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Ein Raum ohne Fenster und Türe, Tage ohne Sonne, eine Gefangenschaft ohne eine Erklärung und Begründung. Der Ort, an welchem ein Ich-Erzähler zu sich kommt, scheint ein Ort ohne Sinn zu sein. Oder befindet er sich in einer Ausbildung und diese ist Sinn seines Seins? Nach über hundert geschätzten Tagen erhält der Ich-Erzähler einen Partner namens Julio. Angefacht von Sinnesstörungen beginnen die beiden an der Realität zu zweifeln. Sind sie auf dem Mars oder in einem Programm, welches eine Gefangenschaft dort gestaltet? Ist eine Pandemie über die Welt gekommen und sie wurden davor weggesperrt? Ist alles manipuliert? Sogar die eigenen Erinnerungen? Die Geschichte einer scheinbar unerklärbaren Gefangenschaft. Doch bist du frei, nur weil du keine Fesseln siehst?
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2021
ÜBER DEN AUTOR
Mit seinem Roman „Zeitschübe“ wendet sich, der in Tirol lebende Schriftsteller, Patrick Rangger zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Obwohl das kreative Schreiben ein lebenslanger Begleiter für ihn ist, hat er sich für seine literarische Entwicklung Zeit genommen. 2020 düpiert er dafür mit diesem umfassenden Roman. Mit seinen Texten will Patrick Rangger inneren und äußeren Wahrheiten auflauern und diese miteinander verbinden.
„sowie der Blick zu den Sternen etwas Großes erahnen lässt, finden wir dasselbe Mysterium, richten wir unseren Blick nach innen, in uns selbst“, so der Autor über seine Intention.
ÜBER DAS WERK
Die Idee zum Roman »Zeitschübe« datiert aus einer Sommernacht in der Provence im Jahr 2007, verbrachte dann als Entwurf sieben Jahre in einer Schublade, ehe Patrick Rangger 2013 die Arbeit daran aufnahm. 2018 wurde das Werk erstmals lektoriert, im Anschluss nochmals neu verfasst. 2019 bestimmte das Feedback einer Testlesegruppe die letzten Abänderungen am Werk. Im Herbst 2020 beschließt der Autor das Werk zu veröffentlichen.
PROLOG
EINE ERINNERUNG
DAS ERSTE SEMESTER
ERWACHEN
ZEIT IM RAUM
AM RANDE
VERÄNDERUNG
WAS HÄLT MICH HIER GEFANGEN?
KAMPF UM MEIN LEBEN
DIE ZERSTÖRUNG
DAS ZWEITE SEMESTER
DIE BEGEGNUNG
JULIOS ANEKDOTEN
NEBEL
HINTER DEM NEBEL
DAS DRITTE SEMESTER
DIE ANDEREN
GEFÄNGNIS OHNE GRENZEN
SCHLOSSHERR
SCHERBENHAUFEN
DAS VIERTE SEMESTER
DIE KOMMANDO ZENTRALE
DIE UNTERGEBENEN
VOLLZEITBESCHÄFTIGUNG
UNGEREIMTHEITEN
DAS FÜNFTE SEMESTER
FIA
AUFWACHEN JULIO
DER AUFTRAG
JULIOS PLAN
IRDISCHE TRÄUME
DAS SECHSTE SEMESTER
WÜSTENSAND
DIE MARSGEFANGEN SCHAFT ÜBERLEBENDEN
GETRENNTE WEGE
DIANA
DAS SIEBTE SEMESTER
IN MIR
ZWISCHENRÄUME
LOG-IK
FRÜHLINGSERWACHEN
DAS ACHTE SEMESTER
IN DER AUFWACH STATION
DIE MACHT DES RAPTORS
ERDENLUST
DAS NEUNTE SEMESTER
AUSSERHALB UND INNERHALB DES NETZES
WAS DIE ERDIANER REINKARNATION NENNEN
AUS ZWEI MACH VIER
Epilog
DIE ERINNERUNGEN
Jemand hat sich mit dem kleinen Finger bei mir eingehakt, in meinen kleinen Finger. Dass alles gut gehen wird, höre ich sie sagen.
Weiß! Weiße und blaue leuchtende Punkte. Ich spüre meine Haare. Wind zieht an ihnen, zieht sie spitz nach oben. Obwohl mein Blick nach unten gerichtet ist, ist es mir, als würde ich meinen Haarspitzen zusehen, wie sie alle gegen Himmel zeigen. Ich glaube, dass wir fliegen. Oder ist es ein Schweben nach oben? Eine Kraft ist da und saugt mich und alles um uns ein. Unter mir ist es nur weiß, und die blauen Lichtpunkte bilden einen Kreis im Weißen. Von weiter weg, höre ich jemanden rufen.
Sie scheint es ebenso gehört zu haben, ein Zucken im Finger, sie zieht mich mit sich.
»Komm«, sagt sie.
Ihre Stimme ist mir vertraut. Sie hat einen Widerhall, als würde ihre Stimme Vibrationen in der Umgebung auslösen. Und Duft! Kann eine Stimme Duft verströmen? Aber wiederholt lag da eine milde Süße, etwas Fruchtiges in der Luft, als sie gesprochen hat. Ich folge ihr, ihrem leichten Ziehen an meinem Finger. Wir gehen nach vorne. Überschreiten den Kreis der blauen Leuchtpunkte.
Ein nackter Fuß krallt sich am Rand des Weißen fest. Am Rande einer Plattform, ich befinde mich auf einer Plattform. Mein eigener Fuß ist es. Ein Weiterer gesellt sich dazu, nahe zu meinem. Dieser Fuß ist mir ebenso bekannt, ich bin sicher ihn schon gesehen zu haben. Vorsichtig beuge ich mich nach vorne, sehe über den Rand der Plattform hinaus. Weit unter mir ist Gebüsch, weiter entfernt steht ein großes Gebäude, aus Steinen mit einem braunen Dach und eine Schotterfläche umgibt das Gebäudeareal. Dort stehen zwei. Ein Mann, eine Frau, sie haben sich ebenso mit ihren kleinen Fingern ineinander verhakt. Er, dieser Mann, hat gerufen, er tut es weiterhin, immer wieder. Sie sieht ihn dabei von der Seite an. Er ruft nach mir. Plötzlich löst die Frau unten ihren Finger und läuft in ein Gebüsch. Er hat das nicht bemerkt, weiterhin ruft er nach mir. Es wird jedoch leiser, sein Rufen. Auch seine Stimme vibriert und ja, ich ahne ebenfalls daran einen Geruch. Wie geschmorte Haut, aber das nimmt genauso ab wie die Vibrationen und die Töne, obwohl er weiter nach mir schreit.
An meinem Finger spüre ich noch den anderen. Kurz hatte ich Sorge, dass sie sich ebenfalls von mir gelöst haben könnte. Der Finger ist weiß, fast zu weiß für Haut, ebenso die ganze Handfläche. Ein cremiges Weiß passend zu den süßen Gerüchen ihrer Stimme. Dahinter folgt ein blauer glänzender Anzug, ich schweife meinem Blick entlang, ohne Geduld, ihr Gesicht will ich sehen.
»Die kennst du doch, die war doch? Ja die war gerade da unten, die sieht gleich aus.«
Verschiedene Fragen quetschen sich in mir hin und her, »wohin« wäre das Wort welches ich gerade meiner Zunge zu entladen gedenke, doch sie kommt mir zuvor.
»sieh nach oben!«,
sagt sie.
Wieder übermannt mich ein Geruch in einer geheimnisvollen Süße, wie der von Feigenpflanzen aber weitaus intensiver. Wie ein Schwall durchfährt mich der Geruch. Ein Schwall, dem das Bedürfnis, mich irgendwo hinzusetzen, folgt. Erst als ich das Bedürfnis überwinde, registriere ich zwischen den Wolken, welche rasch über den Himmel schieben, immer wieder ein Blitzen, ein silbriges metallenes Blitzen. Es ist weit über den Wolken. Und schon in unserer Höhe wird es kalt und ich befürchte, dass die Luft dünner wird.
Ein letztes Mal sehe ich nach unten, er schreit noch immer, aber ich nehme kaum mehr einen Geruch daran wahr. Von der Frau, die bei ihm war und dieser an meinem Finger eingehackten gleicht, ist nichts mehr zu sehen.
Aber sie, sie zieht wieder an mir, zieht mich zurück in Richtung Mitte der Plattform. Zwei Gestalten stehen dort, stehen sie plötzlich dort? Ich registriere sie jetzt erst. Sie stecken ebenfalls in diesen Anzügen in blau, aber sie reichen bei diesen auch über den Kopf und deren Gesicht.
