat. Nachdem auch Eloys Mutter in der Reihe angekommen war, pfiff der Aufseher und alle setzten sich in Bewegung, ihm hinterher. So marschierten sie jeden Morgen durch den Drachenring. Es waren jeden Morgen dieselben abfälligen Blicke der Titanen, die sie trafen. Manche spuckten sie an und kleine Kinder begannen vor Angst zu weinen. Eloys emotionsloser Blick sagte alles über ihre Situation aus. Denn es gab nichts, das sie hätten tun können. Sie, die Sklaven Marlecs, waren die Ausgeburt der Hölle, die Sprösslinge Esilyas, und damit war ihre einzige Bestimmung zu arbeiten, zu dienen und letztendlich zu sterben.

In Reih und Glied stoppten sie vor einem großen Tor. Es war aus robustem Holz und mit Eisenschienen verstärkt. Kein schönes Tor, doch das musste es auch nicht sein. Hinter ihm lag lediglich Eloys Arbeitsplatz. Der große Steinbruch, aus dessen leicht bläulich schimmernden Quadern der gesamte Drachenring gebaut war. Es hatte eine gewisse Ironie, dass Marlec seine Stadt um den Drachentempel den Drachenring nannte. Manche sagten, es sei aus Respekt diesen alten Kreaturen gegenüber, trotz ihres Verrates, andere sagten, es sei nur, um seine Macht zu postulieren, wie er über den einstigen Drachensitz herrschte. Doch es war eine schöne Stadt, anmutig anzusehen, prunkvoll gebaut. Die Titanen waren seit jeher ein Volk, das viel Wert darauf legte, seine Macht zu präsentieren.

Langsam öffnete sich das große Tor. Links und rechts standen Wachen, die darauf achteten, dass kein Mensch eines der Werkzeuge mitgehen ließ. Keinen Stein durften sie nach draußen mitnehmen. Langsam ging es vorwärts, sie wurden für den heutigen Tag eingeteilt. Einer nach dem anderen wurde geschickt, um Loren voller Steine zu schieben, neue Schienen für die Loren zu legen, die Steine in Form zu schlagen, das Essen vorzubereiten oder, was für die meisten der Fall war, Quader aus dem Felsen zu hauen. Auch Eloy bekam einen Hammer und eine Spitzhacke, mit der er an den Steinbruch gehen sollte. Es war eine anstrengende Arbeit, der heißen Sonne der Erde ausgesetzt, welche ungebremst an den Drachenberg schien. Der Fels reflektierte dieses Gleißen auf die Arbeiter, welche an manchen Tagen zu schmelzen drohten. Doch Eloy beschwerte sich nicht, nicht über die Sonne, nicht über die harte Arbeit, nicht über die langen Arbeitstage und nicht über das erbärmliche Leben, das er führen musste. Aber er lachte auch nicht. Nicht mehr seit dem Tag, als sein Vater auf brutalste Art und Weise getötet worden war. Marlecs Suche nach einem blutgeborenen Nachfahren Esilyas schien sehr verzweifelt und war äußerst brutal.

Niemand wusste, wie man die Kräfte der Drachen in einem Menschen erkennt. Doch Marlec war sich sicher, dass sie zum Vorschein kämen, wenn sie gebraucht würden. Er war davon überzeugt, dass ein Drachengeborener in der Lage wäre, alles zu töten, was auch immer ihm in den Weg kommen mochte. So errichtete Marlec unterhalb des Drachentempels, im Berg selbst, eine große Arena. Dort ließ er auserwählte Menschen kämpfen bis zum Tod. Und er würde damit nicht aufhören, bis er seinen Drachengeborenen gefunden hätte.

Dort war es auch, wo Eloys Vater sein Leben zu geben hatte. Er hatte es weit gebracht, alle Kreaturen, alle Menschen bezwungen, die Marlec ihm entgegenwarf. Doch die finale Prüfung war sein Ende. Wie sie es für jeden war. Und kein Mensch glaubte daran, dass sich das jemals ändern würde.

Die Sonne schob sich langsam Stück für Stück an die Spitze des Himmels und Eloy bearbeitete Schlag um Schlag die felsige Wand. Der Schweiß tropfte ihm aus dem Gesicht, er rann vom Scheitel über seine kurz geschnittenen Seiten, prallte an seinen Ohren ab und floss ihm den gesamten Körper hinab. Als die Glocken des Tempels die zwölfte Stunde schlugen, ließen alle Arbeiter ihre Werkzeuge an Ort und Stelle fallen. Sie schleiften und quälten sich zum Mittagessen. Alle, bis auf Eloy. Er schlug noch immer auf den Stein ein, als wäre er von einer unsichtbaren Macht besessen, den gesamten Berg zum Einsturz zu bringen.

Die Arbeiter waren gerade dabei, ihr Essen zu fassen, als sich das große Tor öffnete, dahinter erklangen Hörner königlicher Majestät. Ein groß gewachsener Titan schritt durch das Tor, es war Marlec, der sich in den Steinbruch verirrt zu haben schien. Er war über zwei Meter hoch, auf seinen knapp schulterlangen, grauen Haaren trug er eine Krone aus purem Gold gegossen. Er trug einen Umhang in dunklem, königlichem Blau. Als er den Steinbruch betrat, knieten sämtliche Wachen nieder, die Menschen warfen sich ganz zu Boden, nicht aus Ehrerbietung, sondern aus Angst davor, was passieren könnte, wenn sie es nicht täten. Wo gerade noch Lärm war und die Sklaven lauthals miteinander gesprochen hatten, war nun nur noch Stille. Die langsamen Schritte Marlecs waren eines der wenigen Geräusche, die man vernahm. Lediglich ein leises Hämmern erklang aus dem Steinbruch.

Der König streckte seine Hand aus und zeigte auf einen der am Boden kauernden Sklaven: »Der da.«

Der Sklave hob seinen Blick, er begann zu wimmern und zu zittern. Flehte um Gnade. Doch die Wachen packten ihn und legten ihm Ketten an. Marlec schritt weiter zwischen den Sklaven durch und wählte einen nach dem anderen aus. Sie alle wurden in Ketten aneinandergehängt. Plötzlich stoppte Marlec, hob seine Hand, um den Wachen zu signalisieren, dass sie stehen bleiben sollten. Ein leises Poltern vernahm sein altes Ohr.

Er winkte den Aufseher zu sich: »Was ist das für ein Geräusch?«

Der Aufseher horchte: »Da scheint noch jemand zu arbeiten, Eure ehrenwerte Majestät.«

Marlec musterte seinen Aufseher verwirrt: »Welcher Sklave arbeitet freiwillig über die Mittagspause?«

Unschuldig und leicht verwirrt blickte der Aufseher seinen König an, suchte Worte, die er nicht fand.

Der Herrscher der Titanen setzte sich in Richtung Steinbruch in Bewegung. Die Menschen, die zu Boden lagen, krochen zur Seite, als er ihren Weg kreuzte. Marlec schritt gemächlich über den staubigen Boden, der als Kantine diente, und überquerte einige Gleise, auf welchen die Loren gefüllt mit dem wertvollen Baumaterial standen. Er erblickte den Steinbruch und den dort noch immer arbeitenden Eloy. Dieser schlug mit roher Gewalt gegen das Gestein. Marlec näherte sich ihm, ohne dass Eloy es bemerkte.

