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Die erfolgreiche Rechtsanwältin Laura kümmert sich nach dem Tod ihrer Schwester um deren Kinder. Anfangs fühlt sie sich mit dieser Aufgabe völlig überfordert. Aber sie liebt die drei Kinder und möchte ihnen ein schönes Zuhause bieten. Als wäre das alles nicht schwierig genug, bereitet ihr der neue Nachbar auch noch Ärger. Doch dann taucht Kater Kasimir auf. Plötzlich ist alles anders, und bald glaubt sogar die vernünftige Laura, dass es Weihnachtswunder geben kann.
Ein zauberhafter Weihnachtsroman mit einer romantischen Liebesgeschichte und dem eigenwilligen Kater Kasimir
Mit Rezepten für Weihnachtspunsch und Wintergebäck
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Epilog
Über das Buch
Die erfolgreiche Rechtsanwältin Laura kümmert sich nach dem Tod ihrer Schwester um deren Kinder. Anfangs fühlt sie sich mit dieser Aufgabe völlig überfordert. Aber sie liebt die drei Kinder und möchte ihnen ein schönes Zuhause bieten. Als wäre das alles nicht schwierig genug, bereitet ihr der neue Nachbar auch noch Ärger. Doch dann taucht Kater Kasimir auf. Plötzlich ist alles anders, und bald glaubt sogar die vernünftige Laura, dass es Weihnachtswunder geben kann.
Ein zauberhafter Weihnachtsroman mit einer romantischen Liebesgeschichte und dem eigenwilligen Kater Kasimir
Mit Rezepten für Weihnachtspunsch und Wintergebäck
Über die Autorin
Elke Schweizer hat 2007 ihr erstes Buch veröffentlicht. Seither hat sie unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche Liebesromane verfasst. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Düsseldorf. Sie hat selbst drei Katzen, die ihr lebhafte Inspiration für den Weihnachtskater bieten. Elke Schweizer liebt es außerdem, zu backen und zu kochen.
Elke Schweizer
Der Weihnachtskater
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Marion Labonte, LabontextTitelmotive: © Dora Zett/shutterstock und © voidframes/shutterstockUmschlaggestaltung: Tanja ØstlyngeneBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-1040-0
luebbe.delesejury.de
An einem sonnigen Morgen im Juli kam der kleine Kater zusammen mit seinen drei Geschwistern zur Welt. Mehr als fünf Wochen lang war sein junges Leben schön und unbeschwert. Er spielte mit seinen Brüdern und seiner Schwester auf dem Bauernhof, seine Mutter umsorgte ihn. Gerne schlief er in dem Heuschober, in dem er zur Welt gekommen war, oder auch draußen in der Sonne. Doch dann, von einem Tag auf den anderen, wurde alles anders.
»Den will ich haben.« Das kleine Mädchen hob den kleinen Kater hoch, drückte ihn sanft an sich. »Bitte, bitte, darf ich den mitnehmen?« Es sah flehend zu ihren Eltern auf.
»Nein, das geht nicht«, wandte die Bäuerin ein. »Die Kätzchen sind nicht einmal sechs Wochen alt. Sie sollten mindestens acht bis neun Wochen bei ihrer Mutter bleiben.«
Das Mädchen war tief betrübt. Sein Bruder griff nach dem kleinen Kater. Seine Finger waren nicht so liebevoll und zärtlich, sondern bohrten sich in das Fell des Tieres.
Der Kater ließ ein böses Fauchen hören.
Der Junge lachte. »Guck mal, Meike, der denkt, er wäre ein Tiger.«
»Lass ihn in Ruhe.« Meike drückte die Handvoll Kater an sich. »Der gehört mir.«
»Wie gesagt, der muss noch ein bisschen bei seiner Mutter bleiben«, meldete sich die Bäuerin erneut zu Wort.
»Entweder nehmen wir das Vieh sofort mit oder überhaupt nicht.« Der Vater des Mädchens und der beiden Jungen zeigte deutlich seine Ungeduld.
Der Bauer kam dazu. Offensichtlich hatte er die letzten Worte des Mannes vernommen. »Nehmen Sie ihn mit, Herr Rohnen. Ich bin froh, wenn wir einen von denen los sind.«
Seine Frau sagte nichts mehr, und so zog Meike überglücklich mit ihrem eigentlich noch viel zu jungen Tier los.
Der kleine Kater vermisste seine Mutter und seine Geschwister. In der ersten Nacht suchte er miauend nach ihnen, bis Meikes Mutter ihn im Wohnzimmer einsperrte, das für ihn fremd aussah und roch. Er fühlte sich einsam, und dann meldete sich auch noch ein dringendes Bedürfnis.
Dieses flauschige Ding auf dem Boden schien der angemessene Platz zu sein, um ein Häufchen und eine Pfütze zu hinterlassen. Sosehr er aber auch kratzte, verbergen konnte er das Malheur nicht.
Als Meikes Mutter das am nächsten Morgen sah, schrie sie sehr laut, gab ihm zur Strafe einen festen Klaps und sperrte ihn in den Keller. Zusammen mit einer Sandkiste, einer Dose Futter und einem Teller voller Milch.
Woher sollte der kleine Kater auch wissen, dass die köstliche weiße Flüssigkeit ihm nur weitere Probleme bescherte? Er bekam davon Durchfall. Instinktiv suchte er die Sandkiste auf, schaffte es aber nicht ganz.
»Wir können dieses Vieh nicht behalten«, sagte Petra Rohnen nach ein paar Tagen.
»Aber er war Meikes Geburtstagsgeschenk«, wandte ihr Mann ein. Als der Kater an ihm vorbei aus dem Keller huschen wollte, versetzte er ihm einen festen Tritt. Der kleine Kater flog mit der Seite gegen die Kante der Sandkiste und stieß ein lautes Miauen aus.
»Sie kümmert sich doch kaum um ihn«, sagte Petra Rohnen. »Und die Jungen haben ohnehin kein Interesse an ihm. Wir bringen ihn zurück.«
Der Mann schüttelte den Kopf und erinnerte sie an das Ultimatum, mit dem er die Herausgabe des Katers erzwungen hatte.
»Aber weg muss er.«
»Ja, er muss weg«, stimmte er seiner Frau zu.
Der kleine Kater fauchte, als Hubert Rohnen grob nach ihm griff, ihn in einen Karton sperrte und diesen ins Auto trug. Genauso wie wenige Tage zuvor, als der Kater von seiner Familie getrennt worden war.
