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Liebe, Land und Lammkarrees »Der Waldmeister« ist das hinreißende Porträt eines besessenen Gourmets und seines unfreiwilligen Neuanfangs als Koch in der brandenburgischen Provinz. Böhmische Fleckensuppe, farcierter Hecht, Hirschgulasch: Jens Sparschuh lädt zu einer kulinarischen Zeitreise, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt und Wunder wirkt. Jahrzehntelang hat Odo Weingaertner als Gastrokritiker für das Berliner City Radio gearbeitet. Jetzt geht er in Rente. Und ausgerechnet seine letzte Kritik über das LandgasthausZur Dubrower Mühle führt zum Eklat. Inhaberin Senta Woitschke bezichtigt ihn der Lüge. Odo fährt zu ihr, um die Angelegenheit zu klären. Die Sache scheint gegessen. Da ahnt Odo noch nicht, dass ihn sein Weg schon bald wieder zur Mühle führen wird, allerdings nicht als Gast, sondern als Koch. Der Start in der kulinarischen Ödnis verläuft holprig. Doch mit den wiederentdeckten Rezepten seiner sächsischen Oma Tilda gelingt es Odo, die schwer verdauliche Provinzküche aufzumischen. Und sogar mit Senta versteht er sich besser – ehe sich ein Schatten über die Mühle legt und Odos neues Leben infrage stellt.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2026
Jens Sparschuh
Roman
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Titelseite
Über Jens Sparschuh
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hinweise zur Darstellung dieses E-Books
zur Kurzübersicht
Jens Sparschuh, geboren 1955 in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt), studierte von 1973 bis 1978 Philosophie und Logik in Leningrad. 1983 promovierte er in Berlin, seitdem arbeitet er freiberuflich. Sein Werk erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. Daneben veröffentlichte er eine Vielzahl von Hörspielen und Kinderbüchern. 1989 erhielt er den Hörspielpreis der Kriegsblinden, 2018 den Prix Chronos und 2019 den Günter-Grass-Preis.
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»Der Waldmeister« ist das hinreißende Porträt eines besessenen Gourmets und seines unfreiwilligen Neuanfangs als Koch in der brandenburgischen Provinz. Böhmische Fleckensuppe, farcierter Hecht, Hirschgulasch: Jens Sparschuh lädt zu einer kulinarischen Zeitreise, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt und Wunder wirkt.
Jahrzehntelang hat Odo Weingaertner als Gastrokritiker für das Berliner City Radio gearbeitet. Jetzt geht er in Rente. Und ausgerechnet seine letzte Kritik über das Landgasthaus Zur Dubrower Mühle führt zum Eklat. Inhaberin Senta Woitschke bezichtigt ihn der Lüge. Odo fährt zu ihr, um die Angelegenheit zu klären. Die Sache scheint gegessen. Da ahnt Odo noch nicht, dass ihn sein Weg schon bald wieder zur Mühle führen wird, allerdings nicht als Gast, sondern als Koch.
Der Start in der kulinarischen Ödnis verläuft holprig. Doch mit den wiederentdeckten Rezepten seiner sächsischen Oma Tilda gelingt es Odo, die schwer verdauliche Provinzküche aufzumischen. Und sogar mit Senta versteht er sich besser – ehe sich ein Schatten über die Mühle legt und Odos neues Leben infrage stellt.
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Kosmos Design, Münster
Covermotiv: © Kosmos Design × Midjourney
ISBN978-3-462-31261-4
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Widmung
Letzter Tag
Alles auf Anfang
Eine offene Rechnung
Auf Messers Schneide
Altes Haus
Ins Mark der Mark!
Auf Egotrip im Hühnerstall
Weihnacht im Wilden Westen
Der Brandenburger Tor. Ein Fragment
Weingaertner gibt den Löffel ab
»Über Land und über Leute«
Bis hierher und – wie weiter?
Epilog, doch kein Ende in Sicht
für Dich
Langsam, die Hand am Geländer, steigt Weingaertner die Stufen hoch, insgesamt sind es acht, deshalb hat er, wie immer, mit links angefangen, sonst würde dieser Morgen, wenn Weingaertner dann oben ist, gleich auf dem falschen Fuß beginnen, und das geht nicht, das wäre ein miserabler Start heute und auch ein fataler Abgang; schließlich, wie schon gesagt: sein letzter Tag.
Geschafft. – Mit der linken Hand drückt er die Klinke herunter, gleichzeitig stemmt er mit der rechten Schulter die Tür auf, zumindest so weit, dass er sich nicht hindurchquetschen muss, sondern einigermaßen gesittet, also aufrecht und erhobenen Hauptes, das dunkelrote Klinkergebäude des Funkhauses betreten kann. Es ist Teil einer ehemaligen Fabrikanlage am rußschwarzen, steinernen Ufer der Spree, die hier im alten Industriegebiet Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einer Art Kanal begradigt worden ist.
Schwer fällt die hohe Eingangstür hinter Weingaertner ins Schloss.
In den letzten Jahren, so scheint es ihm, ist sie immer abweisender, immer schwerer geworden; er weiß auch nicht, woran das liegt. Das kann ihm aber jetzt egal sein – und in Zukunft sowieso.
Er nickt Richtung Pförtnerloge, hält pro forma seinen Hausausweis hoch. Der Pförtner schaut kurz von seinem Mobiltelefon auf, nickt mit freundlicher Gleichgültigkeit zurück und lässt ihn passieren. Nach über dreißig Jahren bei City-Radio könnte Weingaertner wahrscheinlich genauso gut auch ein BVG-Ticket vorzeigen, den Einkaufszettel von gestern oder einfach nur die Hand lässig zum Gruß heben.
Den langen Säulengang hinunter zum Nordflügel, wo sich der Studiotrakt befindet, vorbei an den altvertrauten Türen.
Weingaertner sieht auf die Uhr: viel zu früh.
Er könnte bei Hanno in der »Sportredaktion« vorbeischauen.
Oder, nein, besser noch, bei Regina, »Regionales«, seiner Freundin, bei der es, egal, wann man kommt, immer einen frischgebrühten Kaffee gibt und – mindestens ebenso brühwarm – den allerneuesten Klatsch aus dem Funkhaus.
Im Unterschied zu Weingaertner, dem »festen freien Mitarbeiter«, ist Regina nicht frei, sondern fest beim Sender angestellt, das heißt: Sie kennt sich in den Interna bestens aus. Aber was soll er ihr schon sagen?
Was ihm übrigens in den letzten Jahren immer seltener gelungen war, heute früh hat es auf Anhieb geklappt: einen Parkplatz direkt vor dem Funkhaus zu finden. Deswegen ist er auch überpünktlich. Wahrscheinlich ein Wink des Schicksals, es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Und das Fluchtauto steht ja dann auch schon bereit.
Die Tür zur Regie 2 ist offen.
Rebecca hat Dienst.
Na schön, denkt er – beziehungsweise: na ja, eher nicht so schön; doch das kann er sich nicht aussuchen.
Im Moment ist sie noch beschäftigt. Mit beiden Händen betätigt sie die Regler, fährt sie gefühlvoll am Mischpult hoch, manchmal auch abrupt herunter. Sie sitzt unter großen Kopfhörern, und ihr kleiner, schlanker Oberkörper wippt dabei vor und zurück. Da will er nicht stören.
Er bleibt also draußen, auf dem künstlich beleuchteten Gang, versenkt sich in einen der beiden durchgesessenen schwarzen Schalensessel, die früher, in den 1970er Jahren, sicher mal topmodern gewesen waren und nun das Zentrum einer grau eingestäubten Grünpflanzenoase bilden – und er vertieft sich noch einmal in seine Papiere.
»Liebe Hörerinnen und Hörer von Aufgespießt, dem wöchentlichen Gastro-Magazin! Heute führt uns unsere kritische kulinarische Erkundungstour in das traditionsreiche märkische Landgasthaus Zur Dubrower Mühle. Von Berlin aus auf der A 12 … bli-bla-blu.«
Gut, denkt Weingaertner, das klappt.
Er macht noch ein bisschen Mundgymnastik, damit sein Beitrag ihm nachher flüssig von den Lippen kommt: »Brautkleid bleibt Brautkleid. Blaukraut bleibt Blaukraut. Zähne, Szene, Uschis Zähne, Uschis Sushi, UschisSushiUschiii …«
»Alles okay bei Ihnen?« Rebecca, die auf einmal neben ihm steht, schaut ihn skeptisch von oben herab an.
