Der Zitronengarten - Helena Marten - E-Book

Der Zitronengarten E-Book

Helena Marten

0,0

Beschreibung

»Ein wunderbarer Roman mit perfekten Zutaten: zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können, Liebe und Leid, eine uralte Familienfehde und der Weg einer schüchternen, jungen Frau zur Emanzipation.« Radio hr 1 Frankfurt am Main, 1764: Seitdem ihr Bruder verschollen ist, hat Luisa ihrem Vater im Familienunternehmen der Montanaris stets klug und bedacht zur Seite gestanden. Doch als ihr Vater verstirbt, reißt ausgerechnet Luisas großmäuliger Cousin Pier-Luigi die Geschäfte an sich – für eine Frau ist dort plötzlich kein Platz mehr. Luisa bleibt nur die alte Mühle am Urselbach mit ihrem Zitronengarten. Doch selbst dieses kleine Stück Glück muss sie teilen: eine Hälfte des Grundstücks hat ihre italienische Halbschwester Francesca geerbt, von deren Existenz sie bisher nicht einmal wusste. Luisa begreift, dass sie selbst nun der Anker im Sturm sein muss, der sich über ihrer in alle sieben Winde verstreuten Familie zusammenbraut. Also wagt sie die beschwerliche Reise über die Alpen. Aber welche Gefahren erwarten sie in Italien? Und wird sie hier womöglich sogar ihr persönliches Glück finden?  Ein mitreißender, sinnlicher Roman für Fans von Ulrike Renk und Wolf Serno: »Helena Marten schreibt Geschichten, die eine geradezu überwältigende Wirkung besitzen und die Lesenden einfach nur glücklich machen.« www.literaturmarkt.info

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 730

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

Frankfurt am Main, 1764: Seitdem ihr Bruder verschollen ist, hat Luisa ihrem Vater im Familienunternehmen der Montanaris stets klug und bedacht zur Seite gestanden. Doch als ihr Vater verstirbt, reißt ausgerechnet Luisas großmäuliger Cousin Pier-Luigi die Geschäfte an sich – für eine Frau ist dort plötzlich kein Platz mehr. Luisa bleibt nur die alte Mühle am Urselbach mit ihrem Zitronengarten. Doch selbst dieses kleine Stück Glück muss sie teilen: eine Hälfte des Grundstücks hat ihre italienische Halbschwester Francesca geerbt, von deren Existenz sie bisher nicht einmal wusste. Luisa begreift, dass sie selbst nun der Anker im Sturm sein muss, der sich über ihrer in alle sieben Winde verstreuten Familie zusammenbraut. Also wagt sie die beschwerliche Reise über die Alpen. Aber welche Gefahren erwarten sie in Italien? Und wird sie hier womöglich sogar ihr persönliches Glück finden?

Über die Autorin:

Helena Marten ist ein Pseudonym, hinter dem sich zwei Autorinnen verbergen. Beide leben in Frankfurt am Main und sind in der Verlagsbranche tätig.

Helena Marten veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romane »Die Porzellanmalerin« und »Die Kaffeemeisterin«.

***

eBook-Neuausgabe April 2025

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Gemäldes von August von Bonstetten: Villa Carlotta, Lago di Como sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98952-644-0

***

dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Helena Marten

Der Zitronengarten

Historischer Roman

dotbooks.

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL l6

KAPITEL 17

KAPITEL l8

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

LESETIPPS

KAPITEL 1

Frankfurt, 5. Januar 1764

»... vermache ich im Falle meines Todes, wie bei den Montanaris von jeher üblich, die Firma meinem Sohn Roberto, der dafür sorgen möge, dass der Familienbesitz im Fideikommiss zusammengehalten werde, um ihn einmal in guter alter Tradition seinem ältesten Sohn weitervererben zu können.«

Luisa spürte, wie eine kalte Hand ihr Herz zusammendrückte. Das konnte nicht sein!

»Sind Sie sicher, dass Vater sein Testament nicht noch einmal geändert hat?«

Wie immer hatte ihre Stimme schwach und fiepsig geklungen. Zu leise, um den unablässig gegen die Scheiben trommelnden Regen zu übertönen. Ihr schien es, als wollte der Regen sie verhöhnen, sie wieder und wieder an das erinnern, was drei Tage zuvor geschehen war: Ihr Vater, Domenico Montanari, seines Zeichens Großkaufmann und Inhaber der bekannten Frankfurter Gewürz- und Südfrüchte-Handlung Montanari & Figli, war in dem schlimmsten Hochwasser, das die Stadt seit Jahrzehnten heimgesucht hatte, ertrunken.

Noch nicht einmal begraben hatten sie ihn können, denn seit Tagen schon hatte sich Frankfurt in eine Sumpflandschaft verwandelt, in der man alle Wege auf Planken zurücklegen musste. Der Römerberg war bis oben hin überflutet, sämtliche Gassen überschwemmt, alles stand unter Wasser. Domenico hatte einen Teil seiner Waren im Keller von Grete Dietz gelagert, einer Freundin seiner Frau Sigrid, deren Haus sich ganz unten am Mainufer befand. Er hatte die erst kürzlich aus dem Latium angelieferten dreißig Pecorino-Laibe retten wollen und sich in den schon halb überfluteten Keller begeben, nachdem Grete samt Familie und Dienstboten längst Heim und Hof verlassen und sich bei den Montanaris einquartiert hatte. Als der Gehilfe Hans sich schließlich mit einem Boot auf die Suche nach seinem Herrn gemacht hatte, konnte er nur noch dessen Leichnam bergen.

Warum nur war Domenico dieses Risiko eingegangen?, hatten sich alle verwundert gefragt. Was hätte es schon groß ausgemacht, wenn ein bisschen Käse weggeschwemmt worden wäre? Ihr Vater war immer ein sparsamer Mann gewesen, hatte Luisa versucht, sich und den anderen zu erklären. Auch wenn er reich war, galt Sparsamkeit für ihn als die oberste Tugend eines Kaufmanns. Immer wieder hatte er sie alle an die bescheidenen Ursprünge der Montanaris erinnert. Von einem kleinen Ort am Comer See waren vor nicht ganz hundert Jahren Carlo und Giuseppe Montanari aufgebrochen, um Handel zu treiben. »Pomeranzengänger« und »Zitronenkrämer« hatte man die Italiener damals genannt. Mit einer Kiepe auf dem Rücken waren sie durch die Dörfer gezogen und hatten alles verkauft, was die Bauern gebrauchen konnten. Kaum zu glauben, dass aus solch primitiven Anfängen ein so großes Handelsunternehmen entstanden war.

»Wie bitte?«, fragte der Notar in einem geschraubten Tonfall, den er offenbar für besonders pietätvoll hielt.

Luisa wiederholte ihre Frage, so laut sie konnte.

