Der Weißraumversiegler - Hartmut Petersohn - E-Book

Der Weißraumversiegler E-Book

Hartmut Petersohn

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Beschreibung

Bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz verliert Anton Marx seine Eltern. Den Verlust der Kindheit, wie seine Entführung ins Ausland, erfährt er als Gewalterlebnis. Er verdrängt es und versiegelt seine Erinnerungen mit einem weißen Film. Nur die an ein Gemälde im Wohnzimmer seiner Eltern lässt er zu. Vier Frauen, rothaarig wie seine Mutter, werden ihm zu den einzigen Vertrauten. Als Journalist nutzt er den Zwang zur Objektivität, um sich anderen Menschen zu verschließen. Einer der Geheimdienstoffiziere, die ihn als Kind entführten, erschießt sich und Anton beschließt, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Damit versucht er, sich der Gegenwart und dem wirklichen Leben der vier Frauen des Gemäldes zu nähern. Er sucht die Begegnung mit der wichtigsten, Jeanne, die an einer Tageszeitung in der Provinz arbeitet. Für sie wechselt er vom Kulturredakteur in Berlin zum Reporter dieser Zeitung. Durch einen Zufall gerät er in die Terrorexzesse zur Jahrtausendwende. Nun erlebt er Gewalt nicht als Betroffener, wie als Kind, sondern als Beobachter. Er begleitet und berichtet über die Missionen der UN, der Bundeswehr und der Nato in Krisen- und Kriegsgebieten. Die Entführung einer der rothaarigen Frauen, seiner französischen Freundin Francoise, und der Versuch, sie zu befreien, zwingen ihn, seine Unparteilichkeit als Journalist aufzugeben.

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Seitenzahl: 831

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel EINS

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel ZWEI

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel DREI

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

EINS

Prolog

Wenn ein Mensch stirbt, geht eine Welt verloren, heißt es. Als ich neben Herrn Werners Leichnam saß, hatte ich nicht das Gefühl, als würde mir etwas verloren gegangen sein. Im Gegenteil. Ich fühlte mich befreit. Ich hatte schon einmal einen sterbenden Menschen gesehen. Damals war es anders. Das Entsetzen hat einen festen Platz im Gedächtnis. Es wartet auf die nächste Gelegenheit. Den Tod des Herrn Werner ließ es aus.

Der Ärmel rutschte ihm übers Gelenk. Die Hand fuhr in die Tasche des Mantels. Er zog sie heraus und hob den Arm. Die Faust schloss sich um den Griff, der Finger im Abzugsbügel. Ein Zögern, ein letztes Innehalten. Der Schuss.

Die Detonation brach in meinen Körper ein. Ich war taub. Herr Werners Oberkörper kippte von der Bank. Er sank auf die schwarzen Glieder der Eisenkette, die den Rasen schützte. Sie schaukelte unter dem Torso des Toten. Der weiße Trenchcoat glitt auf den Rasen.

Der Anblick des Leichnams war grotesk. Der Unterleib des Alten klebte an den dunklen Brettern der Bank. Den Oberkörper hatte die Detonation zur Seite geworfen. In einer skurrilen Verzerrung hing er über den schwarzen Eisengliedern der schweren Kette vor dem hellen Putz des Französischen Doms. Die Szenerie erinnerte mich an die Bühne eines Marionetten-Theaters.

Das Spiel war zu Ende. Das Spielkreuz abgelegt, die Fäden verknotet, der Puppenspieler verschwunden. Kein sanftes Niedersinken, kein letztes Aufbäumen.

Aus dem blassen Dämmern irrlichternder Gedanken wuchs die Erkenntnis: Du bist frei! Ich starrte in die blauen Lichtblitze, die näherkamen und erhob mich von der Bank, nahm die schrumpelige Ledertasche, die mir Herr Werner mit einer letzten Bewegung auf den Schoß gelegt hatte, und beschloss, im blauen Blitzen des Streifenwagens der Polizei eine Verheißung zu sehen.

1

Eben noch hatte Herr Werner neben mir gesessen, das Kinn auf dem Knauf des Gehstocks. Der Kopf schien dem Alten zu schwer, der Stock eine unerlässliche Hilfe. Unter den bleichen Händen des Greises glänzte der Knauf des polierten tiefbraunen Holzes im kalten Licht des Mondes, der still zwischen einzelnen weißen Wolken in einem dunkelblauen Himmel hing, tiefes Dunkelblau, hinter dem sich ein grenzenloses Schwarz ausbreitete. Die müden Augen des Alten schwammen in knochigen Höhlen, zu grauen Perlen geschrumpft, in einem wässrigen Glanz, von einem Geflecht roter Adern durchzogen. Der Greis hielt den Blick starr auf den Platz gerichtet, dessen Weite sich in der Nacht verlor.

Das gelbe Funkeln aus den Eisenlaternen, winzige Hütten auf schwarzen Masten, verlor sich im Dunkel. Wie Glühwürmchen im hohen Sommer schwebten die matten Strahlen über den Gendarmenmarkt in der Mitte Berlins. Sie verliehen ihm den Glanz einer verblassenden Pracht wertvoller Colliers, ausgeliehen an die Zeit der Finsternis. Matt spiegelte sich ihr Schein auf dem nachtfeuchten Mosaik der Pflastersteine, über denen die dicken schwarzen Eisenfüße der Laternen, plumpen Elefantenbeinen gleich, aus dem Platz wuchsen.

Es war gerade so, als habe der Blick des alten Mannes am marmorbleichen Schillerdenkmal einen Halt zwischen den vier steinernen Frauenfiguren gesucht, die zu Füßen der Statue des Dichterfürsten hocken; der Tragödie, der Philosophie, der Geschichte, der Dichtkunst,

Der weite Trenchcoat aus heller grober Baumwolle hing an Herrn Werners Körper. Über dem Kragen des derben Mantels wellten sich strähnig die Spitzen pomadig aneinandergeklebter Haare, nicht weiß, nicht grau, trotz des hohen Alters in einem tiefen Schwarz. Der Greis färbte. Ungeschickt. Die Augenbrauen hatte er vergessen zu tönen. Buschig sprossen ihm die weißen Haare über den Stirnbeinen. Sie verrieten das hohe Alter des in seiner Schmächtigkeit durchsichtigen Herrn Werner. Das dürre alte Männlein hatte sich den Jägerhut aus grünem Filz in den Nacken geschoben.

Neben dem Alten lag die Tasche, braunes brüchiges Leder, von einem Netz tiefer Rillen überzogen. Wie zufällig hatte er sie dort abgelegt.

Mühsam suchte der Alte nach Worten über eine Vergangenheit, in der er mich festgehalten hatte.

In seinem bedächtigen Erinnern verbarg sich senile Wunderlichkeit. Sie dauerte mich nicht, es ging mich nichts an.

Ich saß neben ihm und hörte ihn von der Sonne am Meer schwärmen.

Herr Werner hatte mich im Kinderheim in Ortek nie besucht. Er konnte nichts wissen vom Licht über dem Schwarzen Meer.

„Für einen Spitzel ist es wunderbar, Kinder zu beobachten. Sie widersetzen sich, überschreiten Verbote, erwarten die Strafe und nehmen sie mit einem dankbaren Kribbeln hin“, hatte er gestanden.

Sein heiseres Lachen war in einem trockenen Husten untergegangen. Lass‘ ihn reden, hatte ich mir gesagt und mich in die dumpfe Gleichgültigkeit eines Weghörers fallen lassen. Das beherrschte ich. Als Journalist war diese Fähigkeit eine Hilfe. Weghören, abschalten, sofort wach sein, wenn es interessant wird.

Herr Werner hatte begonnen, über meinen Vater zu reden. Ich war alarmiert.

„Du gleichst deinem Vater. Er war stur und arrogant. Ein Schöngeist. Er hatte Ideale. Darin liegt der Unterschied zwischen ihm und dir: Du hast kein Ziel, du willst nichts verändern, nur überleben. Das macht dich unberechenbar und gefährlich, wenn auch stärker. Selbst einen Flugzeugabsturz würdest du überleben. Eine Katze. Sieben Leben.“ Unterbrach der Alte seinen Monolog, entstand eine Pause. Es war nicht auszumachen, ob er weitersprechen würde oder in seinem Schweigen versank.

„Ich muss dir wie ein Idiot vorgekommen sein, als ich dir Platows Akte gab“, bekannte der Greis.

Die Akte seines russischen Verbindungsoffiziers. Ich hatte sie Kollegen aus Moskau überlassen. Aus dem Schriftsatz hatte sich keine Geschichte filtern lassen, er war zu chaotisch, die Faktenlage zu dünn, der größte Teil der geheimen Berichte gelöscht. Klar war nur, dass es die Akte über den russischen Spion war, der sich anschickte, seine Geheimdienstkarriere in ein Staatsamt umzuwidmen.

Den beiden korpulenten Herren, denen ich im Restaurant „Das Erste“, es befand sich unter den ARD-Studios, die Akte über das matte Holz des Tischs geschoben hatte, seien russische Journalisten, hatte mir Klein versichert.

Klein, mein Chefredakteur und lebenslanger Mentor, kannte den Inhalt der drei grauen Ordner. Er hatte neben den Beiden gesessen, die unruhig den Gastraum des kleinen Restaurants mit den Augen absuchten.

„Kollegen aus Moskau, investigativ wie du und ich“, hatte Klein gescherzt.

Die beiden Russen hatten gelacht. Zwei Wochen später überwiesen Unbekannte eine knappe Million Mark auf mein Konto. Ich wollte das Geld zurücküberweisen, aber es fand sich kein Absender.

Wer das Geld auf sein und mein Konto überwiesen habe, wisse er so wenig wie ich, hatte Klein mir versichert.

