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Auf Johns Dach landet eines Nachts, während eines großen Blackouts, ein Dackel. Dieser behauptet, die Wahrheit zu sehen, zu schmecken, zu riechen, zu fühlen und zu sprechen. John legt sich bei ihm ins Vertrauen. Als er dabei das Steuer über sein Leben loslässt, gerät seine langjährige Beziehung zu Ludmilla ins Wanken. Gleichzeitig entsteht eine neue Nähe zu Julia. Zur selben Zeit werden weltweit, angeblich wegen des Virus LARS-HunVid 23, alle Hunde unter Quarantäne gestellt und zu Impfungen gezwungen. Die Suche nach dem Hund Null, dem sogenannten Erstinfizierten, konzentriert sich dabei ausgerechnet auf Johns Stadt.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ein sprechender Dackel
Sprechende Dackel sind nichts für jedermann
Ein intergalaktisches Problem
Auf anderen Wegen
Verlaufen
Die Bibliothek
Ein Seelenort
Fremdgerüche
Kluge Dackel putzen Zähne
Die richtigen Fragen stellen
Neue Perspektiven
Leinenübergabe
Visionen
LARS-HunVid 23
Aufwachen, John!
Handy
Dackel in Gefahr?
Zeitschübe
Strolche haben immer Glück
Verfolgungsjagd
Unterschlupf
John träumt
Wahrheitsschichten
Rudi
Ein nicht vorhandener Raum
Durch Zeit gefangen in der Zeitlosigkeit
Hundemensch
Hundevirusmutante?
Verschiedene Raumzeiten erleben
Kosmischer freier Wille
Wahrheit und Liebe
Der Großangriff
Blau
Neue Wege
John Blembo war schon seit einer guten Stunde auf dem Dach gewesen, bis er das Gefühl gehabt hatte, vor lauter Müdigkeit nicht mehr klar sehen zu können. Er hatte sich schon eingebildet, innerhalb der Erdatmosphäre eine abwechselnd Violett und Blau leuchtende Wolke am nächtlichen Himmel gesehen zu haben, die dann hinter einer anderen großen Wolke verschwunden war.
»Phantast, Verschwörungstheoretiker, Spinner«, hatte er sich Ludmillas Kommentar dazu ausmalen können. Worauf er entschieden hatte, ihr von diesen Beobachtungen nichts zu erzählen.
Er war vom Dach gestiegen, hatte es aber noch nicht sein lassen können und mit dem Teleskop noch einen Blick aus dem Dreiecksfenster Richtung Himmel geworfen. Dann war das mit dem Dackel in einer Art Blase gewesen, was ihm noch sonderbarer als die Wolke vorgekommen war. Er war vom Fenster zum Bett gegangen. Jetzt beugte er sich nach vorne, hob die Decke an und legte sich neben Ludmilla, welche im Schlaf kurz aufseufzte und sich zur Wand drehte.
Als John mit offenen Augen da lag und zur weißen Decke blickte, spürte er beim Einatmen im unteren Bereich seines Halses starke und schnelle Schläge. Sein Herz raste. Er schob seine flache Hand unter sein Pyjamaoberteil und legte sie auf seine Brust. Unregelmäßig hob sich der Brustkorb an und senkte sich wieder. Dann schloss er seine Augen, um bis zwanzig zu zählen. Vielleicht würde ihn das beruhigen.
»Denk jetzt einfach nicht an einen Dackel, den du da am Himmel gesehen hast, John«, sagte er flüsternd zu sich selbst.
Als Ludmilla neben ihm, »lass mich in Ruhe«, seufzte, fuhr er kurz in sich zusammen. Doch sie hatte nur im Schlaf vor sich hin gesprochen.
Die zwanzig Sekunden waren längst abgelaufen, auch weitere hundert hatte John mit geschlossenen Augen mittlerweile gezählt, ehe sich sein Herzschlag und sein Atem wieder ein wenig normalisierten. Durch das Dreiecksfenster warf der Mond Licht ins Zimmer, sodass ein leuchtendes Dreieck aufs Parkett schien.
»Was ich gesehen habe … war ein Dackel? In einer Art Blase. Er schwebte in mindestens dreißig Kilometern Höhe«, sagte John leise in seinen Polster hinein.
Sein Teleskop hatte er auf eine Vergrößerung eingestellt, mit der er zwar nicht die amerikanische Fahne am Mond gesichtet hätte, sofern diese überhaupt jemals dort gestanden hätte, aber bei einem Flugzeug hätte er durch die Fenster schauen und eine Maus darin erkennen können. Und das ließ eigentlich keinen Zweifel zu.
»Es waren mindestens fünfzehn Kilometer Höhe, eher dreißig, ich habe dort einen Dackel gesehen«, wiederholte John und ergänzte dann, »ich muss das alles träumen.«
Er schaute noch einmal zu Ludmilla, aber sie schlief. Weil sie schlief und er nicht, er ihr Schlafen aber beobachten konnte, schloss er, dass er demzufolge wach sein musste.
Er dachte kurz daran, Ludi – so nannte er sie – zu wecken, um ihr alles zu erzählen, um mit ihr gemeinsam sicherzustellen, dass er wach sei, um mit ihr noch einmal zum Teleskop zu gehen und nach dem Dackel zu suchen. Aber er malte sich ihr Geschrei aus, weil er sie für einen Blödsinn, für eine neue von ihm ersonnene Verschwörungstheorie aufgeweckt hätte und dass sie ihren Schlaf bräuchte, um nicht vorzeitig zu altern.
Schon bevor er an jenem Abend auf das Dach gestiegen war, hatte er kurz darüber nachgedacht, Ludi einzuladen, ihm ausnahmsweise einmal beim Beobachten des Sternenhimmels auf dem Dach des Gemeinschaftsgebäudes beizuwohnen. Aber es war spät gewesen. Die Ereignisse des Abends hatten Ludmilla und die gesamte Nachbarschaft in Aufregung versetzt. Einen Stromausfall hatte es gegeben. Aus allen Häusern waren Menschen auf die Straße geströmt. Viele ließen die Lichtstrahlen aus den Taschenlampen durch die Nacht tanzen. Ludmilla war schnell in eine Unterhaltung mit Nachbarn verstrickt gewesen, während John für sich geblieben war. Scheinbar war er der Einzige in der umliegenden Nachbarschaft gewesen, der schon einmal einen Stromausfall erlebt hatte und der sich deshalb nicht an den aufgeregten Gesprächen darüber beteiligen hatte können. In seiner alten Heimat während seiner Kindheit waren es sogar sehr viele gewesen. Bei einem Stromausfall abends hatten sich damals stets alle Mitglieder ihres Haushaltes in der Küche gedrängt, eine Kerze angezündet, manchmal auch das Feuer im Herd und dann das Türchen dazu einen Spalt offen gelassen. Oder er war einfach ins Bett unter seine Decke gekrochen und hatte dort gewartet, bis der Stromausfall vorüber war oder der nächste Tag hereinbrach.
Ludmilla war immer noch mit den Nachbarn am Debattieren über den möglichen Grund des Stromausfalls gewesen, als John Richtung Himmel geblickt und sich gewünscht hatte, dass die Menschen für einige Minuten die Taschenlampen ausknipsen und dem sanften Funkeln der Sterne zusehen würden. Plötzlich hatte eine umherfliegende, fast autogroße Drohne mit ihrem Surren die Atmosphäre noch weiter gestört. Sie umkreiste in einer Höhe von etwa fünfzehn Metern einen Baum und verschwand hinter einem Hausdach. John hatte sich noch umgeschaut, ob jemand anderes die Drohne ebenfalls bemerkt hatte, aber es sah nicht danach aus. Daraufhin war er doch zu Ludmilla gelaufen und hatte ihr Gespräch unterbrochen.
