Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Schicksal ist ein Mädchen im gelben Kleid. Es erwacht und hört von einer Liebe, die nicht sein darf. Von einem Streit zwischen Vater und Sohn, einer trauernden Mutter, einer verschwundenen Tochter. Es beschließt, einzugreifen und die Welten ins Ungleichgewicht zu bringen. Die Geschichte in die richtigen Bahnen zu lenken. Mit einer Prophezeiung sorgt das Schicksal dafür, dass die Hoffnung überall und nirgends Einzug hält. Der Mensch im gelben Mantel würde kommen und das Gleichgewicht der Welten wiederherstellen. Die unglücklich Liebenden für immer vereinen. Trauer und Zorn vertreiben. Das Schicksal lächelt. Wenn es Zeit hätte, würde es diese Geschichte schreiben. Traumhafte Entwicklungen und schicksalshafte Begebenheiten würden sich vermengen und zu einer märchenhaften Erzählung werden. Doch es hat keine Zeit. Ein Universum wartet darauf, von ihm gelenkt zu werden. Der Traum ist geträumt und er wird nur zur Geschichte werden, wenn es das Schicksal eines anderen ist, ihn zu beschreiben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Heike Schwender
Sonne, Mond und Troll
Eine märchenhafte Erzählung überall und nirgends
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dieses Buch ist…
Ein unerwarteter Besucher
Der Beginn der Reise
Eine unglaubliche Geschichte
Meerwasser
Steinwüste
Baumwald
Trollhöhlen
Moorsumpf
Felsengarten
Grasland
Stadthausen
Flussufer
Burgstein
Das Land zwischen den Zeiten
Meerwasser
Das Ende der Reise
Impressum neobooks
Das Schicksal stand an seinem Fenster und blickte hinaus aufs Universum. Etwas hatte es geweckt. Etwas Unschönes, Schicksalsträchtiges. Etwas, das eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Doch es war passiert. Und es hatte das Schicksal vieler verändert. Es betraf die Bewohner der Welten, die Gezeiten, die Gestirne.
Das, was hätte vermieden werden sollen, war geschehen. Es ließ sich nicht rückgängig machen. Der Sand der Zeit rann nur in eine Richtung – daran konnte selbst das Schicksal nichts ändern.
Und das, was geschehen war, zog weitere gewaltige Ereignisse nach sich. Einen Streit zwischen Vater und Sohn, den der Vater durch unlautere Methoden für sich entschied. Eine trauernde Tochter, eine trauernde Mutter. Dunkelheit zwischen den Sternen.
Das Schicksal stand an seinem Fenster, blickte hinaus aufs Universum und überlegte.
Eines Abends im Dezember stand ein Troll vor meiner Tür und fragte höflich, ob ich ihn vielleicht begleiten wolle. Er hatte geklingelt, ganz wie es sich gehört, und war gerade dabei, sich die großen nackten Füße auf meiner Fußmatte abzuputzen, als ich die Tür öffnete um nachzusehen, wer mich so spät noch besuchen kam.
Die unerwartete Frage des Trolls brachte mich gehörig aus dem Konzept.
„Begleiten?“, fragte ich irritiert. „Wohin?“
Der uneingeladene Gast schenkte mir ein freundliches Lächeln und hob andeutungsweise die Schultern. „Nach überall“, war die kryptische Antwort, „und nirgends.“
Meine Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen, als ich mich mit derlei tiefsinniger Philosophie konfrontiert sah. Ein innerer Instinkt riet mir, dem Troll die Tür vor der Nase zuzuschlagen und mich weiter der Zubereitung meines Abendmahls zu widmen. Gerade so, als wäre nichts gewesen. Jedoch ein anderer Teil in mir dachte an das bevorstehende Mahl, welches das gleiche sein würde wie am gestrigen Tag. Er dachte an die darauffolgende Nacht, die ich alleine in meinem Bett verbringen würde. Er dachte an den kommenden Tag, an dem mir wieder der graue Dezember einen guten Morgen wünschen würde, während ich mich auf den Weg in die Arbeit machte. Der andere Teil gewann.
„Möchtest du hereinkommen, während ich meinen Rucksack packe?“, lud ich den Troll ein. Mit einem breiten Grinsen nickte er zustimmend und befasste sich ein weiteres Mal mit meinem Fußabstreifer. Dann betrat er mein Haus. Seine bloßen Füße verursachten auf dem hölzernen Dielenboden ein merkwürdiges Geräusch, eine Mischung aus Stampfen und Klatschen.
Während ich begann, diverse Kleidungsstücke zusammenzusuchen – Was trug man nur überall und nirgends? – hievte sich der Troll auf eine massive Holztruhe und sah mir entspannt beim Packen zu. Er baumelte gelassen mit den Beinen, die etwa zehn Zentimeter über dem Boden hingen und war mir bei meiner Tätigkeit keine allzu große Hilfe.
„Was meinst du – brauche ich einen Regenschirm?“, wollte ich von ihm wissen, während ich das knallrote Objekt unschlüssig in der Hand hielt.
