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Ein Omega, der nichts mit Alphas zu tun haben will ... Ein Alpha, der Omegas retten will, aber nie vorhatte, sich in einen zu verlieben ... Und ein tausend Meilen langer Roadtrip, der ihr Leben verändern wird ... wenn sie sich nicht vorher gegenseitig umbringen. Der Omega-Werwolf Casey Niemi ist in der Sicherheit eines Rudels aufgewachsen, das ihn adoptiert hat. Er kann sich nicht daran erinnern, was ihn aus seiner ursprünglichen Familie gerissen hat – und er will es auch nicht, auch wenn es erklären würde, warum ihn die Nähe eines Alphas in Panik versetzt. Er macht mit seinem Leben weiter und hat es völlig unter Kontrolle - bis ein neuer Alpha auftaucht und Caseys Welt völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Der Alpha-Werwolf Adam Vinick will das Leben der Omegas mit Hilfe von strenger wissenschaftlicher Forschung verbessern. Nach dem Tod seines Omega-Vaters verließ er das Rudel seines Vaters und hat nie zurückgeblickt. Aber es fällt ihm schwer, Omegas für seine Studie zu finden, und sein Lebenswerk könnte abgebrochen werden, wenn er nicht bald Ergebnisse vorweisen kann. Als er sich mit der Bitte um Hilfe an die Niemis wendet, erwartet er allerdings keinen Omega wie Casey. Zwischen Adam und Casey gibt es sofort eine Art von Chemie – und zwar die Art, die bei Kontakt explodiert. Als die Niemis Casey schicken, um Adam auf seiner Forschungsreise zu unterstützen, werden aus Feinden widerwillige Verbündete, und es dauert nicht lange, bis sie sich den Weg ins Bett des anderen erkämpfen. Aber kann ihr langer Weg sie in die Herzen des anderen führen?
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Seitenzahl: 600
Veröffentlichungsjahr: 2023
von Dessa Lux
Aus dem Englischen von Lena Seidel
© dead soft verlag, Mettingen 2023
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Omega Defiant
Cover. Irene Repph
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Subbotina Anna – stock.adobe.com
© kjekol – stock.adobe.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-628-9
ISBN 978-3-96089-629-6 (ebook)
Ein Omega, der nichts mit Alphas zu tun haben will ...
Ein Alpha, der Omegas retten will, aber nie vorhatte, sich in einen zu verlieben ...
Und ein tausend Meilen langer Roadtrip, der ihr Leben verändern wird ... wenn sie sich nicht vorher gegenseitig umbringen.
Der Omega-Werwolf Casey Niemi ist in der Sicherheit eines Rudels aufgewachsen, das ihn adoptiert hat. Er kann sich nicht daran erinnern, was ihn aus seiner ursprünglichen Familie gerissen hat – und er will es auch nicht, auch wenn es erklären würde, warum ihn die Nähe eines Alphas in Panik versetzt. Er macht mit seinem Leben weiter und hat es völlig unter Kontrolle –- bis ein neuer Alpha auftaucht und Caseys Welt völlig aus dem Gleichgewicht bringt.
Der Alpha-Werwolf Adam Vinick will das Leben der Omegas mit Hilfe von strenger wissenschaftlicher Forschung verbessern. Nach dem Tod seines Omega-Vaters verließ er das Rudel seines Vaters und hat nie zurückgeblickt. Aber es fällt ihm schwer, Omegas für seine Studie zu finden, und sein Lebenswerk könnte abgebrochen werden, wenn er nicht bald Ergebnisse vorweisen kann. Als er sich mit der Bitte um Hilfe an die Niemis wendet, erwartet er allerdings keinen Omega wie Casey.
Zwischen Adam und Casey gibt es sofort eine Art von Chemie – und zwar die Art, die bei Kontakt explodiert. Als die Niemis Casey schicken, um Adam auf seiner Forschungsreise zu unterstützen, werden aus Feinden widerwillige Verbündete, und es dauert nicht lange, bis sie sich den Weg ins Bett des anderen erkämpfen.
Aber kann ihr langer Weg sie in die Herzen des anderen führen?
Kindheitstraumata; nicht nur beschränkt auf den Tod der Eltern durch Gewalt und Selbstmord.
Omegas, die mit Dingen zu tun haben, die realen Intersex- und Transproblemen gleichen können.
Omegas, die mit erzwungener Weiblichkeit zu tun haben.
Werwolf-Separatistenkult.
Kurzzeitige, grausame Gewalt.
Männliche Omega-Schwangerschaft (die allerersten und allerletzten Phasen).
Die Geschichte, die Casey in Kapitel 8 erzählt, ist eine Adaption von The Metaphor That Made You von Dira Sudis, erhältlich auf Archive of Our Own. Verwendung mit Genehmigung der Autorin (weil wir dieselbe Person sind).
Adam Vinick parkte seinen Mietwagen, blieb einen Moment sitzen und betrachtete einfach nur das Haus vor sich. Es war ein gewöhnliches Haus in einer gewöhnlichen Vorstadtstraße, das in das Halbdunkel eines Herbstabends gehüllt war. Zumindest nahm Adam an, dass es gewöhnlich war. Er kannte Orte wie diesen nur aus dem Fernsehen und von gelegentlichen, obligatorischen Gesellschaftsereignissen. Und jetzt war er hier, um die demütigendste Pflichtveranstaltung von allen zu besuchen und jemanden, zu dem er während seines Medizinstudiums noch nicht einmal wirklich höflich gewesen war, zu bitten, sein erstes professionelles Forschungsprojekt, sein Lebenswerk, zu retten.
Beau Jeffries war der einzige andere Alpha-Werwolf in ihrer Abschlussklasse gewesen, und er war ein paar Jahre älter als Adam. Beau hatte sich durch sein Studium boxen müssen und währenddessen gelegentlich als Sanitäter gearbeitet. Adam hatte ihm nie viel Beachtung geschenkt. Zum einen, weil er mit einem Pensum beschäftigt war, das einen Menschen umgebracht hätte, und zum anderen, weil er seinen Doktortitel so schnell wie möglich hatte erlangen wollen, um eine Forschungsstelle zu bekommen. Außerdem war Beau ein Alpha und Adam hatte noch nie einen getroffen, den er mochte oder dem er vertraute. Beau war kein schlechter Kerl, soweit Adam wusste. Er war nie daran interessiert gewesen, seine Dominanz über irgendjemanden zu etablieren. Und es schien auch nie, als fühlte er sich von Adam herausgefordert oder als wollte er ihm drohen. Für einen Alpha war Beau wahrscheinlich ganz in Ordnung. Andererseits hatte er kaum sein Medizinstudium abgeschlossen, da hatte er auch schon eilig über eine Vermittlungsagentur einen Omega geheiratet, als wäre Minnesota ein wildes Grenzgebiet, das eine Braut auf Bestellung notwendig machte. Als ob seine erste Priorität nach dem Abschluss darin bestanden hätte, sich ein traditionelles Minirudel aufzubauen. Aber Beau hatte Adam auch um Hilfe gebeten, als er sich Sorgen um seinen Omega-Ehemann gemacht hatte, und im Gegenzug angeboten, ihm zu helfen. Er hatte Adam hierher eingeladen, um sein Projekt zu retten.
Adam drückte die Hände auf seine geschlossenen Augen.
Ich werde dich nicht im Stich lassen, Dad. Ich werde das durchziehen. Irgendwie. Und ich werde nicht zulassen, dass jemand anderes dabei verletzt wird.
Angefangen mit Beaus Ehemann, Roland Lea. Da sich Adam nicht sicher war, ob Beau ein guter Kerl war, was er bei keinem Alpha so ganz glauben konnte, war der schnellste Weg, es herauszufinden, Roland zu treffen und sich davon zu überzeugen.
Adam seufzte, stieg aus dem Auto und nahm sofort Beaus Geruch wahr. Er schaute auf und sah Beau auf der Veranda stehen. Er hatte natürlich gehört, wie Adam vorgefahren war, und würde wissen, wie lange er bereits gezögert hatte.
Beau winkte überflüssigerweise und rief: »Brauchst du Hilfe bei irgendetwas?«
»Nein«, entgegnete Adam scharf, was sein Unbehagen zu offensichtlich machte. Steif fügte er hinzu: »Danke.«
Beau lächelte ein wenig und schüttelte den Kopf. »Dann komm doch herein. Rory wird erst zufrieden sein, wenn er gesehen hat, dass du etwas gegessen hast.«
Adam bückte sich, um seine Reisetasche vom Rücksitz des Mietwagens zu nehmen, während das Bild, das Beaus Worte hervorriefen, vor seinem geistigen Auge aufblühte: Beau, der es sich mit einem Omega, der in einer traditionellen Rolle gefangen war, im privilegierten Komfort der Häuslichkeit bequem machte. Sie lebten zwar unter Menschen, aber das bedeutete nicht, dass Roland wirklich frei war. Immerhin hatte Beau Kontakte zu einem örtlichen Rudel geknüpft und die dortigen Omega-Hebammen überredet, ihn zu unterrichten. Sie könnten Beaus Ehepartner unter Druck setzen, sich ihren Normen anzupassen.
