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Dessa Lux

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Beschreibung

Der Alpha Werwolf Beau Jeffries geht seine eigenen Wege, nachdem er als Teenager aus seinem Rudel verwiesen wurde, weil er einem Menschen geholfen und damit die Geheimnisse des Rudels gefährdet hatte – in einer Zeit, in der die Menschheit die Wahrheit über die Existenz der Werwölfe erst lernen musste. Jetzt soll er der erste Werwolf sein, der in einem speziellen Programm seine Zeit als Assistenzarzt absolvieren darf. Doch für ihn gelten Regeln – denn ohne Rudelzugehörigkeit muss er verheiratet sein. Der Omega-Werwolf Roland Lea versucht nur zu überleben. Nach der letzten und schlimmsten Beziehung in seinem Leben hat er einen Unterschlupf in einem Haus für heimatlose Omegas gefunden. Doch es geht ihm von Tag zu Tag schlechter. Als ihm das Angebot gemacht wird, sich bei einer Dating-Agentur anzumelden, ist er der Meinung, dass er nichts zu verlieren hat. Als Beau Rolands Profil sieht, weiß er auf Anhieb, warum es dem Omega so schlecht geht und er sieht sich verpflichtet, ihm zu helfen. Wenn er Roland überreden kann, ihn zu heiraten, kann er Rolands Leben retten – und Roland kann ihm helfen, den Platz an der Klinik zu bekommen. Aber kann eine Beziehung, die aus Vernunftgründen entsteht, auch zu echter Liebe führen?

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Seitenzahl: 713

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Omega erforderlich

Welt der Wölfe Band 1

von Dessa Lux

Impressum

© dead soft verlag Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Omega Required

Übersetzung: Lena Seidel

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Tony Marturano – shutterstock.com

© Derek R. Audette – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-433-9

ISBN 978-3-96089-434-6 (epub)

Inhalt:

Der Alpha Werwolf Beau Jeffries geht seine eigenen Wege, nachdem er als Teenager aus seinem Rudel verwiesen wurde, weil er einem Menschen geholfen und damit die Geheimnisse des Rudels gefährdet hatte – in einer Zeit, in der die Menschheit die Wahrheit über die Existenz der Werwölfe erst lernen musste.

Jetzt soll er der erste Werwolf sein, der in einem speziellen Programm seine Zeit als Assistenzarzt absolvieren darf. Doch für ihn gelten Regeln – denn ohne Rudelzugehörigkeit muss er verheiratet sein.

Der Omega-Werwolf Roland Lea versucht nur zu überleben. Nach der letzten und schlimmsten Beziehung in seinem Leben hat er einen Unterschlupf in einem Haus für heimatlose Omegas gefunden. Doch es geht ihm von Tag zu Tag schlechter. Als ihm das Angebot gemacht wird, sich bei einer Dating-Agentur anzumelden, ist er der Meinung, dass er nichts zu verlieren hat.

Als Beau Rolands Profil sieht, weiß er auf Anhieb, warum es dem Omega so schlecht geht und er sieht sich verpflichtet, ihm zu helfen. Wenn er Roland überreden kann, ihn zu heiraten, kann er Rolands Leben retten – und Roland kann ihm helfen, den Platz an der Klinik zu bekommen.

Aber kann eine Beziehung, die aus Vernunftgründen entsteht, auch zu echter Liebe führen?

Kapitel 1

Der kurz vor seiner Promovierung stehende Arzt Beau Jeffries tat sein Bestes, es nicht zu zeigen, aber er konnte kaum glauben, dass er auf dem Campus der Rochester-Klinik herumwanderte, die vielleicht sein zukünftiges Zuhause war. Das Bewerbungsgespräch für das Assistenzprogramm war eigentlich ein kompletter Tag voller Gespräche, unterbrochen von Mahlzeiten und anderen ‚nebensächlichen‘ Ereignissen, von denen Beau wusste, dass sie für den Eindruck, den er machte, nicht weniger entscheidend waren.

Er musste einen makellosen Eindruck hinterlassen. Beau war der einzige Werwolf, der für einen Aufenthalt in Rochester ausgewählt worden war.

Selbst mit exzellenten Noten und brillanten Empfehlungen würde es ein harter Kampf werden, sich einen Platz in dem Programm, das den Schwerpunkt Humanmedizin hatte, zu sichern.

Als er zum Wartebereich vor dem Büro des Direktors dieses Programms geführt wurde, lächelte ihn die Verwaltungsassistentin leicht an, und er versuchte, das mit der gleichen Intensität zu erwidern. „Dr. Aster wird gleich bei Ihnen sein.“

„Kein Problem“, sagte Beau und ging zu den Stühlen, auf die sie gedeutet hatte, um sich zu setzen. Sie nickte und kehrte an ihren Schreibtisch zurück.

Wie praktisch jeder Mensch, also jede Person, die er in Rochester getroffen hatte, wirkte sie überhaupt nicht verängstigt oder übermäßig neugierig. Er hatte hier sogar Werwölfe bemerkt, die als Sicherheitskräfte oder Ordner arbeiteten. Er war keinem von ihnen vorgestellt worden und hatte sie nicht verraten, indem er sich anmerken ließ, dass sie ihm aufgefallen waren, aber sie waren da, arbeiteten mit diesen Menschen und wurden von ihnen akzeptiert. Abgesehen von der Rochester-Klinik war das nur ein weiterer Punkt, der ihn veranlasste, dieses Programm gedanklich als seine erste Wahl einzustufen, noch bevor er sein Gespräch beendet hatte.

Bei sämtlichen Bewerbungsgesprächen, die er allesamt hervorragend gemeistert hatte, war Beau der einzige Werwolf-Medizinstudent gewesen. In seiner Abschlussklasse hatte sich eine Handvoll anderer befunden, aber er hatte sich für die Northwestern entschieden, weil es eine der wenigen Medizinfakultäten im Land war, die bekennende Werwolf-Studenten hatte. Es gab nicht viele Werwölfe in der Medizin, und außer Beau gab es keinen, den er kannte, der Menschen behandeln wollte, statt in den brandneuen Bereich der Werwolfforschung zu gehen.

Natürlich konnte man dort viel Gutes tun. Beau war genauso neugierig wie jeder zu erfahren, wie seine eigene Art wirklich tickte. Aber Werwölfe waren Jahrhunderte lang vor der Offenbarung ohne moderne Medizin ausgekommen, vor allem weil Werwölfe verdammt schwer zu töten waren. Die Entscheidung, dass Werwölfe Menschen waren und sie zu töten Mord bedeutete, war im gleichen Jahr in Kraft getreten, in dem Beau die Highschool abgeschlossen hatte, und diese Entscheidung hatte die Lebenserwartung der Werwölfe mehr verbessert, als es die gesamte Ärzteschaft jemals konnte.

Menschen dagegen konnten von allen möglichen Dingen umgebracht werden. Beau wollte Arzt werden, weil er Menschen retten wollte – und das bedeutete, dass er ein Arzt für die Menschen sein wollte, die Rettung brauchten.

Er hatte davon geträumt, am Rochester zu arbeiten, lange bevor er die medizinische Ausbildung anfing. Rochester war die letzte Zuflucht für viele kranke Menschen, die weltbekannte Klinik für schwierige Fälle. Wenn Beau beweisen wollte, dass die Sinne eines Werwolfs, in Verbindung mit einer fundierten medizinischen Ausbildung, durch eine verbesserte Diagnose Leben retten konnten, war dies der richtige Ort, um es zu tun.

Also musste er wirklich aufhören, jedes Mal zu grinsen wie ein Idiot, wenn er ein neues Schild, einen Briefkopf oder ein Mitarbeiterschildchen mit dem Rochester-Klinik-Emblem sah. Er war hier, um für eine Assistenzarztgenehmigung in Betracht gezogen zu werden, und nicht um ein Autogramm einer medizinischen Einrichtung zu bitten.

Während er wartete, hielt er den Blick gesenkt, und konnte nicht anders, als auf sein eigenes Besucherschild zu starren. Sein Bild prangte darauf, kopiert von einem Foto, das er mit seiner Bewerbung mitgeschickt hatte. Er hatte sich große Mühe gegeben, sein Lächeln richtig in Szene zu setzen, ein warmer Ausdruck, der dem Klischee eines dunkelhaarigen, dunkeläugigen Alpha-Werwolfs entgegenwirkte. Er war gut zwei Meter groß, mit der breiten, muskulösen Alpha-Figur, die die Menschen vor ihm zurückschrecken ließ, noch bevor sie wussten, was er war, wenn er nicht darauf achtete, freundlich und ungefährlich auszusehen. Es erinnerte ihn daran, wie er auszusehen versuchte, liebenswürdig und zugänglich, und nicht vor idiotischer Freude zu strahlen.

„Mr Jeffries?“ Die Direktorin selbst stand in der Tür zu ihrem Büro, und Beau sprang vielleicht ein wenig zu schnell auf seine Füße. Sie und ihre Assistentin zeigten kurze Anzeichen von Schreck, aber nicht mehr.

Beau lächelte und strich sein Hemd glatt. Er schritt langsam vor, während Dr. Asters Gesichtsausdruck zu einem professionellen Lächeln wurde.

Dieses Gespräch war sein letztes des Tages und es war nur für ungefähr fünfzehn Minuten angesetzt, keine Zeit für eine ausführliche Unterhaltung. Beau nahm an, dass es nur ein Händedruck und ein kleines Schwätzchen wurden – eine Formalität.