»Warum bist du nicht beim Mittagessen?«, fragte Marlec.

Eloy hämmerte weiter auf den Felsen, ohne sich umzudrehen, und gab kalt zur Antwort: »Weil ich keinen Hunger habe.«

Die Wachen Marlecs machten bereits Anstalten, Eloy wegen seines ungehobelten Verhaltens gegenüber dem König bestrafen zu wollen, doch Marlec hielt sie zurück.

»Aber du könntest eine Pause machen. Was treibt dich dazu, diese nicht zu nutzen?«

»Gegenfrage«, sagte Eloy. »Was treibt mich überhaupt dazu, aufzustehen am Morgen und nicht einfach liegen zu bleiben? Nicht einfach darauf zu warten, dass ich in den Kerker geworfen und zu Tode gehungert werde?«

Marlec trat vor Eloy: »Dir ist bewusst, mit wem du hier gerade redest, oder?«

Eloy stoppte. Seine Arme senkten sich, die Spitzhacke noch immer umklammernd. Mit schwerem Atem blickte er zu Boden, schwieg einen Moment. Dann ließ er die Spitzhacke zu Boden fallen und blickte Marlec tief in die Augen.

»Wie könnte ich diese Stimme jemals vergessen?«, antwortete Eloy. »Die Stimme, die für den Tod meines Vaters verantwortlich ist?«

Marlec erschrak, als er Eloys leuchtend grüne Augen sah, und machte einen Schritt zurück. Doch langsam zogen sich seine Mundwinkel nach oben. Und er begann zu lachen, Tränen der Freude quollen über sein Gesicht.

Verwirrt über das Lachen, stand Eloy einfach nur da. Verschwitzt und erschöpft. Die Wachen Marlecs behielten noch immer ihre ernsten Mienen und schienen kein Bedürfnis nach Freude zu haben. Als sich der König erholt hatte, machte er einen Schritt auf den kleinen Menschen zu. Sein Blick senkte sich nieder zu diesem armen Geschöpf, vor welchem sich die ganze Welt fürchtete.

»Die Sache mit deinem Vater tut mir leid, da hatte ich keine Wahl«, sprach der Herrscher der Titanen. »Aber deine Augen, mein kleiner Mensch, deine Augen retten dir gerade deinen Arsch und lassen mich dich nicht in den Kerker werfen.«

Eloy trat einen Schritt zurück. Er fühlte sich vom König in die Ecke gedrängt, doch sein Herz war ruhig und ohne Sorge um sein Leben.

Marlec wandte sich seinen Wachen zu: »Den nehmen wir auch mit.«

Eloy blickte verängstigt die Wachen an, welche sich nun auf ihn zu bewegten. Sie packten ihn an den Armen und versuchten, ihn in Ketten zu legen. Eloy schrie und wehrte sich, doch die Titanen waren groß, stark und in der Überzahl. Sie warfen ihn zu Boden und hielten ihn fest, während sie ihm die schweren Ketten anlegten. Da sich Eloy noch immer wehrte und nicht mitgehen wollte, zogen sie ihn einfach hinter sich her. Seine Arme und Beine schürften auf dem kiesigen Boden auf, und er schrie unentwegt. Die Wachen schleiften ihn an allen Sklaven vorbei und zogen ihn durch das Tor nach draußen.

Als Eloys Mutter ihren Sohn erkannte, der da abgeführt worden war, stand sie auf und schrie Marlec an, der gemächlich hinter der gesamten Reihe der auserwählten Sklaven herlief. Ihre Augen waren erfüllt von Schmerz und Trauer. Sie kannte diesen Moment, war ihr Mann doch einst auf dieselbe Weise abgeführt worden. Ihr Herz zerbrach in diesem Moment aus Angst um ihren Sohn, dem Einzigen, was sie noch hatte in diesem Leben. Ihr Ein und Alles, in Ketten weggeschleift!

So rief sie Marlec verzweifelt zu: »Marlec, Ihr nahmt mir bereits meinen Mann! Verschont meinen Sohn, er ist alles, was mir geblieben ist!«

Marlec blieb stehen, musterte die weinende Mutter. Der König war kein Monster, auch wenn er die Menschen fürchtete. Er war verzweifelt, hoffnungslos dem Versprechen, dem Fluch, ausgeliefert. Die Königreiche verfielen immer mehr dem Wahnsinn des Verstoßenen. Jede Nacht fragte sich Marlec, ob es nicht einen anderen Weg gäbe, eine andere Möglichkeit, den zu töten, der an all dem Elend dieser Erde schuld war. Doch er brauchte einen Drachengeborenen, um sein Volk zu retten, um alles Leben auf dieser Erde zu retten und Frieden zu bringen. Es schmerzte sein Herz, als er diese trauernde Mutter sah, selbst wenn sie nur ein Mensch war. Sie hatten sich dieses Schicksal, dieses Erbe nicht ausgesucht.

Seine Gefühle übermannten den König, sodass er zur Mutter des Smaragdäugigen hinkniete und sprach: »Ich bin kein Monster. Es tut mir leid, was deinem Mann in der Arena zugestoßen ist. Was du verloren hast, kann ich dir nicht wiedergeben, so ein Schicksal hat selbst ein Sklave nicht verdient. Doch habe ich keine Wahl, um dem Wahnsinn ein Ende zu setzen.«

Marlecs Hand legte sich zärtlich auf ihre Schulter, während er sich langsam erhob. Sie weinte unaufhörlich und fiel vollends in den Sand, während sich der große Titan von ihr abwandte und den Steinbruch mit seinen Wachen verließ.

In einer kleinen Zelle kam Eloy wieder zu sich. Er musste das Bewusstsein verloren haben, als sie ihn vom Steinbruch wegschleiften. Er setzte sich auf. Seine Hände berührten den kalten, steinernen Boden unter ihm. Es war kein geschliffener Boden, es war roher Fels, der sich unter ihm befand. Selbst die Wände und Decke schienen roher Fels zu sein. Ein Lichtstrahl berührte den Boden vor ihm und erleuchtete die Zelle ein wenig. Als Eloy sich umdrehte, erblickte er die Herkunft des Lichts. Hinter ihm war ein kleines Fenster in den Fels gehauen, das es ihm ermöglichte, nach draußen zu blicken.

Vorsichtig erhob er sich vom kalten Felsboden. Seine Arme und Beine schmerzten, überall hatte er Schürfwunden. Zudem fühlte es sich an, als hätte er mehrere Prellungen am Oberkörper, und sein Kopf schmerzte, als hätte ihm jemand mit einem Hammer draufgeschlagen. Eloy taumelte zu dem kleinen Loch in der Wand, um herauszufinden, was er sehen könnte. Das Licht blendete seine Augen und er hob die Hand vors Gesicht. Aber als er die Aussicht sah, die sich ihm bot, blieb ihm der Atem stehen. Der gesamte östliche Teil des Drachenrings lag weit unter ihm und er konnte bis über die Mauern und die Felder davor blicken bis hin zur Prärie in der Ferne am Horizont.