»Eine Drohne, Schatz, das hättest du sehen sollen, ist doch komisch – erst der Stromausfall und dann so ein Ding, das war kein Spielzeug, Schatz, ja, ja«, hatte er gesagt.
»Mensch, Johny, du Phantast! Bastelst wegen eines Stromausfalls sofort wieder an irgendwelchen Verschwörungstheorien. Wie alt bist du eigentlich, fünfzehn oder dreißig, also manchmal bin ich mir da nicht sicher.«
Fünf Minuten waren sie dann noch schweigend draußen geblieben, ehe Ludmilla vorgeschlagen hatte, es den meisten gleichzutun und in die Wohnung zurück zukehren.
»Wirst sehen, morgen ist wieder alles gut, John, immer positiv bleiben«, hatte sie gesagt.
Noch im Stiegenhaus hatte John ihr erklärt, dass er den Stromausfall als Chance sähe und trotz fortgeschrittener Stunde die günstigen Bedingungen der äußerst niedrigen Lichtverschmutzung nutzen wolle, um den Sternenhimmel zu beobachten. Nicht einmal am Stadtrand bei der verlassenen Fabrik am Fluss, wo es ihn sonst oft mit seinem Teleskop hinzog, hatte er jemals solche Bedingungen vorgefunden. Ludmilla zu fragen, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, war dann eben nur ein Gedanke geblieben.
Jetzt roch John an der Bettdecke. Es haftete noch die Duftnote von Ludmillas Parfum daran, eines, welches er nicht sehr mochte. Obwohl es einen auch für ihn angenehmen Rosengeruch mittrug, überwog für ihn etwas Penetrantes, Künstliches, was ihn an Kaugummis aus seiner Kindheit erinnerte. Er schleckte über seinen Unterarm. Ein wenig salzig schmeckte der, mit einem Hauch von Chlor, obwohl es schon drei Tage zurücklag, dass er schwimmen gewesen war.
»Das ist alles zu echt, ich kann gar nicht alles nur träumen«, sagte John, ehe er ein Bündel seiner braunen Haare über seinem Ohr packte und mit einem Ruck daran riss.
»Au«, schrie er kurz auf.
Sofort wandte er sich um zu Ludi, in Sorge, sie geweckt zu haben, doch die schnarchte jetzt.
Fünf Minuten später hatte John die Leiter aus dem Gemeinschaftskeller herangeschleppt und sie unter dem großen Panoramadachfenster im Wohnzimmer der Wohnung positioniert. Er stieg fünf Stufen hinauf, öffnete das Fenster zum Dach und streckte seinen Kopf nach draußen. Die Milchstraße war klar zu erkennen und beim Einatmen schmerzte Johns Nase leicht. Er warf einen Blick zurück ins Zimmer, zu seinem Teleskop, welches er vor dem Hinaufklettern neben der Leiter aufs Parkett gestellt hatte. Gerade wollte er einen Fuß, eine Sprosse nach unten setzen, als ihn ein, »he, du«, erstarren ließ.
Er schüttelte den ganzen Brustkorb und auch den Kopf. Er meinte, dass die Kälte, welche vorher seine Nase so gereizt hatte, jetzt tiefer in seinen Körper gedrungen wäre und dass er sie mit dem Schütteln wieder heraus bekäme.
Dann hörte er es wieder hinter sich.
»Du!«
»Äh, jaah«, antwortete er zunächst weiterhin geradeaus blickend, ehe er sich nach einigen Sekunden umwandte und am Kamin des Hauses eine Art gläsernen Ballon sah, fast so groß wie sein Schreibtisch. Darin saß ein Dackel. Nein, der Dackel saß nicht, sondern stellte sich immer wieder auf seine Hinterbeine, um mit den Vorderpfoten weiter oben gegen die Seitenwand des Ballons zu drücken.
»Ja, du«, sagte der Dackel wieder, als er bemerkte, dass John jetzt zu ihm sah.
»Ja, ich«, antwortete John halb flüsternd.
»So etwas machen normalerweise nur Hunde!«
»Häh? W …, w … was machen sonst nur Hunde«, fragte John.
»Sich so zu schütteln wie du vorhin, aber egal. Komm mal rüber und hilf mir hier herunter, irgendwie bin ich auf diesem Ding verkehrt herum gelandet und meine Kapsel steckt jetzt irgendwie fest, weißt du«, erklärte der Dackel.
Dann stellte er sich wieder auf alle vier Beine, drehte sich einmal im Kreis und rollte sich zu einem Knäuel zusammen. Schließlich begrub er noch seine Schnauze unter seinen Pfoten und schloss die Augen.
»Ja, als gäbe es nicht mehr zu sagen«, flüsterte John leise vor sich hin. Er kratzte sich am Kopf über seinem rechten Ohr, wo ihn der Schmerz sofort wieder an das entrissene Haarbündel erinnerte.
Als John weiterhin reglos da stand und zum zusammengerollten Dackel starrte, gab dieser ein kurzes Wimmern von sich und streckte dann seinen Kopf nach oben, als ob er sich den Sternenhimmel anschauen wollte. John tat es ihm kurz gleich. Vielleicht würden ja noch andere Ballons kommen, dachte er einen Moment lang, dann wandte er sich aber wieder an den Dackel.
»Ok«, sagte er, »ich hol dich mal rein ins Haus, aber, äh.«
»Was aber? Holst du mich nun rein oder nicht? Ich kann hier schlecht aussteigen aus meiner Kapsel und sowieso nicht, wenn sie auf dem Kopf gelandet ist. Also, was aber?«
»Aber, wollte ich sagen, das was du machst, das machen eigentlich nur Menschen, ja, ja!«
»Was meinst du«, fragte der Dackel mit tiefer, ein wenig heiser wirkender Stimme und kniff dabei seine Augen zusammen.
»Naja, sprechen, das ist eigentlich Menschensache!«
»Ach, das. Ja, das weiß ich«, antwortete der Dackel, »ich kann dir das alles erklären, es ist die Wahrheit, die mich sprechen lässt!«
»Die Wahrheit«, sagte John und blieb noch einmal kurz stehen, ehe er seine Hand an das ballonartige Ding legte.
»Egal, hol mich erst mal rein, dann unterhalten wir uns bei einem Kaffee darüber«, entgegnete der Dackel.
»Kaffee? Du trinkst Kaffee? Du bist ein Hund«, sagte John.
»Ja, aber das ist doch ein Brauchtum hier auf der Erde, oder«, antwortete der Dackel, »das liegt doch auf der Pfote«. Er machte dazu eine entsprechende Geste, die sehr menschlich aussah.
»Ok«, sagte John noch einmal, »ich hol dich rein, dann trinken wir Kaffee, dann sprechen wir!«
Der Dackel schien ungeduldig zu sein, als John endlich das ballonartige Ding samt dem Insassen darin packte, es über seinen Kopf hob und damit über die Feuerleiter zurück Richtung Dachfenster balancierte.
»Pass auf, dass du nicht hinunterfällst«, warnte der Dackel.