Diese Vorstellung hielt ungefähr zwei Minuten, während er mit Dr. Aster Höflichkeiten austauschte. Dann sagte sie: „Ich möchte den Elefanten im Raum nicht länger ignorieren. Sie sind anders als jeder andere Medizinstudent, den wir interviewen.“

Beau nickte, behielt jedoch seinen Gesichtsausdruck bei. In seinen anderen Bewerbungsgesprächen waren ihm mehrmals verschiedene offene Fragen zur Lykanthropie gestellt worden. Auf alle hatte er sehr gute Antworten gefunden.

„Wenn Sie angenommen werden“, fuhr die Direktorin fort, „hätten Sie andere Bedürfnisse als alle anderen Kollegen, und wir versuchen, einen Überblick darüber zu bekommen, was das bedeuten würde. Das ist Teil unserer Aufnahmepolitik für Werwölfe im Eingliederungsprogramm hier in Rochester. Ich hätte gern, dass Sie es sich ansehen und mir sagen, was Sie davon halten, oder mir alle Fragen stellen, die Ihnen dabei einfallen.“

Beau starrte sie einige Sekunden an, bevor er sich zwang, ihr die Papiere aus der Hand zu nehmen. Wie er es gelernt hatte, hielt er seine Miene neutral und seine Hände ruhig, aber er konnte die Worte vor sich kaum lesen, all die zusätzlichen Regeln, denen er folgen sollte, damit er sein konnte, was er war.

Eine Vorschrift ziemlich weit oben sprang ihn an:

Von Werwolfauszubildenden wird erwartet, dass sie starke und anhaltende Unterstützung durch andere Werwölfe vorweisen (durch das Herkunftsrudel/ örtliche Rudelaufnahme und/oder einen Partner/Ehepartner).

Beau konnte nicht einmal so tun, als würde er weiterlesen, seine Kehle wurde eng und sein Herz raste, während er auf das Papier starrte, das plötzlich wie eine Mauer zwischen ihm und allem stand, für das er die ganze letzte Dekade gearbeitet hatte.

„Ich …“ Beau zwang sich, aufzusehen und dem höflich wirkenden Blick des Menschen zu begegnen. „Ich bin kein Mitglied eines Rudels.“

Technisch gesehen konnten sie ihn nicht zwingen, etwas über seine Mitgliedschaft in einem Rudel offenzulegen, wenn er keine hatte, aber wenn sie ihn fragten, was mit dem Rudel geschehen war, in das er geboren wurde, warum er es verlassen hatte, musste er antworten. Lügen war keine Option, aber die Wahrheit war etwas, vor dem er eine lange Zeit weggelaufen war. Er wollte nichts davon hier erzählen, aber wenn er musste, wenn das der Preis war …

Dr. Aster bestand nicht auf das Thema. „Ich nehme an, dass Sie gestern zum Dinner keinen Partner mitgebracht haben, ist dann nicht nur das Zweikörperproblem in der Zeitplanung?“

Beau schüttelte leicht den Kopf. Er hatte seit seinem sechzehnten Lebensjahr keine Zeit für Dates gehabt und war davor noch nie in jemanden verknallt gewesen.

Seit er von zu Hause weg war, hatte er alle Zeit und Anstrengung darauf verwandt, ohne Rudel zu überleben, das College abzuschließen und dann Medizin zu studieren.

Die Werwölfe unter den Medizinstudenten nannten sich manchmal Rudel, aber das kam nicht annähernd an die gesetzliche Definition heran. Angesichts der Tatsache, dass jeder in diesem ‚Rudel‘ entweder noch zur Schule ging oder in einem Wohnheim wohnte, wären sie selbst als legitime Gruppe nicht als Unterstützungsnetzwerk geeignet gewesen. Niemand würde ihm glauben, wenn er behauptete, dass sie sein Support seien.

„Es gibt einige lokale Rudel in der Gegend, mit denen wir in Verbindung stehen“, sagte Dr. Aster vorsichtig. „Es gibt mindestens zwei, die dafür offen zu sein scheinen, ein vorübergehendes oder dauerhaftes neues Mitglied aufzunehmen. Ausgehend von dem, was diese Rudel sagten, als wir darüber diskutierten, denke ich, dass diese Art der Unterstützung wirklich von entscheidender Bedeutung wäre. Es wäre weder für Sie noch für andere sicher, wenn Sie versuchen, ein so anspruchsvolles Programm wie unsere Ausbildung ohne Unterstützung abzuschließen.“

Da war es – unverblümter ausgedrückt als irgendwo sonst, wo er sich vorgestellt hatte. Wir können nicht verantworten, dass Sie durchdrehen und Patienten beißen. Er fragte sich, ob die Richtlinie eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung für seine Schichten vorsah, Leute, die bereit waren, ihn auszuschalten, wenn er wild wurde, oder ob sie das als seine alleinige Angelegenheit betrachteten.

Er dachte an die anderen Werwölfe, die ihm aufgefallen waren, und erkannte, dass sie alle das Geheimnis unbedingt für sich behalten mussten. Sicher würde Rochester den Werwolf-Sicherheitsleuten nicht mehr vertrauen als einem Werwolf-Mediziner. Er konnte es nicht riskieren, andere zu gefährden, indem er zeigte, dass er ihr Geheimnis kannte. Wenn er hierher käme, könnte er keinen von ihnen anerkennen, selbst wenn sie die ironische Aufgabe hätten, ihn unter Kontrolle zu halten.

Beau setzte ein bescheidenes Lächeln auf und brachte sich dazu, aufzusehen und das erstickende Gefühl der Klaustrophobie zu ignorieren, das ihn bei der Vorstellung, unter dem Deckmantel der Offenheit zu solch schrecklicher Geheimhaltung zurückzukehren, überfiel. „Ich verstehe. Es würde einige zusätzliche Anpassungen bedeuten, aber natürlich würde ich alles tun, um mich an die Programmrichtlinien zu halten, wenn ich angenommen werde.“

Dr. Aster lächelte.

Beau kannte sie nicht im Entferntesten gut genug, um einen besonderen Einblick in die Bedeutung ihres Geruchs oder Herzschlags zu bekommen, aber sie schien ruhig und gelassen zu sein. Nicht wütend oder ängstlich, nicht grausam, aber entschlossen, die richtige Richtung einzuschlagen.

Beau schaffte es, den Rest des Gesprächs mit dem Autopiloten zu absolvieren, aber er wollte bereits wieder in Chicago sein, weg vom falschen Versprechen dieses Ortes. Auf keinen Fall würde er die Rochester-Klinik auf seine Liste möglicher Wirkungskreise setzen. Egal wie sauber und ordentlich sie es klingen ließen, er würde sich nicht anmelden, um sich sein Privatleben von Menschen diktieren zu lassen.

***

Sechs Wochen später hatte Beau seine Liste der Eingliederungsprogramme etwa tausend Mal auf- und umgestellt. Die Frist für die Abgabe seiner bevorzugten Wahl war nur wenige Stunden entfernt und er wusste, dass das Auswechseln seiner siebten und achten Platzwahl nicht wirklich das war, worüber er sich Sorgen machen musste.

Er hatte nur neun Programme auf seiner Liste.

Bei zwölf hatte er vorgesprochen und die beiden, die er nach der Rochester-Klinik besucht hatte, waren jeweils ein absolut klares Nein gewesen. Alle waren höflich gewesen, aber er hatte in Bezug auf beide Orte ein unglaublich schlechtes Gefühl gehabt und war nicht in der Lage gewesen, auch nur versuchsweise mit den Ärzten oder Auszubildenden zu sprechen, die er getroffen hatte. Es hatte keine Werwolfwachleute gegeben, nur Menschen.

War das wichtig? War er nach Rochester einfach nur hyperempfindlich? Er wusste es nicht, aber ihm stellten sich die Haare im Nacken auf und er spürte ein Knurren in seiner Kehle vibrieren, wenn er nur daran dachte, auch nur ein Wohnheim von diesen beiden auf seine Liste zu setzen.

Die Ironie war, dass er sich immer noch daran erinnerte, wie glücklich er sich in Rochester gefühlt hatte, bis zu dem Ende mit Dr. Aster. Jedes Mal, wenn er daran dachte, hatte er nur diesen sonnigen, fröhlichen Vorortscampus vor sich. Er hatte beinahe elf Jahre in Chicago verbracht und war bereit, irgendwo anders hinzugehen, wo seine Wolfssinne nicht ganz so strapaziert wurden. Kein Aufenthaltsprogramm würde so sein wie das, in dem er aufgewachsen war, aber Rochester war eine der kleineren Städte, die er besucht hatte, und es war von einer Vielzahl von Wäldern und Nationalparks umgeben. Es war Minnesota.

Dort könnte er glücklich sein, wenn nicht diese …

Er schüttelte den Kopf. Nein. Er würde sich nicht von seinem Ausbildungsprogramm in ein Rudel zwingen lassen und sich selbst zum Spielball für die Entscheidungen eines fremden Alphas machen. Das konnte unmöglich besser laufen als beim ersten Mal. Und natürlich würde er sich nicht zu einer Paarung drängen lassen. Er konnte das nicht, nicht so. Nicht, um Menschen zufriedenzustellen, die vielleicht niemals damit zufrieden waren, dass er keine Zeitbombe mit lykanthropischen Aggressionen war, geradewegs einer verdrehten Sensationsgeschichte über einen weiteren Werwolf entsprungen, der von einem Menschen in sogenannter Selbstverteidigung getötet worden war.