Adam dachte daran, seinen Herzschlag zu beruhigen und so etwas wie ein Lächeln hervorzuzaubern, als er die Autotür zuschlug und zu Beau ging. Er wurde buchstäblich und im übertragenen Sinne aus dem Gleichgewicht gebracht, als Beau ihn in eine einarmige Halbumarmung zog und Brust und Schultern aneinanderstießen.
»Es ist gut, dass du hier bist«, sagte Beau hör- und spürbar aufrichtig. »Ich hoffe wirklich, dass wir bessere Freunde sein können als in der Schule.«
Beau hatte das gesagt, als Adam der Verzweiflung nachgegeben und ihn um Hilfe gebeten hatte.
Jeder braucht doch jemanden, oder? Und wir sind Freunde. Eine Art Rudel.
Adam würde akzeptieren, dass sie eine Art Rudel waren, im Sinne von einer Zusammenkunft von Leuten, mit denen man zu tun hatte, weil man nicht entkommen konnte, aber er glaubte nicht, dass sie jemals Freunde gewesen waren. Er wusste nicht, warum sie jetzt damit anfangen sollten. Aber er wusste, dass er sich verstellen musste, wenn er wollte, dass sein Projekt überlebte. Er war einmal gut darin gewesen, oder zumindest gut genug, um zu überleben. Das konnte er wieder lernen, egal wie sehr es sich acht Jahre nach seiner Flucht anfühlte, als würde er schließlich nachgeben.
»Danke, dass ich hier sein darf«, murmelte Adam. Es war einfacher, nicht offen zu lügen, und er war Beau eine gewisse Dankbarkeit für seine Einladung schuldig.
»Ja, natürlich. Wir haben reichlich Platz. Und ich lasse dich nicht auf der Veranda stehen, nachdem du den ganzen Tag unterwegs warst. Komm rein.«
Beau wandte sich ab und ging Adam durch die Tür in das hell erleuchtete Haus voraus, das warm und voller Kochdüfte war. Es war, als würde man einen Fernsehbildschirm betreten, auf dem die Fantasie eines perfekten Omega-Haushalts zu sehen war.
Roland kam eine Sekunde, nachdem Adam die Tür hinter sich zugezogen hatte, ins Blickfeld, und es war fast eine Erleichterung, ihn in Jeans und T-Shirt zu sehen statt in … Stöckelschuhen, einer Schürze und mit Perlen oder was auch immer das männliche Äquivalent war. Er trug einen bunten, leichten Schal, der um seinen Hals drapiert war. Verbarg er einen Biss? Oder etwas Schlimmeres? Rolands Haltung war angespannt und sein Geruch verriet leichte Angst. Adam zwang sich, so zu tun, als würde er es nicht bemerken. Er durfte nicht auffallen, solange Beau fröhlich dastand und sie einander vorstellte, als ob er hier nichts Falsches sähe.
»Rory, das ist Adam. Adam, mein Ehemann Roland, der Grund, warum ich noch nicht völlig aus meiner Assistenzzeit heraus bin.«
Roland lächelte und begegnete Adams Augen, aber nur mit einem kurzen Blick. »Noch ist es nicht so weit, Schatz, du bist fertig. Adam, hast du schon zu Abend gegessen? Wir haben schon, aber ich kann dir etwas aufwärmen. Oder wir essen gleich den Nachtisch. Erdbeerkuchen?«
»Kuchen wäre toll«, meinte Adam und musterte Roland aufmerksam, um seine Nervosität zu ergründen.
Roland zog sich in die Küche zurück und Beau sagte: »Komm, setzen wir uns. Ich habe Rory ein wenig von deinem Projekt erzählt, aber ich bin mir sicher, du möchtest es ihm selbst erläutern, falls er teilnehmen will.«
Roland hatte sich abgewandt und schnitt Kuchenstücke an, aber Adam konnte die Intensität seiner Aufmerksamkeit spüren.
»Das musst du nicht, Roland«, sagte Adam, wobei er seine Stimme auf ärztliche Ernsthaftigkeit einstellte, ohne ins Alphatiergehabe abzugleiten. »Wenn du dich unwohl fühlst, ist es nicht nötig.«
Beau warf ihm einen seltsamen Blick zu, denn er wusste, wie dringend Adam Teilnehmer für die Studie suchte, aber das spielte keine Rolle. Adam würde keine Teilnehmer akzeptieren, die von ihrem Alpha zur Teilnahme gedrängt wurden, Punkt.
Roland schaute über seine Schulter und begegnete Adams Augen noch einmal für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er den Kopf wieder senkte. »Nein, es macht mir nichts aus. Beau sagte, es gehe nur um eine DNA-Probe und ein paar Fragebögen?«
»Im Moment nur die DNA-Probe und eine sehr einfache Befragung«, sagte Adam. »Und die Probe ist nur ein Wangenabstrich. Wenn du dich bereit erklärst, für die weiteren Phasen der Studie kontaktiert zu werden, werden wir detailliertere Fragebögen und so weiter ausfüllen. Es geht nur darum, sich einen Überblick über die Genetik und die Biologie der Omegas zu verschaffen. Wir wissen darüber nämlich so gut wie nichts.«
Roland kam mit drei Tellern und einer Schüssel frisch geschlagener Sahne an den Tisch und verteilte sie, bevor er sich setzte, wobei er einen Blick zu Beau und dann zu Adam warf, ohne von seinem Kuchen zu essen.
Beau nahm einen gehäuften Löffel Schlagsahne und schob die Schüssel zu Adam.
»Das sieht sehr gut aus«, meinte Adam, weil Beau nichts gesagt hatte und jemand Rolands Bemühungen Beachtung schenken sollte.
»Es ist einfacher, als es aussieht«, sagte Roland leise.
Adam schob ihm die Schlagsahne zu und Roland nahm nur einen kleinen Löffel, schaute wieder zu Beau und machte keine Anstalten, sein Dessert anzurühren.
Beau hatte sich derweil den Mund vollgestopft und machte beim Kauen ein fröhliches, ermutigendes Geräusch.
Roland errötete, senkte den Blick und stocherte mit seiner Gabel in dem Stück Kuchen herum, während er sagte: »Du, ähm … Ich nehme an, mit wir wissen nichts, meinst du … Ärzte?«
»Die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft, ja«, bestätigte Adam. »Hebammen verfügen vermutlich über ein großes Maß an traditionellem und praktischem Wissen, aber diese Informationen werden alle innerhalb der Rudelstruktur gehalten und vor Außenstehenden verborgen. Und natürlich basiert es auf nichts, was wir wissenschaftlich überprüfen können. Es gibt keine richtigen Studien und so weiter.«
Roland warf ihm einen Blick zu, dann Beau, nickte leicht und nahm schließlich einen Bissen vom Kuchen.
Adam erinnerte sich daran, dass er selbst den ersten Bissen genommen hatte, und er war einen Moment erschrocken, wie fast vertraut er schmeckte. Wie richtig. Der Kuchen war von einem Werwolf zubereitet worden, der wusste, wie man für Werwölfe kochte, ohne die lästige Irritation durch Chemikalien und andere Zusatzstoffen, die sich in das Essen der Menschen eingeschlichen hatte.
»Das ist wirklich gut«, betonte Adam, sobald er den ersten Bissen heruntergeschluckt hatte, aber Roland sah nicht auf, sondern murmelte nur etwas, das selbst für Werwolfsohren unverständlich war.
»Hör auf, du bringst ihn noch zum Erröten«, sagte Beau mit einem Anflug von Ernst in der Heiterkeit. »Du willst also die Omega-Medizin systematisieren, nur weil sie zu wenig erforscht ist? Es ist ja nicht so, dass Werwölfe in irgendeiner Form formal medizinisch betreut werden.«
»Das ultimative Ziel ist zweierlei«, sagte Adam und verfiel in eine geübte Erklärung. »Zum einen geht es darum, die Omegas zu entmystifizieren, die in der menschlichen Wahrnehmung die am meisten missverstandene Gruppe der Werwölfe sind, da es keine menschlichen Omegas gibt. Mehr Informationen, also gute, solide, wissenschaftliche Informationen, können dazu beitragen, Omegas, und damit alle Werwölfe, für die Menschen zu normalisieren.«
Beau nahm einen weiteren Bissen von dem Kuchen und nickte mit leicht ungeduldigem Blick. Beau war natürlich in die Medizin gegangen, weil er an der Rettung einzelner Menschenleben interessiert war. Er würde die Rolle der medizinischen Forschung in der Art einer systematischen Veränderung, die Adam anzustoßen versuchte, nicht verstehen.
»Das andere Ziel ist es, langfristig, wenn das Vertrauen aufgebaut ist und sich ein ausreichendes Grundverständnis der Biologie entwickelt hat, die Verfügbarkeit und Qualität der Pflege, die Omegas benötigen, zu verbessern. Die geburtshilfliche und gynäkologische Versorgung soll auch außerhalb der Rudelstruktur verfügbar sein. Suppressiva …«
Rolands Gabel klapperte scharf auf seinem Teller und er sah kurz zu Adam auf. Dann senkte er den Blick, seine Hand wanderte zu dem Schal um seinen Hals.
Beau lehnte sich zu ihm und legte eine schwere Hand auf seine schlanke Schulter.
Adam biss die Zähne zusammen, um nichts Dummes zu tun oder zu sagen.