Drohte mir Herr Werner mit dem Presserat?

Soll er. Ich war der durchsichtigen und lächerlichen Schlachten in der Redaktion des CHRONISTEN ohnehin leid, den Wechselbädern zwischen Anspannung und Bestätigung, zwischen Neid und Missgunst.

Aber ich nahm es hin, denn ich wusste, was ich an meinem Beruf als Journalist hatte: er half mir, die Vergangenheit zu überdecken und zu tun, als interessiere mich die Gegenwart. Ein Spiel.

Würde mich Spitzel Werner anzeigen, wäre es zu Ende. Ich konnte mir überlegen, wo ich am liebsten leben würde: Paris? New York? Athen? Oder irgendwo, wo sich das Jahr nur in Regenzeit und Trockenzeit teilt und die Temperatur niemals unter 25 Grad sinkt.

Die Kerben um seinen Mund zogen sich tiefer. Er schüttelte seinen Kopf. War das Enttäuschung, Abkehr, Parkinson? Es musste das Alter sein. Ein rasselnder Husten entrang sich seiner eingefallenen Brust. Er beugte sich nach vorn und spuckte hellen Schleim auf das Pflaster, der unter dem Dämmerlicht der Laternen glänzte. Der Rotz blieb zwischen seinen Schuhen liegen.

„Ich wollte nie etwas anderes sein als Jäger, der dem Feind nachsetzt, Beschützer unserer in Gefahr geratenen Werte und Bewahrer der Diktatur des Proletariats. Du wirst sagen: ein Spitzel.“

Ich hörte den Alten dieses Eingeständnis sprechen, als sei er fern von diesem Ort und zitiere einen Monolog aus einem Albtraum. Er unterbrach sich. Sein Geständnis schien ihn zu irritieren. Dreimal stieß er wütend den Stock auf die Steine, als wolle er sich zwingen, nicht länger bei dieser Einsicht zu verweilen.

„Platow hat befohlen, was zu tun ist, ich hatte es nur weiterzugeben. Ein Weiterleiter war ich, er der Kopf, ich sein Mund“, zischte er.

Er hob die Hand und ließ sie auf den Knauf des Stockes fallen. Der Kopf des Greises rutschte in den Mantelkragen, er streckte ihn und legte ihn auf seine beiden Hände, wölbte die dünnen Lippen und saugte an den Falten auf der pergamentenen Haut seiner Hand, überzogen von dicken blauen Adern und dunkelbraunen Vertiefungen. Sein Kinn lag auf dem Knauf des Stocks.

„Es ist vorbei. Wir sterben, mein Junge, wir sterben.“

Sein Lachen war ein Röcheln. Mit einem Hustenanfall brach es ab. Stirb, Alter! Hatte ich gedacht.

Über den nachtverlassenen Platz brummte eine kugelige Kehrmaschine. Schon umrundete sie das Schillerdenkmal. Matt schimmerte die kleine Maschine im hellen Orange. In einer Leuchte drehte sich ein gelbes Licht. Hinter dem Steuerrad saß ein Mann in einem orangenen Overall. Er lenkte sein Gefährt mit einem Stolz über das Pflaster, als steuere er eine Motoryacht über die dunklen Wellen eines unergründlichen Meeres. An den Seiten der Kehrmaschine rotierten runde Besen über die Steinquader und kratzten die wuchtigen Schollen der Gehwegsteine. Der Mann lenkte seinen Maschinenbesen an den festen Mauern des Schauspielhauses vorbei. Das gelbe Licht tauchte ins Dunkel.

„Mein ganzes Leben ist eine Jauchegrube. Es stinkt darin nach Scheiße. Du stehst an ihrem Rand“, behauptete der Alte.

Sein Atem pfiff.

Grimmig dachte ich: Ich werde nicht dabei sein, wenn du in diese Kloake fährst.

„Ich will dir erzählen, wie und warum dein Vater sterben musste.“ Ich erschrak und stellte mir vor, wie meine Mutter neben meinem Vater saß, als das Flugzeug abstürzte. Sie hatte ihren weichen Körper gegen seinen Arm gedrückt, beider Hände lagen auf der schmalen Lehne zwischen den Sitzen, die Finger ineinander verflochten. Was wirklich geschah, würde ich nie erfahren. Aber ich brauchte dieses Bild, es war wie ein Grab.

„Es ist so simpel“, stöhnte Herr Werner. Seine runden Greisenaugen flackerten in dem wässrigen Grund, als müssten sie darin ertrinken.

„Dein Vater wollte uns verraten. Es war ein Verdacht, nur ein Verdacht. Er war einer der wenigen die wussten, dass wir am 13. August eine Mauer durch Berlin ziehen wollten. An einem einzigen Wochenende eine ganze Stadt einmauern! Ist das nicht großartig? Das ganze Land einzäunen! 155 Kilometer volle Kontrolle! Das muss uns erst mal jemand nachmachen!“

Herr Werner drohte in seinen Erinnerungen zu versinken. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Alle, die daran beteiligt waren, wussten um die Größe des Plans. Wir würden in die Geschichte dieses Jahrhunderts eingehen. Groß fühlten wir uns, stark und von dem Geheimnis beseelt. Die Eingeweihten waren Auserwählte. Dein Vater wurde dabei beobachtet, wie er Teile der Pläne in seiner Ledertasche mit sich herumschleppte.“

Der Alte klemmte sich den Stock zwischen die Beine und klopfte mit seiner dürren Hand auf das brüchige Leder der Tasche, die neben ihm auf der Bank lag, als tätschelte er das Pferd, aus dessen Haut es gegerbt worden war.

„Dein Vater, ach!“

Mein Vater? Was? Weiter, komm schon!

Herr Werner hob die Hand und ließ sie auf die Tasche fallen.

„Dein Vater war stolz auf die Dinge, die er von seinen Reisen mitbrachte: feine Schuhe, Tücher für deine Mutter. Seltsam, für dich hat er nie ein Andenken gefunden. Sehr seltsam“, wiederholte er nachdenklich und schob die Hände unter sein Kinn über dem Knauf des Stockes.

„Mit den Geheimpapieren, die er immer bei sich trug, wurde er zur Gefahr. War er ein Verräter? Vielleicht machte es ihn nur stolz, ein Ereignis von historischer Größe in seiner Tasche zu wissen, bevor es eintrat. Keiner weiß es. Niemand wird es herausfinden. Es wurde beschlossen, ihn zu beseitigen. Wer den Knopf gedrückt hat? Ich bin mir nicht sicher. Dass deine Mutter ihn begleitete, war nicht vorgesehen.“ Der Alte verstummte, als wolle er sich einen Grund überlegen, warum und ob er weiterreden sollte.

„Platow hat das nicht ersonnen. Dazu wäre er nicht in der Lage gewesen. Sein Vorgänger wars, dem er glich wie ein eineiiger Zwilling. Wir Spitzel bleiben uns über Generationen und alle Zeiten hinweg ähnlich, und wir haben alle den gleichen Auftrag: Wir sind die Stützen des Systems.“

Er nahm seine Hand vom Stock, griff nach der Tasche und legte sie mir auf die Oberschenkel.

Dem Leder war das Alter anzusehen; es fühlte sich hart und rissig an.

„Die Tasche deines Vaters. Nimm!“

Er zog seine Hand vom Leder weg, geradeso als fürchte er, sich daran zu verbrennen, steckte sie in den Trenchcoat, als wolle er ein Taschentuch herausholen, ein Asthmaspray.

Der Knall traf mein Trommelfell, wie der Schlag einer harten Faust mit wütender Kraft gegen das Ohr geführt. Der Schuss echote zwischen den hohen Säulen des Französischen Doms, prallte von der gelben, mit kitschigen ineinander verschlungenen braunen Ornamenten geschmückten Fassade meines Wohnhauses am Gendarmenmarkt ab und verlor sich auf dem Weg zurück zum Schauspielhaus auf dem weiten Geviert des Gendarmenmarktes.

Meine Finger hatten sich in das Leder der alten Tasche auf meinem Schoß gekrallt. Unfähig aufzustehen, war ich auf der Bank sitzen geblieben. Ich fühlte mich eingeschlossen in Kälte und Taubheit, in eine ferne und mir doch vertraute Welt. Wieder hatte mich der Tod erreicht.

Der Film war gerissen. Das Bild fror ein. Aber da war noch ein anderes. Etwas hatte sich in mir gelöst, vor dem ich mehr Angst fühlte als vor dem Schmerz, mit dem ich gelernt hatte zu leben.

Ich fürchtete, aus meinem Trauma zu erwachen. Und dann? Die blau-weißen Türen eines Polizeiautos öffneten sich. Ich wusste nicht, wie ich in den Bus hineingekommen war. Hatten mir die Beamten geholfen? Hatten sie mich geschoben, gehoben, hineingezogen?

Es gelang mir nicht, Gesichter zu erkennen. Ich hörte Fragen, verstand sie jedoch nicht. Sie wurden wiederholt.

Ich nahm die Enge wahr. Schwaden von Pfefferminze hingen darin fest. Kaugummi.

Rote, blaue und weiße Lämpchen blinkten.

Eine kalte Stimme verlangte: „Ihre Position!“

Galt die Frage mir?

Finger schnippten vor meinem Gesicht.

Ich bin nicht tot. Lassen Sie das bitte, hatte ich sagen wollen. Ich schwieg.

„Können Sie sich ausweisen?“

Der Geruch von Pfefferminze. Ich mag die Pflanze, jedoch ekelte mich deren beißende chemische Nachahmung.

Mein Ausweis. Ich kam zu mir, zog ihn aus der Gesäßtasche und hielt ihn in die Mitte des engen Raumes.