»Na-tür-lich!«

Der Notar, ein alter Vertrauter ihres Vaters, betonte jede einzelne Silbe feierlich, als würde er zu jemandem sprechen, der nur eingeschränkt zurechnungsfähig war. Luisa hatte ihn nie gemocht, weil er sie immer wie ein kleines Kind behandelte. Schon zehn Jahre zuvor, als es um den Kaufvertrag für die Mühle in Niederursel ging, hatte sie ihren Vater gebeten, den Notar zu wechseln, doch Domenico hatte wieder einmal nicht auf sie gehört. »Er spricht so ein ausgezeichnetes Italienisch«, hatte er nur gesagt. Und auch Roberto hatte nichts davon wissen wollen. »Herablassend findest du den?«, hatte er erstaunt gefragt. »Der ist doch ein hochanständiger Mensch.«

Hinrich Hocke war ein Mann um die fünfzig, der immer wie aus dem Ei gepellt war. Nur dass er heute in Strümpfen dasaß, weil seine Stiefel von dem Hochwasser völlig durchnässt waren. Nun versuchte er unauffällig seine Füße in Richtung Kaminfeuer zu schieben, wohl in der Hoffnung, dass sie so schneller trockneten.

»Nun lass ihn doch erst einmal ausreden, Luisa!«

Sigrid Montanari saß kerzengerade auf der äußersten Kante des wuchtigen Gobelin-Kanapees, das ihre Mutter Melusine ihr vor sechsundzwanzig Jahren zur Hochzeit geschenkt hatte. Wenn man nicht auf der Kante saß, versank man vollkommen in den gewaltigen Polstern. Dieses Sofa war ein echtes Ungetüm, wie Luisa schon immer gefunden hatte, und mit seinen sechs Sitzplätzen eindeutig zu groß für die gute Stube der Montanaris. Der Raum wirkte vollgestopft durch das riesige Möbelstück. Aber Sigrid liebte das Kanapee nun einmal, und allein das zählte. Es erinnerte sie an ihre Kindheit auf dem Weingut im Rheingau, wo sie ein ganz ähnliches Sofa gehabt hatten.

Auch mit Ende vierzig sah Sigrid Montanari, geborene Klinger, noch genauso gesund und frisch aus wie die junge Winzerstochter, die sie einmal gewesen war. Blond und heiter, rosig und stramm. Daran hatte auch der Tod ihres Gatten nichts geändert. Obwohl Luisa ihre Mutter noch nie in der typischen Winzerinnentracht mit dem geflochtenen Haarkranz gesehen hatte, war sie der festen Überzeugung, dass dieser Aufzug ihr am allerbesten stehen würde. Als sie so etwas einmal angedeutet hatte, war Sigrid in helles Gelächter ausgebrochen. Als Witwe trug sie jetzt ohnehin nur noch Schwarz und als einzigen Schmuck ein großes hölzernes Kreuz um den Hals, das ihr etwas Nonnenhaftes verlieh.

»Aber Mutter, begreifst du denn nicht, was das bedeutet?«

Sigrid Montanari wich dem Blick ihrer Tochter aus.

»Nein, das begreife ich nicht! Es ist jawohl klar, dass Roberto Domenicos Erbe ist. Du hast doch nicht etwa gedacht, dass du die Firma erben würdest?«

»Sollte Roberto bei meinem Ableben noch nicht zurückgekehrt sein, ernenne ich meinen Bruder Eugenio Montanari aus Tremezzo zum Verwalter des Vermögens«, fuhr der Notar salbungsvoll fort.

Sigrid nestelte an den Bändern ihrer schwarzen Witwenhaube und versuchte Haltung zu bewahren. Warum denn Eugenio?, fragte sie sich. Nach all dem, was vorgefallen war? Er hätte doch auch seinen jüngeren Bruder nehmen können, Andrea Montanari. War ihr da vielleicht etwas entgangen?

»Im Falle von Robertos nachgewiesenem Tod ...«

Aus den Augenwinkeln sah Luisa, wie Sigrid sich bekreuzigte und heftig den Kopf schüttelte.

»... setze ich meine beiden Töchter Luisa und Francesca Montanari gemeinsam als Erbinnen der Firma ein.«

Hinter Luisas Rücken ließ Matthias Bonfiglio, der Vierte im Raum und Bankier der Familie, ein erschrockenes Räuspern ertönen.

Erst in dem Moment dämmerte Luisa die Bedeutung von Hinrich Hockes Worten. Was hatte der Notar gesagt – »... meine beiden Töchter«?

»Können Sie das bitte noch einmal wiederholen?«, brachte sie hervor.

»Was wiederholen?«

Der Notar warf ihr unter seinen hochgezogenen Brauen einen Blick zu, in dem sich deutlich seine Ungeduld spiegelte.

»Was ... Was Sie da eben vorgelesen haben«, flüsterte Luisa kaum hörbar.

Sie fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Hilfesuchend schaute sie zu ihrer Mutter hinüber, die angestrengt an die Decke starrte, als gäbe es dort etwas zu sehen, das dringend ihrer Aufmerksamkeit bedurfte.

»... setze ich meine beiden Töchter Luisa und Francesca Montanari gemeinsam als Erbinnen der Firma ein«, leierte Hinrich Hocke herunter.

Sie hatte sich also nicht verhört. Nicht nur hatte ihr verschollener, aller Wahrscheinlichkeit nach seit Jahren verstorbener Bruder Roberto das gesamte Vermögen ihres gemeinsamen Vaters geerbt – nein, zu allem Überfluss tauchte jetzt plötzlich auch noch eine Schwester auf, von der sie nie zuvor etwas gehört hatte.

Hatte Luisa sich gerade noch so gefühlt, als würde ihr der Teppich unter den Füßen weggezogen, kam es ihr jetzt vor, als würde sie von einer Sintflut hinweggespült. Als hätte der Regen draußen sich in eine tosende Flutwelle verwandelt, die alles fortschwemmte, was bisher ihre Welt gewesen war. Klirrend zerbrachen die Fenster unter der ersten schäumenden Woge. Der Sekretär ihrer Mutter kippte um und trieb auf einem Wellenkamm auf sie zu. Eine zweite Welle riss die Vorhänge herunter, schwappte über den Kaminschirm und löschte das gerade noch friedlich vor sich hin prasselnde Feuer aus. Dem Notar wurde das Testament aus den Händen gerissen, bevor er taumelnd in den Fluten versank. Sie meinte es donnern zu hören und sah Blitze über den Himmel zucken. Der Wind peitschte ihr um die Ohren. Dann bekam sie einen Schwall Wasser in Mund und Nase, an dem sie glaubte, ersticken zu müssen, und wurde aus ihrem Sessel geschleudert. Und während sie in einem weißgischtigen Strudel versank, sah sie noch, wie die Kupferstiche der heiligen Hildegard, der heiligen Elisabeth und der heiligen Ursula an der Wand gegenüber zu wackeln begannen und schließlich die ganze Wand in sich zusammenkrachte. Ihr war schwarz vor Augen, alles um sie herum drehte sich. Hatte sie gedacht, dass der Tod ihres Vaters der Weltuntergang für sie war, dann befand sie sich nun in der Hölle selbst.

Luisa kniff sich in den Arm, ein Trick aus Kindertagen, den sie stets angewandt hatte, wenn sie drohte, die Beherrschung zu verlieren. Sie konnte und wollte jetzt hier nicht in Tränen ausbrechen, sie musste sich zusammenreißen. Sie hob den Blick und schaute in die Runde.