Das Licht ändert sich, es wird extrem weiß alles um uns. Ich sehe noch einmal ihr Gesicht, ein Blitzen ihrer Augen. Ein weiterer Hauch unbeschreiblicher Milde durchströmt mich, ohne dass ich vernommen habe, was sie sagte. Ich sehe ihren Augapfel, ihre Wimpern, die sich plötzlich zu einem Schmetterling entfalten und ins Weiße verschwinden. Es blinkt noch manchmal ein kurzes violettes Licht auf. Aber es bleibt jetzt die meiste Zeit weiß.
Immer wieder habe ich schon eine Hand in Richtung der Wand vor meinen Augen gestreckt, die Hand dann zurückgezogen. Sie glänzen. Bestehen sie aus Plastik, diese Wände? Der Abstand jener vor mir – der nahesten – ist zumindest eine Länge meines Unterarms, soweit habe ich mich schon vorgewagt. Es wäre aber möglich, dass es einige Meter sind.
»Seit wann betrachtest du die Wand?«
»Das kannst du nicht wissen.«
Ich liege auf einer Matratze, die auf dem Boden am Rande eines Teppichs aufgelegt ist. Einige Meter entfernt von mir endet dieser. Ich habe eine Hose an, meine Arbeits- meine Gartenhose, danach fühlt es sich an. Etwas spüre ich am Oberschenkel.
»Könnte das dein in Ledertuch gewickeltes Set von Wurfmessern sein?«
Es drückt, eine unangenehme Druckstelle am Oberschenkel macht es. Der Bauch berührt die Matratze, normalerweise bevorzuge ich doch Rückenlage. Seit wann liege ich überhaupt? Geräusche nehme ich keine wahr, nahmen meine Ohren einen Schaden? Doch Moment, ich höre ein Räuspern.
»Du hast dich räuspern gehört!«
Da wo der Teppich endet, ist Boden aus demselben merkwürdigen Material wie an den Wänden, ich sehe das aus dem Liegen, sehe ihn hinter dem Teppich schimmern, den Boden.
»Merkwürdiges Material? Willst du nicht mehr darüber wissen?«
Er glänzt, der Boden und auch die Wände. Es glänzt, sieht aus wie Plastik, braunes Plastik, aber es riecht nicht danach. Nach Teppich oder Kork riecht es.
»Wo soll denn hier bitte Kork sein?«
»Wo ist hier?«
Alles das war schon mal, schießt es mir durch den Kopf. Die Hände ballen sich, umschließen Teile des Leintuches der Matratze. Von den Ellenbogen abwärts fließt Kraft in die Hände, sie versuchen alles, was über ihnen an Gewicht zu sein scheint, nach oben zu drücken. Über den Unterarmen ist nur Taubheit, keine Energie fließt bis zu den Ellenbogen. Ein Rauschen schwirrt heran, gräbt sich spiralförmig in die Ohren, das Bild der Wände verschwimmt. Eine Menge violetter Schleim strömt aus Öffnungen des Gesichtes, Druck an den oberen Rändern meiner Augenhöhlen, den Schläfen, keine Öffnungen gibt es dort. Das Bild vor mir wird immer dunkler, ganz schwarz.
Wieder bin ich bei mir, wie lange schon, das schaffe ich abermals nicht zu erdenken. Erneut setzen sich einzelne Eindrücke erst zu einem geschlossenen Ablauf zusammen. Doch bemerke ich gleich nicht das erste Mal in jenem Raum zu erwachen. Ja, Raum, so nenne ich es. Die Wand ist da, immer noch dieser komische Glanz, ein Schimmern, welches in sich verschwimmt, als würde es in stetiger Veränderung sein.
»Das Material der Wand kann sich nicht bewegen, etwas anderes tut es!«
»Deine Augen zittern doch auch.«
Wie oft bin ich schon erwacht? Wäre es besser, dass ich diesen Platz verlasse? Wo ist hier? Ich stehe, wann bin ich aufgestanden? Schwindel und dunkle Flecken in den Bildern meiner Augen, aber wach bleibe ich, sehe eine Couch, die Matratze neben meinen Füßen auf dem Teppich. Etwas entfernt im teppichlosen Bereich ein Waschbecken, eine Hantelbank und eine Badewanne. Der Teppich teilt den Raum in zwei, kein Fenster, keine Türe.
Ich überlege, meinen Unterarm zur Nase zu führen, schon tu ich es, ohne fertig überlegt zu haben. Es riecht wie ein neu gekauftes Elektrogerät frisch aus der Packung. Die Haare des Armes berühren meine Lippen, das fühlt sich echt an.
»Deine Haut ist sehr weiß. Bist du nicht eigentlich sehr rassig?«
»Wärst du, bist du das überhaupt?«
Auf meinen Unterarm fällt ein Tropfen violetten Schleims, er tropft mir aus der Nase, weitere auf der Haut haftend bleibende Schleimpartikel, ein ganzer Schwall folgt, dann Dunkelheit.
Neben mir plätschert ein Bächlein, wird schnell lauter, sammelt seine Kraft und nähert sich, rauscht an mir nah vorbei. Unter einem Düsenjet auf einer Startbahn zu liegen, stelle ich mir vor. Der Lärm steigert sich, entfernt sich wieder langsam, der Düsenjet hebt ab und nimmt sein Rauschen mit. Meine Augen öffnen?
»Du tust es noch nicht!«
Irgendetwas bewegt sich, eine Sirene setzt ein, nein wird schon leiser. Doch nicht laut genug, um eine gewesen zu sein. Es quietscht, ein Zischen. Die Augen sind doch offen. Ein Teil der Wand hat sich gelöst und vor die nebenan liegende Wand geschoben, in rechteckiger, türgroßer, türiger Form.
»Was sprichst du für ein sinnloses Wort, türig! Es ist eine Tür.«
Licht strömt ein. Das wie Plastik aussehende Material glänzt orange-farben, jetzt, wo es mit den Lichtstrahlen in Berührung kommt. Ich stehe, seit wann? Bin ich schon länger wach?
Ich vergesse nicht mehr, dass ich bereits öfters aufgewacht bin, das ist positiv. Ist das gut? Wieso? Will ich, dass es gut ist? Was soll gut sein? Wie oft bin ich schon erwacht? Eine Frage, zur nächsten bitte. Nächstes Mal zumindest dreimal. Striche! Zu jedem Erwachen sollte ich einen Strich zeichnen, doch womit? Wohin?
»Später, das kommt schon noch.«
Wieso rede ich und mit wem überhaupt? Meine Füße bewegen sich, tragen mich zum Licht, nehmen mich mit. Ich gehe. Ich scheine in echt wach zu sein. In einen Raum blicke ich, auch dort sind keine Fenster oder weitere Türen, in der Mitte stehen ein Tisch und ein Stuhl. Essen auf dem Tisch, es dampft.
»Für dich?«, frage ich und erschrecke vor der Lautstärke meiner eigenen Stimme.
Nach rechts über der Türe ist der Blick gerichtet, dann zu meinem Brustkorb, auf welchen mein eigener Zeigefinger gerichtet ist.
»Das ist nicht Absicht.«
»Was denn soll keine Absicht sein?«
Mit mir selbst spreche ich, laut mit mir selbst. Ich muss aufpassen, was ich tue, was ich sage. Ich gehe hinein, starre auf das Essen, verteilt auf zwei Teller in unterschiedlicher Größe, setze mich, nehme einen Löffel, schaufle damit Essen zu meinem Mund, Brei, Fleisch, Gemüse. Was esse ich? frage ich mich während des Kauens, schmeiß den Löffel auf den Tisch, schlecke mit der Zunge über den Teller. In ihn hineinbeißen, ihn fressen? Benutze kein Besteck für das, was auf dem Zweiten klebt – etwas Cremiges Schokoladenes. Führe den Teller zu meinem Mund, rolle die Zunge aus, belade sie, hole sie wieder herein, erhöhe die Geschwindigkeit der Bewegungen. Die Teller sind sauber, wie frisch gewaschen, alles aufgeputzt.
»Mann, hattest du einen Hunger!«
»Schon wieder redest du mit dir selbst, reiß dich zusammen, du blinder Hund!«
Wieder ein Quietschen, beim Rausgehen, dann höre ich erneut das Rauschen. Hinter mir schließt sich die Türe schnell wieder, ist weitere Sekunden in der Wand konturenhaft zu erkennen, ehe sie vollständig mit dieser verschmilzt. Zurück im Raum beobachte, diagnostiziere ich, schaue alles genauestens an, stelle fest.