»Wenn ich falle, dann fallen wir gemeinsam«, antwortete John.
Drei Stunden später, um sieben Uhr morgens, trat Ludmilla zur Tür in die Wohnküche herein. Als John sie wie jeden Morgen von seinem Platz in der Ecke beim Tisch aus herzlich begrüßte, war für sie alles normal. John war immer vor ihr wach und frühstückte bereits, ehe sie sich zu ihm gesellte.
»Hast du gut geschlafen«, fragte er sie.
Sie reagierte zunächst gar nicht, sah nicht einmal einen Moment zu ihm, sondern setzte ihre Schritte in Richtung der Küchenanrichte fort.
John warf einen Blick zum Dackel, welcher direkt neben ihm in der Ecke der Eckbank saß und mit seiner Zunge noch die Reste aus seiner Tasse schleckte. Wiederholt fragte John sich, ob Kaffee das Richtige für einen Hund war, auch wenn ihm die Gabe des Sprechens innewohnte. Und dann hatte er auch bereits vier Tassen getrunken. Zumindest hatte er bei der letzten versprochen, dass es auch wirklich die letzte sein würde. Außerdem hatte er erklärt, nur das Ritual und die Wirkung des Kaffees kennenlernen zu wollen. Er meinte sogar, dass der Inhalt ihn anwidern würde bei all den Informationen, die er durch seine Sinne daran wahrgenommen hatte. Dass sie gemeinsam leiden würden unter den Adrenalinschüben verursachenden Bohnen, dass aber er, der Dackel, auf diese Weise John ein wenig verstehen lernen würde.
John war es an jenem Morgen schließlich egal gewesen. Die Gespräche mit dem außerirdischen Dackel waren für ihn so spannend, dass er selbst viel mehr Kaffee als gewöhnlich getrunken hatte. So mutmaßte John, dass es dem Hund womöglich nicht anders erging. Auch für diesen war es nicht alltäglich, auf einen anderen Planeten zu reisen. Ja, er hatte sogar erzählt, dass die Erde sein erster fremder Planet sei, welchen er in seiner jetzigen Bewusstseinsphase besuchte. Mit Ausnahme von Zemkai, was aber nicht zählte, weil dieser im selben Nebel lag wie der Heimatplanet des Dackels. John lauschte den Ausführungen des Hundes, ohne diesen zu unterbrechen, obwohl er einiges nicht ganz verstand. Was meinte er zum Beispiel mit Bewusstseinsphase? Oder was hieß selber Nebel zweier Planeten?
Der Dackel, der auf Ludmillas Erscheinen bisher nicht reagiert hatte, ließ jetzt, als John ihn anblickte, von seiner Tasse ab. Der Dackel rollte mit seinen Augen, als versuchte er John mitzuteilen, »ich weiß auch nicht, was sie hat.«
Aber John kannte das. Morgens war Ludis Stimmung nie anders. Er hatte nur gehofft, ihr den Dackel gleich vorstellen zu können. Jetzt stand er auf, nahm seine Tasse in die linke und die des Dackels in die rechte Hand. Dann kreuzte er im Vorhaben, Ludmilla einen Kaffee zuzubereiten, die Küche in Richtung Kaffeemaschine. Auch das war ein eingespieltes morgendliches Ritual bei ihnen. Einst hatte ihm Ludmilla erklärt, wie sehr sie kleine Gesten zu schätzen wüsste. Gesten des Füreinanderdaseins und, explizit als Beispiel angeführt, jemandem einen Kaffee zuzubereiten, ohne dass dieser danach gefragt hätte. Seither war John immer dieser Jemand gewesen, der sie morgens mit Kaffee beglückte und sie diejenige, die nie danach fragen musste. Als John an Ludmilla vorbei zur Kaffeemaschine drängte, versuchte er ein weiteres Mal, ein Gespräch mit ihr zu initiieren.
»Ähm«, brachte er heraus, ehe er von ihr in einem schneidenden Tonfall unterbrochen wurde.
»Du hast geschnarcht«, gab sie ihm knapp zurück, ohne in seine Richtung zu sehen.
John kannte auch das. Jeden Morgen war sie grantig zu ihm. Zwei Meter vor der Kaffeemaschine blieb er stehen. Einige Sekunden verstrichen, in welchen John wie eine Statue in der Küche stand und in jeder Hand hielt er dabei eine leere Tasse. Wieder erinnerte er sich an Ludmillas Parfum, welches er in der Nacht gerochen hatte, kurz bevor er zum Dackel auf das Dach gestiegen war. Hier in der Küche roch er es nicht. An den Rändern der Kaffeemaschine sammelten sich kleine Häufchen gemahlenen Kaffees an und plötzlich war sich John sicher, dass es der Kaffee war, welcher die Geruchsnote des Raumes dominierte.
»Nur des Raumes? Eher der Geruch, der unser Leben bestimmt, ja, ja«, sinnierte John in sich hinein. Aber dann bemerkte er, dass er eigentlich etwas ganz anderes hatte denken wollen, sich aber in unwichtigen Gedanken verloren hatte, und kommentierte sich selbst mit einem seufzenden, »hm.«
Ludmilla, welche an der Anrichte stand und ihm den Rücken zuwandte, verlor die Geduld mit John.
»Was ist, machst du mir jetzt einen Kaffee oder gibst du mir die Tasse, dann mache ich es selbst.«
»Ja«, antwortete er.
Er kannte das. Jeden Morgen lief das in etwa so ab. Sie fauchte ihn an, er sagte zu sich selbst, dass sie erst einmal wach werden müsse und es keinen Sinn hätte, in solchen Momenten mit ihr zu streiten. Dann gingen sie beide in getrennte Richtungen – sie zu ihrem Auto, um in die Arbeit zu fahren, und er zum Bus, um seinerseits ins Büro zu gelangen. Aber heute war etwas anders, das spürte John. Er wusste noch nicht, was. Ja, der Dackel, der sprechende Dackel, der hatte natürlich eine Änderung im Gefüge herbeigeführt.
»Aber Ludmilla hat den Dackel noch gar nicht bemerkt, ich habe ihr noch nicht davon erzählt«, sprach John in Gedanken zu sich selbst, als ihm aus seiner Rechten mit einem Ruck eine Tasse entwendet wurde. John sah auf und suchte nach den passenden Worten, um Ludmilla das mit dem Dackel zu erklären. Er beobachtete, wie sie zielstrebig zur Kaffeemaschine eilte. Ihre Aufmerksamkeit galt gleichzeitig dem Handy in ihrer an deren Hand.
»Äh, da hat halt schon ein Dackel darin rumgeschleckt, wenn dich das nicht stört, Ludi«, rief John ihr noch schnell zu, als sie die Tasse unter den Auslass stellte.
Für einen Augenblick hielt sie inne, dann hob sie ihren Blick und sah John streng an.
»Mensch Jonny, du bist nicht lustig, über deine Witze lachen nicht einmal Dreijährige.«
Ludmilla drückte den Knopf, riss dann sofort die Kühlschranktür neben sich auf, um eine Packung Milch zu entnehmen, und goss sich sogleich, noch während Kaffee in die Tasse rann, einen so kräftigen Schluck ein, dass die Tasse überschwappte.
»Es, äh, ähm ja, es ist kein Witz, Ludi Schatz«, stotterte John vor sich hin.