In dem diffusen Nebel, in den ich weggetaucht war, begannen sich Gestalten zu formen. Unter dem niedrigen Autohimmel beugten sich zwei Polizisten über feste Kladden, die auf ihren Oberschenkeln lagen. Sie ließen ihre Kugelschreiber auf dem Papier rotieren, von Linien und Tabellen überzogen. Weder nahmen sie sich die Zeit, ihre Stifte zur Seite zu legen, noch den Kopf zu heben.

Einer der Polizisten, dessen ovales seltsam dunkles Gesicht mich irritierte, saß mir gegenüber, der andere neben mir. In kurzen Abständen ließ er ein Schniefen hören, das aus einer kleinen Nasenkugel kam. Das pummelige Kinn lag auf dem starren Rand einer schwarzgrauen Schutzweste.

„Hier steht: Anton Marx,“ las er in meinem Personalausweis, den er mir aus der Hand genommen hatte.

„Das ist mein Name.“

„Eben noch haben Sie angegeben, Sie hießen Karl Marx.“

„Das war mein Vater“, log ich.

Solcher Nachfragen war ich leid, ob sie mir im Scherz, als Reflex einer vagen Erinnerung oder, im schlimmsten Fall, hoffnungsvoll gestellt wurden. Mein Vater hieß Max.

„Wir sitzen nicht zum Spaß hier, Herr Marx“, belehrte mich der Rundkopf. Sein Schnaufen zeugte von Verdruss, konnte aber auch ein Hinweis auf eine Erkrankung der oberen Atemwege sein.

Lauernd fragte er: „Was ist mit der Tasche?“

„Brieftasche, Taschentücher, die Schlüssel, eine Angewohnheit“, sagte ich scheinheilig.

„Sie gehört Ihnen?“

„Ja.“

Ich drückte auf die Metallführung der beiden Schlösser, um die Bereitwilligkeit zu demonstrieren, sie zu öffnen.

Ein seltsamer Automatismus hatte mich zu der Bewegung verführt. Ich hätte bedenken müssen, dass ich nicht wusste, was sich in der Tasche befand.

„Müssen Sie nicht öffnen“, schniefte der Uniformierte neben mir und stierte auf meine Hände als erwarte er, dass ich die beiden glänzenden Verschlüsse der Tasche trotz seines Einwandes niederdrücken würde.

„Wir gehen von Selbstmord aus“, verkündete sein Kollege, der seine Beine angewinkelt unter den Sitz gezogen hatte, da meine Knie gegen sie drückten.

„Ein wachsamer Nachbar hat sich als Zeuge gemeldet und den Vorgang bestätigt“, erklärte er und nickte in die Richtung des Hauses, in dem ich wohnte.

Der Beamte mit dem dunklen Gesicht hob seine Hand, steckte den Stift in eine Schlaufe an der Kladde, ein dünner schwarzer Gummistreif, und nahm, ohne aufzuschauen, die auf dem grauen Sitzpolster liegende Pistole in die Hand.

„Sauer und Sohn, 'ne alte P 220, Nummer 14382. Schreibst du mit?“, fragte er seinen Kollegen.

„Fünf Schuss Munition. Wieso fünf? Hat der zweimal geschossen?“ Die Frage war weder an mich noch an den neben mir sitzenden dicken Polizisten gerichtet, der ungerührt weiter auf seiner Kladde herumkritzelte.

Der Polizist neben mir kicherte: „War ein Probeschuss.“

„Seltsam: In der Manteltasche des Toten steckte noch ein Magazin, volle sieben Schuss Munition. Irgendwie eine magische Zahl. Mit sieben haben wir oft was. Oder?“ , überlegte er.

Das lang gezogene dunkle Eiergesicht auf der Sitzbank gegenüber nickte.

„Hat nun mal sieben Schuss, die 220er. Im geladenen Magazin.“

Ein süßlicher Gestank nach einem billigen Desinfektionsmittel begann den nach Pfefferminze zu verdrängen.

Die beiden Polizisten im stickigen Innenraum des Autos schien nicht zu interessieren, was ich hätte zur Wahrheitsfindung über Leben und Tod des Herrn Werner beitragen könnte. Sie mussten beschlossen haben, meine Anwesenheit zu ignorieren.

Ich hockte gebückt auf der Bank, hielt den Kopf gesenkt, um nicht an den Himmel des Polizeigefährts zu stoßen, und drückte die Hände krampfhaft gegen das Leder der Tasche auf meinen Oberschenkeln. Ich fühlte mich am falschen Ort und überflüssig. Ich schwieg. Mir war schwindelig.

Herrn Werners Tod war den beiden Polizisten kein Rätsel, ein simpler Selbstmord. Einzig die Waffe des Alten, mit der er sich gerichtet hatte, veranlasste sie zu einer Nachfrage: Ob ich gewusst hätte, dass der Tote eine Waffe trage und seit wann mir das bekannt sei. Mein Mund war trocken. Ich hob die Schultern und wollte wiederholen, dass ich das nicht wisse, ich den Alten nicht näher gekannt habe und seit langem nicht gesehen hätte, die Begegnung in seiner letzten Stunde ein reiner Zufall sei. Ich brachte kein Wort heraus.

Der Polizist mit dem langen Gesicht klappte die Kladde mit einem dumpfen Schlag zu, steckte den Stift in die Lasche am Rand der Schreibunterlage und sagte gleichgültig:

„Schock.“ Er schob die Tür auf. „Das wird wieder.“

In den Fenstern meiner Wohnung blitzte vom Gendarmenmarkt das Blaulicht des Polizeibusses herauf.

Ich erschrak, fühlte mich ertappt und irgendwie schuldig.

Im breiten Spiegel zwischen den beiden Leuchtsäulen, deren Licht das fensterlose Badezimmer erhellten, suchte ich in meinem Gesicht nach Spuren, die der Schuss aus Herrn Werners Dienstpistole hinterlassen hatte. Es fanden sich keine. Aber etwas zwang mich, in der Suche nach Überresten von Herrn Werner auf meiner Haut nicht nachzulassen. Schluss jetzt, befahl ich mir, duschte, rubbelte mir die Nässe von der Haut, wickelte mich in ein weißes Badetuch, schlüpfte in die Latschen aus weicher blauer Wolle und schlurfte zum Schreibtisch vor dem Fenster.

Das Jackett hing an der Lehne über dem Drehsessel. Als ich in die Wohnung gekommen war, hatte ich es dort hingehängt. Eine Gewohnheit. Wo ich auch hinkam, ich hängte jede Jacke über den erstbesten Stuhl. Es war zwanghaft. Auch, dass ich in die Taschen griff. Zwischen den Fingern spürte ich Papier. Ein Zettel. Ich knüllte ihn zusammen, um ihn in den Papierkorb zu werfen. Ich hielt inne und begann, ihn zu glätten.

Ich las vertraute Buchstaben, kyrillisch.

„Anordnung“ war am Kopf des Blattes zu lesen. Darunter stand, dass ein Spezialtrupp der Baltischen Rotbannerflotte den Befehl erhalten habe, die angeforderten Dokumente, am 24. Dezember 2000 in 50*40'35“N, 13*26'16“O abzulegen. Es folgte eine Aufzählung von Nummern und Buchstaben, die für mich keinen Sinn ergaben. Dicht aneinandergereiht füllten sie das Blatt, ohne einen Abstand zu lassen.

Den Zettel konnte mir nur Herr Werner zugesteckt haben. Er hatte genuschelt: „Folge der Ortsbestimmung.“

Wollte der Spitzel mir die Lösung des Rätsels um den Tod meiner Eltern anvertrauen, um mir ein neues aufzutragen, oder gehörte das Neue zum Alten und wenn ja, in welcher Weise?

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und dachte: Seltsam. Was zwingt Menschen, die weggehen oder sterben, letzte Botschaften zu hinterlassen?

Den Monitor ließ ich ausgeschaltet. Im Spiegel des Computerglases musterte ich die verzerrten Züge eines Gesichts, das mir stets fremd vorgekommen war, solange ich es betrachtete, und das tat ich oft. In diesem Fremdsein fühlte ich mich lebendig. Darüber geriet ich ins Träumen. Auf dem dunklen Bildschirmbild war das Rot meiner Haare Grau, den Augen fehlte die Farbe. Ihr Blau erlosch auf dem künstlichen Nachtdunkel des Schirmbilds.

Ich hatte gelesen, dass das Blau der Augen auf eine Mutation zurückzuführen sei, und hatte das Forschungsergebnis als gerechtes Urteil empfunden: Ich war ein Mutant. Das beruhigte mich.

Die Forscher, die die Epistel veröffentlichten, wollen herausgefunden haben, dass es blauäugige Menschen erst seit 10.000 Jahren gibt. Zudem habe das Schicksal der Blauäugigkeit nur einen einzigen der Altvorderen getroffen, von dem nun alle anderen mit dieser Augenfarbe abstammen sollen. Eine Art Inzucht. Meine ungelenke Kraft, die mich eher schreckte, als dass sie mir Sicherheit gab, wies auf eine direkte Vererbungslinie hin; ich kam mir vor wie ein Neandertaler, als ich das Forschungsergebnis las. Gelegentlich entdeckte ich die Züge des Golems an mir.

Von wem hatte ich die Nase geerbt? Ohne erkennbaren Ansatz wölbte sie sich als Höcker unter der schmalen Stirn zwischen den starken Augenbrauen, um sich dann fleischig, allerdings in gerader Linie, bis über den Rand der schmalen Oberlippe zu strecken. Dort senkte sich die pflaumengroße Nasenspitze gnädig herab; die Verbeugung eines Elefantenrüssels über dünnen Lippen.