Weingaertner nickt: »Ja.«
»Na prima«, sagt Rebecca, »ich bin dann auch so weit.«
Er erhebt sich und überreicht ihr zum Gegenlesen eine Kopie seines Textes, dann begibt er sich ins schalltote Aufnahmestudio und breitet seine Papiere so auf dem grünen Filz des Tisches aus, dass er alles im Blick hat und nicht zweimal umblättern muss; das erspart zweimal Rascheln und zweimal Schneiden. Desto eher sind sie dann auch fertig. Er setzt sich hin und stülpt die schwarzen Studio-Kopfhörer über.
»Hallo«, sagt Rebecca, deren blasses Gesicht hinter der Scheibe in der Regie erscheint, »meinetwegen können wir dann. Tonprobe bitte erst mal.«
Weingaertner hustet sich kurz, aber energisch frei, die Studiolampe leuchtet, er sieht rot, er nickt – und los geht es: »Liebe Hörerinnen und Hörer von Aufgespießt, dem wöchentlichen Gastro-Magazin!«
Er sucht Blickkontakt zu Rebecca, doch die schaut gerade auf Monitor drei. Im nächsten Anlauf versucht er es zur Abwechslung etwas verhaltener, immerhin ist das seine letzte Sendung: »Liebe Hörerinnen und Hörer von Aufgespießt, dem wöchentlichen Gastro-Magazin.«
»Ja, so ist gut, die zweite«, hat er Rebeccas Stimme im Ohr. »Vielleicht noch eine Idee näher ans Mikro.«
Weingaertner beugt sich also nach vorn, und jetzt geht es richtig los.
»Liebe Hörerinnen und Hörer von Aufgespießt, dem wöchentlichen Gastro-Magazin. Heute führt uns unsere kritische kulinarische Erkundungstour in das traditionsreiche märkische Landgasthaus Zur Dubrower Mühle. Von Berlin aus kommend, auf der A 12 Richtung Frankfurt an der Oder, nehmen wir die Abfahrt Dubrow und fahren auf einer romantischen Chaussee nach Süden. Prächtige Laubbäume stehen Spalier. Schon nach wenigen Kilometern sehen wir links eine historische Bockwindmühle und, wenig später, das Hinweisschild des Restaurants. Dem folgen wir und biegen in den Kiefernwald ab, wo uns eine einspurige Asphaltstraße schon nach einigen hundert Metern direkt zu unserem heutigen Tagesziel führt. Blau schimmert durch die Bäume der Dubrower See …«
Bei diesem schwungvollen Auftakt kommt er richtig in Fahrt, es geht gut, Satz für Satz, weiter. Fast wird er ein bisschen leichtsinnig: Inzwischen sitzt er schon am Tisch und bedenkt in einem Halbsatz den schönen Seeblick, den man von der Gaststube aus hat.
Gerade hat er die Suppe des Tages oder wohl eher, wie er launig angemerkt hat, eine »Suppe der Woche« (»wenn nicht sogar eine des Monats«!), mit dem kühlen Hinweis »leider nur knapp oberhalb der Raumtemperatur« abgefertigt, da kommt auch schon der Hauptgang.
Weingaertner sammelt sich und beginnt mit seinem diesbezüglichen Kommentar, der allerdings ziemlich bissig ausfällt.
Das Rotlicht geht aus, und er hat Rebeccas Stimme im Kopfhörer: »Können wir den letzten Satz bitte noch mal?«
»Wo bitte genau?«
»Bei dem … ›in Zitronenbutter gebratenen Saibling‹. Da haben Sie in ›gebratenen‹ die Endung verschluckt.«
Weingaertner schluckt. Na ja, denkt er, besser als eine Gräte.
»Den ganzen letzten Absatz bitte noch mal, da kann ich nachher leichter schneiden. – Danke.«
Weingaertner fragt sich, wieso Rebecca das »Danke« immer auf der zweiten Silbe betont, das klingt so schnippisch, so von oben herab; aber da geht das Rotlicht schon wieder an, und er liest noch einmal. Diesmal klappt es anstandslos, er schmeckt jedes einzelne Wort nach. Und – weiter im Text.
»Über das fehlende Fischbesteck kann man vielleicht noch hinwegsehen, nicht jedoch darüber, dass der – übrigens ausgesprochen frische – Saibling leider den simplen Gabeltest nicht bestanden hat: Also: außen dunkel, fast schon schwarz, innen aber noch rosig. Das Fischfleisch jedenfalls ließ sich nicht rückstandslos von den Gräten trennen. Ganz großes Manko an dieser Stelle – und: schade um den schönen Saibling.«
Beim nächsten Absatz gibt es, wie Rebecca das nennt, ein »Blubbern«. Weingaertner hat zwar keine Ahnung, was sie da blubbern gehört haben will, aber folgsam wiederholt er auch diese Passage. Gleich wird er durch sein, das rettende Ende der dritten Seite ist schon in Sichtweite.
Als kurz darauf erneut das rote Studiolicht ausgeht, weil Rebecca in seiner vorläufigen Schlussbewertung des Menüs, und zwar bei der »Wurstgulaschsuppe, die sich fälschlicherweise auf den Tisch verirrt hat«, anderthalb kleine Schmatzer bemängelt, sieht Weingaertner das ganze Elend wieder deutlich vor sich: dieses hochstaplerisch als »Soljanka« etikettierte lauwarme rote Etwas, das ihm in der Dubrower Mühle serviert worden war.
Seine Lippen kräuseln sich, es schüttelt ihn, und er schüttelt den Kopf.
»Rebecca«, und das Folgende sagt er in aller Entschiedenheit, »unmöglich! Da kann es unmöglich einen Schmatzer gegeben haben. Das ist in diesem Fall völlig ausgeschlossen.«
Rebecca zuckt die Schultern: »Okay, wenn Sie es sagen, meinetwegen, dann lassen wir es eben so. Mir ist es egal. Jetzt nur noch den Abgesang, und wir sind durch. Ich spiele Ihnen gleich mal die Trommeln ein, dass Sie besser reinkommen.«
Aufgespießt hat eine Skala von eins bis fünf. Die jeweilige Bewertung wird nach einem anschwellenden Trommelwirbel und einer kurzen Pause von zwei Sekunden vergeben.
Bei der Höchstpunktzahl von fünf sagt eine Frauenstimme mit französischem Akzent »Bon appétit«, und Gläser klirren. Bei null Punkten zersplittert effektvoll Geschirr am Boden, worauf Klaus-Werner, der ehemalige, etwas divenhafte Morgenmoderator von City-Radio Berlin, den Weingaertner nach einem langen, eindringlich geführten Telefonat exklusiv für diese kurze Ansage hatte gewinnen können, mit trockener Nachrichtensprecherstimme das vernichtende Gesamturteil verkündet: »Da haben wir den Salat!«
Im heutigen Fall wird Weingaertner nur einen einzigen Punkt vergeben, das heißt: Nach dem Trommelwirbel und zwei Sekunden Pause hört man, wie in wortloser Entrüstung ein Besteck abgelegt wird. Und dann folgt Weingaertners abschließende Ein-Satz-Begründung, die er sich genüsslich auf der Zunge zergehen lässt.
»Hier vergebe ich … einen Punkt, und den auch nur dafür, dass die Chefin des Hauses uns höchstpersönlich so nett bedient hat. – Liebe Hörerinnen und Hörer: Das war Aufgespießt, und aufgepasst für Sie hat wie immer Ihr Odo Weingaertner.«
Das Licht geht aus, Weingaertner schließt kurz die Augen, Schluss.
Er nimmt seine Blätter und geht hinüber in die Regie, wo jetzt alles zusammengemixt werden muss, so dass am Ende das entsteht, was unter die Honorarklausel »gebauter Beitrag« fällt und am Sonnabend im Vormittagsprogramm über den Sender geht, das heißt: Sein soeben gelesener Text wird nun noch abgemischt mit ein paar vor Ort aufgenommenen atmosphärischen O-…
»Oh, Mensch, Rebecca, verdammt: die O-Töne! Haben Sie überhaupt meine Mail bekommen?«
»Klar doch, hat mir der Chef gestern weitergeleitet.«
Bei dieser, seiner letzten Tour für Aufgespießt war ihm tatsächlich ein unverzeihlicher Anfängerfehler passiert: Er war mit leerem Akku losgefahren und hatte, natürlich, auch kein Ladekabel dabeigehabt. Zurück in Berlin: sofort Anruf in der Abteilung Studiotechnik/Produktion. Dort war er aber nicht durchgekommen und hatte daraufhin unverzüglich eine Mail geschrieben, dass er dringend noch ein paar O-Töne aus der Konserve brauche.
