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Juan Guillermos aufregendes und raues Leben spielt sich über den Dächern von Mexiko-City ab. Als sein Bruder stirbt, stürzt auch Juan in einen tiefen Abgrund. Guillermo Arriaga schreibt die epische Geschichte von Schuld und Rache neu – in einer Welt, in der der Tod kein Fremder ist. Juan Guillermo kennt Mexiko-City besser als jeder andere. Mit seinen Freunden streift er durch sein Viertel, gewinnt Mutproben über den Dächern der Stadt und hält die Direktorin der Schule auf Trab. Sein großes Idol dieser unbeschwerten Tage ist sein großer Bruder Carlos. Ein belesener und geschäftstüchtiger junger Mann, der für Juan unantastbar zu sein scheint. Dann wird Carlos ermordet und Juan muss sich der grausamen Frage stellen, ob er seinen Tod hätte verhindern können. Er sinnt auf Rache, doch erst die Schicksalsgemeinschaft mit der schönen Chelo und einem gefährlichen Wolf zeigt ihm einen Weg aus dem Strudel von Verzweiflung und Gewalt. Guillermo Arriaga erschafft ein Epos der menschlichen Abgründe, aus dem in dunkelster Nacht die Menschlichkeit hervorbricht.
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Seitenzahl: 1026
Veröffentlichungsjahr: 2018
Guillermo Arriaga
Der Wilde
Aus dem Spanischenvon Matthias Strobel
Klett-Cotta
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Arbeit des Übersetzers wurde durch ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds unterstützt.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »El Salvaje« im Verlag Alfaguara, Mexiko-Stadt.
© 2016 by Guillermo Arriaga
Für die deutsche Ausgabe
© 2018, 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: ANZINGERUNDRASP Kommunikation GmbH, München
Unter Verwendung eines Fotos von © Tomasz Gudzowaty/yours gallery/Agentur Focus
Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde
Printausgabe: ISBN 978-3-608-98321-0
E-Book: ISBN 978-3-608-11091-3
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Für Mariana und Santiago, meine Lehrmeister
Nach einer langen Siesta wachte ich um sieben Uhr abends auf. Es war heiß. Ein viel zu heißer Sommer für diese chronisch kalte Stadt. Die anderen schliefen oben. Mein Zimmer lag im Erdgeschoss. Mein Vater hatte es aus Pressholz gezimmert, direkt neben dem Gästeklo. Ohne Fenster, mit einer nackten Glühbirne als einziger Beleuchtung. Dazu eine Pritsche und ein kleiner Schreibtisch.
Durch die nur zwei Zentimeter dicken Wände bekam ich immer alles mit. Ihre Stimmen, ihre Schritte, ihr Schweigen.
Schwitzend stand ich auf und verließ mein Zimmer. Die ganze Familie war zu Hause. Meine Großmutter saß auf dem braunen Sofa und sah sich auf dem riesigen Fernseher eine Quizsendung an. Meine Mutter war in der Küche und kochte das Abendessen. Mein Vater saß im Esszimmer und las in den Broschüren zu ihrer Europareise. Es würde das erste Mal sein, dass jemand aus unserer Familie über den Atlantik flog. Meine Eltern würden am folgenden Morgen nach Madrid aufbrechen und zwei Monate lang verschiedene Länder bereisen. Mein Bruder Carlos, der sechs Jahre älter war als ich, hockte am Boden und streichelte unseren Hund King, einen Boxer mit einer markanten Narbe auf der linken Lefze, in die ihm ein Betrunkener, mit dem er als Welpe hatte spielen wollen, ein Messer gestoßen hatte. In ihrem Käfig hüpften Whisky und Wodka, zwei australische Wellensittiche, von einem Stöckchen aufs andere und warteten ungeduldig darauf, dass meine Großmutter endlich ein Tuch über sie legte, damit sie schlafen konnten.
Ich träume oft von dieser Szene, vor allem während der Siesta. Es war das letzte Mal, dass ich sie zusammen sah. Im Laufe der kommenden vier Jahre würden alle sterben. Mein Bruder, meine Eltern, meine Großmutter, die Wellensittiche und King.
Als Erster starb mein Bruder Carlos, zwanzig Tage nach jenem Abend. Danach ging eine Lawine des Todes über meine Familie hinweg. Tod über Tod über Tod.
Ich hatte zwei Brüder. An beider Tod trug ich die Schuld. Und wenn nicht die Schuld, so doch die Verantwortung.
Mit meinem anderen Bruder teilte ich die Höhle namens Uterus. Acht Monate lang wuchs an meiner Seite ein mit mir identischer Zwilling heran. Beide hörten wir denselben Herzschlag, nährten uns vom selben Blut, schwammen in derselben Flüssigkeit, streiften einander an Händen, Füßen, Köpfen. MRT-Aufnahmen beweisen heute, dass Zwillinge um den Platz im Mutterleib rangeln. Es sind harte, gewalttätige, nie aussetzende Territorialkämpfe, bei denen sich einer der Zwillinge schließlich gegen den anderen durchsetzt.
Meine Mutter hat die Zuckungen in ihrem Bauch nicht als Teil einer wilden Schlacht begriffen. Ihrer Ansicht nach kamen die beiden Mädchen (sie war überzeugt, dass es Mädchen waren) gut miteinander aus. Dem war aber nicht so. In einem dieser Uterusscharmützel drängte ich meinen Bruder so lange in Richtung Gebärmutterhals, bis er sich in seiner Nabelschnur verfing. Die Falle war gestellt: Mit jeder Bewegung zog sich der Strick enger um seine Kehle und schnürte ihm die Luft ab.
Der Kampf endete vier Wochen vor dem Geburtstermin. Ohne dass meine Mutter es bemerkte, wurde sie für einen ihrer Zwillinge zum Sarg. Acht Tage lang trug sie die Leiche tief in ihren Eingeweiden. Die Todessäfte überschwemmten die Fruchtblase und vergifteten das Blut, das mich nährte.
Mein Bruder, den ich im fötalen Kampf besiegt hatte, rächte sich. Brachte mich fast um. Als der Gynäkologe meine Mutter abhorchte, die wegen Verdauungsbeschwerden zu ihm in die Praxis gekommen war, hörte er nur ein einziges Herz, das von Sekunde zu Sekunde schwächer schlug. Er legte das Stethoskop beiseite und sagte:
»Wir müssen einen Kaiserschnitt vornehmen.«
»Wann, Doktor?«
»Sofort.«
Sie kam ins Krankenhaus, direkt in den OP. Eilig setzte man den Schnitt. Holte erst den aufgedunsenen Körper meines Bruders heraus und dann mich, der ich wie eine Kaulquappe an Land nach Luft schnappte.
Ich brauchte Transfusionen. Es dauerte lange, bis das von meinem Bruder vergiftete Blut gefiltert war. Achtzehn Tage musste ich im Krankenhaus bleiben.
In den sechs Jahren, die zwischen mir und Carlos liegen, erlitt meine Mutter drei Fehlgeburten. Zwei Mädchen und ein Junge. Keiner überstand die ersten fünf Monate. Weil meine Eltern sich so sehr wünschten, dass ein Kind diese unseligen fünf Monate durchhielt und die Schwangerschaft ein gutes Ende nahm, konsultierten sie einen Arzt nach dem anderen und versuchten es mit den unterschiedlichsten Methoden: Kräuter, Beckenbodentraining, Hormonspritzen, Wechselduschen, Basaltemperaturmessung und verschiedenen Sexstellungen. Eine davon muss gefruchtet haben, denn irgendwann schaffte ich es auf diese Welt.
Als meine Eltern nach Hause zurückkehrten, waren sie am Boden zerstört. Meine Mutter verfiel in Depressionen. Sie wollte nicht für mich sorgen, mich nicht einmal ernähren. Auch mein Vater lehnte mich ab. Er war vom Chaos und den sich überschlagenden Ereignissen mit in den Kreißsaal gerissen worden und hatte bei der Geburt einen Ekel gegen den Leichengestank entwickelt, mit dem die Haut seines frisch geborenen Sohns imprägniert gewesen war.
Jahrelang standen zwei Wiegen in dem Zimmer, in dem ich schlief. Meine Eltern bewahrten den in neutralem Gelb gehaltenen Strampelanzug auf, der für meinen Bruder/meine Schwester gedacht gewesen war. Sie legten ihn in die Wiege, die einmal seine/ihre hätte sein sollen. Manchmal schalteten sie das Mobile mit seinen Giraffen- und Elefantenfigürchen an, das an der Decke hing. Dann drehte es sich mit seinen Sternenlichtern in der Dunkelheit, um eine leere Wiege und eine in sich versunkene Mutter zu erheitern.
Meine Großmutter rettete mich. Sie zog zu uns, als sie bemerkte, wie sehr mich meine Eltern ablehnten. Sie gab mir das Fläschchen, wechselte mir die Windeln, kleidete mich an, bis meine Mutter aus ihrer langen Lethargie erwachte und die Natur ihr kurz vor meinem ersten Geburtstag ihren Mutterinstinkt wiedergab.
Manche Kinder wachsen mit unsichtbaren Freunden auf, ich mit einem unsichtbaren Bruder. Da meine Eltern dafür sorgten, dass ich die Geschichte der missratenen Entbindung bis ins Detail kannte, fühlte ich mich für seinen Tod verantwortlich. Um meine Schuld wiedergutzumachen, spielte ich jahrelang mit dem Gespenst meines Zwillings. Ich teilte meine Spielzeuge mit ihm, schilderte ihm meine Ängste und Träume. Im Bett ließ ich immer Platz, damit er sich neben mich legen konnte. Ich spürte sein Atmen, seine Wärme. Wenn ich mich im Spiegel betrachtete, wusste ich, dass er die gleichen Gesichtszüge besessen hätte wie ich, die gleiche Augenfarbe, die gleichen Haare, die gleiche Statur, die gleichen Hände. Die gleichen Hände? Hätte eine Wahrsagerin ihm aus der Hand gelesen, hätten seine Linien das Gleiche besagt wie meine?