„Der Regen wird nicht unbedingt das sein, wovor du dich abschirmen solltest“, kam die ablehnende Antwort von meinem Gast. „Hast du noch andere Schirme?“
Ich starrte den kleinen Kerl auf meiner Holztruhe verwirrt an. Da er aber auf eine Antwort zu warten schien, schüttelte ich irgendwann den Kopf. Ein ergebenes Schulterzucken war alles, was ich dafür erhielt. Ohne weiter auf dem Thema herumzureiten, legte ich den Regenschirm zur Seite und widmete mich im Stillen der Frage, ob ich denn wohl einen Sonnenhut bräuchte. Da ich aber wohl auch vor der Sonne nicht auf der Hut sein musste – oder, musste ich? – ließ ich auch diese Überlegung schnellstmöglich fallen und packte stattdessen nur Sachen ein, die keinerlei Diskussionsstoff boten: Hosen, Schuhe, Hemden, ein Handtuch. Solche Dinge.
Nachdem ich den grünen Rucksack verschnürt hatte, ließ ich meinen Blick ein letztes Mal durch das Haus gleiten. Mein Haus. Mein Leben. Mein Alltag. Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Ich bin soweit“, teilte ich dem Troll mit, der mich schweigend bei meinem Tun beobachtet hatte. Der kleine Kerl mit der Knollennase und dem dichten braunen Haar nickte, stemmte sich hoch und ließ sich behäbig von der Holztruhe plumpsen.
„Dann los“, war alles, was er sagte. Wortlos folgte ich ihm durch meinen Hausflur, durch die Eingangstür in den kleinen Vorgarten, für den ich nie Zeit gehabt hatte.
Als ich die Haustür hinter mir schließen wollte, hob mein Begleiter warnend eine Hand.
„Wenn du die Tür hinter dir zumachst, wirst du nicht wieder zurückkommen können“, meinte er ruhig. „Es ist wie mit Brücken, die man nicht hinter sich abreißen sollte.“
Wieder starrte ich den kleinen Kerl einfach nur an. Sprachlos. Ohne zu wissen, wie ich auf diese erneute Enthüllung reagieren sollte. Die Tür offenlassen? Unmöglich. Und ohne weiter darüber nachzudenken, zog ich die Haustür hinter mir ins Schloss. Der Troll schien einen Moment lang überrascht. Dann jedoch erinnerte er sich daran, was sich für einen Troll gehörte, hob kurz die Schultern zum Zeichen dafür, dass ihn das nun wirklich nichts anging, sondern ganz allein meine Entscheidung war und wandte sich um. Der Straße zu. Ich folgte ihm wortlos.
Das Schicksal stieß einen schicksalsschweren Seufzer aus und fällte eine Entscheidung. Eine von vielen, die es fortwährend treffen musste. Und doch war diese anders. Hier ging es nicht um das Schicksal einzelner, sondern um das Schicksal der Welten. Und es war nicht so, als würde sich die Handlung des Schicksals auf eine Entscheidung beschränken. Nein, es hatte sich dazu entschlossen, selbst einzugreifen und die Dinge zu verändern. Die Welten ins Ungleichgewicht zu bringen.
Es würde hinausgehen und eigenhändig Schicksal spielen. Möglicherweise konnte es so die Aufmerksamkeit auf das lenken, was geschehen war. Vielleicht würde es dadurch alle Beteiligten zur Vernunft bringen. Auf jeden Fall aber konnte es zur Entstehung einer Geschichte beitragen. Ob diese gut oder schlecht enden würde, sollte noch entschieden werden.
Das Schicksal holte sein gelbes Kleid aus dem Schrank und streifte es über. Dann machte es sich auf den Weg, das Schicksal der Welten zu verändern.
Die Sonne war untergegangen, während ich für die Reise nach überall und nirgends gepackt hatte. Nun war es dunkel und kalt. Nur der verirrte Schein einzeln stehender Straßenlaternen leuchtete uns den Weg. Ich hatte meine Schritte denen des Trolls angepasst und ging neben ihm die einsam liegende Straße entlang. Was für ein wundersames Paar wir doch abgeben mussten! Der kleine Kerl mit den nackten Trollfüßen und ich selbst, ein recht normales Exemplar von Mensch mit unscheinbaren braunen Haaren, der sich nur deshalb von der nächtlichen Umgebung abhob, weil er sich in einen quietschgelben Mantel gezwängt hatte. Trotzig wickelte ich mich bei diesem Gedanken noch fester in meinen Lieblingsmantel. Und wenn schon! Ein wenig Farbe konnte dieser merkwürdigen Geschichte nun wirklich nicht schaden.
Während wir so nebeneinander die nächtlichen Straßen entlangschritten, überkam mich eine merkwürdige Ruhe. Eine innere Gewissheit, das Richtige zu tun. Dieses Gefühl erstaunte mich. Es war lange her, dass ich es zuletzt gespürt hatte. Und nun kam es zurück – gerade als ich die unvernünftigste Entscheidung meines Lebens getroffen hatte. Ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen, als ich diese Gelassenheit willkommen hieß. Wie es schien, brauchte man nicht viel, um mit dem Leben erneut in Einklang zu sein. Nur einen nächtlichen Spaziergang zusammen mit einem Troll. Das würde ich mir für die Zukunft merken.