Herr und Frau Rohnen fuhren lange mit dem Kater durch die Gegend, zuerst über die Autobahn, dann durch abgelegene Dörfer. In Windungen zog sich die Straße schließlich durch die hügelige Landschaft, bis Hubert Rohnen an einer Abzweigung in einen schmalen Feldweg einbog.
Er blickte sich sorgsam um, bevor er den Karton aus dem Kofferraum nahm, ihn unsanft abstellte, öffnete und umkippte. Der Kater fiel hart zu Boden, rappelte sich aber wieder auf und schaute sich verängstigt um.
»Hau ab! Verschwinde!« Hubert Rohnen klatschte in die Hände und trat auf ihn zu. Der Kater wich zurück.
»Bist du sicher, dass wir weit genug gefahren sind?«, fragte seine Frau.
»Der findet nie zurück«, erwiderte der Mann mitleidlos.
»Und was sagen wir Meike?«
»Wir kaufen ihr einen Wellensittich«, schlug Hubert Rohnen vor. »Der macht nicht so viel Dreck und Arbeit. Und ist immer schön eingesperrt.« Er lachte belustigt. Dann stiegen er und seine Frau in das Auto und fuhren erleichtert davon.
Der kleine Kater stieß einen klagenden Laut aus, als er allein war. Früher hatte er damit seine Mutter herbeigerufen, doch jetzt blieb alles still. Nichts war zu hören außer dem Zwitschern der Vögel. Niemand kam.
Er wartete eine ganze Weile, rief noch ein paarmal, vergeblich. Einsam setzte er sich in Bewegung.
Er trank aus einem kleinen Bach, Fressen aber fand er nicht. Irgendwann kam er zu einem abgeschiedenen Bauernhof. Erwartungsvoll lief er durch das Hoftor, blieb aber wie angewurzelt stehen, als ein Hund auf ihn zustürmte. Als er die Bedrohung erkannte, war es bereits zu spät: Zähne bohrten sich tief in sein Fell. Er schrie auf vor Schmerz.
»Hektor!«
Der Hund gehorchte sofort und ließ seine Beute fallen. Der kleine Kater lief davon, so schnell er konnte. Sein Instinkt trieb ihn voran, doch dann wurden seine Schritte langsamer. Er schleppte sich voran. Immer weiter, bis er nicht mehr konnte. Der Schmerz in seiner Flanke nahm zu, und er fühlte sich unendlich müde.
Er versteckte sich unter einem Strauch, rollte sich zusammen. Dann schloss er die Augen …
Lauras hohe Absätze klackten auf dem Boden des altehrwürdigen Gerichtsgebäudes. Obwohl sie es eilig hatte, nachdem ein Mandant sie bereits am frühen Morgen in ein langes Gespräch verwickelt hatte, hielt sie einen Moment inne.
Sie hatte beinahe täglich Termine im Landgericht, aber jedes Mal, wenn sie das Gebäude betrat, erschauderte sie im ersten Moment immer noch ehrfürchtig.
Mehr als dreißig Meter erhob sich die Eingangshalle über ihr, getragen von Sandsteinsäulen, dazu die geschwungenen Zwillingswendeltreppen, die zu den emporeartigen Umgängen in den oberen Etagen führten. Laura ließ ihren Blick über die Geländer und Gitter gleiten, die allesamt Rokokoelemente aufwiesen. Sie atmete einmal tief durch und setzte sich wieder in Bewegung, begleitet vom Klacken ihrer Schuhe auf den Originalfliesen mit dem Emblem der königlichen Krone.
In der linken Hand trug sie ihre Aktentasche, über den rechten Arm hatte sie ihre Anwaltsrobe gelegt, die sie gleich über ihr hübsches Sommerkleid ziehen würde. Ihre dunklen Haare hatte sie aufgesteckt, doch sie spürte bereits jetzt, dass sich wieder einige Strähnen lösten.
Während sie die Treppe hinaufstieg, ging sie in Gedanken den Prozess durch. Insbesondere die heutige Verhandlung würde schwer werden, aber sie war gut vorbereitet. Allerdings galt das ganz sicher auch für den Anwalt der Gegenseite, Boris Schäfer. Er war ein hervorragender Anwalt – er selbst bezeichnete sich gerne als Berlins besten –, und Laura nahm es immer als sportliche Herausforderung, wenn sie in einem Fall gegen ihn antrat.
Benedikt hingegen, mit dem sie Tisch, Bett und eine erfolgreiche Anwaltskanzlei teilte, konnte Boris Schäfer nicht ausstehen. Er nahm jede Niederlage gegen den Kollegen vor Gericht sehr persönlich.
Laura lächelte bei dem Gedanken daran. Sie war sicher, dass sie heute für ihren Mandanten den Sieg erringen würde – vor allem, nachdem sich gestern ein neuer Zeuge bei ihr gemeldet hatte.
Boris Schäfer würde protestieren, weil sie diesen Zeugen nicht angemeldet hatte und gleich kurzfristig aufrufen lassen wollte. Aber sie war sicher, dass Richter Carsta ihrem Antrag stattgeben würde.
In diesem Moment klingelte ihr Handy. Sie zog das Gerät aus ihrer Handtasche. Tante Agnes verkündete das Display.
»Oh nein, nicht jetzt«, sagte Laura genervt und drückte den Anruf kurzerhand weg.
»Schlechte Nachrichten, Frau Kollegin?« Boris Schäfer, der plötzlich neben ihr stand, grinste sie an. Er trug einen teuren Anzug, perfekt geschnitten und ganz bestimmt nicht von der Stange, dazu ein helles Hemd. Der Clou aber war wie immer seine Krawatte. Laura konnte nicht anders, als unverwandt auf die Scheußlichkeit zu starren. Gelbe, grüne, türkise und blaue Mondgesichter in unterschiedlichen Größen tummelten sich auf rotem Grund. Das Teil übertraf alles, was er sich jemals um den Hals gebunden hatte. Die Krawatten waren, neben Boris’ unbestrittener Fähigkeit als Anwalt, inzwischen sein Markenzeichen geworden. Aber wieso wählte ein Mann, der bei der Wahl seiner Anzüge einen ausgezeichneten Geschmack bewies, derart grässliche Modelle?
Boris Schäfer grinste selbstgefällig und strich mit der Rechten über seine Krawatte. »Gefällt sie Ihnen?«
»Äh …« Mehr fiel Laura nicht ein.