Meine Eltern tauften ihn Juan José, mich Juan Guillermo. In den Stein seines winzigen Grabs ließen sie als Todestag sein Geburtsdatum meißeln. Was eine Lüge war: Juan José war eine Woche vorher gestorben. War nie geboren worden. Nie über sein Wasserstadium hinausgekommen, sein Fischsein.
Mein Blut wurde mir zur Obsession. Meine Großmutter hob mehrmals hervor, ich hätte mein Leben allein der Großzügigkeit anonymer Spender zu verdanken, die ihre roten Blutkörperchen, ihre Blutplättchen, ihre Leukozyten, ihr Hämoglobin, ihre DNA, ihre Sorgen, ihre Vergangenheit, ihr Adrenalin und ihre Albträume in meinen Blutkreislauf eingespeist hätten. Jahrelang lebte ich mit der Gewissheit, dass in mir noch andere Wesen hausten, deren Blut sich mit meinem vermischt hatte.
Später, als Jugendlicher, wollte ich nach den Spendern suchen, um ihnen dafür zu danken, dass sie mir das Leben gerettet hatten. Ein Onkel enthüllte mir eine Wahrheit, die ich lieber nie entdeckt hätte: »Danken wofür, wo diese Kerle sich doch jeden Milliliter teuer haben bezahlen lassen.« (Der Handel mit Blut wurde erst Jahre später verboten.) Es waren also keine großzügigen Spender gewesen, sondern Menschen, die aus Verzweiflung ihr Blut verkauft hatten. Spritzen, die den Treibstoff des Lebens aus welken, ausgemergelten Körpern gezogen hatten. Es bedeutete eine große Ernüchterung für mich, dass ich von Söldnern aufgepäppelt worden war.
Mit neun sah ich zum ersten Mal mein eigenes Blut. Ich kickte mit Freunden aus dem Viertel auf der Straße, als der Ball auf das Grundstück eines Nachbarn flog, eines geschiedenen Anwalts und Alkoholikers, der immer, wenn er aus dem Auto stieg, seine im Hosenbund steckende Pistole sehen ließ. Die Grundstücksmauern waren von Efeu überwuchert, und oben waren Glasscherben eingelassen, um zu verhindern, dass jemand darüberstieg. Da der Anwalt nie zu Hause war, konnte ich unbesorgt am Efeu hochklettern, den Scherben ausweichen und über die Mauer springen. Der Hinweg war einfach, doch auf dem Rückweg spürte ich, dass ich mir beim Sprung auf den Bürgersteig die Hose aufschlitzte. Ich fiel hin und stand wieder auf. Meine Freunde starrten mich erschrocken an. Aus meiner Hose tropfte Blut. Ich inspizierte mein Bein und entdeckte einen tiefen Schnitt, aus dem es rot hervorquoll. Ich zog die Wunde auseinander. Auf dem Grund schimmerte es weißlich. Ich dachte, es wäre ein Stück Glas oder irgendein anderer Gegenstand, der sich mir ins Bein gebohrt hatte, doch es war mein Oberschenkelknochen. Mir wurde schwarz vor Augen. Zum Glück kam genau in dem Moment, in dem ich bleich und benommen auf den Gehweg sank, direkt vor eine rote Lache, eine Nachbarin. Sie schleppte mich zu ihrem Ford 200, hievte mich auf die Rückbank und fuhr mich in eine viertklassige Klinik in der Avenida Ermita Ixtapalapa, die zehn Minuten entfernt lag.
Erneut Transfusionen. Noch mehr fremdes Blut. Wieder wurde ein Söldnerheer durch meine Herzkammern gepumpt: Prostituierte, Alkoholiker, alleinerziehende Mütter, hormonüberflutete Jugendliche, die Geld benötigten für einen Nachmittag im Hotel, entlassene Büroangestellte, Bauarbeiter, die ihre Kinder sattbekommen wollten, Fabrikarbeiter, die sich etwas dazuverdienen mussten, Süchtige, die ihre nächste Dosis brauchten. Durch meine Adern floss das Prekariat.
Der Arzt, der mich operierte, sagte, ich hätte die typische Wunde eines Stierkämpfers, es sei genau die Stelle, an der sich das Horn in den Schenkel bohre und die Beinschlagader aufreiße. Der Zufall wollte es, dass er chirurgischer Assistenzarzt an der Arena Plaza México gewesen war. In dem schäbigen OP der schmutzigen Klinik, in der ich gelandet war, wusste er genau, was zu tun war, um die aufgeschlitzte Beinschlagader zu versorgen. Das Können dieses Arztes und die schnelle Reaktion der Frau, die mich hingefahren hatte, verhinderten, dass mir das Leben durch das Bein entwich.
Vierzehn Tage lag ich in dem Krankenhaus, das nur über vier Betten verfügte. In einem davon schliefen abwechselnd meine Großmutter, meine Mutter und mein Bruder. Manchmal wurde jemand mit einer Alkoholvergiftung oder das Opfer eines Autounfalls eingeliefert. Eines Nachmittags auch ein Mann mit einem Messerstich im Bauch, der ebenfalls durch das chirurgische Geschick dieses jungen Arztes gerettet wurde.
Erst in den Nächten, die Carlos an meiner Seite verharrte, lernten wir einander wirklich kennen. Die sechs Jahre und sechs Monate, die uns trennten, hatten verhindert, dass wir uns näherstanden. In diesen frühen Morgenstunden schrumpfte der große Altersunterschied zusammen. Wir redeten viel, er sorgte dafür, dass meine Wunde drainiert wurde, dass die Krankenschwestern nicht vergaßen, mir die Antibiotika zu geben, er half mir aufs Klo und säuberte mit einem Schwamm den langen, quer über mein Bein verlaufenden Schnitt. Mit wahrer Hingabe wachte er über meine Genesung. Mir wurde bewusst, dass ich auch mit ihm den mütterlichen Uterus geteilt hatte, dass auch wir von gleichem Blut waren. Also tauschte ich meinen unsichtbaren Bruder – Juan José – für meinen sichtbaren Bruder – Carlos – ein. Ich entdeckte, dass mein wahrer Zwilling sechseinhalb Jahre vor mir geboren worden war, und wir wurden unzertrennlich.
Zwei Monate lang durfte ich auf Anordnung des Arztes keine schweren Gegenstände heben, mich bücken oder auch nur gehen, nicht einmal mit Krücken. Da meine Eltern kein Geld für einen Rollstuhl hatten, wurde ich auf einer Schubkarre ins Klassenzimmer gefahren.
An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal wieder auf eigenen Beinen nach draußen gehen konnte, suchte ich nach dem Blutfleck, den ich hinterlassen hatte. Ich betrachtete den schwarzen Schmetterling, den das Vielmenschengemisch meines Blutes auf den Gehweg gezeichnet hatte, eine Erinnerung an mein Leben, das sich beinahe auf den Asphalt entleert hätte.
Meine Mutter sah, wie ich gedankenversunken den Fleck anstarrte. Sie kam mit Eimer, Putzmittel und Bürste heraus und zwang mich, so lange zu schrubben, bis auch der letzte Rest verschwunden war. Der Fleck auf der Straße war weg, doch auf der Glasscherbe, die mir das Bein von der Innenseite des Oberschenkels bis zur Wade aufgeschlitzt hatte, waren Spuren getrockneten Blutes zurückgeblieben, die auch mehrere Regenfälle nicht hatten abspülen können.
Ein Jahr später kletterte ich die Grundstücksmauer hinauf, schlug mit einem Hammer die Flaschenscherbe ab, an der ich mich geschnitten hatte, und verwahrte sie in einer Schublade. Vermutlich halten es auch die Stierkämpfer so mit dem Horn, das sie durchbohrt.
Auf meinem Bein blieb eine rund vierzig Zentimeter lange Narbe zurück. Hinterm Knie, um den Knöchel und an der Außenseite des Fußes ist meine Empfindung seither gestört. Dieses Taubheitsgefühl ist schwerer zu ertragen als Schmerz. Wenn einem irgendwo der Körper schmerzt, ist wenigstens noch Leben in dieser Region. Wenn es sich taub anfühlt, kann man fast sicher sein, dass etwas in einem gestorben ist.
Meine Retterin war die Mutter des Mannes, der fünf Jahre später mein Feind werden würde, weil er meinen Bruder ermordete. Ein Mord, zu dem ich Beihilfe leistete, der erste einer langen Reihe von Morden, an deren Ende meine ganze Familie ausgelöscht sein würde.
Laut einem Stamm in Afrika besitzen Menschen zwei Seelen: eine leichte und eine schwere. Wenn wir träumen, schlüpft die leichte Seele aus unserem Körper und geht am Rand der Wirklichkeit spazieren; wenn diese leichte Seele uns schlagartig verlässt, werden wir ohnmächtig; und wenn sie fortgeht und nicht wiederkehrt, werden wir verrückt.
Die leichte Seele kommt und geht. Nicht so die schwere Seele. Sie wandert erst dann aus unserem Körper aus, wenn wir sterben. Da die schwere Seele die äußere Welt noch nie betreten hat, weiß sie nicht, welcher Weg ins Reich des Todes führt, an den Ort, an dem sie für immer wohnen wird.