Mein Begleiter führte mich aus dem kleinen fränkischen Dorf, in dem ich lebte, hinaus und in Richtung der Wälder. Das vereinzelte Licht der Laternen blieb hinter uns zurück, genau wie die geteerten Straßen und die dunklen Schatten der Häuser, die unseren Weg bisher flankiert hatten. Stattdessen trampelten die bloßen Füße meines Begleiters nun auf unbefestigtem Boden, hin und wieder unterbrochen von leichtem Geplätscher, wenn er in eine der zahlreichen Pfützen trat. Der Dezember hatte es bisher allzu gut mit uns gemeint. Schauerartige Regenfälle waren an der Tagesordnung gewesen, genauso wie eine immerhin ertragbare nächtliche Kälte und herbstliche Nebelschwaden jeden Morgen. Im Grunde war ich erstaunt darüber, dass die Nässe seit Verlassen meines Hauses nur unsere Füße begrüßte. Und einen Augenblick später wurde ich daran erinnert, dass man sich nie zu früh freuen sollte. Dann nämlich, als ein leichtes Tröpfeln, das auf unsere Köpfe klopfte, einen weiteren Regenschauer ankündigte. Ich seufzte. Der Troll hingegen schien sich in diesem Wetter pudelwohl zu fühlen. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen, als die zahlreicher werdenden Regentropfen anfingen, sein Gesicht hinab zu rinnen. Fasziniert beobachtete ich durch den Wasserschleier, der sich in der Luft bildete, wie der kleine Kerl versuchte, die Regentropfen, die von seiner Knollennase abperlten, mit der Zunge zu fangen, bevor sie zu Boden fielen. Das ungewohnte Schauspiel schaffte es beinahe, mich von der Tatsache abzulenken, dass sich das kalte Wasser einen Weg in meinen Nacken bahnte und nun einen gemeinen Anschlag auf meinen Rücken vorbereitete. Ich zitterte und versuchte, meinen Mantelkragen noch höher zu schlagen, während ich sehnsuchtsvoll an meinen roten Regenschirm dachte, dessen Nutzen auf dieser Reise mir jemand ausgeredet hatte.
Gerade als ich diesen Gedanken mit meinem Begleiter teilen wollte, wurde es auf einmal dunkel um uns herum. Für einen Moment verlor ich die Orientierung, aber dann wurde mir klar, dass wir den Wald erreicht haben mussten und die dichten Bäume das letzte bisschen Licht abhielten, das uns trotz der Regenwolken durch den Mond und die Sterne noch zuteil geworden war. Als mir so plötzlich die Sehfähigkeit geraubt wurde, blieb ich einfach stocksteif stehen und rührte mich nicht mehr.
„Was ist los?“, kam die verwirrte Frage des Trolls durch den Regen und die Dunkelheit. Ich verspürte Erleichterung darüber, dass mein Begleiter noch da war. Sehen konnte ich ihn nicht mehr.
„Es ist zu dunkel“, antwortete ich gereizt und konnte die aufkommende Hilflosigkeit nicht völlig aus meinen Worten verbannen.
Einen Moment lang hörte ich nur das prasselnde Geräusch des Regens, der auf die Blätter der Bäume traf und dort in unzählige kleine Tropfen zerbrach. Dann meinte ich, noch ein anderes Geräusch wahrzunehmen. Einen kehligen Laut, der von dem Troll zu kommen schien und sich in unregelmäßigen Abständen wiederholte. Als mir bewusst wurde, dass der kleine Kerl lachte, wurde ich wütend.
„Was ist so lustig?“, wollte ich von dem amüsierten Troll wissen.
Das Gelächter verstummte und die Stimme meines Begleiters klang überaus ernst, als er meine Frage schließlich beantwortete: „Das hier ist keine echte Dunkelheit. Die Welt um uns herum ist nicht untergegangen.“ Trauer schwang in seinen Worten mit.
Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, doch ich verspürte bei seinen Worten eine unerklärliche Furcht in mir aufsteigen, die ich nur mühsam unterdrückte. Stattdessen lenkte ich das Gespräch lieber wieder in eine Richtung, die ich verstand. „Mag sein. Dennoch kann ich nichts mehr sehen. Und ich habe keine Lust darauf, im Dunkeln vor mich hinzustolpern.“
Es blieb einen Moment lang ruhig, dann hörte ich wieder die Stimme meines stämmigen Gefährten. „Ich führe dich. Trollaugen können auch in dieser gewöhnlichen Dunkelheit sehen.“
Eine zu seinem Körper unverhältnismäßig große Hand schob sich in meine Manteltasche und griff nach der meinigen, die ich dort vor dem Regen versteckt hatte. Ich ließ es zu, dass der Troll meine Hand wieder hinaus in die Nässe beförderte und folgte ihm dann vertrauensvoll durch den für Menschenaugen stockdüsteren Wald. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es für eine Umkehr zu spät war.
Wie lange wir so durch den Wald gingen – in meinem Fall war es eher ein rutschen und straucheln – wusste ich nicht. Die Dunkelheit, die keine wirkliche Dunkelheit war, hüllte uns ebenso ein, wie das gleichmäßige Geräusch des prasselnden Regens. Obwohl uns das Blätterdach vor einem Großteil der Nässe bewahrte, spürte ich doch, wie sich der dicke Wollpullover, den ich unter meinem gelben Mantel trug, langsam aber sicher vollsog. Feucht und schwer hing er an meinem Körper und hüllte mich in eine kalte Ungemütlichkeit, die ich nicht mehr lange würde ignorieren können.
Als ich ungefähr zum zweihundertdreiundachtzigsten Mal stolperte, spürte ich, wie der Zug an meiner linken Hand nachließ und schließlich ganz ausblieb. Die Stimme des Trolls erklang neben mir und suchte sich ihren Weg durch das gewaltige Konzert von knatternden Tropfen und berstenden Blättern. „Wir sind da.“
Ich versuchte erfolglos die Finsternis, die uns umgab, mit den Augen zu durchdringen.
„Wir sind wo?“, fragte ich schließlich verwirrt. Hörte ich da etwa ein unterdrücktes Seufzen von meinem Begleiter?