Boris Schäfer schien aber nicht an einer Antwort interessiert. »Ich geh dann mal, Frau Kollegin. Viel Glück«, rief er ihr zu. »Das werden Sie nämlich brauchen.«
Laura nickte lediglich zur Antwort, während in ihr die Vorfreude wuchs. Er war es, der Glück brauchte. Sie hatte diesen Zeugen, von dem er noch nichts wusste und der Boris’ gesamte Argumentation zunichtemachen würde.
In diesem Moment meldete ihr Handy den Eingang einer SMS. Von Tante Agnes. Laura öffnete sie eilig. Du musst kommen, stand dort. Sofort! Jemand muss sich um die Kinder kümmern. Ich kann nicht mehr!
Laura starrte darauf. Die Nachricht kam überraschend, bisher hatte sie geglaubt, dass Tante Agnes die beste Lösung für die Kinder war.
Weil ich es glauben wollte, schoss es ihr durch den Kopf. Weil es vor allem für mich am besten war und ich nicht mehr darüber nachdenken musste. Du hast gar nicht versucht, eine andere Lösung zu finden …
Mit voller Wucht meldeten sich die Schuldgefühle in ihr. Natürlich hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass die Lösung mit Tante Agnes nur eine vorübergehende war. Aber sie hatte sich einfach nicht damit auseinandersetzen wollen, auch um den Schmerz zu verdrängen, der seit einem halben Jahr in ihr rumorte.
»Verdammt, Tante Agnes«, flüsterte sie. »Kannst du nicht noch ein halbes Jahr durchhalten?«
Ein völlig unsinniger Gedanke, das war Laura durchaus klar. Was genau sollte in einem halben Jahr anders sein als heute? Mal abgesehen davon, dass sie ein weiteres halbes Jahr Zeit hätte, ihren Schmerz und das Problem zu ignorieren, für das sie jetzt eine Lösung finden musste. Kurzfristig, wenn sie Tante Agnes’ SMS richtig deutete.
Ich weiß nicht, was ich machen soll! Angst ergriff sie, und das Gefühl der Überforderung. Sie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Früher hätte sie einfach zum Telefon gegriffen, ihre Schwester angerufen und sie um Rat gefragt. Aber Anette war nicht mehr da …
Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel. Laura wischte sie hastig weg, bevor eine ganze Flut folgen würde, die sie nicht mehr stoppen konnte. Sie stand immer noch gedankenverloren auf der Treppe des Gerichts, als Benedikt plötzlich neben ihr auftauchte und sanft ihren Arm berührte. »Mein Termin ist ja erst in einer Stunde, aber solltest du nicht längst im Gerichtssaal sein?«
»Benedikt, ich …« Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, dass er ihre Gefühle nicht verstehen würde. Weil es ihn einfach nicht interessierte, was in Tannreuth und mit den Kindern passierte. In seinen Augen war es ihre Familie, und damit auch ihr Problem. Benedikt hatte es ihr nie direkt so gesagt, aber unterschwellig schwang es in seinen Worten und in seiner Stimme mit, jedes Mal, wenn sie mit ihm darüber reden wollte.
Aber jetzt musste er es zumindest zur Kenntnis nehmen, auch wenn ihr klar war, dass er damit nicht einverstanden sein würde: »Ich muss nach Tannreuth.«
Benedikt hatte in den Jahren seiner Anwaltstätigkeit gelernt, seine Mimik unter Kontrolle zu halten. Auch jetzt war ihm nicht anzusehen, was er dachte. »Lass uns heute Abend darüber reden«, sagte er lediglich.
»Heute Abend bin ich längst in Tannreuth. Du musst meine Termine übernehmen und …«
»Nicht jetzt und nicht hier auf der Treppe«, fiel er ihr unwirsch ins Wort. Damit ließ er sie einfach stehen.
Laura blickte ihm nach. Sein Verhalten ärgerte sie, half ihr aber zugleich ein wenig, ihre Gedanken auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag: die Verhandlung. Um alles andere würde sie sich im Anschluss kümmern. Sie atmete tief durch und stieg entschlossen die Treppe hinauf.
»Wie schön, dass Sie es auch noch einrichten konnten, Kollegin Strohner.« Richter Carsta schaute sie über den Rand seiner Brille hinweg strafend an.
»Ich habe doch gesagt, dass sie schon im Haus ist.« Boris Schäfer grinste.
»Entschuldigung«, murmelte Laura und nahm neben ihrem Mandanten Platz.
»Das wurde aber auch Zeit«, zischte Lothar Keeler nervös. Für ihn hing viel von diesem Termin heute ab.
Jemand muss sich um die Kinder kümmern. Ich kann nicht mehr!, regte sich Agnes’ Mitteilung in Lauras Kopf. Sie schob ihn beiseite. Jetzt war zunächst einmal Lothar Keeler auf ihre Hilfe angewiesen.
Die Kinder sind es aber auch …
Laura sah zu Boris Schäfer. Er saß ihr direkt gegenüber und betrachtete sie mit offensichtlicher Schadenfreude, als spüre er bereits jetzt den Triumph über den vermeintlichen Sieg. Ebenso wie sein Mandant, Ulrich Teucke, der feixend neben ihm saß, die Arme über seinem dicken Bauch verschränkt.
Es war genau diese Selbstgefälligkeit, die Laura jetzt half, sich zu fokussieren. Sie suchte Boris Schäfers Blick und sah ihn direkt an, während der Richter die Verhandlung eröffnete. Kaum dass er geendet hatte, meldete sie sich zu Wort. »Herr Vorsitzender, ich möchte einen weiteren Zeugen benennen.«
Der hastige Blickwechsel zwischen Boris Schäfer und Ulrich Teucke entging ihr nicht.
»Einspruch«, sagte Boris Schäfer. »Die Gegenseite hatte Zeit genug, nicht nur Fakten, sondern auch Zeugen zu benennen. So kurzfristig …«
»Es handelt sich um einen Zeugen, der sich erst gestern gemeldet hat«, fiel Laura ihm ins Wort. »Und er hat Wesentliches zu diesem Fall beizutragen.«
Boris Schäfer nahm auch das nicht widerspruchslos hin. »Alle wichtigen Punkte liegen dem Gericht bereits vor.«
»Offensichtlich nicht! Bei dem Zeugen handelt es sich um einen ehemaligen Mitarbeiter der Gegenseite. Er kann bestätigen, dass Herr Teucke wissentlich schadhafte Radlager an meinen Mandanten verkauft hat. Ich beantrage hiermit, dass Herr Mark Brandauer als Zeuge zugelassen wird.« Zu Lauras Zufriedenheit zuckte Ulrich Teucke sichtlich zusammen und ließ seine vor der Brust verschränkten Arme sinken, als sie den Namen nannte.