»Alles noch da, Couch, Matratze, aha, auch Bücher neben der Matratze, vier Stück.«
»Ob die vorher schon da waren, fragst du dich jetzt bestimmt, du blinder Hund!«
Waschbecken, Badewanne, dunkel ist es, wesentlich dunkler als ich bisher vermutet hatte. Es gibt Bereiche, wo ich nicht hinzusehen vermag.
»Noch nicht«
»Wieso hast du überhaupt gezweifelt, wer sollte dir hier etwas wegnehmen?«
Mit den Selbstgesprächen aufhören, das wäre besser. Denken, nicht sprechen, und wenn es manchmal dasselbe ist, hier drinnen jedenfalls nicht.
Etwas tun, gibt es irgendetwas zu tun?
»Hallo, soll ich etwas tun?«
Das zumindest ergab Sinn, das laut gesagt zu haben. Fühle leichten Schwindel, sitze auf der Couch und erinnere mich schon nicht mehr hergegangen zu sein, oder das gewollt zu haben. Mein Kopf liegt in meinen Handflächen, die Arme stützen sich auf die Oberschenkel, ein Lichtstrahl schockt mich, nein es ist Licht, blendet nicht und bleibt. Jemand wird es angeschaltet haben.
»Hallo?«
Es kommt keine Antwort. Im Raum sind drei Lichter angegangen, eines am Boden neben der Matratze, dort wo die vier Bücher liegen, eines über dem Waschbecken, wo ein Spiegel hängt, darüber gibt es jetzt Licht, eines erhellte in einer bisher dunklen Ecke. Dort steht eine Lampe auf einem kleinen Tischchen aus Holz, ein Schreibtischchen wie mir vorkommt. Der Schwindel wird stärker, ich laufe zur Toilette, wo ich große Mengen violetten Schleims aus meinem Mund in die Toilettenschüssel hineinströmen sehe.
»Wie kannst du dich dabei sehen?«
Sehe mich und nicht den Schleim, dann sehe ich ihn doch, er wird immer dunkler, rotiert in der Toilettenschüssel, ein Sog zieht den ganzen Schleim hinein, saugt mich mit hinein. Bin zum Liegen gekommen.
Dieses Mal bin ich aufgewacht und wusste sofort alles. Deutlich lassen sich meine verschiedenen Erwachen unterscheiden. Zumindest vier Mal Aufwachen, zähle ich schon. Die drei Lichter sind da, leuchten, die Couch, die Matratze der Schreibtisch in der Ferne, alles ist noch da. Fern. Nichts ist fern hier drinnen, nur wenige Schritte voneinander stehen Wände und Gegenstände. Mein Kreislauf scheint stabil – bewege mich frei, gehe den Raum ab, gehe ihn schon wiederholt ab. Achtzehn Schritte misst jede Wand. Der Raum wird quadratisch sein, mit Ausnahme einer Einbuchtung an der Seite, wo der Tisch steht, dieser kleine Schreibtisch. Eine Säule ist in der Mitte des Raumes, einen Meter Durchmesser hat sie.
»Schätzt du, dass sie hat!«
Mit jenem sonderbaren Material ist alles beschichtet, die Wände, die Decke, der Boden, auch unter dem Teppich, und die Säule. Plastik ist es keines, habe versucht es mit einem Wurfmesser zu beschädigen, probiert hineinzustechen, doch nicht eine Schicht lässt sich davon zerstören. Nicht einmal einen winzigen Kratzer bringe ich hinein. Ursache, was ist die Ursache? Sache, welche dem Jetzt ursprünglich vorauseilt?
Denk nicht so viel Scheiße!
Doch ist das immer noch besser als mit mir selbst zu reden.
Der Geruch der Polsterung der Hantelbank ist neu, nicht der Geruch ist neu, das Trainingsgerät ist es, oder riecht eben neu, nicht nach Schweiß, nicht benutzt. Einige Scheiben der Gewichte habe ich hin und her montiert zwischen unterschiedlichen Hantelstangen, seitdem wandere ich wieder im Raum umher. Auf dem Schreibtisch liegen einige Stifte, sehen aus wie Kugelschreiber. Direkt im Lichtschein der Lampe stapeln sich weiße Blätter, daneben liegt ein weiterer, aber kleiner Zettel, nur einer. Nichts von alledem rühre ich an.
Zur Lampe führt kein Kabel, einen Schalter gibt es nicht, zumindest sehe ich keinen. Ich tappe rückwärts. Bis zur Matratze verkehrt herum Schritte zu setzen, das versuche ich. Dort liegen die vier Bücher, mehr nicht, nur diese vier entdecke ich weiterhin. Ich kenne sie, allesamt. Es ist merkwürdig, dass die da sind.
»Wieso auch, wenn du doch da bist, dann können sie es doch auch sein, oder?«
Ich laufe zum Spiegel, sehe mich. Ich bin es. Ich bin der, an den ich mich erinnere.
»Wieso hast du überhaupt daran zweifeln können?«
Die Kleidung kenne ich nicht, ich ziehe mich aus, meine ist es mit Sicherheit nicht. Betrachte den Oberkörper, halte die Arme ins Bild, beäuge Beine und Füße, zähle ausreichend Zehen, zwei Narben am linken Wadenbein. Alles ist, wie ich es in Erinnerung habe.
Gestern. Ist es mir möglich »gestern« zu denken? In der vorhergehenden Wachphase, träfe es eher. Zu diesem wie gestern gefühlten Zeitpunkt erloschen jedenfalls die Lichter, als ich vor dem Spiegel stand und mich erneut darin aufmerksam begutachtete. Absolut dunkel war es dann, nicht einmal die eigene Hand vor den Augen sah ich mehr. Zunächst wartete ich in Erstarrung, hielt meine Körperposition für einige Augenblicke, genauso wie sie war in jenem, als das Licht erlosch. Zählte irgendwann bis einhundert, langsam, etwa in Sekundenabständen die einzelnen Zahlen. Und nach jener Wartezeit zählte ich ein weiteres Mal im selben Tempo bis einhundert, ehe ich die Strecke von sieben Schritten bis zur Couch suchte, versuchte. Mit zwölf erreichte ich sie.
Jetzt bin ich auf der Couch aufgewacht und es gibt wieder Licht. Aus dem Essensraum scheint es, die Türe dorthin steht offen. Der restliche Raum – der eigentliche Raum – ist weiterhin dunkel. Brot, Marmelade, Eier und Tee stehen bereit. Dort sitze ich. Oft registriere ich kaum, dass ich mich bewege, erahne manchmal rückblickend mich bewegt zu haben. Ich sitze und untersuche die vorhandenen Gegenstände. Das Besteck, das Geschirr, der Teebeutel, der Eierbecher, der Tisch, die Stühle. Keinerlei Beschriftungen sind darauf zu entdecken, nicht ein einziger, nicht der winzigste Buchstabe. Ich nehme mir vor, meinen Raum nach dem Essen ebenso darauf zu untersuchen, doch erwarte ein negatives Ergebnis. Ja, die vier Bücher, die schon, die sind beschriftet. Ich kenne sie, meine persönlichen sind es, nicht von mir geschriebene, nein, Bücher, welche ich früher bei mir besessen hatte.
»Bei dir?«
»Was meinst du damit?«
Das Essen schmeckt wie Frühstück. Diese Feststellung habe ich mir erdacht, was alles zusammen komisch klingt. Für mich fühlt es sich eben wie Frühstück an. In einem Ablauf, welcher von außerhalb gesteuert zu sein scheint.
»Ablaufen sollst du!«
»Weit kannst du nicht laufen!«
Draußen erhellt ein Licht wieder den Raum, ich erwarte niemanden. Registriere es trotzdem, gehe davon aus, dass eines der Lichter meines Raumes wieder eingeschaltet wurde. Ich nehme das Ei in die Hand, die halb leere Teeschale in die andere und verlasse die Speiseröhre.
»Haha Speiseröhre, da hast du dir ein Wort einfallen lassen«.
Das Licht um den Spiegel ist es, das angegangen war. Die anderen sind aus, noch, da bin ich mir sicher. Die Türe schließt sofort wieder hinter mir. Alles besitzt seinen Ablauf hier drinnen.
Drei Wochen vergehen, ehe ich erste Zeilen auf das begrenzt vorhandene Papier kritzele. Der Stift rast von links nach rechts, Gedanken strudeln in ihn hinein, er fällt aus der Hand. Beim Aufheben verwische ich auf dem Blatt stehende Wörter, keine Zeit sie jetzt zu entschlüsseln, und die nicht Verwischten sind im Moment ebenso egal. Was?