Niemand schien mitbekommen zu haben, welchen Gefühlssturm die Verlesung des Testaments in ihr ausgelöst hatte. Ihre Mutter wahrte wie immer Haltung. Mit anmutig gesenktem Kopf thronte sie auf ihrem Kanapee und blätterte in dem Gebetbuch auf ihrem Schoß, als wäre alles in bester Ordnung und sie müsste nur rasch noch etwas nachschlagen für den anstehenden Kirchgang. Keine Spur von Erstaunen oder gar Entsetzen war auf ihrem Gesicht zu entdecken. Luisa ließ den Blick weiterwandern. Der Notar hatte es offenbar aufgegeben, seine Socken am Kaminfeuer zu trocknen, und die Füße unter dem Stuhl gekreuzt.

Schließlich drehte sie sich zu Matthias Bonfiglio um. Er lehnte hinter ihr an dem Nussbaumschrank mit den Weinkelchen, eine Hand gestützt auf ein paar Heiligenbiografien, die auf Sigrids Damensekretär gestapelt waren, und schien sich wieder gefasst zu haben. Als er ihren fragenden Blick auf sich spürte, schnitt er unter seiner frisch gepuderten Perücke eine ratlose Grimasse und zog die Schultern hoch.

Matthias Bonfiglio entstammte einem traditionsreichen Bankhaus und damit Frankfurts besten Kreisen, was man seinem distinguierten Auftreten auf den ersten Blick ansehen konnte. Luisa hatte ihn schon immer für einen blasierten Langweiler gehalten, der andere Leute allein nach ihren Vermögensverhältnissen beurteilte und sich ansonsten nicht für menschliche Schicksale interessierte. Einen kalten Fisch hatte sie ihn immer für sich genannt und nicht verstanden, welchen Narren ihr Vater an ihm gefressen hatte. Ein solches Eingeständnis seiner Ratlosigkeit nun war für seine Verhältnisse geradezu ein Temperamentsausbruch.

Luisa drehte sich wieder nach vorn um. Ihre Mutter Sigrid starrte in ihr Gebetbuch und bewegte lautlos die Lippen, als hätte sie die richtige Stelle gefunden und müsste sie sich nun einprägen.

Doch Sigrid tat bloß so, als würde sie Luisas Augen auf sich nicht spüren. Den Aufschrei, der durch die gute Stube gehallt war, hatte nur sie allein gehört, hatte sie ihn doch selbst ausgestoßen, wenn auch lediglich in Gedanken. Alles war noch viel schlimmer, als sie erwartet hatte. Gut, dass sie saß. Bloß nichts anmerken lassen, das war schon immer ihre Meinung gewesen. Nicht darüber sprechen, dann war das Problem vielleicht gar nicht da. Wie konnte Domenico ihr das antun? Jetzt schickte er ihr auch noch aus dem Grab heraus die Geister seiner Vergangenheit ins Haus. Wenn es ihm schon gleichgültig war, was sie und Luisa empfanden, dann hätte er doch wenigstens an die Blicke der Leute, die sie jetzt ertragen mussten, denken können. Welches dreckige Wäschestück wohl als nächstes an die Öffentlichkeit gezerrt würde? In jeder Familie gab es doch Dinge, von denen niemand sonst wusste, über die man nicht redete. Warum nur hatte er die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen können? Vielleicht würde man morgen schon mit dem Finger auf sie zeigen.

Hinrich Hocke sah kurz zu Sigrid hinüber, als wartete er auf ihre Erlaubnis, um weitere Hiebe auszuteilen. Als sie sich nicht rührte, fuhr er mit seiner Verlesung fort.

»Außerdem vermache ich meinen beiden Töchtern die Mühle am Urselbach in Niederursel. Sie mögen sie gemeinsam bewirtschaften und schöne Stunden mit ihren Lieben dort verbringen ...«

Die Mühle am Urselbach – Luisa hätte nicht gedacht, dass es noch härter kommen könnte, aber nun versetzte ihr toter Vater ihr prompt den nächsten Schlag. Sie liebte die ehemalige Papiermühle, die Domenico als Ausflugsziel für die Familie gekauft hatte, über alles. Zumal letztlich nur sie den Montanaris wirklich gehörte, denn Italiener konnten als Nicht-Lutheraner innerhalb Frankfurts Grundbesitz nur pachten, nicht aber erwerben. Die Mühle bedeutete also auch eine gewisse Sicherheit für sie, eine Art letzte Zuflucht, hatte Luisa insgeheim immer gedacht. Als Katholiken waren sie in dieser Stadt schließlich nur geduldet. Und man konnte ja nie wissen, was dem Rat und der Kirche alles einfallen würde, um die Andersgläubigen zu schikanieren. Ursprünglich war Sigrid diejenige gewesen, die unbedingt ein Haus am Urselbach hatte besitzen wollen, da dieser nach ihrer Lieblingsheiligen Ursula benannt war. Zudem war die Mühle so gelegen, dass sie, wenn sie sonntagmorgens ganz früh aufbrach, rechtzeitig zum Gottesdienst nach St. Ursula in Oberursel kam. Doch nach einer Pilgerfahrt nach Köln, wo die heilige Ursula ihr Martyrium erlitten hatte, war Sigrids Liebe zu der britannischen Jungfrau plötzlich erloschen, und sie hatte sich nur noch selten in den Taunus aufgemacht.

Luisa hatte daraufhin begonnen, neben der Mühle eine Orangerie mit den verschiedensten exotischen Gewächsen anzulegen. Zwar trugen ihre Zitronen- und Orangenbäumchen trotz intensiver Pflege und guten Zuredens kaum Früchte, und auch auf die Feigen und Oliven würde sie noch einige Zeit warten müssen, aber das spielte keine Rolle – die Mühle und ihr Zitronengarten, wie sie ihn nannte, waren ihr ureigenes kleines Reich. Dort war es hell und heiter, sogar wenn es in Strömen goss, wie heute. Obwohl es nicht wirklich sein konnte, dass das Licht im Taunus gleißender war als in Frankfurt – Niederursel lag nicht sehr hoch –, kam es ihr manchmal so vor. Sie hatte das Gefühl, dort, in ihrem Zitronengarten, eine andere zu sein. Der herb-frische Geruch der Zitrusbäumchen, der Anblick der saftigen Aprikosen, die als einzige Früchte gleich im ersten Jahr gediehen waren, weckten ihre Lebensgeister. Jedes Mal, wenn sie eine ihrer Aprikosen verspeiste, strich sie vor dem ersten Biss mit zwei Fingern vorsichtig über die samtige Schale. Die Frucht entfaltete ihren vollen Geschmack nicht auf Anhieb, sondern erst ein wenig später, nachdem man das Fleisch einen Moment in der Mundhöhle behalten hatte. Mit ihrem Bruder Roberto hatte Luisa oft Wetten abgeschlossen, wer von ihnen es länger schaffte, sich die Aprikose auf der Zunge zergehen zu lassen. Meistens hatte Roberto gewonnen, doch mehr als einmal hatte sie vermutet, dass er geschummelt und den angeblich im Mund behaltenen Bissen einfach wieder hochgewürgt hatte.