Das bedeutete allerdings auch, dass nur noch neun Wahlmöglichkeiten auf seiner Liste standen. Ihnen war immer und immer wieder vor den Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen eingebläut worden, dass die Chance, genommen zu werden, bei neunzig Prozent und höher lag, wenn zehn oder mehr Auswahlmöglichkeiten auf ihrer Liste standen.

Aber das waren natürlich Statistiken für menschliche Medizinstudenten. Dr. Pavlyuchenko, der als halboffizieller Berater für sämtliche Werwolfstudenten am Northwestern fungierte, hatte ihm im Vertrauen gesagt, dass zehn das absolute Minimum war, wenn er hoffte, genommen zu werden.

Die Aufnahme zwischen Bewerbern und Aufenthaltsprogrammen wurde national geregelt, jeder Medizinstudent im achten Semester fand am selben Tag heraus, ob man aufgenommen wurde, und dann, ein paar Tage später, wohin man gehen durfte. Wenn er nicht aufgenommen wurde, musste er kämpfen, um ein Programm zu finden, das ihn annahm.

Und wenn er einen Platz fand, würde es in Werwolfmedizin sein und nicht in Humanmedizin. Wenn er zwei oder drei Jahre in einem Programm verbrachte, das auf Lykanthropie spezialisiert war, konnte er seine Chancen, von der Ärztekammer für Humanmedizin angenommen zu werden, in die Tonne treten.

Also musste er einen Platz finden. Er musste einen Platz in einem der zwölf Programme finden, bei denen er sich beworben hatte, oder es war alles umsonst gewesen.

Es war nicht so, dass Rochester ihn auf jeden Fall annahm, wenn man bedachte, wie sie über Werwölfe dachten. Und wenn es auf seine zehnte Wahl ankam …

Beau biss die Zähne zusammen und tippte die Rochester Klinik ans Ende seiner Liste. Er klickte auf Senden, bevor er es sich ein zweites Mal überlegen konnte. Damit hatte er zehn Programme auf seiner Liste. An neun davon würde er glücklich sein. Er hatte noch das letzte Semester vor sich und konnte keine Zeit mehr damit verschwenden, darüber nachzudenken, wohin er passen könnte. Jetzt lag es nicht mehr in seinen Händen.

Kapitel 2

„Mr. Lea? Sie können weitermachen, wenn Sie wollen, aber ich muss den Timer ausschalten.“

Roland kniff die Augen zusammen und presste sich die Fingerknöchel gegen die Stirn, als könnte er damit das Hämmern seiner Kopfschmerzen zurückdrängen. Außerdem versteckte er sich damit ein wenig vor dem sanften, geduldigen Blick von Susan, seiner Fallbearbeiterin im North Chicago Omega Schutzgebiet.

Susan war ebenfalls ein Omega, und sie konnte natürlich damit umgehen, wenn ihm wirklich die Tränen kamen, aber wenn er sein Gesicht vor ihr verbarg, würde sie es nicht genau wissen. Vermutlich.

Er hörte sie ein paar behutsame Schritte näher zu seinem Ende des Tisches kommen, und benutzte seinen anderen Arm, um den Fragebogen abzudecken, auf den er – ohne eine einzige Antwort aufzuschreiben – gestarrt hatte, seit … er wusste nicht, wie lange. Lange genug, damit Susan es aufgegeben hatte, darauf zu warten, dass er irgendeinen Fortschritt in diesem Test im Zeitlimit machte.

„Nicht“, brachte Roland fertig zu sagen, seine Kehle fühlte sich selbst für das viel zu eng an. „Nicht hinsehen. Bitte.“

Susan blieb stehen, dann hörte er sie zurückgehen. „Ich wollte nicht auf Ihren Test sehen. Aber vielleicht wollen Sie sich Ihr Gesicht waschen, danach können wir über das hier reden. Darüber, wie es weitergehen soll.“

Roland nickte gegen seine Faust und klammerte sich sofort an die in ihrem Vorschlag angebotene Flucht. Er griff nach seinem Testheft, als er aufstand, seine Schultern hoben sich, während er sich abwandte, ohne in Susans Richtung zu sehen. Er hastete aus dem kleinen Besprechungsraum zum nächstgelegenen Waschraum, schloss sich ein und presste sein brennendes Gesicht gegen die Metalltür.

Er wusste nicht, was seinen Körper zum Zittern brachte und ihn sich überall heiß und schwach fühlen ließ, sogar jenseits der Scham und Wut über sein neuestes, offensichtlichstes Versagen. Schon seit Wochen hatte er sich so gefühlt, noch ehe er in das Schutzgebiet gekommen war. Es fühlte sich ein wenig wie Hitze an – dieses unangenehme, quälende Fieber, aber schlimmer, hässlich und schmerzhaft.

Und er kam mit Sicherheit nicht in die Hitze. Die Beruhigungsmittel, die er in seinem Schließfach versteckt hielt, schützten ihn davor. Er nahm sie zuverlässig jeden Tag und hütete die Flasche heftiger als alle anderen seiner wenigen Besitztümer.

Er würde nicht mehr so hilflos sein, so ohne eigenen Sinn. Niemals. Niemand würde ihn jemals wieder so benutzen.

Das war die Entscheidung, die er getroffen hatte, als er endlich genug Verstand aufgebracht hatte, um zu erkennen, dass er sich von Martin trennen musste, egal ob er auf Besseres hoffen konnte oder nicht. Dies war das Einzige, dessen er sich während seines Kampfes ums Überleben sicher war, bevor er in das Schutzgebiet gekommen war. Er würde nichts davon noch einmal machen. Aber er musste etwas tun.

Ohne einen beschissenen Alpha-Freund, geschweige denn einen richtigen Kumpel oder ein Rudel, musste Roland einen Weg finden, sich selbst zu helfen. Wenn er bei den Beruhigungsmitteln blieb, würde ihm die Hitze bei der Arbeitssuche nicht in die Quere kommen. Er könnte sogar wieder unter Menschen gehen. Er könnte ein Leben haben, oder etwas, das dem nahekam. Vielleicht würde er kalt und einsam sein, aber er könnte auf eigenen Beinen stehen.

Alles, was er tun musste, war einen Job zu finden, obwohl er die Highschool nie beendet hatte, nie einen richtigen Job hatte und …

Roland öffnete die Augen und stieß sich mit beiden Händen von der Tür ab, um den Fragebogen auf der Metalloberfläche auszubreiten. Er starrte grimmig auf die Seite, auf der er sich befunden hatte, als Susan die Stille im Arbeitszimmer gestört hatte, aber hier war es nicht anders, obwohl er allein war. Die Wörter verwischten zu unleserlichen Flecken, als er sie ansah, und wenn er eines entschlüsselte, konnte er es nicht in einen Satz einordnen. Bis er das nächste Wort durchgearbeitet hatte, hatte er das erste vergessen.

Er war gebrochen.

Irgendwann in den vergangenen acht Jahren, als er nicht aufgepasst hatte – und der Mund wusste, dass er hart daran gearbeitet hatte, nicht aufzupassen – hatte er sogar die Fähigkeit zu lesen verloren. Die Fähigkeit, richtig zu denken. Er hatte kein bisschen Wolfsbann zu sich genommen, seit er in das Schutzgebiet gekommen war, wo er einen sicheren Platz zum Schlafen und genug Essen hatte, aber die zitternde Schwäche hatte nicht nachgelassen.

Roland wandte sich von der Tür ab und stolperte zum Waschbecken, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen. Er betrachtete sich im Spiegel und versuchte, nicht vor dem Anblick zurückzuschrecken. Seine blassgrünen Augen starrten ihn an, die Farbe sah neben dem blutunterlaufenen Weiß seiner Augen grell aus. Er war hager und blass. In einem der Asyle, in denen er übernachtet hatte, hatte er sich die Haare rasiert, ehe er das Schutzgebiet fand, weil sie in Büscheln ausgefallen waren. Sein Kopf zeigte ein paar blasser Stoppeln auf der nackten Haut, sogar noch bleicher als sein Gesicht. Die klaren, nicht verheilten silbernen Verbrennungen ragten aus dem Kragen seines Hemdes. Roland richtete den Schal, den er trotz der falschen Jahreszeit trug, um sie zu verstecken, und wischte sich mit einem Ende das feuchte Gesicht ab.

So stellte ihn niemand ein und er war sowieso für nichts gut. Er konnte nicht zur Schule zurück und war nicht in der Lage, die schwere Arbeit zu verrichten, die viele Alphas und Betas mit Werwolfstärke und Heilung verrichteten. Das Schutzgebiet war berühmt dafür, dass alle Omegas, die hier lebten, einen Plan, ein Ziel hatten. Roland hatte Susan gesagt, dass seines sei, die Ausbildung zu machen, die er verpasst hatte, als er mit sechzehn Jahren mit einem älteren Alpha davongelaufen war, der versprach, sich gut um ihn zu kümmern.

Wenn er keinen Plan hatte, würden sie ihn rauswerfen?

Würde er zu den menschlichen Obdachlosenunterkünften zurückkehren müssen? Zurück zum Betteln an Straßenecken, frierend und hungrig in Hauseingängen schlafen, wenn ihn das Mitleid menschlicher Fremder nicht ernährt hatte?

Roland kniff die Augen zusammen. „Fuck. Fuck.“

Es klopfte leise an der Tür. „Mr Lea?“

Susan. Natürlich. Susan war nett und geduldig und unerbittlich. Sie würde nicht zulassen, dass er sich für immer in diesem Waschraum versteckte.