Rebecca rollt auf ihrem Stuhl nach links.
»Alles gut, Herr Weingaertner. Also, damit wir jetzt nicht völlig auf dem Trockenen sitzen – einmal habe ich hier: ›Seegeräusch‹, das würde ich dezent bei Ihrer Anfahrt unterlegen und danach, also bei Ihrer Ankunft, einen Moment lang voll stehenlassen. Und dann noch: ›Gastraum-Atmo.‹. Die käme beim Hauptgericht, kurz vor der Schlussbewertung. Das hatten Sie zwar schon mal, aber …«
Weingaertner nickt nachdenklich.
»Wollen Sie da kurz noch mal reinhören.«
»Ja, bitte. – Danke.«
Rebecca hat das Entsprechende bereits auf einer Spur des Mischpultes abgelegt, und jetzt hören sie sich also gemeinsam an, wie Wellen schwappen, Frösche quaken und ein Ruderboot an einem unsichtbaren Holzsteg anschlägt. Danach gibt es 24 Sekunden Restaurantinnen-Atmosphäre: Geschirr- und Besteckklappern, Gläserklirren, gedämpfte, aber lebhafte Gespräche.
Weingaertner war zwar an diesem Tag bis auf einen korpulenten Mann, dessen blaurot gesprenkeltes Gesicht ihn an ein Spätwerk van Goghs erinnert hatte und der breitbeinig und unbeweglich unter dem imposanten Geweih eines Zwölfenders am Stammtisch zum Sitzen gekommen war (wo er rund um die Uhr das vor ihm aufgestellte Metallschildchen »Hier sitzen die, die immer hier sitzen!« zu bewachen schien), der einzige Gast gewesen – aber gut, dieser Originalton war einigermaßen neutral und problemlos wiederverwendbar.
Er erinnert sich sogar wieder daran, wo er diesen O-Ton vor ein paar Jahren aufgenommen hat: in diesem neueröffneten, vorbildlich schnörkellos, fast spartanisch eingerichteten thailändischen Restaurant in Charlottenburg.
Unter einer raumhohen Bambuspflanze hatte er dort gesessen. Deren Blätter waren vom Windhauch eines unsichtbaren Ventilators permanent in sanfter, geheimnisvoll raschelnder Bewegung gehalten worden – weit weg von Berlin hatte er sich da gefühlt, am weißen Strand von Koh Samui, und, ohne lange zu überlegen, glatte fünf Punkte vergeben.
War das nun wegen dieser dezent mit Ingwer abgeschmeckten und mit Erdnusssplittern und Chilistreifen angerichteten Zitronengras-Hühnersuppe gewesen? Oder, mhhh?, nicht vielleicht doch eher wegen dieses einzigartigen, mit grobgehacktem Koriander überstreuselten Süßkartoffel-Currys, das zwar nur als Beilage serviert worden war, bei ihm aber durchaus auch als Hauptgericht durchgegangen wäre?
Moment, nein, jetzt hat er es: wahrscheinlich vor allem wegen dieses so unglaublich zart in Kokosmilch geschmorten Rindfleischs, versehen mit einem Dufthauch von Zimt …
Weingaertner hat sich hinter Rebecca gestellt, so dass er über ihre Schulter auf den Monitor blicken kann, er beugt sich nach vorn – draufgängerisch steigt ihm ihr Parfüm in die Nase. Konsterniert atmet er aus und tritt dezent ein Schrittchen zurück.
Auf dem großen Bildschirm sieht er das gezackte weiße Gebirgsmassiv seiner Stimme, auch einzelne Ausreißer sind zu erkennen, das sind seine aus tiefen, stillen Schluchten steil aufragenden Schnaufer oder Atmer, und dazwischen: als weite, verschwiegene Täler – seine Pausen.
Routiniert werden Letztere von Rebecca entfernt, woraufhin sich die verschiedenen, weit auseinanderliegenden Gebirgszüge seiner Stimme tektonisch immer mehr und immer dichter zu einem einzigen akustischen Himalaja zusammenschieben.
Heute aber hat er den Eindruck, dass sie besonders viel wegschneidet.
»Hört sich das nicht komisch an?«, fragt er irritiert.
»Was jetzt?«
»Na, wenn Sie wirklich jede Pause und jeden einzelnen Atmer rausschneiden, ich meine: Es kann doch kein Mensch fünf Minuten überleben, ohne zu atmen – und dabei noch pausenlos reden. Das ist doch, also …«
Statt ihm eine Antwort zu geben, blickt Rebecca nur kurz hinüber auf die digitale Zeitanzeige. Sie sind jetzt bei 5:43, das absolute Maximum ist aber 5:15. Sie muss also noch fast eine halbe Minute herausholen. Und wie durch ein Wunder gelingt ihr das auch.
Sie sind fertig. Jetzt kommt nur noch das gemeinsame Abhören, doch Rebecca greift zum Telefonhörer, nach einem kurzen Moment sagt sie: »Ja, okay.«
Verwundert schaut Weingaertner sie an.
»Gleich«, sagt sie.
Dann passiert lange nichts.
Weingaertner rafft entschlossen seine Papiere zusammen und verstaut sie in der blauen Mappe. Er schaut aus dem Fenster, obwohl da nur eine rostrote Brandmauer zu sehen ist, dann blickt er auf die Studiouhr und beschließt, dass er gleich noch bei Regina vorbeischauen wird.
Schwungvoll fliegt die Tür auf.
»Oh!«, sagt Weingaertner, »Frau Hellwig-...«
Er beißt sich auf die Zunge: Gewohnheitsmäßig will er sie immer noch mit Doppelnamen, »Hellwig-Brunner«, anreden, doch nach einer wüsten Silvesterparty vor ein paar Jahren hatte sie mit ihrem Ex-Mann, dem TV-Serien-Schauspieler und (ein Wort, bei dem sie seitdem stets angewidert unsichtbare Gänsefüßchen mitsprach) Charakterdarsteller Guido Brunner, auch ihren Doppelnamen abgelegt.
»Was für eine Ehre«, sagt Weingaertner – und da er merkt, dass das eventuell ironisch klingen könnte, fügt er rasch hinzu: »wirklich«.
Und wirklich: Frau Hellwig ist ja nicht irgendwer beim Sender, sondern Chefin der Haupt-Abteilung »Lifestyle«, in der neben Mode und Medien (hier insbesondere: Promiberichterstattung), Kultur und Kirche auch Weingaertners kleine Küchenecke untergebracht ist. Oder vielmehr: war.
»Ich bitte Sie, lieber Herr Weingaertner. Das ist ja nun heute wahrlich ein Anlass. Wie viele Jahre sind oder vielmehr … waren Sie eigentlich bei uns?«
»Bisschen mehr als dreißig.«
»Oh, da fehlen, glaube ich, ein paar.« Im nächsten Moment zieht sie einen Strauß roter Rosen hinter ihrem Rücken hervor.
»Danke«, sagt Weingaertner leise, und in diesem Moment ist er wirklich sehr gerührt.
Sein Wort, es zählte also doch!
Vor ein paar Jahren hatte er sich in seiner wöchentlichen Sendung dem Thema »Präsentkorb« gewidmet – dieser etwas aus der Zeit gefallenen, fragwürdigen Zusammenstellung größtenteils ungesunder Lebensmittel. Und wofür hatte er stattdessen im Zweifelsfall plädiert? Für einen großen Strauß Rosen, roter Rosen. Und genau so einen hält er jetzt feierlich in der Hand, bevor er ihn vorsichtig auf dem Studiotisch ablegt.
»Ja, da bin ich nun doch sehr gespannt.« Frau Hellwig zieht sich einen Stuhl heran und macht Rebecca mit dem Daumen ein Zeichen anzufangen.
»Liebe Hörerinnen und Hörer von Aufgespießt, dem wöchentlichen Gastro-Magazin …« kommt es nun aus den Studiolautsprechern – und Weingaertner kommt es inzwischen schon zu den Ohren heraus, er kann es eigentlich nicht mehr hören, doch das lässt er sich nicht anmerken –, Frau Hellwig hat sich bequem im Stuhl zurückgelehnt, sie verschränkt die Arme vor der dunkelblauen Kostümbrust und schließt, um besser hören zu können, für die nächsten fünf Minuten und fünfzehn Sekunden die Augen.