Das Zucken der blauen Blitze entfernte sich. Ein letzter Lichtschein traf den Französischen Dom und blieb für einen winzigen Moment unter dem First der Kuppel hängen. Ich setzte mich in den Drehsessel am Schreibtisch, bückte mich, drückte auf den Knopf des Rechners am Fuß der Tischplatte und schaltete den Computer an.

Ich dachte an die Momente nach Herrn Werners Tod, meines Entführers und Seelenverderbers, in denen ich mich entschlossen hatte, seinen Abgang als Verheißung zu nehmen. Ich beschloss, ihr zu folgen. Ich begann, dem Koffer, der Tasche, der alten Uhr, den einzigen realen Stücken meiner Erinnerung, einen Text hinzuzufügen. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz wollte ich mich aus dem Albtraum meiner Vergangenheit befreien.

Die Zeit war gekommen. Das blinde Geschick des Zufalls galt es zu nutzen. Seit zehn Jahren saß ich an dem gläsernen Schreibtisch vor dem Fenster und schrieb an mir vorbei; Geschichten, die mich nichts angingen, für ein Magazin, das mir nichts bedeutete.

Mein Blick hakte sich an den Tasten des Bildschirms fest, weiße Würfel, schwarze Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Die Finger lösten sich aus der Starre und begannen auf der Tastatur den Bildern, die mich heimsuchten, eine Sprache zu geben. Vertraute Szenen aus einem Vorrat an Schrecknissen, von denen niemand nichts wusste. Von Kindheit an versuchte ich sie zu tilgen. Denn eines war sicher: Mein Gedächtnis hielt alle Details fest, exakte Reproduktionen der Realität; Fluch und Segen eines Eidetikers.

Ich hatte gelesen, dass es einen Mann gab, der nach einem Flug über New York in der Lage war, jedes Detail, das er aus der Vogelperspektive gesehen hatte, nachzuzeichnen. Mindestens zweimal im Jahr flog ich in die heimliche Hauptstadt der Welt. Einmal buchte ich einen Hubschrauberflug. Manhattan zeigte sich mir von oben ebenso vertraut, wie ich es von meinem Streunen durch die Stadt kannte. Allerdings gelang es mir nicht, es auf Papier wiederzugeben. Mir fehlte das Talent zum Zeichnen. Die Bilder blieben in meinem Kopf stecken.

In der Nacht, in der sich Herr Werner erschoss, begann ich sie hervorzuholen. Gleich einem Restaurator löste ich Wort für Wort das Schwarz von den Bildern, die darunter lagen. Sie würden einen Text ergeben, mit dem ich mich von ihrer Düsternis zu befreien trachtete. Eine vage Hoffnung. Würde ich alles aufgeschrieben haben, musste ich in der Gegenwart angekommen sein.

Danach sehnte ich mich und es machte mir Angst.

2

Es kostete mich Kraft, den Text nicht mit Jeanne zu beginnen. Vom ersten Satz an hatte ich mich danach gesehnt, ihren Namen zu schreiben. Jeanne. Nichts wünschte ich mir mehr.

Als ich ihr ein zweites Mal begegnete, bekam die Hoffnung ihren Namen: Sehnsucht. Sie war es, die mich zwang, in mein verhindertes Leben einzutauchen, um mich von meinem Leid loszuschreiben.

Jeanne.

Wollte ich zu ihr gelangen, musste ich alle Schwärzungen wegschreiben, den Schmerz freilegen, das Leid und die Schuld. Unter den dunklen Siegeln meiner Verdrängungen hielt ich sie verborgen. Ich musste sie brechen. Eines nach dem anderen.

An einem sonnigen Märztag vor sieben Jahren hatte Klein die Beifahrertür seiner dunkelblauen Limousine geöffnet und meinen willenlosen Körper in das grau melierte Polster gedrückt. Die schmiedeeisernen Tore des Südfriedhofs waren hinter uns geschlossen worden.

„In drei Stunden sind wir in Berlin, in der Redaktion. Du schläfst bei mir. Und morgen erhältst du deinen Einstellungsvertrag. Alle deine Geschichten, die du für uns schreiben wirst, gehen über meinen Tisch, nur über meinen. Es ist ein guter Vertrag.“

Ich hörte, was er sagte, aber ich wusste nicht, wovon er sprach. Der starke Luftzug, mit dem Wärme in das geräumige Innere des Wagens geblasen wurde, traf mein Gesicht wie ein lästiger Schwarm Mücken.

Ich hielt mir den Arm vor die Augen.

„Ist schon gut, ist schon gut“, versuchte Klein mich zu beruhigen.

„Heul ruhig, lass es raus. Das ist gut.“

Er hatte den kürzesten Weg zur Autobahn genommen, wohl, um mir die Fahrt durch die Stadt zu ersparen. Wir waren bereits am Schkeuditzer Kreuz auf die Autobahn Richtung Berlin abgebogen und er monologisierte mit einer Stimme, über der eine Anteilnahme lag, die fremd klang: „Das Leben geht weiter. Morgen ist ein neuer Tag. Am Gendarmenmarkt habe ich für dich eine Wohnung reservieren lassen, die kaufst du. Mit dem Kreditvertrag, das regeln wir später. Du kannst die Summe gleich bezahlen, weiß ich. Aber steuerrechtlich ist ein Kredit besser. Auch egal. Den Kaufvertrag musst du nur noch unterschreiben. Der liegt neben deinem Arbeitsvertrag auf meinem Schreibtisch. Keine zehn Minuten Fußweg vom Büro und du bist in deiner neuen Wohnung. Wenn unser Neubau in der Friedrichstraße fertig ist, dann sind es nur noch fünf Minuten, vielleicht sieben. Sieben Minuten Arbeitsweg. Du kannst aber auch im Bett schreiben und stellst die Texte einfach ins System.“

Er kicherte, die Wärme deckte mein Gesicht zu.

„Allerdings erst, wenn ich sie gesehen habe“, schränkte er ein.

Seine Stimme hob sich in den Befehlston.

„Du brauchst jetzt Hilfe und kein Nein, nur zwei Ja.“

Kredit, Kaufvertrag, Arbeitsvertrag? Ich wusste nicht, wovon Klein sprach.

Ich musste eingeschlafen sein. Mir träumte, es regne schwarze Flecken auf das Dach eines Holzhauses, helle Kiefer. Als die Erde auf Ruths Sarg fiel, hatte ich gedacht: Ich hätte Eiche nehmen sollen.

Vor der Einfahrt in eine Tiefgarage zog Klein einen elektronischen Schlüssel vom Armaturenbrett, an dem er mit einem Magneten befestigt war, ein rechteckiges schmales Kästchen. Er richtete es gegen das Tor. Die ineinander verhakten Gitter vor dem Kellerloch ratterten und zuckelten in der Führung, dann waren sie unter der Decke verschwunden.

„So, Kochstraße. Der Keller des CHRONISTEN. Ab jetzt geht es mit dir aufwärts“, frohlockte Klein. „Heute schläfst du in meiner Dienstwohnung“, bestimmte er. „Ich lass dich nicht allein. Das Sofa in meinem Wohnzimmer ist weich und man schläft ganz gut darauf.“

Mir fehlte die Kraft, um zu widersprechen. In mir war es leer. Nichts hatte eine Bedeutung.

Im Fahrstuhl wähnte ich mich am verkehrten Ort. Der Lift fuhr in die falsche Richtung, nach oben.

Die Hölle war unten.

Ich fiel, schlief und sah mich auf einem uferlosen Meer, nirgendwo ein schmaler Saum Festland. Das war mir angenehm. So sollte es bleiben. Einzig das weiche Schaukeln störte. Ich rutschte zur Seite und fiel in ein Wellental. Mit kräftigen Schwimmstößen kraulte ich heraus, ich drehte Schulter und Hüfte nach allen Seiten und öffnete die Augen. Ich spürte die weichen Polster eines Sofas, auf dessen Rand ein zierlicher Mann saß, der mich neugierig betrachtete.

Mein Retter? Ein Freund?

Ich sah mich die Szene beobachten und mich lähmte, dass es mir verwehrt blieb, in das Geschehen einzugreifen. Zugleich kam mir das alles vertraut vor, genauso, als habe ich mich längst an diesen Zustand gewöhnt. Er war bequem und verlangte keine Entscheidungen, nur Fragen. Und er erlaubte mir ein Nachdenken, das keine Folgen hatte. Nichts nötigte mich, mir ein Urteil zu bilden, ein Geschehen zu kommentieren.

So war mir gleichgültig, ob ich den hageren Mann, der am Rande der Matratze saß, mochte oder nicht. In einem war ich mir sicher: Ich bin ihm in allem unterlegen.

Der Traum wechselte und ich saß als Gast in einem Bahnhofsrestaurant. Wohin fahren all die Leute, fragte ich mich. Sie standen auf und gingen weg, es kamen andere, die sich setzten, mit dem weißen Geschirr aus billiger dickwandiger Keramik klirrten, dem Besteck klapperten, aßen, tranken, und wieder verschwanden. Nur ich blieb sitzen. Der zierliche Mann mit dem kahlen Kopf und den listigen Augen hatte mich aus dem einen Traum in den anderen begleitet.

„Du hast keine Fahrkarte“, hörte ich ihn sagen und erkannte: Es war Gerd Klein. Er tröstete mich: „Du brauchst keine.“

Die frühen Strahlen der Sonne trafen mein Gesicht. Vergebens legte ich mir die Hände vor die Augen. Die blendende Helligkeit blieb. Ein hartes Klopfen gegen die Tür weckte mich. Vergebens versuchte ich, mir darüber klar zu werden, wo ich sei, bis ich Kleins Stimme vernahm. Er stand neben dem Bett. Hinter den Gläsern der runden Brille tastete ein strenger Blick mein Gesicht ab. Das Licht der Sonne spiegelte sich auf seiner Halbglatze. Der schmale Ring hellgrauer Haare verstärkte das Glänzen und Spiegeln.