Und noch etwas hatte sie in der Mühle gespürt: So wie die Zitronenbäume, die Feigen und Orangen Zeit brauchten, bis sie Früchte trugen, so wie die Aprikose Zeit brauchte, um ihren Geschmack zu entfalten, so war es auch mit ihr, Luisa. Ihre Zeit stand erst noch bevor. Auch sie musste noch erblühen und zur Reife gelangen. Dann würde sich endlich das Glück zeigen, das sich auf ihrem bisherigen Lebensweg noch so rar gemacht hatte. Eines Tages würde es ganz bestimmt kommen, hatte sie immer gedacht, wenn sie sich allein in ihrem Zitronengarten befand und sich ihren Tagträumen hingab.

Doch nun sollte plötzlich Schluss damit sein. Sie sollte diesen Ort, ihren geliebten Zufluchtsort, mit jemandem teilen, den sie gar nicht kannte. Der wie aus heiterem Himmel in ihr Leben eingebrochen war. Mit dem sie auf Anordnung ihres Vaters, dieses feigen Lügners, der es nicht für nötig befunden hatte, ihr zu Lebzeiten die Existenz seiner anderen Tochter zu enthüllen, auch noch »schöne Stunden« mit ihren jeweiligen »Lieben« auf der Mühle verbringen sollte. Welch ein Hohn!

Durch den Regen beobachtete Luisa, wie in dem Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Neuen Kräme bereits die Kerzen angezündet wurden. Die Monate, in denen es so früh dunkel wurde, waren für sie schon immer die schlimmsten gewesen. Gleich würde Dörte, das neue Mädchen, hereinkommen und auch bei ihnen die Leuchter anzünden.

»Meiner Frau Sigrid vermache ich das Bildnis der heiligen Hildegard. «

Ein schwaches Lächeln huschte über Sigrids Antlitz, war doch die Äbtissin Hildegard in ihrer Verehrung an die Stelle der heiligen Ursula getreten. Sigrid hatte vor einigen Monaten die Rheingauerin in sich wiederentdeckt, und obwohl Hildegards Wirken vor allem in Bingen stattgefunden hatte, war sie dennoch regelmäßig über den Rhein gerudert, um das Kloster in Eibingen bei Rüdesheim zu leiten. »Eine gestandene Frau. Mit Visionen!«, hatte Sigrid ihrer Familie ihr plötzliches Umschwenken erklärt.

Wie oft hatten Domenico, Roberto und sie über Sigrids Heiligentick geschmunzelt, erinnerte sich Luisa und spürte den Groll gegen ihren Vater noch heftiger in sich aufsteigen.

»Schließlich vermache ich noch meinem treuen Freund und Ratgeber Matthias Bonfiglio meine geliebte Sammlung Weinkelche.«

Auch das noch! Matthias Bonfiglio wäre fast aus den Schuhen gekippt. Seine Hand krampfte sich um eine der dickleibigen Heiligenbiografien auf dem Sekretär. Der gute Domenico hatte es wirklich geschafft, in seinem Testament alle gegeneinander aufzuhetzen. Und das vermutlich völlig ungewollt. Jetzt war nicht nur Luisa wütend auf ihn, jetzt hatte er auch noch Sigrid Montanari gegen sich, der die Weinkelche natürlich viel eher zugestanden hätten. Nicht, dass er Domenicos Geschenk nicht zu würdigen gewusst hätte! Der Kaufmann war ihm trotz des Altersunterschieds immer ein guter Freund gewesen, und er fühlte sich der ganzen Familie verbunden. Vor allem Luisa, hatte er sich nach dem Tod seiner Frau irgendwann eingestehen müssen, ohne dass seine Neigung freilich jemals erwidert worden wäre. Er führte das darauf zurück, dass ihre Eltern zu offensichtlich versucht hatten, ihn als Heiratskandidaten in Stellung zu bringen und Luisa sich auf ihre stille, aber umso verstocktere Art dagegen gesperrt hatte. Seltsamerweise hatte er ihr das nie übelgenommen, aber in ihr schien es weiter nachzuklingen, so garstig wie sie sich manchmal in seiner Gegenwart benahm.

Sigrid Montanari, die bei der Eröffnung des Notars hörbar nach Luft geschnappt hatte, klappte ihr Gebetbuch zu. Ihr war plötzlich heiß, und sie öffnete ihre Witwenhaube unter dem Kinn, um sich mit den breiten Rüschenbändern Luft zuzufächeln. Domenico hatte doch gewusst, dass sie an den Weinkelchen hing, die nur zu ganz seltenen Gelegenheiten aus dem Nussbaumschrank genommen wurden! Die Sammlung mit den uralten Gefäßen war um einiges wertvoller als das Bildnis der heiligen Hildegard. Natürlich waren die Kelche bei Matthias Boniglio bestens aufgehoben, doch gerade er hätte sich ohne Weiteres selbst eine solche Sammlung kaufen und sie in seine schon vorhandenen Bestände an Kunstgegenständen und Kuriositäten integrieren können. Ganze Paläste konnte man mit dem füllen, was er schon besaß.

Die Stille, die sich im Raum auszubreiten begann, lastete so schwer auf ihnen, dass Matthias Bonfiglio meinte, gleich ersticken zu müssen. Er heftete seine Augen auf Luisas strengen Dutt, um den sie ein schwarzes Spitzentuch gebunden hatte. Wie ein Fremdkörper thronte das Gebilde auf ihrem Hinterkopf. Und da wandte sie sich auch schon zu ihm um und maß ihn mit eisigem Blick.

»Das habe ich nicht gewusst«, stammelte er und hob in einer entschuldigenden Geste die Hände, sodass der prächtige grüne Stein an seinem breiten Goldring im Schein des Kaminfeuers zu funkeln begann.

Du Heuchler, dachte Luisa. Für einen Moment spürte sie einen regelrechten Hass gegen den Bankier in sich aufwallen. Doch dann musste sie sich eingestehen, dass dieser wohl kaum für Domenicos Entscheidungen verantwortlich gemacht werden konnte. Sie merkte, wie ihre Wut in Verzweiflung umschlug und ein Schluchzen in ihrer Kehle aufstieg. Das war alles ein bisschen viel für sie. Erst der Tod des Vaters und dann ein solches Testament! Sie hatte ihren Vater geliebt, und an dieser Liebe sollte sich auch nach seinem Tod nichts ändern, egal was man Domenico vorwerfen konnte. Tote vermochten nun einmal nichts mehr zu erklären, nichts mehr zurechtzurücken. Ihr Vater hatte sie ebenfalls geliebt, das wusste sie genau. Vielleicht nicht so, wie er seinen Sohn Roberto geliebt hatte, aber der war ja auch jedermanns Liebling gewesen, mit seinem unwiderstehlichen Charme, dem hübschen Gesicht und strahlenden Lächeln.

»Luisa ...«

Ihre Mutter hatte sich aus dem Kanapee hochgestemmt und war auf sie zugetreten, um ihr die Hand auf die bebende Schulter zu legen.