Nach dem Abspann ist feierliche Stille im Studio, so als müssten sich alle erst einmal von diesem Schnelldurchlauf erholen: Unter Rebeccas flinken Fingern ist aus Weingaertners gemächlich-genüsslicher Beschreibung tatsächlich ein nahezu atemloser Bericht geworden.
»Donnerwetter, da haben Sie aber ein tolles Tempo vorgelegt, Herr Weingaertner. So schnell macht Ihnen das keiner nach.«
»Ohne die Technik, Frau Hellwig, das wissen Sie«, Weingaertner schaut hinüber zum Mischpult, »wäre ich nichts.«
»Na, nun stapeln Sie mal bloß nicht zu tief, lieber Maéstro. Da merkt man schon noch den alten Profi. Sehr, sehr schön vor allem auch die O-Töne diesmal. Die geben toll die Atmosphäre dort wieder.«
Rebecca grinst den Monitor an.
»Frau Hellwig …«, beginnt Weingaertner mit gedämpfter Stimme, doch ehe er ihr erklären kann, dass es eine kleine Panne mit den O-Tönen gegeben hat, unterbricht ihn Rebecca, den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet: »Ja, finde ich auch, passt gut.«
»Schade bloß«, sagt Frau Hellwig zu ihm, »dass die Küche Sie diesmal so gar nicht überzeugt hat«, worauf Weingaertner nur die Schultern zuckt.
»Aber trotzdem, da war doch ganz schön was los da, das war ja rappelvoll. Die Leute scheinen es trotzdem irgendwie zu mögen.«
Weingaertner nickt und schließt die Augen: Er sieht den einsamen, stummen Stammgast vor sich.
»Ich sag’s ja«, sagt Frau Hellwig, »man unterschätzt die Mark Brandenburg immer wieder. Klar, da quaken romantisch ein paar Frösche, aber drinnen, das hörte sich ja richtig nach pulsierendem Leben, nach Großstadt, an.«
Weingaertner schluckt unauffällig.
Um endlich das Thema zu wechseln, fragt er, wie es denn nun, nach ihm, mit seiner Sendung weitergehe.
Frau Hellwig schweigt einen Moment, dann sieht sie ihn fest an und sagt klar und unmissverständlich: »Gar nicht.«
Weingaertners erster Reflex: Natürlich, ohne mich geht das gar nicht. Die können die Sendung ja nicht mit einem anderen weiterführen. Doch noch ehe erste leise Zweifel diese, seine feste Überzeugung erschüttern könnten, weil es in letzter Zeit eben doch nicht mehr so gut gelaufen ist und sie vielleicht deswegen die Sendung absetzen, unterbricht Frau Hellwig seine halbfertigen Gedanken.
»Aufgespießt und Odo Weingaertner, das ist untrennbar. Aufgespießt – sind Sie!«
Weingaertner lächelt matt – er fragt sich, ob das der Hellwig jetzt wirklich nicht aufgefallen ist, wie eindeutig zweideutig ihre letzte Bemerkung gewesen ist, oder ob das vielleicht sogar Absicht war?
Er blickt sich noch einmal im Studio um. »Was mich betrifft, von jetzt ab also … Funkstille!«
Rebecca guckt auf die Studiouhr, Frau Hellwig, die Brauen hochgezogen, schaut zur Seite.
»Da«, sagt Rebecca, sie greift nach den Rosen, »die bitte nicht vergessen!« Sie will endlich ihren Studiotisch wieder frei haben, draußen wartet bereits der nächste Termin.
Weingaertner nimmt die Blumen auf.
Versonnen klaubt er eine Rose aus dem Strauß und überreicht sie mit einem leisen »Dankeschön« Rebecca, die diese Geste mit einem amüsierten Lächeln quittiert.
Weingaertner hofft, dass Frau Hellwig den deutlichen Anflug von Spott darin nicht bemerkt hat.
Offenbar nicht, denn als sie draußen auf dem Gang stehen, wo bereits ein zerzauster Kollege aus der Kultur steht, sagt sie bewundernd zu ihm: »Kompliment, Sie sind wirklich noch alte Schule! – Und jetzt? Zum Ausgang?«
Weingaertner nickt. Sie haben also noch ein letztes Stück Weg gemeinsam.
»Kannten Sie drüben – also im nahen Osten, meine ich –«, will Frau Hellwig auf einmal von ihm wissen, »eigentlich unseren Friedrich Luft?«
»Aber klar kannten wir den.«
Luft, die stets atemlose Stimme der Kritik, war beim RIAS eine Instanz gewesen. Jeden Sonntag, kurz vor zwölf und dem Geläut der Freiheitsglocke, liefen seine Theaterkritiken über den Sender. Frau Hellwig und Weingaertner können sogar noch den Standardsatz auswendig aufsagen, mit dem er sich jedes Mal von seinen Hörern verabschiedet hat: Wie immer: gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle.
»Heute, Ihre Kolumne, die hat mich, von der Intensität und von der Dynamik her, unglaublich an den Friedrich … also an den … an Friedrich Luft eben, erinnert.«
Und während Frau Hellwig ihm nun von den Anfängen ihrer Radiokarriere beim RIAS und ihrer kurzen, aber intensiven Zusammenarbeit mit Luft erzählt, wird Weingaertner, der ihr nur mit halbem Ohr zuhört, Schritt für Schritt, immer nachdenklicher, weil ihm klar wird, weshalb das heute nicht nur sein letzter Tag im Sender gewesen ist, sondern auch das Ende von Aufgespießt.
In den letzten Jahren hatte es immer häufiger Auseinandersetzungen um seine kulinarische Kolumne gegeben.
So war in den sozialen Netzwerken bemängelt worden, dass er modernen Trends, der Molekularküche etwa, viel zu wenig Beachtung schenke; ebenso auch: dass er die neuerdings äußerst beliebte Fusionsküche, das Crossover verschiedener Esskulturen, in einer seiner Kolumnen einmal abfällig als »Konfusionsküche« bezeichnet habe und er, überhaupt, auf Grund seiner extrem traditionalistischen Herangehensweise Vorbehalte gegenüber einer umweltbewussten und hier speziell: einer streng veganen Ernährungsweise hege.
Dazu hatte vor allem eine Bemerkung in einer seiner diesbezüglichen Kolumnen beigetragen, nämlich: dass die Eckzähne des Menschen, auch »Hundezahn« genannt, Überbleibsel der Fangzähne von Raubtieren seien, der Mensch also keineswegs ausschließlich und von Natur aus ein »Grasfresser« sei.
Insbesondere diese letzte, als Verunglimpfung empfundene Bezeichnung war ein gefundenes Fressen für die Abgeordneten der streng veganen Fraktion gewesen. Seitdem hatte er immer darauf geachtet, eine klare Trennlinie zwischen vegetarisch (ja) und vegan (nein!) zu ziehen.
Zu alledem, so hatte ein gewisser Red Diabolo bei Facebook kritisiert, passe es auch »mega«, dass Weingaertner Ziele außerhalb Berlins grundsätzlich mit dem PKW ansteuere, ohne auf alternative – und übrigens sehr attraktive – Angebote des ÖPNV hinzuweisen.
Doch auch im Sender selbst hatte es Diskussionen gegeben.
Speziell an eine Sitzung im großen Sendesaal, an der auch die festen freien Mitarbeiter teilgenommen hatten und bei der es, wie so oft, um das Einsparungspotential bei City-Radio gegangen war, erinnert er sich.
Uwe vom Verkehrsfunk, dessen Erkennungszeichen kurzärmelige, knallbunte Hemden waren – und es noch immer sind, obwohl er inzwischen mit mehr als der zulässigen Höchstgeschwindigkeit die 60 ansteuert (seine Geheimratsecken können schon längst nicht mehr als geheim angesehen werden!) – und der bis zu diesem Tag Weingaertner eigentlich ganz sympathisch gewesen war, hatte damals die allgemeine Stimmung im Sender auf den Punkt gebracht.