Roland schob den Fragebogen in den Mülleimer, vergrub ihn tief unter feuchten Papiertüchern und benutzten Taschentüchern. Er wusch sich die Hände, trocknete sie ab und öffnete die Tür.

„Werden Sie mich rauswerfen?“

Susan blinzelte ihn an. Sie war mindestens sechzig, obwohl es durch eine vernünftige Lebensweise und Werwolfgene schwer zu sagen war; sie redete nie über sich selbst, über ihr eigenes Leben, aber Rolands Vorstellung ließ sie als Großmutter aus einem schönen Vorort arbeiten und unter den gefallenen Omegas des Schutzgebiets Gutes tun.

Sie war jedoch immer noch eine Wölfin. Sie hatte immer noch Zähne. Sie zuckte nicht vor ihm zurück, und wenn es an der Zeit für ihn war zu gehen, hatte er keinen Zweifel, dass sie ihn zum Tor begleiten und ihn persönlich rauswerfen würde.

„Nein“, sagte sie nach einem Moment. „Das machen wir hier nicht. Aber ich glaube, wir müssen Ihre Optionen überdenken.“

Als ob er noch Optionen gehabt hätte. Aber wenn sie ihn nicht rauswerfen wollten, war das ein Anfang, und er schuldete es diesem Ort, alles zu tun, was nötig war.

„Okay“, sagte Roland und ließ den Türrahmen los. „Klar, überlegen wir noch einmal.“

Susan führte ihn vom Waschraum weg, nicht zurück in das Arbeitszimmer, das nach seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit stinken musste, sondern in ein ruhiges, kleines Wohnzimmer. Sie schloss die Tür fest, aber die Fenster standen offen, man blickte auf den Innenhof der Schutzhütte. Ein paar kleine grüne Triebe ragten aus dem Boden, die ersten tapferen Blüten des Frühlings.

„Also“, sagte Susan. „Ich werde dir auf keinen Fall sagen, dass du die Highschool nicht beenden sollst, aber es scheint, als wäre das ein längerfristiges Projekt.“

Roland starrte auf seine Hände hinunter, klammerte sie umeinander, bis seine Knöchel weiß hervortraten. So war Susan immer, sie tat so, als hätte er eine Zukunft, als könnte er alles machen, was normale Leute taten, als wäre seine Vergangenheit tatsächlich vergangen.

„Ich denke, du brauchst mehr individuelle Unterstützung, als dir das Schutzgebiet geben kann“, fuhr sie fort. „Ich weiß, du sagtest, dass es kein Rudel und keine Familie gibt, mit der du Kontakt haben möchtest, und ich werde dich sicher nicht drängen, an dieser Stelle einem eigenen Rudel beizutreten.“

Dann schwieg sie. Roland dachte, dass das klang, als wollten sie ihn doch rauswerfen oder ihn in eine noch institutionellere Institution schicken, denn was zum Teufel sollte das sonst bedeuten?

Er hob den Kopf, um sie anzusehen. Susan hielt eine Broschüre in der Hand. Sogar er konnte die beiden verschlungenen Symbole auf dem Cover erkennen: Alpha und Omega.

Einen Moment lang starrte Roland den Umschlag an, dann sah er zu Susan auf, die einen sanften Ausdruck im Gesicht hatte. Er vergrub sein Gesicht in den Händen und begann wild und ein wenig schmerzerfüllt zu lachen. „Sie … was …“

Susan war so gelassen wie immer. „Das ist eine Agentur, die hilft, einzelne Alphas und Omegas in Kontakt zu bringen. Sie arbeiten manchmal mit uns zusammen, um geeignete Partner für Omegas zu finden. Du hast Eric bisher noch nicht getroffen, glaube ich, aber er ist einer unserer Freiwilligen und ein ehemaliger Assistenzarzt – er hat seinen Partner durch die Agentur gefunden. Sie würden nichts erzwingen, aber sie können dir helfen, einen Partner zu finden, der dich in jeder Hinsicht unterstützt.“

Roland zwang sich, aufzuhören zu lachen, bevor etwas anderes daraus wurde. Eine kurze Weile atmete er nur, hielt dabei sein Gesicht verborgen. Dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und wischte sich mit dem Ende seines Schals über das Gesicht. Anschließend riss er sich den Schal vom Hals und zog den Kragen seines Hemdes herunter, damit Susan die silbernen Verbrennungen wirklich sehen konnte, die immer noch seinen Hals mit hässlichen, geschwollenen Flecken überzogen, die an den Rändern Blasen warfen.

Ihre Augen weiteten sich leicht. „Roland! Das ist …“

„Sie heilen nicht“, sagte Roland, stopfte den Schal wieder an seinen Platz und wandte den Blick ab. „Ich war in der Klinik. Ich verwende die Salbe zwei Mal täglich, aber … sie heilen nicht ab. Und das … das ist noch nicht annähernd alles.“

Er knirschte mit den Zähnen, verjagte die Erinnerung an den Schmerz in seinem Bauch und zwischen seinen Beinen, an die starken Hände der Hebamme, an die spöttischen Bemerkungen seines Alphas. Wer will dich jetzt noch? Du bist nur für eine Sache gut.

„Vertrauen Sie mir, ich bin kein Material zum Verkuppeln. Kein Alpha wird mich wollen. Oder wenn doch, wollen sie mich nur für …“ Roland schüttelte den Kopf und starrte erneut aus dem Fenster.

„Ich stimme dir zu, es muss jemand ganz Spezielles sein“, sagte Susan. „Aber die Chancen stehen gut, dass der Alpha für Sie irgendwo da draußen sein kann, Mr Lea. Sich bei der Agentur zu registrieren, verpflichtet Sie zu gar nichts, abgesehen von Treffen mit angehenden Alphas. Wenn Sie sich bei keinem, der Ihnen vorgestellt wird, wohlfühlen, sagen Sie Nein und damit hat sich die Sache. Aber wenn Sie glauben, es wäre möglich, dass es jemand gäbe, bei dem Sie Ja sagen könnten, möchte ich wirklich, dass Sie es versuchen.“

Dann hätte er einen Plan, nicht wahr? Dann könnte er sagen, er hätte es versucht. Sie würden ihn hierbleiben lassen und er könnte weiter versuchen, gesund zu werden. Vielleicht konnte er sogar wieder lesen, wenn er mehr Zeit zur Genesung hatte, und dann könnte er seine Pläne überdenken.

Niemand würde ihn auswählen, und er war sich seiner Fähigkeit, Drecksäcke wie Martin, die ihn nur benutzen wollten, zu erkennen, ziemlich sicher, und dann konnte er immer noch Nein sagen. Vielleicht ließen sie ihn ein paarmal jemanden ablehnen, bevor sie entschieden, dass er es gar nicht versuchen wollte, und wie viele Alphas suchten tatsächlich nach jemandem wie ihm?

Roland seufzte und machte für Susan deutlich, dass er aufgab. „Okay, ja. Was muss ich machen, um mich zu registrieren?“

Kapitel 3

Der Tag der Bekanntgabe war, wie viele Gelegenheiten, die eigentlich freudig und aufregend sein sollten, hauptsächlich stressig. Beau hatte die E-Mail, dass er wahrhaftig einen Treffer hatte, bereits vor einigen Tagen erhalten, und damit war der Teil der Spannung vorbei, aber die restlichen zweiundsiebzig Stunden waren mit der Sorge, in welchem Programm er landen würde, angefüllt gewesen.

„Gratulation“, sagte der Dekan und grinste sein breites, sorgloses Menschenlächeln, als Beau den Umschlag auf der Bühne vor seinen Klassenkameraden entgegennahm. „Bei deinem Fachgebiet befürchtete ich bereits, dass du unseren perfekten Rekord bei der Vermittlung unserer Werwolfstudenten ruinierst, aber du hast es geschafft!“

Beau lächelte zurück, fühlte sich jedoch krank. Er schaffte es, sein Lächeln aufzubehalten und – den Umschlag in einer Hand – mit der freien Hand ein halbes Dutzend Hände zu schütteln. Er hätte zum Mikrofon zurückgehen können und wenn er eine vollkommen andere Person gewesen wäre, hätte er das Kuvert geöffnet und den Inhalt denjenigen seiner Klassenkameraden vorgelesen, die noch immer auf den Stühlen saßen und auf ihr eigenes Ergebnis warteten. Stattdessen verließ er die Bühne so schnell wie möglich und lief direkt aus dem Auditorium auf den Treffpunkt zu, den er und die anderen Werwolfschüler mit Dr. Pavlyuchenko vorbereitet hatten.

Lauren wartete an der Tür zum Treppenhaus, ein wenig rotäugig, aber lächelnd. Er hob eine Augenbraue, doch sie winkte ihn nur herein, wo er ein bisschen Privatsphäre hatte und Lauren für ihn Wache stand. Beau berührte mit dem Umschlag in schweigendem Dank sein Herz, duckte sich durch die Tür und setzte sich sofort auf die erste Stufe.

Seine Beine hätten ihn keinen Schritt weiter getragen.

Er riss den Umschlag auf, überflog rasch seinen Namen und den Namen seiner Medizinschule bei …

Rochester Klinik, Ausbildungsprogramm für Innere Medizin.

Einen Moment lang konnte er weder atmen noch sich bewegen. Genau diesen Albtraum hatte er bereits ein dutzendmal gehabt.