»Rory hat, äh, einige Erfahrungen mit hemmenden Mitteln gemacht«, sagte Beau und sah zu Adam, drückte aber immer noch Rorys Schulter. »Keine … guten Erfahrungen. Auch mit Hebammen nicht, bevor wir hierhergezogen sind.«
Das stimmte. Beau hatte ihm das gesagt, als er Adam um Hilfe gebeten hatte. Roland hatte zu lange Hemmer eingenommen und sie hatten ihn krank gemacht. Beaus Tonfall war zu entnehmen, dass er Rolands Einnahme dieser Medikamenten als mittlerweile ausgeschlossen betrachtete. Aber wenn Roland wüsste, dass es Hoffnung auf sichere Suppressiva gab, würde er dann andere Optionen für sich in Betracht ziehen?
»Ich möchte etwas entwickeln, das nach einem sichereren Modell funktioniert«, erklärte Adam und sprach zu Rolands gesenktem Kopf. »Etwas, das dem entspricht, was Menschen mit Menstruationszyklen verwenden. Hormonelle Mittel, die den Zyklus auf diese Weise unterbrechen. Aber dazu müssen wir erst einmal verstehen, wie der Omega-Reproduktionszyklus funktioniert und wie genau der Mond damit zusammenhängt. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir in ein paar Jahren etwas haben werden, das wir zumindest testen können, vorausgesetzt, wir können diese Befragung als Ausgangspunkt nutzen.«
Beau räusperte sich spitz, beugte sich vor, um sich in Adams Blickfeld zu bringen, und hielt Roland weiterhin fest im Griff.
Adams Hand schloss sich unter dem Tisch zu einer Faust und er zwang sich, sie zu öffnen.
»Was ist denn das Problem mit der Befragung?«, wollte Beau wissen, obwohl Adam ihm diesen Teil bereits erzählt hatte, schließlich war dieser der Grund dafür, wieso Beau ihn hierher eingeladen hatte. »Was hält dich zurück?«
Adam blickte ihn an. »Nun, wie du weißt, leben die meisten Omegas entweder in geschlossenen Rudelgemeinschaften oder mit ihren Alphas. Die Anzeigen zum Anwerben von Teilnehmern gehen normalerweise an Colleges und Universitäten im Umkreis von hundert Meilen um unser Büro in Maryland herum, aber in den letzten Monaten haben sich genau neun Omegas gemeldet, und sieben von ihnen waren die Ehepartner von Lehrern.«
Beau hob die Augenbrauen. »Ich weiß, dass man damit als statistische Stichprobe nicht weit kommt, aber …«
»Die statistische Stichprobe liegt bei bisher drei«, korrigierte Adam ihn scharf. »Ich konnte die meisten von ihnen nicht in die Befragung aufnehmen. Ethische Bedenken haben für mich oberste Priorität, und es gibt einige inhärente und offensichtliche Schwierigkeiten, wenn man sich der informierten und freien Zustimmung der Teilnehmer sicher sein will, die von ihrem Alpha in meinem Auftrag angeworben werden.«
Oh, verdammt. Das war zu direkt gewesen, aber Beau hatte immer noch seine Hand auf Rolands Schulter und Roland roch immer noch nach Angst und Elend. Und jetzt warfen ihm beide schmale Blicke zu. Adam wollte sich am liebsten die Zunge abbeißen wegen seiner Unvorsichtigkeit, wo es doch Roland war, der unter seinem mangelnden Taktgefühl leiden würde.
»Adam«, sagte Roland langsam, seine Stimme zitterte ein wenig, »ich glaube, ich weiß, was dein eigentliches Problem bei der Anwerbung von Omegas ist, wenn das dein Ansatz ist.«
»Es tut mir leid«, sagte Adam und schaute zwischen Roland und Beau hin und her, ohne zu wissen, wie er die Situation entschärfen oder den Schaden begrenzen sollte.
Beau schüttelte den Kopf und stieß ein angespanntes Schnaufen aus, das auch ein Lachen sein könnte. »Wenn es dich tröstet, Baby, er ist immer so. Wirklich sehr egalitär.«
Adam wollte knurren, aber Roland richtete seinen steinernen Blick bezwingend und furchtlos auf Beau. Dieser hob schnell die Hände, um sich zu ergeben, lehnte sich zurück und überließ Roland das Wort. Sah so aus, als hätte sich Adam früher in diesem Prozess verrechnet, als er gedacht hatte.
»Adam«, sagte Roland grimmig. »Gehst du davon aus, dass jeder Omega dem Einfluss seines Alphas hilflos ausgeliefert ist? Um nicht dessen Autorität infrage zu stellen? Glaubst du, dass Omegas keine freien Entscheidungen treffen können, weil die Alphas sie einfach mit Füßen treten?«
Adam biss die Zähne zusammen und dachte nicht an das Weinen und Brüllen seines Vaters. »Mir ist klar, dass es aufgeklärte Alphas gibt …«
Roland gab ein frustriertes Geräusch von sich und riss sich den Schal vom Hals, sodass eine verheilte Bisswunde zum Vorschein kam. Und die hässlichen Narben von Silberverbrennungen; verblasst, aber erkennbar. »Der Alpha, mit dem ich vor Beau zusammen war, hielt mich gefesselt, Adam. Ich habe ein Jahr lang ununterbrochen Suppressiva eingenommen, nachdem ich ihn verlassen habe und nicht von ihm gerettet worden bin, da er seine mondverfluchte Nase lieber in seine eigenen Angelegenheiten gesteckt hat. Ich hatte solche Angst, die Kontrolle zu verlieren, wenn ich läufig werde. Und daran wäre ich fast gestorben, denn in einem Punkt hast du recht: Hemmer sind Gift. Davor hat mich Beau bewahrt. In Ordnung? Alles klar?«
Adam lehnte sich zurück und nickte, wohl wissend, dass Roland ihn nicht wirklich dazu aufgefordert hatte, etwas zu sagen.
»Aufgrund meiner Vergangenheit«, fuhr Roland fort, wobei er die Wörter mit wütender Präzision aussprach, »werde ich in der Nähe von fremden Alphas nervös und schüchtern, und es kostet mich viel Konzentration, ruhig zu bleiben und mich normal zu verhalten. Vor allem, wenn der fremde Alpha wütend und aggressiv zu sein scheint, denn es gibt keinen sichereren Weg für einen Omega, verletzt zu werden, als in Reichweite eines Alphas zu sein, der wütend ist und niemanden hat, an dem er es auslassen kann.«
Adam sprach, bevor er nachdachte, denn wenn er anfing, nachzudenken und Stille einfallen zu lassen, dann würde er nichts anderes hören als Schluchzen, das erfolglos von seinem eigenen Kopf gedämpft wurde, während sein Vater ihn umarmte, um ihn zu trösten. »Ich weiß«, schnauzte er. Und dann, etwas leiser, als Roland ihn finster ansah, fügte er hinzu: »Ich … erinnere mich daran. Daran, dass ich das einzige Kind eines Omegas bin.«
Die Spannung im Raum fiel abrupt und Adam wandte sich ruckartig ab, weil er es hasste. Er hatte definitiv nicht vor, dies bei jedem potenziellen Befragungsteilnehmer auszugraben, bis er einen aussagekräftigen n-Wert erreicht hatte, aber … nun ja. Er war es Roland schuldig.
»Mein Vater konnte nicht gehen«, sagte Adam und zwang sich, die Worte auszusprechen. Sie klangen so wütend wie die von Roland, obwohl Roland alles andere als ein geeignetes Ziel für seine Wut war. »Mit mir war nicht daran zu denken. Ein einsamer Omega mit einem Kind, vor der Offenbarung, ohne Zugang zu Hemmern …«
»Er istalso derjenige, der dich inspiriert hat«, sagte Beau, als wäre damit ein Verdacht ausgeräumt, den er schon lange gehegt hatte, was seltsam war. Adam hätte schwören können, dass er Beau gegenüber seinen Vater noch nie erwähnt hatte. Beau fuhr hastig fort. »Mein Berater erwähnte die Arbeiten, die er geschrieben hat. Daryl Vinick, richtig? Die Arbeiten über die Verwandlung von Werwölfen und die Anatomie von Omegas. Sie wurden bei einigen Zeitschriften eingereicht und informell verbreitet, aber das war ganz am Anfang der Offenbarung. Niemand in der medizinischen Gemeinschaft nahm unsere Existenz damals ernst. Er war ein unabhängiger Wissenschaftler ohne institutionelle Unterstützung, also…«
Adam starrte Beau an, sein Verstand fror vor Schreck und der Anstrengung ein, nicht an das Heimlabor seines Vaters zu denken, an die Papierstapel oder die handschriftlichen Notizbücher, die Adam getreu nachgeahmt hatte. Oder an den Geruch von Flammen oder an das Bild seines Vaters, der sich im flackernden Licht abzeichnete, während er eine Handvoll Papiere einsteckte.
Er öffnete und schloss den Mund ein paarmal und sagte dann: »Hast du …? Hast du sie? I…« Adam schluckte schwer. »Er … ist gestorben. Als ich zehn war. Ich habe nichts von seinen Arbeiten, seinen Unterlagen. Nichts.«
Beaus Augen wurden groß.
Adam biss die Zähne gegen das schreckliche Gefühl der Entblößung zusammen und gegen das Wissen, dass sie ihn jetzt mit so etwas wie Mitleid betrachteten. Ihm war der Teil ihrer Konversation lieber gewesen, in dem es so ausgesehen hatte, als würden sie ihn gleich aus dem Haus werfen.