»Ausgerechnet der«, polterte er sogleich. »Der will sich doch nur an mir rächen, weil ich ihn entlassen habe.«
»Wir werden sehen«, erwiderte Richter Castra. »Jedenfalls will ich den Zeugen hören.«
Laura hatte genau diese Antwort erwartet, war aber dennoch erleichtert. Auch ihr Mandant neben ihr wirkte jetzt entspannter und lächelte ihr zu.
Das Verfahren war danach schnell vorbei. Der Zeuge sagte nicht nur gegen Ulrich Teucke aus, er konnte seine Aussage auch durch entsprechende Papiere belegen. Danach knickten auch die Entlastungszeugen ein, die Boris Schäfer benannt hatte. Keiner von ihnen wollte sich eine Strafe wegen einer Falschaussage einhandeln.
Lothar Keeler bedankte sich auf dem Gang überschwänglich bei Laura, bevor er das Gerichtsgebäude verließ. Unmittelbar danach traten Ulrich Teucke und Boris Schäfer aus dem Gerichtssaal.
Ulrich Teucke rauschte wortlos und mit wütender Miene an Laura vorbei, Boris Schäfer jedoch trat lächelnd zu ihr. »Glück gehabt, liebe Kollegin.«
Laura ärgerte sich über seinen gönnerhaften Ton. »Ich verlasse mich nicht auf mein Glück, sondern arbeite lieber sorgfältig«, gab sie spitz zurück. Benedikt hätte eine solche Antwort zur Weißglut getrieben, doch Boris Schäfer legte nur den Kopf in den Nacken und lachte laut auf. »Gute Arbeit, liebe Kollegin. Ich freue mich auf den nächsten Schlagabtausch mit Ihnen vor Gericht.« Damit verabschiedete auch er sich.
Laura blickte ihm nach. So schnell wird es dazu nicht kommen, dachte sie niedergeschlagen. Unsinn!, schalt sie sich gleich darauf selbst. Sie würde eine Lösung finden, die allen gerecht wurde.
Benedikt war noch nicht da, als sie die Kanzlei betrat. Sie nutzte die Zeit, um ihre wichtigen Termine in seinen Kalender zu übertragen und ihm die entsprechenden Unterlagen zusammenzustellen. Danach beauftragte sie Luisa Karminer, die Mandanten entsprechend über die Änderung zu informieren.
Nach einem kurzen Blick auf den Planer rief die Bürovorsteherin empört aus: »So geht das aber nicht! Der arme Herr Carstens kann doch nicht auch noch Ihre ganzen Termine übernehmen. Er …«
Laura stöhnte innerlich auf. Sie hatte sich schon oft darüber geärgert, dass Luisa Karminer sich vor allem als Benedikts Mitarbeiterin betrachtete. Nie hätte sie gewagt, eine seiner Entscheidungen infrage zu stellen, gegenüber Laura aber nahm sie sich diese Freiheit immer wieder heraus. Aber zum ersten Mal nahm Laura es nicht zähneknirschend hin. »Machen Sie einfach, was ich Ihnen sage«, fiel sie ihr grob ins Wort.
Luisa Karminer starrte sie an. Für sie war es eine völlig neue Erfahrung, dass Laura die Chefin herauskehrte. Für Laura allerdings auch – und sie musste zugeben, dass es ihr unglaublich guttat. Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht?, dachte sie überrascht.
Luisa hingegen wirkte weniger zufrieden, ihr Mund klappte auf und zu, sie brachte jedoch keinen Ton hervor. Mit beleidigter Miene drehte sie sich auf ihrem Bürostuhl herum und begann, auf die Tastatur ihres Computers zu hämmern.
Laura ging ohne ein weiteres Wort zurück in ihr Büro und rief Tante Agnes an. Sie gab sich kurz der Hoffnung hin, das Problem am Telefon lösen zu können. Für die Kinder war Tante Agnes wirklich die beste Lösung …
»Hallo, hier ist Laura. Was ist denn passiert?«, fragte sie, nachdem ihre Tante das Gespräch nach dem ersten Klingeln angenommen hatte.
»Nicht jetzt! Nicht am Telefon! Du musst kommen, sofort.« Laura bemerkte die Unerbittlichkeit in der Stimme ihrer Tante und kannte sie gut genug, um zu wissen, dass jegliche Diskussion zwecklos war.
Damit blieb nur eine Option. »Okay, Tante Agnes, wenn es wirklich so dringend ist, komme ich. Ich fahre in einer Stunde los. Es wird aber spät, bis ich in Tannreuth ankomme«, sagte sie. Etwas mehr als acht Stunden würde sie für die Fahrt von Berlin in das kleine Schwarzwalddorf brauchen.
»Danke. Ich bin froh, dass du kommst«, sagte Tante Agnes jetzt sanfter. »Wenn es zu spät wird, lege ich den Hausschlüssel unter die Hausmatte. Und etwas zu essen stelle ich dir auch noch hin.« Sie wünschte ihr eine gute Fahrt, dann verabschiedete sie sich und beendete das Gespräch.
Laura verharrte auf der Stelle, das Telefon in der Hand. All die Bilder, die sie in dem letzten halben Jahr mit sehr viel Arbeit übertüncht hatte, liefen im Zeitraffer an ihrem inneren Auge vorbei. Der Unfalltod ihrer geliebten Schwester Anette und ihres Schwagers Daniel. Der Schock über den plötzlichen Verlust. Die Beerdigung. Der Schmerz, vor allem in Tannreuth, wo alles an ihre Schwester erinnerte. Die Sorge um die drei Kinder.
Und dann die Erleichterung, als Tante Agnes sich bereit erklärte, zu helfen. Als Schwester von Lauras und Anettes Mutter war sie zugegebenermaßen auch die einzige Verwandte, da weder Lauras und Anettes noch Daniels Eltern noch lebten.