Aber es blieb real, egal wie oft er seine Augen schloss und öffnete und sich umsah, um sicherzugehen, dass die Mauern um ihn herum massiv waren. Er schnüffelte sogar am Papier, erdete sich selbst durch den bitteren, penetranten Geruch der Tinte. Es war nicht zu leugnen.

Rochester und dessen Vorurteile und Anforderungen, und all diese scheinbar freundlichen Leute, die er zu mögen geglaubt hatte, bevor sie ihre Karten auf den Tisch gelegt hatten. Rochester.

Beau ließ das Blatt fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Auch als er bekannte Schritte von unten hörte, von einem Werwolf, den er seit vier Jahren kannte, hob er den Kopf nicht.

Dr. Pavlyuchenko legte eine Hand auf Beaus Knie, während er sich neben ihn hockte, nah genug, um zu lesen, was auf dem Papier stand.

„Ah“, sagte er. „Nun, das ist nicht überraschend, oder? Wenn man bedenkt, wie weit sie dir entgegengekommen sind?“

Bei diesen Worten zuckte Beau zusammen. „Mir entgegenge…“

Es verschlug ihm die Sprache; er starrte Dr. Pavlyuchenko nur an, während der unbeirrt auf ihn herabblickte. Er hatte Dr. Pavlyuchenko von der Werwolfbestimmung erzählt, die sie ihm gezeigt hatten, und er hatte die Augenbrauen nach oben gezogen und genickt, aber nichts gesagt. Beau war sich absolut klar darüber gewesen, sie nicht auf seine Liste zu schreiben, aber …

Aber Dr. Pavlyuchenko hatte ihn erinnert, dass er tatsächlich zehn Möglichkeiten auf seiner Liste brauchte.

„Was …“ Diesmal war Beaus Stimme ein dünnes Krächzen.

„Beau“, sagte Dr. Pavlyuchenko sanft. „Sie haben eine Bestimmung geschrieben. Sie haben die Hand nach ihren lokalen Werwolfrudeln ausgestreckt, und das bedeutet, die haben irgendwie eines oder mehrere heimische Rudel dazu gebracht, mit den Leuten einer humanmedizinischen Einrichtung zu sprechen. Sie meinen es sehr, sehr ernst damit, dich bei ihnen haben zu wollen, und sie werden es sehr, sehr ernst nehmen, dass du Erfolg hast.“

Beau öffnete und schloss den Mund ein paarmal, aber er hatte gelernt, bei solchen Sachen auf Dr. Pavlyuchenko zu hören, bei all den sozial-politischen Manövern, die er noch nie beherrscht hatte. Er schaffte noch nicht einmal den Werwolfweg, solche Angelegenheiten zu regeln – das bewies sein Rauswurf aus seinem ersten Rudel zweifelsfrei – geschweige denn die menschliche Weise.

Für eine Sekunde spielte er mit dem Gedanken, das Angebot abzulehnen, aber er konnte sich vorstellen, wie schlimm sich das für ihn und wahrscheinlich für viele andere Werwölfe nach ihm auswirken mochte. Vor allem, wenn die Politik von Rochester wirklich ein Zeichen dafür war, dass sie Werwölfe ausbilden wollten.

„Also, ich, was?“, fragte Beau hilflos. „Ich nehme mir eine Auszeit von meinem letzten Semester an der Medizinschule, um einen Partner zu finden?“

Dr. Pavlyuchenko drückte sein Knie und warf ihm einen prüfenden Blick zu, bevor er sich neben Beau auf die Stufe setzte. „Nun, ich bin sicher, du weißt, dass diese Dinge wesentlich schneller gehen können, wenn du die richtige Person gefunden hast. Wenn du einen Tipp brauchst, wo man jemanden treffen kann …“

Bei diesem Gedanken verzog Beau das Gesicht. Er wusste, dass es Werwolfklubs gab, Orte, an denen Werwölfe jeden Geschlechts und jeder Vorliebe nach Kameraden suchten, jeder von ihnen stand in Konkurrenz zum anderen. Beau war sich sicher, dass er in einer Ecke landen und versuchen würde, sich aus allem herauszuhalten, was ihn nirgendwohin brachte. Wie auch immer, wenn er so dringend einen Gefährten brauchte, konnte er genauso gut …

„Eigentlich“, sagte Beau und erinnerte sich an ein paar halb verzweifelte nächtliche Suchen, die bereits einige Jahre zurück lagen, als die Einsamkeit akut war und er noch nicht gelernt hatte, sie wie jedes andere Verlangen zu kontrollieren. „Ich glaube, ich weiß, wohin ich mich wende.“

„Ist das so?“ Dr. Pavlyuchenko wirkte ein wenig amüsiert und gleichzeitig leicht skeptisch.

„Es gibt eine Agentur“, erwiderte Beau. „Wahrscheinlich gibt es mehr als eine, aber … da ist von vornherein alles organisiert, um Alphas und Omegas zusammenzubringen. Wenn ich einen Partner brauche, ist das vermutlich der schnellste Weg. Meinen Sie nicht?“

„Mm“, brummte Dr. Pavlyuchenko nicht weniger skeptisch als zuvor, sagte ihm aber nicht, dass es nicht funktionieren könnte. „Das ist sicher ein direkter Ansatz. Trotzdem solltest du dich bald mit ihnen in Verbindung setzen, nur für den Fall, dass die Formalitäten eine Zeit brauchen.“

Beau nickte und beugte sich vor, um den Zettel aufzuheben. Er dachte noch einmal darüber nach, was Dr. Pavlyuchenko gesagt hatte und dass er selbst Rochester als Zehntes von Zehn in seine Liste geschrieben hatte.

„Die anderen Programme, bei denen ich mich vorgestellt habe … Keines davon hatte Bestimmungen. Bedeutet das …“

„Denk jetzt nicht darüber nach“, erwiderte Dr. Pavlyuchenko sanft, was eindeutig hieß: Ja, sie hatten nie vor, dich aufzunehmen. „Du gehst nach Rochester! Das ist das beste Programm für das, was du machen willst. Jetzt geh und übernimm die Türwache für Lauren. Adam wird bald hier sein.“

Beau nickte und hievte sich von der Stufe in die Höhe. Er hatte eine Menge Praxis darin, sich dem zu stellen, was getan werden musste. Das hatte er sowohl im Medizinstudium gelernt als auch lange davor. Müdigkeit war egal, Einsamkeit war egal, Angst oder Ärger oder Unsicherheit waren egal. Mach deine Arbeit.

Also stopfte er den Zettel in seine Tasche und ging zurück auf den Flur, wo Lauren wartete.

Sie umarmte ihn wortlos, er umarmte sie ebenfalls, presste seine Wange gegen ihr lockiges rotes Haar und atmete ihren bekannten Beinahe-Rudel-Duft tief ein.

Sie fragte nicht, wohin er gehen würde – sie musste jedes Wort gehört haben, das er und Dr. Pavlyuchenko gewechselt hatten, aber wie jeder gut erzogene Werwolf würde sie das nicht zugeben, bis er etwas sagte. Sie wollte auch nicht, dass er fragte, wohin sie ging, sie drehte sich nur um und ging mit den Händen in den Taschen den Flur entlang.

Bald darauf kam Adam mit grimmiger Entschlossenheit auf ihn zu, was wahrscheinlich gar nicht nötig war. Adam wollte Werwolfforschung betreiben und hatte sich nur für Programme beworben, die bereits einen signifikanten Prozentsatz an Werwolfauszubildenden hatten. Das bedeutete jedoch nicht, dass Beau gleich wusste, was Adam Sorgen machte – sie waren vielleicht die einzigen zwei Alphas unter den Werwölfen in ihrem Jahrgang, doch das hatte sie keineswegs zu engen Freunden gemacht. Beau machte einen Schritt von der Tür weg und ließ Adam durch.

***

„Ich will nicht wirklich einen Partner.“

Beau hätte etwas Diplomatischeres sagen sollen, als er die Vertreterin der Alpha-Omega-Partnervermittlung zum ersten Mal traf. Er hatte die Gebühr für ihren Service bereits vor Wochen bezahlt und ihnen dabei auch alle möglichen Informationen gegeben und wartete und wartete seitdem auf ein Treffen. Jetzt konnte er nicht mehr zurück, nachdem nur noch so wenig Zeit übrig blieb.

Aber sie hatte sich selbst vorgestellt – Ellen Dawson, verpartnerter Omega, trug den Kragen ihres Shirts hoch genug, um die Narbe eines Bissbundes oder das Fehlen einer solchen zu verstecken, sehr modern und gleichberechtigt – und gesagt: „Sag mir ehrlich, was suchst du? Was erwartest du von deinem Partner?“

Ja. Okay. Er war ehrlich gewesen …

„Ah“, erwiderte Ms Dawson und hob ihre Augenbrauen leicht. „Was willst du dann?“

Beau seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. „Ich will Arzt werden. Für Menschen. Ich habe gerade das Medizinstudium abgeschlossen – ich bin sicher, das wissen Sie – und mein Ausbildungsprogramm fordert von mir, eine stabile Bindung zu anderen Werwölfen vorzuweisen, also …“

„Also bist du zu uns gekommen.“ Ms Dawson lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und betrachtete ihn gedankenvoll. „Glaubst du, diese Menschen haben unrecht, das von dir zu fordern? Bist du deswegen verärgert?“

Beau seufzte wieder, wollte aber sichergehen, dass er diese Frage ehrlich beantwortete; ob sie es nun laut zugab oder nicht, er wusste, Ms Dawson würde jede noch so kleine Reaktion beobachten, um ihn zu beurteilen. Es gab keinen Grund, jetzt weniger ehrlich zu sein als zu Anfang.

