Der Weltenschreiber - Heike Schwender - E-Book

Der Weltenschreiber E-Book

Heike Schwender

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Beschreibung

Wieder erklang das leise Kratzen, als die Feder über das noch unbeschriebene Pergament glitt. Alfred war völlig in seine Arbeit versunken. Lebte in ihr. Die Wahrheit der Menschen um ihn herum war für ihn nicht wichtig und für seine Arbeit nicht greifbar. Nur das Kratzen der Feder erinnerte ihn an eine Welt außerhalb seines Buches und seiner Gedanken. Etwas ungünstig wirkte sich auf Alfreds Arbeitsweise allerdings die Tatsache aus, dass er selbst in dieser von ihm so erfolgreich verdrängten Welt festsaß. Dabei wusste er noch nicht, dass ein Freund bereits an seinem Schicksal schrieb. Und dass er der Hilfe zweier Menschen bedurfte, um den Weg zurück in seine Heimat zu finden, wo sich ein Schatten auf die altehrwürdige Büchergilde herabsenkte.

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Seitenzahl: 770

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Heike Schwender, Frederik Offen

Der Weltenschreiber

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Geleit

Prolog

Erster Teil - Paris

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Zweiter Teil - Bücherwelt

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Dritter Teil - Bücherwelt

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Ende

Epilog

Übersetzung 1

Übersetzung 2

Karte

Danke

Weitere Bücher der Autoren

Impressum neobooks

Zum Geleit

Sie sind der Sinn meines Lebens.

Meines Handelns.

Mein Vermächtnis.

Nur durch sie lebe ich.

Sie sind meine Verbündeten.

Meine Freunde,

die mir die Seele entlasten.

Ich brauche sie.

Die Worte.

Alfred, Weltenschreiber

Prolog

Paris

1982

Alles begann mit einem Buch.

Von außen erschien es ihm klein, alt und farblos. Der dunkle Ledereinband wies bereits deutliche Gebrauchsspuren auf und ein paar der darin liegenden Seiten schienen sich vom Leim gelöst zu haben und lugten unter dem Einband hervor. Sie waren an manchen Stellen eingerissen und hatten sich gelblich verfärbt. Das ganze Buch wirkte so … unscheinbar. Zumindest so lange man es von außen betrachtete. Ein Buch unter vielen in einem Antiquariat, das selbst schon bessere Zeiten gesehen hatte. Doch Monsieur Dupoit ließ sich nicht beirren. Die äußere Hülle, das Erscheinungsbild – er wusste, dass dies alles nur Fassade war. Eine äußerst clevere Art und Weise, nicht aufzufallen und weiterhin unbeachtet in dem hölzernen Regal in der hintersten Ecke des düsteren Verkaufsraums stehen zu bleiben. Wirklich, sehr clever.

Monsieur Dupoit lächelte. Er wusste es besser. Monatelang hatte er in Bibliotheken Nachschlagewerke gewälzt und die Untiefen zahlloser privater Büchersammlungen erkundet. Beim Stadtarchiv kannten sie ihn inzwischen beim Namen. Der Einband des schwarzen Notizbuchs, das in Monsieur Dupoits linker hinterer Hosentasche steckte, war vom ständigen Gebrauch fettig und quoll über vor losen Blättern, auf denen er seine zahllosen Theorien sowie historischen und literarischen Verweise verewigt hatte. Er hatte sich in seiner Wohnung regelrecht vergraben. Zeitungsstapel und Bücher, die er aus Bibliotheken ausgeliehen und dann vergessen hatte, bedeckten sämtliche Möbel und den Boden. Angefangen hatte es mit dem Schreibtisch, aber der war schnell zu klein geworden für all die Nachforschungen, die er betrieb. Heute wusste er schon gar nicht mehr, unter welchen Bücher- und Papierstapeln der Tisch überhaupt stand. Als nächstes hatten dann alle weiteren Ablageflächen in seiner Wohnung dran glauben müssen. Küchen- und Esstisch, die Kommode im Flur, der Schrank im Wohnzimmer und schließlich Stühle und die grüne fleckige Couch. Hatte er nicht auch irgendwann einmal ein Klavier besessen? War das nur im Papierchaos untergegangen oder hatte er es versetzen müssen, um Geld für seine Nachforschungen aufzutreiben?

Marie, seine Frau, hatte anfangs noch über sein liebenswertes Chaos gelächelt und stillschweigend versucht, wenigstens ein Mindestmaß an Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber aus dem Lächeln war irgendwann ein gequälter Gesichtsausdruck geworden, schließlich ein Stirnrunzeln und dann war Marie mitsamt ihrem Gesichtsausdruck und ihrer beider Tochter aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden und hatte ihn alleine zurückgelassen. Er konnte es ihr nicht verdenken. Vor allem da er ihren Auszug erst nach einigen Tagen bemerkte, dann nämlich, als er endlich realisierte, dass er keine Mahlzeiten mehr vorgesetzt bekam und beißender Hunger bereits seinen Verstand vernebelte. Er ernährte sich anschließend von Kaffee, Zigaretten und belegten Baguettes. Den Schritt aus der Tür, um zu dem kleinen Lebensmittelladen an der Ecke zu gehen, tat er immer dann, wenn er sich daran erinnerte, dass es solch ein Gefühl wie Hunger in der Realität, aus der er sich inzwischen meilenweit entfernt hatte, immer noch gab.

Und nun war er hier. Er hatte sein Ziel erreicht. Monsieur Dupoits Lächeln vertiefte sich. Ein letztes Mal holte er sein Notizbuch hervor, um es zu konsultieren. Er las die letzten paar Zeilen, die er geschrieben hatte – mit euphorischer Hand und dick unterstrichen. Anschließend fand das Buch wieder Platz in der bereits unförmig verbeulten hinteren Hosentasche. Die paar losen Seiten, die beim Wegstecken auf den Dielenboden flatterten, bemerkte Henri Dupoit in seiner Aufregung nicht. Dies war sein Augenblick. Sein Ruhm. Sein Vermächtnis.

Langsam streckte Monsieur Dupoit eine zitternde Hand nach dem Buch aus. Da war es. Unter seinen Fingern konnte er jede Unregelmäßigkeit des dunkelbraunen Ledereinbands spüren. Fast liebevoll glitten sie sanft über die zerfurchte Oberfläche, die ihm auf seltsame Weise vertraut vorkam. Dann wurde sein Griff fester. Monsieur Dupoit schickte sich an, das Werk aus seinem langen Dornröschenschlaf zu erlösen und das Buch aus dem Regal zu ziehen. In diesem Moment verschwand er.

Erster Teil - Paris

2012

Kapitel 1

Das durchdringende Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Oder aus ihrem Schlaf? Sarah war sich nicht sicher. Ihr Kopf fühlte sich schwer an. Ob das in ihm aufgestaute Wissen daran schuld war? Die Biographie, die sie sich am vorherigen Tag zu Gemüte geführt hatte, war nicht unbedingt das gewesen, was sie als leicht verdauliche Kost bezeichnen würde. Andererseits konnte natürlich auch die Flasche Rotwein an ihrem vernebelten Verstand schuld sein. War es wirklich nur eine Flasche gewesen? Fast kam es ihr so vor, als hätte sie eine zweite geöffnet...

Das Läuten des Telefons verstummte und Sarah seufzte erleichtert auf. Wohlig ließ sie sich in die Kissen zurückfallen und begann, in einen neuen Traum abzudriften. In dem Traum klingelte das Telefon. Sarah fuhr zusammen. Nicht schon wieder! Wieso ließ man sie nicht einfach in Ruhe schlafen? Es konnte doch noch nicht so spät am Tag sein, oder? Sarah stellte insgeheim fest, dass sie im Laufe der letzten Tage – oder Wochen? – jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Sie öffnete mühsam ihre Augen und wurde mit einem grellen Licht belohnt, das es ohne Zweifel darauf abgesehen hatte, ihr für immer das Augenlicht zu rauben. Rasch ließ sie ihre Lider wieder zufallen und fühlte Erleichterung, als sie sich erneut der friedlichen Dunkelheit anvertrauen konnte. Wenigstens wusste sie jetzt, dass es in der Welt dort draußen Tag war.

Das nervtötende Klingeln des Telefons verstummte abermals, doch mit Sarahs innerer Ruhe war es vorbei. Nun lag sie angespannt im Bett und wartete nur darauf, dass das Läuten ein drittes Mal begann. Lange dauerte es nicht, dann erklang der rhythmische grelle Ton, der ihre Nackenhaare zu einem zitternden Tanz veranlasste, erneut. Sarah biss die Zähne zusammen. Das war es also mit ihrem Schlaf! Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich dieser Anrufer nicht zufrieden geben würde, bis sie ihm persönlich gesagt hatte, was sie von dieser penetranten Störung und unerwünschten Einmischung in ihr gewohntes Einsiedlerdasein hielt.

Mit einem leichten Stöhnen richtete sich Sarah auf, strich sich ungeduldig die langen braunen Haare aus dem Gesicht und versuchte ihr Glück ein weiteres Mal mit dem grellen Licht, das durch ihr unverhülltes Schlafzimmerfenster drang. So viel Licht ... wie lange war es her, dass sie so viel Licht gesehen hatte? Wann war sie überhaupt das letzte Mal dort draußen gewesen? Nur gut, dass sie nun immerhin wusste, worauf sie sich einzustellen hatte. Sie war vorgewarnt. Und so schaffte sie es auch, die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Diese Welt dort draußen war wirklich anstrengend; stellte ständig Ansprüche an sie und setzte sie Zwängen aus, die sie sich geschworen hatte, nicht weiter zu befolgen. Sarah runzelte missmutig die Stirn.