»Ich auch nicht«, sagte Beau nach einer Pause. »Sie waren für meine Studien nicht relevant und ich weiß nicht, ob Dr. Ross Kopien hat, aber ich bin mir sicher, er kann sie auftreiben. Wahrscheinlich sind es nur elektronische Kopien, aber ich denke, ich kann sie für dich besorgen.«
Adam schluckte und nickte kurz und steif. Er konnte sich noch nicht zu einem Dankeschöndurchringen. Nicht vor einem Alpha. Nicht im Moment.
Beau schaute zu Roland. Obwohl Adam keinen der beiden direkt ansah, nahm er an, dass es einer dieser stumm kommunizierenden Blicke war, ein ganzes Gespräch in Mikroausdrücken und Körperhaltung. Adam schloss die Augen und widerstand dem Drang, hinzusehen und sich damit zu quälen, wie falsch er die Sache eingeschätzt hatte. Roland war in Ordnung und brauchte Adam nicht, der hereingeplatzt war und zu helfen versuchte. Deshalb versuchte er, sich darauf zu beschränken, auf der systemischen Ebene zu unterstützen. Wenn es um einzelne Menschen ging, war er jetzt nicht viel nützlicher, als er es als Zehnjähriger gewesen war. Damals war er für niemanden eine Hilfe gewesen.
Beau stand auf und ging hinaus, wobei er Adam im Vorbeigehen einen groben Klaps auf die Schulter gab. So blieb Adam mit Roland am Tisch sitzen, und nach einem Moment wagte er einen Blick auf den Omega. Sein Schal war immer noch verrutscht und zeigte seinen Hals, aber seine Haltung war weich geworden und der Ausdruck auf seinem Gesicht, als er Adam studierte, war nachdenklich.
»Es … tut mir wirklich leid«, versuchte sich Adam steif an einer Entschuldigung.
Roland lächelte ein wenig und schüttelte den Kopf. »Iss deinen Kuchen, Adam. Und … ich glaube, es ist besser, wenn du mir die Führung überlässt, wenn wir morgen ins Rudelgebiet gehen.«
***
Adam hatte sich bei der Verteidigung seiner Dissertation nicht so nervös gefühlt wie jetzt auf dem Weg zum Niemi-Rudelland. Er fuhr und Rory, wie er Adam beim Frühstück, das sich nun wie Beton in seinem Magen anfühlte, für eine persönlichere Ebene angeboten hatte, ihn zu nennen, navigierte vom Beifahrersitz aus.
Adam strich mit dem Daumen über den Knoten seiner Krawatte. Er hätte keine umbinden sollen. Es war eine menschliche Sache und würde nur noch offensichtlicher als ohnehin schon machen, dass er nicht dazugehörte. Aber er wollte Respekt und Ernsthaftigkeit zeigen, und das schloss mit ein, sich formell zu kleiden. Oder etwa nicht? Es gab wahrscheinlich noch andere Dinge, die er zu tun gewusst hätte, wenn er wirklich in einem Rudel aufgewachsen wäre und nicht nur irgendwie … in der Nähe davon. Er würde es gleich in der ersten Minute versauen. Er würde von den Omegas eines ganzen Rudels zurückgewiesen werden, anstatt nur von einem einzelnen. Er …
»Also, Beau hat es mir erzählt, aber ich habe nicht alles verstanden«, sagte Rory. »Er meinte, du seiest an mir, meinem Bruder und meinem Vater als Fallstudie interessiert? Ich nehme an, das liegt nicht nur daran, dass wir die Anzahl der Teilnehmer an deiner Befragung verdoppeln würden.«
Adam spürte förmlich, wie sein Gehirn übersprang, um sich auf die wirklich interessante Forschungsfrage der Familie Lea zu konzentrieren. »Ja. Du bist der einzige Fall, von dem ich weiß, der als Omega-Werwolf keinen Omega-Werwolf-Elternteil hat. Wenn es einen Y-Chromosom-Genkomplex gibt, der durch Menschen weitergegeben werden kann, würde es dich erklären und auch die Omegas, die sich als solche manifestieren, nachdem sie gebissen wurden.«
Rory machte ein interessiertes und ermutigendes Geräusch, wirkte aber nicht besonders erhellt von dieser Erläuterung. Was nicht verwunderte, denn es war nicht wirklich eine Erklärung gewesen, vor allem nicht für einen Laien.
»Also, äh … kannst du mir sagen, was du über die X- und Y-Chromosomen weißt? Damit ich einschätzen kann, wie viel ich erklären muss.«
»Ähm.« Rory biss sich auf die Lippe, sah nervös aus und roch auch so, während er überlegte.
Adam versuchte, sich daran zu erinnern, was Beau ihm über Rorys Bildung erzählt hatte. Viel hatte er nicht genossen, vermutete er. Scheiße, wenn er Rory schonbeleidigte, würde er nicht einmal durch die Tür zu den Niemis kommen. Dabei hatte er nicht beleidigend sein wollen.
Nach einem Moment sagte Rory langsam: »Sie … Man nennt sie Geschlechtschromosomen, richtig? Weil … Geschlecht ist«, Rory wiegte den Kopf hin und her, »was man über sich weiß und wer man ist, aber … welche Fortpflanzungsorgane man hat, das wird durch die X- und Y-Chromosomen bestimmt. XX bei meiner Mutter, XY bei meinem Vater.«
»Richtig«, antwortete Adam. Rorys Mutter war eine Beta und sah für Menschen so normal aus, dass sie in einem Krankenhaus entbunden hatte, ohne Verdacht zu erregen. Rorys Vater dagegen war ein Mensch und hatte sie vermutlich auf normalem Wege befruchtet. »Also … welche Chromosomen hast du? Du bist ein Omega, also könntest du ein Kind gebären wie deine Mutter, aber deine Eltern haben wegen der äußeren Merkmale bei deiner Geburt angenommen, dass du männlich bist.«
Rory runzelte die Stirn. »Ich … Oh. Also haben Omegas verschiedene Chromosomen?«
Adam nickte. »Nun, ich denke, du hast wahrscheinlich das gleiche Y-Chromosom wie dein Vater. Die einzige Möglichkeit, ein Y-Chromosom zu bekommen, ist, es von einem Elternteil zu erben; und deine Mutter hat XX. Aber dein Vater ist ein Mensch und nur Werwölfe können Omegas sein, also ist dein Vater keiner, auch wenn er die Gene hat. Wenn ich richtig liege, gibt es bei dir, deinem Vater und deinem Bruder einige Gene auf dem Y-Chromosom, die mit allen anderen Omegas übereinstimmen, die wir untersuchen, aber nicht mit Werwölfen, die keine Omegas sind.«
»Aber«, Rory runzelte immer noch die Stirn. »Also … irgendetwas, was damit zu tun hat …« Rory deutete vage auf seinen Schoß. »Es kann nur auf diesen Chromosomen sein? Es gibt doch dreiundzwanzig, oder? Mit allen möglichen Sachen auf jedem von ihnen?«
»Mhm«, äußerte Adam. »Nun, die Sache mit dem Omega-Merkmal ist, dass es entweder auftaucht oder nicht. Die Dinge, die einen Alpha zu einem Alpha machen, die körperlichen Merkmale, wie Pheromone, Statur, äh …«, Adam räusperte sich, »der Bulbus glandis, auch Knoten genannt. Sie können sich bei Menschen zeigen, die keine Alphas sind, oder bei Männern. Und Menschen können ein oder zwei Merkmale haben, andere aber nicht. Es muss sich also um verschiedene Gene handeln, und sie sind wahrscheinlich auf verschiedene Chromosomen verteilt, sodass die Kinder eines Alphas einige erben können, andere aber nicht.«
Rory nickte langsam. »Warum …?«
»Nun«, sagte Adam. »Die vorherrschende Theorie ist, dass sich die Alpha-Eigenschaften entwickelt haben, um befriedigendere Partner zu sein, vor allem für Omegas.«
Rory stieß ein erschrockenes Lachen aus. »Alphas existieren also nur, um Omegas zu gefallen?«
Adam lächelte ein wenig. »Offensichtlich etwas, was zu viele Alphas vergessen haben.«
Rory schnaubte. »Okay, also … Alphas haben einen Haufen verschiedener Gene, die sich unterschiedlich zeigen. Aber wir Omegas haben alle …«, Rory deutete wieder auf seinen Bauch, »den gleichen Aufbau und werden alle läufig, also muss es ein Gen sein?«
Adam nickte. »Ich denke, schon. Bei den Menschen wird jeder, der nicht die Standardanatomie von XX oder XY aufweist, als intersexuell bezeichnet, aber es gibt viele verschiedene Arten, wie sich das manifestiert, mit ganz unterschiedlichen Ursachen. Nach menschlichen Maßstäben sind auch Omegas intersexuell, aber soweit wir wissen, haben alle Omegas ungefähr die gleiche Anatomie, was bedeuten muss, dass es ein Gen, eine Ursache gibt. Und da es sich nicht mit XX-Menschen überschneidet, denn soweit ich weiß, hat jeder mit einer Vulva einen Menstruationszyklus, keinen Brunstzyklus, muss es auf dem einen Chromosom liegen, das sie per Definition nichtvererben können. Natürlich könnten wir herausfinden, dass es komplizierter ist als das, aber …«
»Deshalb musst du die Studie machen«, schlussfolgerte Rory und zeigte auf die Abzweigung, die Adam nehmen sollte.