„Darf ich? Bist du wach?“

Mit flüchtigen Bewegungen stellte er ein Tablett auf die rot karierte Bettdecke, auf dem eine weiße Tasse stand, aus der sich Dampf schraubte, eine Butterdose aus der gleichen festen Keramik lehnte gegen den Rand, in einem Becher steckte ein braunes Ei. Die Mitte des Tabletts nahm ein weißer Teller ein, auf dem zwei geröstete rechteckige Brotscheiben lagen. Unter einem Panoramafenster, das sich den Strahlen der Sonne weit öffnete, stand ein weißer Schreibtisch, den zur Hälfte ein wuchtiger grauer Kasten eines Computerbildschirms einnahm. Hoch im Eck neben dem breiten Fenster war ein schwarzer Fernsehapparat schräg angekippt auf eine dunkelgraue Halterung montiert. An der Wand gegenüber dem Sofa, auf dem ich lag, stand eine weiße Couch mit dicken Polstern, flankiert von zwei Sesseln.

Klein musste etwas gesagt haben. Ich hatte seine Stimme gehört, jedoch nicht verstanden, was er mir mitteilen wollte. Ein totes Hell hatte das schwarze Dunkel geschluckt.

„Entschuldige“, bat ich, „kann ich nicht einfach liegen bleiben und schlafen?“ „Kannst du nicht. Ich bin der Arzt, der dir das Leben verordnet. Du tust jetzt genau das, was ich dir sage.“

„Was? Was soll ich tun?“

„Also, du machst dich frisch, schmierst dir dunkles fettiges Gel in die roten Haare, ziehst dir den Anzug an, keine Bange, es ist deine Größe.“

Er zeigte auf die graue Hose, das hellblaue Hemd und das graue Sakko, die über der hohen Lehne eines roten Lederstuhls hingen. In dem Zimmer dominierten die Farben Rot und Weiß.

„Gemeinsam fahren wir runter in den Konferenzraum, ich stelle dich den Redakteuren vor. Du musst nichts sagen. Wäre schön, wenn du ein halbwegs interessiertes Gesicht aufsetzen würdest. Uta, ich meine Frau Korb, wird dich am Ende der Konferenz in ihren Herrschaftsbereich mitnehmen, die Kulturetage, dich den Kollegen vorstellen, dich in dein Zimmer setzen und dir die Telefonliste geben. Dann laufen wir die Friedrichstraße runter in deine neue Wohnung.“

Er war an eines der Eckfenster getreten.

„Komm her!“

Ich drückte mich aus der weichen Matratze und stellte die Beine neben die Sofakante. Mich erstaunte, dass sie gehorchten. Auch der Gang hinüber zu dem breiten Fenster gelang.

Klein zeigte auf die andere Straßenseite: „Feine Nachbarn. Oder?“ Auf dem schwarzen Dach zerrte der Wind am Stoff eines riesigen Banners und straffte das Emblem in seiner Mitte: eine Bärentatze.

„Die taz. Das wäre doch was für uns. Oder?“

„Weiß nicht. Wenig Recherche, zu viel Parteinahme.“

„Ach komm, das wird. Wir übernehmen die einfach!“ Er zeigte auf die Tatzenfahne und kicherte.

„Feindliche Übernahme. Das Geld dafür hätten wir.“ Dann drehte er sich vom Fenster weg, stand vor mir, reckte seine Arme und legte seine Hände auf meine Schultern.

„Ich hab die bessere Alternative gewählt: Wir ziehen in eine feinere Gegend: Friedrichstraße, Ecke Französische. Ein Ableger des Pariser Lafayette ist schon dort, unser neuer Nachbar. Da passen wir hin: seriös und konservativ mit blassroter Verpackung. Jedenfalls sind wir die erste der großen Postillen, die nach Berlin umsiedeln. Die anderen werden nachkommen. Wenn nicht, dann bleibt die Hauptstadt unser Revier, unser Alleinstellungsmerkmal.“

Er hatte mir eine halbe Stunde Zeit gegeben. Die schmucklose weiße Tür seiner Wohnung blieb weit geöffnet. Ich trat in den Vorraum, der an Stelle einer Decke mit einem spitz nach oben verlaufendem Glasdach überspannt war. Die Morgensonne warf vier dunkle Linien, die Schatten der Eisenstreben, die es hielt, gegen die Täfelung seines Büros.

„Setz dich“, bat Klein, der hinter einem wuchtigen schwarzen Schreibtisch saß, und mir lose Blätter über die polierte Tischplatte schob.

„Arbeitsvertrag, eine redaktionsinterne Zusatzversicherung, jedes Blatt bitte einzeln unterschreiben. Und zum guten Schluss der Kaufvertrag für die Wohnung am Gendarmenmarkt.“

Mir kam sein Schreibtisch bekannt vor. Er glich dem meines Vaters, den Ruth in Leipzig zu ihrem Arbeitsplatz erkoren hatte. Es war gespenstisch. Mir glitt der gelbe Kugelschreiber aus der Hand.

„Ich kann das nicht.“

Klein lief mit kurzen schnellen Schritten um den Schreibtisch herum. Neben meinem Stuhl ging er in die Hocke, seine kurzen Finger hielten den Schreibtischrand umklammert. Er atmete tief ein, zog sich hoch und legte eine Hand auf meine Schulter. Die runden Brillengläser blitzten. „Wird schon, das wird. Du wirst sehen.“

Er lief durch den großen halbrunden Raum und öffnete eine Tür in der dunklen Holztäfelung. Dieses Gebäude scheint nur aus Rundungen zu bestehen, dachte ich und war erstaunt, dass ich begann, Teile der mich umgebenden Welt wahrzunehmen. Klein folgte meinem Blick.

„Hinter jeder der Tafeln öffnet sich die Tür zu einem Schrank.“ Sein Arm beschrieb mit großzügiger Geste den gesamten Raum. Die Wände waren vollständig unter einer Holztäfelung verborgen. Neben der Tür entdeckte ich ein Bild. Es stand auf dem grauen Filzboden gegen die Wand gelehnt. Schräg fiel das Licht auf die Ölmalerei.

„Und diese Tür öffnet sich nur Freunden.“

Klein hielt eine Flasche Kognak hoch und griff nach Gläsern. Mit dem Hintern knallte er die Tür zu.

„Prost! Auf dass es wird!“

„Darf ich“, fragte eine Stimme in meinem Rücken.

Im Türrahmen stand eine Frau in einem blauen Kostüm, den Hals verdeckte ein weißes Tuch, das leger über der hohen Brust lag, die durch den körpernahen Blazer betont wurde, die muskulösen Oberschenkel der kräftigen Beine zeichneten sich unter dem engen Rock ab.

Eine Sportlerin, dachte ich, wo bin ich?

Mir fiel ihre hohe Stirn auf. Im gleißenden Licht des Spots, der das Gemälde neben der Tür ausleuchtete, kräuselten sich dünne hellrote Locken.

„Schön, dass Du, Pardon, Sie, sich die Zeit nehmen. Das ist unser neuer Kulturreporter, Herr Marx.“

Kleins Kopf nickte zur Tür hin und zu mir zurück.

„Das ist Frau Korb, Deine, Ihre Chefin. Zum Verständnis. In der Redaktion siezen wir uns. Das ist keine Marotte, sondern soll einen Abstand zwischen den Redakteuren aufrechterhalten; die Garantie für eine offene, kritische, gewünscht harte, aber immer kollegiale Zusammenarbeit. Sie Arschloch klingt nicht, musst Du, Pardon, müssen Sie, zugeben. Seit wann duzen wir uns eigentlich schon, Anton?“

„Weiß ich nicht?“

„Aber ich weiß es. Wir lassen es dabei, wir beide“, bestimmte er. Mich verfolgte der Eindruck, einem Theaterstück beizuwohnen, dass eigens für mich inszeniert wurde.

„Uta, Entschuldigung, Frau Korb: Herrn Marx Beiträge gehen über meinen Tisch. Ich entscheide, und dann bekommst du sie, um sie zu veröffentlichen. Einverstanden?“

„Es ist ja nicht so, dass ich jetzt eine Wahl hätte, oder?“, erwiderte Frau Korb und mich erstaunte, dass sie frei von Emotionen ihren Text sprach. „Einen Schluck auf das gemeinsame Gelingen?“

Klein holte ein weiteres Kognakglas aus dem Schrank und hielt es ihr entgegen.

„Nein, Danke. Du weißt, dass ich nicht trinke.“

Die dünnen roten Locken auf Frau Korbs Stirn hatten ihren Glanz verloren.

„Gut. Dann Prost, Anton.“

Er hob das Glas und tat, als würde er an das meine stoßen.

„An die Arbeit!“

Klein schob sich an mir und der Kulturchefin vorbei. „Lasst mich vorgehen, bin schließlich hier zu Hause.“

Er lachte meckernd.

Über dem rechteckigen Konferenztisch, der einer Festtafel glich, dämmerten in die Decke eingelassene Lichtspots müde vor sich hin, der aufkommende Tag warf sein Licht durch breite Fenster, die sich im Halbrund um das Eckzimmer zogen, und dem Sitzungsraum Größe verliehen.

Vor den Fensterbänken reihte sich eine Schar junger Kollegen in Pullovern und Jeans, bunten Blusen und Röcken. Jacketts oder Blazer fehlten als Ausstattung. Vergebens suchte mein Blick in der bunten Reihe ein bekanntes Gesicht. Es war keines darunter, das ich einem meiner einstigen Studenten hätte zuordnen können.