Aus diesem Grund macht die leichte Seele sich drei Jahre vorher auf die Reise dorthin. Weil sie nicht weiß, welche Richtung sie einschlagen muss, klettert sie auf einen Affenbrotbaum, den ersten Baum der Schöpfung, und späht den Horizont ab. Danach besucht sie Frauen, die ihre Regel haben. Die Menstruierenden wandeln auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Unter Blut und Schmerzen verlieren sie das Wesen, das hätte sein können und nicht sein wird. Wenn Frauen ihre Periode haben, werden sie weise. Sie bewegen sich zwischen Existenz und Nichtexistenz, und deshalb können sie der leichten Seele zeigen, wo der Abgrund des Todes liegt.
Die leichte Seele bricht also auf. Sie durchquert Täler und Wüsten, erklimmt Berge. Nach mehreren Monaten gelangt sie an ihr Ziel und stellt sich an den Rand der nebligen Tiefe. Ihren Augen offenbart sich das große Geheimnis. Sie kehrt zurück, erzählt der schweren Seele, was sie gesehen hat, und führt sie entschlossen dem Tod entgegen.
»Das glaubst du doch selber nicht, Cinco«, sagte Pato, nachdem ich die afrikanische Legende zu Ende erzählt hatte. Ich hatte sie für eine Geschichtsstunde am Gymnasium auswendig gelernt. Der Lehrer hatte gesagt, er würde uns volle zehn Punkte geben, wenn wir eine Geschichte erzählten, die er nicht kannte oder dessen Ende er nicht erraten konnte. Gelesen hatte ich sie in einem der unzähligen Bücher, die in Carlos’ Zimmer auf dem Boden verstreut lagen. Einen Großteil davon hatte er in Bibliotheken oder Buchhandlungen geklaut. Bei seinen Freunden kein einziges, denn deren Eltern hätten keinen Geschmack und sammelten nur Bestseller.
Mit achtzehn brach mein Bruder die Schule ab. Mein Vater regte sich fürchterlich auf, als er davon erfuhr. Für ihn war Bildung der Schlüssel, um sich das Leben aufzubauen, zu dem ihm selbst der Zugang verwehrt geblieben war. Er rackerte sich ab, um uns die bestmögliche Bildung zu verschaffen. Er und meine Mutter arbeiteten Doppelschichten, um uns eine Privatschule bezahlen zu können. Carlos und ich waren die Einzigen in der Straße, die nicht auf die staatlichen Schulen der Gegend gingen: die Grundschule Centenario, die Sekundarschule Nr. 74 und die Oberstufenschule Nr. 6. Enttäuscht drohte mein Vater meinem Bruder, ihm keinen Centavo mehr zu geben, sollte er die Schule schmeißen. Carlos war das egal. Mit neunzehn verdiente er bereits weit mehr Geld als unser Vater.
»Ein bisschen kitschig, die Geschichte«, befand Jaibo.
Jaibo, Pato, Agüitas und ich saßen abends gern oben auf dem Dach von Señora Carbajal unter den Wäscheleinen. Mit dreizehn Jahren rauchte Jaibo bereits zwei Schachteln Delicados am Tag. Wobei das nur Theater war, weil er gar nicht auf Lunge rauchen konnte. Agüitas, unser Wässerchen – wir nannten ihn deshalb so, weil er so rührselig war, dass er oft feuchte Augen bekam –, brachte immer Bier mit, das er dann mit Pato trank. Ich trank und rauchte nicht. Ich hatte beschlossen, nüchtern zu tun, was die anderen sich nur betrunken trauten.
Im Viertel suchten die meisten von uns Zuflucht auf den Dächern. Niemand störte einen dort. Nach den Unruhen von 1968, dem Massaker an den Studenten in Tlatelolco und der Kommunistenparanoia der Regierung, fuhren die Julias – geschlossene Polizei-Pick-ups, in denen Verhaftete auf zwei Holzbänken zusammengepfercht wurden – täglich Streife. Die Polizisten standen hinten auf der Stoßstange und hielten sich an zwei Bügeln fest, die in den Türen eingelassen waren. Wenn sie dich auf der Straße erwischten, sprangen sie vom Wagen, nahmen dich wegen Vagabundierens und Aufwiegelns fest (wobei sie nicht einmal wussten, was das Wort bedeutete) und brachten dich in Handschellen, die so eng gezogen waren, dass sie den Blutfluss stoppten, in eine Zelle. Wenn man erst mal eingesperrt war, wurde man geschlagen, getreten, mit Stromstößen in die Hoden traktiert, bis jemand kam und genügend Schmiergeld zahlte, damit sie einen wieder freiließen. Im besten aller Fälle verfolgten sie dich und schlugen mit Knüppeln auf dich ein, »damit du lernst, deine Haare nicht wie ein Mädchen zu tragen, sondern kurz wie ein Mann«. Bevor sie einen laufen ließen, drohten sie noch: »Wenn wir dich noch mal mit langen Haaren auf der Straße erwischen, kastrieren wir dich und machen wirklich ein Weibsbild aus dir.«
Die Einzigen, die dieser Hetze entgingen, waren die »guten Jungs«, die Mitglieder der Katholischen Jugendbewegung. Die guten Jungs trugen ihre Haare rappelkurz, ein langärmliges, bis oben zugeknöpftes Hemd und ein Kreuz um den Hals. Sie benutzten keine »schlimmen Wörter«, besuchten täglich die Messe, trugen älteren Damen die Einkäufe nach Hause und brachten den Waisenheimen Essen. Sie waren der Traum jeder Mutter oder Schwiegermutter: gute Söhne, gute Schüler, gute Jungs. Sauber, anständig, ordentlich, fleißig, moralisch einwandfrei.
Es war ein heißer Abend. Die Dachziegel strahlten die Hitze des Tages ab, ohne dass Wind für Abkühlung sorgte. Jaibo rauchte wie ein Schlot. Er zündete sich jede neue Zigarette mit der Kippe der alten an.
»Wieso kitschig?«, fragte ich Jaibo.
»Weil sie eben kitschig ist.«
»Was weißt du denn schon, du Schwachkopf? Wo du doch bis vor kurzem noch geglaubt hast, Frauen bekämen ihre Regel, wenn sie entjungfert werden«, spottete ich.
Jaibo kam aus Tampico. Sein Vater war tot. Er hatte als Seemann auf einem Handelsschiff gearbeitet und war betrunken vom Bug gestürzt. Die Witwe, die ebenfalls trank, hatte ihre fünf Kinder nach Mexiko-City verfrachtet und sich bei ihrem frisch verheirateten Bruder einquartiert. Der arme Kerl hatte sich gezwungen gesehen, die sechs Schmarotzer mit seinem kärglichen Topografengehalt durchzufüttern.
»Ich weiß alles über Frauen«, behauptete Jaibo.
»So, so, dann sag mir mal, was ein Hymen ist«, forderte ich ihn heraus.
Jaibo schwieg. Er wusste garantiert nicht, was ein Hymen war. Pato gab ihm einen Schluck Bier und wandte sich an mich.
»Dann weiß eine Frau, die blutet, also, wo der Tod ist?«, fragte er sarkastisch.
»Wenn eine Frau blutet, verliert sie das, was ein Baby hätte sein können«, antwortete ich.
»Und wenn ich mir einen runterhole, befinde ich mich dann auch im Zustand der Weisheit?«, mischte sich Agüitas ein. »Immerhin kommen zig Millionen Spermien raus, die auch Babys hätten sein können.«
Die drei lachten dreckig, als hinter uns eine Stimme ertönte.
»Quatscht nicht so blöd daher.«
Wir drehten uns um. Es war Carlos. Wer weiß, wie lange er uns schon zugehört hatte. Er kam zu uns. Meine Freunde hatten Angst. Carlos hatte bei uns in der Straße das Sagen. Vor Agüitas blieb er stehen.
»Frauen haben nur zwischen vierhundert und sechshundert Eizellen. Wenn sie menstruieren, kommt die Eizelle stückweise raus, voller Blut, und sie haben tierische Schmerzen. Die Hormone schlagen ihnen aufs Gemüt, blähen ihren Körper auf. Dir hingegen kommen die Spermien einfach so raus, sogar im Schlaf, und wenn du dir einen runterholst, ist das die reinste Freude. Frauen wissen Dinge, von denen wir Männer nicht den blassesten Schimmer haben.«
Meine Freunde schwiegen. Gegen Carlos kamen sie nicht an. Er las alles, was er zwischen die Finger kriegte, Philosophie, Geschichte, Biologie, Literatur. Die Schule hatte er aus Langeweile geschmissen, weil er keinen Bock mehr auf Texte hatte, die seiner Ansicht nach mittelmäßig waren. Er war hochgebildet und konnte sich ausdrücken wie niemand sonst im Viertel. Sprache benutzte er präzise und kannte jedes noch so ausgefallene Wort. Und selbst wenn meine Freunde genauso viel gewusst hätten wir er, hätten sie sich nicht getraut, ihn herauszufordern. Sie hatten Angst vor ihm. Alle hatten Angst vor ihm.
Carlos deutete auf eine Schachtel Delicados, die aus Jaibos Hemdtasche lugte.
»Gib mir mal ’ne Zigarette«, sagte er.
Jaibo stand extra auf, um ihm die Schachtel direkt in die Hand zu legen. Carlos zog eine Kippe heraus, und Jaibo hielt ihm ein Feuerzeug hin. Carlos zündete sich die Zigarette an, betrachtete die Schachtel, als wäre sie ein merkwürdiger Gegenstand, knüllte sie so zusammen, dass sie aufbrach, und warf sie vom Dach. Jaibo sah ihn empört an.