Aber es war zu spät, sie hatte ihre Trinkprozedur begonnen und hörte weiterhin nicht wirklich auf Johns Worte, als ein lautes, »wuff«, aus der anderen Ecke des Raumes erklang und sie zusammenzucken ließ.
Hinten, weiterhin an dem Platz in der Ecke der Eckbank, saß der Dackel. Verspritzte Tropfen Kaffee zierten den Tisch vor ihm. Er ließ seine Zunge heraushängen und schaute unschuldig zu Ludmilla.
»Pfffff«, spuckte Ludmilla den letzten Schluck Kaffee in vielen kleinen Tropfen durch ihre zu einem Spitzmund geformten Lippen. Dann ließ sie ihre Tasse fallen, Scherben mischten sich mit einem Klirren zu Kaffeespritzern auf dem Parkett. Mit geöffnetem Mund stand sie einige Sekunden regungslos da, bis John auf sie zukam und sagte, »ich, äh, ich wollte es …«, weiter kam er nicht.
Ludmilla schloss ihre Hand kurz zur Faust, streckte den Arm aus und richtete dann ihren Zeigefinger auf John.
»Was ist das, John«, rief sie und stöhnte dabei auf, als hätte ihr jemand während des Sprechens in den Po gezwickt.
»Ja«, sagte John und strahlte plötzlich vor freudiger Erregung. »Das wollte ich dir schon die ganze Zeit erklären, Ludi Schatz, wir haben Besuch, wir …«
»Besuch? Das nennst du Besuch? Das ist ein Köter, John«, brüllte sie ihn an.
»Ja, ein Hund, ein Dackel, und stell dir vor Schatz er …« John verschluckte sich, ehe er in der Lage war, den Satz zu vollenden. »Er kann sprechen.«
»Er sitzt auf meinem Platz, John«, fuhr sie ihn wieder mit einem Stöhnen an, sodass John drauf und dran war, sie zu fragen, ob sie eine Unterhose mit einer Nadel darin angezogen hätte, aber er ließ es dann bleiben. Ihr Sinn für seinen Humor und Humor im Allgemeinen war nicht sehr ausgeprägt.
»Er kann sprechen, Ludi Schatz, das ist unglaublich, oder? Er kommt von einem anderen Planeten, er sagt …«
»John Blembo«, fing sie an, in einem klaren, strengen Ton mit ihm zu sprechen. Noch immer hielt sie ihren Zeigefinger auf ihn gerichtet. »Du hast dir ohne mein Einverständnis einen Hund angeschafft und zur Erklärung erzählst du mir Märchen, die schlechter sind als deine Witze. Du bist wie ein Dreijähriger, John!«
Kurz atmete sie durch und blickte dabei zu Boden. Mit dem Fuß kickte sie eine Scherbe in seine Richtung. Dann hob sie den Blick wieder und sah ihn mit ihren grünen Augen scharf an.
»Raus! Nimm diesen Köter und hau sofort ab«, brüllte sie ihn an und bewegte dabei ihren Arm so, dass der Finger nun knapp an ihm vorbei in Richtung Tür zeigte.
»Ist gut, Ludi Schatz«, antwortete John nach wie vor freundlich und zu seiner Überraschung immer noch fröhlich. Dann lief er zum Tisch, packte den Dackel unter seinen Arm und rannte zur Tür, wo er sich am Türstock festhielt und sich noch einmal zu Ludmilla umdrehte.
»Wir sprechen später, ja, Ludi«, sagte er.
Doch sie schloss nur ihre Augen für einige Sekunden und hielt weiterhin mit ihrem Zeigefinger auf die Tür. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war John verschwunden.
»Jetzt weiß ich gar nicht mehr, was für meinen flauen Magen verantwortlich ist«, sprach der Dackel, als John mit ihm aus dem Haus trat. »Sie oder der viele Kaffee, aber egal was, das vergeht schon.«
»Wieso hast du nicht geredet«, fragte John, während er den Dackel behutsam in der Wiese des Gemeinschaftsgartens absetzte.
»Ich habe nicht nicht geredet«, antwortete der Dackel, während er gleichzeitig im Gras herumschnüffelte.
»Gerade eben, wieso hast du nicht mit Ludmilla gesprochen, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie dir vorstellen will und dass sie überrascht sein wird über deine Anwesenheit.«
Der Dackel schien irgendetwas erschnüffelt zu haben. Er schlängelte seinen langen Körper durch die Wiese als verfolgte er eine Spur. Immer wieder hielt er an, steckte seine Schnauze tief in die Grasbüschel, schleckte daran herum, rümpfte die Nase und setzte seine Suche fort. Plötzlich blieb er stehen, drehte seinen Kopf Richtung John und bellte, »wuff.«
»Wuff? Jetzt benimmst du dich aber wie ein Hund«, entgegnete John, als der Dackel weitere Sekunden nichts sagte, im Garten stand und keinerlei Regung zeigte als John anzublicken.
»Der ich auch bin, mein lieber Mensch«, sprach der Dackel dann wieder, senkte seinen Kopf zur Wiese und nahm erneut die Fährte im Garten auf. Während er den Garten in Zickzacklinien durchstreifte, richtete er weitere Erklärungen an John.
»Außerdem, lieber Mensch, habe ich vorhin zuerst geschwiegen, was etwas vollkommen anderes ist, als nichts zu sagen. Dann habe ich, weil mein Schweigen deine Ludmilla zu irritieren schien, auf meine unverwechselbar lässige und hündischste Weise ein klares Wuff in den Raum gebellt!«
Jetzt steuerte der Dackel, weiterhin der Geruchsspur folgend, auf die Hecke zu, welche den Gemeinschaftsgarten von der Straße trennte, und schnüffelte sich daran entlang, bis er an den Kompost des Gartens stieß.
»Was machst du da eigentlich«, fragte John, der dem Dackel bisher auf Schritt und Tritt gefolgt war. Jetzt dachte John an Ludmilla und an andere Hausbewohner: Wie merkwürdig musste es für andere aussehen, wenn er in unregelmäßigen Linien mit Kurven und Hacken einem Hund hinterherging.
»Was ich mache? Ich schnüffle nach Wahrheiten, was denn sonst!«
»Du und deine Wahrheit«, seufzte John, ließ seinen Blick kurz die Hausfassade entlang nach oben wandern. In keinem der Fenster entdeckte er jemanden, der ihn hätte sehen können. Dann trottete er einige Schritte zur Gartenbank in der Laube des Gemeinschaftsgartens, um sich dort niederzulassen. Der Dackel unterbrach sein Schnüffeln, streckte seinen Kopf stramm in die Höhe und schaute zu John.
»Ja genau, die Wahrheit. Und wenn du mir nicht glaubst, ist das nicht gut. Ich habe dir das doch alles vorhin beim Kaffeetrinken erklärt, dass ich ein Wahrheitsdackel bin. Ich sehe, rieche, schmecke, taste, spüre und spreche die Wahrheit.«
»Ja, ich glaube dir ja, allein schon, weil du sprechen kannst. Also sag mir, was für eine Wahrheit schnüffelst oder schmeckst du hier im Garten«, antwortete John mit gedämpfter Stimme.
»Päh! Das willst du jetzt noch nicht wissen«, antwortete der Dackel, während er mit seiner Zunge über den Metallstab eines Kompostgitters schleckte.