»Wir werden sofort an Zio Eugenio schreiben, dann wird er schon alles regeln. Zumindest so lange, bis Roberto wieder da ist«, sagte sie mit fester Stimme, während sie einen ungnädigen Seitenblick zu Matthias Bonfiglio hinüberwarf.

»Roberto ist tot, Mutter. Sieh das doch endlich ein!«

Luisa stützte den Kopf in die Hände, um ihr tränenüberströmtes Gesicht zu verbergen.

Sigrid schüttelte vehement den Kopf.

»Wir müssen ihn für tot erklären lassen«, beharrte Luisa mit dumpfer Stimme.

»Niemals!«

Sigrid verzog die Lippen wie ein bockiges kleines Kind, das Unsinn daherplapperte und genau wusste, dass es im Unrecht war.

»Uns gehört nichts, Mutter! Wir stehen ohne alles da. Und Roberto ist ... irgendwo.«

Luisa hatte nicht mehr die Kraft, auf ihrer Meinung zu beharren, von der sie wusste, dass es nur die Wahrheit sein konnte. Denn wenn ihre Mutter nicht so darauf bestanden hätte, dass ihr geliebter Sohn noch am Leben war, wenn nicht sämtliche Bewohner des Hauses Montanari wider besseres Wissen ihr zuliebe über zwei Jahre hinweg ebenso getan hätten, dann hätte ihr Vater vielleicht ein neues Testament mit einem anderen Haupterben aufgesetzt. Und alles wäre anders gekommen.

»Wer ... Wer ist eigentlich diese Francesca?«, schluchzte sie stattdessen. »Hast du das gewusst, dass babbo noch eine andere Tochter hat?«

KAPITEL 2

Sardinien, März 1764

Die Gänse waren schneller als der Hund. »Gänse sind die besten Wachhunde der Welt«, hatte Stefano, in dessen Stall sie übernachteten, am Vorabend gesagt. Sie hatten vor dem Feuer gesessen und ihre feuchte Kleidung getrocknet. Es war nicht nur viel zu kalt für den März in Sardinien, sondern auch viel zu nass. Den ganzen Weg von Nuoro über hatte es ohne Unterlass geregnet. Mariangela, Stefanos Frau, hatte sich über den Regen gefreut, zog sie doch Karotten, Zwiebeln und Salat hinter ihrem kleinen Steinhaus. Francesca hatte nur an den Rio Mannu gedacht, den sie am nächsten Tag würden überqueren müssen. Und natürlich an die Mückenplage, die wegen des vielen Wassers dieses Jahr sicher über sie kommen würde. Und an das Fieber, das die Mücken mit sich brachten.

Mariangela und Stefano lebten mit ihren fünf ausgemergelten Kindern am Ende einer Schlucht auf halbem Wege zwischen Bitti und Lode. Rinaldo und sie hatten sich für diesen Weg nördlich des Monte-Albo-Massivs entschieden, weil sie sich hier sicherer fühlten. Außer dem Steinhaus gab es nur den Stall für Stefanos Schafherde und auf der anderen Seite des Hauses einen Schuppen, in dem Mariangela Oliven einmachte und lagerte und in dessen Mitte eine große Weinpresse thronte. Es war eine karge Gegend mit steinigem Boden, und Francesca war aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen, als sie gehört hatte, was Stefano und Mariangela dem Boden alles abrangen. Um das Gehöft hatte Stefano eine hohe Steinmauer gebaut, damit Wölfe, Wildschweine und Banditen draußen blieben. Früher einmal hatte er zu Rinaldos Männern gehört, hatte sich dann aber entschieden, mit Mariangela ein zwar kärgliches Dasein zu fristen, dafür aber von Militär und Polizei einigermaßen unbehelligt zu bleiben.

Francesca schreckte hoch. Sofort drang ihr der beißende Schafgeruch in die Nase. Irgendetwas stimmte nicht. Warum machten die Gänse dort draußen so einen Lärm? Immer mehr Tiere schienen in das aufgeregte Geschnatter einzufallen. Es war vollkommen dunkel im Stall, sie konnten also noch nicht allzu lange geschlafen haben.

Eine kräftige Hand drückte sie zurück ins Stroh.

»Da ist was im Busch«, flüsterte Rinaldo.

Er wühlte im Stroh nach seiner Muskete und der Pistole, die er ihr in die Hand drückte. Beide Waffen stammten noch aus der Zeit, als er als Unteroffizier bei der französischen Armee gedient hatte.

Francesca presste Graziella eng an sich. Wenn nur das Kind nicht aufwachte! Ihre Tochter war erst vier und würde bestimmt nicht verstehen, dass sie ganz ruhig sein musste. Dass sie keinen Mucks von sich geben durfte, um ihr eigenes und das Leben ihrer Eltern nicht zu gefährden.

»Warum hat der Hund nicht gebellt?«, fragte Francesca leise in die Dunkelheit hinein.

Rinaldo gab keine Antwort. Sie hörte nur, wie der Abzugshahn seiner Muskete knackte.

Dann ging alles ganz schnell. Jemand trat von außen gegen die Stalltür, die scheppernd aufflog. Francesca sah die Silhouette eines Mannes mit einer Fackel in der Hand.

»Carlo Musus Leute«, raunte Rinaldo ihr zu und betätigte den Abzugshahn.

Ein ohrenbetäubender Schuss zerriss die Stille. Einen Moment meinte sie, ihr Trommelfell müsste geplatzt sein. Schnell rollte sie sich zur Seite und schob die noch halb schlafende Graziella vor sich her. Sofort tat Rinaldo es ihr nach, sodass er halb auf ihr zu liegen kam. Ein ums andere Mal hatten sie diesen Ablauf für den Ernstfall geübt, denn bei jedem Schuss blitzte eine Stichflamme auf, und der Feind hatte somit die Möglichkeit, sein Ziel besser auszumachen. Sie mussten also unbedingt immer ihre Lage verändern. Rinaldo hatte bei der Armee gelernt, seine Leute zu drillen, und diese Erfahrungen hatte er eins zu eins in sein neues Leben als Rebell übernommen. Da spielte es keine Rolle, ob er einen Mann oder eine Frau oder gar ein Kind in seinem Gefolge hatte.

Der Gestank nach warmem Urin machte sich breit. Graziella hatte sich in die Hosen gemacht. Auch die Schafe hatte der Schuss erschreckt. Ihr lautes Blöken und das Bimmeln ihrer Glöckchen machten Francesca noch nervöser.

»Ich habe ihn erwischt.«

Sie konnte hören, wie Rinaldo in der Dunkelheit nachlud. Die Muskete war keine allzu präzise Schusswaffe. Musketen verursachten mehr Rauch und Krach, als dass sie ihren Opfern schwere Wunden beibrachten. Doch Rinaldo war ein ausgezeichneter Schütze. Der Drill, dem er auch sich selbst unterwarf, zahlte sich aus.

Das Mädchen klammerte sich wimmernd an ihr fest.

»Mamma, ich hab Angst! Babbo soll nicht so einen Krach machen.«

Francesca, die von dem Rauch aus der Muskete husten musste, hatte Mühe, in der Dunkelheit das Ohr ihrer Tochter zu finden.