»Was soll das?«
»Ich will nicht, dass du an Krebs krepierst«, antwortete mein Bruder, ohne mit der Wimper zu zucken, und drückte die Zigarette am Zaun aus. Ich grinste, und als Carlos es merkte, grinste auch er. Er drehte sich um und sah zum Mond. »In siebenundvierzig Tagen wird die Apollo 11 da oben landen, im Meer der Ruhe«, sagte er und deutete vage auf eine Stelle.
Alle vier sahen wir nun zum Mond. Die unmögliche Reise, von der die Menschheit schon immer geträumt hatte, stand kurz bevor.
»Die Schwerkraft auf dem Mond ist sechsmal schwächer als hier bei uns«, fügte Carlos hinzu, ohne den Blick vom Mond zu wenden.
»Wie das?«, fragte Agüitas.
Carlos grinste. »Ganz einfach: Wenn deine fettleibige Mutter hier unten rund hundert Kilo wiegt, würde sie dort oben nur sechzehn Kilo wiegen.«
Carlos kannte das rührselige Gemüt von Agüitas, wusste, dass diese Art von Scherz ihm die Tränen in die Augen treiben konnte, doch Agüitas war zu sehr mit dem Umrechnen beschäftigt, als dass ihn der Spruch verletzt hätte. Außerdem war Carlos gnädig gewesen: Agüitas Mutter wog bestimmt hundertvierzig Kilo.
»Um zur Erde zurückkehren zu können, muss das Raumfahrzeug in das Gravitationsfeld des Mondes gelangen. Falls die Apollo 11 es nicht in die Umlaufbahn schafft, fliegt sie an ihm vorbei, und dann auf Nimmerwiedersehen«, fuhr er fort.
Mein Bruder hatte mir schon von diesem Szenario erzählt. Ich fand die Vorstellung entsetzlich. Drei Männer in einem Raumschiff, die nicht mehr zurückkönnen und in die Unendlichkeit trudeln. Drei Männer, die durch die Luke sehen, wie die Erde sich immer weiter entfernt. Was würden sie auf ihrer Reise ins Nichts entdecken? Was würden sie da oben fühlen, wenn sie in den endlosen Raum hineintrieben? Würden sie sich in den langsamen Tod fügen, oder hatten sie Zyankalikapseln dabei, um das Ende schneller herbeizuführen? Wie lange würde der Sauerstoff reichen, bis die unumkehrbare Benommenheit des Todes eintrat? Würden sie sich um das Essen streiten, nur um ein paar Tage länger zu leben? Statt mich zu begeistern, jagte mir die Eroberung des Mondes Angst ein. Drillinge in einem Uterus aus Metall, die im falschen Fruchtwasser der Schwerelosigkeit trieben und sich gegenseitig bekämpften, um zu überleben, war eine zu vertraute und zu schmerzhafte Metapher für mich.
Carlos stupste mit dem Fuß gegen die Sohle meines Turnschuhs.
»Gehen wir heim, abendessen.«
Er streckte mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen.
»Bis morgen«, verabschiedete ich mich von meinen Freunden.
Carlos und ich gingen vorbei an Drähten, Kabeln, Wäscheleinen und Wassertanks bis zum Rand des Dachs. Auf dem Weg nach Hause musste man die anderthalb Meter zwischen dem Dach der Ávalos und dem der Prietos überspringen. Normalerweise machten wir das mit links. Es war tägliche Routine. Trotzdem bestand immer ein Risiko. Vier Monate zuvor hatten Chelo, eine hübsche Siebzehnjährige mit grünen Augen, und ihr Freund Canicas sich aufs Dach der Martínez’ geschlichen, um zwischen der aufgehängten Wäsche zu vögeln (wenigstens schlossen wir das aus den beiden vertrockneten Kondomen, die wir am nächsten Tag dort fanden). Auf dem Rückweg sprang sie zuerst, schätzte aber im Dunkeln die Entfernung falsch ein und stürzte ins Leere. Sie landete mit den Knien auf dem Kofferraum des Coronet von Señor Prieto. Die Stoßdämpfer des Autos nahmen dem Aufprall die Wucht und retteten ihr das Leben. Sie brach sich beide Oberschenkelknochen, doch die Wirbelsäule und der Schädel blieben heil. Und sie hatte das Glück, dass Colmillo, der riesige Wolfshund der Prietos, eine Kreuzung aus einer Alaskan-Malamute-Hündin und einem Timberwolf, angekettet war. Wäre er frei herumgelaufen, hätte er sie zerfleischt. Alarmiert von dem Aufprall und Colmillos Gebell, kam Fernando Prieto raus auf den Hof, wo Chelo auf dem Boden lag, mit zersplitterten Knochen, die an mehreren Stellen die Muskeln durchstoßen hatten.
Chelo brauchte anderthalb Jahre, bis sie wieder gesund war. Sie wurde mehrmals operiert, und auf ihren Beinen blieb ein Flickenteppich aus Narben zurück. Nachmittags schleppte sie sich immer auf Krücken die Straße entlang und konnte kaum das Gleichgewicht halten. Anschließend kehrte sie nach Hause zurück und absolvierte ein erschöpfendes Pensum an physiotherapeutischen Übungen. Man hörte bis draußen, wie der Therapeut Anweisungen gab und Chelo vor Schmerzen stöhnte. Doch noch in der größten Qual behielt sie ihr Lächeln. Sie war fröhlich, lustig, nie verbittert. Jahre später würde Chelo mich mit einer Sanftheit lieben, die mich vor dem Wahnsinn bewahrte.
Carlos sprang zuerst und wartete auf mich. Ich überwand die Distanz mühelos. Über die Leere zu springen, war für mich ein Nervenkitzel. Manchmal machte ich es mir absichtlich schwer, nur um das Gefühl von Gefahr zu steigern: Ich sprang ohne Anlauf, mit geschlossenen Augen, die Hände hinter dem Rücken. Einmal erwischte mich Carlos dabei. Wütend begann er, mit mir zu schimpfen, aber ich hörte nicht auf ihn und machte es beim nächsten Sprung wieder so. Carlos holte mich ein und packte mich an den Schultern. Er hob mich in die Luft – ich war damals elf –, stellte sich an den Rand des Dachs und drohte mir damit, mich hinunterzuwerfen.
»Du hast es gern gefährlich, Freundchen?«
Ich sah nach unten. Sechs Meter. Statt mir Angst einzujagen, fand ich es lustig und lachte laut.
»Was soll das?«, fragte Carlos irritiert. Er wollte mir eine Lektion erteilen, und ich hing über dem Abgrund und kriegte mich kaum ein vor Lachen.
Carlos drehte sich um und schleuderte mich auf den Boden.
»Das tust du nie wieder«, warnte er mich, »oder ich reiß dir den Arsch auf.«
Ich grinste, sprang die anderthalb Meter ohne Anlauf hin und zurück und rannte über die Dächer davon.
Als wir zu unserer Dachterrasse gelangten, hörten wir im Dunkeln das Fiepen der Chinchillas. Carlos züchtete sie zu Hunderten. Auf dem Dach der Prietos, der Martínez’ und auf unserem hatte er eine Zuchtfarm eingerichtet. Dutzende kleine Käfige, übereinandergestapelt, ein Reich von Nagern mit edlem Fell. An heißen Tagen waberte der Gestank nach Urin zwischen den Häusern. Um Beschwerden zu vermeiden, zahlte Carlos Gumaro, einem jungen, geistig leicht behinderten Mulatten, etwas Geld, damit er die Dachterrasse dreimal am Tag mit Chlorreiniger und Desinfektionsmittel schrubbte.
Carlos zog eine Taschenlampe aus der Hosentasche und leuchtete umher. Geblendet rannten einige Chinchillas im Kreis und prallten gegen die Gitterstäbe. Andere stellten sich auf ihre Hinterläufe und versuchten zu erraten, was vor sich ging. Carlos hatte immer eine Taschenlampe dabei, um verwilderte Katzen aufzuspüren, die Feinde seines Geschäfts. Die Katzen streckten ihre Klauen zwischen den Gitterstäben hindurch, packten die Chinchillas am Kopf und bissen sie in die Schnauze, um sie zu ersticken. Dann rissen sie sie in Streifen und fraßen sie auf.
Hinter einem Hundezwinger versteckte mein Bruder ein rostiges Kaliber-22-Ein-Schuss-Gewehr. Wenn er eine streunende Katze entdeckte, holte er es hervor, zielte auf den Kopf und schoss. Das Zielrohr war nicht sehr präzise, manchmal schlug der Schuss im Bauch ein. Es kam also häufiger vor, dass auf den Stellplätzen sterbende Katzen unter den Autos lagen, mit einem Loch im Bauch und vor Schmerzen wimmernd.
Das Geschäft mit den Chinchillas fing damit an, dass ein Onkel Carlos an dessen sechzehntem Geburtstag ein Weibchen schenkte. Zwei Wochen später kaufte Carlos ein Männchen dazu. Die Chinchillas paarten sich, und keine zwei Monate später setzte das Pärchen zehn Junge in die Welt. In einer Zeitschrift las Carlos, wie hoch ihr Fell gehandelt wurde. Er fuhr ins Stadtzentrum und fand heraus, dass ein jüdischer Textilhändler Chinchillafelle in großem Stil kaufte. Dann bat er meine Eltern, auf der Dachterrasse Käfige bauen zu dürfen, und erwarb weitere zwanzig Chinchillas. Anderthalb Jahre später verkaufte er bereits rund vierhundert Felle im Monat. Er organisierte die Zucht so, dass die Weibchen in genau dem Rhythmus gebaren, den die Produktion erforderte.