»Ja«, bestätigte Adam. »Wenn wir die Studie durchführen, werden wir wissen, wie Familien wie eure genetisch entstehen, und Omegas werden besser verstehen, wie ihre Körper …«
Ein Haus tauchte im Blickfeld auf und Rory wies auf einen Parkplatz davor. Sie waren angekommen.
Adam hatte die letzten zehn Minuten damit verbracht, über seine Studie nachzudenken und darüber, was sie bewirken könnte, anstatt sich Gedanken über das Treffen mit den Hebammen zu machen. Er sah zu Rory. »Hast du nur gefragt, um mich abzulenken?«
Rory blinzelte. »Nein, wirklich, ich wollte es wissen. Du … bleibst einfach hier, ich werde mit den Tantchen ein paar Dinge durchgehen. Lege schon mal einen Grundstein. Alles klar?«
Adam lächelte grimmig. »Sie vor mir warnen, meinst du?«
»Ich bin mir sicher, du wirst versuchen, dich von deiner besten Seite zu zeigen«, meinte Rory und klopfte ihm kräftig auf einen Arm. »Es sollte nicht lange dauern. Du kannst zum See laufen, wenn du dir die Beine vertreten willst, er liegt den Weg runter. Ich rufe nach dir, solltest du nicht in Sichtweite sein, wenn sie bereit sind, dich hereinzulassen.«
Adam wusste, wann er unerwünscht war. Rory vertraute offensichtlich nicht darauf, dass er nicht lauschte. Mehr noch, er traute Adam wahrscheinlich zu, dass er etwas Verheerendes über das ausplaudern könnte, was er beim Lauschen gehört hatte, womit er wohl nicht falsch lag.
Adam stieg aus dem Auto, als Rory es tat, und ging den Weg runter. Er versuchte, sich auf das zu konzentrieren, weshalb er hier war: Teilnehmer für seine Studie anzuwerben. Da er selbst keine Rudelverbindungen hatte, nutzte er die Verbindung eines Freundes, um Kontakt zu einer Gruppe von Omegas herzustellen. Die Hebammen könnten sich selbst zur Teilnahme bereit erklären, aber sie könnten auch Dutzende anderer Omegas über das Niemi-Rudel anwerben. Das war es, was er wollte und brauchte. Selbst zwanzig oder dreißig könnten ausreichen, um seinen Vorgesetzten davon zu überzeugen, die Studie zumindest eine Zeit lang weiterlaufen zu lassen. Es spielte keine Rolle, dass Rory gerade da drin war und das Projekt für ihn mit dem Verständnis eines Laien anpries und ihnen wahrscheinlich mehr über Adam und seinen Vater erzählte, als er Fremde wissen lassen wollte. Wenn sie überhaupt zuhörten. Dafür mussten sie anders sein als die Hebammen aus dem Rudel seines Vaters, die nichts getan hatten, um seinem Vater zu helfen, bis es zu spät gewesen war. Das war allerdings schon mehr als ein Jahrzehnt her und an die dreißig Jahre, dass sein Vater zum ersten Mal diese Hebammen getroffen hatte. Seitdem hatte sich viel durch die Offenbarung verändert. Beau hatte Adam ein wenig von seinen eigenen schlechten Erfahrungen mit dem Rudel erzählt, in dem er geboren worden war, und wie anders die Niemis die Dinge betrachteten. Aber Beau wollte den Menschen helfen, indem er die Fähigkeiten eines Werwolfs nutzte. Adam wollte die Macht der Hebammen brechen, indem er die Betreuung von Omegas ans Tageslicht zerrte, sie systematisierte und medizinisierte. Er musste davon ausgehen, dass sie etwas anders über ihn denken würden. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass die Hebammen von ihm oder seinem Vater gehört haben könnten. Keiner von ihnen hatte den Namen des Rudels seines Vaters angenommen, aber er hatte keine Ahnung, welche Verbindungen die Niemis zu diesem Rudel haben oder was sie von den missbilligenden Hebammen über seinen Vater gehört haben könnten. Er wusste, dass die Hebammen miteinander sprachen, denn sie organisierten den Austausch zwischen den Rudeln, bei dem Teenager ausgetauscht wurden, um Rudeln vorgestellt zu werden, in denen sie nicht aufgewachsen waren, und potenziellen Liebespartnern, mit denen sie nicht allzu eng verwandt waren. Adam hatte es abgelehnt, ausgetauscht zu werden, als er in dieses Alter gekommen war, aber die Hebammen des Rudels seines Vaters schienen auch nicht besonders daran interessiert gewesen zu sein, ihn in ein anderes Rudel zu schicken, um sie zu repräsentieren. Wohl weil er versucht gewesen war, sich einzusetzen und Ideen zu verbreiten, mit denen er andere Werwölfe nicht anstecken sollte. Aber letztendlich hatte er es vorgezogen, dort zu bleiben, wo er war, und sich durch jeden AP-Kurs zu quälen, den er in seinen Stundenplan für das Junior-Jahr hatte einbauen können, denn er hatte bereits zu dem Zeitpunkt vorgehabt, aufs College zu gehen und Medizin zu studieren. Diese Flucht hatte ihn nun hierher zurückgebracht, was eine Art kosmische Botschaft sein könnte, wenn er an so etwas glauben würde. Stattdessen war es einfach nur frustrierend.
Er ging den Weg weiter, die Hände in den Taschen, und nahm nur am Rande die leuchtenden Herbstfarben der Bäume um sich herum wahr. Vor ihm konnte er das Plätschern des Wassers hören, das zusammen mit dem Rascheln der Blätter für genügend weißes Rauschen sorgte, sodass er von der Gruppe nichts hörte.
Als er um eine Kurve bog und die glitzernde Weite eines kleinen Sees vor sich sah, bemerkte er jemanden in der Nähe. Er hörte jemanden weinen. Adam erstarrte für einen Moment und versuchte automatisch, das Geräusch zu lokalisieren, obwohl er sich nicht sicher war, ob er etwas unternehmen sollte. Er war nicht gutdarin, mit aufgewühlten Menschen umzugehen. Den Anstrengungen der letzten Nacht und seinen Erfahrungen nach, würde er es wahrscheinlich nur noch schlimmer machen. Wenigstens wusste er, dass diese Person nicht seinetwegen weinte. Sie befand sich im Gegenwind und außer Sichtweite. Oder… war es eine Art Test? Immerhin hatte Rory ihn auf diesen Weg geschickt. Wollten die Hebammen sehen, dass Adam Mitgefühl oder so etwas zeigte? Sollte er sich irgendwie beweisen, bevor sie in Erwägung zogen, ihm zu helfen?
Adam knirschte mit den Zähnen und ging noch ein paar Schritte vorwärts, wobei er sich daran erinnerte, sich wie der Guteim Märchen zu verhalten. Dann nahm er aus der gleichen Richtung wie das leise Weinen den Geruch eines Werwolfs wahr. Es roch nach Omega und tiefer Erschütterung. Nach blanker, vollkommener Angst. Sie konnte unmöglich vorgetäuscht sein.
Adam kämpfte noch einen Moment lang mit seinen Instinkten.
Sei kein verdammter Alpha. Tu nicht so, als könntest du dich beim ersten Hauch von Pheromonen nicht beherrschen, verdammt.
Das Beste, was er tun konnte, war, in langen, eiligen Schritten zu gehen, anstatt in einen Lauf zu verfallen. Die Hände steckten in den Taschen und waren zu Fäusten geballt, als er den kleinen See halb umrundete und dabei Gerüchen und Geräuschen folgte.
Er blieb einige Meter entfernt stehen, als er die Quelle entdeckte. Der Omega, von dem er annahm, dass er ungefähr so alt war wie er, hatte dunkles, gelocktes Haar und einen kurzen Schopf. Er war in eine Decke eingewickelt und lehnte halb aufrecht an dem breiten Stamm eines riesigen Baumes. Seine nackten Füße ragten heraus und waren gerötet von der Kälte. Sein Gesicht war nass von Tränen, aber seine Augen waren geschlossen, und er hing schlaff da.
Adam konnte ihn deutlicher riechen und mehr als nur Angstund Omega. Sein ganzer Körper spannte sich von dem Drang an, ihn zu trösten und zu beschützen. Es fühlte sich an, als würde er gegen einen Schneesturm ankämpfen, während er sich bemühte, stillzustehen und nicht zu dem Omega zu eilen und ihn zu halten. Adam biss die Zähne zusammen und hielt sich mit einer Hand Mund und Nase zu, um den Geruch zu dämpfen. Er würde nicht diese Art von Alpha sein; er würde sich nicht von diesen barbarischen Instinkten beherrschen lassen. Er war auf jemanden gestoßen, der draußen ein Nickerchen machte und einen Albtraum hatte. Der Omega fühlte sich offensichtlich völlig sicher, wenn auch wirklich verzweifelt.