»Sei leise, amore. Das hier ist gleich wieder vorbei«, keuchte sie leise.

Dann bemerkte sie rechts von sich einen Lichtschein und kurz darauf eine züngelnde Flamme. Selbst wenn Rinaldo den Mann getroffen hatte: Noch im Sterben war es ihm gelungen, seine brennende Fackel neben ihnen ins Stroh zu werfen. Inmitten des dichten Qualms hatten sie nichts davon mitbekommen.

»Mach das Feuer aus!«, brüllte Rinaldo und griff nach der Pistole. »Ich gebe dir Deckung.«

Sie ließ Graziella los und packte sich Rinaldos Wollmantel, den sie als Decke genutzt hatten. Die Wolle stammte von ihren eigenen Schafen. Sie hatte die Tiere eigenhändig geschoren, die Wolle gesponnen und gefärbt und daraus den Stoff gewebt. Selbst das Nähen hatte sie besorgt. Nun würde man den Mantel nicht mehr gebrauchen können.

Rasch warf sie den schweren Stoff über das brennende Stroh und trampelte darauf herum, bis auch das letzte Flämmchen erstickt war.

Ein Luftzug streifte ihren linken Arm. Ein Schuss, der sie knapp verfehlt haben musste, denn Schmerzen verspürte sie keine. Schnell warf sie sich wieder flach auf das Stroh.

»Mist«, hörte sie Rinaldo leise fluchen, bevor er die Muskete erneut abfeuerte.

»Gib auf, Orrù! Wir haben dich! Du hast keine Chance, hier lebend rauszukommen – außer du ergibst dich.«

Sie meinte, Carlo Musus Bassstimme erkannt zu haben. Er schien direkt an der Stalltür zu stehen.

Musu und seine Bande hatten sich vor einem Monat von Don Pasquale kaufen lassen, einem der Großgrundbesitzer, gegen die sowohl er als auch Rinaldo und seine Männer in den Krieg gezogen waren. Die beiden Rebellenführer waren nie gute Freunde gewesen, dafür war Carlo Musu laut Rinaldo viel zu rücksichtslos und brutal, selbst den eigenen Leuten gegenüber, aber immerhin hatte sie der gemeinsame Feind geeint. Nun aber, nach Musus Verrat an der Sache, kämpfte Rinaldo nicht nur gegen die Feudalherren der Insel und die Armee des Königreichs Sardinien, sondern auch noch gegen die mächtigste Bande in der Region, der Gallura.

»Darauf kannst du lange warten«, knurrte Rinaldo.

Mit seiner freien Hand drückte er Francesca und das Kind noch tiefer ins Stroh, um sie vor den Kugeln zu schützen, die sofort auf die Stelle abgefeuert wurden, an der man sie vermutete.

Ein Schaf in dem Pferch hinter ihnen blökte auf. Ein Schuss musste es getroffen haben.

»Du bist umzingelt. Du und la bella Eleonora.«

Ein raues Lachen begleitete die Worte des Bandenchefs.

Francesca hatte aus Verehrung für Eleonora d’Arborea, die im vierzehnten Jahrhundert gegen die Spanier gekämpft hatte, diesen Decknamen angenommen. In Sardinien wusste nur Rinaldo, wie sie wirklich hieß. »La bella Eleonora, compagna del capo ribelle Rinaldo Orrù«, so stand es in dem Steckbrief, mit dem sie auf der ganzen Insel gesucht wurde.

»Glaub nicht, dass ich lange darauf warte, die Hütte hier abzufackeln!«

»Wo bleiben unsere Leute nur?«, flüsterte Francesca. Ihre sechs Begleiter übernachteten auf der anderen Seite des Steinhauses in dem Schuppen mit der Weinpresse. »Sie hätten doch längst aufwachen müssen von dem Krawall. Und was ist mit Stefano und Mariangela?«

Sie bemühte sich, die Besorgnis aus ihrer Stimme zu halten, um das Kind nicht unnötig zu erschrecken.

»Ja, sie müssen die Schüsse auf jeden Fall gehört haben. Scheint so, als würde irgendwas sie daran hindern, uns zu helfen.«

Rinaldo hatte nicht gerade zuversichtlich geklungen. Sie konnte hören, dass er dabei war, Schießpulver nachzuladen. Er konnte diese Tätigkeit bei völliger Dunkelheit und fast lautlos ausüben, weil er, genauso wie sie selbst, auch das unzählige Male geübt hatte. »Das muss wie im Schlaf gehen«, hatte Rinaldo stets gemahnt. Er war sogar der Meinung gewesen, dass Graziella langsam alt genug sei, um den Umgang mit der Waffe zu lernen, doch Francesca hatte heftig dagegen protestiert und einen Aufschub erreicht. »Sie kann die Waffe doch noch gar nicht halten«, hatte sie argumentiert. Daraufhin hatte Rinaldo seiner Tochter einen Flitzebogen gebaut und ihr dazu Pfeile geschnitzt. »So einen hatte ich als Kind auch«, hatte er stolz verkündet.

Graziella plapperte jetzt leise vor sich hin. Francesca konnte nicht verstehen, was sie murmelte. Sie drückte ihre Hand und strich ihr übers Haar.

»Glaub mir, das ist alles nur Spiel«, versuchte sie ihr weiszumachen. »Wie kommen wir hier raus?«, wandte sie sich dann an Rinaldo.

»Du und Graziella, ihr nehmt den Weg über die Luke im Dachboden. Ich halte Musu und seine Leute hier auf. Sobald die Luft rein ist, komme ich nach.« Er näherte sein Gesicht dem seiner Tochter. »Du wirst ganz still sein, oder, Graziella? Und genau das tun, was die mamma dir sagt?«

Francesca spürte mehr, als dass sie sah, wie Graziella eifrig nickte. Sie ging auf die Knie, um sich langsam zu ihrer vollen Größe aufzurichten.

»Nein, lass, das ist zu gefährlich«, widersprach sie. »Wenn Graziella auf der Leiter zu schreien anfängt, wissen sie sofort, was wir vorhaben. Dann ist unsere Fluchtroute verraten.«

Rinaldo tastete mit der Hand nach ihr und zog sie zurück ins Stroh.

»Graziella wird nicht schreien. Sie ist unsere Tochter, die schreit nicht.«

Genauso klang er, wenn er eine neue Waffe erstanden hatte und seinen Männern vorführte, wie genau man damit zielen oder wie schnell man sie laden konnte.

Francesca war weniger überzeugt. Auch wenn Graziella das Leben unter Rebellen und damit gefährliche Situationen zweifellos gewohnt war, so war sie doch noch ein kleines Mädchen.

»Ich lasse dich hier nicht allein, Rinaldo.«

»Willst du jetzt etwa Streit anfangen? Wir haben erst vor ein paar Stunden geübt, wie wir hier rauskommen. Selbst wenn sie draußen einen Wachposten aufgestellt haben, weißt du, wie du vom Dach nach unten kommst. Ihr schafft das! Hier kann alles Mögliche passieren. Zum Beispiel kann hier gleich wieder eine brennende Fackel reinfliegen.«

Francesca setzte an, um zu protestieren, doch Rinaldo kam ihr zuvor.