„Am Übergang“, lautete seine unwirsche Antwort. Ich unterdrückte nun selbst einen Seufzer. „Aha.“
Wir schwiegen uns eine Weile an, nicht sicher, ob wir uns gegenseitig verstanden. Der kulturelle Unterschied schien plötzlich unüberbrückbar. Dann spürte ich, wie der kleine Kerl erneut an meiner Hand zog.
„Lass uns durchgehen“, meinte er ungeduldig.
„In Ordnung“, stimmte ich zu und ließ mich widerstandslos weiter durch die Dunkelheit ziehen.
Nasse Farnwedel klatschten mir gegen die Beine, meine rechte Schulter schabte unschön an einem harten Baumstamm vorbei und dann war der Wald plötzlich verschwunden. Oder eigentlich wusste ich nicht, ob der Wald verschwunden war. Tatsache war jedoch, dass ich ihn ganz plötzlich nicht mehr um mich herum wahrnehmen konnte. Der unebene Boden, die drohenden Umrisse der Bäume, die ich nur noch erahnt hatte, der nasse Farn und das prasselnde Geräusch des heftigen Regens – das war alles plötzlich weg. Was blieb, war die Dunkelheit. Sehr zu meinem Verdruss. Und inmitten der Dunkelheit schien sich etwas anderes um uns herum zu bilden. Etwas Weiches, Elastisches. Es war, als hätte man uns in einen riesigen weich gekauten Kaugummi gestoßen, durch den wir uns nun Hand in Hand kämpfen mussten. Das Gefühl dauerte eine Weile an und verging dann genauso plötzlich, wie es gekommen war.
Es hatte getan, was es tun musste. Nun hieß es warten. Daran war es gewöhnt. Abwarten und zusehen entsprach sozusagen seiner Berufsbeschreibung. Damit hatte es sich abgefunden. Es hatte sich damit abfinden müssen. Denn – soweit es wusste – besaß niemand sonst ein Fenster zum Universum. Es war Schicksal, dass es zu dem Haus gehörte, in dem es wohnte. Seit Anbeginn der Zeit.
Das Schicksal zögerte noch, dorthin zurückzukehren. Hatte es tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Es hatte die Welten ins Ungleichgewicht gebracht. Es hatte die trauernde Tochter beobachtet und befriedigt festgestellt, dass sie sich aufmachte, um zu helfen. Es hatte alles getan, um die Geschichte in die richtigen Bahnen zu lenken. Oder, hatte es das …?
Das Schicksal betrachtete noch einmal sein Werk und merkte dann, dass etwas fehlte. Es war nur ein Strohhalm, doch dieser war so unendlich wichtig. Der Geschichte fehlte die Hoffnung. Das Schicksal überlegte und entschied dann, eine Prophezeiung in Umlauf zu bringen. Es wusste aus Erfahrung, dass mit einer Prophezeiung auch Hoffnung in die Welten getragen werden würde.
Als ich mich wieder dazu in der Lage fand, meine Umgebung wahrzunehmen, herrschte immer noch Dunkelheit. Doch dies war eine Dunkelheit, mit der ich etwas anfangen konnte. Der Himmel zeigte sich zu meiner vollkommenen Überraschung klar und wolkenlos. Und in dem Licht, das von unzähligen Sternen aus der Ferne zu uns herabgesandt wurde, erblickte ich zu meinen Füßen einen Ozean, dessen unendliche Weite in erheblichem Gegensatz zu dem Gefühl der Befangenheit stand, das mich vor kurzem noch in dem nächtlichen Wald in Besitz gehabt hatte – auf der anderen Seite des Kaugummis.
Wie vor den Kopf geschlagen stand ich da und ließ den majestätischen Anblick auf mich wirken. Die dunkelblauen Wogen des Ozeans trugen hellgraue Schaumkronen, derer sie sich gewaltsam entledigten, indem sie sie grollend gegen die Felsen zu unseren Füßen schmetterten. Weiter draußen vermittelte das Meer den Eindruck eines brausenden dunklen Spiegels, der das verzagte Licht der Sterne einfing, nur um es ablehnend erneut hinaufzuschicken in die ewigen Weiten des nächtlichen Himmels.
So gefangen war ich von dem unerwarteten Anblick, dass ich nicht bemerkte, wie der Troll meine Hand in die Freiheit entließ und sich auf einen Felsvorsprung setzte. Meine Augen wanderten von dem widerwillig glitzernden Ozean zu den munteren Leuchtgefährten, die über uns glänzten. Erwartungsvoll glitten sie über die blinkenden Punkte auf der Suche nach …
„Wo ist der Mond?“, durchbrach meine Frage die stürmische Weite des nächtlichen Ozeans.
Als keine Antwort erfolgte, blickte ich mich um. Mein Begleiter hatte das Kinn auf seine großen Hände gelegt und sah gedankenverloren hinaus aufs Meer. Der Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte eine tiefempfundene Traurigkeit wider, die ich mir nicht erklären konnte.
„Wo ist der Mond?“, wiederholte ich meine Frage teils aus Sturheit, teils aus einem unbestimmten Gefühl heraus, dass ich darauf eine Antwort benötigte.
Der kleine Kerl wandte sich mir zu und blickte mich an.
„Sie ist in Trauer“, meinte er leise.
Mein verwirrter Gesichtsausdruck musste wohl für sich gesprochen haben, denn ohne dass ich etwas zu sagen brauchte, machte sich der Troll an die Erklärung seiner Antwort.