Das leise Weinen, als ob er versuchte, leise zu sein und es nicht schaffte, und der Geruch intensiver Angst ließen nicht nach, ebenso wenig wie der übermächtige Drang, etwas zu tun. Nach einem Moment begann Adams Körper bei der Anstrengung, stillzustehen, tatsächlich zu schmerzen. Es war grausam, nicht wahr? Er ließ jemanden leiden, nur um seine eigenen Instinkte zu verleugnen. Er könnte den Omega wecken und trotzdem nicht … nicht …
Adam ging näher heran, einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen. Der Omega umklammerte etwas unter der Decke, wie er bemerkte. Ein kleines Kissen oder vielleicht ein Stofftier. Adam wusste, dass er, ein Fremder und ein Alpha, für einen verletzlichen, verängstigten Omega kein Trost sein würde, aber er konnte den Geruch der Angst und den Sog seiner eigenen Instinkte nicht ignorieren. Er wusste, dass es die falsche Entscheidung war; eine von einem Dutzend falscher Entscheidungen. Selbst wenn dies ein Test war, war er sich nicht sicher, was das Richtige sein könnte. Aber er hockte sich hin und streckte die Hand nach dem Omega aus, wobei er mit den Fingerspitzen gegen einen mit der Decke verhüllten Arm tippte.
Die Augen des Omegas sprangen auf. Sie waren von einem auffallend lebendigen Blau und die Pupillen waren eng zusammengezogen. Sie sahen noch nicht viel, da war sich Adam sicher. Der Omega tat nichts, um von ihm wegzukommen, und zeigte auch kein wirkliches Anzeichen von Klarheit.
Mit diesen großen, noch umnebelten Augen, die auf Adam gerichtet waren, flüsterte der Omega: »Lauf.«
Casey wachte auf und schreckte vor dem Fremden zurück, der eine Armlänge entfernt gebeugt dastand und ihn anstarrte.
Alpha.
Casey krabbelte rückwärts, halb um den Baum herum und auf die Füße, die natürlich sofort auf den spitzesten Wurzeln und Zweigen im Umkreis von einer Meile landeten. »Fuck, au, Mist … Was zum Teufel machst du hier? Wer zum Henker bist du?«
»Ich habe dich weinen hören«, sagte der Alpha, während Casey seine Nase und seinen Mund in die Decke drückte und versuchte, sich vom Geruch des Alphas abzuschirmen.
Was er dafür bekam, war der Gestank seiner eigenen Angst. Das war sein verdammtes Glück. Casey hatte versucht, draußen zu schlafen, um dem Alphageruch im Hebammenhaus zu entgehen, den er nicht mehr loswurde, seit Beau ein paar Nächte dort verbracht hatte. Casey hatte nicht nur einen Albtraum gehabt, sondern war auch noch aufgewacht, weil irgendein Spinner ihn beim Schlafen beobachtet hatte. Er war nicht mal eine Meile vom Haus entfernt und befand sich immer noch auf dem Land des Niemi-Rudels. Kein Fremder hätte ihn hier finden dürfen.
»Ich habe nicht geweint«, schnauzte Casey so bestimmend, wie es ihm möglich war, während er Mund und Nase in seine Decke gedrückt hielt. Er wischte sich über die Augen, als er das sagte, und seine Hand wurde feucht. Zusammen mit dem Geruch bedeutete das, dass er definitiv einen weiteren dieser Träume gehabt hatte, was wiederum hieß, dass die Periode schlechter Nächte noch nicht vorbei war. Er konzentrierte sich auf den fremden Alpha, dessen Geruch er nicht aus der Nase bekam, was alles nur noch schlimmer machte. »Und das beantwortet nicht, wer zum Teufel du bist und was du auf dem Niemi-Territorium machst.«
Der Alpha trat einen Schritt zurück, warf einen Blick über seine Schulter und sah genauso begeistert aus, wie Casey es war. »Mein Name ist Adam Vinick. Ich bin zu Besuch. Rory Lea hat mich hergebracht.«
»Scheiße«, murmelte Casey, drehte sich um und drückte seine Stirn gegen den Baum. Das bedeutete, dass er den Kerl nicht einfach verjagen oder Callie auf ihn hetzen und zusehen konnte, wie sie ihn verjagte. Es bedeutete auch, dass er das Frühstück verschlafen hatte und von Tante June eine Standpauke bekommen würde, weil er die Morgenrunde verpasst hatte. »Scheiße.«
Casey drehte sich entschlossen vom Baum weg, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Kerl einen Blick nach unten warf, wo Casey gesessen und Pappa Otsos Lavendelkissen auf die Unterlage fallen gelassen hatte, die dafür gedacht war, seinen Hintern trocken zu halten. Casey starrte den Kerl an. Vinick. Alpha Vinick. Warum musste er so sehr nach Alpha riechen?Erschnappte sich die Unterlage und das Lavendelkissen, schälte sich aus der Decke, die er immer noch um sich geschlungen hatte, und legte sie zu dem Bündel in seinen Armen.
»Komm«, schnauzte Casey, drehte sich auf dem Absatz um und ging Richtung Haus. »Wir gehen in die gleiche Richtung, Alpha. Beweg dich.«
Vinick holte sofort auf und konnte mit Casey mühelos mithalten, was auch Sinn machte, da er fast einen Meter größer war. Sein Haar war dunkelblond und sah aus, als hätte er es erst vor ein, zwei Tagen geschnitten. Er trug eine dunkelgraue Anzughose und ein gestärktes weißes Hemd mit einer graugrünen Krawatte. Er versuchte wohl, einen guten Eindruck zu machen, wie ein Kind am ersten Schultag. Seine Augen waren … Casey war es scheißegal, wie Adam Vinicks Augen aussahen, außer dass sie auf ihn gerichtet waren und ihn fragend ansahen, was er überdeutlich spürte. Als ob er die Sorge des Alphas nicht riechen könnte, die so stark war, dass er bald daran erstickte und dass sein Herz raste, als wollte es sagen, dass er die verdammte Hilfe brauchte.
»Was?«, schnauzte Casey. »Noch nie erlebt, dass ein Omega schlecht geträumt hat?«
»Doch«, sagte Vinick langsam. »Doch, habe ich. Du bist nur … nicht so wie die meisten Omegas, die ich kenne.«
Casey schnaubte und richtete seinen Blick nach vorn, als sich der Weg vom See entfernte. »Wenn Rory dich hergebracht hat, um die Hebammen zu treffen, kannst du keine Omegas dafür bezahlen, dass sie sich zu dir setzen und sich mit dir unterhalten, also schätze ich, dass du verdammt noch mal nicht so viele Omegas kennengelernt hast.«
»Auf jeden Fall keine, die so wortgewandt sind«, stimmte Vinick zu.
Casey verengte die Augen und grub seine Finger in die Sachen, die er trug, um nicht Vinicks große Alpha-Kehle zu packen. Er würde ohnehin erst mal an der Krawatte vorbeimüssen und sein Mund fühlte sich auch so schon watteartig genug an.
Casey stapfte nach Hause, ignorierte, dass er auf jeden Stein auf dem Weg trat, ignorierte den dumpfen Geruch seiner eigenen Angst in der Decke und den warmen Alphageruch des Mannes neben sich. Vor allem aber ignorierte er Vinick und sein wissenschaftliches Forschungsprojekt, das ihn hergeführt hatte.
Als sie das Ende des Weges erreichten und das Hebammenhaus in Sichtweite war, sagte Vinick fast zaghaft: »Ich nehme nicht an, dass ich dich bezahlen kann …«
»Verdammt, nein«, schoss Casey. »Warum zum Teufelsollte ich dir dabei helfen?« Er umrundete Vinick und hatte plötzlich Lust auf einen richtigen Kampf, so wie er ihn mit Callie gehabt hatte, als sie noch Kinder gewesen waren, bevor sie angefangen hatte, jede Rauferei zu einer feierlichen Gelegenheit zu machen, Casey beizubringen, sich zu verteidigen. »Ich weiß, warum du hier bist, okay? Ich weiß, dass du alles auseinandernehmen willst, was wir wissen, alles, was ich mein Leben lang gelernt habe und was die Hebammen über hundert Generationen hinweg gelernt haben, um anderen Omegas zu helfen und dem Rudel zu dienen. Und weil du es zu einer Wissenschaft machen willst. Ich schreibe es in ein Buch und verschenke es an alle, damit niemand ein Rudel braucht, richtig? Denn wer braucht schon ein Rudel, wenn man zu einem verdammten Arzt gehen kann, der ein Buch gelesen hat?« Er konnte sehen, wie Vinick mit den Zähnen knirschte und die Kiefermuskeln hervortraten.
»Manche«, sagte Vinick, ohne seine Zähne voneinander zu lösen, »haben kein Rudel. Und wollen es auch nicht.«
»Das bedeutet, dass sie ein besseres Rudelbrauchen. Oder mehr Rudel oder ein anderes. Wir müssen mehr auf sie eingehen, neue Wege der Verbindung finden. Das bedeutet nicht, dass wir alle allein sein sollten, wie es bei Menschen der Fall ist. Wir sind keine Menschen, wir sollten nicht wie sie leben! Egal, wie sehr du dich anstrengst«, Casey konnte nicht widerstehen, griff nach Vinicks Krawatte und zerrte an dem glatten grünen Stück, »du wirst nie einer sein, verdammt. Egal, wie viele Abschlüsse du hast, egal, wie viele verdammte Doppelblindstudien …«
»Adam!«, rief Rory von der Haustür aus und Casey sprang von Vinick zurück und ließ die Krawatte los, als hätte sie ihn verbrannt.