Obwohl Carlos mit den Chinchillas haufenweise Geld verdiente, war es nicht sein Hauptgeschäft.
Ich lebte zwischen zwei Welten. Die eine Welt war mein Viertel, der Ort, dem ich mich zugehörig fühlte, meine Heimat aus Straßen und Dächern. Die andere Welt war die Privatschule, die meine Eltern unter großen Mühen finanzierten. Eine Schule mit Klassenkameraden, die nach New York und Europa reisten. Eine Schule, in der man die Lehrerinnen »Miss« nennen musste, in der man verpflichtet war, in der Pause Englisch zu sprechen, und die sich ihrer eisernen Disziplin brüstete. Eine Schule, die ich als Gefängnis empfand und die sich weigerte, meinem Bruder und mir ein Stipendium zu geben. »Eine gute Schulbildung kostet eben was, Señora«, sagte die Leiterin zu meiner Mutter, als sie um Ratenzahlung bat. Dass meine Mutter sie überhaupt hatte darum bitten müssen, war für sie erniedrigend und hatte ihr schwer aufs Gemüt geschlagen. »Gewähren Sie uns wenigstens eine Frist bis Jahresende, dann erhält mein Mann seinen Bonus«, flehte meine Mutter. »Ich muss meine Lehrer bezahlen, tut mir leid«, erwiderte die Eigentümerin-Direktorin-Halsabschneiderin-Mistkuh.
Ich erinnere mich noch, dass mein Vater sehr in sich gekehrt war, nachdem meine Mutter ihn darüber informiert hatte, dass die Direktorin uns von der Schule werfen würde, sollte sich die Bezahlung der Gebühr auch nur um einen Monat verzögern.
»Ich werde das Geld auftreiben«, sagte mein Vater leise.
»Wie?«, fragte meine Mutter.
Mein Vater schwieg, fasste sich an den Kopf, massierte sich die Stirn.
»Ich kann in der Firma um einen Kredit bitten.«
»Und wie wollen wir den zurückzahlen?«
Mein Vater verdrehte den Hals, um die Spannung zu lindern.
»Wir sollten sie auf eine öffentliche Schule schicken«, sagte meine Mutter.
Mein Vater sah sie an, als hätte sie ihn beleidigt.
»Eine gute Schulbildung ist das Einzige, was wir ihnen mit auf den Weg geben können«, sagte er bestimmt.
Wieder schwiegen sie. Mein Vater seufzte und ergriff die Hand meiner Mutter.
»Keine Angst, wir werden das Geld schon auftreiben.«
Weil ich mich auf meinen Teller konzentrierte, dachten sie, ich würde nicht hören, was sie sich zuflüsterten. Ich war damals neun, und mein Bein war noch nicht ganz verheilt. Meine Eltern hatten ihre ganzen Ersparnisse für die Arzt- und Krankenhauskosten aufgebraucht. Da sie der Regierung misstrauten, hatten sie beschlossen, mich auf gar keinen Fall in einer Klinik des öffentlichen Gesundheitsdienstes behandeln zu lassen. Bloß nichts, was nach staatlicher Bürokratie roch. Keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Jobs. Und nun wussten sie nicht, wie sie die Privatschule bezahlen sollten.
Carlos begleitete mich in mein Zimmer. Mein Vater hatte es an das Erdgeschoss angebaut, damit ich nicht die Treppe hochmusste, solange mein Bein nicht wieder gesund war. Nachdenklich setzte Carlos sich auf mein Bett.
»Glaubst du, sie schicken uns auf eine andere Schule?«, fragte ich.
»Ich werde dieser Scheißtussi den Arsch aufreißen«, murmelte er gereizt. »Die hat kein Recht, unsere Mama so zu behandeln.«
Er presste den Kiefer zusammen, stand auf und zog die Laken glatt.
»Schlaf jetzt«, befahl er.
Ich legte mich ins Bett, und Carlos deckte mich zu.
»Gute Nacht«, sagte er, streichelte mir zärtlich über die Stirn und ging raus.
Es gelang meinen Eltern, das Schulgeld rechtzeitig aufzubringen. Sie verkauften den Mercury, den mein Vater über alles liebte. Er war sein ganzer Stolz gewesen, jahrelang hatte er hart dafür gearbeitet. Jetzt waren der Mercury und der Stolz dahin.
Ohne Auto blieb meinem Vater nichts anderes übrig, als die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Ich erinnere mich noch, wie er um halb fünf Uhr morgens aufstand, um zu duschen, zu frühstücken und zur Bushaltestelle auf der anderen Seite der Avenida Río Churubusco zu gehen. Und wie erschöpft er dann um zehn Uhr abends von seiner Doppelschicht nach Hause kam.
Es gab auch niemanden mehr, der uns zur Schule fuhr. Um sechs Uhr morgens verließen Carlos und ich das Haus und gingen zu Fuß zur Haltestelle des Trolleybusses in San Andrés Tetepilco. Dafür mussten wir eine Brache überqueren, auf der mit Kalk ein paar schiefe Fußballplätze aufgezeichnet waren. Bei Regen wurde sie überschwemmt und verwandelte sich ein schlammiges Feld. Dann hüpften wir von Stein zu Stein, um unsere Schuluniform nicht schmutzig zu machen, und rutschten doch jedes Mal ab.
Am Eingang der Schule erwartete uns der Pförtner und überprüfte die Uniformen, die Haarlänge bei den Jungs, die Rocklänge bei den Mädchen und die allgemeine Körperhygiene (Fingernägel geschnitten, Ohren gewaschen). Mehrmals schickte er mich wieder nach Hause, weil ich Schlammflecken auf der Hose hatte. Da niemand mich abholen konnte, musste Carlos den Heimweg mit mir antreten. Dann ließen wir es uns gutgehen. Mal besuchten wir das Naturkundemuseum, um uns die ausgestopften Tiere anzusehen, mal schlichen wir uns in die Reitställe der Pferderennbahn, um zuzuschauen, wie die Vollblüter trainiert und gepflegt wurden.
Vier Monate, nachdem es meinen Eltern gelungen war, das Schulgeld aufzubringen, etwa fünfundsiebzig Prozent dessen, was mein Vater in einer Doppelschicht verdiente, wurden sie von der Direktorin einbestellt, mit dem Hinweis, dass sie beide zu erscheinen hätten.
Nervös und besorgt machten sich meine Eltern auf den Weg. Noch nie waren sie so dringend in die Schule zitiert worden. Auf der langen Busfahrt malten sie sich die schlimmsten Dinge aus: ein Unfall, eine Schlägerei, ein Raubüberfall.
Die blöde Kuh von Direktorin, die sich nicht im Geringsten darum scherte, dass sie meine Eltern aus ihrer Arbeit herausgerissen hatte, ließ sie fast zwei Stunden warten. Zwei Stunden, die bedeutet hätten, dass sie nicht den ganzen Arbeitstag verloren und in Ruhe zur Schule hätten fahren können, statt sich in größter Sorge abzuhetzen.
Als sie schließlich zur Direktorin vorgelassen wurden und mich dort sitzen sahen, waren sie verblüfft. Sie dachten, man habe sie wegen Carlos einbestellt, der damals immer rebellischer wurde, aber bestimmt nicht meinetwegen.
Die Direktorin bat sie, Platz zu nehmen. Meine Eltern setzten sich auf die mit Leder bezogenen Stühle. Die Direktorin zeigte mit dem Finger auf mich.
»Wir haben beschlossen, Juan Guillermo endgültig und unwiderruflich von der Schule zu verweisen.«
Meine Eltern wechselten einen Blick, dann sah meine Mutter mich an.
»Was hat er angestellt?«, fragte sie fast flüsternd.
Zum Zeichen ihrer Empörung riss die Direktorin ihren Mund weit auf.
»Schüler wie Ihren Sohn können wir an dieser Schule nicht dulden.«
»Aber was hat er denn angestellt?«, fragte meine Mutter noch einmal.
Die Direktorin, die sich Miss Ramírez nennen ließ, wandte sich mir zu und hob ihr Kinn.
»Das soll er Ihnen selber sagen.«
Meine Eltern warteten auf meine Antwort. Ich traute mich nicht. Die Direktorin stellte sich drohend neben mich.
»Los, sag deinen Eltern, was du getan hast.«
Ich sah sie aus den Augenwinkeln an.
»Sag uns, was du angestellt hast«, wandte sich meine Mutter nun direkt an mich.
Ich schwieg. Miss Ramírez sprach mich auf Englisch an, weil sie wusste, dass meine Eltern sie dann nicht verstanden.
»Come on, tell them. Don’t be a coward.«
Ich schwieg weiterhin. Statt mich einzuschüchtern, schürte die Haltung der Direktorin nur meine Wut.
»Sie können ihn doch nicht mitten im Schuljahr rauswerfen«, sagte meine Mutter.
»Ich werfe raus, wen ich will und wann ich will, Señora. Und da der Junge sich weigert, Ihnen zu sagen, was er angestellt hat, muss ich es wohl tun.«
Genau in dem Moment, in dem sie zu ihrer Standpauke anheben wollte, fiel ich ihr ins Wort.
»Ich habe ein Mädchen geküsst, Ma.«
Mein Vater, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, wetterte nun gegen die Direktorin.