»Ich sag mal so«, hatte Uwe gesagt, »ich stehe morgens früh um halb vier auf, damit wir die Leute in der Stadt gut durch den Morgenstau und einigermaßen pünktlich zur Arbeit bringen, so ist es doch. Und das Ganze immer schön mit aktuellen Blitzerhinweisen versehen, nicht wahr, damit man unsere Hörer da draußen nicht sinnlos zur Kasse bittet. Das ist der Service, den wir zu bieten haben und die Öffentlich-Rechtlichen hier in der Stadt eben nicht. Aber unsere Hörer, die, sag ich mal: früh um sechs, zur Arbeit fahren, die sehe ich einfach nicht spätabends in einem 3-Sterne-Nobel-Restaurant am Ku’damm sitzen.«
Und um seiner Aussage den gehörigen Nachdruck zu verleihen und für alle verständlich zu machen, hatte er das noch einmal laut und deutlich mit Volkes Stimme wiederholt: »Seh ick einfach nich!« Dann hatte er sich gesetzt und leise zu seiner Sitznachbarin gesagt: »Mich übrigens ooch nich, doch davon jetz mal janz abjesehen!«
Nach dieser Sitzung hatte Frau Hellwig, beziehungsweise: damals ja noch Frau Hellwig-Brunner, Weingaertner beiseitegenommen und ihn im Hinblick auf das Einsparungspotential darum gebeten, zukünftig doch etwas mehr die gesamte Bandbreite der Gastronomie in Berlin-Brandenburg im Blick zu haben.
»Sie sollen ja nicht gleich einen Döner-Buden-Check machen, das verlangt niemand von Ihnen«, hatte sie damals zu ihm gesagt, »aber Futtern wie bei Muttern, so was in der Art, das darf ruhig auch mal mit auf Ihrem Speiseplan stehen. Es muss ja nicht immer die ganz große, die ganz spektakuläre Sterne-Küche sein. Außerdem, Herr Weingaertner, das spart uns enorm Spesen. Und, na, Sie wissen ja …«
Zwischen Daumen und Zeigefinger hatte sie nicht vorhandenes Geld gerieben.
Als er sie daraufhin nur ungläubig angeschaut hatte, hatte sie noch hinzugefügt: »Ich meine, Sie sind doch für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung, nicht wahr? Und, lassen wir ruhig mal die Spesen beiseite, das ist und das muss doch auch immer unser journalistisches Credo sein: eine abwechslungsreiche und ausgewogene Berichterstattung, die die Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt abbildet.«
Allerdings, es war nur bei vereinzelten, sporadischen Vorstößen in diese Richtung geblieben, weit war er da nicht gekommen: In diesem Segment landete man, zumal in der Region Berlin-Brandenburg, dann doch unweigerlich bei Currywurst und Co., über die im kulinarischen Sinne nicht viel zu berichten war.
Einmal hatte er sogar eine stadtbekannte Dönerbude in Neukölln besucht.
Eindringlich hatte er in seiner Kolumne beschrieben, wie ihn schon von Weitem eine befremdliche Duftkombination aus Zwiebel und Knoblauch angelockt und zugleich abgestoßen hatte. Verstört hatte er beobachtet, wie schamlos die Münder sich geöffnet hatten, wie gierig die Zähne sich im Fast Food verbissen hatten und wie die schmierig weiße Soße über Lippen, Kinn und auch Kleidung getrieft war, wo sie mit einer Serviette, die aussah wie ein Stück Klopapier, abgewischt worden war; die Menschen hatten bei dieser Art der Nahrungsaufnahme nicht glücklich ausgesehen, im Gegenteil.
Ursprünglich hatte seine Ein-Satz-Schlussbewertung deshalb lauten sollen: »Leute, die auf der Straße Fast Food essen, sehen so aus, als würden sie in aller Öffentlichkeit ihre Notdurft verrichten«; er hatte das dann zwar etwas abgemildert, dennoch, es war bei einem niederschmetternden Resümee geblieben.
Die Hellwig hatte das notgedrungen so geschluckt, sie war dann nicht mehr auf dieses Thema zurückgekommen.
Und Weingaertner? Hatte immerhin versucht, nach seinem neuen Einsparungs-Abc (zum Beispiel: unter A wie Alkohol) die Spesenkosten zu minimieren. Etwa indem er, wenn er dann doch wieder in einem der Spitzenrestaurants gelandet war, auf die plumpe Fangfrage »Darf es bei Ihnen denn schon mal was zu trinken sein?« nicht mehr hereingefallen war. Die Weinkarte, die man ihm bei dieser Gelegenheit eilfertig untergejubelt hatte, hatte er keines Blickes gewürdigt. Getränke, das bedeutete: für wenig Aufwand große Einnahmen; eine einfache Rechnung, durch die er einen Strich machte, indem er sagte: »Nein, danke. Ich schaue zunächst erst einmal, was ich essen will, und wähle dann – passend dazu! – das Getränk aus.«
Dabei wusste er natürlich von vornherein, was am besten passen würde: Wasser. Allerdings, seit er mal gesehen hatte, dass das Glas mit dem »stillen« Wasser einfach nur unter dem Hahn abgefüllt worden war, dann doch vorsichtshalber medium. Das brachte die Geschmacksknospen auf seiner Zunge nicht nur am wenigsten durcheinander, es belebte sie sogar sanft perlend und ließ sie erwartungsvoll aufblühen.
Auf diese Weise war es ihm tatsächlich gelungen, die Spesen einigermaßen im Rahmen zu halten. Die Hellwig hatte das akzeptiert, und so waren sie über die Jahre gekommen.
Doch nun, an diesem letzten Vormittag hier im Funkhaus, trennen sich ihre Wege – unwiderruflich. Während Frau Hellwig Richtung Chefredaktion abbiegt, strebt Weingaertner dem Säulengang Richtung Ausgang zu.
»Na dann«, sagt Frau Hellwig, »alles Gute.«
»Danke.«
»Wissen Sie denn schon, wie es bei Ihnen weitergeht?«
Weingaertner überlegt kurz, dann nickt er, natürlich weiß er das: Jetzt geht es gleich weiter zu Regina, von der er sich noch verabschieden muss; er geht los.
»Ich hoffe, Sie halten City-Radio auch weiterhin die Treue«, ruft ihm Frau Hellwig hinterher – und Weingaertner, ohne sich umzudrehen, streckt den gespreizten Zeige- und den Mittelfinger seiner rechten Hand nach oben, was sie wahlweise für ein Victory-Zeichen (dass er es nun hinter sich hat) oder für einen ewigen Treueschwur halten kann.
»Danke noch mal für die Blumen«, ruft nun auch Weingaertner, er schaut sich um, doch da ist Frau Hellwig schon verschwunden.
Ein paar Schritte durch den Säulengang, dann klopft er an eine Tür, und als er Reginas gedämpfte Stimme (»Ja, bitte!«) hört, tritt er ein.
»Odo! Wie schön. Aber du – sag mal«, sagt sie erstaunt, »woher wusstest du das denn?«
»Was jetzt?«
»Na«, sie schaut auf die Blumen, »dass ich gestern Geburtstag hatte. Habe ich dir, glaube ich, nie erzählt.«
»Ich weiß alles«, sagt Weingaertner leise – und so, wie er das sagt, glaubt sie ihm das sofort.
Regina nickt erfreut.
»Und, Odo, wie geht’s?«
Doch statt wie üblich, auf die Frage »Wie geht’s?« mit »Wie stets« zu antworten, zuckt er diesmal nur die Schultern.
»Oh, musst du mir gleich erzählen, ja?«
Regina nimmt eine Vase aus dem Regal, entschuldigt sich und verschwindet kurz Richtung Damen-WC.
Weingaertner setzt sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch und schaut sich noch ein letztes Mal in ihrem kleinen Büro um. An der mit Fotos gespickten Pinnwand aus Kork sieht man Regina im Einsatz: unter großen Kopfhörern, in der Hand ein Mikro (mit einem flauschigen Windschutz versehen), das sie jemandem an einer windigen Straßenkreuzung unter die rote Nase hält; oder ganz vorn, in der ersten Reihe, bei der Siegerehrung eines Kiezsportfestes; dann als Reporterin in der Pächterversammlung einer Kleingartenanlage. Sei es, dass irgendwo in der Stadt eine Straße umbenannt wird, eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden muss oder sonst etwas: Regina, die kleine, drahtige Lokalreporterin mit dem feuerroten Mecki-Kurzhaarschnitt ist, wenn in den Bezirken etwas los ist, »immer vor Ort«.
Kennengelernt haben sie sich vor Jahren bei einer Weihnachtsfeier des Senders. Das Los der Tischkarten hatte sie nebeneinandergesetzt.
»Eigentlich«, das hatte sie nach längerem Schweigen nachdenklich zu ihm gesagt, »ist das völlig in Ordnung, dass wir hier nebeneinandersitzen. Sie sind ja im Grunde auch so was wie ich, Herr Weingaertner.«
Freundlich, aber verständnislos hatte er sie angeschaut.