Rory war vielleicht die einzige Person, die er kannte, die ihn nicht als Casey, die Hebamme oder Casey, der arme Kerl betrachtete. Das Letzte, was er an diesem Morgen brauchte, war, dass Rory ihn von seiner schlechtesten Seite sah.
»Hey, Casey!«, fuhr Rory fort. »Tante June sagt, du sollest reinkommen und dir die Tannennadeln aus dem Haar kämmen, während sie überlegt, was sie mit dir machen soll.«
Casey zuckte zusammen, schob sich an Vinick vorbei und stapfte über das Gras zum Haus. Rory blieb, wo er war, und lehnte in der Tür, als er sich näherte. Casey versuchte, seinen Drang zu unterdrücken, sich zu wehren. Rory sah besorgt aus und es fühlte sich zu sehr nach der Art an, wie alle Casey ansahen, wenn sie sich daran erinnerten, woher er kam. Er zwang sich zu einem Lächeln und versuchte, die Version von sich selbst zu sein, die Rory mochte und auf die er sich verlassen konnte.
»Habe ich wirklich Tannennadeln im Haar?« Casey sprach leise, nur für Rorys Ohren, als er auf die Veranda trat.
Dann trat Rory einen Schritt aus der Tür und griff nach ihm. Casey senkte den Kopf und ließ zu, dass Rorys Finger durch seine Locken strichen. Ein paar Rindenstücke und Zweige rieselten zu Boden. Casey sog Rorys vertrauten Omegaduft ein und spürte, wie die Angst und Kampfbereitschaft ein wenig nachließ und auf ein Niveau sank, das er bewältigen konnte. Das Trommeln in seinem Kopf war in den letzten Tagen zu einem Hintergrundgeräusch geworden, einem Schmerz, der seine Laune in Grenzen hielt. Dennoch konnte er sich beherrschen. Er war zu Hause und hier sicher.
»Ich, äh …« Casey blickte zurück zu Vinick, den Rory Adam genannt hatte und der immer noch auf dem Hof stand. Er richtete seine verdammte Krawatte, aber es war fast schon komisch, wie Casey hier auf seinem eigenen Grund und Boden stand, mit Rorys Arm halb um sich und dem vertrauten und beruhigenden Duft von einem Omega und vom Haus. »Ich denke, ich sollte mich von unserem Besucher fernhalten.«
Vinick sah auf, sein Blick war so scharf wie vorhin, als sie Seite an Seite gegangen waren, und Casey spürte, wie sein Herz wieder zu rasen begann. Es fühlte sich nicht ganz wie Wut an, aber er biss trotzdem die Zähne zusammen.
Rory warf ihm einen Seitenblick zu, aber seine Stimme war neutral, als er sagte: »Er ist gar nicht so übel, oder zumindest glaube ich, dass man ihm was beibringen kann. Ich habe ihm schon gestern Abend am Esstisch die Leviten gelesen und ich denke, Großmutter Tyne wird seine Studienmethoden in einem sehr scharfen Tonfall angehen. Wasch dich, wir kümmern uns um ihn.«
Casey nickte und eilte hinein, wobei er seine Schulter sanft gegen Rorys stieß, die Augen weit geöffnet, um die vertrauten Mauern um sich herum wahrzunehmen und den Anblick von Vinick zu vergessen, der ihn ansah wie … ein Alpha einen Omega. Als würde er in Casey keine Hebamme oderein Waisenkind sehen. Aber er brauchte keinen Alpha, der ihn anschaute und irgendetwas sah. Er musste verdammt noch mal von diesem Alpha wegkommen.Von jedem Alpha.
Das Duschen war eine Erleichterung, denn es wusch all die Gerüche weg, die ihm anhafteten, auch das schmutzige Gefühl, im Freien geschlafen zu haben. Sogar seine Zehen fühlten sich endlich wieder warm an, als er fertig war. Casey schrubbte sich ab, bis seine Haut rosa war, und beseitigte alle Spuren, die an die Tatsache erinnerten, dass er wieder einen dieserTräume gehabt hatte. Wenigstens erinnerte er sich nicht an den Traum, sondern sah nur die Spuren, die er hinterließ. Auf diese Weise konnte er ihn in der Versenkung verschwinden lassen. Sobald er den Geruch der Angst abgewaschen hatte, gab es für den Traum keine Möglichkeit mehr, ihm zu folgen. Auch wenn er sich manchmal fragte, wovon er träumte, was ihm Angst machte und ihn zum Weinen brachte, warum er diese Anfälle bekam, in denen er wütend und nervös war und jene Nächte nicht durchschlafen konnte, so wusste er, dass es besser war, es nicht zu wissen. Genauso wie es besser war, nicht zu wissen, woher diese Albträume kamen. Er wusste es natürlich in groben Zügen. Es war etwas Schreckliches passiert, als er ein Kind gewesen war. Seine Familie war gestorben und er hatte überlebt und seinen Weg zum Niemi-Rudel gefunden, indem er sich in Wolfsgestalt durch die Wälder geschlagen hatte, die noch ihren Welpenplüsch gehabt hatte, mit Ohren und Pfoten, die zu groß für ihn gewesen waren. Er wusste, dass es hässlich ausgesehen haben musste. Er wusste, dass er so lange in seiner Wolfsgestalt gewesen war, dass er kaum hatte sprechen können, als er schließlich herausgelockt worden war. Und er wusste, dass die Sache mit dem Traum etwas mit den Alphas zu tun hatte, deshalb war er auch so im Umgang mit ihnen, selbst mit denen, die er mochte. Zu viel Kontakt mit einem Alpha konnte diese Anfälle auslösen. Alpha Niemi, der ihn vor neunzehn Jahren in den Wäldern gefunden hatte, war für Casey das, was einem Elternteil am nächsten kam. Casey hatte nie unter seinem Dach leben und ihn schon seit einigen Jahren nicht mehr umarmen können. Dessen Tochter Callie, die stolz auf ihre Identität als weiblicher Alpha war, würde Caseys Reaktionen ihr gegenüber als Beweis für ihre Stellung werten. Normalerweise war es kein Problem, sie zu umarmen oder dicht neben ihr zu sitzen, aber seit Tagen konnte er es nicht ertragen, in ihrer Nähe zu sein. Callie und Niemi wussten beide, warum, besser als Casey selbst. Sein Alpha hatte es von Anfang an gewusst, denn er hatte die Gruppe angeführt, die Caseys Spur zurückverfolgt und festgestellt hatte, dass niemand mehr zu retten gewesen war und es auch niemanden gegeben hatte, dem man Casey hätte zurückgeben können. Callie hatte die Geschichte vor ein paar Jahren erfahren, als Casey sich geweigert hatte, sie sich anzuhören. Callie musste wissen, dass sich seine Vergangenheit eines Tages auf das Rudel auswirken könnte. Sie würde den Posten als Alpha des Rudels in zehn bis dreißig Jahren übernehmen, sobald ihr Vater bereit war, sich zur Ruhe zu setzen.
Casey sah keine Notwendigkeit darin, seine Geschichte zu erfahren. Er hatte sie aus einem bestimmten Grund vergessen. Er brauchte diese Erinnerungen genauso wenig, wie er es brauchte, dass seine Albträume den Tag über andauerten. Normalerweise kam er zurecht und im Moment hatte er nur eine besonders schlimme Phase. Bald würde es vorbei sein, er würde sich beruhigen und Callie wieder in die Arme schließen können. Vielleicht sogar Niemi eines Tages. In der Zwischenzeit hatte Casey andere Dinge, auf die er sich konzentrieren musste. Er war eine Hebamme und gehörte zum Niemi-Rudel. Es spielte keine Rolle, wie er hierhergekommen oder was vorher passiert war.
***
Casey trocknete sich ab und zog sich an, wobei er genau und ausschließlich auf seinen Herzschlag achtete. Er konzentrierte sich darauf, ihn langsam und ruhig zu halten, und kämpfte jeden Moment um diese Ruhe, als wäre bald Vollmond, statt drei Tage nach Neumond, so wie jetzt. Trotzdem schaffte er es.
Er ging über die Hintertreppe hinunter in die Küche, um nichts zu sehen oder zu hören, was ihn vom stetigen Schlagen ablenken könnte. Er aß, ohne darauf zu achten, was, weil er sich nicht darauf konzentrieren konnte. Er kaute im Rhythmus seines Herzens; sein Kiefer bewegte sich bei jedem zweiten Schlag.
Er wusch sein Geschirr ab und schaute sich vorsichtig um, ohne den Kopf zu heben, um zu sehen, ob Tante June einen Zettel hinterlassen hatte, auf dem stand, was er heute tun sollte. Wenn er aus dem Haus käme und normale Dinge tun könnte, zum Beispiel Omegas und ihre Babys besuchen, während ihre Partner den Tag über außer Haus waren, wäre das gut für ihn. Die Ruhe, um die er kämpfte, würde einkehren und bleiben. Alles würde gut werden.