»Sie wollen meinen Sohn rauswerfen, weil er ein Mädchen geküsst hat?«
»Selbstverständlich nicht, Señor, ich werde ihn rauswerfen, weil wir ihn dabei erwischt haben, wie er halbnackt ein Mädchen missbraucht hat, das ebenfalls halbnackt war. Ihr Sohn hat eine schwerwiegende moralische Verfehlung begangen, die an dieser Schule nicht geduldet wird.«
»Aber mein Sohn ist doch noch ein Kind.«
»Nein, Señor, Ihr Sohn ist pervers.«
Klassenzimmer. Pause. Schweigen. Blicke. Atmen. Herzklopfen. Hände. Rock. Knie. Schenkel. Haut. Streicheln. Blicke. Slip. Atmung. Herzklopfen. Berührung. Schamhaar. Nähe. Zittern. Blicke. Berührung. Schamhaar. Schweigen. Slip. Finger. Schamhaar. Feuchtigkeit. Stöhnen. Atmung. Hose. Reißverschluss. Hände. Atem. Blicke. Zittern. Knöpfe. Hände. Pimmel. Erektion. Berührung. Muschi. Berührung. Angst. Erregung. Blicke. Reiben. Pimmel. Muschi. Drinnen. Feuchtigkeit. Schweiß. Haut. Herzklopfen. Atmung. Schulglocke. Blicke. Trennung. Schweigen. Abschied. Klassenzimmer. Tür. Schweigen. Herzklopfen. Stimmen. Mitschüler. Lehrerin. Klassenzimmer. Blicke. Geheimnis.
Carlos knipste die Taschenlampe aus, holte das Gewehr hinter dem Hundezwinger hervor und schob eine Kugel in den Lauf.
»Mal sehen, ob sich eine Katze blicken lässt«, sagte er und lehnte sich an die Wand.
Wir schwiegen. Die Chinchillas fiepten im Dunkeln. Am Himmel der Mond, der bald erobert werden würde. Kann man das Uneroberbare erobern? Der Abdruck eines Raumfahrzeugs, der das Meer der Ruhe befleckt. Der Mensch und seine Obsession, auf alles seinen Fuß zu setzen.
In der Ferne dröhnten die Autos auf der Río Churubusco. Wo jetzt eine Avenida war, floss früher ein klarer Fluss voller Fische, Frösche, Axolotl und Schildkröten, in dem mein Vater und seine Freunde an heißen Nachmittagen badeten. Río Piedad, Río Mixcoac, Río de los Remedios. Ein Fluss nach dem anderen wurde in eine Straße verwandelt, erdrückt von tonnenweise Asphalt. Das Wassermassaker meiner Stadt.
»Wie hieß noch mal das Mädchen, das du in der Grundschule gevögelt hast?«, fragte Carlos.
»Ich habe kein Mädchen gevögelt.«
Carlos grinste. Sein Umriss in der Nacht. Auf dem Lauf des Gewehrs schimmerte das Licht des Mondes, auf den der Mensch bald seinen Fuß setzen würde.
»Dieses Mädchen, Mann, du weißt schon.«
»Fuensanta.«
»Ja, genau. Hatte ich vergessen. Fuensanta. Mein Gott, hättest du nicht jemand mit einem anderen Namen aussuchen können? Heilige Quelle, von wegen heilig!«
Carlos knipste die Taschenlampe an, um die Käfige zu inspizieren. Die Augen der Chinchillas leuchteten rot auf. Er knipste die Lampe wieder aus.
»Hast du deinen Finger abgeleckt, nachdem du ihn ihr in die Möse gesteckt hattest?«
Natürlich hatte ich ihn mir abgeleckt, daran gerochen und ihn abgeleckt, immer wieder. Ich verewigte ihren Geruch auf meiner Zunge. Kostete ihn aus. Fuensanta. Fuente Santa, heilige Quelle, Quelle der Geheimnisse, feuchte Quelle.
»Nein, habe ich dir doch gesagt«, erwiderte ich genervt.
Carlos grinste. Hundertmal schon hatte er mir diese Frage gestellt, hundertmal schon hatte ich es abgestritten. Hundertmal hatte ich ihn angelogen, und hundertmal hatte er gehofft, dass ich ihm die Wahrheit sagen würde.
»Ich wette, dein Finger riecht immer noch nach ihr.«
Ja, mein Finger roch immer noch nach Fuensanta und würde auch nie aufhören, nach ihr zu riechen.
»Mein Finger riecht nach gar nichts«, sagte ich.
»Du hast unsere Mama zum Heulen gebracht, weil du deine Finger nicht von der heiligen Quelle lassen konntest.«
Wir hörten die Chinchillas nervös umherwuseln. Carlos knipste die Taschenlampe wieder an. Zwischen den Käfigen leuchteten gelbliche Augen auf. Carlos legte das Gewehr an und hielt die Taschenlampe so, dass er durchs Zielrohr etwas sehen konnte. Als die Katze das Licht bemerkte, sprang sie auf die Mauer. Sie wollte gerade wegschleichen, als der Schuss ertönte. Sie fauchte und kippte über den Rand. Schnell traten wir näher. Unten lag die Katze noch eine Weile auf dem Rücken, bevor sie sich aufrappelte und taumelnd unter ein Auto kroch.
»Die wird nie wieder Chinchillas fressen«, sagte Carlos.
Wenn jemand seinen Zwilling verliert, sei es durch Tod, Trennung, oder warum auch immer, bleibt in ihm ein tiefes Gefühl der Verlassenheit zurück, behaupten Psychologen. Der verlassene Zwilling ist wie amputiert, leidet an einer Wunde, die sich nicht schließen will. Dann sucht der verlassene Zwilling nach jemandem, der diese emotionale Lücke füllt. In meinem Fall waren das nicht Freunde oder Spielgefährten, sondern Frauen. Schon als Kind, mit vier oder fünf, dachte ich nur an Frauen, war da dieser tiefe Wunsch, ihre Nähe zu spüren, ihren Blick, ihre Nacktheit. Die weibliche Haut zu streicheln, besänftigte die Seelenpein der Verlassenheit. Anfangs war es nur das Streifen eines Arms, der erhaschte Blick auf einen Schenkel. Dann kam Fuensanta.
Die Direktorin stand mitten in ihrem Büro und sah mich tadelnd an. Meine Mutter hielt bekümmert den Kopf gesenkt.
Mein Vater richtete sich auf seinem Stuhl auf.
»Wer hat das gesehen?«
»Die halbe Schule, Señor Valdés. Seine Lehrerin, mehrere Schüler. Juan Guillermo hatte die Hosen bis zu den Knien heruntergelassen und befummelte eine Mitschülerin, der er den Schlüpfer runtergezogen hatte.«
Meine Mutter begann, leise zu weinen. In mir wuchs die Wut. Mein Vater versuchte, das Puzzle zu vervollständigen.
»Und das Mädchen?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Wollte sie es auch, oder hat Juan Guillermo sie gezwungen?«
»Natürlich hat er sie gezwungen, Señor Valdés.«
Ich stand auf und sah der Direktorin in die Augen.
»Das stimmt nicht. Sie wollte es auch.«
»Du hältst den Mund und setzt dich hin«, befahl sie.
»Das stimmt nicht«, wiederholte ich empört, »ich habe sie nicht gezwungen.«
»Setz dich hin«, befahl sie noch einmal.
Ich blieb stehen. Mein Vater wandte sich der Direktorin zu.
»Was sagt das Mädchen?«
»Was soll sie schon sagen, ich bitte Sie …«
»Was sagt sie? Hat er sie gezwungen, oder war sie einverstanden?«
»Natürlich war sie nicht einverstanden.«
»Das will ich aus ihrem eigenen Mund hören«, sagte mein Vater verärgert.
»Ihre Würde als Frau wurde schon zu sehr in den Schmutz gezogen, als dass man sie noch mehr bloßstellen sollte«, sagte die Direktorin mit Telenovelaschwülstigkeit.
Mein Vater begann, sich aufzuregen.
»Ich vermute, dass auch sie der Schule verwiesen wird.«
»Da vermuten Sie falsch. Hier gibt es nur einen Verantwortlichen, und das ist Juan Guillermo. Er wird für immer der Schule verwiesen. Wir wollen ihn hier nicht länger haben.«
»Sie wollte es auch«, sagte ich noch einmal.
»Hör auf, solche Lügen zu verbreiten«, blaffte die Direktorin.
Wut.
»Das ist keine Lüge. Wir wollten es beide.«
Die Direktorin machte auf dem Absatz kehrt und setzte sich an ihren Schreibtisch.
»Das Gespräch ist hiermit beendet. Der Junge fliegt von der Schule und sein Bruder gleich mit. Ich will sie hier nicht mehr haben. Und jetzt gehen Sie bitte, ich habe zu tun.«
Wütend beugte sich mein Vater auf sie zu.
»Was hat Juan Carlos damit zu tun?«
»Es gefällt mir nicht, wie Sie Ihre Kinder erziehen, Señor Valdés, und jetzt haben Sie bitte die Güte zu gehen.«
»Wie bitte?«, fragte mein Vater ungläubig.
Als wären wir Luft, nahm die Direktorin einige Papiere in die Hand und begann, sie zu lesen. Ihre Haltung brachte mich restlos auf die Palme. Ich trat an den Schreibtisch, riss der Direktorin die Papiere aus der Hand und warf sie auf den Boden.
»Was soll das, du Flegel!«
Ich fegte alles, was auf dem Schreibtisch lag, zu Boden. Die Direktorin stand auf und wich zurück.
»Ihr Sohn ist ein Teufel!«, schrie sie meine Eltern an. »Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei.«
Meine Mutter packte mich an der Hand und führte mich zur Tür. Mein – sichtlich wütender – Vater wollte noch etwas sagen, aber meine Mutter zerrte ihn weg.