»Na … Lokalreporter.«
Kichernd hatte sie ihr Glas geleert.
Weingaertner hatte schlucken müssen: Denn in erster Linie verstand er sich, weil er ja die oft zweifelhaften Ergebnisse der ihm servierten »Kochkunst« zu bewerten hatte, als »Kunstkritiker«. Trotzdem, irgendwann im dunklen Verlauf dieses Abends hatten sie eine Art Brüderschaft getrunken.
Als es noch später und noch dunkler geworden war und er seinen Arm vertraulich um ihre Schulter gelegt hatte, hatte Regina ihn verdutzt von der Seite angeschaut und gesagt: »Weißt du das nicht, Odo, ich stehe ja eigentlich eher auf Frauen«, woraufhin er – ohne zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch in der Lage gewesen zu sein, den Sinn ihrer Worte richtig zu verstehen – in ihr gerötetes Ohr geflüstert hatte: »Macht nichts, Regina, ich doch auch …«
Ihr lautes, freches Lachen, so dass es für einen Moment still im Raum geworden war. Da hatte er, weil ihm gar nichts anderes übriggeblieben war, einfach mitgelacht, so als hätte er eben einen unglaublich tollen Witz gerissen.
Das Ende dieser Weihnachtsfeier lag für ihn dann völlig im Dunkeln: Weit nach Mitternacht saß er im eisigen Wartehäuschen einer Bushaltestelle. Er wachte erst auf, als der Busfahrer mehrmals hupte. Die Tür ging schnaufend auf, und im Mief des warmen Busses wurde er durch die sternklare Nacht geschaukelt – in Richtung seiner Wohnung. Er stieg eine Station vorher aus. Die letzten paar hundert Meter ging er zu Fuß. Die kalte Luft machte ihn sofort nüchtern: nie wieder Weihnachtsfeier. Nie wieder …
Als er das nächste Mal, das war schon im neuen Jahr, im Funkhaus war, lief ihm, Zufall oder nicht, Regina über den Weg. Sie fragte ihn, wie er Weihnachten verbracht habe, er erzählte es ihr (Ente auf Orange, Fernsehen); dann erzählte sie ihm von ihrem Weihnachten, auch nichts Besonderes, ganz normal in Familie eben, mit Patricia. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag bei Patricias Eltern, zum Kaffee.
Seitdem auf der Weihnachtsfeier die Frage der »sexuellen Orientierung« geklärt worden war, waren die Grenzen zwischen ihnen also eindeutig gezogen. Fortan hatten sie eine bemerkenswert entspannte, eine gewissermaßen platonische Beziehung. Das machte alles viel einfacher, weil in ihrem Verhältnis die geheimnisvollen, unberechenbaren Gesetze der körperlichen Unterwelt vollständig außer Kraft gesetzt waren.
Einmal hatte er sie zum Essen einladen wollen.
Das war am Ende (also gegen drei viertel neun) jedoch daran gescheitert, dass Weingaertner, der Profi, überall und an allem etwas auszusetzen gehabt hatte: mal an der völlig einfallslosen Speisekarte, die keinerlei Saison zu kennen schien, mal am Fettwrasen, der periodisch in wabernden Schwaden aus der kleinen Küche gekommen war, mal an der Kellnerin, die, im Gegensatz dazu, überhaupt nicht gekommen war.
Schließlich hatte Regina ihn mit zu sich nach Hause genommen. Dort hatte er Patricia kennengelernt, die ihm sofort gefallen hatte – vielleicht auch deswegen, weil sie, zumindest an diesem Abend, keinerlei ernsthafte Kochambitionen zu haben schien, stattdessen aber lauter heiße Nummern in ihrem Handy hatte.
Wenig später war ihnen eine Pizza funghi mit Trüffeln vom Italiener ihres Vertrauens aus Charlottenburg geliefert worden, und Weingaertner, der zunächst skeptisch gewesen war, hatte zugeben müssen: ofenfrisch, knackig und – einfach konkurrenzlos gut.
Diese Einschätzung hatte sich übrigens zu hundert Prozent bestätigt, als er, inspiriert von diesem Abend in Reginas und Patricias Wohnküche, ein paar Wochen später in seiner Kolumne die üblichen Lieferservice-Dienste kritisch unter die Lupe genommen hatte.
Alle waren sie bei ihm durchgefallen, seine diesbezüglichen Erfahrungen hatte er zähneknirschend folgendermaßen zusammengefasst: »Wo, um Himmels willen!, steht eigentlich geschrieben, dass man lauwarme, zermatschte Tomaten aus der Dose, die auf einer Art Pappe serviert werden, als Nahrung zu sich nehmen soll?«
Als Regina nun mit der Vase zurückkommt und sie auf den Tisch stellt, sagt Weingaertner beiläufig: »Das ist heute übrigens mein letzter Tag im Sender. Ich wollte mich nur von dir verabschieden.«
»Oh, dann sind die wohl …« Entgeistert schaut Regina auf die Rosen, gerade hatte sie damit beginnen wollen, sie zu drapieren, jetzt hält sie inne.
»Doch, doch, keine Sorge, die sind für dich. Du warst mir mit Abstand immer die liebste Kollegin hier.«
»Na ja.«
Regina, die sonst immer eine flotte Bemerkung auf der Zunge hat, schweigt einen Moment verlegen. Doch dann lächelt sie: »Also, Odo, beruflich hatten wir ja nun eigentlich kaum was miteinander zu tun. Ich meine, du als … als Spitzenlokalreporter.«
»Vielleicht ja deswegen. Wer weiß.«
»Mh. – Aber sag mal: Wie geht es denn jetzt weiter bei dir? Wolltest du nicht immer ein Kochbuch schreiben?«
Stimmt, das hatte er oft gesagt. Eigentlich keine schlechte Idee. Doch nun, wo es keine Ausrede mehr gibt, kommen ihm Zweifel.
»Ich denke darüber nach, ja.«
»Odo«, das fällt Regina auf einmal ein, »willst du vielleicht noch einen Kaffee?«
»Du, lass mal, danke. Ich hab’s eilig, wirklich, jede Menge zu erledigen.«
»Klar.« Mitfühlend schaut sie ihn an, die Augenbrauen hochgezogen. »Mensch, du.«
Wirklich: höchste Zeit, dass er sich jetzt von ihr verabschiedet.
Aber nicht nur pro forma, Küsschen links, Küsschen rechts mit weggedrehten Köpfen und auf Abstand, nein: eine herzliche, eine innige Umarmung, Regina will ihn gar nicht mehr loslassen; kein Wunder, sie muss ja noch ein paar Jahre im Sender aushalten.
Dann verlässt er ihr Büro. Nun ist auch das geschafft. Er geht zum Ausgang.
Wenig später schließt sich die große, schwere Tür des Funkhauses hinter ihm – und dieses Kapitel geht zu Ende.
Das, was Weingaertners Tagen bisher eine innere Struktur und ihm selbst einen Halt gegeben hatte: die sinnvolle Einteilung der Arbeitswoche in Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter – bis hin zum krönenden Abschluss, dem Sonnabendvormittag, wenn seine kulinarische Kolumne über den Sender lief –, das alles würde es in Zukunft so nicht mehr geben.
Nachdem sein Undercover-Restaurantbesuch, den er üblicherweise auf den Sonnabend oder Sonntag gelegt hatte, absolviert war, waren Montag und Dienstag stets den Vorarbeiten und, später, der vollständigen Ausformulierung seines Kolumnentextes vorbehalten gewesen – sowie dem Sortieren der aufgenommenen O-Töne, damit er die dann im Studio sofort parat hatte. Der Mittwochabend aber war für das reserviert geblieben, was er das »Feinabschmecken« seines Textes nannte, inklusive einer ersten lauten Leseprobe, mit Stoppuhr. Aufnahmetermin für seine wöchentliche Sendung war am Donnerstag oder, in seltenen Ausnahmefällen, auch am Freitag im Funkhausstudio gewesen.
Damit also auch künftig die Woche mehr für ihn war als einfach nur eine Folge zufällig aneinandergereihter Tage, einer wie der andere, setzte er sich gleich am Sonntagabend hin (er hatte spartanisch zu Hause gegessen) und machte einen detaillierten Plan, zunächst einmal für die erste Woche neuer Zeitrechnung.