»Zu viel negative Energie am Morgen!«, entschied sie insgeheim. Jetzt brauchte sie erst einmal dieses verflixte Telefon!

Sie stolperte durch ihr Schlafzimmer, stieg vorsichtig über aufgeschlagene und durcheinander geworfene Bücher und betrat den Flur ihrer kleinen Wohnung. Dort, auf dem Tischchen neben der Garderobe, stand das Telefon. Zumindest stand es normalerweise dort. Jetzt allerdings war auf dem Tischchen nur ein weiterer Bücherstapel immerhin recht ordentlich drapiert. Sarah starrte ihn einen Augenblick lang verwirrt an. Dann registrierte sie etwas. Waren das die Memoiren von Lizzy Körner, die sie schon so lange gesucht hatte? Irgendetwas hatte sie darin nachschlagen wollen. Was war das noch gleich gewesen? Das durchdringende Läuten des Telefons, nein, der Basisstation, die auf dem Boden hinter dem Tischchen stand, riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Wo zum Teufel war nur der dazugehörige Telefonhörer?

Sarah hielt einen Moment lang inne und versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das Telefon zuletzt gebraucht hatte. Die Vermutung lag nahe, dass sie damit eine Pizza oder irgendein Nudelgericht bestellt hatte. Vielleicht auch asiatisch? Wieder ertappte sie ihre Gedanken dabei, wie sie sich verselbständigten und sich eigene, unabhängige Wege suchten. In ihrem Verstand musste es genauso chaotisch aussehen, wie in ihrer kleinen Mansardenwohnung. Seufzend schüttelte Sarah den Kopf. So kam sie nicht weiter. Stattdessen würde sie den Telefonhörer eben auf die altmodische Art suchen – nach dem Gehör und ohne dabei ihr Gehirn unnötig zu beanspruchen.

Sie wandte sich in dem kleinen Flur nach links und verhielt kurz vor der Tür zum Badezimmer. Alles ruhig. Dann blieben das Wohnzimmer und die Küche. Falls sie den Hörer tatsächlich im Wohnzimmer suchen musste, würde sich das überaus schwierig gestalten. Das Wohnzimmer war der Raum, in dem dieses ganze Chaos seinen Anfang genommen hatte. Dementsprechend sah es dort am Schlimmsten aus. Die gestapelten Bücher waren ein Anblick, den man in der ganzen Wohnung genießen konnte. Aber hier kamen noch scheinbar sinnlos durcheinander geworfene Zeitungen hinzu. Zwischen denen wiederum lagen handbeschriebene, lose Notizzettel. Sarah überlegte angestrengt. Hatte sie nicht auch einmal ein Notizbuch besessen? Sie erinnerte sich vage daran, dass ihr das Buch irgendwann zu klein geworden war und sie in ihrer Eile, verschiedene Dinge schriftlich festzuhalten, damit begonnen hatte, einfach Blätter aus einem Block herauszureißen und ihre Notizen darauf festzuhalten. Allerdings waren diese losen Zettel nun in der gesamten Wohnung verteilt und sie würde Tage brauchen, sie alle wieder einzusammeln und entsprechend der Reihenfolge ihrer Nachforschungen anzuordnen.

Sarah schüttelte grinsend den Kopf. Sie war wirklich der chaotischste Mensch, den sie kannte! Ihr Blick glitt über leere bis halbvolle Kaffeetassen und blieb an diversen Pizzakartons hängen.

»Ich muss unbedingt ein bisschen Ordnung in dieses Durcheinander bringen!«, dachte sie nicht zum ersten Mal.

Es war nicht so, dass sie sich nicht nach einem aufgeräumten Wohnzimmer sehnte. Nach einem Wohnzimmer, in dem man sich die gemütliche Couch nicht mit diversem Schreib- und Papierkram teilen musste – immer vorausgesetzt, man fand das Sitzmöbel unter dem ganzen Durcheinander überhaupt! Aber Sarah wusste auch, dass sie in der näheren Zukunft nicht zum Aufräumen kommen würde. Stattdessen käme es irgendeinem wichtigen Buch genau in einem solch seltenen Moment der Arbeitswut und Motivation in den Sinn, ihr in die Hände zu fallen. Dieses Buch würde ihr dann weismachen, dass es genau das eine wäre, auf das sie die ganze Zeit gewartet hatte und das ihr die finalen Erkenntnisse liefern würde, die sie so unbedingt brauchte und schon so lange suchte! Das Buch würde sie auf die Art und Weise für einige Zeit so sehr fesseln, dass sie alles andere darüber vergaß. Anschließend würde sie genau im falschen Moment das nächste Buch finden, und das nächste ... Aber ihre Nachforschungen waren es doch auch wert, alles andere darüber zu vergessen! Oder? In letzter Zeit allerdings waren ihr Zweifel an dieser Ansicht gekommen. Immer häufiger meldeten sie sich zu Wort und es fiel Sarah zunehmend schwerer, sie wieder verstummen zu lassen.

Die junge Frau riss sich von diesen Gedanken los. Gott sei Dank entschloss sich das Telefon just in diesem Augenblick zu einem vierten Klingelmarathon und nahm ihr damit die Möglichkeit, im ewigen Kreislauf des Zweifelns und Mutfassens zu versinken. Für heute war sie gerettet. Und noch etwas Positives konnte sie feststellen. Das Klingeln des Telefonhörers kam eindeutig nicht aus ihrem Wohnzimmer. Demnach blieb nur noch die Küche.

Sie wandte sich zur letzten Tür und öffnete sie vorsichtig. Erleichtert stellte sie fest, dass das Chaos vor ihrer Küche zwar nicht Halt gemacht hatte, aber doch weit weniger ausgeprägt war als im Rest der Wohnung. Und das Klingeln wurde lauter. Sarah atmete hörbar auf, als sie den Hörer auf ihrem Kühlschrank liegen sah, neben einem Teller, dessen undefinierbaren Inhalt sie lieber nicht allzu genau betrachten wollte. Rasch griff sie nach dem Telefon und nahm den Anruf entgegen: »Sarah Leconte.« Ihre schon in natura recht raue Stimme klang nach der tagelangen Zwangspause noch kratziger als sonst. Im Hörer herrschte kurz Stille, wahrscheinlich hatte sie den Anrufer damit, dass sie ihn nun doch persönlich sprechen wollte, aus dem Konzept gebracht.

Dann hörte Sarah die aufgeregte Stimme ihrer Mutter: »Sarah, Schatz, wir haben uns Sorgen gemacht! Geht es dir gut?« Die so Angesprochene schloss ergeben die Augen und unterdrückte einen Seufzer. »Ja, Mutter, es geht mir gut. Es ist alles in Ordnung.«

»Wir haben dich nun schon seit drei Monaten nicht mehr gesehen!« Drei Monate war es also her, dass sie die Welt dort draußen besucht hatte? »Und vor zwei Wochen haben wir das letzte Mal telefoniert. Hast du etwa unsere Abmachung vergessen? Du wolltest dich doch jede Woche melden und dafür würden wir dich in Ruhe deiner Arbeit nachgehen lassen.«

Die Art und Weise, wie sie das Wort Arbeit sagte, verriet Sarah, dass sie dabei pikiert die Nase rümpfte. Die Arbeit. Damit war Sarahs Doktorarbeit gemeint, die sie momentan an der Universität bei Professor Valière verfasste. Nun ja, die sie dort bis zu jenem schicksalshaften Moment verfasst hatte, in dem ihre Nachforschungen begannen, sich um einen anderen, ihr wichtigeren Gegenstand zu drehen. Seitdem befand sich ihre Doktorarbeit, freundlich ausgedrückt, in einem Zustand des Kräftesammelns. Aber davon wussten weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater. Sie würden es auch nicht verstehen. Es gab Momente, in denen verstand Sarah es selbst nicht.

Sie ließ ihre Mutter am anderen Ende der Leitung weiter reden, hörte mit halbem Ohr zu und versuchte hin und wieder, möglichst in den passenden Momenten, eine verständnisvolle Zustimmung in das recht einseitige Gespräch einfließen zu lassen. Mit dem Hörer ging sie gemächlich zurück in den Flur und dachte insgeheim darüber nach, welchem Teil ihrer Nachforschungen sie heute weiter nachgehen sollte. Den Nachforschungen, die hiermit begonnen hatten ...

Sarah blieb vor drei Bilderrahmen stehen, die ihren Flur schmückten. Die darin eingefassten Notizblätter erschienen widersprüchlich im Vergleich zu dem Chaos, das in ihrer restlichen Wohnung herrschte. Aber dem war nicht so.

Diese Notizen hatten ihre ganz eigene Bedeutung. Sie waren der Anfang. Der Beginn.