Laura selbst konnte sich nicht um die Kinder kümmern, die im tiefsten Schwarzwald lebten. Sie wollte es auch nicht. Ihr Leben fand in Berlin statt, hier in der Großstadt. Hier waren ihre Arbeit, Benedikt und ein paar Freunde, die sie hin und wieder traf. Keine engen Freunde, so wie Sonja, die sie seit der Schule kannte, aber die lebte seit zwei Jahren in New York.
»Luisa Karminer hat mir gerade gesagt, dass ich deine Termine übernehmen soll«, durchbrach Benedikt, der mit gereizter Miene ihr Büro betrat, ihre Gedanken.
»Ich muss nach Tannreuth«, erwiderte Laura so ruhig wie möglich.
»Das geht jetzt nicht. Ich muss mich in den nächsten Tagen auf den Mangold-Prozess vorbereiten, da kann ich nicht auch noch deine Termine übernehmen.«
»Dann soll Luisa Karminer meine Mandanten anrufen und sie bitten, sich einen anderen Anwalt zu suchen.« Laura sagte das nicht, um Benedikt zu ärgern, aber es gab schlicht keine andere Lösung.
»Was soll der Unsinn? Wir können unsere Mandanten doch nicht wegschicken!«, rief Benedikt wütend.
Laura hob hilflos die Hände und ließ sie wieder fallen. »Aber was soll ich denn machen? Ich kann Tante Agnes nicht im Stich lassen! Sie und die Kinder brauchen mich. Und wenn du die Mandanten nicht übernehmen kannst …«
»Es sind nicht deine Kinder. Du bist für sie nicht verantwortlich«, erwiderte er hart. »Aber es sind deine Mandanten.«
Laura war geschockt. »Wie kannst du nur so herzlos sein?«, stieß sie hervor. »Es sind die Kinder meiner Schwester, Benedikt! Ihre Eltern sind tot! Und sie brauchen mich. Natürlich fahre ich heute nach Tannreuth.«
»Ich verbiete es dir!«
Laura starrte ihn an, während sich die Wut in ihr mit einer solchen Macht ausbreitete, dass es ihr sekundenlang den Atem nahm. »Was fällt dir ein?«, flüsterte sie heiser. »Ich brauche deine Erlaubnis nicht, wenn ich mich um meine Familie kümmern will. Und nein, es ist mir nicht egal, wenn wir Mandanten wegschicken müssen, aber das hier geht nun einmal vor.« Laura griff nach ihrer Handtasche und verließ ohne ein weiteres Wort ihr Büro. Benedikt versuchte nicht, sie aufzuhalten, doch seine Miene spiegelte die Wut, die sie selbst empfand. Eigentlich hatte sie ihm noch erklären wollen, welche Vorgänge vorrangig bearbeitet werden mussten, doch sie war außerstande, mit ihm zu reden, zumal er offenbar kein Interesse daran hatte, ihre Fälle zu übernehmen.
Wütend stieg sie die Treppe in ihre Wohnung hinauf, die sich praktischerweise in der Etage über der Kanzlei befand. Es war die einzige Privatwohnung in dem Townhouse am Hausvogteiplatz, alle anderen Räumlichkeiten waren als Büros vermietet. Sie gehörte Benedikt und ihr.
Aus der Küche drang Musik. Ein kurzer Blick zeigte Laura, dass Rosa Braun, die Hauswirtschafterin, das Radio eingeschaltet hatte und im Rhythmus zu einem Schlager die Küche putzte, wobei sie lauthals mitsang. Sie sorgte tagsüber für Ordnung und Sauberkeit in dem luxuriösen Apartment.
Laura hatte sich nie zur Hausfrau berufen gefühlt. Sie hasste Hausarbeiten jeglicher Art. Sie konnte auch nicht kochen, das machte ihr einfach keinen Spaß. Ein paarmal hatte sie es versucht – Benedikt zuliebe –, danach hatte auch er es vorgezogen, auswärts zu essen. Oft ließen sie sich das Essen einfach nach Hause liefern. Manchmal kochte auch Rosa Braun für sie, vor allem, wenn sie abends zur gleichen Zeit aus dem Büro kamen.
Es gelang Laura, unbemerkt an der offenen Küchentür vorbei ins Schlafzimmer zu huschen. Leise schloss sie die Tür hinter sich und begann, ihre Reisetasche zu füllen. Sie packte viel ein, jedenfalls weitaus mehr, als sie für ein paar Tage in Tannreuth benötigte. Als ihr der alte Pyjama mit den aufgedruckten Teddybären in die Hand fiel, hielt sie nachdenklich inne. Anette hatte ihn ihr vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschickt. Er war unglaublich bequem, warm und in Benedikts Augen das unerotischste Kleidungsstück, das er sich vorstellen konnte. Er hatte sie gebeten, das Teil nur in seiner Abwesenheit zu tragen.
Laura hatte ihm diesen Wunsch erfüllt, deshalb hatte sie diesen Pyjama so gut wie nie angehabt. Jetzt packte sie ihn ein. Im September konnten die Nächte im Schwarzwald sehr kalt werden. In Berlin auch, aber Laura schob den Gedanken beiseite. Mit jeder Minute, die verrann, hoffte sie mehr, dass Benedikt auftauchen würde. Er würde sie doch nicht wirklich so fahren lassen? Aber nein, natürlich würde er sich nicht entschuldigen. Benedikt entschuldigte sich nie …
Sie zuckte erschrocken zusammen, als die Tür aufflog. Aber es war nicht Benedikt, sondern Rosa Braun. Mit grimmigem Blick schwang sie die schwere gusseiserne Pfanne hoch erhoben in der rechten Hand. Als sie Laura erkannte, ließ sie die Pfanne langsam sinken. »Ach, Sie sind es.«
»Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken«, entschuldigte sich Laura.
»Haben Sie nicht«, beteuerte Rosa Braun. »Ich wäre mit einem Einbrecher schon fertiggeworden.«
Daran zweifelte Laura keine Sekunde. »Ich verreise ein paar Tage«, sagte sie hastig und ohne eine weitere Erklärung, als sie Rosas Blick auf die offene Reisetasche bemerkte.
»Gute Fahrt«, sagte Rosa Braun lediglich und ging zurück in die Küche.
Minuten später schloss Laura ihre Reisetasche und verließ die Wohnung. Eine Etage tiefer spielte sie mit dem Gedanken, noch einmal in die Kanzlei zu gehen und sich zu verabschieden. Sie verharrte kurz vor der gläsernen Eingangstür, überlegte es sich dann aber doch anders und machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen.