»Schreib einfach das gleiche weiter wie vorhin!«
Die Bewegungen des Stiftes mehr schwingen, ein wenig das Tempo rausnehmen.
»Mach dir Gedanken!«
»Stell dir vor, sie würde das lesen!«
Es ist weiterhin rätselhaft, wie die Lampe überhaupt leuchtet. Ihre Oberfläche besteht aus diesem unzerstörbaren Material, das Licht dringt durch etwas Gläsernes aus ihr. Der Stift wird zum Hammer, schlägt mehrmals gegen die Lichtöffnung. Doch mir selbst das Licht nehmen?
»Besser du findest es nicht heraus, lass es gut sein!«
Papierknäuel fallen aus der sich lösenden Faust in der anderen Hand, es sind die beiden beschriebenen Blätter. Es waren die beiden beschrieben Blätter.
Erst das dritte Wort, »Geburt« entziffere ich, danach zähle ich weitere fünfzehn Wörter und wehre sie als unleserlich ab.
Es dauert einige Minuten nach, bis ich jene Zeilen wieder zerreiße.
Die Lichtphasen des Raumes geben mir eine Art Tag-Nacht-Rhythmus vor, welchen ich als solchen angenommen habe oder zumindest versuche so anzunehmen. Ob die Tage des Raumes vierundzwanzig Stunden dauern, ob sie mehr oder weniger lang sind, oder überhaupt alle von gleich langer Dauer sind, lege ich nicht fest.
Morgens liege ich im Bett und taste mit einem Finger an meine Wimpern, zupfe am unteren Augenlid. Ob die Augen offen sind, überprüfe ich dadurch, dann warte ich. Das Zischen der Türe geschieht gleichzeitig mit dem aus dem Essensraum stammenden, meinen Raum flutenden Licht. »Morgensonne« sage ich mittlerweile dazu. Immer bin ich schon, als es noch Nacht ist, wach, während der absoluten Dunkelheit. Als Nächstes folgt gewöhnlich das Licht am Spiegel, morgens ist es bisher immer das erste gewesen. Dieses Einschalten geschieht zuverlässig, auch wenn ich nicht in der Speiseröhre verweile, oder überhaupt meine Frühstücksmahlzeit antrete. Eine Verweigerung, welche ich schon erprobt habe. Betrete ich die Speiseröhre nicht, schließt die Türe dorthin mit dem Einschalten des Spiegellichts. Bin ich aber dort drinnen, wird das Spiegellicht draußen erhellt und die Türe bleibt solange geöffnet, bis ich die Speiseröhre wieder verlassen habe. In der Röhre ewig auszuharren, habe ich versucht, bin sogar darin eingeschlafen. Erwacht bin ich dann aber auf meiner Matratze. Inzwischen betrete ich die Speiseröhre, sobald diese geöffnet wird, esse was es gibt und verlasse sie dann wieder.
Dass die Tage in diesem Raum unterschiedliche Längen haben könnten, ist für mich nicht nur eine Option mit geringer Wahrscheinlichkeit, es reift zunehmend der Gedanke, dass der Lichtrhythmus absichtlich, oder wer weiß, unabsichtlich gestört wird. Anschließend an das, immer gleiche, Morgenlicht-Prozedere, folgt gewöhnlich der Tag, jene Phase in welcher alle Lichter zugleich für einen langen Zeitraum eingeschaltet bleiben. Jenes am Schreibtisch, jenes am Boden neben der Matratze und das am Spiegel. Abends erlöschen sie der Reihe nach. Nacht in Form von absoluter Dunkelheit tritt ein. Die Reihenfolge welches Licht zuerst erlischt und welches als zweites und drittes ist nicht vorhersehbar. Es gab schon drei Tage hintereinander, wo zuerst das Spiegellicht gelöscht wurde. Einer folgte, an welchem das Licht am Schreibtisch den Anfang der Nacht einleitete, dann eines mit dem Spiegellicht und dann wieder eines mit dem Schreibtisch, ehe vier Tage hintereinander das Licht neben der Matratze zuerst erlosch. Zuletzt gab es zwei Tage, an welchen zwei Lichter zugleich abgedreht wurden. Bisher sieben Mal geschehen, wurde es, zwischendurch, mitten am Tag, für wenige Minuten, vollkommen dunkel. Zweimal schon für ein knappes geschätztes Stündchen. Das Zählen von Tagen, eine wage Prognose, welche ich erstelle, indem ich, nach jeder langen Dunkelheits- meist Schlafphase, vor dem Frühstück einen Strich in den Tisch einkerbe. Dreiundzwanzig verschieden große Ritzen im Holz reihen sich dort nebeneinander auf.
»Verschieden große Kerben zeigen dir unterschiedlich lange Tage. Schön hast du das gemalt!«
Rhythmus besitzen die Mahlzeiten ebenfalls keinen. Eher unterliegen sie genauso einen absichtlichen Anti- Rhythmus, wie ich vermute. Es gab schon dreimal an ein und demselben Tag exakt dieselbe Mahlzeit. Ich zählte fünfzehn aufeinander folgende, in welchen sich nicht ein Detail glich. Tage, wo vier Mahlzeiten bereitgestellt wurden, erlebte ich, welche mit drei, mit zwei und schon mit nur einer Mahlzeit für einen ganzen Tag. Einmal stand die Türe zur Speiseröhre offen. Mit Hunger trat ich ein, doch erblickte dort nur einen Teller, auf welchem nichts, außer ein auf Papier gemaltes Bild eines Hahns zu sehen war. Auf dem Bild lag - als einzig Essbares - ein kleiner, aber frischer Zweig Rosmarin.
Schreiben, das probiere ich wieder, habe mich durchgerungen, den kleinen kargen Schreibtisch erneut zu besetzen, um einen weiteren Versuch zu unternehmen, etwas zu notieren. Genau hundertundein leere weiße Zettel sind vorhanden, oder waren, denn zwei habe ich, nach meinem ersten missglückten Schreibversuch, zerfleddert. Den kleinen Zettel welcher neben dem Stapel mit großen leeren Zetteln gelegen hat, habe ich auch sofort zerfetzt, nachdem ich ihn aufgehoben und umgedreht hatte. Dieser war nicht leer, er war beschriftet! Zwanzig bis dreißig Worte standen dort in gedruckten Buchstaben. Nur die ersten vier habe ich gelesen: »Willkommen, es gibt keine…«. Dann leitete ich umgehend das Ende dieses Zettels ein.
Aber ich versuche, wieder zu schreiben, suche, so denke ich, eine Beschäftigung dabei. Zunächst wusste ich nicht, was oder über was ich schreibe, hatte keinerlei Übung darin. Mein erster Versuch, auf das begrenzte Papier eine Niederschrift zu bringen, bestand darin, die Geschichte meines Lebens von der Geburt weg bis zur Ankunft in jenem Raum zu notieren. Dieser Versuch misslang und endete im Zerreißen des Papiers. Das Schreiben über die frühen Jahre meiner Kindheit wurde mir schnell langweilig, zusätzlich mangelte es mir an ausreichend Erinnerung über jene Zeit.
Fünf eingekerbte Striche auf meinem Tisch nach diesem Scheitern, versuche ich die gleiche Idee, dieselbe Geschichte, doch vom Ende her, umzusetzen. Das wird, so hoffe ich, die Problematik aufheben, dass ich beim ersten Versuch unter anderem nicht fähig war, genügend Erinnerung abzurufen, um sie in die Texte zu integrieren. Zum Vorteil gelangt dabei, dass meine jüngste Vergangenheit zeitlich die am nächsten liegende zur Gegenwart ist, und sie stellt jene Epoche meines Lebens da, in welcher ich simpel und reduziert gelebt hatte.
Lief etwas an mir vorbei? Raste ich an etwas vorbei? Ist Vergangenheit ersetzbar? Tritt ein anderes Wort ihr nahe? Funktioniert das Wort, ohne zu gehen, den Gang? Ist er überhaupt aufrecht oder hat sich die Vergangenheit gekrümmt, davon gekrümmt? Ich zermartere mir den Kopf. Ständig, seit ich mich in diesem Raum begreife. Die Zeit ist es, die nicht vergeht hier drinnen.
»Beschäftigung soll das für dich schaffen. Du versuchst Beschäftigung!«.
Wieder sind dies Überlegungen, welche Zeit beanspruchen und in etwa so läuft das seit gezählten fünf Wochen hier drinnen. Anderes unternehme ich manchmal, gebe mir Mühe, aber diese wirren Gedankenspiele sind omnipräsent.