„Nein, ich bin nicht verärgert. Es ist frustrierend, aber ich weiß, dass sie es nur gut meinen. Und es wäre – wird – einfacher, jemanden bei mir zu haben, der mir hilft; einen anderen Werwolf, mit dem ich reden kann, wenn ich meine gesamte Arbeitszeit mit Menschen verbringe. Außerhalb der Arbeit werden viele Kontakte geknüpft; darin bin ich nicht gut. Ich …“

Beau zuckte angespannt die Achseln und blickte nach unten. „Ich schätze, ich wollte es einfach anders machen. Nicht so, wissen Sie, dass mein Rudelführer jemanden auswählt und sagt, hier ist dein Partner, und alles für mich entschieden wird, oder dass ich in einen Klub gehe und mich an die erstbeste Person hänge, die richtig riecht, und dann in irgendein Rudel gehe, dem er angehört und das ich nicht kenne. Ich möchte jemanden treffen, ihn kennenlernen, sein Leben und seine Familie kennenlernen. Mich verlieben. So was eben.“

Ms Dawson nickte, ihre Miene war unlesbar. Nun, sie wäre wohl nicht in dem Geschäft, in dem sie tätig war, wenn sie nicht an die Idee glaubte, dass sich Leute verlieben konnten, ohne dazu gezwungen zu werden.

„Ich habe keine Zeit für so was“, fuhr Beau fort. „Hatte ich noch nie. Die Medizinschule ist irre. Das Ausbildungsprogramm wird noch schlimmer sein. Ich werde in den nächsten drei Jahren kaum Zeit haben. Wie kann ich einen vollkommen Fremden bitten, sich das anzutun?“

Einen Augenblick lang antwortete Ms Dawson nicht; er hörte das leise Tippen ihrer Finger auf Glas und hob den Kopf, um sie stirnrunzelnd auf ein Tablet blicken zu sehen, das sie auf ihrem Knie balancierte.

„Denkst du an etwas Vorübergehendes?“

Beau öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Darüber hatte er noch nicht nachgedacht – drei Jahre waren eine schrecklich lange Zeit, um danach einfach zu gehen – aber jemanden zu finden, der sich auf drei Jahre festlegte, war aussichtsreicher als sich für immer festzulegen, nicht wahr? Vielleicht reichte auch schon ein Jahr. Wenn er das erste Jahr schaffte, sich bewies, zeigte, dass er es versuchte … Falls es danach nicht klappte, konnte Rochester ihm nicht die Schuld daran geben, oder?

„Könnte ich mir vorstellen“, sagte Beau langsam. „Das könnte funktionieren. Aber wie, äh …“

Werwölfe nahmen sich nicht so leicht und unwiderruflich lebenslange Partner, wie die Menschen glaubten und Filme das zeigten, aber es war schwierig, ein echtes Partnerschaftsband zu durchtrennen. Er war sich nicht sicher, warum ein Omega dem zustimmen sollte.

„Ehevertrag, legale Ehe“, sagte Ms Dawson lebhaft. „Du verpflichtest dich zu einer bestimmten Abfindung und versprichst, die Scheidung unter gewissen Bedingungen nicht anzufechten – innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens und solange es keine Kinder gibt, keine mit Bissen besiegelte Bindung, so etwas.“

Kinder. Beaus Gehirn verschloss sich einen Moment lang vor diesem Gedanken, dann schüttelte er ihn ab. „Auf keinen Fall … auf keinen Fall Kinder. Ich würde nie … wenn es nur vorübergehend ist, würde ich nie … und natürlich würde ich keine Ansprüche stellen …“

„Sex ist optional“, fasste Ms Dawson für ihn zusammen, tippte dabei weiter auf ihrem Tablet. „Hitzen sind natürlich ein Problem. Wärst du bereit, einen sicheren, privaten Bereich mit geeigneten Annehmlichkeiten bereitzustellen?“

Beau nickte benommen, sogar noch, als er an die Grundrisse der Häuser dachte, die er sich angesehen hatte, um zu entscheiden, welches das Passendste wäre.

Das alles klang viel realer, als er geglaubt hatte, als er durch diese Tür gekommen war. Erst jetzt erkannte er, dass er eine sofortige Zurückweisung von Ms Dawson erwartet hatte, weil er mit falschen Absichten hergekommen war. Aber sie schien ihn ernst zu nehmen und zu glauben, dass sie einen Omega finden könnte, der ihn unter diesen Bedingungen haben wollen würde.

„Das Beste für dich – das, was ich für dein persönliches Wohlergehen und deinen Erfolg raten würde – wäre einen Omega zu wählen, der zufällig keine starke Rudelbindung hat, die ihn hier hält, und der ein guter, unterstützender Partner sein könnte.“

Ms Dawson sah ihm wieder in die Augen und das Gewicht ihrer Aufmerksamkeit ließ ihn sich vorbeugen, als wolle er sich instinktiv gegen eine Herausforderung auflehnen. „Du brauchst mindestens jemanden, der sich um den Haushalt kümmert und der dir auf sozialer Ebene den Weg bereitet, indem er Kontakt mit den Ehepartnern der anderen Ärzte pflegt. Es ist nicht unmöglich, jemanden zu finden, der dafür qualifiziert ist, der bereit ist, ein platonischer Gefährte zu sein, und der bereit ist, sich mit dir in – wie sieht der Zeitrahmen aus? – umzuziehen.“

Beau errötete. „Das Residenzprogramm startet nächsten Monat.“

Ms Dawson kniff ihre Lippen leicht zusammen, nickte jedoch. „Nun, vielleicht müssen wir ein wenig suchen, aber wahrscheinlich finden wir jemanden, der geeignet ist, dich zu unterstützen.“

Beaus Augen verengten sich. „Oder?“

Ms Dawson neigte schweigend den Kopf zur Seite, und Beau glaubte eine schwache Veränderung in ihrem Geruch und dem Herzschlag zu entdecken, ein Zucken um ihre Augen herum, das ihm sagte, dass er gerade genau die richtige Frage gestellt hatte. Oder zumindest eine sehr Interessante, was sie allerdings nicht zugab.

„Das wäre das Beste für mich“, stichelte Beau. „Für meinen Erfolg. Aber gibt es noch etwas zu berücksichtigen?“

„Es gefällt dir nicht“, sagte Ms Dawson achselzuckend, ihr Ausdruck entspannte sich, sie zeigte die Haltung sorgloser Offenheit. „Dein Hintergrund wurde überprüft, auf dem Papier erfüllst du all unsere Standards, aber die ganze Idee dieser Art von Partnersuche gefällt dir nicht. Und ich bin der Meinung, dass es für Omegas selten gut ausgeht, wenn man ihre Alphas zu etwas zwingt, was sie nicht mögen.“

Beau zuckte bei der Andeutung zusammen, doch er wusste genug von dem, auf was sie anspielte, um den Mund zu halten.

Ihr Gesichtsausdruck wurde trotzdem ernst. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Alphas bequem warme Körper zur Verfügung zu stellen, Mr. Jeffries. Unser Ziel ist es, erfolgreich einvernehmlich Partner zusammenzubringen. Und ich denke, die besten Erfolgsaussichten bestehen darin, diese Situation in etwas zu verwandeln, das Sie wollen. Nicht den am wenigsten unerwünschten Omega, sondern einen, den Sie wirklich mit sich nehmen möchten.“

Beau wandte den Blick ab, sein Kiefer spannte sich an. Er hatte eine Menge Übung darin, seine Reaktion auf das Sträuben seiner Nackenhaare zu unterdrücken, aber es war sehr lange her, seit er einen Omega getroffen hatte, der das mit solcher chirurgischen Präzision auslöste.

Er zwang sich, Ms Dawson wieder anzusehen. Er fühlte sich ein wenig schuldig, weil er wütend auf sie war, nachdem sie ihm genau das gesagt hatte, was er von ihr erwartet hatte. Dass er es falsch anging und sie ihm keinen Omega vermitteln konnte, wenn er gar keinen Partner wollte. Andererseits hatte es den Moment gegeben, an dem es lösbar schien, möglich …

„Haben Sie eine Idee, wie das funktionieren könnte?“ In seiner Stimme schwang nur ein ganz leises Knurren mit.

Ms Dawson lächelte nur. „Tatsächlich habe ich die. Es ist mehr Intuition, also vielleicht irre ich mich auch. Aber … anstatt uns darauf zu konzentrieren, welcher Omega am besten für Sie geeignet ist, könnten wir uns überlegen, für welchen Omega Sie am besten geeignet sind.“

„Ich bin nicht …“

„Zum Beispiel“, fuhr Ms Dawson fort, als hätte er nichts gesagt. „Einige unserer Omegas leben in sehr, sehr schwierigen persönlichen Verhältnissen. Wir arbeiten mit dem North Chicago Omega Schutzgebiet zusammen, einem Obdachlosenheim. Per Definition sind sämtliche Omegas dort ohne den Schutz eines Rudels. Die meisten fliehen vor missbräuchlichen oder ausbeuterischen Beziehungen und würden einen Umzug nicht als Nachteil ansehen.