Es war fast dreiundzwanzig Uhr, als sie ihr Ziel erreichte. Tannreuth lag in völliger Dunkelheit da. Hinter keinem Fenster brannte Licht.
Laura hatte bereits bei der Einfahrt in das Dorf Heimweh nach Berlin. Nach dem Trubel, der dort Tag und Nacht herrschte. Berlin schlief nie, während hier alles wie ausgestorben wirkte. Niemals würde sie verstehen, wieso ihre Schwester und ihr Mann sich in diesem Kaff so wohlgefühlt hatten.
In der Dunkelheit musste sie aufpassen, dass sie die richtige Abzweigung nicht verpasste. Nach zweihundert Metern erreichte sie das Haus, das Anette und Daniel vor zehn Jahren gekauft hatten. Auch hier war es dunkel hinter den Fensterscheiben, aber neben der Haustür war, wie angekündigt, das Licht eingeschaltet. Das Waldhaus, wie die Bewohner in Tannreuth es nannten, war ein typisches Schwarzwaldhaus mit einem Walmdach, das nach allen Seiten schräg abging. Ein großer Balkon befand sich an der Vorderseite. Normalerweise hingen dort die Kästen mit den Geranien, ebenso wie auf den Fensterbrettern im Erdgeschoss. Dazu war Anette in diesem Jahr aber nicht mehr gekommen …
Laura bog in die Einfahrt und parkte neben dem silbernen Smart von Tante Agnes. Sie stellte den Motor ab, vermochte aber nicht sofort auszusteigen, sondern blieb eine Weile reglos im Wagen sitzen, als der Schmerz, dem sie in Berlin entfliehen konnte, sie hier unvermittelt traf. Sofort verspürte sie den Impuls, umzudrehen und nach Hause zu fahren.
»Wage es nicht!« Erschrocken fuhr Laura herum, als sie glaubte, die Stimme ihrer Schwester dicht neben ihrem Ohr zu hören. Natürlich war da niemand. Anette war tot. Seit etwas mehr als einem halben Jahr lagen sie und Daniel auf dem kleinen Friedhof neben der Kirche.
»Du lässt die Kinder nicht im Stich!«
Diesmal klang es mehr wie ein verwehender Hauch. Und es war auch nicht Anettes Stimme, sondern Lauras Gewissen, das zu ihr sprach.
Absolute Stille umfing sie, als sie schließlich auf steifen Beinen aus dem Wagen stieg. Rechts neben dem Haus und auf dessen Rückseite begann der Wald. Sie blieb stehen, versuchte, mit den Blicken die Dunkelheit zu durchbrechen, doch der Wald wirkte wie eine schwarze, undurchdringliche Wand.
Laura legte den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick über das von zahllosen Sternen übersäte Firmament gleiten, durch das sich schimmernd das Band der Milchstraße zog. In Berlin wurde der Himmel selbst in der Nacht durch die vielen Lichter der Stadt so aufgehellt, dass der Sternenhimmel in dieser Deutlichkeit nicht mehr zu sehen war.
Das hier war beeindruckend. Und die Luft so klar … Laura gab sich einen Ruck und nahm ihre Reisetasche vom Rücksitz. Sie zuckte erschrocken zusammen, als das Geräusch der zuschlagenden Autotür die Stille überlaut durchschnitt. Sie rechnete damit, dass im Haus das Licht angehen würde, weil sie alle aufgeweckt hatte, doch es blieb dunkel, nichts regte sich.
Auf dem Weg zur Haustür bemerkte sie die dunklen Umrisse des Nachbarhauses. Das kleine Waldhaus hatte schon leer gestanden, als Anette und Daniel hierhergezogen waren.
Ein Schauer überlief sie. Irgendwo hinter den Scheiben des düsteren Gebäudes könnte jemand lauern und sie beobachten … könnte jemand aus der Dunkelheit auf sie zukommen …
Was für ein alberner Gedanke! Trotzdem beeilte Laura sich nun. Sie fühlte sich immer noch beobachtet, als sie die Matte aufhob und den Hausschlüssel fand, den Tante Agnes tatsächlich daruntergelegt hatte. Was hätte da nicht alles passieren können!
Ich habe in meinem Beruf zu viel mit Verbrechern zu tun, dachte sie. Und ich lebe in Berlin. Das hier ist Tannreuth, Laura. Trotzdem blieb dieses ungute Gefühl in ihr. Eilig schloss sie die Tür auf und betrat das Haus. Im Flur brannte nur eine kleine Wandlampe, deren schwacher Lichtschein gerade ausreichte, um sich zu orientieren. An der Garderobe bemerkte Laura einen großen Koffer. Ihre Kehle schnürte sich zu. Es sah nicht so aus, als würde Tante Agnes noch diskutieren wollen.
Ein paar Schritte weiter betrat sie den großen Wohnraum und schaltete das Licht ein.
Es war alles so, wie sie es in Erinnerung hatte. Die Wände, die Decke und auch der Fußboden waren mit Holz vertäfelt, das im Schein der Deckenlampe honigfarben glänzte. Nur die Wand, an der sich der Kamin befand, war weiß gestrichen, davor lag eine dunkle Metallplatte, um den Holzboden vor Funkenflug zu schützen. Dicke, flauschige Teppiche bedeckten den Boden.
Rechts befand sich eine kuschelige Couchgarnitur, links ging es durch einen Bogen weiter ins Esszimmer, in dem, wie Laura jetzt sah, immer noch ein großer Tisch stand, umgeben von Stühlen unterschiedlicher Machart. Dahinter befand sich die ebenfalls offene Küche.
Zwischen Wohnraum und Esszimmer führte eine Treppe im Bogen in die obere Etage.
Laura bemerkte einen Zettel auf dem Esstisch. Tante Agnes hatte ihr eine Nachricht hinterlassen: Essen steht ihm Kühlschrank, falls du noch Hunger hast. Und ich habe dir das Bett im Elternschlafzimmer frisch bezogen.
Anettes und Daniels Schlafzimmer?
Alles in Laura sträubte sich dagegen. Sie war nicht einmal dazu in der Lage, den Raum zu betreten, geschweige denn, dort zu schlafen. Das letzte Mal war sie darin gewesen, als sie ein Kleid – das letzte Kleid – für Anettes Beerdigung aussuchen sollte. Damals war sie fast zusammengebrochen. Schnell hatte sie sich für ein festliches Kleid entschieden, das Anette zu Tante Agnes’ fünfundsiebzigstem Geburtstag getragen hatte, dabei war sie sich keineswegs sicher, ob ihre Schwester selbst dieses Kleid gewählt hätte. Auch jetzt, in der Erinnerung, füllten sich Lauras Augen mit Tränen. Vor allem, als sie daran dachte, wie ihre zwölfjährige Nichte Hanna ins Zimmer gekommen war.