Und während Sarah versuchte, ihrer Mutter das Gefühl zu geben, dass mit ihrer Tochter alles in Ordnung wäre und sie ein ganz normales Gespräch führen würden, war sie mit ihren Gedanken schon wieder weit weg, bei den Notizen ihres Großvaters, die sie vor gut einem halben Jahr in der Universitätsbibliothek gefunden und heimlich entwendet hatte. Heimlich, weil sie wusste, dass die Seiten offiziell der Bibliothek gehörten, aber auch irgendwie trotzig, da diese Notizen ursprünglich von ihrem Großvater stammten und sie das Gefühl hatte, dass sie ihr als Erbin eigentlich zustanden. Der Ursprung ihrer Nachforschungen befand sich in diesen drei Bilderrahmen, die so trügerisch unscheinbar den sonst kargen Flur ihrer kleinen Wohnung schmückten.

Die junge Frau stand in ihrem T-Shirt und den Boxershorts in dem chaotischen Flur ihrer kleinen Mansardenwohnung. Ihr Kopf war den drei Bilderrahmen zugewandt, aber ihre Augen blickten weit weg ins Leere. Dort sahen sie Notizen, Schriften, Buchstaben, Bücher und Zahlen.

Sarah gönnte ihrer Mutter ein verständnisvolles Knurren.

//Etwas geschah, was nicht hätte geschehen sollen. Was nicht hätte geschehen dürfen. Etwas Böses war dort draußen. Es breitete sich aus und kam näher. Und näher. Langsam, aber stetig. Und bei weitem nicht so vorsichtig, wie es sich für das Böse eigentlich gehört hätte. Hier war keine Unsicherheit zu spüren, nur ein furchtbares Wissen um das eigene Können und viel Selbstbewusstsein. Überheblichkeit fast. Das Böse kam näher und entpuppte sich als einer der anderen. Er kam näher und war nicht aufzuhalten. Es versuchte, eine Verbindung mit seinem anderen Ich einzugehen, aber irgendwie wurde es von dem Eindringling daran gehindert. Es war allein und das Böse kam näher.//

Kapitel 2

Als Sarahs Telefon das nächste Mal klingelte, war sie gerade dabei, die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zu ziehen. Mit gerunzelter Stirn verhielt sie mitten im Schritt und starrte zurück in die läutende Wohnung. »Das darf doch nicht wahr sein«, dachte sie verärgert. Da hatte sie sich nun endlich dazu aufgerafft, ihre Wohnung zu verlassen und nun dachte dieses verflixte Telefon, es könne sie davon abhalten.

»Aber nicht mit mir!«, beschloss Sarah siegessicher, trat durch die Wohnungstür hinaus in das Treppenhaus und zog die Tür heftiger hinter sich zu, als nötig gewesen wäre.

Ihr Weg führte durch den nur spärlich beleuchteten Hausflur, während das Klingeln hinter ihr bei jedem ihrer Schritte leiser wurde und schließlich ganz verklang. Nachdem Sarah die weit ausladenden, knarzenden Holztreppen hinter sich gebracht hatte, stand sie im Erdgeschoss neben den säuberlich in einer Reihe befestigten Briefkästen. Nun trennte sie nur noch die zweiflügelige schwere Eingangstür von der Welt dort draußen. Sarah atmete einmal tief ein und wieder aus. Sie war wirklich schon zu lange nicht mehr hier gewesen.

Mit dieser gruseligen Feststellung griff sie nach dem goldfarbenen massiven Türknauf und zog die Eingangstür nach innen. Als sie so das letzte Hindernis aus dem Weg geräumt hatte, machte sie zwei große Schritte und stand in der Welt der Lebenden.

Die Welt der Lebenden begann in einem kleinen Nebensträßchen in Paris. Sarahs Wohnung lag zentral, aber ruhig in der Rue de Grenelle. Welchem glücklichen Umstand sie ihren bezahlbaren Mietpreis verdankte, wusste sie nicht. Im besten Fall war ihr Vermieter ein Philanthrop. Vielleicht war er aber auch nur äußerst zufrieden damit, eine derart ruhige Mieterin in einer seiner Wohnungen zu haben, die sich so gut wie nie außerhalb ihrer vier Wände blicken ließ.

Das Haus in ihrem Rücken, stand Sarah da und fühlte eine unerklärliche Angst in sich aufsteigen. So mussten sich Krieger gefühlt haben, die sich hinter ihren schützenden Barrikaden hervorwagten, um einem übermächtigen Feind entgegenzutreten. Sarah runzelte erneut die Stirn. Was zum Henker war nur los mit ihr? Wann genau hatte sie den Moment verpasst, in dem ihre Abneigung vor der hektischen Realität zu einem so starken Gefühl wie Furcht wurde? Fast schon wollte sie ob dieser Erkenntnis panisch werden, aber dann gab sie sich einen Ruck. Es half alles nichts. Sie musste sich diesen seltsamen Ängsten stellen. Es sei denn, sie hätte tatsächlich vor, den Rest ihres Lebens in ihrer kleinen Mansardenwohnung zu verbringen.

Sarah riss sich von dem Haus los, das ihr noch einen gewissen Schutz vor der wartenden Realität vorgegaukelt hatte, und ging die Straße hinunter in Richtung ihrer Universität.

Alles, was sie brauchte, war ein bisschen Zeit, um sich wieder in der eigentlichen Welt zurechtzufinden. Und um sich mit ihr abzufinden. Die Einsamkeit ihrer Wohnung schien sie in einem fast undurchdringlichen Kreislauf gefangen gehalten zu haben, aus dem sie nun erst wieder ausbrechen musste. Lange Zeit hatte sie sich vor der Welt dort draußen versteckt und zusammen mit unzähligen Büchern in ihrer Wohnung vergraben. Aber nun stand ihr Entschluss fest. Die Studien, die sie während der vergangenen Monate betrieben hatte, waren alle im Nichts verlaufen. Jetzt war es an der Zeit, sich wieder mit der Welt außerhalb ihrer vier Wände – ob sie damit ihre Wohnung oder ihren Verstand meinte, war Sarah selbst nicht ganz klar – zu befassen. Deshalb – zurück zu den Lebenden!

Sie verhielt ihren Schritt und sah sich um. Ihr Blick erfasste die lange, gerade Straße und die schnell an ihr vorbeirasenden Autos. Sie hörte euphorisches Gelächter und verfolgte es bis zu einer Gruppe Jugendlicher zurück, die inmitten des Gehwegs standen und sich unterhielten. Da waren Musikfetzen, die aus einer Seitenstraße drangen. Irgendwo vor ihr weinte ein Kind. Sie hatte ganz vergessen, wie laut und hektisch das eigentliche Leben war!

Ein raschelndes Geräusch machte sie auf den Wind aufmerksam, der neben ihr durch die Zweige eines Ahorns strich, der einer in Reih und Glied stehenden Ahornkompanie angehörte, die wohl dem grauen Gehsteig einen täuschend grünen Anstrich geben sollte. Eines der Ahornblätter löste sich vom Baum und segelte langsam nach unten. Sarah folgte dem herabfallenden Blatt mit den Augen. Es war ein seltsames Gebilde, das es nicht eilig hatte, seine Reise zu beenden und auf dem Boden der Tatsachen anzukommen. Kein einzelnes Ahornblatt, das zur Erde schwebte – stattdessen war es ein kleines Stückchen Ast, an dem noch zwei Ahornblätter saßen. Und diese Anordnung machte das Gebilde zu einer Kuriosität, die in unendlich langsamen Kreisen stetig tiefer sank. Immer rundherum. Rundherum. Tiefer und tiefer. Bevor es den Boden berühren konnte, wandte Sarah den Blick ab. Sie mochte den vorherbestimmten traurigen Ausgang dieses kreiselnden Dramas lieber nicht mitansehen. Zu sehr erinnerte er sie an ihr eigenes kleines Leben. Ihre eigenen kleinen Kreise.

Dieses Gebilde war anders. Aber dennoch würde es mit der gleichen unausweichlichen Gewissheit am Boden ankommen wie gewöhnliche Blätter, die der regelmäßig wehende Wind vom Baum rupfte. Nur ohne deren Leichtigkeit.

Sarah ließ ihren Blick über die Häuserzeile neben ihr gleiten. Die Gebäude waren fast durchgehend weiß gestrichen und strahlten eine renovierte Eleganz aus, die so manch anderem Häuserblock in dieser Gegend fehlte. Auch hier bestanden die Häuser weitgehend aus Wohnungen, nur im Erdgeschoss reihten sich mehrere Geschäfte aneinander. Sarah konnte ein kleines Café und ein Reisebüro ausmachen. Und dahinter – war das nicht eine Buchhandlung? Trotz ihres neu gefassten Vorsatzes, den Büchern keine so große Macht mehr über ihr Leben einzuräumen, fühlte sie sich von der Buchhandlung doch magisch angezogen. Die fünfzig Meter bis zu dem Schaufenster waren rasch zurückgelegt und sie sah hinein. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Eine von diesen Buchhandlungen war das also.

Sie starrte auf die Auslage, die aus nicht viel mehr bestand als dem derzeitigen Bestseller, der natürlich in den eindrucksvollsten Posen zwischen schreiend bunten Plakaten zur Geltung gebracht wurde. Den unschuldig vorbeigehenden Passanten wurde dabei eingetrichtert, dass an diesem Buch kein Weg vorbeiführte. Entweder sie ackerten sich von Anfang bis Ende durch, oder sie waren eben nicht auf dem Laufenden mit ihrer Belesenheit. Sarah beugte sich vor und las erschauernd den Titel des nicht allzu dünnen Wälzers: Das Dunkel der Finsternis.