„Vor drei Monaten ist die Tochter des Mondes spurlos verschwunden. Deshalb kam ich zu dir. Du bist Teil einer Prophezeiung, die besagt, dass niemand aus unserer Welt die Tochter des Mondes finden wird. Nur ein Mensch vermag dies.“ Seine Mundwinkel hoben sich ganz leicht, als er, halb im Scherz, hinzufügte: „Ein Mensch in einem gelben Mantel.“
Sprachlos starrte ich den Troll an. Meine Gedanken kreisten um die Bemerkung mit dem gelben Mantel, bis ich mir der ganzen Tragweite des Gehörten bewusst wurde.
„Ich bin Teil einer Prophezeiung?“, vergewisserte ich mich ungläubig. „Und ich soll die Tochter des Mondes finden?“
Mein Begleiter nickte wortlos. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er mich für schwer von Begriff hielt. Genau das hatte er mir doch soeben mitgeteilt. Ohne etwas darauf zu geben, schwieg ich und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Noch einmal sah ich hinauf zum mondlosen Sternenhimmel. Dann fuhr mein Blick über den Ozean und die Felsen.
„Wo sind wir denn eigentlich?“
Die buschigen Augenbrauen des Trolls gingen nach oben und er warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Überall und nirgends“, erinnerte er mich geduldig.
Ich nickte. Natürlich. Wie hatte ich das nur vergessen können.
„Und wenn wir die Tochter des Mondes gefunden haben …“, begann ich erneut. Der kleine Kerl unterbrach mich.
„Nicht wir“, stellte er klar. „Du.“ Diesmal waren es meine Augenbrauen, die sich hoben.
„Wie bitte?“, erkundigte ich mich höflich. „Soll ich diese Aufgabe etwa ganz allein bewältigen? Wo ich doch in überall und nirgends fremd bin?“
Der Troll sah mich ruhig an. „Hilfe wird dir zur rechten Zeit zuteil werden.“
Meine Augenbrauen rutschten höher. Aber ich verspürte wenig Lust, mir weitere kryptische Hinweise einzuhandeln. Also besann ich mich auf meine eigentliche Frage.
„Wenn ich also die Tochter des Mondes gefunden habe“, formulierte ich sie ein wenig um, „wird dann der Mond wieder scheinen?“
Es sah fast so aus, als würde sich mein Begleiter nun auch fragen, ob ich dieser Mission tatsächlich alleine gewachsen war. Sein Blick wanderte langsam über meine ganze Gestalt und erst als er wieder bei meinem Gesicht angekommen war, bequemte er sich zu einer Antwort. Einer Antwort, die er ganz offenbar für überflüssig hielt.
„Die Nachtbewahrerin wird wieder scheinen, sobald sie keinen Grund mehr zur Trauer hat.“
Oha. Konnte ich da tatsächlich einen Hauch von Ungeduld heraushören? Fast freute es mich, dass mir dies gelungen war. Fast. Denn eigentlich war ich in Gedanken immer noch mit dieser weiteren Aussage beschäftigt, dir mir meine Frage nicht wirklich beantwortete.
Dennoch nickte ich ernsthaft und tat so, als würde mir dieser eine Satz nun all das erklären, was zuvor noch unverständlich gewesen war. Ein seltsames Gespräch war es, das ich mit einem Troll unter dem mondlosen Sternenhimmel vor der glitzernden Weite des rauschenden Meeres führte!
Mein Begleiter nahm mein besonnenes Nicken mit einem erleichterten Seufzer zur Kenntnis und erhob sich von dem Felsen, auf dem er bis dahin gesessen hatte.
„Dann wäre ja alles geklärt“, stellte er fest und wandte sich zum Gehen. Ich erschrak.
„Warte!“, rief ich mit nicht mehr ganz so überzeugender Gelassenheit.
Der Troll blieb stehen und sah mich fragend an. Ich hob die regennassen, von einem gelben Mantel bedeckten Schultern und warf ihm einen hilflosen Blick zu.
„Wo fange ich mit der Suche an?“
Der kleine Kerl erlaubte sich ein schiefes Grinsen. Er sah aus, als vermutete er, ich hätte einen Scherz gemacht.
„Na, bestimmt nicht in Meerwasser. Wenn ihre Tochter sich noch hier aufhalten würde, wüsste es die Nachthüterin.“ Er tat so, als würde er kurz nachdenken und schlug dann vor: „Wie wäre es mit Flussufer, Baumwald oder Grasland?“
Er wandte sich um und stapfte auf seinen bloßen Füßen davon. Ich starrte ihm nach, innerlich mit mir ringend, ob ich ihn ein weiteres Mal aufhalten sollte. Da drehte er sich noch einmal um. Ich atmete erleichtert auf.
„Viel Glück!“, rief mir der Troll zu, bevor er einen Satz machte und von einem Augenblick auf den anderen verschwand. Ich war allein – überall und nirgends.