Wo man ihn hingebracht hatte, war ihm nun klar. Eloy war unter dem Drachentempel in den Verliesen des Drachenberges. Der Ort, von dem bisher kein Mensch mehr zurückgekehrt war. Hier landeten jene, die von Marlec auserkoren wurden, in der Arena zu kämpfen bis zum Tod. Angst erfüllte Eloys Verstand. Vorsichtig bewegte er sich auf eines der beiden Betten zu, die in die kleine Zelle gequetscht waren, und legte sich hin. Er konnte nicht fassen, dass das die Realität war. Dass er jetzt am selben Ort gelandet war wie einst sein Vater.

Die Decke musternd lag er da und schlief beinahe ein, als er plötzlich Schritte im Gang vor seiner Zelle vernahm. Eine Wache schloss die Tür aus eisernen Gitterstäben zu Eloys Zelle auf und trat zur Seite, als zwei weitere Wachen einen Mann Mitte dreißig in die Zelle brachten. Sie lösten seine Ketten und verließen die Zelle, ohne ihr Schweigen zu brechen. Der Mann setzte sich auf das Bett gegenüber von Eloy.

»Hallo Zimmergenosse«, sprach der Fremde Eloy an.

Eloy atmete schwer: »Verzeih, aber ich habe kein Interesse, mich mit dir zu unterhalten.«

Der Mann strich sich mit der Hand durch seinen kurzgeschnittenen Bart, als ob er nachdenken würde.

»Mein Name ist Ilyas«, redete er weiter. »Wie lautet deiner?«

Eloy wandte sich ab: »Wie gesagt, ich will nicht mit dir reden.«

Ilyas legte sich ebenso mit dem Rücken auf sein Bett, er winkelte die Beine an und seufzte: »Dir ist hoffentlich bewusst, dass du hier wohl kaum lebend rauskommen wirst. Ein kleines Gespräch hilft dabei, den Verstand nicht zu verlieren.«

Eloy schwieg. Die Abendsonne strahlte durch das kleine Fenster in die Zelle und prophezeite die bald einbrechende Dunkelheit der Nacht.

»Wenn du den morgigen Tag nicht überlebst, dann wirst du dir wünschen, mit mir geredet zu haben«, warf ihm Ilyas vor. »Also schlafe wohl, Grünauge.«

KAPITEL2

Die erste Prüfung

Lautes Geschrei prallte von allen Seiten auf Eloy ein. Als er die Augen öffnete, sah er eine laute Meute, Titanen, soweit das Auge reichte. Sie alle schrien und jubelten. Große Tribünen erstreckten sich bis weit nach oben, und er war ganz nah an der Arena. Er fühlte sich taub, alles war leicht verschwommen und das Publikum erschien ihm statisch. Als er neben sich blickte, sah er seine Mutter. Sie hielt Eloys Hand ganz fest und weinte. Der Smaragdäugige versuchte zu erkennen, was in der Arena war, was all die Titanen beobachteten, aber seine Sicht war verzerrt und unklar. Er rieb sich die Augen, war verwirrt darüber, was geschah. Dann verstummte die Meute.

Eine Stimme schallte durch die gesamte Arena: »Gegen alles hat er sich bewährt. Nichts konnte ihn aufhalten, weder Feind noch Freund. Nun steht ihm noch die finale Prüfung bevor.«

Eloy kannte diese Stimme. Er versuchte sich zu erinnern, da wurde es ihm klar. Wie könnte er diese Stimme je vergessen, die Stimme Marlecs! Die Meute jubelte, als sich das erste Tor der Arena öffnete.

»Vater!«, rief Eloy, als sein Vater durch das Tor die Arena betrat, »Vater, kannst du mich hören?«

Doch die Meute war laut und jeder Versuch, zu rufen, fühlte sich vergeblich an. Eloy war, als wüsste er, was als Nächstes passieren würde. Verzweifelt versuchte er seinen Blick abzuwenden, doch es ging nicht. Das Tor auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich langsam. Nichts als Dunkelheit war erkennbar. Dann durchdrang ein Brüllen die Arena, das selbst die Titanen zum Erschaudern brachte. Eloys Mutter packte ihren Sohn und drückte sein Gesicht fest an sich, sodass er nichts mehr sehen konnte. Er hörte nur lautes Trampeln und das Geräusch lodernder Flammen. Die Arme, die seinen Kopf umgaben, begannen zu zittern und seine Mutter begann gleichzeitig zu schreien und weinen.

Eloy löste sich daraus und wollte seinen Blick auf die Arena richten, doch in jenem Moment erwachte er schlagartig aus seinem Traum, als die Wachen ihre Waffen gegen die Eisenstäbe der Zellentür schlugen. Verschwitzt und völlig außer Atem saß er mit weit aufgerissenen Augen in seinem Bett.

Ilyas war bereits länger wach, warf ihm einen Blick zu: »Schlecht geträumt?«

Eloy schaute zu dem bärtigen Mann: »Ein wenig. Aber was kümmert es dich?«

»Ist ja gut, Jungspund«, sagte Ilyas leicht genervt. »Du hast dich in deinem Bett gewunden und gedreht, als wäre der Tod selbst hinter dir her.«

»Es war nur eine alte Erinnerung«, gab Eloy zur Antwort. »Verzeih meine grobe Art. So haben mich meine Eltern nicht erzogen. Und mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, wie ich mich gerade dir gegenüber verhalte.«

Ilyas schien erfreut über diesen Sinneswandel Eloys.

»Mein Name ist Eloy, werter Freund.«

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Fremden: »Es freut mich, dich kennenzulernen. Mögen wir den heutigen Tag überstehen.«

Die Gefängniszelle wurde von den Wachen geöffnet. Der Hauptmann betrat die kleine Zelle und musterte die beiden mit grimmiger Miene.

»Alle beide«, sprach er energisch. »Mitkommen, sofort!«

Ilyas und Eloy erhoben sich und folgten dem Wachmann, ohne dass ihnen Ketten angelegt wurden. Er führte sie an all den anderen Zellen vorbei, welche erstaunlicherweise leer waren, durch die Gänge des Gefängnisses hindurch bis vor eine eiserne Tür. Er klopfte dagegen und sie öffnete sich. Der Hauptmann trat zur Seite und schickte die beiden in den Raum hinein. Die anderen Sklaven waren auch hierhin gebracht worden, standen stramm in Reih und Glied. Sie alle waren in ihren Dreißigern, außer Eloy. Manche von ihnen blickten mit konzentrierter, andere mit beängstigter Miene zu Ilyas und Eloy. Als auch sie sich in die Reihe gestellt hatten, stießen die Wachen mit den Enden ihrer Lanzen hart auf den Boden. Es knallte in tiefen Frequenzen, dumpf inmitten dieses Berges. Die Schritte eines großen Titanen erklangen von den Gängen und Marlec betrat den Raum. Er betrachtete all diese Sklaven, wie sie sich fürchteten, wie sie Angst hatten vor dem, was kommen mochte.

»Willkommen«, sprach Marlec, »herzlich willkommen im Drachenberg. Wer von euch weiß, weswegen ihr hier seid?«

Alle schwiegen.