Ihr höflich interessiertes Lächeln gefror zu einem ungläubigen Gesichtsausdruck. War das etwa ihr Ernst? Anscheinend. Und wie es aussah, verkaufte sich das Machwerk auch nicht schlecht. Oder warum wäre die Auslage sonst völlig frei von alternativen Werken? Eine eigenständig richtige Entscheidung im Sinne des Verkäufers schien man den Kunden hier nicht zuzutrauen.

Sarah spürte so etwas wie Trauer in sich aufsteigen. Ihr guter Vorsatz, sich künftig in weniger Büchern zu vergraben, begründete sich ausschließlich auf dem Wissen, dass sie sonst nicht wieder in diese reale Welt zurückfinden würde. Reiner Überlebensinstinkt. Aber es hatte nichts damit zu tun, dass sie Bücher nicht zu schätzen wüsste. Im Gegenteil – sie liebte Bücher! Aber sie liebte vor allem die Auswahl, die Möglichkeiten. Das nicht zu haben, hatte sie während ihrer Studien oft zur Verzweiflung getrieben. Vorgeschriebene Werke, in denen sie etwas zu finden hoffte, das sich nie blicken ließ. Was sie wollte, war eine komplette Buchhandlung voller Bücher, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Unbekannte, fantastische Welten, die sie vor ihrem geistigen Auge auferstehen lassen konnte. Abenteuer, Mysterien und ein romantisches Treffen mit jenem Fremden, den sie in der Realität bis heute noch nicht hatte finden können, aber von dem sie sicher war, dass er in den romantischen Passagen diverser Bücher auf sie wartete. Immer und immer wieder. Wann sie wollte. Wo sie wollte. Und wie sie wollte. Sarah lächelte.

Und sie erinnerte sich daran, warum sie eigentlich hier war. Hier, auf dem Gehweg vor diesem verstörenden Schaufenster. Hier, auf dem Weg zu ihrer Universität, um ihrem Professor mitzuteilen, dass aus ihrer Doktorandenkarriere nichts werden würde. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, hätte ihr das eigentlich schon längst klar sein müssen. Ihr Promotionsthema hatte sie damals einfach allzu leicht ad acta gelegt und für etwas aufgegeben, das ihr wichtiger war. Unbestimmter. Zielloser. Aber wichtiger.

Sarah seufzte. Sie hatte das Gefühl, als bestünde ihr Leben aus unzähligen Abzweigungen, die sich aneinander reihten und von ihr Entscheidungen verlangten, die sie oft nicht zu treffen wusste. Und nach jeder Entscheidung taten sich neue Wahlmöglichkeiten auf, die sich der von ihr veränderten Wirklichkeit angepasst hatten. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. Es war zu spät, um ihre Entscheidung für die Promotion rückgängig zu machen. Diese Abzweigung in ihrem Leben hatte sie genommen, war einige Zeit auf ihr entlanggegangen und dann abrupt auf einen anderen Pfad gewechselt, der ihre privaten Studien in den Mittelpunkt stellte. Dieser Pfad jedoch hatte sie auch nicht an das ersehnte Ziel gebracht. Welches Ziel?, fragte sich Sarah insgeheim. Hatte sie da überhaupt eines? Oder lag ihr Bestreben nur darin, ein lohnendes Ziel zu finden?

Stattdessen war sie auf diesem neuen, nicht unbedingt sehr gut ausgewiesenen kleinen Pfad immer im Kreis herumgelaufen, wie in einem Labyrinth ohne Ausweg. Und nun war sie unversehens auf ihren ganz persönlichen Minotaurus getroffen. Er hatte sie zum Anhalten gezwungen. Zum Nachdenken. In gewisser Weise hatte er ihr die Grenzen ihrer Suche aufgezeigt. Da stand sie nun also und versuchte, zu der Abzweigung von damals zurückzugelangen. Runter vom kreiselnden Pfad, die Promotionsstraße zurück und dann an der Kreuzung auf zu einer neuen Entscheidung! Keine weiteren Studien. Keine Doktorarbeit.

Sarah runzelte die Stirn, als sie in ihrem Bewusstsein auf Gedanken traf, die weniger euphorisch klangen und deshalb von ihr bis jetzt ausgeklammert und verdrängt worden waren. War sie sich denn wirklich sicher, dass sie mit dieser Entscheidung, die sie nun getroffen hatte, glücklich werden würde? Nicht ihre abgebrochene Doktorarbeit war das Problem. Aber das so rätselhafte Verschwinden ihres Großvaters beschäftigte sie immer noch. Egal wie sehr sie sich auch dagegen sträubte und versuchte, diesen Gedanken aus dem Weg zu gehen – was nicht leicht war, da sie nun einmal irgendwo in ihr selbst ihr Zuhause hatten. Und ihr Gewissen konnte sich einfach nicht so recht damit abfinden, dass sie die Suche nach ihrem Verwandten aufgeben und abhaken wollte.

Sarah stand versunken vor dem Schaufenster zu einer ihr unbekannten, oberflächlichen Welt und grübelte. Hatte sie denn die Suche wirklich einfach aufgegeben? Ihr kam es nicht so vor. Im Gegenteil – sie hatte viel Zeit mit einer Aufgabe verbracht, die ihr niemand aufgezwungen, aber zu der sie sich selbst verpflichtet gefühlt hatte. Nichts daran war einfach gewesen. Und einfach würde es jetzt auch nicht werden, wenn sie sich davon lossagte und Abstand von ihren Studien nahm. Aber ihr blieb keine Wahl. Wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie es nie tun! Schon jetzt würde es ihr verdammt schwer fallen, in ein möglichst normales Leben zurückzufinden. Je länger sie damit wartete, umso schwerer wäre es. Und nicht nur das. Sie konnte es sich auch einfach nicht länger leisten, völlig auf das Leben um sie herum zu verzichten. Nicht nur der emotionale Faktor – Sarah wusste, dass sie emotional ein Wrack war – spielte dabei eine Rolle. Auch ihre finanziell nicht mehr allzu rosige Lage fing an, ihr Sorgen zu bereiten.

Sarah stand inmitten des lärmenden Pariser Lebens auf dem unebenen Gehweg und starrte auf das knallig bunte Schaufenster der Buchhandlung, die nur diesen verflixten Bestseller ausstellte. In der Scheibe sah sie eine verwaschene Version ihres Selbst. Runzelte dieser Schatten tatsächlich die Stirn? Sarah seufzte. Ihr Leben war genau wie dieses Spiegelbild – nicht echt. Nur ein Abglanz von dem, was es sein könnte.

Am Ende wusste Sarah gar nicht, ob sie sich jemals wieder von dem Schaufenster der kleinen Buchhandlung hätte losreißen können, das ihr sowohl die Oberflächlichkeiten der Welt als auch ihr eigenes unzureichendes Leben vor Augen führte. Auf eine seltsame, nicht nachvollziehbare Art und Weise schien sie dieses leere, aber dennoch vielversprechende Fenster in eine andere, angeblich bessere Welt, magisch anzuziehen. Sarah ertappte sich ungläubig bei der Überlegung, ob sie nicht doch dem Inneren des Ladens einen Besuch abstatten sollte, um sich den ausgestellten Bestseller einmal näher anzusehen.

Wahrscheinlich konnte man es deshalb als glückliche Fügung betrachten, dass sie einer der Passanten bei dem Versuch, sich an ihr vorbeizuschieben, heftig anrempelte. Sarah spürte den Stoß in ihrer Seite und kam ins Taumeln. Benommen, wie sie sowieso schon war, schaffte sie es gerade noch, ihr Gleichgewicht zu halten und nicht auf dem grau gepflasterten Gehweg zu landen. Nur kurz begegneten ihre Augen denen des Mannes, der sie so unsanft gestreift hatte. Der Ausdruck darin kam ihr seltsam vor. Alt, traurig und ein bisschen besorgt. Sie fand nicht die richtigen Worte, weder um den Mann, noch um dessen Blick treffend zu beschreiben. Allzu schnell wandte sich der Fremde ab, murmelte irgendetwas und lief eilig weiter die Straße hinunter. Sarah starrte dem unauffällig gekleideten Mann wütend nach. Und erst in diesem Moment fühlte sie eine tiefe Erleichterung, die sich in ihr ausbreitete und darin begründet schien, dass sie nicht länger in der Welt des Schaufensters gefangen war.

Sarah atmete tief durch. Sie war drauf und dran, sich erneut der Auslage der kleinen Buchhandlung zuzuwenden, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Es war, als würde sie eine kleine Stimme in ihrem Kopf davor warnen, sich noch einmal in diesen unerklärlichen Bann ziehen zu lassen. Also ließ Sarah ihren Blick stattdessen nach vorne wandern, weiter die Straße hinunter. Hinter der nächsten Häuserzeile lag ihre Universität. Und dort würde sie nun hingehen, ihren Doktorvater suchen und ihm von ihrem Entschluss erzählen, die Sache mit der Promotion abzublasen. Dass sie sowieso schon seit Monaten anderen, unabhängigen Studien nachgegangen war, wollte sie aber lieber verschweigen.