John ließ seinen Kopf nach vorne sinken, wo er ihn mit seinen Händen an der Stirn auffing. Seine Ellenbogen stützten sich auf seinen Oberschenkeln auf. Für einige Sekunden schloss er die Augen, ließ seine Hände in den Nacken gleiten, um sich dort die Haare zu raufen.
Ein leichter Windhauch fuhr John hinten unter seinen Pullover, der ein wenig nach oben gerutscht war, sodass ein kleiner Streifen Haut der frischen Windböe ausgesetzt war. Er öffnete seine Augen wieder. Auf der für diese Jahreszeit typisch giftgrünen Wiese sprießten überall Blumen. Die Sonne schien zwar, dennoch hätte er sich besser eine Jacke angezogen, dachte John.
Er schüttelte sich den Anflug von Kälte aus dem Körper, stand wieder auf und fragte den Dackel, »was heißt, das will ich noch nicht wissen? Weißt du auch, was andere wollen und nicht wollen mit deiner Wahrheitsgabe?«
»Ja sicher, das auch«, sagte der Dackel, »aber es gibt für jede Wahrheit auch Zusammenhänge mit anderen Wahrheiten. Sie bilden ein Geflecht von Wahrheiten und als solches hängen sie über tiefer liegenden Wahrheiten und die bilden wieder ein Geflecht und ja …«
Der Dackel hielt inne, bis John sagte, »und ja weiter?«
»Ja, es geht noch weiter, noch tiefer zu den innersten Wahrheiten hin. Aber um dir die Wahrheit zu sagen: Ich muss mir erst einmal einen Überblick über die Wahrheitsgeflechte dieses Planeten verschaffen.«
»Willst du die ganze Erde abschnüffeln? Bist du verrückt? Das schafft niemand, auch kein außerirdischer, sprechender Dackel.«
»Nein, mein Lieber! In einem Tropfen steckt die Wahrheit des gesamten Ozeans.«
»Häh, Ozean? Hier gibt es kein Meer, in hunderten Kilometern noch nicht«, gab John zu verstehen, dass er nichts verstand.
»Dieser Garten hier und der Weg zu deiner Arbeit, das sollte reichen. Deine Wohnung, das Dach des Hauses, diese Ludmilla und die Wirkungsweise des Kaffees, das habe ich schon genug in meine feine Nase bekommen. Daraus kann ich auf den Rest schließen.«
»Auf den Rest der Welt?«
»Ich nehme an, ja. Eventuell nehmen wir noch deine Arbeit hinzu.«
»Und dann«, setzte John gerade zu einem Satz an, als ihn der Dackel eindringlich unterbrach.
»Warte mal«, sagte er und nach einigen Sekunden, in welchen John ihn erwartungsvoll angestarrt hatte, fügte er hinzu, »das ist gar nicht gut.« Gleichzeitig setzte er einen gequälten Blick auf und die Augen schienen aus ihm hervorzuquellen.
»Was ist denn«, fragte John, nachdem weitere Sekunden verstrichen waren und der Wahrheitsdackel John immer noch nicht eingeweiht hatte.
»Es ist …« Erneut stoppte der Hund Und steigerte damit Johns innere Anspannung, bis er sich fühlte, als müsste er explodieren. Dann vollendete er endlich den Satz.
»Es ist mein Fell!«
»Dein Fell«, wiederholte John.
»Ja, mein Fell. Du, ich sag’s dir, ich habe Fellbeschwerden von intergalaktischem Ausmaß, im wahrsten Sinne des Wortes. Weißt du, ich wurde davor gewarnt, dass meine Fellprobleme ein derartiges Ausmaß annehmen könnten, wenn ich eine so lange Reise in einem Raumschiff unternehme. Ich habe nicht darauf hören wollen.«
»Und jetzt, was geschieht jetzt mit dir?«
»Es ist nicht gefährlich, es ist nur, dass ich mich kaum mehr konzentrieren kann, wenn es so derartig juckt, weißt du, John?«
»Ja, ich verstehe«, erwiderte John mit einfühlsamer, leiser Stimme. »Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Ja sicher, wir können es versuchen«, erklärte der Dackel mit schon viel fröhlicherer Stimme. Er lief die wenigen Meter, welche ihn von John trennten, warf sich dort vor ihm in die Wiese und rollte sich auf den Rücken. Er streckte alle vier Pfoten in die Höhe und schloss die Augen. Als John keinerlei Reaktion zeigte, öffnete er die Augen wieder und suchte Johns Blick.
»Am schlimmsten ist es derzeit hier am Bauch.«
»Da am Bauch«, wiederholte John und tippte ihm vorsichtig mit einem Finger auf das Bauchfell.
»Ja genau, kannst du mich mal so richtig kräftig da kraulen, ich glaube, dann steigen meine Chancen, hier länger auf der Erde bleiben zu können.«
John kratzte sich kurz selbst hinterm Ohr, wo ihn der Schmerz seines entrissenen Haarbüschels wieder an die Nacht erinnerte. Dann beugte er sich vor und spähte noch einmal nach allen Seiten, ehe er damit begann, dem Dackel mit beiden Händen kräftig und ausgiebig den Bauch zu kraulen.
»Wenn du das alles erschnüffelt hast, von meiner Wohnung, über mich und Ludmilla und den Weg zu meiner Arbeit und eventuell noch meinen Arbeitsplatz, dann sagst du mir die Wahrheit, die tiefste Wahrheit«, griff John während der Kraulprozedur wieder das Thema von vorhin auf.
»Ich spreche immer die Wahrheit. Und wie tief du eine Wahrheit zu sehen im Stande bist, hängt immer noch von deiner eigenen Entscheidung ab.«
John schüttelte den Kopf. Er verstand nicht ganz, was der Dackel ihm mitzuteilen versuchte. Aber als er die Streicheleinheit einen Augenblick unterbrach, um auf seine Armbanduhr zu schauen, stoppte er das Gespräch mit dem Dackel abrupt. Noch zwölf Minuten, dann würde sein Bus zur Arbeit abfahren. Er erklärte dem Dackel schnell, dass er in die Wohnung gehen müsse, um seine Jacke und seine Geldtasche zu holen. Der Wahrheitsdackel war gleich wieder auf alle vier Pfoten gesprungen, nachdem er eingesehen hatte, dass weitere Kraulereien für den Moment wohl ausbleiben würden. Dann bellte er John auf dessen Ansage ein klares «wuff« zu.
»Wieso hast du jetzt wieder gebellt«, fragte John.
»Das war ein Witz, John, intergalaktischer Hundehumor, verstehst du?«
»Ok, alles klar«, murmelte John und hielt bereits den Türgriff in der Hand, als er sich noch einmal zum Dackel umwandte und fragte, »hast du eigentlich eine Hundeleine?«
»Eine Hundeleine? Spinnst du! Du meinst dieses Ding, womit ihr auf der Erde eure Hunde festbindet, damit sie gefangen sind? Davon habe ich gelesen. Nein, so etwas habe ich nicht!«
»Wir werden eine brauchen für dich«, entgegnete John.
»Nie und nimmer«, antwortete der Dackel harsch, schloss seine Augen und drehte dann seinen Kopf von John weg.
»Leider, hier herrscht überall Leinenpflicht. Vor allem im Bus. Ich frag die Nachbarn, die hatten bis vor kurzem einen Hund«, sagte John, ehe er mit einem Grinsen im Gesicht ins Haus verschwand.
