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Thomas Manns Erzählung "Der Weg zum Friedhof" schildert das tragikomische Schicksal des heruntergekommenen Lobgott Piepsam, der von Verlusten und Alkohol gezeichnet, schwermütig zum Friedhof zieht. Sein Weg durch die Frühlingslandschaft wird zum Sinnbild seiner Resignation und Todesnähe. Doch plötzlich tritt ihm ein junger Radfahrer entgegen, voller Vitalität und Lebensfreude. Der Kontrast zwischen Piepsams gebrochener Existenz und der unbeschwerten Jugend des Radfahrers eskaliert in einem ohnmächtigen Aufbegehren, das in Piepsams Zusammenbruch endet. Mann verbindet psychologische Schärfe mit ironischem Erzählerkommentar und entwirft eine eindringliche Studie über Vergänglichkeit, Lebenslust und die Lächerlichkeit menschlicher Verzweiflung. Die Erzählung ist zugleich beklemmend und satirisch, ein Meisterstück über den unüberwindbaren Gegensatz von Tod und Leben, das den Leser gleichermaßen erschüttert und fasziniert.
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Seitenzahl: 16
Veröffentlichungsjahr: 2026
Der Weg zum Friedhof
An Arthur Holitscher
Der Weg zum Friedhof lief immer neben der Chaussee, immer an ihrer Seite hin, bis er sein Ziel erreicht hatte, nämlich den Friedhof. An seiner anderen Seite lagen anfänglich menschliche Wohnungen, Neubauten der Vorstadt, an denen zum Teil noch gearbeitet wurde; und dann kamen Felder. Was die Chaussee betraf, die von Bäumen, knorrigen Buchen gesetzten Alters flankiert wurde, so war sie zur Hälfte gepflastert, zur Hälfte war sie’s nicht. Aber der Weg zum Friedhof war leicht mit Kies bestreut, was ihm den Charakter eines angenehmen Fußpfades gab. Ein schmaler, trockener Graben, von Gras und Wiesenblumen ausgefüllt, zog sich zwischen beiden hin.
Es war Frühling, beinahe schon Sommer. Die Welt lächelte. Gottes blauer Himmel war mit lauter kleinen, runden kompakten Wolkenstückchen besetzt, betupft mit lauter schneeweißen Klümpchen von humoristischem Ausdruck. Die Vögel zwitscherten in den Buchen, und über die Felder daher kam ein milder Wind.