Es gab keinen Zettel. Wenn er ging, ohne mit Tante June zu sprechen, würde sie sich noch mehr über ihn ärgern. Casey starrte den Küchentisch für die Dauer von hundert sorgfältig regulierten Herzschlägen an, atmete langsam und gleichmäßig, dann hob er den Blick zum Flur, der von der Küche zur Vorderseite des Hauses führte. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle und sein Gehör konzentrierte sich abrupt von seinem Herzschlag auf den vorderen Salon und die tiefe Stimme eines Alphas. »Wenn wir eine ausreichend große Population untersuchen könnten, könnten wir nicht nur die Lykaner-DNA vergleichen, sondern auch den Omega-Gencluster auf dem Y-Chromosom. Vorausgesetzt, wir finden einen. Damit könnten wir feststellen, ob die Omegas so alt sind wie die Werwölfe oder ob das Merkmal erst später entstanden ist.«
Casey war sich nicht bewusst, dass er beschlossen hatte, sich zu bewegen, denn er nahm nur diese Stimme wahr. Vinicks Stimme, die ihn näher heranzog, bis Casey in der Tür des vorderen Wohnzimmers stand und auf den großen Alpha blickte, auf dessen dunkelgoldenes Haar die Sonne schien. Er saß in einem Sessel gegenüber von Rory und den Tanten, die sich auf zwei Sofas verteilt hatten. Er war das Tollste, was Casey je gesehen hatte, und während sein Herz schneller schlug, wollte er ihn nur noch davonjagen; raus aus diesem Haus und von ihrem Land. Seine Hände schlossen sich zu Fäusten und er schrie halb, als er sagte: »Es gab drei erste Werwölfe und einer war ein Omega! Jeder kennt diese Geschichte. Kinder, die kaum Sätze sprechen können, kennen diese Geschichte!« Casey war sich bewusst, dass Vinick aufgestanden war und ihn wieder anstarrte, dass sich andere Personen in der Nähe bewegten und er die Klappe halten sollte, aber nun hatte er angefangen und konnte nicht mehr aufhören. Er ging direkt auf Vinick zu, der einfach nur still dastand und ihn beobachtete. »Was zum Teufel wollen du und deine Wissenschaft damit? Warum musst du deine Finger überall reinstecken und alles kaputtmachen? Es gehört dirnicht!«
»Casey.« Hände schlossen sich fest um seine Arme und plötzlich konnte er Vinick nicht mehr sehen. Tante Mark, die mit über vierzig Jahren die nächstjüngere der Hebammen war, drängte sich vor ihn und schüttelte ihn ein wenig. Tante June stand direkt neben ihm.
Mark hielt Caseys Arme fest im Griff und June drückte zwei Finger fest auf Caseys Lippen, als sie ihn mit dem Rücken durch die Tür schoben. »Liebling«, sagte sie. »Du bist nicht du selbst. Sei still.«
Casey wollte knurren, wollte zubeißen, aber … Oh, lieber Mond, warum hatte er so geschrien? Vor Rory und allen anderen? Wegen eines Märchens.
»Geh Amy suchen«, sagte June fest und nahm sein Gesicht in beide Hände, wobei sie ihre Daumen immer noch auf seine Lippen drückte, um ihn zu beruhigen. »Ich habe sie zu den Honeygolds geschickt. Du kannst ihr helfen, die besten zu pflücken und einen Korb voll mitzubringen.«
Casey biss die Zähne zusammen und nickte. Amy war erst zwölf, ein Mensch und klein für ihr Alter; sie würde also Hilfe brauchen, um die Äpfel hineinzutragen. Das könnte er tun. Er könnte sich darauf konzentrieren und verdammt noch mal beruhigen. Er würde Amy keine Angst einjagen.
Tante Mark führte ihn aus dem Haus und in den eingezäunten Hof dahinter, wo die Kräutergärten der Hebammen wuchsen.
»Okay, Case?« Sein Griff hatte sich gelockert, seine Hände legten sich sanft um Caseys Oberarme.
Casey nickte und lehnte sich an Mark, um seinen Duft einzuatmen. Omega, mütterlich und sicher. »Ich kann … ich kann das tun.«
Mark umarmte ihn ein wenig und ließ ihn dann los.
Casey schnappte sich einen verwitterten Scheffelkorb vom Stapel neben dem Tor und ging den Weg hinunter.
Die Niemis hatten nie richtige Obstgärten angelegt, in denen die Bäume in geordneten Reihen standen. Stattdessen pflanzten sie Apfelbäume in den Wäldern auf dem Rudelland, wann immer ein umgestürzter Baum oder für Holz gefällte Bäume Platz boten. Sie achteten immer darauf, dass in einem bestimmten Gebiet Bäume der gleichen Sorte standen, und stellten einen Bienenstock in der Nähe auf, um unerwünschte Fremdbestäubung zu vermeiden. Die Honeygolds standen nördlich und östlich des Hebammenhauses zwischen dem Nordufer des kleinen Sees und einem Bach etwa eine Viertelmeile nördlich davon. Auf der anderen Seite des Baches befanden sich Honeycrisps. Entlang des Baches gab es also immer wieder interessante Kreuzungen, von denen die meisten direkt vom Baum gegessen werden konnten und die zu verschiedenen Zeiten von August bis Oktober reiften.
Casey machte sich auf den Weg zum Bach. Als Kind war er oft dorthin gegangen, wenn er Äpfel hatte pflücken sollen, manchmal auch ganz früh, wenn ein Kuchen gebacken werden sollte. Er hatte es geliebt, nach interessanten Apfelhybriden zu suchen oder einfach am Bach zu sitzen, bis jemand gekommen war und ihn ausgeschimpft hatte, weil er keine Äpfel gepflückt hatte.
Er hörte Amys Herzschlag am Südufer des Baches und folgte dem Geräusch mit einem gewissen professionellen Interesse. Amy litt seit Langem an einer Krankheit, die kein menschlicher Arzt, und auch nicht Beau, trotz seiner Bemühungen, hatte diagnostizieren können. Die Bemühungen ihres Vaters, Beau zu zwingen, sie zu heilen, indem er sie zu einem Werwolf machte, hatten sich vor Kurzem zugespitzt, und die Hebammen waren eingeschritten, um die Wogen zu glätten. Amy war zu den Hebammen gezogen, während ihr Vater in einem nahegelegenen Gästehaus wohnte. Sie kam mit der Behandlungsmethode nach Großmutter Tyne gut zurecht. Irgendein obskures Ungleichgewicht der Mikroben in ihrem Verdauungssystem, das eine ständige Anpassung erforderte. Ihr Vater tat sein Bestes, um alles wiedergutzumachen. Beide hatten sich als menschliche Mitglieder des Rudels eingelebt.
Siehst du?, dachte Casey und Wut stieg wieder in ihm auf. Sogar Menschen brauchen ein Rudel. Ärzte können nicht alles reparieren.
Er blieb stehen, wo er war, und zwang sich, den Geruch des Baches und der reifenden Äpfel einzuatmen. Kein Alpha hier. Niemand, mit dem man streiten könnte. Nichts, worüber man wütend sein müsste. Aber sein Herz schlug immer noch zu schnell, zu hart, und sein Nacken schmerzte vor Anspannung. Der bittere Geschmack von Panik lag ihm noch auf der Zunge.
Casey ließ seinen Korb fallen, sprang in die Äste des nächstgelegenen Baumes und pflückte einen Apfel, der seltsam hellrot und leuchtend gelb gestreift war. Er nahm einen Bissen, der laut genug war, um durch den Wald zu hallen, und konzentrierte sich auf die Süße in seinem Mund und nicht auf den bitteren Nachgeschmack.
Amy kam ins Blickfeld, sie lag auf dem Boden und sah ohne Angst zu ihm auf. »Casey? Ich habe noch nicht sehr viele gepflückt.«
Er schüttelte den Kopf. »Ist schon gut. Ich glaube nicht, dass sie jemand so dringend braucht, dass wir fertig werden müssen.« Er schaute sich nach einem weiteren Apfel um und pflückte den größten, den er sehen konnte, dann sprang er leichtfüßig auf den Boden. Dieser war hier weich; seine Füße hinterließen tiefe Abdrücke, aber wenigstens war er nicht aus zwanzig Fuß Höhe auf einen Stein getreten.
Amys Augen waren ein wenig groß, aber sie grinste, als Casey ihr den zweiten Apfel anbot. Sie nahm ohne zu zögern einen Bissen. Das war eine angenehme Abwechslung zu ihrer alten Angst vor dem Essen. Als sie kränker gewesen war, hatte ihr alles, was in ihren Magen gekommen war, wehgetan.
»Hast du einen guten Platz zum Sitzen gefunden?«, fragte Casey.
Amy nickte und drehte sich um, um ihm den Weg zu zeigen. Sie brachte ihn zu einer Stelle am Ufer, wo ein großer Baum über den Bach gestürzt war. Durch die Lücke im Blätterdach, die der Baum hinterlassen hatte, fiel die Sonne. Der umgestürzte Baumstamm war breit genug, um einen bequemen Sitzplatz direkt über dem plätschernden Wasser zu bieten.
Casey folgte ihr in die Nähe der Mitte des Baches und setzte sich neben sie. Er dachte daran, dass er auf diesen Baum geklettert war, als er noch aufrecht gestanden hatte, vor zehn Jahren oder so. Er konnte sich nicht erinnern, wann er umgestürzt war, aber so wie es aussah, war das mindestens ein, zwei Jahre her. Er hatte schon länger nicht mehr viel Zeit hier verbracht.
»Casey?« Amys Stimme klang dünner.