//Ein harter unbeugsamer Griff umschloss es. Lückenlos und endgültig. Eine Brutalität ging davon aus, die unnötig und deshalb nur umso grausamer war. Noch nie hatte es etwas Derartiges gespürt. Noch nie war es auf solch abscheuliche Weise behandelt worden. Und hätte es auch nie für möglich gehalten, dass es einmal dazu kommen würde. Es erforschte seine Gefühle und fand Schmerz, Enttäuschung, Furcht und Verzweiflung. Es staunte ob dieser Ausbeute. Bis jetzt hatte es nicht gewusst, dass es überhaupt in der Lage war, solche Gefühle zu empfinden. Erneut versuchte es, eine Verbindung zu seinem anderen Ich herzustellen, aber vergeblich.//

Kapitel 3

Im Nachhinein wusste Sarah gar nicht mehr, wie sie an diesen Punkt gekommen war. Sie hatte doch eigentlich nur ein Gespräch mit ihrem Professor führen und die in eine Sackgasse geratene Doktorarbeit für alle Zeiten hinter sich lassen wollen. Und nun stand sie in diesem leeren Raum inmitten der von Studenten bevölkerten Universität und jagte einem ... ja – wem oder was jagte sie da eigentlich nach...?

Als sie am späten Vormittag die Universität erreicht hatte, war sie kurz davor gewesen, einfach wieder kehrtzumachen und ihre ganze Mission abzublasen. Das Gebäude an sich genügte schon, um sie eingeschüchtert in ihrem Schritt stocken und in ehrfürchtiger Entfernung anhalten zu lassen. Nicht nur die wuchtigen Säulen und Türmchen machten die Universität zu einem so eindrucksvollen Ort. Sarahs Zögern war vor allem dem Zwiegespräch geschuldet, das sie in Gedanken mit den vielen Statuen führte. Wie ein Bataillon waren sie aufmarschiert und hatten sich auf alle erdenklichen Vorsprünge und Zinnen verteilt, um von ihren erhabenen Aussichtspunkten kopfschüttelnd auf sie herabzublicken, während Arroganz ihre kalten steinernen Augen verdunkelte und ein hämisches Lächeln um ihre festgefrorenen Lippen spielte. Es war offensichtlich, dass sie wussten, weshalb Sarah hier war. Sie wussten um ihr Vorhaben, das Studium in diesen heiligen Hallen zu beenden. Sarah war ihrer weiteren Fürsorge nicht wert.

Und als wäre dieser Aufmarsch an Marmor nicht schon genug gewesen, stieß Sarah dazu noch an eine ganz andere – und weitaus realere – Barriere. Unzählige Stimmen, die sich in ihren lärmentwöhnten Ohren zu einem undefinierbaren Summen und Dröhnen verdichteten und zu ebenso vielen jungen Menschen gehörten, deren unbeirrbar wogender Strom in Sarah das Bild der Seine hervorrief. An manchen Stellen war sich das Wasser einig. Es floss schneller und zielgerichteter. An anderen jedoch traf es auf unerwartete Hindernisse, eine Untiefe, bestehend aus einem Grüppchen Studenten oder einem der kultivierten Bäume, die den Platz vor dem Universitätsgebäude schmückten.

Sarah stand da und ließ das unheimliche Bild auf sich wirken. Nach der Einsamkeit, in die sie sich während der vergangenen Monate regelrecht vergraben hatte, stieß sie das lärmende Leben gleichermaßen ab und faszinierte sie. Überall standen und saßen Studenten. Unter den in Reih und Glied gepflanzten Bäumen, zwischen den Säulen der Universitätskapelle, auf den Umrandungen der Springbrunnen. Vom munteren Plätschern der Fontänen war kein Laut zu hören, so sehr sich das Wasser auch anstrengte, seine Vorherrschaft an diesem von Menschen gezähmten Studienort wiederzuerlangen.

Später wusste Sarah gar nicht, wie lange sie einfach nur da gestanden und versucht hatte, mit den ungewohnten Menschenmassen und dem zermürbenden Lärmpegel zurechtzukommen. Ohne dass es ihr gelang. Also entschied sie sich dazu, ihre Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um diesem Ort entfliehen und in die Abgeschiedenheit ihrer Wohnung zurückkehren zu können. Sie war noch nicht wieder bereit für dieses bunte, lärmende Leben, das den jungen Menschen hier so leicht von der Hand ging. Sie hoffte, sie würde eines Tages wieder zu ihnen gehören – hatte sie denn jemals zu ihnen gehört? – aber selbst wenn ihr das gelänge, war dieser Tag noch fern.

Mit dieser Erkenntnis holte sie einmal tief Luft und lief dann zielstrebig über den Platz in Richtung eines kleineren Eingangs. Zielstrebigkeit hatte in diesem Fall sehr viel mit Slalomlaufen gemein, aber Sarah schaffte es tatsächlich, in relativ kurzer Zeit den Platz zu überqueren, ohne allzu oft angerempelt zu werden oder gar andere Studenten mit einem versehentlichen Stoß aus deren philosophischen Gedanken und Diskussionen zurück in die Wirklichkeit zu holen. Das würde der Beginn der nächsten Vorlesung schon früh genug erledigen.

Sarah manövrierte sich also erfolgreich von dem Gedränge auf dem Vorplatz in das Gedränge innerhalb der Universität. Ein kurzer Blick hinaus auf den Innenhof hielt sie davon ab, diesen Weg einzuschlagen.

Auf dem Hof, der nicht allzu groß war und eingekesselt zwischen hohen Sandsteingebäuden mit grau gedeckten Zinnen lag, hatte sie sich sowieso immer gefangen gefühlt. Wie in einer von Türmen und Giebeln geschmückten, ausweglosen Falle. Und nun – vollgepackt mit Studenten – erweckte der Innenhof erst recht den Eindruck, als wäre er das geöffnete hungrige Maul einer riesigen unterirdischen Kreatur, die sich gerade ausgiebig am universitären Buffet bedient hatte. Der erschreckende Anblick genügte, um Sarah davon abzubringen, sich über den Hof auf die andere Seite des Universitätsgeländes zu kämpfen.

Sie hatte sich auch schon oft gefragt, ob man die hohen weißen Sprossenfenster in die umliegenden Sandsteingebäude eingesetzt hatte, um das Gefühl des Eingesperrtseins auf dem rechteckigen Innenhof zu verringern. Hätte sie jemals jemand nach ihrer Meinung dazu gefragt, hätte sie nicht gezögert, ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass dieses Ansinnen gründlich fehlgeschlagen war. Die vielen Fenster vermittelten eher den Eindruck, als würden unsichtbare Gestalten den armen hilflosen Tropf, der sich da so wehrlos und ungeschützt über den Hof bewegte, von allen Seiten beobachten und kontrollieren.

Also blieb nur der Weg durch das Gebäude selbst. Sarah begann, sich zwischen den jungen Leuten im Inneren der Universität hindurch einen Weg zu bahnen. Das stellte sich als einfacher heraus als gedacht. Anscheinend hatte das angenehm frühsommerliche Wetter den Großteil der Studenten nach draußen gelockt.

Sarah erklomm weitläufige Treppen, schritt durch hallende Flure und erreichte schließlich ihr Ziel, das Büro ihres Doktorvaters.

Sie meldete sich im Sekretariat an. Professor Valière leitete noch ein Seminar und tauchte erst einige Minuten später vor seinem Büro auf. Die folgende Unterredung würde nicht in die Liste der wenigen tiefsinnigen Gespräche, die Sarah bisher in ihrem Leben geführt hatte, eingehen. Fast hatte es sogar den Anschein, als wäre auch Professor Valière froh darüber, die leidige Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und die sowieso nur mündliche Vereinbarung über die Anfertigung und Korrektur einer Doktorarbeit ad acta zu legen. So einfach löste sich eine Aufgabe in Luft auf.

Nach dem sehr kurzen Gespräch schüttelten sie sich einvernehmlich die Hand und gingen beide ihrer Wege. Der Professor auf zu neuen Taten und Ufern, Sarah hinaus aus dem Büro in einen langen Flur, dessen Nacktheit ihr auf einmal Angst machte.

Ziellos folgte sie dem Flur, nicht so recht wissend, was sie als nächstes tun sollte. Zurück in ihre Wohnung? Aber zu welchem Zweck? Na schön, sie könnte zum Beispiel mit dem Aufräumen und Saubermachen anfangen, aber immerhin hatte sie heute bereits die Generalüberholung ihres Lebens hinter sich gebracht. Die ihrer Wohnung konnte da ruhig noch bis morgen warten.

Ehe Sarah sich versah, landete sie in einem ganz anderen Teil der Universität. Vollkommen unbewusst fand sie ihren Weg zu dem Ort, der ihr der Liebste war: die Bibliothek. Und warum eigentlich nicht? Hier hatte sie schon immer Zeit zum Nachdenken gefunden. Also würde sie das auch heute tun können. Und vielleicht würde sie diesen Raum sogar – wie so oft in der Vergangenheit – mit einem Plan verlassen. Einem neuen Ziel.