Dreimal blinkte das Blinklicht des Busses, ehe der Motor aufbrauste und sich die Räder in Bewegung setzten. Johns Blick haftete an der Stelle, wo eben noch der Blinker aufgeleuchtet hatte. Jetzt waren dort der Asphalt und das eingekreiste große H, welches die Busstation markierte, in seinem Sichtfeld.
Der Dackel ruckelte an der Leine. Johne reagierte kaum, aus seinem Mund lösten sich nur unbewusste Worte, »ja gleich«, sagte er, »ich komme gleich zur Arbeit, ich bin heute ausnahmsweise zu spät, tut mir leid!«
Weiterhin verharrte dabei sein Blick dort, wo vorhin der Bus gestanden hatte. Immer wieder zischte einige Meter entfernt ein Auto vorbei. Bereits das dritte Polizeiauto. Erst jetzt, als er dies im Nachhinein als auffällig registriert hatte, fiel im ebenfalls rückblickend ein, dass alle vorbeifahrenden Polizeiautos ihn angesehen hatten. Nein, nicht die Autos, die darin hockenden Polizisten. Wahrscheinlich suchten sie jemanden, aber er war dann wohl nicht verdächtig gewesen, wenn sie doch alle an ihm vorbeigefahren waren. Hatte es mit dem Stromausfall in der Nacht zuvor zu tun?
»Ja, der ist dann wohl auch vorüber, ja, ja«, sprach John weiterhin nur in seinen Gedanken zu sich. »Kühlschrank, Kaffeemaschine, alles funktionierte in der Früh wieder.«
Die Gehsteige beidseitig der großen Straße waren wie leergefegt. Als hätten alle, die zuvor noch auf der Straße gewesen waren, in denselben Bus gewollt.
»Hier hätte ich also landen müssen, meine Güte, dass ich das übersehen konnte, ihr habt ja sogar extra Hundelandeplätze auf der Erde«, sagte der Dackel plötzlich.
John schüttelte den Kopf und schaute zum Dackel.
»Hundelandeplätze? Was soll das sein? Bist du dir schon sicher, dass du immer die Wahrheit weißt?«
»Ach, John. Jetzt zum dritten Mal. Wissen hat nichts mit Wahrheit zu tun. Aber hier, schau, da ist ein Hundelandeplatz«, sagte der Dackel und stellte sich dabei auf zwei Beine, um mit seinen Pfoten Richtung Straße zu deuten.
»Nein, das ist eine Straße«, sagte John, immer noch ohne Anstalten zu machen, sich von der Stelle zu bewegen.
Er hatte den Bus verpasst. Nein, abfahren hatte er ihn lassen, war erst in letzter Minute noch rechtzeitig gekommen, ehe er einfach nicht eingestiegen war. Wobei, auch das stimmte nicht vollständig. Es war der Dackel, der ihn dazu gebracht hatte. Der Dackel, welcher auf dem Weg zum Bus darüber gejammert hatte, in so eine ekelhafte Blechkiste mit Benzingeruch, Juckklimaanlage und überhaupt viel zu vielen unsittlichen Einrichtungen und darin praktizierten Ritualen einsteigen zu sollen. Und das, wo er doch sein intergalaktisches Fellproblem mit sich herumtrug. Für einen Augenblick hatte John dann verärgert reagiert und den Hund gefragt, was ihm denn Besseres einfallen würde, da er ja zur Arbeit müsse, weil er sonst zu spät käme. Wobei beides das gleiche Argument war, denn zur Arbeit zu müssen und nicht dorthin zu spät kommen zu wollen waren zweimal das Gleiche, nur anders ausgedrückt. Während John das gesprochen hatte, und auch hinterher, kamen ihm solche Gedanken. Er wunderte sich über diese trägen, alles zerkleinernden Abschweifungen, bis ihn der Dackel dabei unterbrochen hatte, als hätte er mitgehört.
»Mach es nicht so kompliziert in deinem Kopf, nur weil es mal einen alternativen Vorschlag zu deiner Gewohnheit gibt. Wir können zu Fuß gehen, weißt du, John«, hatte der Hund dann zu ihm gesagt, als sie bei der Busstation angekommen waren und in einigen hundert Metern Entfernung schon den Bus auftauchen gesehen hatten.
»Zu Fuß, das geht nicht«, hatte John sofort auf den Vorschlag des Dackels reagiert und dann ergänzt, »das ist viel zu weit, mindestens eine Stunde, wenn wir den Weg überhaupt finden. So lange wohne ich auch noch nicht in der Stadt, ja ja.«
Als der Bus schließlich in die Busstation eingefahren war und John schon im Begriff gewesen war, einzusteigen, hatte der Dackel so fest an der Leine in die Gegenrichtung gezogen, dass John nicht mehr vorwärts gekommen war. Stattdessen hatte er sich wieder zum Dackel umdrehen müssen.
»Ich kenn den Weg«, hatte der Dackel dann mit entschlossenem Blick gesagt, »ich rieche die Spur zu deiner Arbeit problemlos. Schon vergessen, dass ich eine übersensible Hundenase samt Wahrheitsgabe habe?«
Das war es gewesen, was John abgehalten hatte. Hinter her hätte er beinahe gemeint, es wäre alles sein Entschluss gewesen. Aber dem Chef würde er es nicht so erklären können. Er musste sich definitiv eine plausible Ausrede einfallen lassen. Noch hatten sie Zeit. Mit dem Bus wäre er ohnehin fünfzehn Minuten zu früh in der Arbeit erschienen. Und wenn der Dackel den Weg zielstrebig erschnüffeln könnte und sie einen schnellen Schritt einlegten, so würden sie die Verspätung auf vielleicht nur zwanzig Minuten begrenzen. Und dafür würde er schon eine Ausrede finden, außerdem war es das erste Mal, dass er zu spät kommen würde.
»Ich meine das H im Boden, das steht doch für Hundelandeplatz, oder«, meinte der Dackel, immer noch auf seinen Hinterbeinen stehend, jetzt aber die beiden vorderen Pfoten vor seinem Bauch verschränkend.
»Ähm nein, das ist das Zeichen für Bushaltestelle! Woher hast du solchen Blödsinn, bist doch sonst so gut informiert über die Erde und unsere Gewohnheiten?«
»Mensch John, ich wollte dich doch nur mal von deinen Gedanken unterbrechen, die haben bis hierher geknistert. Ich weiß, was das ist. Was ich gesagt habe, ist Hundehumor. Ich habe keine Lust, ewig hier an dieser stinkenden und lärmenden Straße zu stehen, weißt du.«
»Tja, so ist es nun mal hier auf der Erde, ob du es nun Wahrheit oder Wissen nennst. Unsere Autos stinken und machen Lärm, das sind wohl Fakten, über die es nichts zu diskutieren gibt. Und wären wir mit dem Bus gefahren …«, wollte John weitersprechen, doch der Wahrheitsdackel fiel ihm ins Wort.