Anfangs war das nicht so. Ich kam langsam zu mir, lernte die Abläufe des Raumes kennen, hatte das Gefühl, jemandem aufzulauern, etwas schrittweise zu enträtseln, doch mittlerweile kenne ich alles. Und wenn es keinen Rhythmus gibt, so gibt es einen durchschaubaren Anti-Rhythmus. Nicht durchschaubar, nein, aber zu erwarten. Meinen Alltag fülle ich mit Trainings an den Geräten, mit Bade- Einheiten in der Badewanne, meinen Gängen zu Tisch, extralangen Sitzungen auf der Toilette, ausgedehnten Selbsterkundungen vor dem Spiegel, nachdenkend am Schreibtisch, oder sitzend und liegend auf Couch und Matratze.
In meinen vier Büchern blättere ich manchmal herum, lese selten einen Satz darin, niemals eine ganze Seite. Ich kenne ohnehin längst alle Inhalte auswendig. Mich störte das früher nicht, habe jedes dieser Bücher mindestens zehnmal gelesen und frage mich jetzt wozu. Wozu so oft? Wozu überhaupt? Warum nicht mal etwas anderes?
Mit den Wurfmessern ergeht es mir ähnlich. Viele Stunden verbrachte ich einst wöchentlich, mit ihnen zu trainieren. Jetzt rolle ich sie manchmal aus dem Ledertuch, poliere sie und wickle sie wieder ein. Geworfen habe ich kein einziges seit meiner Ankunft in diesem Raum.
Er ist begrenzt. Nein, er ist frei, der Raum. Ich bin es darin. Vorgaben gibt es hier keine. Keine Anhaltspunkte, Aufgaben oder Verpflichtungen. Aber diese Freiheit gibt es nur innerhalb der Möglichkeiten des Raumes. Raus kann ich nicht, darf ich nicht, so wie es scheint. Doch darüber gibt es keinerlei Auskunft, keine Klarheit.
Neununddreißig Striche sind mittlerweile auf meinen Tisch eingekerbt. Mit dem Raum und seinen in ihm befindlichen Widersprüchen habe ich gelernt umzugehen, ihn und sie zu tolerieren, alles abzuwarten, die Zeit darin vergehen zu lassen. Irgendwann werde ich ungeduldig, fühle mich dann altern, oder sehne Veränderung herbei.
Am merkwürdigsten ist, was der Raum mit mir anstellt, er spiegelt und hinterfragt mich zugleich. Er scheint auf mich zugeschnitten zu sein. Alles was ich darin vorfinde, was er mir an Beschäftigung bietet, sind Sachen, welche ich in der Lebensepoche zuvor schon gelebt hatte, nur in minimalerer Form.
Geschrieben habe ich nie, zumindest nicht in der Art, wie ich es hier zu praktizieren versuche. Früher habe ich Dokumentationen geführt, Beobachtungen von Natur und meinem Garten, Erfahrungsberichte darüber zu Papier gebracht. Einen Garten gibt es hier drinnen nicht, es gibt nicht eine einzige Pflanze, das fehlt mir schon. Abgesehen davon habe ich das Gefühl, der Erbauer des Raumes hätte es wohlwollend mit mir gemeint, oder mich studiert, mich auswendig gelernt, ehe er mich hier hingebracht hat. Oder hat er das nicht, war es jemand anderer, ein Erbauer, ein Entführer, ein Gefangener. Wie kam ich hier hin, freiwillig?
Max, ein Zuhälter, hatte mir Zutritt zu dieser Stadt und jenem Teil der Stadt verschaffen, wo ich gehaust habe, vor dem Erwachen in diesem Raum. In einem verfallenen Hochhaus, im obersten Stockwerk lag meine Wohnung mit Balkon. In einer Bar, in welche ich zielstrebig, einem Tipp folgend, sofort nach meinem Eintreffen in jener Stadt gegangen war, hatte ich Max zum ersten Mal getroffen.
Er verschaffte mir eine neue Existenz auf dem Papier, besorgte mir Ausweise und Dokumente. Vermietete mir die zweitbeste Wohnung in seinem Haus, wie er sie anpries, weil er mich sympathisch fand? Vielleicht! Wir redeten nicht in der Art miteinander, er bot mir verschiedene Dinge an, ich akzeptierte oder lehnte ab. Hegte er die Hoffnung, mich für sich und seine Machenschaften zu gewinnen? Vielleicht war das eine Motivation für ihn, möglichst auf meine Wünsche und Interessen einzugehen. Trotzdem akzeptierte er bald, dass ich mich nicht für ein Leben in seinem Stil interessierte. An den anfangs ausgehandelten Bedingungen änderte das nie etwas.
In Ruhe und Abgeschiedenheit zu leben, in einem Randbezirk, der lange keiner behördlichen Kontrolle mehr unterlegen hatte, das genoss ich. In einem Stadtplan fand jenes Haus oder die Straße, welche zu ihm führte, lange keine Niederschrift mehr, ebenso wenig wie die benachbarten Bauruinen. Diese Gegend war eine in Vergessenheit geratene.
Frei und unbeobachtet pflegten einige kriminelle Clans dort ihre Nester und hüteten ihre Quellen. Vereinzelt traf ich Pensionisten dort. In den unteren Stockwerken der großen Häuser dieser Gegend hausten sie, ja, vegetierten meist vor sich hin, sprachen gern von früher und von den besseren Zeiten der Gegend. Überwucherte Grünflächen und verrostete Spielgeräte ehemaliger Kinderspielplätze bestätigten, dass es solche Zeiten dort einmal gegeben hatte. Für mich war es aber, so wie es war, angenehm. Manchmal bildete ich mir sogar ein, dass es besser nicht hätte sein können.
Echte Gesellschaft existierte dort nicht mehr. Keine einzige Schule oder Kindergarten, nicht einmal ein Geschäft war in der unmittelbaren Umgebung vorhanden. Den unterschiedlichen Clanchefs war dies, so mutmaßte ich, ein gemeinsames Anliegen, dass diese Gegend unlebendig und dadurch unbeobachtet blieb.
Kinder galten dort als höchst seltene Erscheinungen – meist entstanden aus Unfällen einzelner prostituierter Damen. Wenn ich dort ein Kind zu Gesicht bekam, dann im Still-Alter und meist nur wenige Wochen. Selten verschwanden später die Mütter mit den Kindern, diese schafften weiter an. Wohin die Kinder gebracht wurden, danach fragte ich nie jemanden. Den Asphalt der Straßen sprengten große Löcher und Risse auf, nicht selten wuchsen kleine Pflanzen und sogar schon junge Bäume mitten auf Straßen und Gehwegen.
Trotz dieser Abgeschiedenheit lag aber die nötigste gesellschaftliche Grundversorgung nicht weit entfernt. In Richtung Stadtinneres fuhr ich zwanzig Minuten mit dem Fahrrad, kaufte dort in Supermärkten ein oder trainierte in einen Kampfsportclub. Ich wählte sorgfältig aus, welche Kampfsportzentren und Supermärkte ich besuchte, variierte, betrat niemals innerhalb eines Monats öfters als einmal denselben Ort in den lebendigen inneren Bereichen der Stadt. Anonymität zu bewahren, darauf legte ich großen Wert.
Wenn möglich ersparte ich mir alle diese Aktivitäten innerhalb des gesellschaftlichen Treibens gänzlich. Ich bevorzugte mein Zuhause. Schon kurz nach meiner Ankunft in dieser Stadt, legte in einer der von wilden Büschen überwucherten Grünflächen, einen Gemüsegarten an. Zunächst hatte ich mir einen Korridor durchs Dickicht geschnitten. An einem Punkt, den ich als die Mitte meiner großen Grünfläche einschätzte, schnitt ich von innen heraus eine Fläche frei, entwurzelte den Boden, grub ihn um und nach und nach bestreute ich ihn mit frischer, mühsam angeschleppter Erde. Meine ersten, als Samen gesetzten Pflanzen wuchsen nach einigen Wochen Arbeit dort aus dem Boden, wenige Wochen später genoss ich schon reichlich Ernte.
Ansonsten verbrachte ich meine Zeit eben mit Training, Joggen, Liegestützen, Hantelbank, Box Sack, Kampfsportclub, oder zuhause lesend und nichts tuend. Gegessen habe ich zuerst stets all das, was der Garten hergab. Einkaufstouren wurden zunehmend seltener notwendig und wenn, eher in der kalten Jahreszeit. Termine hatte ich nicht einen, besaß keinen Kalender, nicht einmal eine Uhr oder hatte je eine Ahnung von Uhrzeit. Die Sonne und der von ihr erbrachte Wechsel der Jahreszeiten, organisierten meinen Zeitplan.