Sarah schlenderte langsam durch die Reihen der Bücher. Zog manchen Band heraus, blätterte in ihm, stellte ihn wieder zurück. Ließ ein Regal hinter sich, um sich einem anderen, interessanteren zuzuwenden. Zog hier ein Buch heraus, stellte dort ein Buch wieder auf seinen vorgesehenen Platz inmitten der bibliothekarischen Kameraderie zurück.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie dort zwischen ihren Freunden verbrachte. Und sie wusste auch nicht, wie lange sie das eine Buch in der Hand hielt. Sie hielt es in der Hand, aufgeschlagen, und starrte mit blinden Augen auf die Seite, die sich zufällig für sie geöffnet hatte. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sie das Geschriebene auch wirklich bewusst las. Aber dann kamen ihr die Zeilen sofort wunderbar vertraut vor: Coleridges Rime of the Ancient Mariner. Die gesammelten Werke von Samuel Taylor Coleridge waren unter den Büchern gewesen, die sie vor einigen Jahren auf dem Dachboden ihrer Mutter entdeckt hatte. Schulterzuckend hatte diese erlaubt, dass Sarah die komplette Kiste mit Büchern einfach an sich nahm. Anscheinend handelte es sich dabei um Überbleibsel aus der Wohnung ihres Großvaters und waren nach dessen Verschwinden bei seiner Frau, Sarahs Großmutter gelandet. Nach deren Tod hatten sie ihren Weg auf den Dachboden von Sarahs Mutter gefunden.

Sarah erinnerte sich nur zu gut daran, dass sie all diese Bücher durchforstet hatte, in der Hoffnung, einen Hinweis auf das seltsame Verschwinden ihres Großvaters zu entdecken. Coleridges Gedichte hatten ihr so gut gefallen, dass sie einen Großteil von ihnen mehrmals gelesen hatte.

Sarahs Blick fiel wieder auf die Worte vor ihr: Like one, that on a lonesome road/ Doth walk in fear and dread,/ And having once turned round walks on,/ And turns no more his head;/ Because he knows, a frightful fiend/ Doth close behind him tread.Einsamkeit, Furcht und ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Sarah war sofort versucht, das vollständige Gedicht erneut zu lesen, als sie auf einmal stutzig wurde.

Sie wusste nicht wieso, aber einzelne Wörter des gelesenen Absatzes schienen ihr auf einmal deutlicher als die übrigen. Immer wenn Sarah sich auf sie konzentrierte und den Absatz direkt ansah, fiel es nicht weiter auf. Die Worte fügten sich alle wunderbar zusammen und formten in eifriger Selbstverständlichkeit den kompletten Text. Aber als sie dann ihre Gedanken erneut wandern ließ und das Gedicht – die Worte, Verse, Strophen – vor ihren Augen unscharf zu werden begann und langsam verschwamm, so passierte dies nur mit einem Großteil des Textes. Einzelne Worte hingegen standen ihr nach wie vor deutlich umrissen vor Augen: lonesome, fear, dread, frightful fiend, close.

Sarah holte tief Luft. Wie war das möglich? Und was sollte das? Sie zögerte noch kurz und versuchte, sich davon zu überzeugen, dass sie eigentlich wichtigere Dinge zu tun hatte – zum Beispiel sich um ihr komplettes Leben zu kümmern – aber die Neugier siegte.

Bevor sie am heutigen Vormittag den Schritt aus der Einsamkeit ihrer Wohnung hinaus in die Welt gewagt hatte, hatte sie sich die Zeit genommen, nach ihrem verschollenen schwarzen Notizbuch zu suchen. Und das Glück war ihr hold gewesen. Unter einem unordentlichen Stapel Papier, das dem schiefen Turm von Pisa Konkurrenz machen konnte, hatte sie das kleine Büchlein entdeckt. Es einzustecken und wieder bei sich zu tragen, gab ihr seltsamerweise in der hektischen Welt, die vor ihrer Wohnung auf sie wartete, ein Gefühl der Sicherheit. Das Notizbuch war wie ein Anker, das sie noch immer mit ihrem bisherigen Lebensinhalt verband. Und nun konnte es sich sogar wieder nützlich machen.

Sarah griff in ihre Jackentasche und zog das schwarze Büchlein hervor, um die Worte darin festzuhalten, die in Coleridges Rime so seltsam hervorgehoben wurden.

Dann machte sie sich an den Rest des Textes. Ein paar Seiten weiter vorne stieß sie noch einmal auf einen Absatz, der auf die gleiche unerklärliche Weise mit den Wörtern spielte: Day after day, day after day,/ We stuck, nor breath nor motion;/ As idle as a painted ship/ Upon a painted ocean. Aufgeregt stellte sie fest, dass ihr der ganze Absatz vor Augen erschien, wenn sie die Worte nicht direkt ansah und las. Rasch wanderten die Sätze in ihr Notizbuch und die nächste Stunde verbrachte Sarah damit, den restlichen Text des Buches systematisch nach weiteren Hinweisen abzusuchen. Aber Fehlanzeige. Die bereits notierten Teile des Rime of the Ancient Mariner waren die einzigen, die sich so seltsam verhielten.

Sarah stellte sich mit ihrem Notizbuch ans Fenster und sah nachdenklich nach draußen. Der Tag war inzwischen schon fortgeschritten. Der Wind hatte an Stärke zugenommen und den Himmel mit Wolken bedeckt. Grauen Wolken. Regenwolken. Vor der Universität waren nur noch vereinzelte Studenten zu sehen. Irgendwie wirkten sie ziellos. Oder übertrug sie da nur ihre eigenen Gefühle auf unbeteiligte Dritte? Sie kamen ihr vor wie Nachzügler, die der Haupttrupp der studentischen Armee zurückgelassen und vergessen hatte, als er sich aufgemacht hatte, in Richtung Pariser Innenstadt zu rollen, um dort erst in den Abend und anschließend ins Nachtleben zu starten.

Sarah grübelte über den Sätzen aus ihrem Notizbuch ohne so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollte. Das Ganze klang wie eine Warnung oder ... ein Hilferuf. So, als hätte jemand versucht, vor etwas wegzulaufen, das ihn verfolgte. Derjenige war einsam, hatte Angst und wurde von etwas Bösem gejagt, das ihm schon sehr nahe gekommen war. Oder war dieser Teil eine Warnung an eine andere Person und das Böse war diesem nahe gekommen? Oder stand es ihm vielleicht nahe? Sarah spürte, wie ihr bei diesen Überlegungen richtiggehend kalt wurde. Irgendwie berührte sie das, was sie aus den angegebenen Worten zu lesen glaubte. Aber weiter brachte es sie nicht.

Also wandte sie sich dem anderen Abschnitt zu. Hier waren nicht nur einzelne Worte hervorgehoben. Eher handelte es sich um die Beschreibung eines Zustandes. Eines immer gleichen Zustandes. Derjenige, der um Hilfe rief, steckte fest. Tagelang. Ohne sich bewegen zu können. War er etwa ein Gefangener? Hatte ihn das Böse aus dem anderen Teil des Gedichtes eingeholt? Aber ... der andere Abschnitt folgte eigentlich erst später in dem Gedicht. Also beschrieb jemand hier seine Gefangenschaft und warnte dann eine andere Person vor der Gefahr, die dieser von jemandem drohte, der ihr nahe stand?

Sarah stand so lange grübelnd am Fenster der Universitätsbibliothek, bis sie eine Dame mittleren Alters höflich aber bestimmt hinauskomplimentierte.

Immer noch nachdenklich ging sie die Flure entlang, ohne viel von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Der Vergleich mit dem gemalten Schiff auf einem gemalten Ozean stellte sie vor ein Rätsel. Sollte hier nur die Gefangenschaft, die Bewegungsunfähigkeit verdeutlicht werden oder steckte noch mehr dahinter? Irgendwo in dem Text musste es doch auch einen konkreten Hinweis geben!

Und dann fiel es ihr so plötzlich ein, dass sie beinahe gegen eine unsichtbar vor ihr auftauchende Glastür gelaufen wäre. Natürlich! Das Bild war der Hinweis! Ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Ozean! Wieso war ihr das nicht früher eingefallen?

Sarah hatte während ihres Studiums genug Zeit in diesen Fluren und Räumen verbracht und aufgrund ihrer Neigung, während des Lernens kurze oder auch lange Spaziergänge durch die Flure zu unternehmen, doch sehr viele Ecken und versteckte Winkel des Gebäudes kennen gelernt. Und dieses Bild ... sie hatte es schon einmal gesehen! Ein Schiff auf einem Ozean.

Rasch wandte sie sich um und eilte in die andere Richtung. Zwei Treppen nach oben, durch einen weiteren Gang und um eine Biegung. Dann blieb sie schweratmend vor dem Gemälde stehen, das ihr soeben wieder eingefallen war. Ein Schiff auf einem Ozean.

Ihrer Meinung nach handelte es sich um kein besonders gutes Gemälde, die Farben waren viel zu kitschig gewählt, so dass der beabsichtigte romantische Sonnenuntergang eher zu einem Stelldichein der unterschiedlichsten Lila- und Rosatöne wurde. Aber da war es! In einem verstaubten, goldenen Rahmen zeigte es ein Schiff, das über ein von Wellen zerrissenes Meer fuhr, hinein in den wartenden rosaroten Sonnenuntergang.

Sarah stand vor dem Bild und starrte die kitschige Farbgebung an. Da war sie also. Aber was nun?

Aus irgendeinem Grund war sie sich sicher, dass sie den Hinweis richtig verstanden hatte und sich an genau dem Ort befand, an den sie irgendwer bringen wollte. Wer?, fragte eine kleine Stimme irgendwo in ihrem Inneren, die sie erst einmal erfolgreich verdrängte. Alles zu seiner Zeit. Die junge Frau machte sich daran, das Bild genau unter die Lupe zu nehmen.