Wellen schoben sich erwartungsvoll in Richtung der Felseninsel, hüpften ungeduldig vorwärts und wischten sich aufgeregt die widerspenstigen Schaumkronen aus den glitzernden Augen, die ihnen so übermütig die Sicht versperrten. Dort vorne war ihr Ziel, war es immer gewesen. Die einsame Felseninsel, die sich inmitten des endlosen Ozeans erhob. Leichtfüßig sprangen die Wogen voran, näherten sich tänzelnd der felsigen Formation. Die Weite des Meeres wollten sie hinter sich lassen und neue Erkenntnisse gewinnen. Wie fühlte es sich an, einen Stein zu berühren? Welch unbekannte Melodien konnte man erschaffen, indem man sich durch Spalten und Ritzen zwängte? Fühlte man sich einsam, wenn man als Pfütze in einer Senke zurückblieb, in einer Mischung aus Erregung und Furcht vor der Anziehungskraft der Sonne und einer weiteren Reise – hinauf in den Himmel und zurück? Fest stand jedenfalls, dass man viel zu erzählen hatte, wenn man die Freiheit endlich wiedergewann und heimkehrte in die endlose Weite des Ozeans. Wenn man sich erneut in die Wellen mischte und gemeinsam mit den unzähligen anderen Wassertropfen Ausschau hielt nach einem neuen Ziel, einer neuen Erfahrung.
Wasser. Das ganze Land bestand aus Wasser.
Zwar war ich froh, dass die Nässe nicht mehr in Form von Regen herabrieselte – freute ich mich nun wieder zu früh? – aber dennoch irritierte mich die feuchte Nachtluft genauso wie das unaufhörliche Rauschen der Wellen. Ich hatte die Felsformation, auf der ich mich befand, komplett umrundet und wusste nun, dass sie vollständig von Wasser umgeben war.
Wasser, das brodelnd in Kessel floss, die die Zeit aus dem Fels gegraben hatte. Wasser, das sich zischend durch Löcher und Spalten im Stein drängte, um ihn noch weiter auszuhöhlen. Wasser, das sich tobsüchtig gegen die Klippen warf, um der steinernen Barriere die eigene Macht und Stärke zu beweisen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Felseninsel nicht mehr existieren würde. Natürlich dachte ich dabei in Epochen und nicht in Jahren oder Jahrhunderten. Aber irgendwann würde der Ozean den Kampf gewinnen. Das Wasser würde den Stein brechen.
Mutlos war ich nach meiner Inselumrundung zu dem Ort zurückgekehrt, an dem ich mich mit dem Troll vor dessen Verschwinden unterhalten hatte.
Ich setzte mich auf den Felsen, der meinem einstigen Reisebegleiter bereits als Hocker gedient hatte, und stützte mein Kinn in die Hände, um gedankenverloren in die Ferne zu blicken.
Nicht, dass mir das etwas genützt hätte. Auch wenn ich den kleinen Kerl nachahmte, so blieb mir doch sein Wissen verborgen. Was sollte ich also tun?
Die Geschichte, die er mir anvertraut hatte, war unglaublich. Doch ich beschloss, sie dennoch als Wahrheit anzuerkennen. Irgendeinen Grund musste es schließlich dafür geben, dass ich mich mitten im Dezember auf eine Reise nach überall und nirgends gemacht hatte. Warum dann also nicht die Geschichte des Trolls als wahr hinnehmen? So weit, so gut. Aber wie ging ich nun vor?
Auf meine Frage, wo ich mit der Suche nach der Tochter des Mondes beginnen sollte, hatte ich nur eine unzureichende Antwort bekommen. Nicht in Meerwasser. Nun ja, ich hatte auch nicht vorgehabt, in den endlosen Weiten des Ozeans schwimmen und tauchen zu gehen, um dabei nach einem verloren gegangenen Kind Ausschau zu halten. Aber sehr viel mehr als Wasser schien es hier nicht zu geben. Überall und nirgends war eine Enttäuschung. Wasser und eine Felseninsel. Na schön, den Glanz der Sterne in den Wellen widergespiegelt zu sehen, hatte seinen ganz eigenen Reiz. Aber diese Welt war klein. So klein, dass ich nicht wusste, wo ich die Tochter des Mondes überhaupt suchen sollte. Sie würde sich doch nicht in einer der Felsnischen verborgen halten?
Unwillig rappelte ich mich auf und begann mit einer erneuten Umrundung der kleinen wellengepeitschten Insel. Ich wusste einfach nicht, was ich sonst tun sollte. Fels, Stein und Wasser. Weder fand ich ein Flussufer, noch einen Wald aus Bäumen oder irgendein Grasland. Die Antwort, die mir der Troll gegeben hatte, ergab einfach keinen Sinn.
In Gedanken versunken, die mich nicht weiterbrachten, hatte ich mich der Stelle genähert, an der ich meinen einstigen Reisebegleiter zuletzt gesehen hatte. Hier, an diesem kahlen Fleck, war er ganz plötzlich verschwunden. Hatte sich sozusagen in Luft aufgelöst. Ob er wohl wieder in meine Welt zurückgekehrt war? Mit einem kurzen Aufflackern von Sehnsucht dachte ich an mein warmes Bett, die gut gefüllte Speisekammer und ein sinnvolles Leben. War es denn ein sinnvolles Leben?, wagte es eine kleine Stimme in meinem Innern doch tatsächlich nachzuhaken. Die Antwort darauf fiel mir schwer. Vielleicht hatte es doch mehr Sinn, weiter nach der Tochter des Mondes zu suchen. Das Dröhnen der Wellen, die gegen die kleine Felseninsel brandeten und die gischtende Feuchtigkeit, die dieser Welt – überall und nirgends – innewohnte, hatten schon beinahe etwas Heimeliges. Ich gewöhnte mich wirklich erstaunlich schnell daran, auf einer unbewohnten felsigen Insel inmitten eines endlosen Ozeans zu stehen.