Am Tisch waren die Stühle besetzt von älteren Männern in dunkelblauen Anzügen. Über den weißen Hemden hingen gelbe, rote, grüne Binder. Einer der Redakteure hatte sich eine Fliege um den Hals gebunden, deren Spitzen weiße Punkte auf schwarzem Grund trugen, die Enden hingen schlapp herunter.

Von der Fensterreihe war leises Lachen zu hören, um den Tisch machte ein Wispern die Runde.

Ich saß an der Stirnseite vor der polierten Tischplatte und wusste nicht, wohin ich sehen sollte und auch nicht, was ich dachte. Klein zeigte auf mich und sagte: „Wir begrüßen in unserer Runde Anton Marx. Kollege Marx ist nicht nur ein Urururenkel der, wenn auch nicht allseits verehrten Person, aber zumindest verfügt er über die gleiche Schreibwut wie sein Ahn. Das Talent ist jedenfalls offensichtlich. Seit heute setzt er es als Reporter für das Kulturressort ein. Viel Erfolg!“

Hände schoben sich aus den blauen Ärmeln der Anzüge, Fingerknöchel hämmerten zögernd auf das polierte dunkle Holz. Uta Korb stand in der Fensterreihe neben den jungen Redakteuren und hielt ihre Arme unter der Brust verschränkt.

3

Bis zu dem Abend, an dem ich begann aufzuschreiben, was mir geschah, hatte ich den Arbeitsplatz in meiner Wohnung gemieden. Über dem spiegelnden Annex des Schreibtisches, der sich kühn an der Wand entlang zog, reihten sich in zwei Reihen wuchtige schwarze Lexika. Weiße, blaue und gelbe Wörterbücher lehnten aneinander.

Am Ende der Reihe wusste ich einen schwarzen Lederrücken, auf dem ineinander verschlungene Goldbuchstaben glänzten: Die Heilige Schrift. Von den vorderen und hinteren Einbandseiten war die schwarze Farbe auf dem genoppten Leder der Lutherbibel aus dem Jahr 1881 abgestoßen. Aus dem Goldschnitt der Seiten ragten Zeitungsfetzen; sie markierten Stellen, die seiner einstigen Besitzerin wichtig gewesen waren. Ich hatte sie nicht nachgeschlagen. Dieser Versuchung musste ich widerstehen. Ruths einziger Nachlass. Im Vorübergehen glaubte ich manchmal, neben dem sanften Geruch von Leder einen zweiten zu bemerken. Ich verbat mir, daran zu denken. Ich war noch nicht weit genug entfernt. Irgendwann würde ich dorthin zurückgehen, um mich davon loszuschreiben, so hoffte ich.

In diesem frühen Moment, versunken in ein Nichts, einen lichterlosen, stillen Raum, erschien mir die Abwesenheit von allem bereits als ein kleiner Zipfel der Erlösung. Würde ich ihn je zu fassen bekommen?

Ich betrachtete den Bildschirm, als erwarte ich, von dort zu erfahren, wann ich den Mut aufbrachte, mich zu bücken, den Rechner einzuschalten. Ich drückte auf den Kippschalter. Der Bildschirm begann zu leuchten, ich rief einen neuen Ordner auf und trug einen Namen ein: Herr Werner. Arbeitstitel.

*

Ich stellte mich vor den Kachelofen im Wohnzimmer meiner Eltern, vor 40 Jahren, sieben Jahre alt, zu schnell gewachsen und für mein Alter zu groß und zu schwer, der Kopf ein in die Länge gezogenes Viereck, die Handgelenke schmal. Ich sah als Kind aus wie ein Koffer. Ich wollte mich nicht erinnern, ob ich zu meiner Mutter Mama gesagt hatte, zu meinem Vater Papa.

Die unschuldigsten Worte, die Menschen kennen, hielt ich unter dem Schwarz vergraben.

Ich redete mir ein, nicht anders gekonnt zu haben. War das ein Reflex auf den Schmerz über den Verlust? Der kommt immer unerwünscht. Er ist so wenig beeinflussbar wie Geburt und Tod. Er gehört wozu? Zum Leben? Wie Vater, wie Mutter?

Das Verlangen, ihre Bilder mit einem tiefen Schwarz zu versiegeln, erschien mir wie eine verborgene Linie, der ich folgte. Sie führte mich am Ende als Weißraumversiegler in die Redaktion der Tageszeitung Sundbote nach Stralsund und schließlich zu mir selbst.

Als ich diese Erinnerungen aufzuschreiben begann, wusste ich mit dem Wort „Weißraumversiegler“ nichts anzufangen.

Jeanne hatte es erfunden. Es war eines der Worte, die ihre Wahrhaftigkeit verrieten, die zu unterdrücken sie sich untersagte, sie gehörte zu ihr.

Ich greife vor. Das wollte ich mir nicht erlauben.

Um mich zu finden, musste ich getreulich eines zum anderen fügen. Mit den weißen Bildern des Todes, die unter dem Schwarz lauerten, würde ich beginnen. Ich musste die Versieglung lösen. Schicht für Schicht.

Ich begann, die Erinnerung an ein Gemälde aufzuschreiben. Das war nicht schwer.

Es war das einzige Bild, das sich unversiegelt in meinem Gedächtnis gehalten hatte. Nur das Gemälde von Auguste Renoir hatte mich stets begleitet. Ginge mir die bonbonbunte Kopie des „Frühstücks der Ruderer“ in meinen Erinnerungen verloren, schwärzte ich sie etwa aus Versehen, würde ich sterben, glaubte ich.

Das Ölbild, groß wie die Fenster alter Berliner Häuser, hing im Wohnzimmer meiner Eltern über einer gelben Tapete, auf der sich breite braune Linien umeinander rankten. Das Bild wirkte vor dem traurigen Braun und Gelb fröhlich, die Farben verwaschen. Es regte schon früh meine Fantasie an. Ich dachte mich in das Bild hinein und prüfte, zu wem der Frauen ich mich im bunten Reigen der Ruderer hingezogen fühlte. Ich erkannte: zu allen.

Als mich später, viel später, die Suche nach dem Original nach Washington führte, entdeckte ich, dass ich in der stümperhaften Kopie von Renoirs Meisterwerk im Wohnzimmer meiner Eltern nur gesehen hatte, was ich sehen wollte. Das „Frühstück der Ruderer“ war zu meinem Bild geworden. Der Frauen wegen.

Von den Männern auf dem Gemälde blieben nur Schatten. Aber von den Frauen würde mir keine verloren gehen. Daran hielt ich fest. Die Fantasie eines Kindes kennt keine Grenzen.

Ich löste Renoirs Modelle aus der Welt meiner Träume, um nach ihnen in der Realität zu suchen. Ich wurde fündig. Die Frauen auf dem Gemälde blieben mir stets gegenwärtig, um mir schließlich im wirklichen Leben zu begegnen. Eine nach der anderen. Sie halfen mir, zu überleben. Jede auf ihre Weise.

Mit Jeanne nahm das verfemte Wort Hoffnung eine Gestalt an und ich füllte es mit Sehnsucht. Beruht jede Erinnerung an die Liebe am Ende auf Imagination?

Nachdem ich das Original von Renoirs „Frühstück der Ruderer“ gesehen hatte, begann ich die Farben zu korrigieren. Nicht mein Gedächtnis hatte versagt. Den Kopisten traf die Schuld. Von den Frauen auf dem Bild hatten nicht alle rote Haare. Immerhin war die Runde der fünf vermeintlich Rothaarigen vollständig.

Bei der Betrachtung des Originals stellte ich eine weitere Abweichung von der Kopie fest. Ich hatte mich auf ihr nicht finden können. Ich fühlte mich abgelehnt und dreifach verlassen: von Renoir, den Frauen und meinen Eltern.

Dagegen hatte ich auf dem Original in Washington am linken Rand des Ölbildes einen Mann entdeckt, in dem ich mich wiederfand. Zwar schmückte sein Kinn ein roter zotteliger Bart, ich dagegen hatte mir im Gesicht niemals Haare wachsen lassen. Immerhin trug ich Koteletten, die bis ans Kinn reichten.

Auch andere Details stimmten zwischen mir und dem Mann auf dem Gemälde nicht überein. Für das Gefühl hatte das keine Bedeutung.

Der Mann auf dem Bild war groß und kräftig, keinesfalls schmal und knochig wie ich. Seine Haltung war aufrecht, man kann sagen steif. Den Kopf hielt er in einer übertriebenen Pose zurückgelehnt. Ein Beobachter, der skeptisch prüft, was er sieht. Darin wiederum erkannte ich mich in dem Mann am Rand des Gemäldes. Seine ganze Aufmerksamkeit galt jener Frau, die sich gegen die Verstrebungen des Geländers über der Seine lehnte. Ihr kräftiger Unterarm lag auf dem braunen Handlauf, mit der Hand stützte sie ihren Kopf. Die vollen Lippen hielt sie eine Winzigkeit geöffnet. Die kräftigen roten Haare hingen ihr über der Stirn bis auf die breiten dunkelroten Brauen, die Augen darunter blau.

Auf Renoirs Original suchte ihr Blick einen Anderen.

Ich schloss die Datei und schaltete den Bildschirm aus.

*

Was ich mir in den Nächten von meiner Vergangenheit wegschrieb, begleitete mich jeden Morgen über den Gendarmenmarkt auf dem Weg in das neue Gebäude der Redaktion des CHRONISTEN. Es ließ mich nicht los.