»Nein, nicht das, Tante Laura. Mama kann das Kleid nicht leiden«, hatte sie gesagt und ein leichtes Sommerkleid aus dem Schrank gezogen. »Das war Mamas Lieblingskleid.« Hanna hatte es ihr gegeben, dann war sie in Tränen ausgebrochen und davongelaufen. Und Laura, selbst in verzweifelter Stimmung, war unfähig gewesen, dem Mädchen zu folgen und es zu trösten. Vielleicht hatte es auch an der fehlenden Bindung zu den Kindern gelegen, denn sie war keineswegs sicher, ob Hanna ihre Nähe überhaupt zugelassen hätte. Als sie im März zur Beerdigung nach Tannreuth kam, waren seit ihrem letzten Besuch auf den Tag genau vier Jahre vergangen. Der inzwischen sechsjährige Leo und die fünfjährige Juna waren damals noch Kleinkinder gewesen, ohne eine Erinnerung an die Tante aus Berlin.
Hanna hatte diese schon eher, aber Laura fehlte die Erfahrung mit Kindern, und sie wusste nicht, was sie mit den dreien anfangen sollte. Eigentlich galten ihre seltenen und kurzen Besuche ja auch nur ihrer Schwester. Mehr als ein paar Tage hatte sie es im Schwarzwald nie ausgehalten.
Laura legte den Brief zurück auf den Tisch und warf einen Blick in den Kühlschrank. Hunger verspürte sie nicht, aber sie nahm die Wasserflasche heraus und ein Glas aus dem Küchenschrank. Sie würde die Nacht auf dem Sofa verbringen und morgen mit Tante Agnes klären, wie es weiterging. Inständig hoffte sie, dass sie schon morgen wieder nach Berlin zurückfahren konnte …, auch wenn der gepackte Koffer im Hauseingang eine deutlich andere Sprache sprach.
»Wer ist das?«
Die Kinderstimme weckte Laura. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen und öffnete müde die Augen. Ein kleiner Junge stand vor dem Sofa und schaute ihr ins Gesicht. Das musste Leo sein. Ein Mädchen, das ein Stück kleiner war als er, stand neben ihm. Juna.
»Kennst du die?«, fragte Leo.
Juna schüttelte wortlos den Kopf.
»Hallo, ihr beiden.« Laura richtete sich auf. »Ich bin eure Tante Laura.«
Leo zog nachdenklich die Stirn kraus, dann kam ihm offenbar ein Gedanke. »Die war da, als Mama und Papa vergraben wurden«, sagte er erklärend zu seiner Schwester. Laura ignorierte er völlig.
»Ja«, bestätigte Laura. »Ich war bei der Beerdigung eurer Eltern da. Und ich habe euch auch früher schon besucht, aber da war Juna noch ein Baby und du konntest gerade mal laufen.«
Beide Kinder schauten sie jetzt an. Misstrauisch, abweisend. Leo sah aus wie eine Miniaturausgabe seines Vaters, während Juna sie an Anette erinnerte.
In diesem Moment trat Tante Agnes ins Zimmer. »Du bist ja wach.« Sie sah blass aus. Ihr graues, sonst sorgfältig frisiertes Haar wirkte strähnig und unfrisiert. Laura fand, dass ihr jetzt jedes ihrer siebenundsiebzig Jahre deutlich anzusehen war. Sie fragte nicht, wann Laura angekommen war und warum sie auf dem Sofa geschlafen hatte.
»Ich bin dann mal weg«, beschied sie lediglich.
»Weg?«, fragte Laura, obwohl sie verstand. Aber sie wollte es nicht wahrhaben. Tante Agnes konnte sie doch nicht mit den Kindern alleinlassen!
Doch offenbar hatte sie tatsächlich genau das vor. »Pass gut auf die Kinder auf«, sagte Tante Agnes, mehr nicht. Dann wandte sie sich um und ging in den Flur.
Mit einem Satz sprang Laura auf. Barfuß folgte sie ihrer Tante, die gerade ihren Koffer zur Tür zog.
»Das kann doch nicht dein Ernst sein! Du fährst, ohne ein Wort der Erklärung? Du kannst die Kinder doch nicht einfach im Stich lassen!« Und vor allem nicht mich, fügte Laura in Gedanken hinzu.
Tante Agnes blieb stehen. »Weißt du noch, was du zu mir gesagt hast, als du gleich nach der Beerdigung wieder abgereist bist?«
Laura dachte kurz nach, dann erinnerte sie sich. »Tut mir leid, aber ich habe morgen einen Gerichtstermin.« Die Lüge holte sie jetzt ein und rüttelte an ihrem Gewissen. Sie hatte den Gerichtstermin vorgeschoben, weil sie dem ganzen Leid, dem Schmerz und auch der Verantwortung so schnell wie möglich hatte entfliehen wollte.
»Nein, das meine ich nicht.« Tante Agnes lächelte. »Deine letzten Worte lauteten: Du schaffst das schon.«
»Das habe ich gesagt?« Laura konnte sich nicht erinnern. »Aber ich hatte ja recht damit. Es klappt doch wunderbar mit dir und den Kindern.«
»Ja? Woher willst du das wissen?«
»Ich …« Laura verstummte. Es stimmte, sie hatte keine Ahnung.
»Du hast dich nicht ein Mal gemeldet, um dich nach den Kindern und mir zu erkundigen.«
»Aber wir haben doch einige Male miteinander telefoniert«, warf Laura hilflos ein.
»Genau zweimal«, sagte Tante Agnes. »Beide Male habe ich dich angerufen.«
»Ja, das stimmt«, musste Laura zerknirscht zugeben.
»Und beide Male hattest du keine Zeit für mich, weil gerade wichtige Verhandlungen bevorstanden.«
Laura senkte den Blick. Denn auch das war nicht so ganz ehrlich gewesen. »Es tut mir sehr leid«, murmelte sie und meinte es diesmal ehrlich.