Das Licht um mich herum begann, sich zu verändern. Zögernd wichen die Sterne der Morgendämmerung. Das wogende Wasser verlor seinen glitzernden Schmuck und färbte sich stattdessen orange. Ich wartete auf die aufgehende Sonne, darauf, dass sich ein orange-roter Ball am Horizont erhob, dort, wo Meer und Himmel einander umschlangen. Doch nichts geschah. Nur meine Geduld verflüchtigte sich zusehends, als der Ozean, der die kleine Felseninsel umspielte, mir von einer Morgendämmerung erzählte, die wunderschön gewesen wäre – wenn sie denn auch eine aufgehende Sonne beinhaltet hätte. Doch nur das Wasser wechselte von orange zu rot und dann von lila zu blau.
Die Sonne hätte nun über mir am Himmel stehen müssen, doch da war sie nicht. Ich dachte an den fehlenden Mond während der vergangenen Nacht und grübelte darüber nach, ob denn auch die Sonne in Trauer war und deshalb ihr Erscheinen verweigert hatte. Leider kam ich zu keinem Ergebnis. Dazu wusste ich einfach zu wenig über diese Welt. Ich begann tatsächlich, mich nach dem grummeligen Troll zu sehnen, dessen Antworten zwar keine große Hilfe gewesen waren, der aber zumindest mit mir geredet hatte. Einsamkeit überkam mich in dieser mond- und sonnenlosen Welt. So wie ich das sah, gab es nur noch eine einzige Möglichkeit. Ich würde überall und nirgends verlassen, um in meine Welt zurückzukehren. Vielleicht konnte ich dort irgendwo den Troll auftreiben, der mich hierhergebracht hatte und mit ein bisschen Glück bekam ich endlich ein paar Antworten, die mir tatsächlich weiterhalfen.
Gedacht, getan. Ich befand mich noch immer an eben jener Stelle, die dem Troll als Übergang gedient hatte. Wenn mich nicht alles täuschte, waren wir hier auch in diese Welt gelangt. Also brachte mich das Kaugummitor hoffentlich genauso zuverlässig wieder zurück.
Mit ausgestreckten Armen bewegte ich mich über den Felsen und ertastete bald das, was ich gesucht hatte. Ein zähes, klebriges Etwas, das die Luft um sich herum ganz leicht zum Flimmern brachte. Gerade so, als würde man die Umgebung durch eine Glasscheibe wahrnehmen, die seltsamerweise auf einer Felseninsel inmitten des Ozeans stand. Ohne Rahmen. Ohne erkennbaren Nutzen. Und doch so wichtig, wenn es sich hierbei tatsächlich um den Übergang handelte, der mich zurück in meine Heimat, in meine Welt, bringen würde.
Ich hielt die Arme weiterhin ausgestreckt – mein gelber Mantel flatterte im Wind – und trat in das kaugummiartige Gebilde. Die Durchquerung war anstrengend. Ohne die Hand des Trolls, der mich durch das erste Tor mehr oder weniger gezogen hatte, kostete mich das Durchdringen der zähen Masse mehr Kraft, als ich gedacht hatte. Aber es gelang mir. Meine Hände und Arme stießen zuerst aus der elastischen Substanz heraus. Ein Luftzug strich über sie. Gleichzeitig begannen sie sich zu erhitzen. Was war dort draußen los? So schnell wie möglich kämpfte ich mich weiter und schob schließlich meinen kompletten Körper aus dem Tor.
Sengende Hitze erwartete mich. Eine riesige gelbe Sonne stand an einem Himmel, der von einem solch grellen Blau war, dass es in den Augen brannte. Unter meinen Schuhen tummelten sich unzählige Kieselsteine. Kleine Steinchen bedeckten auch bereits meinen Mantel und wurden mir von den Windböen schmerzhaft ins Gesicht geschleudert. Entsetzt blickte ich mich um. Doch es gab nichts zu sehen. Zumindest nichts außer Steinen. Steine, so weit das Auge reichte. Ich war nicht zu Hause. Das Tor hatte mich in die Wüste geschickt.
Er verließ das kleine Häuschen, das er sich aus unzähligen Steinen zusammengeschustert hatte und kniff die Augen zusammen, als ihn das grelle Licht der Sonne blendete. Nicht etwa deshalb, weil er überrascht gewesen wäre. Die Ungastlichkeit der Welt konnte ihn schon lange nicht mehr schockieren. Eher geschah es als unbestimmte Auflehnung gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Allen Lebens in dieser endlosen Steinwüste.
Der Riese hob die rechte Hand und kratzte sich ausführlich den zottigen Bart, der unsanft sein Gesicht bedeckte. Er konnte froh sein, dass Riesen keinen allzu schnellen Haarwuchs hatten. Sonst würde ihm der Bart vermutlich schon bis an die Brust reichen. Und das trotz seiner Körpergröße. Aber wie, zum Teufel, sollte er sich einen Bart rasieren, wenn es in dieser seiner Welt nicht einmal genug Wasser gab, um regelmäßig etwas trinken zu können?
Mit schlurfenden Schritten setzte sich der Riese in Bewegung und durchquerte das kleine Tal, das zwischen zwei Steinbergen eingepfercht lag. Es war ein guter Ort. Die beiden Berge sorgten dafür, dass sein Haus zumindest einen halben Tag lang im Schatten lag und nicht der sengenden Sonne ausgesetzt war.
Als der Riese das Tal verließ, führten seine Schritte ihn durch eine gewaltige Kuhle. Auf der einen Seite hinunter und auf der anderen Seite hinauf. Der selbe Weg wie an jedem Tag. Hinter dem großen Krater lag die Steinwüste. Es war lange her, dass der Riese versucht hatte, dieses Gebiet zu erkunden. Trostlos war es und trocken. Und außer Steinen hatte er dort nichts gefunden. Rein gar nichts.