Erst wenn sich die hohe Glastür über dem grauen Teppichboden am Eingang zu den Räumen der Kulturredaktion mit einem dezenten Klick schloss, fühlte ich mich sicher. Ich langte in das Fach des weißen Regals, an dem mein Name stand. Die Postfächer endeten unter der Decke des Raumes. Ich musste mich weder bücken noch strecken. Das war ein Privileg. Die beiden Sekretärinnen räumten es jenen ein, die ihnen sympathisch waren. Ich genoss die kleinen Niederträchtigkeiten des Redaktionsalltags. Sie lenkten mich von mir selbst ab.

Den Stapel mit grauen Buchpäckchen, braunen gepolsterten Umschlägen und kleinen weißen Briefen schob ich mir unter den Arm und drückte den wackligen Haufen fest gegen die Rippen. Die kleinen Briefkuverts pflegten oft aus dem Stoß herauszurutschen. Sich hinzuhocken, um sie von dem grauen Teppich aufzuklauben, war mir peinlich. Die beiden Sekretärinnen beobachteten jeden, der durch die Glastür trat, bis er in den langen Flur abbog, an dessen Weiß gestrichener Wand sich die hellbraunen Türen zu den Büros der Redakteure reihten.

„Hallo“, murmelte ich, darauf bedacht, die unsichere Last der Briefe und Pakete nicht aus dem Arm zu verlieren. Sorgsam achtete ich darauf, die beiden Frauen unter dem leichten Nicken des Kopfes gleich lang anzuschauen, um die Konkurrenz zwischen den beiden, von der jeder wusste, auch wenn niemand darüber sprach, nicht zusätzlich zu befeuern.

„Guten Morgen, Herr Marx“, rief Frau Sloniowsky. „Guten Morgen, Herr Marx,“ flötete ihre Kollegin mit falscher Liebenswürdigkeit.

Geradezu gewahrte ich durch die weit offenstehende Tür ein seltsames Bild, für das ich einen Moment lang keine Erklärung wusste. Der füllige Körper meines Kollegen Peter Franck lag, in der Hüfte abgeknickt, ausgestreckt über der weißen Schreibtischplatte. Er trug einen seiner braunen Pullover mit gezacktem Norwegermuster, dessen Bund sich weit den Rücken hinaufgeschoben hatte, das blau gestreifte weiße Hemd war aus der blauen Hose gerutscht, die Arschfalte zog sich auf der weißen Haut, von Leberflecken überzogen, in die Hose hinein. Ein irritierendes Bild. Francks kahler Kopf mit dem schmalen dunklen Haarkranz gab dem Ganzen einen seltsam verlorenen Rahmen, seine Glatze spiegelte sich auf dem glänzenden Plastik des Arbeitstisches, mit einem Ohr schien er dem Innenleben des Büromöbels zu lauschen, grotesk verzerrt krümmten sich unter der Arbeitsplatte die Hände, die er ineinander verschlang, als knete er mit ihnen Ton. Gebannt starrte ich auf das seltsame Bild. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Es war dieses Gefühl zwischen Ratlosigkeit und Anspannung, das den Alltag in der Redaktion begleitete, mit all den sinnlosen kleinlichen Konflikten, denen ich widerwillig folgte und es zugleich genoss, wenn ich tat, als würde ich mich an den Kriegen zwischen den Kollegen in den Ressorts und Chefredakteur Klein beteiligen. Es war für mich ein Spiel. Es unterbrach die Ödnis des Alltags und verdrängte zugleich die Bilder meiner Erinnerungen. So war ich nur zum Schein Sieger, ein andermal verstellte ich mich als beleidigter Verlierer; ich war immer nur Betrachter. Die Gegenwart blieb ausgespart.

Gewöhnlich versagte ich es mir, auf dem Weg den Flur hinunter zu meinem Büro, in die offenstehenden Türen hineinzusehen, ich hätte die Kollegen, die bereits an ihren Schreibtischen saßen, grüßen müssen und den Verdacht auf mich gezogen, ich würde mich dafür interessieren, was sie taten. Das war nicht üblich. Keiner tat es. Es galt den Anschein zu erwecken, als kümmere es niemanden, wann der oder jener Kollege käme oder was er tue.

Als ich an Peter Francks Tür vorüber ging und ihn mit dem Oberkörper auf seinem Schreibtisch liegen sah, fragte ich mich: Ist ihm übel? Ist er tot? Es konnte sich nur um einen Notfall handeln, und ich beschloss einzugreifen. Ich stürzte durch die Tür, griff kraftvoll in die braune kratzende Wolle von Francks Pullover, riss den gekrümmten Mann an der Schulter nach oben und fragte hastig: „Kann ich helfen, ist Ihnen schlecht?“

Franck stemmte sich dem Druck meiner Hände entgegen, presste seinen Kopf steif gegen die Tischplatte und zischte: „Weg, weg!“

Ich erschrak, trat einen Schritt hinter seinen Stuhl, ließ den Glatzkopf aber nicht aus den Augen. In den Händen hielt er ein Paket.

Ich genoss es, den Kollegen in Verlegenheit gebracht, bei einer vermutlich sehr persönlichen Angelegenheit überrascht zu haben. Womöglich eine intime Handlung. Im Rückwärtsgang, kaum dass ich die Tür erreichte, streckte sich Franck aus seiner Verrenkung, straffte den krummen Rücken zum Hohlkreuz und atmete laut aus. Er legte einen viereckigen Schuhkarton vor sich auf den Tisch. Die zerfetzten Reste braunen Packpapiers hingen hilflos von den Rändern. Er hatte die Verpackung rundum vom Paket gerissen und damit den Blick freigegeben auf den grauen Karton von ungewissem Inhalt.

„Gott sei Dank, keine Bombe!“, rief er erleichtert.

In der Redaktion galt Franck als Fachmann für den Vatikan, Diktatoren, Geheimdienste. Intime Kenntnisse über das Geschehen am Heiligen Stuhl wurden ihm zugeschrieben, da er eine Klosterschule besucht hatte. Diesem mysteriösen Detail seiner Biografie verdankte er seinen unanfechtbaren Ruf als Experte für alles Undurchsichtige, Nebulöse, Geheime. Da Chefredakteur Klein bei der personellen Umbesetzung der Redaktion mit den undurchschaubaren Kenntnissen Francks nicht gewusst hatte wohin, teilte er ihn dem Kulturressort zu, wo ihn die Ressortchefin Uta Korb im wenig geschätzten Unterressort Gesellschaft unterbrachte. Franck sah das nicht als Schmach. Der wenig schmeichelhafte, sogar verächtliche Ruf seines Fachgebietes, im Kulturressort unter Klatsch und Tratsch eingeordnet, rührte ihn nicht. Er sah sich in höherer Mission. Grausame Regime im Blick zu behalten, dazu fühlte er sich als Demokrat verpflichtet, als Journalist hatte er es sich zum Thema gewählt, es war sein Job. In den Zentralen des Bundesnachrichtendienstes, der CIA und des MI6 saßen seine Quellen. Und ihn störte nicht, dass er den Unwillen der Kollegen aus dem Politikressort auf sich zog, wenn er berechnend und lustvoll in deren Revieren wilderte. Ihn machte sicher, dass Chefredakteur Klein, der gleich Franck über Quellen im Milieu verfügte, seine Arbeit schätzte. Das nahm er als Motivation.

Franck kippte sich auf seinem schwarzen Ledersessel in die Liegelage und sah zu mir auf. In seinen großen braunen Augen spiegelte sich eine naive Freundlichkeit. Ich wusste, das war sein Trick, er musste ihn nicht einmal einstudieren. Es war eine Gabe. Franck wirkte harmlos. Ich dagegen hatte lange üben müssen, um den Missmut in meinen Gesichtszügen mit einer gewissen Arglosigkeit zu glätten und Interviewpartner mit gespielter Ahnungslosigkeit in vertrauensvoller Sicherheit zu wiegen, sie erfolgreich zu blenden.

Von den braunen Augen in Francks teigigem Gesicht und der knolligen kurzen Nase ging Wohlwollen aus. Stets schien er erstaunt, mit einem Anflug naiver, beinahe kindlicher Freundlichkeit. Es war die Natur, die ihn in einer harmlosen Wunderlichkeit erscheinen ließ. Jeder Gesprächspartner vertraute ihm seiner vermeintlichen Unkenntnis wegen. Er erfuhr von ihnen intime Details ihrer Arbeit, ihrer familiären Umstände. Dass er sie verriet, traute ihm keiner zu. Dabei lag er immerfort auf der Lauer. Wenn er es für dienlich hielt, schrieb er völlig ungehemmt über intimste Details, die er unter dem Verweis auf ihre Vertraulichkeit erfahren hatte. Diese Technik hatte ich mir von ihm abgesehen und sie perfektioniert. Francks gespielter Harmlosigkeit fügte ich eine gewisse Hilflosigkeit hinzu.