»Dann würden wir jetzt nicht zu Fuß gehen. Das ist auch ein Fakt! Wie du daran erkennen kannst, haben Fakten mit Entscheidungen zu tun, die jemand trifft, bevor sie eintreten, nichts mit Wahrheit. Mit Wissen erst, wenn sie historisch geworden sind, denn solange etwas noch nicht passiert ist, könnte es immer noch ganz anders passieren. Darüber hinaus verschwimmt alles in der Erinnerung, sodass es auch über Historisches nie möglich ist, zu sagen, ob die Dinge wirklich so passiert sind, wie sie einem im Kopf als Erinnerung herumkreisen. Vielmehr gibt es so viele Erinnerungen zu einer Sache, wie Menschen, Hunde und sonstige Lebewesen daran teilgenommen haben.«
»Ok«, sagte John, »ich glaube, jetzt habe ich das mit dem Wissen und der Wahrheit langsam verstanden. Aber einen Fakt weiß ich für die Zukunft voraus: Wir müssen jetzt zu meiner Arbeit, weil ich sonst viel zu spät dort hingelange.«
Daraufhin lief er los in jene Richtung, in welche auch der Bus gefahren war. Doch weit kam er nicht. Genau genommen sieben Meter, exakt die Länge der Leine. Der Wahrheitsdackel stemmte nämlich wieder mit außerordentlicher Kraft dagegen.
John atmete tief ein, schaute den Gehsteig, so weit sein Auge reichte, entlang. Er kontrollierte, ob sich von der anderen Richtung Fußgänger näherten. Doch es war alles weiterhin wie leergefegt, auch auf der anderen Straßenseite. Selbst Autos fuhren jetzt immer seltener vor bei, zumindest in Johns Wahrnehmung. Er war wohl der einzige Mensch, der heute nicht rechtzeitig zur Arbeit kommen würde. Dann atmete er aus und sah zum Dackel.
»Also, was ist denn nun schon wieder«, rief John ihm zu.
»Warte noch mal einen Moment, John«, entgegnete der Dackel, legte sich gleichzeitig auf den Bauch, streckte seine Pfoten nach vorne und begann, an seiner Linken zu schlecken.
»Ich muss mir erstens wenigstens kurz die Pfoten schlecken – euer Asphalt ist schlimmer, als ich mir das nach allen Beschreibungen vorgestellt habe. Und zweitens …«, setzte der Dackel an, unterbrach sich aber selbst im Sprechen, weil er jetzt seine Zunge benötigte, um mit kräftigen, langen Zügen über seine gesamten Beine zu schlecken.
Dann stand er auf, schüttelte sich kräftig und sah John an.
»Und zweitens«, sagte John auffordernd.
»Ja, zweitens würdest du in die vollkommen falsche Richtung gehen. Wir müssen da lang«, sagte der Dackel und deutete mit dem Kopf in die Gegenrichtung.
John setzte sich in Bewegung und zweifelte gleichzeitig die Möglichkeit an, dass der Dackel den schnellsten Weg damit wählte. Er unterließ es aber, seine Zweifel auszusprechen, und reflektierte stattdessen noch einmal die Sammlung an Ärgernissen dieses Morgens. Dabei registrierte er, dass er, selbst wenn er sich zwischenzeitlich aufgeregt hatte, immer noch fröhlich war. Als hätte der Dackel seinen Gedanken zugehört, begann dieser plötzlich, vor sich hin zu pfeifen und dabei mit seinem Kopf von links nach rechts zu schwenken. Er fragte John, »kennst du das Lied, das ich da pfeife?«
»Nein«, sagte John überrascht, »sollte ich es kennen?«
»Du kannst es gar nicht kennen, ich habe es eben erst erfunden«, erklärte der Hund John und sang plötzlich mit tiefer Stimme los.
»Lalalalalalala, der Dackel der ist da, vertraue ihm, er findet schon zu deiner Arbeit hin, lalalalalalala, der Dackel der ist da, du kannst deinen Weg erträumen, mithilfe der Dackelnase wirst du kein Ziel versäumen, lalalalalalala der Dackel der ist da …«
John wunderte sich über sich selbst, dass er in seiner Wohnumgebung keinerlei Orientierung besaß. Die Busstation und den Supermarkt fand er problemlos. Beides lag ums Eck seiner Wohnstraße, an der großen Hauptstraße. Wenn er weiter wollte, war er entweder immer mit dem Bus oder mit Ludmilla im Auto gefahren.
Bevor er mit Ludmilla zusammengekommen war, war es seine Gewohnheit gewesen, fremde Orte zu Fuß zu erkunden. Selbst wenn er nur für einige Tage verreist war, war das das erste gewesen, was er zu unternehmen pflegte. Warum er das immer so praktiziert hatte? Dafür fand er auch jetzt keinerlei Antworten. Aber je mehr er darüber nachdachte, desto komischer kam es ihm vor, dass er nun seit drei Jahren mit Ludmilla in dieser Gegend wohnte und sich hier nicht auskannte. War sein Leben so stressig geworden? Er erinnerte sich, dass er immer erst nach diesen Erkundungstouren eine Art Vertrauen in eine neue Gegend bekommen hatte. Nur, wenn er in einer neuen fremden Umgebung alle Abzweigungen kannte, er von jedem Punkt aus im Umkreis von zwanzig Gehminuten wieder nach Hause gefunden hätte, fühlte er sich sicher, fühlte er sich wie angekommen an den fremden Orten. Ja, auf diese Weise, durch gehendes Erkunden, wandelte er fremde Orte zu vertrauten.
Welche Wahrheiten steckten wohl in diesen Gedanken? Kurz dachte er daran, mit dem Dackel ein Gespräch darüber zu suchen. Doch seit sie die Busstation verlassen hatten und der Dackel sein selbsterfundenes Lied fertig gesungen hatte, lief dieser entfesselt, schwanzwedelnd und an der Leine zerrend vorneweg und John hatte das Gefühl, dass auch der Dackel froh war, zumindest mal für einige Zeit nichts zu sagen.
Nichts zu sagen und Schweigen seien zwei völlig verschiedene Dinge, hatte der Dackel in der Früh im Garten gesagt. Jetzt spürte John das Nichtssagen. Niemand sagte etwas, nicht der Dackel, nicht er. Manchmal nahm er Windböen wahr, wie sie in den Ästen der Bäume spielten. Die Bäume säumten in regelmäßigen Abständen die Straße. Hier war John nie zuvor gewesen. Neben dem Wind und den Bäumen waren es vor allem seine eigenen Gedanken, die zu ihm sprachen. Ihm fiel ein, dass er schon an mehreren Menschen vorbeigekommen war. Eine Frau hatte ihn höflich mit einem, »guten Morgen«, gegrüßt. John hatte zurück gegrüßt. Aber dass er ihr begegnet und auch an einigen anderen Passanten vorbeigekommen war, bemerkte er jetzt erst, rückblickend.
»Was für eine merkwürdige Wahrnehmungsverzögerung«, sagte John in Gedanken zu sich selbst.
Dann stellte er fest, dass auch im Wort »Wahrnehmung« der Teil »wahr« steckte. Alles drehte sich um Wahrheit an diesem Tag. Hatte das mit dem Dackel zu tun? Die Uhrzeit kam ihm einen Moment in den Sinn, doch widerstrebte es ihm, auf sein Handy zu blicken. Nein, nicht er würde dann das Nichtsprechen unterbrechen, sondern sein Handy würde ihm etwas mitteilen. Zwar würde das leise geschehen, doch mit Nichtssagen und auch mit Schweigen hätte es dann nichts mehr zu tun. Er malte sich aus, dass er sofort eine Reaktion zeigen würde, dass er, so mutmaßte er, den Dackel dann fragen würde, ob sie noch auf dem richtigen Weg seien. Ob sie nicht besser ein Taxi rufen sollten. Oder es war noch gar nicht so spät und er würde dem Dackel die Uhrzeit mitteilen. Sie wären sofort wieder in ein Gespräch vertieft.