Der Riese wandte sich nach links und ging am Rand der Kuhle entlang bis er zu einem weiteren Berg kam. Dort, am unteren Ende des Berges, befand sich ein Relikt aus grauer Vorzeit. Etwas, das bis vor einigen Monaten höchst zuverlässig das Überleben auf dieser Welt gesichert hatte. Etwas, das nicht mehr funktionierte.
Langsam näherte sich der Riese dem stählernen Konstrukt, das dort aus dem Berg ragte und wie ein riesiger Wasserzufluss aussah. Vor dem Gebilde fiel er erschöpft auf die Knie und streckte seine zittrigen Hände aus. Er hielt sie direkt unter die Öffnung des Rohres, rieb sie gegeneinander und hoffte. Nichts geschah.
Der Riese blieb dennoch, wo er war. Er knetete seine Hände, fuhr sich über die rissigen Handflächen und die großen trockenen Finger. Wieder und wieder. Im Geiste waren seine Hände nass, doch in Wirklichkeit verrieb er nur die kleinen Steinchen, die der Wind ihm zwischen die ineinander verknoteten Finger blies, zu bröckelndem Sand.
Schützend hob ich meinen Arm und legte ihn über mein Gesicht. Die kleinen Steinchen, die der Wind durch die Luft wirbelte, verursachten auf meinem gelben Mantel leise prasselnde Geräusche.
Eines war nun klar. Das Tor funktionierte nicht nur zwischen meiner Welt und der Felseninsel, von der ich gerade kam. Wie es aussah, führte es noch zu anderen Welten. Wie viele Welten?, hörte ich eine eindringliche Frage aus meinem Kopf, die ich lieber auf später verschob. Das war gesünder.
Erst einmal musste ich mich mit dieser Wüste auseinandersetzen, die ganz und gar aus Steinen zu bestehen schien. Ich lugte unter dem Ärmel meines Mantels hervor und drehte mich einmal im Kreis. Erleichtert atmete ich auf. Vor mir erstreckte sich eine endlose steinige Weite, aber hinter mir – und hinter dem leichten Flimmern des Übergangs – erhoben sich Berge. Berge, die sich – wie konnte es auch anders sein – aus unzähligen Steinen aufgetürmt hatten.
Ich setzte meinen Rucksack ab und zog das Handtuch hervor, das ich eingepackt hatte. Wie einen Turban schlang ich es mir um den Kopf und bedeckte auch einen Großteil meines Gesichts damit, um mich vor dem Steinhagel zu schützen, der auf dieser Welt zur natürlichen Wetterlage zu gehören schien.
Um die Stelle wiederzufinden, an der sich die gläserne Pforte befand, schichtete ich die größten Steine, die ich finden und auch bewegen konnte, zu einer Pyramide auf. Dann wandte ich mich nach einem letzten zufriedenen Blick auf mein steinernes Symbol in Richtung der Berge. Vielleicht wartete dort irgendwo die Tochter des Mondes auf ihre Rettung.
Der Weg war mühsam. Als ich den ersten Berg erreichte und begann, ihn zu erklimmen, machten mir nicht nur die sengende Hitze und die ratternden Steinangriffe zu schaffen, sondern auch der bewegliche Untergrund. Für jeden Schritt, den ich nach oben tat, rutschte ich einen halben zurück nach unten. Meine Schuhe fanden auf den Kieselsteinen einfach keinen richtigen Halt.
Als ich etwa auf halber Höhe angekommen war, begann ich, den Berg zu umrunden. Lieber wollte ich mich erst auf der anderen Seite umsehen, als einen möglicherweise überflüssigen Aufstieg zum Gipfel zu absolvieren. Von einem Gipfelbuch hatten die hier sicher auch noch nichts gehört.
Die Umrundung des Berges erwies sich als ebenso heikel, aber weniger frustrierend. Auf der anderen Seite angekommen, erkannte ich am Fuß des Berges ein schmales Tal, das sich erfolgreich zwischen mehrere Steinhügel gezwängt hatte. Und in diesem Tal – befand sich dort etwa eine Hütte? Wenn ja, dann war sie nicht nur gut versteckt – aus dem einfachen Grund, weil sie genau wie ihre Umgebung aus Steinen zu bestehen schien – sondern besaß auch riesige Ausmaße. Auf jeden Fall war es ein Ziel. Und so lenkte ich meine Schritte in Richtung der merkwürdigen Behausung.
Je näher ich kam, desto unglaublichere Ausmaße nahm die Steinhütte an. Wenn hier jemand wohnte, musste derjenige groß sein. Sehr groß. Diese Überlegung machte mir Angst. Ich verlangsamte meine Schritte und überdachte mein Ziel. Aber mangels einer echten Alternative beschloss ich, meinen Weg dennoch fortzusetzen. Der Entschluss überraschte mich. In meinem bisherigen Leben war ich nicht unbedingt der risikofreudigste Mensch gewesen. Aber vielleicht veränderte man sich ja, wenn man von einem Troll auf eine merkwürdige Reise mitgenommen wurde.
Langsam pirschte ich mich an die riesige Behausung heran. Ich achtete darauf, dass man mich von innen durch die großen Löcher, die wohl Fenster darstellen sollten, nicht sehen konnte. Als ich die größte Öffnung erreichte, stellte ich mich dicht an die steinerne Mauer und lugte vorsichtig hinein.