»Lass dich nicht demütigen«, sagte sie und wandte sich dann an mich. »Geh in dein Klassenzimmer und hol deine Sachen.«
»Sie wollte es auch, ich schwör’s.«
»Hol jetzt deine Sachen.«
Ich ging zu meinem Klassenzimmer. Es war gerade Unterricht. Die Lehrerin ließ mich rein unter der Bedingung, dass ich nicht länger als eine Minute brauchte. Ich nahm meine Habseligkeiten, meine Hefte und Bücher und stopfte sie in meinen Rucksack. Meine Klassenkameraden starrten mich an, tuschelten miteinander. Bevor ich aufbrach, wechselte ich noch einen Blick mit Fuensanta. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah.
»Was hast du gesagt?«, hörte ich jemanden hinter mir fragen, mitten in der Partie. Ich wollte mich nicht ablenken lassen, die Mannschaft von Pulga Tena drängte gerade auf unser Tor.
»Was hast du gesagt?«, wiederholte die Stimme, diesmal noch bestimmter. Ich schlug den Ball weg und drehte mich um. Antonio, einer der guten Jungs, der so hochangesehenen jungen Katholiken aus dem Viertel, sah mich mit hartem Blick an.
»Was soll ich worüber gesagt haben?«
Antonio war drei Jahre älter als Carlos, seine Eltern hatten einen Schreibwarenladen in der Parallelstraße. Er war großgewachsen und pummelig, hatte kurze Kräuselhaare und trug wie alle guten Jungs ein langärmliges Hemd, ein weißes Unterhemd und ein Kreuz um den Hals.
»Was du gerade zu deinem Freund gesagt hast.«
»Weiß ich nicht mehr.«
»Du musst dich doch erinnern.«
Ich begann zu lachen. Mir war schleierhaft, was das Riesenbaby von mir wollte.
»Ich erinnere mich aber nicht.«
Er machte einen Schritt auf mich zu.
»Was hast du dem da gerade zugerufen?«
Er deutete auf Papita, der wie die anderen das Spiel unterbrochen hatte, um zuzuhören.
»Zu Papita? Ah, jetzt weiß ich’s wieder! Ich habe zu ihm gesagt, er soll kein Spast sein und den Ball weghauen.«
Antonio heftete seinen Blick auf mich.
»Das war das letzte Mal, dass du zu ihm oder zu sonst einem deiner Freunde hier auf der Straße ein Schimpfwort gesagt hast.«
Ich begriff nicht, worauf er hinauswollte.
»Was?«
»Ihr sollt keine unflätigen Sachen mehr sagen. Die Frauen in dieser Straße verdienen Respekt.«
Ich sah mich um: keine Frau nirgends.
»Was für Frauen?«, fragte ich und lachte.
»Ich warne dich«, sagte er. »Ich warne euch alle.«
Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging. Er war noch keine zehn Meter weit gekommen, als ich so laut wie möglich rief: »Fickt eure Mütter, ihr verfickten Oberficker.«
Alle lachten. Wutentbrannt drehte Antonio sich um und stürmte direkt auf mich zu. Er verpasste mir eine Ohrfeige, die solche Wucht hatte, dass ich umfiel. Chato Teno stürzte sich auf ihn, aber Antonio, der größer und kräftiger war als wir und neun Jahre älter, packte Chato an den Schultern, hob ihn mit einem Judogriff hoch und warf ihn zu Boden (die guten Jungs praktizierten alle Judo und Karate). Ich sprang auf und schlug ihm mit der Faust aufs Ohr, doch er bekam mich am Hemd zu packen und schleuderte mich bäuchlings auf den Asphalt.
Diesmal hielten die anderen sich zurück.
Antonio deutete mit dem Finger auf mich. »Ich warne dich: Ich will nie wieder irgendein Schimpfwort von euch hören.« Dann wandte er sich an meine Freunde: »Wir werden euch Respekt lehren, falls nötig, auf die harte Tour. Wenn nicht ich, wird jemand anderer von uns euch zur Räson bringen. Ihr solltet lieber aufpassen, was ihr sagt.«
Herausfordernd blickte er in die Runde und ging weg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Schon wieder Blut, viel Blut, diesmal blubberte es aus meiner Nase.
An dem Nachmittag, an dem Chelo und ich uns zum ersten Mal liebten, regnete es. Es regnete seit dem Morgen des vorigen Tages, an dem wir meine Eltern begruben, so, wie es auch an dem Tag geregnet hatte, als wir Carlos begraben hatten. Sie starben drei Jahre nach ihm. Das Auto war auf der Landstraße ins Schleudern geraten und einen Abhang hinuntergestürzt. Sosehr meine Mutter und mein Vater es auch versucht hatten, sie waren nie über Carlos’ Tod hinweggekommen. Sie waren zu Gespenstereltern geworden, die im Haus umhergingen, beladen mit der Schuld, sich auf einer Europareise vergnügt zu haben, während ihr Sohn auf einem Dach in der Nachbarschaft ermordet wurde. Gespenstereltern, die beim Abendessen urplötzlich in Tränen ausbrachen. Gespenstereltern, die ich früh am Morgen dabei ertappte, wie sie den leeren Stuhl anstarrten, auf dem mein Bruder immer gesessen hatte. Gespenstereltern.
Sie arbeiteten härter denn je. Mein Vater schaffte es, sich wieder ein Auto zu kaufen, aber von Stolz oder Zufriedenheit war diesmal nichts zu spüren. Stattdessen war alles geprägt von Schmerz, Tränen und einer schweren Depression. So schwer, dass mein Vater es nicht einmal bemerkte, als meine Großmutter starb, die ebenfalls deprimiert war und sich damit quälte, dass sie den Tod ihres geliebten Enkels nicht hatte verhindern können. Sie starb vor dem Fernseher, als sie mal wieder eine ihrer Quizsendungen schaute. Geschwächt, wie sie war, schloss sie die Augen und hauchte lautlos ihr Leben aus. Mein Vater, der im Esszimmer am Tisch saß und zum x-ten Mal auf der Packung den Hinweis las, wie gesund Cornflakes waren, bemerkte nicht, dass das Leben der Frau, die ihm seines geschenkt hatte, erloschen war. So sehr war er zum Gespenst geworden, dass er das Licht im Esszimmer ausmachte, meiner toten Großmutter eine gute Nacht wünschte, sie auf die Stirn küsste und hoch ins Bett ging. Ich war derjenige, der am frühen Morgen an seine Tür klopfte, um ihm zu sagen, dass der Fernseher noch lief und meine Großmutter sich nicht mehr bewegte. Mein Vater war in beide Richtungen zur Waise geworden: die Mutter verloren und den Sohn verloren.
Meine Eltern kauften dieses Auto als eine Rakete in den Tod. Eine Kugel auf vier Rädern, um sich selbst zu töten. Mein Vater, der bei seinen Freunden als versierter Fahrer galt, verlor in einer einfachen Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug. Er und meine Mutter stürzten in einen vierzig Meter tiefen Abgrund. Sie waren unterwegs zum Geburtsort meiner Großmutter, einem Dorf in Tamaulipas, um ihre Asche in dem mitten im Urwald gelegenen Familiengrab beizusetzen.
Die zehn Angehörigen, die wir auf ihrer Beerdigung den Regen über uns ergehen ließen, wurden nass und schmutzig (»ungepflegt« hätte der Pförtner meiner Schule gesagt). Meine Freunde standen mir zur Seite, Agüitas weinte ununterbrochen.
Das Gewitter legte auch während der Beerdigung keine Pause ein. Der Regen machte aus der Grube, in der meine Eltern begraben werden würden, ein Schlammloch. Regen fiel, als die Totengräber Erde auf den Sarg schaufelten. Regen, immer noch mehr Regen. Die Sachverständigen hatten festgestellt, dass das Auto auf der feuchten Fahrbahn ins Schleudern geraten war. Ich wusste, dass das nicht stimmte. Mein Vater hatte meine Mutter angesehen, und meine Mutter hatte seinen Blick erwidert, und beide hatten gewusst, dass sie nicht länger kämpfen wollten. Mein Vater hatte die Hände vom Steuer genommen und zugelassen, dass der Wagen unkontrolliert auf die Schlucht zuraste. So und nicht anders war es gewesen.
Keiner von denen, die auf der Rückfahrt mit mir im Auto saßen, sagte ein Wort. Alle waren fröstelnd in Gedanken versunken. Mein Onkel setzte mich zu Hause ab, und meine Freunde machten sich niedergeschlagen auf den Heimweg. Ich war allein. Ich betrat das Haus, in dem mich zwei Wellensittiche und ein Deutscher Boxer erwarteten. Das riesige Haus, in dem jetzt meine unsichtbaren Geschwister wohnten, meine unsichtbaren Eltern, meine unsichtbare Großmutter.
Am nächsten Tag ging ich trotz des Regens nach draußen und drehte eine Runde nach der anderen um den Block. Drinnen hielt ich es einfach nicht aus. Chelo sah mich durch das Fenster. Sie kam heraus und humpelte mitten im Gewitter auf mich zu. Und dann umarmte sie mich. Keine Beileidsbekundung, keine Worte, nur eine Umarmung.
An diesem Nachmittag liebten wir uns in meinem Zimmer, meinem Unterschlupf eines verwundeten Tiers. Chelo bat mich, das Licht auszuschalten. Sie wollte mir den Anblick der Narben auf ihren Beinen ersparen, der von zehn Operationen massakrierten Oberschenkel, bei denen ihre Knochen Stück für Stück wieder zusammengefügt worden waren.