Beaus Miene verfinsterte sich allein bei dem Gedanken, dass eine solche Einrichtung gebraucht wurde. „Und Sie wollen sie aus einem sicheren Ort wie diesem holen und wieder zu einer Partnerschaft zwingen? Nach allem, was sie durchgemacht haben?“

„Die Omegas registrieren sich freiwillig bei uns, Mr. Jeffries, und wir vermitteln sie mit Sicherheit nicht an den nächstbesten Alpha. Diese Omegas brauchen einen Alpha, der freundlich und geduldig ist und dem sie vertrauen können, dass er keine Anforderungen stellt, mit denen sie sich nicht wohlfühlen. Einen Alpha, der bereit wäre, sie gehen zu lassen, wenn sie merken, dass sie etwas anderes als einen Gefährten wollen. Sodass alles, was sie durchgemacht haben, nicht das Ende sein muss, sondern der Beginn eines neuen Lebensabschnittes sein kann.“

Beaus Lippen öffneten sich, er lehnte sich zurück und dachte darüber nach. Ein Omega, der einen sicheren Ort brauchte, der ihn für den Abstand brauchte. Der froh wäre, einen Alpha zu haben, der nicht diese Intimitäten mit einem Fremden wollte, der keine Kinder wollte. Der einverstanden war, ihn nach einem oder drei Jahren wieder gehen zu lassen.

„Die befristete Vereinbarung könnte einem Omega, der ein ernstes Trauma durchlebt hat, Zeit geben, gesund zu werden und über seine Möglichkeiten nachzudenken. Vielleicht zurück auf die Schule zu gehen oder eine Ausbildung anzufangen und sich so darauf vorzubereiten, ein wirklich unabhängiges Leben zu beginnen.“

Beau lächelte leicht. „Sie wollen, dass ich ein Übergangswohnheim für einen Omega leite?“

Ms Dawson sah ihn wissend an. „Würden Sie lieber drei Jahre mit einem absolut netten Omega verbringen, der nichts von Ihnen braucht?“

Der Gedanke an jemanden, dem er helfen konnte – an jemanden, der das vorübergehende Zuhause brauchte, das er bieten konnte – stellte das ganze Problem auf den Kopf. Es war keine Verpflichtung, kein Schlupfloch. Es war eine Gelegenheit, seiner eigenen Art etwas zurückzugeben, obwohl er seine Karriere damit verbringen wollte, Menschen zu helfen.

„Ja“, sagte er. „Ja, Sie haben recht, das würde ich gerne tun.“

„Ausgezeichnet“, erwiderte Ms Dawson. „Ich habe da jemanden im Sinn – haben Sie eine Geschlechtspräferenz?“

Beau zuckte die Schultern, schüttelte den Kopf und ballte die Fäuste, um nicht nach dem Tablet zu greifen. „Ich stehe auf männliche Omegas, aber nicht unbedingt. Jeder Omega ist in Ordnung, wenn … wenn er Schlimmes erlebt hat, wie Sie sagten. Wenn ich helfen kann.“

Ms Dawson nickte und drehte das Tablet um. „Das ist Roland Lea. Er ist bereits seit ein paar Monaten in dem Schutzgebiet.“

Beau runzelte die Stirn. „Haben die dieses Foto gemacht, als er dort ankam?“

„Ich habe es selbst aufgenommen, gerade diese Woche. Wir möchten sichergehen, dass Sie genau das bekommen, was Sie sehen.“

Beau lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sehe einen akut Wolfsbannsüchtigen, der bald eine tödliche Überdosis nehmen wird. Das wird in dem Schutzgebiet erlaubt?“

Ms Dawson runzelte die Stirn und wirkte zum ersten Mal, als hätte er sie auf dem falschen Fuß erwischt, sagte aber: „Nein. Rauschmittel sind nicht erlaubt. Und ich habe mich mit Mr. Lea getroffen. Er hatte ein Problem, bevor er in das Schutzgebiet kam, aber ich versichere Ihnen, dass er jetzt clean ist.“

„Er kann nicht …“ Beau beugte sich vor, spähte auf das Tablet und griff danach, ohne nachzudenken. Ms Dawson gab es ihm und Beau berührte den Screen, um das hochauflösende Bild zu vergrößern, damit er jedes Detail von Roland Leas Erscheinung genau betrachten konnte.

Er war eindeutig unterernährt, obwohl er sich seit Wochen, bevor dieses Bild aufgenommen worden war, im Schutzgebiet befand, was darauf hindeutete, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Es gab nicht viele Krankheiten, die einen solchen Effekt auf einen Werwolf hatten, und wenn er eine davon hätte, wäre er inzwischen gestorben oder hätte jemanden angesteckt, was sicherlich aufgefallen wäre.

Beau warf erneut einen Blick zu Ms Dawson, aber sie schien das Abbild von Gesundheit zu sein. „Sehen andere Omegas in dem Schutzgebiet auch so aus?“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Seine Sachbearbeiterin ist sich sicher, dass da irgendetwas verkehrt läuft, aber … er hat eine Menge durchgemacht und seine Gemütsverfassung ist nicht die beste. Sie dachte an … Vereinsamung oder eine zerrissene Partnerbindung.“

Beau schnaubte und senkte den Kopf. Vereinsamung. Genauso gut konnte man sagen, er starb an einem Übermaß an schwarzem Humor, wie es im frühen Mittelalter hieß. Nicht dass sie irgendwie nicht mehr im frühen Mittelalter lebten, wenn es um Werwolfmedizin ging, aber hier musste etwas Biologisches vorliegen.

Beau vergrößerte das Bild bei Roland Leas blutunterlaufenen Augen, die eher elfenbeinfarben als sauber weiß waren, dann bei seinem Haaransatz, halb rasiert, halb haarlos. Er scrollte zu der untersten Ecke des Fotos, das kaum mehr als sein scharfes Kinn zeigte. Als er weiter scrollte, brachte ihn das zu Leas Profil und er erhaschte einen Blick auf Unbekannte Anzahl ehemaliger Sexualpartner, ehe er rasch von der Information aufsah, die er nicht haben sollte.

„Gibt es eine Hebamme in dem Schutzgebiet?“

„Ja, aber Mr. Lea ist natürlich nicht schwanger und steht auch nicht kurz vor der Hitze, er hat …“

Beau massierte sich die Nasenwurzel, während sich in seinem Kopf die Gewissheit bildete, was mit Roland Lea los war. Es war offensichtlich, dass Ms Dawson nichts davon wusste. Wahrscheinlich wusste es niemand, was hieß, dass Beau die Geheimnisse dieses Omegas nicht einfach verraten konnte, vor allem nicht an die Leute, die kontrollierten, ob er einen sicheren Platz zum Leben hatte.

„Ich muss mit ihm reden. Heute. Ich nehme ihn mit, ich bin mit allem einverstanden – ich muss nur jetzt mit ihm reden, weil er in schrecklicher Gefahr ist.“

Kapitel 4

Roland saß draußen auf einer Bank, atmete den grünen Duft von Gras und wachsenden Blumen ein. Es war fast Sommer, und Sommer hatte nie so gerochen, bis er in die Stadt kam.

Er konnte etwas Bitteres in seinem Mund schmecken und Fieber in seine Knochen kriechen spüren, ein schlimmer werdender Schmerz in seinem Bauch. Er wusste nicht, was mit ihm geschah, aber er glaubte nicht, dass er lange genug leben würde, um viele Bewerber abzuweisen.

„Mr. Lea?“

Roland öffnete die Augen und sah Susan auf ihn zukommen. Er konnte sie riechen, was gut war, weil seine Sicht immer schlechter wurde, nicht mehr nur wenn er versuchte zu lesen. Das hatte er bisher niemandem erzählt. Er wollte nicht, dass die Hebammen nachstocherten und Fragen stellten oder dass irgendjemand wusste, was mit ihm passierte, solange er es noch verheimlichen konnte.

Susan lächelte, stellte er fest, als sie sich auf das Ende der Bank setzte. Aus einem Reflex heraus lächelte er zurück, hielt dabei jedoch den Mund geschlossen, um die Chancen zu reduzieren, dass sie an seinem Atem roch, wie krank er war.

„Ich habe wunderbare Neuigkeiten, Roland“, sagte Susan.

Roland konnte spüren, wie gern sie ihn bei diesen Worten berührt hätte, um die Freude zu teilen. Roland verbarg die Hände – die immer kalt waren, sogar in der Frühsommersonne – noch entschlossener unter seinen Armen.

Susans Lächeln verblasste langsam, aber sie fuhr fort. „Ms Dawson von der Agentur ist wegen Ihnen hier. Mit einem Alpha! Er freut sich schon sehr, Sie kennenzulernen; sie sagte, er kann es kaum erwarten. Ich weiß, das ist ziemlich ungewöhnlich, aber wenn Sie ihn treffen wollen, könnte das etwas wirklich Wundervolles für Sie werden.“

Roland wandte den Kopf ab und atmete ein paarmal schnell und scharf ein, ohne dass sie sein Gesicht sehen konnte.

Nun, er hatte gewusst, dass er einige Mal Nein sagen musste, und ein Alpha, der sich so freute, ihn kennenzulernen, war vermutlich jemand, zu dem er definitiv Nein sagen wollte.

Obwohl es wahrscheinlich niemand war, zu dem er leicht Nein sagen konnte.

„Werden Sie mich begleiten?“ Vorsichtig sah Roland zu Susan hinüber.