Für Montag setzte er auf die Agenda: Ordnung im Ablageschrank und auf dem Schreibtisch schaffen! Tabula rasa, das war eine Grundvoraussetzung – so wie beim Kochen: Mit angebrannten Töpfen, verklebten Pfannen oder einem rußschwarzen Grillrost sollte man gar nicht erst anfangen, da hatte man, bevor es überhaupt losging, schon verloren.
Erst wenn das erledigt sein würde, er veranschlagte dafür etwa zwei bis drei Tage, war die Frage Kochbuch (ja oder nein – oder gegebenenfalls, später?) zu klären. Zu diesem Zweck beschloss er, Marktforschung zu betreiben und im Laufe der Woche die Filiale einer Buchhandelskette im Stadtzentrum zu besuchen und, abhängig vom Ausgang dieser Visite, mit ersten konzeptionellen Überlegungen zu beginnen.
Als er am Montagmorgen den Schrank mit den Aktenordnern und Mappen öffnete, fiel ihm sein alter Lebenslauf vor die Füße – er war aus einem Umschlag mit persönlichen Dokumenten gerutscht. Das Blatt segelte, beziehungsweise: trudelte, in eigensinnigen Bögen zu Boden. Weingaertner bückte sich, las es auf und pustete die Staubflusen ab.
Er setzte sich in seinen Sessel, schlug die Beine übereinander und las den verblassten Text, er staunte: Wenn er das nicht alles selbst erlebt hätte …
Einigermaßen klar und unmissverständlich waren immerhin noch die Zeit- und Raumkoordinaten des Anfangs: »Geboren am 2. April 1956 in Berlin«.
Doch dann wurde es schon schwieriger.
Seine Mutter, Ingrid, »geb. 1929 in Dresden«, war zwar korrekt mit ihrem Beruf »HO-Fachverkäuferin« aufgeführt, was den Familienstand betraf, allerdings mit dem Vermerk »alleinstehend« versehen worden. Der dazugehörige Vater war und blieb eine Leerstelle in Weingaertners Lebenslauf – und auch in seinem Leben selbst.
Sein Erzeuger, wie er familienintern genannt wurde und an den Weingaertner lediglich undeutliche Erinnerungen hatte, weil er meistens unterwegs gewesen sein soll, war als Grenzgänger am 13. August 1961 zufällig (oder auch nicht) in Westberlin gewesen und nach dem Bau der Mauer nicht mehr in den Ostteil der Stadt zurückgekehrt; deshalb durfte der kleine Odo ihn auch nicht »Vater« nennen, weil er sich seiner offiziellen Vaterstelle ja durch Republikflucht entzogen hatte.
Wenn später im Staatsbürgerkundeunterricht die Rede vom »Frontstadtsumpf« Westberlin gewesen war, hatte Weingaertner seinen Erzeuger immer in einem riesigen Sumpf feststecken gesehen und, wenn er ehrlich war, wenig Mitleid mit ihm gehabt.
Mit einem Satz – und zwar dem folgenden – machte sein Lebenslauf gleich am Anfang einen großen Sprung von immerhin zehn Jahren: »Von September 1962 an besuchte ich die 2. Polytechnische Oberschule Berlin-Weißensee, wo ich 1972 die zehnte Klasse erfolgreich abschloss.«
Nachdem er aber den anschließenden Satz gelesen hatte »Daraufhin erfolgte eine dreijährige Berufsausbildung (Koch) mit Abitur«, hielt Weingaertner inne, nachdenklich ließ er das Blatt sinken.
Wie sollte ein Außenstehender diesen nächsten Schritt in seinem Lebenslauf verstehen können? Er ergab sich doch keineswegs aus dem Satz davor, denn mit dem erwähnten Schulabschluss hatte diese Entscheidung überhaupt nichts zu tun gehabt – und mit der Schulspeisung, mittags im Keller des klobigen, wilhelminischen Gründerzeitbaus Kelle für Kelle aus einem dunkelgrünen Essenskübel verabreicht (Lungenhaschee!), sicher am allerwenigsten.
Obwohl, auch hier gab es, wie überall, Ausnahmen: Verkehrsunfall, zum Beispiel, ließ er sich gerne schmecken – diese [34]leckere Mischung aus Blutwurst, Sauerkraut und Matschkartoffeln. Er zuckte nur jedes Mal zusammen, wenn jemand in der langen Schlange zur Essensausgabe den anderen, ebenfalls dafür geläufigen Begriff verwendete: Tote Oma.
Viel eher hätte er im Zusammenhang mit seiner Berufswahl also von seiner sächsischen Oma schreiben müssen: Gerade die sommerliche Auszeit von der Schule, die großen Ferien, die er bei ihr in Radebeul verbracht hatte, hatten ihn geprägt.
Großmutter Tilda war Köchin gewesen. Und von ihr hatte er bestimmt mehr für sein späteres Leben gelernt als in all den Jahren, die er im Klassenzimmer, Fensterreihe, ganz hinten, abgesessen hatte.
Er sah Tildas schmales, von wildem Wein überwuchertes Fachwerkhäuschen wieder vor sich, den kleinen gepflasterten Hof, die Hühner und den Stall. Morgens, wenn Odo noch im Bett lag und der Hahn krähte, hörte es sich so an, als würde Tilda ihn eigenhändig erwürgen.
Hinter dem Haus – ein paradiesischer Garten: mit Apfel- und Pflaumenbäumen, einer üppig sprießenden Kräuterecke, Gemüsebeeten und einem windschiefen, verwitterten Holzgestänge für Tomaten, Bohnen, Gurken, an dem auch ein Vogelhäuschen angebracht war.
Vom Hof aus ging es in den dunklen, vollgestellten Flur des Hauses und von dort direkt in die niedrige, verrußte Küche, wo Tilda, seine rundliche, etwas o-beinige Großmutter, in ihrer Kittelschürze am Herd stand und mit einem Schürhaken herumfuhrwerkte: Geschickt schob sie im Ofenloch die Holzscheite hin und her, so dass die Flammen hell aufloderten. Um beim Kochen die Hitze unter den Töpfen und Tiegeln (wie in Sachsen die Bratpfannen genannt wurden) zu regulieren, verwendete sie noch einen anderen Haken, mit dem sie die glühenden gusseisernen Herdringe entweder entfernte, so entstand direkte Hitze, oder sie wieder über das Feuer schob – indirekte Hitze.
Eines Morgens sah er Tilda von seinem Dachkammerfenster aus im rosaroten Nachthemd durch den taufrischen Garten schreiten, fortlaufend rieb sie sich die runzligen Hände und schien etwas vor sich hin zu murmeln. Eine Beschwörungsformel?
Da bemerkte sie ihn und winkte zu ihm herauf.
Beim Frühstück, es gab Spiegeleier auf Schwarzbrot, fragte sie ihn: »Warum, denkst du, ist bei mir das Gras immer so schön grün?«
Er wusste es nicht.
»Weil ich den Boden regelmäßig dünge. Mit zerriebenen Eierschalen, also mit Kalk. Du kannst es ja auch mal probieren.«
Gelegenheit dafür ergab sich gleich am nächsten Sonnabend, da buk Tilda ihren berühmten Stachelbeerkuchen, die Eierschalen lagen für ihn schon auf dem Fensterbrett bereit. Erst piekte es, als er sie zerbröselte, dann aber hatte er sie so weit zerrieben, dass sie als winzige weiße und braune Partikel oder Flocken ins Gras rieselten.
Nur: Seine Hände klebten danach ganz furchtbar. Wie sollte er das jemals wieder abbekommen?
»Du musst etwas Geduld haben, warte noch ein bisschen«, sagte Tilda zu ihm.
Und wirklich: Von einem Moment zum anderen waren seine Finger dann auf einmal so glatt und so samtig weich wie noch nie.
Tilda rief nach ihm, sie stand im Hof an der Pumpe.
Im Gleichmaß hob und senkte sie den grünen quietschenden Pumpenschwengel und achtete darauf, dass er sich jetzt gründlich, mit Kernseife, die Hände wusch.
Nach dem Abendessen saßen sie meistens noch in der sogenannten guten Stube. Auf dem Vertiko dort stand ein alter Radioapparat. Mit einem Plopp des Drehschalters wurde der furnierte Holzkasten jeden Abend von Tilda zum Leben erweckt. Ein ingrimmiges Brummen kündigte die nahende Betriebsbereitschaft an, die Röhren mussten aber erst noch warm laufen.
Zeit also für Odo, auf der erleuchteten Skala die schräg untereinander gestaffelten Stationsnamen zu lesen – London, Moskau, Oslo, Köln, Königsberg, Brünn, Paris – und sich vorzustellen, wie es dort wohl aussehen würde.