In zwei Schichten spielte sich das minimale menschliche Treiben innerhalb der Gegend ab. Während des Tages beherrschten die Pensionisten das Bild. Sie erkundigten sich bei mir nach meinem Treiben, über das ich mich stets weigerte, Auskunft zu geben. Dann philosophierten sie über das Wetter und klagten wieder darüber, dass früher eben alles besser gewesen war. Nachts huschten die Huren herum, wurden von ihren Bewachern begleitet zu Freiern geführt, oder bekamen manchmal die Freier zu Besuch in den Ghettos. Ich lebte zu beiden Zeiten. Tags verbrachte ich Zeit im Garten, in meiner Wohnung oder mit Training. Nachts saß ich im Sommer oft am Dach des Gebäudes und betrachtete die Lichter der weit entfernten Stadt sowie jene der weiter entfernten Sterne. Um des Gehens Willen wanderte ich oft ohne Ziel in der Gegend herum.
Zu Nane entstand mein Kontakt, als diese eines Tages im Stiegenhaus an mir vorbei drängte, während ich mit einem der Pensionisten über das Wetter philosophierte. Ich sah ihr nach, worauf sie stehen geblieben war und mich fragte, ob ich Lust hätte. Obwohl ich wusste, was sie meinte, gaukelte ich ihr schulterzuckend vor, als hätte ich keine Ahnung. Ich wandte mich wieder dem Pensionisten zu und sie verschwand um die Ecke. Zu den Huren von Max hat sie gehört. Daran, für Sex zu bezahlen hatte ich grundsätzlich kein Interesse. Als ich dann aber eine viertel Stunde später zu meiner Wohnung zurückkehrte, stand sie vor der Türe, gekleidet in Lederstiefeln, Minirock und obenrum war sie überhaupt nackt. In ihrer Hand hielt sie einen Tanga. Ehe ich Argumente hervorbrachte, warum ich zwar von Lust getrieben wäre, meine auferlegten Prinzipien diesem Trieb aber widersprachen, erklärte sie, dass sie in ihrer Freizeit da sei und ich bei ihr nicht zu bezahlen hätte. Von jenem Moment an, füllte sie meinen Alltag mit einer zusätzlichen Beschäftigung.
Die Reflexion jener Zeit fällt mir leicht. Ich schreibe darüber und schmunzle, empfinde alles komisch. Rätsle über mein damaliges Verhalten, nachvollziehe nicht mehr, was mich zu all jenen Handlungen getrieben hat. Weswegen hauste ich in einer solchen Randzone des Kontinents am Rande einer Gesellschaft und genoss es dort? Einen logischen, Grund, dort hingegangen zu sein, erinnere ich, besessen zu haben. Die Gründe sind mir bewusst, doch was hielt mich so lange dort? Dachte ich jemals darüber nach, etwas anderes auf diese Lebensstation folgen zu lassen? Keinen solchen Gedanken finde ich in meiner Erinnerung, ich habe dort gelebt, die Zeit ablaufen lassen, ohne sie zu betrachten.
Der Gedanke an den Sex mit Nane reibt mich auf. Besser wäre, ich denke nicht daran. In diesem Raum werde ich seltsam rastlos dabei. Ich onaniere regelmäßig, aber Abhilfe schafft das keine. Im Gegenteil denke ich dadurch, wie es mir scheint, öfter an sie. Täglich, absolut jeden Tag erschien sie zur Mittagszeit, blieb eine Stunde, manchmal zwei, wir hatten ausgiebig Sex, sie rauchte einige Zigaretten und verschwand dann wieder.
Mit der Zeit veränderte sich Nane. Mehr und mehr drückte sie ein Bedürfnis aus, zu sprechen, sich zu unterhalten. Sie stellte seltsame Fragen oder versuchte, mich zu imitieren. Einmal als ich nach dem Sex duschen war und dann zu ihr ins Zimmer zurückkehrte, lag sie im Bett. Sie blätterte in einem meiner Bücher. Sie gab vor, als würde sie lesen, obwohl sie das nie gelernt hatte. Als ich sie fragte, was sie bezwecke, antwortete sie, dass sie versucht hatte zu erfahren, wie es sich anfühlen würde, mit einem Buch dazuliegen. Ich erklärte ihr, dass ihr Imitationsversuch nicht dasselbe sei, wie in einem zu lesen. Daraufhin bettelte sie mich prompt an, es ihr beizubringen, das Lesen.
Zunächst blieb es eine Schule von wenigen Minuten jedes Mal nach dem Sex. Zigaretten rauchte sie gleichzeitig, während sie meinen Erklärungen lauschte. Nane schämte sich schnell, wenn sie etwas nicht in der Lage war, sofort nachzuahmen, wenn sie einen Buchstaben nicht ideal abmalte, wie sie das Schreiben bezeichnete. Dann strich sie sich zunächst mit ihren Handflächen schneller werdend über ihre nackten Oberschenkel auf und ab und fing dann bald an, mich überall am Körper abzuschlecken. Sie grinste mich nur an, wenn ich ihr versuchte, die letzten behandelten Dinge fertig zu erklären. Bis sie mir irgendwann die Hand vor den Mund hielt, sich erst selbst das Höschen wieder vom Leib riss, mir die Hose öffnete, sich auf meinen Schoß schwang und wild auf mir ritt. Wie einen Gegenstand beritt sie mich dann, unser Sex veränderte sich mit der Schreibschule ebenfalls. Mit fortschreitendem Lernerfolg entwickelte sie eine Euphorie, dass es irgendwann sogar geschah, dass sie zu mir kam und erst erbat zu lernen, ehe wir Sex hatten. Manchmal gegen Ende unserer gemeinsamen Zeit waren sogar nur wenige Minuten für eine schnelle Nummer übrig geblieben, weil sie vor lauter Eifer beim Lernen, vergessen hatte auf ihre Uhr zu sehen.
Jetzt schreibe ich. Es beruhigt und lenkt mich ab, ob Nane das einst ähnlich ergangen ist? Nur einzelne Wörter hatte sie gelernt, für ganze sinnvolle Sätze reichte die Schule damals nicht.
Das Schreiben über meine Vergangenheit funktioniert jetzt, ohne dass ich meine gerade gemachten Aufzeichnungen gleich wieder zerreiße. Ich schäle, dieses Mal, meine Vergangenheit von den jüngsten Ereignissen weggehend, das erscheint mir sinnvoll. Sowie ich bei einer Zwiebel zuerst schäle, was zuletzt gewachsen ist, die äußere Schale.
Ich denke, bald Bereitschaft errungen zu haben, mich den tieferen Schichten zu stellen, in jene Epochen meines Lebens zurückzublicken, bevor ich in dieser Stadt gelandet war.
Ich bin aufgewacht und erinnere mich von Nane geträumt zu haben habe. Im Traum saß sie mit ihrem nackigen Hintern auf meinem Brustkorb, wandte mir ihren Rücken zu und blätterte dabei in einem Buch. Immer wieder lachte sie währenddessen und ich fragte, was denn los sei und ob sie nicht einen anderen Platz zum Sitzen gefunden hätte, als auf mir. Zunächst reagierte sie nicht, irgendwann zischte sie mich an, ich solle warten, bis sie fertig sei, und dass es bald raus käme. Mit was sie fertig würde, versuchte ich herauszufinden. Wieder beachtete sie den Inhalt meiner Worte kaum, stöhnte laut mehrmals kurz auf, sagte mir, es zapple schon und wäre bald da. Dann stand sie auf, zog sich ihre Unterhose von den Knöcheln nach oben. Ich sah ihr nach, betrachtete ihre nackten Pobacken, wie sie damit wackelte, als sie sich in zügigen Schritten von mir entfernte. Einmal blieb sie kurz stehen, wandte sich um, suchte meinen Blick und kicherte, als ich ihren erwiderte. Sie hob sich die Hand vor den Mund und eilte dann im Laufschritt davon.
Ich hob meinen Kopf an und sah zum Brustkorb. Acht Ratten tummelten sich um kleine rote Steinchen und knabberten daran.
Gerne würde ich zurück in diese Zeit, in die Wohnung im Block. Von dort werde ich weggeholt worden sein. Über die Erinnerung, wie dies geschah, verfüge ich nicht. An Nane denke ich jetzt ständig. Während der Zeit in diesem Ghetto dachte ich, auf Gefühle verzichten zu können, dort zu leben, weil ich mit der Gefühlswelt abgeschlossen hatte. Ich verschloss mich jeglichem zwischenmenschlichen Treiben, feierte keine Feste, betrat kaum je ein Geschäft, bewegte mich zu Fuß oder mit dem Fahrrad fort, blieb höflich zu den Pensionisten, aber, um diese auf Distanz zu halten. Nane hatte ich zugelassen, dachte, eine Prostituierte durfte sein, in einer Welt ohne Gefühle. Jetzt vermisse ich sie, denke ständig an sie, sehe sie vor mir, sehe sie wieder aufbrechen, wie wenn sie sich zu einem Freier aufmachen würde und mir nochmal zum Abschied winkte.