»Kannst du nicht einmal machen, was man dir sagt?«, zischte er wütend.

Sie spürte einen solchen Zorn in sich aufsteigen, dass sie für einen Moment sogar ihre Angst vergaß. Was bildete er sich ein? Sie hatte es nicht nötig, sich von ihm herumkommandieren zu lassen. Sie nicht!

Aber wenn sie jetzt zu streiten anfing, rief sie sich nach zwei tiefen Atemzügen zur Besinnung, dann würde sie ab einem bestimmten Punkt ihr Temperament überhaupt nicht mehr im Zaum halten können. Und eine solche Szene konnten sie sich jetzt einfach nicht erlauben.

»Gut, einverstanden«, knirschte sie. »Doch sobald wir hier draußen sind, gehe ich nachschauen, warum unsere Männer nicht kommen und wo Stefano und Mariangela sind.«

»Hast du es immer noch nicht begriffen? Dir ist wirklich nicht zu helfen«, erwiderte Rinaldo unterdrückt. »Wenn sie das Geballere hier nicht hören, dann kann es dafür nur einen Grund geben. Und der ist nicht etwa, dass sie einen über den Durst getrunken hätten ... Die sind alle tot, Francesca, sonst wären sie längst hier.«

Er sog hörbar die Luft ein, und sie meinte, plötzlich so etwas wie Zärtlichkeit aus seiner Stimme herauszuhören.

»Wartet nicht auf mich, sondern verlasst die Insel so schnell wie möglich. Und lauft so weit weg, wie ihr könnt. Ich werde euch schon finden, wenn ich hier fertig bin.«

Von der Tür krachte erneut ein Schuss. Francesca vernahm einen dumpfen Aufprall, als wäre die Kugel mit voller Wucht gegen die Holzwand geschlagen.

»He, Orrù, hältst du ein Nickerchen?«, höhnte Carlo Musus Bass. »Wenn du denkst, dass dir irgendwer zu Hilfe kommt, kannst du lange warten.«

»Geh, Francesca, ich versuche, sie aufzuhalten.«

Er tastete nach ihrer Hand und drückte sie liebevoll.

Francesca war immer noch geladen. Zugleich wusste sie, dass es Rinaldo nur darum ging, Graziellas und ihr Leben zu retten. Doch wie konnte er denken, dass sie ihn hier einfach alleinließ? Immerhin war er der Mann, den sie liebte, der einzige in ihrem bisherigen Leben. Und noch dazu der Vater ihrer kleinen Tochter. Was, wenn sie ihn nie wiedersah? Wenn die Musu-Bande ihn einfach kaltmachte, wie sie das auch mit seinen Leuten getan hatte? Wenn sie bei ihm blieb, konnten sie sich immerhin gegenseitig schützen. Und wenn sie sterben mussten, dann taten sie das wenigstens gemeinsam.

Erst als Graziella zu weinen anfing, traf sie eine Entscheidung. Nein, Rinaldo hatte recht, sosehr sie sich auch über seine bestimmende Art ärgerte. Sie musste zuallererst an ihr Kind denken. Graziella hatte die Zukunft noch vor sich, sie durfte sie nicht durch leichtsinniges oder selbstsüchtiges Verhalten gefährden.

»Amore, wir beide klettern jetzt gleich die Leiter hoch. Weißt du noch gestern, als wir schon mal da hoch sind? Das hat dir doch Spaß gemacht, oder?«

Schnell nestelte sie die Schleife auf, die ihren Rock an der Taille zusammenhielt. Zum Klettern trug sie besser nur die abgelegte Kniebundhose von Rinaldo, die sie auch beim Reiten immer anhatte, weil sie sich sonst an dem rauen Pferdefell die Oberschenkel aufscheuerte. Das war ihr ein Mal passiert, ganz am Anfang ihrer Zeit mit Rinaldo.

»Nimm die Pistole!«, kommandierte Rinaldo, als wäre er noch Unteroffizier bei der Armee und sie seine Untergebene.

»Nein, ich lasse sie hier. Sie behindert mich nur beim Klettern, und du brauchst sie dringender. Sonst kommen sie und kriegen dich, während du gerade die Muskete nachlädst. Außerdem kannst du das Überraschungsmoment nutzen, denn sie wissen ja nicht, dass du noch eine zweite Waffe hier hast.«

Sie spürte, wie ihr das kalte Eisen in die Hand gedrückt wurde.

»Du nimmst sie mit!«

Widerwillig steckte Francesca die Waffe in ihren Hosenbund. Nur keinen Streit, sagte sie sich noch einmal. Sie wollte nicht im Unfrieden mit Rinaldo auseinandergehen, wusste sie doch nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Trotzdem, für ein paar zärtliche Abschiedsworte oder gar einen innigen Kuss war sie jetzt nicht in der richtigen Stimmung. Immer setzte sich Rinaldo auf diese gnadenlose Weise durch.

Wie dankbar sie auf einmal den Gänsen und Schafen für den höllischen Krach war, den sie veranstalteten. In ihren Ohren hallte noch immer der Schuss wider, sodass sie kein Gefühl dafür hatte, wie viel Lärm sie und Graziella verursachten, als sie auf allen vieren zu der Leiter krochen, die hinten im Stall zu dem offenen Dachgeschoss führte. Man konnte die Hand nicht vor Augen sehen, und sie hoffte, dass sie sich den Standort der Leiter richtig gemerkt hatte.

Ihre Finger fühlten Holz. Ja, das musste die Leiter sein, endlich!

Wie unglaublich langsam man vorwärtskam, wenn man ein kleines Kind dabeihatte. Vorsichtig tastete sie nach den Sprossen. Dann drehte sie sich noch einmal in die Richtung um, in der sie die Stalltür und damit ihre Angreifer vermutete. Wenn Graziella und sie sich erst einmal auf der Leiter befanden, gab es keine Möglichkeit mehr, sich zu verstecken.

Sie umfasste das ovale Medaillon mit dem Bildnis ihrer Eltern, das sie immer um den Hals trug. Es war das einzige Erbstück, das sie von ihrer Mutter hatte, und sie legte es nie ab. Steht mir bei, mamma und babbo, hätte sie am liebsten lauthals gefleht.

Dann griff sie nach Graziellas Hand.

»Wir klettern jetzt die Leiter hoch, tesoro«, flüsterte sie. »So wie gestern. Du schlingst deine Hände um meinen Hals und hältst dich so gut fest, wie du kannst. Und mit den Beinen klammerst du dich um meine Hüften. Egal, was passiert, du lässt nicht los. Hast du das verstanden?«

»Ja, mamma«, erwiderte das kleine Mädchen ernst.

Francesca konnte spüren, wie sie sich bemühte, tapfer und erwachsen zu klingen. Kurz schnürte es ihr die Kehle zu.

»Addio, amore«, sagte sie so leise, dass Rinaldo es nicht hören konnte, zu der kaum wahrnehmbaren Silhouette hinter ihr.