Da waren die sturmgepeitschten Wellen, deren Schaumkronen sich in perfekt arrangierter Harmonie rings um das Schiff brachen. Das Boot selbst war eines jener alten Segelschiffe, die einem sofort vor Augen standen, wenn man an eine romantisch verklärte Vergangenheit dachte, in der Piraterie nicht brutal und habgierig, sondern verwegen und ehrenhaft war. Aber das, was das gesamte Bild dominierte, war der Himmel. Der stürmische Sonnenuntergang, der bereits in den Wellen zu erahnen war, fand hier seinen Höhepunkt.

Zerrissene Wolken, die von den letzten Lichtfetzen des Tages durchdrungen wurden. Die allgegenwärtige Farbe war Rosa in unterschiedlichen – und oft auch undenkbaren – Variationen, von einem Rosa mit leichtem Blaustich bis hin zu einem mit orangenem oder rostbraunem Schimmer. Nicht nur, dass diese unglaubwürdige Farbgebung den Himmel in ihrer Gewalt hatte. Sie spiegelte sich auch in den Wellen wider und – in Sarahs Augen die größte Ungerechtigkeit – selbst die armen Matrosen auf ihrem hölzernen Segelschiff blieben nicht von ihr verschont.

Die junge Frau ließ ihren aufmerksamen Blick mitleidig über die schemenhaft dargestellten Matrosen wandern, die sich auf verschiedenste Weise an Bord des Schiffes betätigten und tapfer versuchten, nicht nur mit der grauenhaft überwältigenden Farbgebung, sondern auch mit Wind und Wetter zurecht zu kommen. Ihre Augen blieben schließlich an dem Matrosen hängen, der ihrer Meinung nach die schlimmste Aufgabe zu erfüllen hatte: In dem Korb am oberen Ende des größten Mastes stand er dem rosaroten Himmel am nächsten und war dafür verantwortlich, in der kitschigen Umgebung nach so realen Gefahren wie Untiefen oder feindlichen Schiffen Ausschau zu halten.

Der nur verschwommen gemalte Mann schien seine Arbeit aber dennoch ernst zu nehmen und auch gut darin zu sein – denn sein ausgestreckter rechter Arm wies warnend in die Ferne. Besser gesagt, nach hinten. Sarah stutzte. Der gemalte Arm zeigte nach rechts aus dem Bild, während das Schiff ganz offensichtlich nach links unterwegs war. Was nur hatte das zu bedeuten? Wurden die armen Matrosen etwa auch noch verfolgt? Oder steckte da womöglich noch etwas anderes dahinter?

Auf einmal spürte Sarah, wie sich Aufregung in ihr breitmachte. Das war er! Der Hinweis, nach dem sie hier gesucht hatte! Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, ließ sie ihre Finger über den rechten Rand des Bildes gleiten, genau dort, wohin sie der ausgestreckte Arm des kleinen gemalten Matrosen führte.

An der Seite des Bilderrahmens fand sich nichts, aber als Sarah ihre Finger vorsichtig hinter das Bild gleiten ließ, stießen sie auf einen winzigen Hebel, der dort an der Wand befestigt war. Ein kurzes Zögern, dann zog die junge Frau den kleinen Widerstand zu sich nach vorne, entgegengesetzt zu der Richtung, in die er bis dahin gezeigt hatte.

Für einen kleinen, unsicheren Moment dachte Sarah, sie hätte sich geirrt. Hätte sich verrannt in seltsamen Hinweisen, die sie gemeint hatte, aus Büchern herauszulesen. Aber dann hörte sie es. Ein leises, gleitendes Geräusch, das seinen Ursprung irgendwo hinter der Wand zu haben schien, in der sich zu Sarahs Erstaunen eine schmale dunkle Öffnung zu bilden begann. Rein gar nichts hatte vorher darauf hingewiesen, dass sich hinter dieser Tapete ein geheimer Durchgang befand. Ein geheimer Durchgang – wohin?

Sarah hielt sich nicht lange mit dieser Überlegung auf und auch innere Mahnungen zur Vorsicht schob sie rigoros beiseite. Nun war sie schon hier. Sie war endlich auf irgendetwas gestoßen, nachdem sie so lange Zeit einem Phantom hinterher gerannt war. Nun wollte sie gefälligst auch wissen, was hinter dieser geheimen Tür lag! Mit einem tiefen, entschlossenen Atemzug näherte sie sich dem Durchgang und betrat gebückt den dahinter liegenden Raum.

//Es war in Bewegung. Nicht aus freiem Willen. Irgendetwas zerrte es vorwärts, ließ keinen Zweifel daran, dass es zu folgen hatte. Nie zuvor war es einem solchen Zwang ausgesetzt gewesen. Zwischen ihm und seinem anderen Ich hatte eine stille Verbundenheit geherrscht, begründet auf Respekt, Treue und Freundschaft. Es war eine gleichberechtigte Partnerschaft gewesen. Aber hier ... hier war alles anders. Drohungen, Schmerz, Hass. Es wurde nicht gefragt, sondern gezwungen. Nicht gebeten, sondern befohlen. Alles war trüb, sinnlos und leer. Bar jeden positiven Gefühls. Es wurde als Sklave gehalten. Wusste er denn nicht, was es in Wirklichkeit war?//

Kapitel 4

Der Geruch von Essen, frischem Kaffee und Tabak hing träge in der milden Nachtluft und erfüllte die kleinen Gassen entlang des Flussufers. Dank des ungewöhnlich warmen Frühsommertages saßen die Menschen auch weit nach Mitternacht noch auf den Terrassen der Cafés oder flanierten unter den Bäumen im Schein der Straßenlaternen am Wasser entlang. Paris zeigte sich in diesen Juninächten als verträumte Stadt jenseits aller Zeit und Hektik.

Matthew saß am Ufer der Seine unter einer Kastanie und stellte fest, dass er wieder nüchtern war. Er hatte sich den Platz auf der Bank am frühen Abend gesichert, ausgestattet mit einer Flasche Rotwein, einer Schachtel Zigaretten und dem festen Vorsatz, ihn nicht vor dem nächsten Morgen zu räumen. Tatsächlich hatte er sein Vorhaben nur zweimal kurz unterbrochen. Nach einer knappen Stunde – das leere Starren auf das Wasser hatte sich doch als noch eintöniger erwiesen, als er angenommen hatte – war er in den Kiosk gegenüber gegangen, um sich ein Exemplar des Le Mercure zu kaufen. Gegen elf Uhr hatte er sich schließlich zwei Becher Kaffee organisiert, die ihm beim Ausnüchtern helfen sollten.

Wenn seine Freunde zu Hause in England ihn fragten, warum um Himmels Willen er nach fünf Jahren seine Tage immer noch in Paris verbrachte, pflegte Matthew mit einem etwas schiefen Grinsen zu antworten »Ich kam wegen des Jobs, aber ich bleibe wegen des guten Essens.« Die Wahrheit sah etwas anders aus. Mary war der einzige Grund gewesen, warum er sich immer noch auf der falschen Seite des Kanals aufhielt. Und jetzt, da sie ging, waren ihm Job und Essen ziemlich egal. Normalerweise würde er sich unter der Woche auch nicht betrinken, anstatt pflichtbewusst überflüssige Präsentationen für seinen Vorgesetzten vorzubereiten.

Matthew blickte auf die Uhr. Halb zwei Uhr morgens. Sie war wahrscheinlich schon vor vier Stunden damit fertig gewesen, ihre Sachen aus der Wohnung zu holen, aber er wollte noch nicht dorthin zurück. Die Bank würde es noch etwas länger mit ihm aushalten müssen.

Der Wind frischte auf und trieb einige Blätter an der Bank vorbei. Eine vergessene Plastiktüte schwebte träge hinterher. Matthew betrachtete den nächtlichen Himmel. Die Lichter der Stadt wischten alle Sterne hinweg und ließen nur eine glühende Dunkelheit zurück. Noch war nichts von den Wolken zu sehen, die der Westwind von der Kanalküste heranbrachte, aber der Wetterbericht hatte für den Morgen kräftige Regenschauer angekündigt. Es hatte etwas Tröstliches, dass diese Wolken aus Richtung Großbritannien kamen. Wenigstens würde sich das Wetter Matthews Stimmung angleichen und er müsste auf dem Weg ins Büro keine händchenhaltenden Paare im Sonnenschein sehen.

Viertel vor zwei. Er konnte jetzt wahrscheinlich gefahrlos in seine Wohnung zurückgehen, seine halbleere Wohnung, in der nun ein halbleeres Bett stand. Matthew stand auf, stellte ungehalten fest, dass seine Beine vom stundenlangen Sitzen eingeschlafen waren und wartete leicht schwankend ab, bis dieses furchtbare Kribbeln einsetzte. In seiner Erinnerung waren Parkbänke wesentlich bequemer gewesen, aber mit fortgeschrittenem Alter (Fortgeschrittenes Alter? Reiß dich zusammen, Mann, du bist erst einunddreißig!) musste man sich wohl schon andere Orte suchen, um Trennung und Selbstmitleid im Wein zu ertränken.