Eines Tages, als Nane bei mir zu Besuch war, klopfte plötzlich Max an der Türe zu meiner Wohnung. Nicht ein einziges Mal hatte er sich dieser, seit ich dort eingezogen war, überhaupt genähert. Durch ein Fenster sah ich ihn, bevor ich ihm öffnete. Nane zitterte, hob sich ein Leintuch vor die Brust. Ich sprach zu ihr, versicherte ihr, dass Max zu mir wolle, doch half das nichts. Nane sprang vom Bett, legte sich daneben auf den Boden und versteckte sich unter dem Leintuch.
Max kam gleich auf den Punkt, schlug vor, dass wir uns einigen, dass er nichts dagegen haben würde, dass Nane mit mir Freizeit verbringe. Doch erklärte er mir, dass für ihn eine Hure wie ein Automobil sei, dass es gewisse Abnützungserscheinungen durch Gebrauch gebe und dass er von mir keinen Preis, aber eine Art Abnutzungsgebühr gerne einziehen würde. Schnell hatte ich Max wahre Absicht verstanden und ich unterbreitete ihm einen Vorschlag, mit welchem er nach wenigen Sekunden Überlegen einverstanden war.
Von diesem Zeitpunkt an begleitete ich Nane als Bewacher zu ihren Freiern. Manchmal, wenn es sich ergab oder ein Kunde zum Beispiel mehrere Mädchen angefragt hatte, nahm ich andere mit in Max´ Lieferwagen. Für Nane brach ich gewisser Maßen meine Vorsätze, mich nicht in Aufgaben irgendwelcher Art einbinden zu lassen. Doch bei diesen geringen Diensten war es geblieben. Max zeigte sich zufrieden mit der gefundenen Lösung. Als er sich an meiner Türe dann verabschiedete, sagte er, dass ich für ihn jetzt Nanes Mann sei, er ihr Chef und sie meine Frau. Dann sprach er zu Nane, die weiterhin versteckt unter dem Leintuch lag, gratulierte ihr zu ihrem Gatten. Anschließend drehte er sich um, marschierte in aller Ruhe die zwanzig Meter weiter zu seiner Wohnung, welche neben meiner die einzige im obersten Stock jenes Gebäudes war.
Mein Arm riecht nicht, die Beine ebenso wenig, unter den Achseln, nichts!
»Nase rieche!«
Den gesamten Boden meines Raumes beschnüffelte ich am Morgen nachdem Frühstück, als ich die Speiseröhre verlassen hatte. Im Moment als die Türe hinter mir schloss, entbrannten in mir die Fragen, zunächst, was ich einige Augenblicke zuvor gegessen hatte, darauf keine Antwort wissend, suchte ich nach einem Geruchsvergleich, welcher zum vorangegangen Frühstück gepasst hätte. Namen von Farben kullerten im inneren des Gehirns hin und her, bis ich sie aussprach, ließen sie das nicht sein.
Ein anderes Vorhaben entstand, meine Umgebung genauer zu analysieren, die Gegenstände in Geruchsnoten zu unterteilen. Seit mir dabei auffiel, nicht einen einzigen Geruch überhaupt in mein Bewusstsein zu bekommen, suche ich welche an meinem Körper.
Zeigefinger im Mund, tief in den Rachen, selbst daraus gelangt kein Geruch zu meinem Gehirn. Mittelfinger aus dem Hintern zur Nase, wieder nichts!
Im Gebäude damals in jenem Ghetto, hat es permanent ekelhaft gerochen. Urin, Erbrochenes, Kot, rieben einem jedes Mal bestialische Gerüche unter die Nase. Spritzen lagen herum, Kondome, Taschentücher, zwischen Bauschutt, Styropor und Chips Packungen. Eine Augenweide war es dort nicht, auf den ersten Blick. Aber ich verfügte über meine Wohnung und den Garten, sie bildeten persönliche, gepflegte Oasen inmitten des sie umgebenden Drecks.
Gerüche, zugehörige Namen lassen sich abrufen, Vergleiche setze ich, von erlebten in der Vergangenheit. Aber hier! Die Nase funktioniert nicht, ich krabbele durch den Raum, rieche an allem was sich äußerlich voneinander unterscheidet, doch weiterhin nichts!
Außer Nane ließ ich niemanden je in die Wohnung. In meinen Garten schon gar nicht, und Nane führte ich dort ebenso nie hin. Mit Absicht war ich dort hingegangen, in diese Stadt. Eine Flucht vor einem anderen Weglaufen war es einst gewesen, oder das Ende einer langen, in ihren ursprünglichen Gründen, Zusammenhängenden. Niemand suchte in jener grauen Stadt nach mir, aus keinem meiner Vorleben gab es dorthin eine Fährte. Hatte ich innerlich vor, irgendwann dort wieder wegzugehen? Mit Sicherheit war es kein freiwilliger Entschluss von mir in diesen Raum zu landen!
Die Flucht aus meiner alten, ursprünglichen Heimat war einst eine vor der Justiz gewesen, welche mich zuerst in die Arme einer geheimen Legion getrieben hatte. Eine erste neue Existenz hatte ich dort verpasst bekommen, um mich vor der Justiz zu schützen. Sieben Jahre war ich an jene Legion gebunden, doch gab es niemanden, der nach so vielen Jahren diese jemals wieder verlassen hatte. Alle, die in der Legion sieben Jahre überstanden, blieben Teil davon, bis an ihr Lebensende. Mir war die Flucht nach drei Jahren gelungen. Die nächste Existenz, welche ich von Max erhalten hatte, sowie meine Fluchtroute und Art der Flucht, verwischten alle Spuren. Den Kontinent hatte ich gewechselt, zu Fuß, mich verkleidet, geschminkt, mehrere Perücken geklaut und ständig getauscht. Ich hatte mich von Feldern und Wäldern entlang meines Weges ernährt. Nicht einen Funken Elektronik hatte ich während der gesamten Zeit der Flucht gebraucht und hatte außer einem Kompass und zwei Messern, keinerlei Metall an mir getragen. Wo ich hin gewollt hatte, wusste ich genau. War zunächst für drei Tage in ein Versteck in der Nähe meiner Heimat zurückgekehrt, holte dort Vorräte von Wert ab und war dann zielstrebig, in eben jene Stadt am Rande des Kontinentes, geilt. Meine eigenen Haare ließ ich mir dort wieder wachsen, hatte sie zunächst blond gefärbt, bis ich mich nach eineinhalb Jahren so sicher gefühlt hatte, um meine natürliche Haarfarbe wieder zuzulassen.
Im Raum aufzuwachen hat mich bald schon an die Legion erinnert. Jemanden, ohne Erklärung wegzusperren, wäre sicher eine Methode, die zu dieser Legion passen würde. Doch fügen sich der vorhandene Luxus, sowie die vielseitigen Beschäftigungsmöglichkeiten im Raum nicht in das Bild, welches zur Arbeitsweise dieser Legion passt.
Den ganzen Tag gibt es heute Essen. Immer wenn ich nach einer Mahlzeit den Raum verlasse, schließt die Tür für einige Minuten, öffnet dann bald wieder. Ich trete ein und ein weiteres Festmahl türmt sich am Tisch vor mir auf. Schon nach der dritten Mahlzeit esse ich kaum mehr. Ich koste alles, nehme mir ein wenig mit in den Raum, doch es dauert nicht lange und die Türe öffnet sich ein weiteres Mal.
Jetzt bin ich zum sechsten Mal binnen kürzester Zeit eingetreten und erneut sind verschiedenste Happen bereitgestellt, teilweise sind sogar die mit Essen gefüllten Teller aufeinandergestapelt.
»Was soll das? Hallo!«
»Hat deine Stimme gerade einen Widerhall gehabt?
Hallo!«
Alles sieht wie immer aus. Der Stuhl ist genauso unordentlich zum Tisch hingeschoben, wie ich ihn beim letzten Mal hinterlassen habe, berührt mit seinem rechten vorderen Stuhlbein das rechte Tischhinterbein. Unter dem Tisch liegt Aluminiumfolie.