»Niemand?«, fragte die Hoheit nach.

Er lief die einzelnen Gefangenen ab, schaute ihnen dabei tief in die Augen und versuchte eine Antwort herauszukitzeln. Einige blieben still stehen, der Schweiß schien ihnen aus den Poren gezogen zu werden, andere zuckten zusammen vor lauter Angst.

Aber als Marlec bei Eloy ankam, da blieb er stehen und schaute ihm tiefer in seine smaragdgrünen Augen als jemals jemandem zuvor: »Willst du es mir verraten? Tritt vor.«

Der König machte einen Schritt zurück. Vorsichtig und nervös trat Eloy vor und meinte leise: »Um jemanden zu finden, der den Fluch brechen kann.«

Marlec legte seine Hand sanft auf Eloys Schulter und lächelte ihn an. Es war ein aberwitziges Gefühl, welches den Grünäugigen in jenem Moment durchdrang. Der, der sie versklavte, der für den Tod seines Vaters verantwortlich war, dieser jemand lächelte ihn an.

Der Herrscher der Titanen ließ von ihm ab, wandte sich wieder allen Gefangenen zu und erhob seine Stimme: »Vor langer Zeit mussten wir einen Fluch auf uns nehmen, um unsere Existenz zu retten. Dieser Fluch belastet uns, er macht uns krank und zerstört unseren Verstand. Dieser Fluch macht keinen Halt, vor niemandem. Königreiche gehen an ihm zugrunde, große Herrscher verfallen dem Wahnsinn.«

Eine lange Pause erfüllte den Raum, in welcher der König diese Worte, die allen bekannt waren, wirken ließ.

Dann fuhr er fort: »Ihr denkt, dass wir Titanen furchtbar sind. Weil wir euch versklavt haben. Aber ich sage euch, ich war gnädig. Ihr bekommt zu essen und zu trinken, habt sogar ein Dach über dem Kopf. Und das alles gab ich euch, obwohl andere euch ausrotten wollten. Wenn irgendwann auch dieses Königreich fallen wird, dann seid ihr nicht frei, sondern werdet genauso enden wie wir. Ihr alle werdet dem Wahnsinn des verstoßenen Gottes verfallen und wie willenlose Marionetten auf der Suche nach Seelen für ihn sein. Deshalb sage ich euch: Die Arena ist ein kleiner Tribut für euer Volk. Ja, viele sind gestorben. Und es kann sein, dass jeder Einzelne von euch sterben wird. Doch wenn es einem von euch gelingt zu überstehen, so verspreche ich euch bei meinem Wort als König, dass nicht nur euer Volk eine Zukunft hat, sondern dieser ganze Planet.«

Marlec wandte sich zu seinem Hauptmann und befahl ihm, mit den Prüfungen zu beginnen.

Die Menschen wurden wieder in ihre Zellen zurückgeschickt, wo sie nun auf die Einzelprüfung warten mussten. Keiner von ihnen wusste, was sie erwarten würde. Die einzige Prüfung, bei der neben den Titanen auch Menschen zuschauen durften, war die finale Prüfung, nur bei dieser wussten sie, was sie erwarten würde.

Ilyas und Eloy saßen angespannt in ihrer Zelle, während ein Gefangener nach dem anderen geholt wurde. Nur wenige kehrten zurück. Je länger sie warten mussten, desto mehr begann sich Ilyas den Kopf zu reiben und kratzen, als ob er etwas hätte, das ihm keine Ruhe ließ.

Eloy sagte zu ihm: »Wenn du so weitermachst, hast du schon bald gar keine Haare mehr auf dem Kopf.«

Der Bärtige stoppte und schaute ihn unruhig an.

»Was ist los?«, fragte der Smaragdäugige.

»Weißt du, Eloy«, begann Ilyas, »ich habe Angst.«

»Vor dem Tod?«

»Nein, nicht vor dem Tod«, verneinte Ilyas. »Ich habe Angst davor, meine Familie nicht mehr wiederzusehen. Meine wunderbare Frau, die Beste der Welt, und meine beiden Kinder.«

»Du wirst nicht sterben«, versuchte Eloy ihn aufzumuntern, »nicht heute.«

»Vielleicht nicht heute. Aber im Verlauf der Prüfungen muss ich sterben. Ich bin nicht der, den sie suchen, und werde es niemals sein.«

Es fehlte Eloy an Ideen und Worten, eine passende Antwort zu finden. So saß er ihm sprachlos gegenüber und senkte traurig seinen Kopf zu Boden. Aber dann öffnete sich die Zellentür und ein Wachmann rief Ilyas zu sich. Er war der Nächste. Mit zitternden Beinen stand er auf und wurde von der Wache abgeführt.

Eloy legte sich hin. Versuchte, seine Gedanken irgendwie in eine angenehme Richtung zu lenken und hoffte, dass sein Zellengenosse zurückkehren würde. Die Minuten vergingen wie Stunden und sein Herz pochte laut. Angst umschlang ihn, und er fürchtete um den Familienvater, den er kaum kannte. Eloy schloss seine Augen, versuchte, sich das erste Mal seit Langem bewusst an seinen Vater zu erinnern. Versuchte, sich an all das zu erinnern, was ihm sein Vater beigebracht hatte. Über Anstand, Respekt und Ehrlichkeit allen Wesen gegenüber, die es ersuchten. Er lehrte Eloy, empathisch zu sein. Eine Sache, die er vor Langem begraben hatte, um sich selbst der Gleichgültigkeit auszusetzen. Doch am Ende wuchsen in der Empathielosigkeit nur Hass und Zorn auf die Titanen.

Auf einmal wurde Eloy warm ums Herz. Es war, als würde er eine Hand auf seiner Schulter spüren und die Stimme seines Vaters hören. Entfernt, aber sie war da. Vor seinem inneren Auge sah er einen langen Gang. Er war stockfinster, voller Dunkelheit, doch am Ende schien ein Licht hinein. Die Stimme seines Vaters schien von dort zu kommen. Der Smaragdäugige rief ihm zu, rannte in Richtung des immer heller werdenden Lichtes, bis er vollends geblendet war und seine Hände vors Gesicht schlug. Als er seine Augen wieder öffnete, stand er auf einem gülden glänzenden Weizenfeld. Es reichte von einem Horizont bis zum nächsten, ohne dass ein Ende in Sicht gewesen wäre. Zwei Arme umklammerten ihn von hinten und hielten ihn fest, aber Eloy verspürte keine Angst, denn es waren die Arme seines Vaters.

»Eloy, mein Junge«, sprach sein Vater. »Es ist nicht die Angst vor dem Tod, die dich so nachdenklich macht, nicht wahr?«

»Nein, Vater.«

»Warum hegt dein Herz solch einen Zorn gegen die Titanen?«

Der Grünäugige umklammerte die Arme seines Vaters und brach in Tränen aus: »Weil sie dich getötet haben.«

»Mein Sohn«, sprach sein Vater. »Habe ich dich nicht gelehrt, dass nicht jeder, der Böses tut, auch böse ist?«

»Aber die Titanen sind böse«, heulte Eloy leise. »Marlec ist böse.«

Die Arme, die Eloy umschlangen, drückten seinen Körper stärker zusammen, als wollten sie ihn nie mehr loslassen.