»Ich hätte dir gerne anders klargemacht, dass ich mich nicht dauerhaft um die Kinder kümmern kann, aber du wolltest mir ja nicht zuhören.«
Laura wusste nur zu gut, dass ihre Tante recht hatte, und fühlte sich schuldig. »Aber jetzt bin ich hier, ich kann dir jetzt zuhören, Tante Agnes.« Laura hörte selbst, dass ihre Stimme flehend klang. »Ich bin sicher, wir finden eine Lösung, die für alle passt.«
»Jetzt ist es ein bisschen zu spät. Und ich habe eine Lösung gefunden, die für mich passt«, sagte Tante Agnes und griff erneut nach ihrem Koffer.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?« Laura war zutiefst verzweifelt. »Ich kann das doch gar nicht, Tante Agnes.«
Tante Agnes lächelte. »Du schaffst das schon«, bemühte sie dieselben Worte, die Laura vor einem halben Jahr zu ihr gesagt hatte.
»Bitte, bleib!«, bat Laura. »Lass uns noch mal drüber reden. Ich könnte Personal einstellen, das dir zur Hand geht …«
»Nein!« Tante Agnes machte die letzten Schritte bis zur Haustür, auf Rollen glitt der Koffer hinter ihr her zur Tür.
»Tante Agnes, bitte«, versuchte Laura es noch einmal.
»Pass gut auf die Kinder auf.« Tante Agnes’ Augen glitzerten verdächtig, dann war sie weg.
Langsam drehte Laura sich um. Leo und Juna standen im Flur und schauten sie aufmerksam an. Sie bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, hatte aber nicht das Gefühl, dass ihr das wirklich gelang. »Alles wird gut«, versprach sie.
Junas Hand tastete nach der ihres Bruders.
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Laura.
Die Kinder sagten kein Wort.
»Habt ihr Hunger?«
Nichts!
»Oder wollt ihr was trinken?«
Endlich öffnete Leo den Mund. »Wann kommt Tante Agnes wieder?«
»Bald«, behauptete Laura wider besseres Wissen.
»Ich hab Hunger«, sagte Leo. »Juna auch.«
Laura sah das Mädchen an. »Stimmt das?«
Juna nickte.
Laura atmete tief durch. Dann würde sie jetzt erst einmal Frühstück machen. Sie selbst hatte morgens in der Regel keine Zeit dafür, meist trank sie nur Kaffee und vertiefte sich dabei bereits in eine ihrer Akten. »Was wollt ihr denn essen?«
Juna sagte auch jetzt kein Wort, Leo zuckte nur mit den Schultern.
»Was gibt Tante Agnes euch denn immer zum Frühstück?«
»Schokolade«, erwiderte Leo prompt.
Laura glaubte ihm kein Wort. Anette hatte immer großen Wert auf eine ausgewogene Ernährung gelegt, und Laura war sicher, dass auch Tante Agnes die Kinder eher nicht mit Süßigkeiten vollgestopft hatte.
In diesem Moment stieß Hanna dazu. In dem gleichen Pyjama, den auch Laura von Anette bekommen hatte. Laura spürte einen Kloß in ihrem Hals. Sie konnte sich genau vorstellen, wie Anette diese Pyjamas gekauft hatte. Für sich, für Daniel, für ihre Kinder und auch für Laura. Laura sah das lachende Gesicht ihrer Schwester vor sich und schluckte schwer.
Hanna warf den Kopf in den Nacken und schaute Laura feindselig an. »Du bist schon da?«
Laura bekam eine vage Ahnung von den Schwierigkeiten, die sie in nächster Zeit erwarteten. Sie bemühte sich um ein freundliches Lächeln. »Hallo, Hanna. Schön, dich wiederzusehen.«
Hannas Miene wurde um keinen Deut freundlicher.
»Ich benötige deine Hilfe. Deine Geschwister …«
»Du kannst mich mal«, stieß Hanna böse hervor. Damit drehte sie sich um und lief zurück, kurz darauf waren ihre Schritte auf der Treppe zu hören.
»Hanna ist sauer auf dich«, stellte Leo fest. Überflüssigerweise, denn das hatte Laura auch begriffen. »Ja, aber warum?«
»Das weiß ich nicht. Aber wenn Hanna sauer auf dich ist, sind wir auch sauer auf dich«, erklärte er mit einer kindlichen Logik, die für Laura nur schwer nachzuvollziehen war.
Laura schaute Juna an. Das kleine Mädchen hatte immer noch kein Wort gesagt. »Bist du auch sauer auf mich?«
Zuerst nickte das Mädchen, dann zuckte es unschlüssig mit den Schultern. Das sah ja nicht ganz so hoffnungslos aus.
»Was machen wir denn jetzt?« Diesmal sprach Laura das kleine Mädchen direkt an.
»Sie spricht nicht mit dir!«, stellte Leo klar.
Juna nickte, dann drehte sie sich um und eilte in die Küche. Leo lief ihr nach.
Langsam folgte Laura den beiden. Dabei gab sie sich in Gedanken selbst Anweisungen: Frühstück zubereiten, Kinder anziehen …
Und dann?
Gingen die beiden in den Kindergarten? In die Schule? Kannten sie den Weg oder mussten sie dorthin gebracht werden?
Und was war mit Hanna? Die musste doch ganz bestimmt zur Schule. Aber von ihr war nichts mehr zu sehen und zu hören.
Laura beschloss, erst einmal den Kontakt zu ihrer großen Nichte zu suchen. Hanna würde ihr zumindest einige drängende Fragen beantworten können. Sie stieg die Treppe hinauf. Auch hier oben war alles aus honigfarbenem Holz. Die Wände, der Fußboden, selbst der kleine Schrank an einer Wand zwischen zwei Türen.
Laura wusste, dass Hannas Zimmer ganz am Ende des Flures lag. Gleich neben dem Schlafzimmer ihrer verstorbenen Eltern. Leise klopfte sie an die Tür.
Innen blieb alles still.
»Hanna, darf ich reinkommen?«
»Nein!«
Laura drückte die Klinke nach unten und stellte erleichtert fest, dass die Tür nicht abgeschlossen war.
Hanna, die sich gerade angezogen hatte, fuhr herum. »Warum fragst du erst, ob du reinkommen darfst, wenn du danach doch das machst, was du willst?«
Laura antwortete mit einer Gegenfrage. »Warum bist du so sauer auf mich?«
Lange blieb es still, dann wandte Hanna sich ab und flüsterte heiser: »Weil du uns im Stich gelassen hast.«