Susans Ausdruck schmolz dahin, nur für einen Moment, und sie streckte die Hand nach ihm aus, zog sie aber zurück, ohne ihn zu berühren. „Natürlich, Roland. Wir werden Sie nicht mit ihm verbinden, ohne ihn zuvor gesehen zu haben. Möchten Sie, dass Ms Dawson mit ihm hier herauskommt oder in eines der Wohnzimmer geht?“

„Hier“, sagte Roland sofort. Es musste nicht sein, dass Susan mitbekam, wie lange er brauchte, um hineinzukommen, und er musste sich nicht in einem engen Raum aufhalten, in dem der Geruch nicht verfliegen konnte. Mit einem Alpha, der ihn wollte.

„Dann warte kurz.“ Susan tippte auf etwas auf ihrem Telefon.

Roland atmete ein und aus und konzentrierte sich darauf, seinen Kopf genau gerade zu halten – weder seine Kehle noch seinen Nacken zu entblößen – während er den Weg beobachtete, auf dem Susan gekommen war. Es dauerte weniger als eine Minute, bis er zwei verschwommene Gestalten wahrnahm. Eine war schlank und mittelgroß, was mit seiner Erinnerung an Ms Dawson von der Agentur übereinstimmte; die andere, groß und breit, mit dunklem Haar, musste der Alpha sein. Es brauchte ein paar Sekunden mehr, bis er erkannte, dass der Alpha einen Anzug trug, was einige seiner halb ausgegorenen Erwartungen erschütterte. Er wusste nicht, ob er in den letzten acht Jahren von einem Alpha gefickt worden war, der sogar einen Anzug besaß.

Natürlich hatte er nicht sonderlich viel über die Alphas gewusst, die ihn in den vergangenen acht Jahren gefickt hatten. Eine schreckliche Sekunde lang fragte er sich, ob das einer von ihnen war, aber dann fing Roland seinen Geruch ein. Er war ihm völlig unbekannt, abgesehen von den Basisnoten aus Werwolf und männlich und Alpha. Er konnte nicht sagen, ob er diesen Geruch mochte oder hasste, aber er kannte ihn nicht.

Der Ausdruck des Alphas war, als er näherkam, ebenso unbekannt: Er wirkte entschlossen, beinahe beunruhigt, und sein Blick wich nicht von Rolands Gesicht.

Er blieb auf dem Weg stehen, weit genug entfernt, dass er nicht über Roland aufragte. Roland kam der Gedanke, dass er vielleicht aufstehen sollte oder so.

Er blieb sitzen.

„Roland, Sie erinnern sich an Ms Dawson“, sagte Susan, „und das ist Beau Jeffries, der Alpha, der sich unbedingt treffen wollte. Mr. Jeffries, Mr. Lea.“

Beau Jeffries verneigte sich tatsächlich leicht, wobei er die Hände an den Seiten behielt. Sein Blick war nach wie vor auf Roland gerichtet.

„Hallo, Mr. Lea. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Wie geht es Ihnen heute?“

Mr. Jeffries Stimme war tief und warm, angenehm zu hören, allerdings war die Frage nicht ganz so angenehm. Rolands Herz begann schneller zu schlagen.

Er weiß es.

Roland hatte der Agentur meistens die Wahrheit gesagt, und es war auch nicht so, als fühlte er sich nicht offensichtlich unwohl, von seinem rasierten Kopf bis hin zu der Tatsache, dass er sich in einem Omega-Refugium befand. Er konnte nicht anders, als nach oben zu fassen und seinen Schal fester um den Hals zu wickeln, während er Mr. Jeffries zunickte.

„Gut, danke. Ähm. Ihnen?“

Mr. Jeffries lächelte leicht, sein Blick wandte sich noch immer nicht von Roland ab, und etwas Warmes blühte in seiner Magengrube auf. Oh nein. Er sollte diesen Alpha nicht mögen. Er sollte es endlich besser wissen, als sich wieder in einen zu verlieben.

„Mir geht es gut“, sagte Mr. Jeffries. „Allerdings bin ich nervös, weil ich dabei bin, einem Fremden einen Heiratsantrag zu machen, und ich mir nicht sicher bin, ob er an dem, was ich bieten kann, interessiert sein wird. Und ich möchte wirklich sehr, dass er Ja sagt.“

Roland blinzelte und musterte Mr. Jeffries von oben bis unten. Er schien perfekt zu passen und ziemlich wohlhabend zu sein. Seine Hände sahen weich und sauber aus, passend zu dem schönen Anzug, und er hatte nicht die Härte, die Roland seit Langem bei Werwölfen kannte, die auf der Straße lebten oder arbeiteten. Wie konnte er daran zweifeln, dass irgendein Omega ihn haben wollte?

„Wissen Sie“, Mr. Jeffries kam einen Schritt näher und ging in die Hocke, sodass er zu Roland aufsah, der noch immer auf der Bank saß. „Ich habe gerade die Medizinschule abgeschlossen.“

Dann besaß er wohl mehr als einen Anzug und hatte absolut keinen Grund, sich mit einem gebrochenen Wesen wie Roland abzugeben.

Aber er hatte von Heirat gesprochen, und das vor Zeugen.

Heirat war menschlich, legal. Man bekam dabei ordentliche Papiere und alles. Roland wartete immer noch darauf, ob die Briefe, die die Unterkunft in seinem Namen abgeschickt hatte, seine Identität genügend bestätigten, um ihm eine Kopie seiner Geburtsurkunde zu verschaffen. In den letzten Jahren hatte niemand auch nur angeboten, ihn mit in den Mietvertrag aufzunehmen, wenn er an einem Ort lebte, der schön genug war, um Papierkram zu erfordern.

„Was, äh?“ Roland schluckte hart und versuchte zu überlegen, wie man mit jemandem wie Mr. Jeffries redete. Ein Arzt. „Welches … Spezialgebiet?“

Dr. Jeffries Lächeln wurde breiter. „Eigentlich ist das der schwierigste Teil. Ich möchte Menschen behandeln, keine Werwölfe. Ich denke, dass ich – natürlich mit der Erlaubnis der Patienten – als Diagnostiker viel Gutes tun kann.“

Er fragte Roland nicht, ob er verstand, was das Wort bedeutete. Er wartete auf Rolands Reaktion und Roland wusste, dass er sie nicht verstecken konnte.

Er weiß es, er weiß es, er weiß es.

Roland kämpfte darum, seine Sprache wiederzufinden. Er konnte den Blick nicht von Dr. Jeffries Augen nehmen. Sie waren fast schwarz, aber nicht vollkommen. Gerade noch war die kaffeebraune Iris um das dunkle Zentrum herum zu erkennen. „Und Sie glauben, sie erlauben das, wenn Sie verheiratet sind?“

Dr. Jeffries schüttelte den Kopf, bedacht und ernst. „Nun, nein, ich glaube nicht, dass mir das bei den Patienten helfen wird. Aber ich brauche noch drei Jahre Praxiserfahrung – mein Praktikum – und dieses Programm verlangt, dass ich verheiratet bin. Ich will mich nicht dazu zwingen lassen, aber Ms Dawson schlug vor, dass ich mir jemanden suche, dem ich helfen kann, während er mir ebenfalls hilft, jemand, der einen sicheren Platz zum Leben braucht und der bereit ist, von Chicago wegzuziehen. Es wäre nicht für immer. Ich würde einer Scheidung zustimmen, damit derjenige nach einer gewissen Zeit wieder gehen kann. Wir hätten einen Ehevertrag. Und als mir Ms Dawson Ihr Profil gezeigt hat, wusste ich, dass ich Sie kennenlernen muss.“

Rolands Herz schlug so schnell, dass es wehtat, und er konnte kaum sämtliche Konsequenzen von Dr. Jeffries Worten erfassen, da nur eine einzige durch seinen Kopf donnerte.

Er weiß es, er weiß es, er weiß es.

Roland stemmte sich auf die Füße, ohne darüber nachzudenken, was er tat. Dr. Jeffries stand ebenfalls auf und machte einen Schritt zurück, damit Roland ihm nicht zu nahe kommen musste, wenn er um die Bank herum und über den Rasen davongehen wollte. Er hielt seine Arme um seine Mitte herum geschlungen und den Blick zu Boden gerichtet und ging, so schnell er konnte. Für einen Moment konnte er nichts anderes, als die Leichtigkeit in seinem Kopf zu fühlen, konnte nichts anderes als den Donner seines Herzens hören.

Auf der anderen Seite des großen, schattigen Baumes, der in der Mitte des Hofes wuchs, blieb er stehen, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baum und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Er rang nach Luft, versuchte nachzudenken, sich vorzustellen, was das bedeutete, warum Dr. Jeffries wirklich hier war, was er tat, wenn er es tatsächlich wusste.

„Mr. Lea?“

Dr. Jeffries Stimme ertönte von der anderen Seite des Baumes. Roland drückte seine Hände auf jeder Seite flach gegen die Rinde und beugte sich vorsichtig vor, um über seine Schulter zu spähen.

Dr. Jeffries stand ihm gegenüber, zum Großteil verdeckt vom Baum.

Susan und Ms Dawson waren lediglich verschwommene Schatten bei der Bank.

Gut, er brauchte in dieser Situation wirklich keinen Aufpasser.

„Es tut mir leid“, sagte Dr. Jeffries leise. „Ich wollte Sie nicht erschrecken oder in Verlegenheit bringen, ich meinte jedes Wort so, wie ich es sagte. Mein Angebot ist absolut aufrichtig. Aber ich mache mir auch große Sorgen um Sie. Nehmen Sie Suppressiva?“

Rolands Kiefer klappte nach unten, er lehnte sich gegen den Baum und kniff die Augen zusammen.