Mit Ludmilla sagte er nie nichts. Sie schwieg ihn manchmal mit Absicht an. Er schwieg manchmal. Aber nebeneinander nichts zu sagen und nur den eigenen Gedanken zu lauschen, das machten sie nie miteinander.
Die Häuser in der Straße wirkten alle wie aus einer anderen Zeit. Was John zunächst verwunderte, da er bisher gedacht hatte, dass es nur in der Innenstadt alte Häuser geben würde. Wenngleich die Häuser hier anders waren als die in der Innenstadt. Sie hatten Vorgärten, fielen breiter aus, hatten verschnörkelte Geländer an den Eingängen, den Fenstern und den Balkonen. Sicher war dies eine reine Wohngegend, die bald nach der Innenstadt an die Stadt dran gewachsen war. Sie konnten nicht weit von der Innenstadt entfernt sein.
Ob der Dackel wohl wirklich wusste, wohin er ging? Wenn Ludmilla nur wüsste, was er da gerade machte.
Jetzt piepste Johns Handy und vibrierte in seiner Hosentasche. Nicht darauf zu schauen, zählt, sagte er sich, dann ist das Nichtssagen nicht unterbrochen. Er ließ es piepsen, wollte es ignorieren. Er ärgerte sich, dass er automatisch feststellte, dass es eine Textnachricht war, kein Anruf. Zusätzlich erinnerte er sich, dass er vergessen hatte, den Akku seines Handys über Nacht aufzuladen.
»Nicht vergessen, es war der Stromausfall, hast wohl eher den vergessen«, sagte John ganz leise zu sich selbst.
»Komisch« dachte John jetzt, »der Chef würde ihn wohl eher anrufen als eine SMS zu schreiben.«
Aber ob der sich überhaupt dazu Zeit nehmen würde? Eher würde er einen seiner Mitarbeiter dazu bestellen. Mario? Nein, den würde er mit so etwas nicht belasten. Vielleicht aber Frau Maibildl.
»Ja, Frau Maibildl, ich weiß, es ist keine angenehme Aufgabe, mit der ich Sie da betraue, aber rufen Sie mir doch bitte Herrn Blembo an, er möge sofort in der Arbeit erscheinen.« So malte sich John aus, wie sein Chef wohl sprechen würde.
Ja, in seiner schleimigen Art, mit der er sich immer an Frau Maibildl wandte, die hübsche Maibildl, wie sie von allen genannt wurde. Sie konnte eh nichts dafür. Nichts dafür, dass sie der Chef immer bevorzugt behandelte und auch nichts dafür, dass sie hübsch war.
John blieb plötzlich stehen, sah einen Augenblick zum Dackel, der an einem Laternenmasten schnüffelte. Ob das synchron zu seinem Stehenbleiben geschehen war? Oder der Dackel angehalten hatte, weil er stehen geblieben war? Oder sogar umgekehrt?
»Ja, hübsch ist sie wirklich«, sagte John plötzlich vor sich hin, als ihn ein kräftiges, mehrfaches Bellen in sich zusammenzucken ließ. Er sah zum Dackel, doch dieser schnüffelte nach wie vor am Laternenpfahl.
»Aus! Tara, aus! Hörst du sofort auf, bleib«, hörte John die Stimme einer Frau hinter sich.
John war gerade im Begriff, sich umzudrehen. Bisher hatte er nicht darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn er auf andere Menschen mit Hunden stieße. War sein Dackel überhaupt verträglich mit anderen Hunden? Was wusste er schon über Hunde? Verträglich? Das hatte er schon gehört, dass Hunde verträglich mit anderen Hunden seien oder eben nicht.
»Gebunden über den Hundevertrag wohl, haha«, sagte John zu sich selbst.
Was war mit dem Sprechen? Ist ein sprechender Hund überhaupt verträglich mit irgendwem? Vielleicht wäre es besser, schnell weiter zu gehen.
»Ganz ruhig, John«, sagte der Dackel plötzlich, so als hätte er wieder einmal in Johns Gedanken gelesen. »Wir machen das, bleib entspannt, es sind zwei Weibchen, die da kommen.«
Jetzt erst drehte John sich um und sah einige Meter vor ihm eine Frau, welche in der einen Hand eine Einkaufstüte schleppte und mit der anderen Hand an der Leine einen Pudel hielt. Noch immer mühte sie sich, den Hund zu bremsen.
»Nein, habe ich gesagt«, wiederholte sie. Wobei John nicht verstand, wozu sie nein gesagt haben wollte. Erst, als ihr Pudel bereits John passierte, drehte sich der Wahrheitsdackel von der Laterne weg, welche er die längste Weile beschnüffelt hatte, und schaute dem Pudel entgegen. Jetzt bremste der Pudel plötzlich, ging noch einige vorsichtige Schritte, ehe er sich auf den Boden warf, sich zur Seite drehte und auf dem Rücken liegen blieb.
»Es tut mir leid«, sprach die Frau John an und schenkte dabei dem Geschehen zwischen den beiden Hunden keinerlei Beachtung.
»Es tut mir leid, normalerweise macht sie so etwas nicht, ich weiß auch nicht, was in sie gefahren ist.«
Die Frau fuhr sich mit der Hand, in welcher sie die Leine hielt, mehrmals durch ihr blondes Haar und zerzauste damit ihre ordentliche Frisur. Als John nicht sofort antwortete, presste sie ihre Lippen kräftig gegeneinander. John musste an des Dackels Worte mit dem Schweigen und dem Nichtssagen denken und fragte sich, was dies nun wohl wäre.
»Lippen gegeneinander pressen, sodass der andere merkt, dass es Zeit wäre, etwas zu sagen, hm«, dachte John bei sich. Dann wandte er sich noch einmal kurz von der Frau ab und sah, wie der Dackel dem weiterhin auf dem Boden liegenden Pudel übers Gesicht schleckte. Erst jetzt richtete dieser sich wieder auf und die beiden Hunde beschnüffelten sich gegenseitig.
»Es ist ja nichts passiert«, sagte John in aller Ruhe und wandte seinen Blick wieder der Frau zu.
»Ja, es ist nichts passiert, ja da haben Sie Recht, wissen Sie, sie ist noch ein wenig verspielt und Ihrer ist ja ein strammer Bursche«, wechselte die Frau plötzlich das Thema.
John betrachtete seinen Dackel. Erst jetzt, als die Frau diesen als »strammen Burschen« bezeichnet hatte, empfand er ihn vergleichsweise dazu, wie er sich einen Dackel vorgestellt hatte, als sehr groß.
»Ja, ein strammer Bursche«, wiederholte John, »aber ein ganz lieber.«
»Ja, ich habe, glaube ich, noch nie so einen riesigen Dackel gesehen. Ist das eine eigene Rasse, woher kommt er?«
»Ja, bestimmt eine eigene Rasse, er stammt von einem anderen Planeten.«
»Sie machen Witze, aber das könnte man fast glauben, sehen Sie nur, wie lang sein Körper ist, das ist bestimmt der größte Dackel, den es gibt.«
»Naja, für mich ist er einfach ein Dackel. Ihr Hund ist aber auch sehr niedlich«, bemühte sich John, das Thema zu wechseln.
»Ja nicht wahr, sie ist …«