»Aha, die war vorhin nicht da.«
»Oder doch? Du kannst es nicht beweisen!«
Ist das eine Aufgabe? Verpacke ich das Essen darin? Und die Mahlzeiten vorhin? Habe ich es verpasst, sie zu verpacken. Aber da war doch keine Aluminiumfolie! Werde ich bald hungern? Habe ich eine Aufgabe bekommen und zu spät erkannt?
»Bist du schuldig?«
»Hör auf mit dir selbst zu sprechen, hör du auf!«
Für zumindest fünfzig Essen reicht die Aluminiumfolie, schätze ich. Nur die Länge des Tisches habe ich ausgerollt und von der Dicke der Rolle her geschätzt, dass es für diese Zahl an Essen reichen würde. Fünf Mahlzeiten habe ich mutmaßlich verpasst zu horten. Wenn ich fünf von fünfzig Essen verpfuscht habe, überlebe ich das trotzdem.
»Und wenn nicht, dann stirbst du.«
»Also schuldig!«
Aufgewacht bin ich und nichts war mehr da. Doch der Raum und das altbekannte schon, aber das ganze Essen nicht. Jetzt warte ich, ob es bald Nahrung gibt. Habe Hunger. Oder bilde ich mir das ein, in der Angst die Essensversorgung funktioniert nicht mehr?
Mein geheimer Garten hatte mich nie Hungern gelassen. In meinen Zeiten in der Legion hingegen gab es manchmal Phasen, in welchen wir an mehreren Tagen hintereinander nichts zu essen bekamen, aber nie sorgten wir uns, mit Absicht verhungert gelassen zu werden. Es ist ein Gefühl, welches mir neu ist. Die Sorge, es bestünde die Möglichkeit zu verhungern. Nein, vielmehr die Angst jemand würde mich, mit Absicht, verhungern lassen.
Zu müde für alles bin ich heute. Schritte sind schwer, nein die Füße. Wie Klötze hebe ich sie vom Boden, greife manchmal mit meinen Händen unters Knie, um zu helfen, das Bein anzuheben. Merkwürdig ist das, schwierig die Bewegungen, überhaupt, so zu denken. Wuchtig donnert es wieder zu Boden, das Bein. Für jeden Schritt benötige ich meistens zehn Sekunden, manchmal bis zu einer Minute, ich zähle jedes Mal mit. Die Couch habe ich ins Visier genommen, sie ist das nächst gelegene Ziel, wo eine gemütliche Rast möglich ist. Oder ist die Badewanne näher.
»Willst du mit so viel Gewicht baden, mach dich nicht wieder schuldig?«
»Nein du stellst keine Schuldfrage mehr!«
Wieso schreie ich? In der Badewanne zu ruhen, in diesem Zustand? Ist das gefährlich?
»Im Wasser wärst du leichter!«
Wer schreit, hat Unrecht! Acht Schritte sind es bis zur Couch. Den Raum kenne ich mittlerweile genug, um jegliche Distanz genau in Schritten einzuschätzen. Die Couch, dort werde ich ruhen, acht Mal ein Bein hochheben und ein Stück weiter vorne wieder absetzen, dann bin ich dort.
Nach Mutters Tod, mit welcher ich einst eine Wohnung in meiner alten Heimat geteilt hatte, entfernte ich dort jegliche Dekoration und Schnickschnack. Die Wände befreite ich von Bildern, schmiss alle Kerzenständer, Vasen, Figuren, Sparschweine, Truhen, sowie ihre gesamten Kleider weg. Wenig später folgten befreite Möbelstücke und ihr Bett. Die Stühle um den Esstisch reduzierte ich von sechs auf einen, und so wurde die Wohnung immer leerer.
Weiß strich ich die vormals bunten Wände und entledigte mich am Ende aller Möbel, außer dreier Kissen, meiner Matratze, einem offenen Regal, der fix verbauten Badezimmermöbel, sowie Herd, Kühlschrank und Waschbecken in der Küche. Über ein Jahr nach dem Ableben meiner Mutter war ich dort geblieben, dann abrupt aufgebrochen, die Flucht vor der Justiz hatte mich in Eile versetzt.
In jene Zeit zurückzublicken fällt mir schwer. Angenehmer ist es, an Nane zu denken, diese kleine Prachthure, wie Max und ich von ihr gleichermaßen schwärmten. An die Wohnung und das Reduzieren der Gegenstände meiner Mutter, erinnere ich mich bloß, weil ich mir hier drinnen im Raum plötzlich Veränderung wünsche. Heute Morgen habe ich deswegen den Beschluss gefasst, die Funktionen von Toilette und Waschbecken zu tauschen. Meinen Mund spüle ich ab sofort mit dem Wasser der Toilette, trinke von dort, wasche Hände, putze Zähne mit eben diesem Wasser. Meine Geschäfte, ob groß oder klein, verrichte ich in jener Vorrichtung, die ein Waschbecken wäre. Das beschloss ich so und werde es für zehn Tage so beibehalten. Schon jetzt freue ich mich darauf, wenn ich wieder alles wie gewohnt benutzen darf, da es ja weniger umständlich ist.
Auf das Gehen als Fortbewegungsmethode verzichte ich zusätzlich in derselben Zeitspanne. Meine Fortbewegung stelle ich auf Krabbeln um. Neben dem, dass das eben anders ist, bringt es den Vorteil mit sich, dass ich dabei mehr Zeit für meine Wege im Raum verbrauche. Darüber hinaus werde ich den Raum und alle darin befindlichen möglichen Wege neu vermessen, in Krabbelschritten, was eine neue Aufgabe für mich hier drinnen darstellt.
Ich habe versucht, mehr über meine Vergangenheit, vor dem Beginn der Flucht, zu schreiben, zumindest mich in Gedanken ihr ausführlicher hinzugeben, aber irgendetwas in mir drinnen sträubt sich gegen diesen Versuch. Stattdessen rufe ich mir ständig Nane ins Gedächtnis. Ja, es sind viele sexuelle Phantasien. Mit Sex verbrachten wir den Großteil unserer gemeinsamen Zeit. Immer wieder frage ich mich jetzt, wie Nane das ausgehalten hat, neben ihrem Beruf als Prostituierte täglich Sex mit mir zu haben? Aber nicht ein einziges Mal hat sie nicht gewollt, im Gegenteil, blieb der Sex für sie bei jedem Besuch eine unverzichtbare Angelegenheit. Schmerzen und wunde Stellen an der Scheide oder sonst wo, hatten sie nie abgehalten. Gegebenenfalls wechselte sie mal die Stellung, oder das Loch, wenn sie Schmerzen verspürte.
»Wechsel, Veränderung, du bräuchtest langsam Veränderung hier drinnen, denke doch mal da dran.«
»Nicht mit dir selbst sprechen wolltest du!
Außerdem pisst du eh ins Waschbecken und krabbelst auf allen vieren, du hast dich ja schon verändert.«
Zunehmend weniger motiviere ich mich zu Übungen an den Geräten, stattdessen stehe ich öfters vor dem Spiegel und spreche mit mir, oder denke mit mir selbst. Manchmal weiß ich nach einem Gedanken oder Wortwechsel in mir drinnen schon kurz danach nicht mehr, ob ich etwas aussprach oder bei mir ließ. Niemand mischt sich ein, alleine bin ich hier drinnen. Trotzdem ermahne ich mich sofort, sobald ich ein Selbstgespräch registriert habe, dieses zu unterlassen.
In der Legion trainierten wir Situationen wie meine in diesem Raum, nicht in derselben Ausgereiftheit und einem realen Ausmaß wie hier drinnen, aber wir trainierten so etwas. Unter anderem bestanden solche Übungen darin, auf einen Baum zu klettern, mit drei Litern Wasser und ein wenig Obst im Gepäck und erst wieder runter zu kommen, wenn der Befehl so lautete. Manchmal saß ich dann einige Tage auf einem Baum, schlief dort oben. Um mich vor dem Abstürzen zu sichern, war ich auf mich und meine Möglichkeiten auf dem Baum gestellt. Als Halteschnur verwendete ich Kleidungsstücke, welche ich immer am Bein festband und am anderen Ende um einen Ast des Baumes. Die von der Kleidung befreiten Körperteile kühlten schnell aus und in Intervallen von dreißig bis vierzig Minuten entknotete ich die provisorische Halterung wieder, um ein anderes Körperteil zu entblößen. Der Schlafrhythmus passte sich diesen Intervallen des Umkleidens an. Es passierte, dass wenn ich nach mehreren Tagen wieder herunter befehligt wurde, ich unten einen Sack mit frischem Wasser und Obst bekam und anschließend weitere Tage am Baum zu verbringen hatte.