Dann sprach ihm sein Vater ins Ohr: »Marlec ist nicht böse, er ist verzweifelt. Und verzweifelte Seelen tun verzweifelte Dinge. Er versucht, das Richtige zu tun. Und opfert viel dafür. Doch Richtig und Falsch verschwimmen oft zu einer undurchsichtigen Masse.«

Dann verschwanden die Arme um Eloy und als er sich umdrehte, stand niemand mehr da.

Die Zellentür öffnete sich quietschend und Eloy öffnete seine Augen. Ilyas kehrte zurück, schweißgebadet. Viele kleine Verletzungen verunstalteten seinen Körper. Ihre Blicke streiften sich, als die Wächter Eloy mitnahmen. Nun war er an der Reihe. Seine Prüfung stand an. Sie brachten ihn eine Wendeltreppe hinauf und führten ihn durch gut gesicherte Türen in einen Raum voller Waffen und Schilde.

Der Hauptmann trat vor ihn und sprach: »Wähle eine Waffe und tritt durch diese Tür.«

Er zeigte dabei auf eine kleine, unscheinbare, hölzerne Tür zwischen den Waffenständern.

Eloys Herz begann schneller zu schlagen. Unzählige Waffen der besten titanischen Schmiedekunst zierten die Wände. Von Kriegsäxten über Kurzschwerter bis hin zu Sensen und Bögen war alles dabei. Als sein Blick über all die Waffen streifte, da pochte es in seiner Brust bei einer Waffe mehr als bei den anderen. Es war, als könnte er dieses Schwert fühlen. Die Klinge war scharf und glatt, der Griff aus einem rauen, schuppigen Leder, das ihm vertraut vorkam. Als hätte er es schon einmal gesehen oder gespürt. So griff Eloy nach diesem Schwert, dessen Klinge ihn selbst beinahe überragte. Als seine Hand den Griff des Zweihänders berührte, blitzte in ihm das Bild eines Auges auf. Er erschrak und zog seine Hand zurück. Das Auge war smaragdgrün, wie das seinige, doch die Pupille war nicht rund, sondern durchzog das Auge wie eine langgezogene Ellipse von oben nach unten.

Doch Eloy konnte nicht widerstehen. Es musste dieses Schwert sein. So umschlang er mit beiden Händen den Griff seiner gewählten Waffe und fühlte, dass diese für ihn bestimmt war. Der Smaragdäugige hob das Schwert behutsam aus seiner Halterung und schaute den Hauptmann an.

Dieser sprach: »So tritt durch die Tür und möge das Universum dir wohlgesonnen sein.«

Mit zögerlichen Schritten ging Eloy auf die Tür zu, öffnete diese und durchquerte sie. Eine Treppe, die nach oben hin breiter wurde, erschloss sich seinen Augen und er begann sie langsam hinaufzusteigen. Leise Stimmen erfüllten seine Ohren. Sie wurden lauter, je höher er die Stufen erklomm. Es war ihm längst klar, dass er auf dem Weg in die Arena war. Und die Stimmen mussten das wartende Publikum sein. Oben angekommen, stand er vor einem riesigen Gitter aus Stahl- und Eisenstreben. Zwei Wachen behüteten das Tor. Als sie ihn erblickten, zogen sie an zwei Hebeln und das Tor wurde nach oben gezogen.

Langsamen Schrittes trat er in die Arena hinein. Der Boden war mit Sand bedeckt worden. Um ihn herum auf Tribünen, die in den Berg hineingearbeitet waren, saßen Titanen, die jubelten und schrien, als wäre der Krieg gegen den Verstoßenen gewonnen worden. Das Einzige, was sie sehen wollten, war ein Spektakel. Wer überlebte, war ihnen egal. Lediglich eine Handvoll Fenster dienten der Arena zur Belüftung mit frischer Luft. Erhellt wurde der gigantische Raum durch Fackeln und Öllampen, die von der Decke hingen. Das schwere Tor fiel hinter Eloy zu Boden und mit diesem lauten Knall wurde es still in der Arena. Marlec saß hinter Eloy auf der Tribüne auf einem Thron.

Er erhob sich und sprach: »Der neue Herausforderer ist eingetroffen. Er wird sich der Bestie des Nordens stellen und sich für würdig beweisen müssen. Möge er erfolgreich sein oder in Frieden ruhen.«

Als Marlec schwieg, begann die Meute wieder zu schreien und zu toben. Das große Tor auf der anderen Seite der Arena wurde geöffnet. Durch den Lärm der Titanen konnte Eloy nicht hören, was da aus der Dunkelheit schreiten würde. Doch angespannt umklammerte er das Schwert, bereit für alles, was da kommen möge. Dann trat etwas ans Licht. Es war ein großer, nordischer Wolf. Die Nordwölfe erreichen eine Schulterhöhe von anderthalb Metern. Ihr Fell ist glänzend grau, durchzogen mit schneeweißen Strähnen, und ihre Zähne sind scharf wie die Klinge eines frisch geschliffenen Schwertes. Eloy lief die Angst kalt den Rücken hinunter. Hatte er doch noch nie mit einer Waffe gekämpft, wie sollte er eine solche Bestie besiegen?

Der Wolf fletschte seine Zähne und knurrte aggressiv. Diesem Tier war genauso klar wie Eloy, dass es hier nur einer lebend rausschaffen würde. Fest umklammerte Eloy sein Schwert und rammte seine Beine in den Sandboden. Der Nordwolf spannte den Körper wie einen Bogen, ging in Angriffsstellung und sprintete geradewegs auf Eloy zu. Gute drei Meter vor dem Herausforderer sprang er hoch und riss sein Maul weit auf. Eloy rollte sich zur Seite ab, um auszuweichen. Er versuchte direkt nach der Rolle mit einem schwungvollen Schlag das Bein der Bestie zu erwischen, doch Eloy hatte noch nie ein Schwert geführt und verdrehte es beim Schlag, sodass er das Bein lediglich mit der Breitseite traf. Der Wolf, sichtlich unbeeindruckt davon, warf den Smaragdäugigen mit einer Pfote zurück zu Boden. Dabei fiel das Schwert auf den Boden. Das Raubtier lief gemächlich auf ihn zu, seines Sieges sicher. Es legte seine Pfote auf Eloys Brust, der sich noch von dem schmerzhaften Sturz erholen musste. Langsam drückte der Wolf mit mehr und mehr Kraft auf die Rippen. Der Schmerz wuchs mit jeder Sekunde und Eloy suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Den Zweihänder, welcher neben ihm lag, versuchte er mit einer Hand zu erreichen, irgendwie den Griff in seine Gewalt zu bekommen. Eine Rippe knackste und er schrie vor Schmerzen auf.

Doch in jenem Moment erfüllte ihn eine Kraft, die er so noch nie zuvor gefühlt hatte. Der Smaragdäugige packte das Schwert und zog es in einer fließenden Bewegung über seinen Kopf hinweg. Die Klinge durchdrang das Bein des Wolfes, der fiel nieder, sein Blut floss über Eloys Brust, während dieser noch immer liegen blieb. Er drehte sich vorsichtig zur Seite, stützte sich auf seinen Knien nach oben, bis er stand. Der Nordwolf, sichtlich unter starken Schmerzen, versuchte sich auf drei Beinen zu halten.