Endlich war es so weit: Smaragdgrün funkelte das magische Auge, es strahlte Odo an – sie waren auf Empfang.
Über dem Vertiko, auf dem das Radio stand, hing in einem prunkvollen Jugendstilrahmen das Porträt des rauschebärtigen Radebeuler Naturheilkundlers und Gesundheitsapostels Friedrich Eduard Bilz, den Tilda innig verehrte. Und daneben in einem schlichten Metallrahmen das Foto ihres früh verstorbenen Mannes, Albert, der seinerseits aber nur über einen schmalen Schnurbart verfügte und außerdem eine Halbglatze hatte.
In Radebeul erzählte man sich, dieser Dr. Bilz habe sommers wie winters auf seinem Balkon geschlafen, nackt, nur unter einer dünnen Decke. Über solch eine unglaubliche Kaltblütigkeit konnte Odo nur staunen.
Hinter der Glastür des Vertikos aber standen in zwei Reihen die Gesammelten Werke des anderen großen Radebeulers in ihrem charakteristischen dunklen Olivgrün mit dem goldenen Etikett auf dem Buchrücken; darauf standen der Name des Autors – Karl May – und der Titel des jeweiligen Bandes.
Hörten sie zusammen Radio, Nachrichten, Sport oder »Fröhliche Weisen« – Tilda hatte ihm eines Abends erklärt, dass es sich dabei aber nicht, wie er es zunächst vermutet hatte, um Waisenkinder handelte, sondern um Musikstücke –, wanderten Odos Blicke zwischen diesen beiden sächsischen Männern hin und her.
Dann aber senkte er den Blick und versank in Gedanken tief in Karl Mays ordentlich aufgereihte Wunderwelt.
Ohne Tildas Hilfe hätte er seine Koch-Abschlussprüfung an der Berufsschule wohl auch kaum so erfolgreich bestehen können.
Per Losentscheid war ihm als praktische Prüfungsaufgabe die Zubereitung einer Soljanka zugefallen. Aus dem hektografierten Unterrichtsmaterial machte er sich Stichpunkte zu ihrer Geschichte: Zunächst als »Seljanka« bezeichnet, was übersetzt ländliche Suppe hieß, wurde später aus ihr, ab dem neunzehnten Jahrhundert, wegen der reichlichen Verwendung von Salzprodukten, die »Soljanka«; »Sol«, so stand es in der Fußnote, war die Übersetzung von Salz. Er schrieb sich die Zutaten heraus und lernte das Rezept auswendig.
Ein Detail darin aber fand er so aufregend, dass er es vorab zu Hause schon mal übte, es betraf nicht mehr und nicht weniger als das alles entscheidende Salz in der Suppe.
Hier kam es nämlich keineswegs darauf an, Letzteres einfach nur in ausreichender Menge aus einer x-beliebigen Tüte in den Topf zu streuen, nein: Das Salz für die echte Soljanka musste auf eine raffinierte Weise überhaupt erst gewonnen – oder, genauer gesagt, zurückgewonnen – werden. Und zwar aus Salzgurken, die lange genug im Fass gelegen hatten und die nun, geschält und in kleine Würfel geschnitten, etwa eine halbe Stunde lang in Gemüsebrühe (notfalls ging auch Wasser) köchelten. Mit dieser Prozedur, die im Grunde gar nicht so aufwändig, sondern ziemlich simpel war, gelang es, aus ihnen den speziellen, lange gereiften Salzgurkensud zu extrahieren, der der Soljanka erst ihren ganz eigenen, so unverwechselbaren Geschmack gab.
Damit würde er die Prüfungskommission unbedingt überzeugen.
Das Fleisch für die zugrundeliegende Rinderbrühe, also Beinscheiben, ein Stück Tafelspitz und, falls vorrätig, auch ein paar Markknochen oder Ochsenschwanzstücke, würde er sich gegen eine Bescheinigung kostenlos aus der Küche der Berufsschule abholen können; ebenso das Suppengrün.
Kamen dann noch die Nierchen hinzu, die ihren bitter-säuerlichen Geschmack beisteuerten, würde das Ergebnis zweifellos allen Ansprüchen genügen.
Es schien so, als würde alles problemlos klappen können.
Die Nierchen gab es zwar nicht in der HO-Fleischerei um die Ecke, doch er konnte sie für Ende des Monats bei der Privatfleischerei Uhlig in der Hauptstraße bestellen.
Als er jedoch, gleich nebenan, im Gemüseladen und dann auch in verschiedenen Lebensmittelgeschäften, schließlich sogar in einem »Delikat«-Feinkostladen im Stadtzentrum, nach »schwarzen Oliven« fragte (das war der letzte, wie sich nun jedoch herausstellte, heikelste Posten in seiner Zutatenliste), bekam er, statt der Oliven, immer nur eines zu hören: »Ham-wa-nich!« Und einmal sogar ein »Ja, wo lebst du denn, Mensch?«.
Seine Mutter war damals gerade HO-Kaufhallenleiterin geworden, doch selbst in dieser Position konnte sie ihm nicht helfen. Eine ältere Verkäuferin, daraufhin befragt, erinnerte sich zwar dunkel daran, dass es schon mal Oliven gegeben hatte, und zwar aus Aserbaidschan, sie wusste sogar noch, dass die in kleinen Gläsern (350 Gramm) abgefüllt gewesen waren, doch das war Jahre her.
»Das kann doch nicht sein, dass es nirgendwo diese Oliven gibt!«, hatte seine Mutter gerufen, woraufhin die Verkäuferin, die weiter hoch konzentriert an ihrer Pyramide aus ungarischen Letscho-Dosen baute, leise gesagt hatte: »Klar gibt es die – im Westen.«
Das hatte ihm seine Mutter enttäuscht berichtet, als sie von der Arbeit gekommen war und sie zu Hause in der Küche gesessen und eine Krisensitzung abgehalten hatten. An diesem Abend hatte sie ihm auch von ihrem Gespräch in der HO-Kaderabteilung erzählt.
Dass sie als parteilose Verkäuferin überhaupt die verantwortungsvolle Stelle einer Kaufhallenleiterin bekommen hatte, hing neben ihrer beruflichen Qualifikation nicht zuletzt auch damit zusammen, dass sie jeglichen Kontakt zu »dem Weingaertner, republikflüchtig seit August 1961« abgebrochen habe. So war es ihr ausdrücklich und voller Anerkennung vom Kaderleiter gesagt worden, bevor es einen Blumenstrauß und abschließend einen festen, feuchten Händedruck gegeben hatte. Offenbar musste es also diesbezüglich eine Überwachung ihres Postverkehrs gegeben haben.
Selbst wenn man es in Anbetracht der besonderen Umstände gewollt hätte: Dieser Ausweg – also Odos Erzeuger – war versperrt.
Lange hatten sie damals geschwiegen.
»Herrgott noch mal, dann muss es eben ohne diese komischen Oliven gehen«, hatte seine Mutter schließlich zu ihm gesagt.
Odo hatte nur genickt. Dann war seine Mutter noch einmal losgegangen, denn es war Donnerstag, also der Tag, an dem sie immer mit Tilda telefonierte.
Das ging so: Von der Fernsprechzelle aus, die unten neben der Litfaßsäule stand, rief sie Tildas Nachbarin, Frau Polenz, an, die gegenüber, auf der anderen Seite der Dorfstraße, wohnte. Im Februar 45 war Frau Polenz verschüttet gewesen und hatte zwei Tage unter den Trümmern des Johannstädter Krankenhauses gelegen, sie besaß einen Schwerbeschädigtenausweis, deshalb hatte sie auch Anspruch auf einen Telefonanschluss.
Klingelte es also am Donnerstagabend bei Frau Polenz für Tilda, machte die das vereinbarte Zeichen in ihrem Wohnzimmer – denn sich auf Krücken über die Straße zu schleppen und Bescheid zu sagen, hätte viel zu lange gedauert, es war ja auch ein Ferngespräch, und jede Minute zählte –, das heißt: dreimal Licht aus, Licht an, woraufhin Tilda, die den Empfang dieses Signals bereits seit dem frühen Abend in ihrem Wohnzimmersessel erwartet hatte, unverzüglich ihre schwarz-grau karierte Ausgeh-Schürze anzog, die Straße überquerte und an den Apparat kam.
Worüber die beiden an diesem Abend gesprochen hatten, das sagte seine Mutter ihm damals nicht.