Franck verschränkte die Hände über der Bauchwölbung unter seinem Norwegerpullover und sagte: „Danke, für die Aufmerksamkeit.“ Ich erkannte sein Lauern. Er wartete darauf, einen Kommentar über seine lächerliche Bombenangst zu hören. So glaubte er, sich gegen mögliche Frotzeleien der Kollegen wappnen zu können. Es würde sie nicht geben, das wusste er so gut wie ich und jeder andere. Selbst dazu waren sich die Redakteure des CHRONISTEN zu fein. Einer misstraute dem anderen. Sich das einzugestehen, darüber zu sprechen, hätte bedeutet, dass man einen Kollegen für ebenso wichtig hielt wie sich selbst. „Keine Ursache“, sagte ich in gespielter Arglosigkeit. „Aber wenn es eine Bombe gewesen wäre, dann wären Sie jetzt sozusagen mindestens untenrum erledigt“, fügte ich süffisant hinzu. „Da haben Sie auch wieder recht“, räumte Franck ein und schaute mich nachdenklich an. „Trotzdem, danke. Übrigens“, er senkte die Stimme und wies mit seiner fleischigen rechten Hand, an dessen Ringfinger ein breiter Goldreif blitzte, nach rechts: „Die neuen Kalender sind da.“

Drei gelbe Bändchen, eines lang und schmal, das andere in eine Ringbindung gepresst, das letzte zierlich im A2-Format, lagen im Halbkreis wie Spielkarten auf der Schreibtischplatte. „Danke“, beschied ich ihm und ärgerte mich sogleich über die Höflichkeit, denn nicht Franck hatte die Kalender in den Büros verteilt, sondern Frau Sloniowsky hatte sie jedem, den sie für würdig hielt, auf den Tisch gelegt. Die große, stämmige Frau war mit den Kalendern unter dem Arm auf dem Weg in mein Büro. Ich folgte ihr. Im Gehen bewegte sie sich tastend wie ein Kamel, die schwarzen Haare hatte sie auf dem Kopf zu einem Dutt gebunden, der beim Gehen von einer Seite zur anderen schwankte.

4

Es war wohltuend, die ersten Seiten der Aufzeichnungen zu schreiben. Aber ich wusste, es würde nicht so bleiben. Ich fürchtete mich vor den Bildern, zu denen ich kommen musste. Über die Weite des Gendarmenmarktes streuten die Laternen ihr fahles Licht.

Im Dämmerlicht der Nacht vor der Reise meiner Eltern, von der sie nicht zurückkommen würden, sah ich mich mit verschränkten Armen in der breiten Tür zum Wohnzimmer stehen. Meine Mutter saß im Sessel neben dem Ofen, ihre roten Haare züngelten an den braunen Kacheln. Zierlichkeit und Pracht verschmolzen an dem Ofen mit den gelbbraunen Kacheln zu einem harmonischen Paar, zu einer Vollkommenheit, wie sie nur beste Handwerkskunst hervorbringt. Die Kacheln reckten sich in einem von Ornamenten überladenen Dreiecksgiebel gegen die Zimmerdecke, eine gelungene Mischung aus nachgeahmter Gotik und Renaissance, verziert mit filigranem rundem und spitzem Schmuckwerk. Die Gestalt eines Mannes, in dessen starke Schultern sich zu beiden Seiten die Krallen eines Adlers bohrten, krönte die Spitze des Kachelgiebels. Die weit ausladenden Schwingen des monströsen Vogels vermochten es nicht, den aufrechten Kopf des Prometheus zu beugen. Vom Giebel abwärts senkten sich die lasierten Ofensteine als Stufenpyramide, jeder Sims mit winzigen Terrakotten verziert, die auf dem dunklen ehrwürdigen Eichenparkett in einem breiten Sockel endeten. Eine schwarze Ofentür aus Gusseisen, mit Löchern versehen, verschloss das Feuerloch. Ich starrte in die Flammen. Sie wärmten nicht, aber das züngelnde Farbenspiel war mir vertraut. Die roten Haare meiner Mutter. Sie ergänzten die bonbonbunte Kopie des „Frühstücks der Ruderer“ an der Wand neben dem Ofen und geben ihr jene Wildheit zurück, die Renoir 1880 in leuchtenden Farben festhielt.

Sie lief an dem Hocker vorüber, auf den ich mich gesetzt hatte, die Beine angewinkelt, von den Armen umschlossen. Im Vorübergehen spürte ich ihre Hand auf meinen kurzen Haaren. Sie ließ sich in die wulstigen Polster des mächtigen braunen Ledersofas sinken.

Noch immer hörte ich sie wiederholen: Nur vier Wochen, nur vier Wochen.

Ich kauerte zusammengesunken neben dem Ofen auf dem quadratischen Polsterhocker, den meine Mutter benutze, wenn es sie fröstelte. Dann saß sie mit gestrecktem Rücken gegen die warmen Kacheln gelehnt. Hatte sie sich zuvor den dicken grünen Pullover mit dem kleinen spitzen Ausschnitt übergezogen, waren ihre Haare elektrisch aufgeladen und ihre roten Locken flammten an den hellen braunen Kacheln, als leckte ein Feuer von außen über den Ofen, der darunter zu verglühen drohte. Um sie hatte ich keine Angst, ich glaubte, meine Mutter sei eine Hexe und sah mich im Glück, wähnte ich sie doch mit Zauberkräften ausgestattet, mit einer Macht, die mich vor allem und jedem schützen würde. Von ihr hatte ich die Haarfarbe geerbt. Ich hoffte, sie würde mich die Magie der Verwandlung lehren und zum Hexenmeister ausbilden. Ich hatte Zauberknoten geknüpft, diese und jene Maus aus meinem Terrarium mit den dicken Glasscheiben zwischen den grünen Eisenrahmen herausgehoben und versucht, sie verschwinden zu lassen. Keiner der Knoten hatte gehalten. Die Mäuse waren entwischt und führten ihr knusperndes und vielstimmig fiependes Leben unter dem Parkett in den vorderen Räumen und unter den Dielen der hinteren Zimmer fort, überall in der Wohnung, sogar unter dem schwarz-weißen Terrazzo des Küchenbodens.

Das Rot der Haare meiner Mutter war mir nah, zog mich an, hielt mich fest. Sehe ich irgendwo dieses Rot, wird mir warm, dann kommt der Schmerz.

Sie saß neben mir, hielt mich fest an sich gedrückt, ich höre diesen Satz: Es sind nur vier Wochen. Ich sah an ihr vorbei. Mich blendete der mächtige Goldrahmen an der Wand, der die grelle Farbigkeit der Renoir-Reproduktion billig umglänzte; ein wirklich grausames Duplikat.

Aber es hatte seine Bedeutung für mein Leben erhalten.

Wie sehr, das fiel mir erst auf, als ich mich dabei ertappte, wie ich als Heranwachsender die Bekanntschaft mit Menschen suchte, deren Aussehen den Modellen Renoirs im Bild nahekamen, im Idealfall entsprachen, jedenfalls der weibliche Teil des Tableaus.

Hingegen wirkte das „Schokoladenmädchen“ seltsam fremd und abweisend, ein Kunstdruck des Bildes mit der schwarzen schlanken Schönen von Liotard, das in den Sechzigerjahren viele Wohnzimmer schmückte, auch das meiner Eltern. Zwar gebrach es der Dargestellten nicht an Attributen ihrer Dienstbarkeit, aber dem Bild fehlte jeder Bezug zu meiner Welt. Denn mir misslang trotz eifrigen Bemühens, mir Lisa, die kleine runde Haushalthilfe meiner Eltern, die ich heimlich beobachtete, als verführerische Schönheit vorzustellen. Das schlanke Mädchen auf der gelben Tapete mit den braunen in sich verschlungenen Linien neben den weißen Gardinen des Fensters erschien mir fremd und unpassend, auch wenn es ihr an Anmut nicht gebrach. Es passte nicht zu den nackten Zweigen der Platanen, die vor den Fenstern unserer Wohnung in der Wallstraße über den Putz schrammten, als buhlten sie gleich einer Horde Katzen darum, hereingelassen zu werden.

„Die Freiheit führt das Volk an“, eine weitere Kopie im Wohnzimmer, die sich mein Vater oft nachdenklich ansah, wenn er in einem der wuchtigen Sessel saß. In dem Bild hatte ich nichts entdeckt, das mich anzog, abgesehen von der entblößten weißen Brust der Frau über der Barrikade, deren runde Weichheit erste Lust in mir weckte; des nackten Busens wegen. Die harten Züge im Gesicht der Frau hatten dagegen die Hitze in meinem Körper gelöscht, sooft ich das Bild betrachtete, und das tat ich häufig, wenn ich allein in der Wohnung war. Seit mein Vater, der das Bild in Auftrag gegeben und seine Entstehung kritisch überwacht hatte, mit einem schrägen Nicken des Kopfes wie nebenher den Namen der Frau mit der milchweißen Brust verraten hatte: Marianne, war die Abkühlung der Gefühle in ein anderes gewachsen, wovon ich nicht wissen konnte, dass es die Intimität des Namens war, die mich lockte. Seitdem war ich stets zu dem Bild mit der Sehnsucht gegangen, ein Lächeln möge den Grimm aus dem Gesicht der hohen Gestalt der Französin löschen. Es geschah nicht. Rasch wandte ich mich ab. Die Begierde blieb.

Der bevorzugte Platz an den vergangenen drei Tagen allein in der Wohnung meiner Eltern war vor dem „Frühstück der Ruderer“. Heute schäme ich mich dafür, zuzugeben, dass ich es genoss, ungestört die Malerei betrachten zu können, ohne die Angst, überrascht zu werden. Ich weiß, dass ich damals, in diesen stillen Momenten und trotz der schmerzenden Einsamkeit diesen Gedanken nicht obszön fand. Ich schwelgte in meinen Fantasien und wünschte mir, dass mich endlich die vierzehn Frauen und Männer, die sich in der mit laienhafter Farbigkeit überzogenen Kopie des Gemäldes versammelt hatten, in ihre Runde über der Seine in Paris aufnahmen. Aber sie wandten sich immer nur sich selbst zu. Ich stellte mich vor das Ölbild und versuchte herauszufinden, wovon die Ruderer in den weißen Turnhemden mit den Mädchen in den bunten Kleidern auf der Terrasse über dem Wasser sprachen. Eine der Rothaarigen trug eine weiße Bluse. Ich zögerte, nach ihr zu fassen. Dann tat ich es und erschrak. Der Farbauftrag unter den Fingern fühlte sich kalt und rau an.