Ich ließ das Licht an, streifte meine Hose ab und zeigte ihr die Narbe, die über mein ganzes Bein verlief. Sie wusste nichts von meinem Unfall. Unter Küssen zog ich ihr den Rock aus. Legte meine Narbe auf ihre. Wunde auf Wunde. Nach ihrem Sturz aus sechs Metern Höhe hatten ihre Eltern sie mit Verachtung gestraft. »Das ist dir nur passiert, weil du auf den Dächern rumhurst«, warf ihr Vater ihr vor. Canicas, ihr Freund, der ihr ewige Liebe und Verbundenheit geschworen hatte, hatte nicht einmal den Anstand gehabt, sie anzurufen und zu fragen, wie es ihr ging. Nur Carlos und Fernando Prieto besuchten sie im Krankenhaus. Carlos sogar jeden Tag.
Während wir uns liebten, ballte sich die Traurigkeit in meiner Kehle. Ich benutzte kein Kondom. Es war ihr egal, ob sie schwanger wurde. Sie umschlang meinen Körper, und ich ließ es geschehen auf meiner Flucht vor so viel Tod.
Nach Schulschluss mussten wir uns auf Bankreihen setzen, um zu warten, bis wir abgeholt wurden, Jungs und Mädchen getrennt. Meine Eltern hatten eine Erlaubnis unterschrieben, dass ich mit meinem Bruder Juan Carlos nach Hause gehen durfte. Obwohl ich also auf niemanden warten musste, setzte ich mich gern noch eine Weile zu meinen Klassenkameraden, nicht ihretwegen, sondern weil auf der gegenüberliegenden Bank Fuensanta saß.
Wenn jemand sich schlecht betrug, wurde er zur Strafe auf die Bank des anderen Geschlechts gesetzt. Für einen Jungen galt es als Erniedrigung, bei den Mädchen zu landen. Nicht so für mich. Ich tat, was ich konnte, damit ich bestraft wurde und neben Fuensanta gesetzt wurde, was ziemlich häufig passierte.
Fuensanta war blond, hatte hellbraune Augen und Sommersprossen. Eine Frau ohne Sommersprossen ist wie ein Taco ohne Salz, heißt es. Fuensanta hatte jede Menge Salz. Sommersprossen auf ihrer Stupsnase, Sommersprossen am Hals, Sommersprossen auf ihren Armen. Lange Haare, schlank, ernst, süß. Sie war die Tochter einer Amerikanerin aus Kansas und eines Biochemikers aus Coahuila, der in die Politik gegangen war. Sie gefiel mir seit dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah. Kein Mädchen hatte mir mit meinen neun Jahren je so gut gefallen.
Unsere Beziehung, wenn man das, was zwischen uns war, so nennen konnte, begann mit einem Kaugummi. Ich bat sie, mir einen zu geben. Sie erwiderte, der, den sie kaue, sei ihr letzter, aber er habe noch ein bisschen Geschmack. »Traust du dich?«, fragte sie. Ich nickte. Sie nahm den Kaugummi heraus und gab ihn mir. Ich steckte ihn mir in den Mund, erregt von dem Gefühl ihres Speichels auf meiner Zunge. Nachdem ich eine Weile darauf gekaut hatte, wagte ich, sie zu fragen: »Wenn ich ihn dir zurückgebe, traust du dich dann auch?« Zehn ewig dauernde Sekunden dachte sie nach. Dann nickte sie. Sie nahm den Kaugummi und steckte ihn sich anmutig in den Mund.
In der Pause Kaugummis hin und her zu tauschen, wurde zu einer täglichen Routine, zu unserer Art, uns zu küssen.
»Recess« hieß an unserer Schule die Pause. Und im Recess durfte man nur Englisch sprechen. »Pass me the ball«, »Do you want a piece of my sandwich?«, »It’s awesome«. Iowa mitten in Mexiko. Um sicherzustellen, dass wir in der Pause tatsächlich Englisch sprachen (und um uns zu kontrollieren und zu überwachen), hatte die Schule ein perverses Spionagesystem namens »Safety Patrols« eingeführt. Die Schüler mit den besten Noten galten als die Elite dieser Mini-Gestapo. Nur sie durften sich in der Pause auf den Gängen aufhalten, um dafür zu sorgen, dass niemand die Klassenzimmer betrat und klaute; sie wachten darüber, dass man sich an die Regeln hielt und nur Englisch sprach, dass man nicht über die Flure flitzte, wenn die Schulglocke läutete, dass man das Hemd ordentlich in die Hose gestopft hatte, dass man im Gänsemarsch ins Klassenzimmer zurückkehrte, dass man sich in der Cafeteria nicht vordrängelte, dass man nicht über die Stränge schlug. Wenn eine Safety Patrol auf einen zeigte, und war die Anschuldigung noch so an den Haaren herbeigezogen oder ungerecht, bekam man eine Fünf in Betragen. Zwei Fünfen bedeuteten drei Tage Schulverweis, drei Fünfen zwei Wochen Schulverweis und vier Fünfen endgültigen Schulverweis. Die Safety Patrols verfügten über ein gut ausgestattetes Arsenal, um einen zu bedrohen oder zu erpressen. Ein faschistisches Machtwerkzeug in Händen von neun- und zehnjährigen Kindern.
Auch Fuensanta gehörte zur Safety Patrol. Sie war eine hervorragende Schülerin. Die Älteste in unserer Klasse: zehn Jahre und fünf Monate alt. Ich war der Jüngste: neun Jahre und zwei Monate alt. Sie war ein Jahr zurückgestuft worden, weil ihr ein Jahr Grundschule in Buenos Aires, wo ihr Vater an der Botschaft gearbeitet hatte, nicht anerkannt worden war. Sie war anders als der Rest von uns. Sie wusste mehr als irgendwer sonst und sprach außer Englisch auch noch Französisch.
Mit der Zeit wurde die Sache mit den Kaugummis immer raffinierter. Wir reichten sie uns nicht mehr nur von Hand zu Hand, sondern auch von Mund zu Mund. Sekundenlang ergötzte ich mich an ihren warmen Lippen, an ihrer Zunge, die den Kaugummi auf meine legte.
In den Pausen trafen wir uns in einer abgelegenen Ecke des Hofs. Wir hatten rund zwanzig Minuten, dann musste sie sich wieder der Spionage und Überwachung widmen. Wir sprachen wenig und nie über uns. Ich fürchtete, sie könnte sich von mir distanzieren, wenn ich ihr von meiner Welt der Dächer erzählte, von Eltern, die ihr Auto hatten verkaufen müssen, um die Schulgebühren aufzubringen. Wie ich später erfuhr, schämte sie sich für ihre Familie: einen trinkenden und gewalttätigen Vater, korrupten und arroganten Politiker; eine hübsche und unterbelichtete Mutter, die vom Vater verprügelt wurde und emotional abgestumpft war. Da wir diese Dinge außen vor ließen, beschränkten sich unsere Gespräche auf die Schule, auf Tratsch über Klassenkameraden, Lehrer, die man mochte oder nicht mochte, Klagen über zu viele Hausaufgaben.
Eines Tages bekam ich mit, wie Carlos mit einem Mädchen im Rock »Spinnlein« spielte. Das Spiel bestand darin, die Hand auf das Knie zu legen, langsam die Finger zu spreizen, als wären sie die Beinchen einer Spinne, und das Bein zu streicheln. Das Mädchen wurde rot und bekam eine Gänsehaut. Also dachte ich mir, es wäre eine gute Idee, mit Fuensanta Spinnlein zu spielen.
In einer Pause schlug ich vor, in unserer einsamen Ecke »little spiders« zu spielen.
»Was ist das?«
»Zeig mal dein Knie her.«
Sie hielt mir ihr linkes Bein hin. Ich schloss die Finger meiner rechten Hand, legte sie auf ihr Knie und fächerte sie langsam auf. Es funktionierte: Sie erschauderte und bekam eine Gänsehaut, genau wie das Mädchen von Carlos. Ich hob den Blick und bemerkte, dass sie ihre Beine gespreizt hatte. Ganz hinten schimmerte weiß ihr Höschen. Sie ertappte mich dabei, wie ich hineinstarrte, schloss ihre Beine aber nicht.
»Soll ich weitermachen?«, fragte ich.
Sie dachte kurz nach und nickte. Ich legte meine Finger auf die Innenseite ihres rechten Oberschenkels und streichelte ihn langsam. Sie wand sich, bekam wieder eine Gänsehaut.
»Hat’s dir gefallen?«
Fuensanta seufzte. An ihrem Hals traten kleine rote Flecke hervor. Kurz sahen wir uns an. Beide atmeten wir schnell. Mir pochte das Herz im Bauch.
»Noch mal?«, fragte ich mit zitternder Stimme.
»Ja«, hauchte sie.
Ich ließ das Spinnlein bis zu ihrem Schritt hinaufkrabbeln. Dann fuhr ich meine Finger aus und tastete mich an den Stoff ihres Höschens heran. Als Fuensanta es merkte, zuckte sie zurück und blickte sich um. Sie keuchte ein wenig. Dann beruhigte sie sich wieder, und ich streifte ihr mit den Fingern leicht über die Scham. Sie sah mich nur an, schob meine Hand nicht weg.
Plötzlich schloss sie die Beine und rückte ein Stück von mir ab. Mit dem Kinn deutete sie hinter mich: Zwei ihrer Freundinnen näherten sich. Ich stand auf und schüttelte meine Hose, damit nicht so auffiel, wie steif mein Pimmel war.
»Wir sehen uns«, sagte ich.
Sie lächelte gezwungen und wollte etwas sagen, doch sie hatte einen Kloß im Hals. Auch ich brachte kein Wort hervor. Ich ging an ihren Freundinnen vorbei und mischte mich unter meine Klassenkameraden, die auf dem Schulhof Basketball spielten.