Die Zuschauer tobten und schrien, sie waren begeistert von der Gewalt. Der Wolf jaulte und versuchte nach Eloy zu schnappen, doch dieser wich geschickt aus, die nordische Bestie verlor das Gleichgewicht und fiel erneut zu Boden. Es war ihr bewusst, dass sie mit nur drei Beinen und dem enormen Blutverlust klar unterlegen und besiegt war. Der Wolf lag da, ohne Anstalten zu machen, sich zu wehren. Er winselte leise, zog den Kopf ein und wartete auf den erlösenden Schlag durch das Schwert.

Das Tier war nicht boshaft, es wurde ebenso zu diesem Kampf gezwungen wie auch Eloy. So trat der Grünäugige vor den Wolf, sein Schwert hinter sich herschleifend. Er blickte der Bestie in ihre tiefschwarzen Augen, die traurig auf ihr Ende warteten. Eine Träne rollte Eloy über sein weißes Gesicht, als er das Schwert mit beiden Händen über den Kopf des Tieres hob. Die Zuschauer tobten noch immer, riefen ihm zu, er solle es töten. Sie wiederholten diesen Satz, als wäre es ihr Mantra. Da schloss Eloy seine Augen und stach zu, tötete das Tier. Die Seele des Wolfes entsprang seinem Körper und Eloy nahm sie in sich auf, er fühlte, wie die Kraft und das Leben des Wolfes in ihn übergegangen waren.

Die Wachen des Königs stürmten die Arena und richteten ihre Speere auf den Sieger des Kampfes. Noch während die Meute applaudierte und ihm zujubelte, nahmen sie ihm das Schwert ab und führten ihn wieder aus der Arena hinaus.

Marlec saß entspannt auf seinem Thron und klatschte Eloy zu, während dieser weggebracht wurde. Er sah zufrieden aus, als hätte er geahnt, dass Eloy diesen Kampf überstehen würde.

Sie brachten Eloy in eine Kammer, wo sie ihm die zerlumpten Kleider abnahmen, sie wuschen ihn, pflegten seine Wunden und gaben ihm neue Kleider. Es waren nicht mehr als ein paar saubere Stofffetzen, aber er war auch nichts anderes gewohnt. Anschließend brachten sie ihn zurück in seine Zelle.

Ilyas lag in seinem Strohbett, als die Wachen Eloy zurückbrachten.

Er setzte sich auf und betrachtete den erschöpften grünäugigen Sieger: »Du hast überlebt.«

Eloy nickte, seinen Blick zu Boden gesenkt.

»Warum siehst du dann so aus, als wärst du gerade gestorben?«

»Der Wolf«, sagte der Grünäugige. »Er tut mir leid.«

»Und doch hattest du, genauso wie er, keine Wahl«, sprach Ilyas. »Es hieß für ihn wie auch für dich: töten oder getötet werden.«

»Ja, ich weiß«, sagte Eloy mit schwerer Stimme. »Erzähl mir von deiner Familie, Ilyas.«

Der Bartträger lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und verschränkte seine Arme vor seinem Körper, während er einmal tief ausatmete: »Meine Frau ist die beste Frau, die ich mir wünschen könnte. Sie ist wunderschön. Ihr blondes Haar reicht ihr bis zu den Ellenbogen und ihre Augen sind so blau wie der Himmel selbst. Sie ist schlauer und klüger, als ich es jemals sein werde. Und sie hat ein großes Herz. Auch wenn wir nie viel besaßen, so ist es doch stets sie, die unseren Nachbarn und deren Kindern etwas abgibt. Sie ist es, die immer zu denen ging und geht, die ihre Männer und Frauen in der Arena verloren. Sie sorgt sich um alle Menschen.«

»Das wird sie auch weiterhin tun«, antwortete Eloy. »Menschen mit so einem Herzen hören nicht damit auf, nur weil sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden.«

Ilyas lächelte: »Das stimmt, sie wird es auch weiter tun, wenn ich nicht mehr bin.« Er drückte sich seine Handfläche gegen die Stirn und schloss die Augen: »Meine zwei Kinder sind das Beste, was ich je erschaffen habe. Sie sind zwar frech und haben nur Unsinn im Kopf, aber jedes Mal, wenn sie mich anlächeln, dann wird mein Herz von einer Wärme erfüllt, die mich alle Sorgen des Lebens vergessen lässt.«

Der sonst so positiv gelaunte Mann begann unter seinen Handflächen zu schluchzen.

Eloys Seele schmerzte, als er diesen verzweifelten Vater ansehen musste. Er setzte sich zu Ilyas und nahm ihn in den Arm, hielt ihn fest und ließ ihn nicht mehr los. Es war ein skurriler Anblick, wie ein so junger Mann einen älteren Familienvater tröstete, der seine Familie so sehr vermisste und vermutlich nie wieder in den Armen halten könnte.

KAPITEL3

Die zweite Prüfung

Der Tag verging und ein neuer Morgen brach an. Erneut wurden alle Gefangenen, welche die erste Prüfung überlebt hatten, in den Raum geführt, in dem Marlec bereits am vorigen Tag seine Ansprache gehalten hatte. Die Reihen waren deutlich dezimiert. Waren es gestern noch knapp einhundert, so waren es heute noch zwanzig Nasen. Alles Männer und Frauen, die einen Wolf des Nordens bezwingen konnten.

Wieder trat der König der Titanen vor die versammelten Sklaven und sprach: »Ihr seid die Bezwinger der Bestie des Nordens. Ihr seid die, die sich würdig erwiesen haben, darum zu kämpfen, die Ehre der finalen Prüfung zu erhalten. Manche von euch sind noch gezeichnet vom gestrigen Kampf, sind angeschlagen und verletzt. Doch der, welchen wir suchen, wird sich von keiner Verletzung aufhalten lassen.«

Sein Blick streifte die kleine Gruppe von Sklaven, die den gestrigen Tag überlebt hatten. Einige blickten entschlossen, andere hatten mit ihrem Leben bereits innerlich abgeschlossen. Kaum einer war ohne Verletzungen aus dem Kampf herausgekommen.

Marlec sprach weiter: »Heute werden viele von euch sterben. Heute wird sich entscheiden, wer sich dem feurigen Monster stellen darf. Nur einer wird die Arena an diesem Tag lebend verlassen. Möge der Tod euch allen Frieden gewähren.«

Seine Augen zeigten, wie sehr es ihn bedrückte, die Menschen in den Tod zu schicken. Sie gegen ihr eigenes Volk kämpfen zu lassen. So sehr die Titanen es auch genossen, sich dieses Gemetzel immer wieder anzusehen, umso weiser und verständnisvoller war Marlec. Denn auch wenn er die Rache Esilyas fürchtete, so wollte er die Menschen nie barbarisch töten. Der König verließ den Raum, seine Leibwächter trotteten ihm hinterher.