Das vorsichtige Belasten des rechten Fußes signalisierte so etwas wie Gangbereitschaft. Matthew hängte sich seine braune Ledertasche über die Schulter, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und wandte sich zum Gehen. Seine Wohnung lag westlich von hier, er würde also den Wolken entgegen gehen. Trotz der letzten Stunden und der quälenden Müdigkeit verspürte er plötzlich den Wunsch, viel weiter zu gehen. Aus der Stadt, die nun keine Bedeutung mehr für ihn hatte, hinaus. Vielleicht bis zur Küste oder gleich über das Meer.

»Vielleicht bis zum Rand der Nacht«, murmelte er und zündete sich eine Zigarette an. Leise kicherte er ob des pathetischen Satzes.

»Wohl eher nur bis zum Rand der Seite«, fügte unerwarteterweise eine kratzige Stimme hinter ihm hinzu. Matthew wirbelte auf dem Absatz herum und stolperte über seine eigenen Füße. Er konnte sich noch fangen, bevor er stürzte, aber zumindest seine Zigarette schickte er ungewollt auf einen langen Parabelflug in Richtung Fluss.

Auf der Bank saß ein älterer Mann in einer abgewetzten braun-karierten Tweedhose und einem Hemd, das sicherlich einmal weiß gewesen war. Matthew konnte sein Alter nicht schätzen, aber an den Schläfen hatten sich bereits graue Strähnen in das braune Haar gemischt.

Er schaute sich um, aber der Fremde musste buchstäblich vom Himmel gefallen oder aus einem Kanalschacht geschlüpft sein. Jetzt blickte er Matthew über die Ränder seiner Brille hinweg an. Als er sprach, klang die Stimme des Mannes nicht mehr nur kratzig. Eher schien es, als lagerten Generationen an Staub auf seinen Stimmbändern, so heiser war das Flüstern jetzt.

»Bitte, junger Mann – hätten Sie ein Glas Wasser?«

Kapitel 5

Schon als Kind lernt man einige elementare Regeln für das tägliche Überleben. Schau nach beiden Seiten, bevor du über die Straße gehst. Leg dich in der Schule nicht mit den Größeren an. Finger weg von Drogen. Und lass niemals, niemals einen Fremden in deine Wohnung.

Vielleicht war es weingetränkter Fatalismus, der Matthew dazu brachte, letztere Regel zu ignorieren. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er die letzten vier Monate sowieso mit einer scheinbar völlig Fremden zusammengelebt hatte.

Matthew hatte nicht lange nachgedacht, bevor er ihn hierher gebracht hatte. Er hätte den Mann natürlich in ein Krankenhaus bringen können, aber es schien ihm weiter nichts zu fehlen. Die Polizei wollte er ebenso wenig rufen. Der Fremde wirkte leicht desorientiert, aber nicht auf eine bedenkliche Art – er konnte geradeaus laufen, deutlich sprechen und wusste zumindest, dass er in Paris war. Wie alt mochte er sein? Vielleicht fünfzig? Egal, auf alle Fälle wirkte er altmodisch. Er erinnerte Matthew an die Leute aus den verstaubten Politik-Gesprächsrunden im Fernsehen der Siebziger, die beige gemusterte Anzüge trugen, dazu überdimensionierte Brillen mit ständig kränklich wirkenden gelbgetönten Gläsern, und bei denen die bemitleidenswerten Kameraleute sich stets heroisch bemühten, die dicken Nebelbänke aus Zigarettenrauch im Studio überhaupt zu durchdringen.

Entscheidend war, dass der Mann sich viel zu schnell für irgendein Alter bewegt hatte. Nur Sekunden, bevor Matthew aufstand, war er nirgendwo in der Nähe der Bank zu sehen gewesen. Er war förmlich aus der Sitzfläche gewachsen. Das allein genügte, um Matthews Interesse zu wecken. Sein Job war ihm unwichtiger als jemals zuvor – hier gab es ein Rätsel zu lösen. Er konnte wahrlich etwas Abwechslung gebrauchen.

Matthews Wohnung lag in Petit-Montrouge, gerade fünfzehn Minuten Fußweg von der Bank entfernt. Es war eine Altbauwohnung im dritten Stock eines ruhigen Hinterhauses. Der Weg führte durch einen Innenhof, in dem sich Unkraut einen unablässigen Kampf mit den steinernen Bodenplatten lieferte und zwei längst reifenlose Fahrräder selig vor sich hin rosteten, während sie von besseren Zeiten träumten. Hinter der schweren Eingangstür führte eine enge Treppe nach oben. Essensgeruch hing in dem dunklen Flur.

Eigentlich konnte Matthew Altbauwohnungen nicht ausstehen. Selbst bei voll aufgedrehter Heizung schienen sie im Winter niemals richtig warm zu werden und die hohen Decken ließen jeden Raum wesentlich schmaler und enger erscheinen, was bei ihm regelmäßig ein beklemmendes Gefühl hervorrief. Irgendjemand auf Matthews Abschiedsfeier in London hatte behauptet, solche Wohnungen wären très chic und würden den Bewohner als dynamisch und geschmackvoll auszeichnen. Der selbe Jemand hatte auch behauptet, Prag sei die Hauptstadt Bulgariens. Nach allem, was Matthew wusste, war dieser Jemand ein Vollidiot.

Als er die Tür öffnete und nach ein paar Schritten das halbleere Wohnzimmer betrat, kroch Ernüchterung in sein Bewusstsein. Mary hatte ihren Auszug schnell und gründlich abgewickelt. Einer der beiden grauen Sessel war ebenso verschwunden wie die zwei Stehlampen und die Vorhänge. Statt des Regals, in dem sie ihre wenigen Bücher und CDs aufbewahrt hatte, stand nur ein schiefer Stapel alter Zeitschriften neben dem Sofa. Und ohne nachzusehen hatte er die Gewissheit, dass sie die exakte Zahl an Getränkegläsern mitgenommen hatte, die beim Einzug in ihren Kartons gewesen waren.

Matthew bat den Fremden, auf dem Sofa Platz zu nehmen und ging in die Küche. Er zog eine Flasche Wasser aus dem Korb neben dem Kühlschrank und holte ein Glas aus dem Schrank. Fast wieder im Flur, drehte er sich noch einmal um, streckte seinen Arm zum obersten Fach des Hängeregals und tastete das Brett ab. In der hintersten Ecke fand er tatsächlich noch eine Packung Kekse, bekam sie mit zwei Fingern zu greifen und balancierte sie langsam über den Handrücken auf sichere Höhe. Er war überzeugt, dass er einen bescheuerten Anblick lieferte, aber gemessen an der Menge des konsumierten Weins kam er sich doch recht geschickt vor.

Im Wohnzimmer saß der Fremde auf dem Sofa und blickte das gegenüberliegende Regal mit den verbliebenen Büchern an. Matthew stellte alles auf dem Tisch ab und goss seinem Gast ein Glas Wasser ein. Der Mann dankte ihm, hob das Glas an den Mund und nahm einen Schluck. Er verharrte einen Augenblick, stürzte das restliche Wasser dann aber gierig in einem Zug hinunter und stellte das Glas auf die Tischplatte.

»Das ist ganz sicher das Beste, was ich seit langer Zeit getrunken habe«, sagte der Mann lächelnd. Er schenkte sich selbst ein weiteres Glas ein, ließ es aber noch auf dem Tisch stehen.

»Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, Monsieur. Ich hätte wirklich nicht gewusst, wo ich hin sollte.«

»Gern geschehen«, antwortete Matthew und ließ sich in dem verbliebenen Sessel nieder. Nachdem er sich selbst etwas Wasser eingeschenkt hatte, beugte er sich vor, zog den Aschenbecher vom anderen Ende des Tisches zu sich heran und begann, in seiner Tasche nach den Zigaretten zu wühlen. »Übrigens, ich heiße Matthew Harlington.«

»Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.« Der Mann lachte. »Da lassen Sie mich in Ihre Wohnung und kennen nicht einmal meinen Namen. Ich bin Henri Dupoit.«

Matthew fand die Zigaretten, zog eine aus der etwas zerknüllten Packung und zündete sie sich an. Er lehnte sich zurück. »Stammen Sie aus Paris?«

»Ja. Ich wohne nicht weit von hier, auf der anderen Seite der Seine.« Seine Stirn legte sich in Falten, als ob ihm gerade ein rätselhafter Gedanke in den Sinn kam. »Genaugenommen wohnte ich da«, fuhr er fort. »Entschuldigen Sie, aber welches Jahr haben wir?«

Matthew verschluckte sich an dem Wasser, das er gerade trinken wollte. Der folgende Hustenanfall bewahrte ihn zumindest davor, sofort antworten zu müssen. War der Mann vielleicht doch nicht mehr ganz richtig im Kopf? Oder hatte sich das Leben gerade in einen Science-Fiction-Film verwandelt? Matthew erwartete fast, dass Dupoit ihn als nächstes nach Sarah Connor fragen würde.

»Ist das Ihr Ernst?«, entfuhr es ihm, und noch im selben Augenblick biss er sich auf die Lippe und bereute die Frage. »Ich meine: Wissen Sie das nicht? Können Sie sich nicht erinnern?«

»Nein, leider nicht.« Dupoit wirkte keinesfalls gekränkt. Wahrscheinlich hatte er solch eine Reaktion erwartet. Das sprach zumindest dafür, dass er nicht völlig verrückt sein konnte.

»Es ist 2012.« Matthew warf einen Blick auf die Datumsanzeige seiner Uhr. »Mittwoch, der 6. Juni, um genau zu sein«, fügte er hinzu.