Die Wachen brachten die Sklaven zum selben Raum mit den Waffen wie am Tag zuvor. Der Hauptmann gab jedem die Waffe, die er oder sie sich am Tag zuvor ausgesucht hatte. Es wurden Äxte und Schilde, Schwerter, Sensen und ein Bogen verteilt. Auch Eloy erhielt seine Zweihandwaffe. Als er den schuppigen Griff berührte, da blitzte in ihm, wie schon zuvor, dieses smaragdgrüne Auge auf. Er hatte das Gefühl, ein leises Wispern zu vernehmen, doch Ilyas riss ihn aus seiner Trance, als er Eloy anstupste.

»Was ist, Ilyas?«

»Du bist ein guter Mensch, Eloy. Aber am Ende dieses Tages wird nur einer von uns bestehen können. Ich kenne dich kaum, aber ich spüre, dass du es kannst. Vergeude keine Träne, wenn ich heute fallen werde.«

Eloy schaute ihm entrüstet in die Augen: »Du wirst nicht fallen, Ilyas, ich gebe alles dafür, dass du deine Kinder wieder in deine Arme nehmen kannst.«

»Das wird nicht geschehen, Eloy«, sagte Ilyas traurig. »Dazu müsste ich die finale Prüfung überstehen. Das wird niemals geschehen.«

»Verzweifle nicht, mein Freund«, ermutigte ihn Eloy. »Glaube an die Hoffnung.«

Bevor Ilyas etwas sagen konnte, wurden die beiden von den Wachen nach oben in die Arena geschickt. Die Sklaven wurden reihum der Wand entlang aufgestellt. Sie alle hielten ihre Waffen fest im Griff, konzentriert darauf, im kommenden Moment nicht zu sterben. Sie wussten, dass nur einer überleben konnte. Das Jubeln und Schreien der schaulustigen Titanen übertönte alles in diesem Berg und ließ ihn erzittern. Marlec hatte bereits wieder auf seinem Thron über dem Tor Platz genommen. Schweigend ließ er den Lärm auf sich prallen, mit ernster Miene blickte er in den sandigen Boden der Arena, der bereits mit unzähligem Blut getränkt worden war. Der König blickte seinen Hauptmann an und nickte ihm zu. Dieser würde jeden Moment das Startzeichen geben. Eloy und Ilyas standen nebeneinander in der Arena.

Eloy bewegte sich unauffällig ein paar Schritte in seine Richtung und sagte: »Ilyas! Ich habe einen Plan, wie wir beide diese Runde überstehen können.«

»Was?«, fragte Ilyas verwirrt. »Wie soll das funktionieren?«

»Vertrau mir, Ilyas«, sprach der Smaragdäugige. »Du deckst meinen Rücken und ich deinen. Lass die anderen in die Mitte rennen und einander niedermetzeln, das wäre der sichere Tod. Wir bleiben hier und schützen einander.«

Ilyas stimmte zu: »Also gut, ich vertraue dir.«

Der Hauptmann erhob seine Hand, hielt für ein paar Sekunden inne und zog sie rasant nach unten. Die Hörner der Titanen erschallten in jenem Moment und die Schlacht in der Arena begann. Wie erwartet rannten die meisten geradewegs ins Zentrum der Arena aufeinander zu und prügelten sich die Köpfe ein. Es wurde geschrien und mit aller Kraft versuchte jeder Einzelne, irgendwie der Überlebende aus diesem Gemetzel zu werden. Es wurden Köpfe mit Hämmern zertrümmert, Arme und Beine mit Äxten abgetrennt. Die Titanen jubelten ob dieses blutigen, grausamen Schauspiels. Nur Marlec saß ruhig auf seinem Thron. Für ihn war dieser Anblick nie leicht gewesen. Die anderen Titanen – kaum einer von ihnen war im Krieg gegen die Drachen dabei gewesen. Sie wussten nicht, wie das war. Für sie war die Arena nicht mehr als eine blutige Ablenkung, um nicht an den Wahnsinn des Verstoßenen denken zu müssen. Den Verfall der Königreiche für einen Moment zu vergessen. Doch der König erinnerte sich, wusste um die Wichtigkeit, den blutgeborenen Nachfahren Esilyas zu finden. Für ihn war das kein Spektakel, für ihn ging es um die Zukunft seines Volkes und aller anderen Völker dieser Erde.

Er musterte die Meute am Boden der Arena, wie sie sich gegenseitig töteten. Und er sah die wenigen, die nicht in die Mitte rannten. Einer schoss mit seinem Bogen vom Rande in die Menge im Zentrum und traf sie einfach nur zufällig. Doch sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich um die Gegner im direkten Umfeld zu kümmern, als dass sich jemand auf den Bogenschützen achtete. Eloy und Ilyas standen Rücken an Rücken in der Arena, sie machten keine Anstalten, sich gegenseitig an die Kehle gehen zu wollen. Von links kam ein Sklave mit zwei Schwertern auf Ilyas zu gerannt, von rechts einer mit einer Kriegsaxt auf Eloy. Die zwei Klingen versuchten Ilyas Haut zu erwischen, doch geschickt blockte er sie mit seinem Schild und Schwert ab. Aber er kam nicht zu einem Gegenschlag und wurde langsam in Richtung Eloy zurückgedrängt. Dieser wich den kraftvollen, horizontalen Schwüngen der feindlichen Kriegsaxt nach hinten aus. Als sein Gegner die Axt über seinen Kopf schwang und sie von oben mit voller Kraft auf Eloy schmettern wollte, da sprang dieser einen Schritt zur Seite. Die Axt knallte hart gegen den Boden und erschütterte das Gleichgewicht seines Feindes. Der Grünäugige ließ reflexartig sein Schwert zu Boden fallen, sprang hoch und trat seinen Gegner mit den Füßen rückwärts zu Boden. Die Axt ließ er dabei neben sich am Boden liegen. Als Eloy mit seinem Rücken auf dem harten Sandboden aufprallte, schnappte er blitzschnell nach seinem Zweihänder, schnellte nach oben und durchbohrte das Herz seines Gegners. Einen kurzen Moment hielt er inne, als er den schmerzerfüllten Gesichtsausdruck des Todes im Gesicht seines Kontrahenten sah. Seine Augen wurden wässrig.

»Es tut mir leid«, sprach Eloy wehmütig.

Ilyas, der noch immer unter stetigem Angriff stand, war langsam auf der Höhe Eloys angelangt und fand keine Möglichkeit zur Gegenwehr. Sein Rücken berührte den des Smaragdäugigen, dieser machte reflexartig einen Schritt zur Seite und stellte Ilyas ein Bein, während Eloy mit seinem Zweihänder zu einem horizontalen Schwung ausholte. Ilyas fiel rückwärts zu Boden auf die Leiche, als Eloy mit seinem schwungvoll geführten Schwert Ilyas Gegner auf Brusthöhe entzweischlug und die Klinge knapp über Ilyas Gesicht hinwegflog. Ilyas war erschrocken und lag völlig überrascht am Boden. Doch Eloy zog ihn schnell auf die Beine zurück. Der Bärtige bedankte sich bei ihm für die Hilfe.

Die Menge in der Mitte war mittlerweile stark dezimiert, die zwei Überlebenden dieser Gruppe mussten sich entscheiden, ob sie sich gegenseitig, den Bogenschützen oder Eloy und Ilyas angriffen. Die beiden entschieden sich für Eloy und seinen Kumpanen – und die Fronten prallten aufeinander, sie brüllten und schlugen aufeinander ein. Gleichzeitig kam ein wahrer Pfeilhagel über die vier, allerdings ohne wirklich gefährliche Treffer.

Keiner wollte den anderen siegen lassen. Es ging letztlich für alle darum, weiterzuleben. Ein Pfeil traf Ilyas in die Schulter und er fiel rückwärts zu Boden. Sein Gegenüber holte bereits zum finalen Schlag aus, als Eloy seinen Kontrahenten zur Seite schubste und Ilyas Feind ansprang, um ihn zu Boden zu werfen. Die zwei rangen am Boden, während der Dritte vom Boden aufstand und zu den beiden hinüberlief. Mit seinem Speer versuchte er die beiden sich Wälzenden zu erwischen, doch dies gelang ihm vorerst nicht.

Ilyas, der verwundet am Boden lag, wollte Eloy nicht im Stich lassen. Er schrie vor Schmerzen, als er sich den Pfeil mit der rechten Hand aus der Schulter riss, kroch im Pfeilregen hinüber zu den drei Streitern, die verbissen kämpften, und rammte dem Speerträger den Pfeil mit voller Wucht ins Bein. Dieser schrie auf. Der Bärtige zog den Pfeil aus dessen Bein heraus und rammte ihn nochmals hinein, doch diesmal etwas höher, genau in die Kniescheibe. Sein Feind erstarrte ob des ungeheuren Schmerzes und war nicht mehr in der Lage stehen zu bleiben, so fiel er zu Boden und hielt sich das Knie. Eloy gelang es, sich über seinen Gegner zu drehen und mit seinen Fäusten auf ihn einzuprügeln. Dessen Gesicht war bereits voller Wunden und blauer Flecke, doch Eloy kam in einen Blutrausch und schlug immer wilder auf den Schädel des Sklaven ein. Ilyas schrie ihm zu, er solle aufhören. Dann erfasste der Blick des Familienvaters den Bogenschützen, der gerade auf Eloy zielte. Er rief ihm zu, er solle aufpassen, brüllte ihn an.

Doch Eloy hörte nicht. Seine Ohren schienen taub. Er ließ schließlich doch ab von seinem Opfer und hob seinen Kopf. Eine perfekte Zielscheibe für einen guten Schützen. Die Hände des Smaragdäugigen waren blutüberströmt, mit leerem Blick stand er da und nahm nichts mehr wahr. Die Zeit schien ihm beinahe stillzustehen, als sich der Finger vom Pfeil löste. Eloys Augen fokussierten urplötzlich, wie der Pfeil geradewegs auf seinen Kopf zugeflogen kam, seine runden Pupillen erweiterten sich nach oben und unten wie eine langgezogene Ellipse. Mit der Bewegung eines Bruchteils einer Sekunde fing er den Pfeil vor seinem Gesicht aus der Luft und drückte ihn mit der Handfläche zu Boden.

Ilyas und der Bogenschütze trauten ihren Augen nicht, als sie erkannten, dass Eloy gerade seinen unweigerlichen Tod verhindert hatte. Die Zuschauer jubelten, schienen selbst nicht so genau mitbekommen zu haben, was gerade geschehen war. Doch es war eine Schlacht nach ihrem Geschmack.

Die Augen Eloys schienen ein Feuer in sich zu tragen, das nicht erlöschen wollte. Wie besessen von einer anderen Macht griff er nach den Dolchen, die sein totgeprügelter Feind hatte, und warf einen durch die gesamte Arena. Der noch immer perplexe Bogenschütze konnte es kaum glauben und nur knapp dem Wurfgeschoss ausweichen, das hinter ihm in der Wand stecken blieb. Er zog einen neuen Pfeil und setzte zum Schuss an.

Eloy war aufgestanden, sein Kopf gerade, sein Blick zornig. Auch er war zum Wurf bereit. Pfeil und Dolch verließen gleichzeitig die Hände ihrer Kämpfer. Der Dolch wurde von Eloy mit einer solchen Präzision und Wucht geworfen, dass er auf seinem Weg den Pfeil entzweischlug und schließlich den Bogenschützen tötete.

Ilyas lag vom Kampf erschöpft und von den unglaublichen Ereignissen sprachlos am Boden. In der Arena schrie nur noch einer, der Sklave, der noch immer den Pfeil in seiner Kniescheibe stecken hatte. Der Smaragdäugige lief langsam auf ihn zu. Die Massen wussten, dass der Sieger nun feststand. Sie bejubelten ihn und sangen ihm zu. Er senkte sich zu dem leidenden Mann, legte die Hand um den Pfeil, der tief in dessen Knie feststeckte. Er spannte die Muskeln an und zog den Pfeil ganz langsam aus dem Knie des Gegners. Er hatte sich verkeilt und wirkte wie ein Widerhaken. Der Mann schrie vor Höllenqualen, als ihm Eloy beinahe das Knie herauszureißen drohte. Dann ließen das Knie, die Muskeln, Sehnen und das Fleisch nach und der Pfeil entglitt dem Körper.

Noch immer schrie der Mann, als würde ihm die Haut von den Knochen geschält werden. Der Smaragdäugige schaute dem Mann noch einen Moment beim Leiden zu. Es war, als würde er es genießen, ihn sterben zu sehen. Doch dann drückte er ihm kraftvoll den Pfeil durch den Kopf und beendete seinen Schmerz.

Eloys Pupillen zogen sich wieder zusammen und wurden rund. Sein Kopf richtete sich dabei wieder auf, und er setzte sich erschöpft auf den sandigen Boden.

Er blickte Ilyas verwirrt an: »Was ist passiert?«

»Du hast gewonnen, Eloy«, antwortete Ilyas. »Jetzt erkläre deinen Plan, wie wir beide überleben. Sie werden nicht ewig darauf warten, dass du mich tötest.«

Der Smaragdäugige stand auf und blickte Ilyas direkt an.

Die Titanen schrien ihm zu: »Töte ihn! Töte ihn!«

Eloy drehte sich im Kreis, beobachtete all die Schaulustigen, die ihn sonst immer bespuckten und beschimpften, die ihn immer nur benutzten und jetzt plötzlich bejubelten. Er schaute hoch zu Marlec, der entspannt auf seinem Thron saß und die Szenerie interessiert betrachtete. Dann sah er Ilyas an und streckte ihm die Hand entgegen. Dieser griff danach und ließ sich auf die Beine helfen. Dann hob Eloy ihre beiden Hände in die Höhe.

Die Meute verstummte. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie tuschelten untereinander. Ein Herausforderer, der sich weigerte, seinen letzten Gegner zu töten! Noch nie hatten sie solch eine Rebellion erlebt! Dann wurde es wieder laut. Sie buhten in voller Lautstärke. Waren empört, verärgert und forderten noch einen letzten Kampf zwischen den beiden Überlebenden.

Doch Ilyas und Eloy gaben nicht nach. Noch immer standen sie still, ihre Hände vereint in die Luft gestreckt.