Sie vermutete, dass er dabei war, die Muskete neu zu laden, doch genau vermochte sie es nicht zu sagen. Jedenfalls schien er zu beschäftigt, um sich von Frau und Tochter zu verabschieden.

Graziella mit sich hochziehend, richtete Francesca sich auf. Sie zog die Pistole aus dem Hosenbund und nahm sie quer in den Mund. Dann hob sie das Mädchen auf ihre Hüften, sodass sie sich Bauch an Bauch befanden, und legte sich ihre Ärmchen um den Hals. Mit der linken Hand fasste sie Graziella am unteren Rücken, um sie zu stützen. So rasch es die Finsternis zuließ, begann sie die Leiter hinaufzuklettern.

Das war schwieriger als erwartet, weil sie die Sprossen sowohl mit ihrer freien rechten Hand als auch mit den Füßen erst ertasten musste. Graziella war alles andere als ein schweres Kind, doch schon nach kurzer Zeit hatte sie das Gefühl, einen Sack Steine um den Hals hängen zu haben. Jedes Mal schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sie den Fuß sicher auf der nächsten Sprosse stehen hatte und sich mit der Hand wieder weiter nach oben vortasten konnte. Und dann dieses Ding im Mund! Sie musste einen Brechreiz unterdrücken.

Au, das tat weh! Sie hatte sich offenbar einen Splitter in den Zeigefinger gerammt, als sie über das raue Holz der Leiter gestrichen hatte. Und dann begann Graziella auch noch mit den Beinen zu strampeln.

»Hör auf, Graziella«, presste sie zwischen den die Pistole haltenden Zähnen hervor.

Sie ließ ihre Hand, mit der sie Graziella stützte, weiter nach unten gleiten, um die zappelnden Beinchen in Schach zu halten. Augenblicklich verhielt sich das Mädchen still.

Kaum hatte sie die oberste Sprosse ertastet, erhellte plötzlich Fackelschein den Stall. Im selben Augenblick wurde ein Schuss abgefeuert. Francesca hievte erst die kurz aufquiekende Graziella und dann sich selbst mit einem kühnen Satz in das vor ihr aufgetürmte Stroh. Ihr Herz wummerte so stark, dass es fast schmerzte. Hatte Rinaldo den Fackelträger erschossen, bevor er das brennende Holzscheit in den Stall hatte werfen können? Oder hatten die anderen geschossen? Und Rinaldo vielleicht sogar getroffen?

Sie griff nach Graziellas Hand. In der schlagartig eintretenden Dunkelheit versuchte Francesca, ihren keuchenden Atem unter Kontrolle zu bekommen. Sie musste unbedingt herausfinden, was mit Rinaldo war. Aber sie konnte ihn ja schlecht rufen, ohne ihre Angreifer auf sich aufmerksam zu machen. Sollte sie wieder nach unten klettern, um zu schauen, ob er unverletzt war?

»Rinaldo ...«, wisperte sie zaghaft.

Doch die Schafe blökten so laut, dass sie ihre eigene Stimme nicht hören konnte. Was, wenn sie ihn getroffen hatten und er jetzt dort unten, nur wenige Schritte von ihr entfernt, an einer Schusswunde verblutete? Oder wenn der Mann mit der Fackel das Stroh angezündet hatte? Nein, ein Feuer hätte sie längst bemerkt, der Brandgeruch wäre auch zu ihr nach oben gedrungen, einmal ganz abgesehen von dem Feuerschein, den sie sicher ebenfalls bemerkt hätte.

Mach jetzt nicht schlapp, Francesca, redete sie sich gut zu. Sie durfte nicht daran denken, was alles passiert sein mochte oder noch geschehen konnte. Sie musste weitermachen, sie durfte sich nicht lähmen lassen von der Angst, die in ihr hochkroch. Ob jemand sie gesehen hatte, in dem kurzen Moment, als sie im Fackelschein oben auf der Leiter stand? Wenn ja, dann wussten die Kerle nun, dass sie vorhatte, aus dem Stall zu fliehen. Egal, sie musste einfach weitermachen wie geplant.

»Los, weiter, tesoro!«

»Wann kommt babbo?«

»Babbo kommt gleich. Wir beide sind nur schon mal vorgegangen, während er unten aufpasst, dass die bösen Männer uns nicht kriegen. Er ist viel schneller als wir und kommt gleich nach, du wirst sehen.«

Auf allen vieren krochen sie zu der Dachluke, durch die ein fahles Licht fiel. Da war der Melkschemel, den Mariangela genau unter der Luke platziert hatte. Ein kühler Luftzug wehte ihnen entgegen. Als Francesca sich aufrichtete und auf den Schemel stellte, konnte sie die Sterne sehen. Die Regenwolken hatten sich verzogen, und sie blickte genau auf den Großen Bären.

Rinaldo interessierte sich leidenschaftlich für Sterne. Mit schlechtem Gewissen bestellte er sich dauernd teure astronomische Werke bei Buchhändlern in Mailand oder Rom, die er sich zu einem befreundeten Pfarrer in ein Dorf bei Sassari schicken ließ, und war immer ganz aus dem Häuschen, wenn irgendwo ein neuer Planet entdeckt wurde. Sie selbst hatte die Sternbilder anfangs überhaupt nicht auseinanderhalten können, obwohl es so wichtig war für die Orientierung in der Nacht. Rinaldo hingegen konnte sich mühelos anhand der Sterne in einer ihm unbekannten Gegend bewegen.

»Ich hebe dich jetzt hoch, und wenn du oben bist, krabbelst du erst ein Stück von der Luke weg, damit du mir nicht im Weg bist, und dann legst du dich flach auf den Bauch und bist ganz still, bis ich bei dir bin.«

Graziellas ernstes Gesichtchen war von den Sternen angeleuchtet. Wie eine Elfe oder eine Waldgeistprinzessin sah sie aus.

»Ist gut, mamma.«

Sie nickte ernst.

Was für ein erstaunliches Kind Graziella doch war! »Deine Tochter ist so klug«, hatte Costanza, die Frau von Rinaldos Stellvertreter Guido Mura, letztens zu ihr gesagt. Francesca hatte gemeint, Neid und Groll durch das Kompliment hindurchzuhören, passte es Costanza doch ganz und gar nicht, dass Graziella ihre beiden Söhne, den sechsjährigen Toni und den siebenjährigen Luigi, beim Spielen immer unterjochte. »Ich bin die Anführerin, weil mein babbo auch der Anführer ist«, pflegte die Kleine zu sagen, ohne sich auf Kompromisse einzulassen. Sie würde einmal so werden wie Rinaldo, das stand fest.

Francesca zögerte einen Augenblick. Wenn Musus Männer oben auf dem Dach bereits auf sie warteten, dann würden sie sich als Erstes ihre Tochter schnappen. Doch was sollte sie sonst tun? Sie streckte sich und schob die Pistole aufs Dach. Graziella stellte sie auf ihre Schultern, sodass sie zu den Sternen hinausklettern konnte.

»Los, Graziella! Wie ich dir gesagt habe, ja? Erst raus und dann sofort hinlegen und zur Seite robben. Und ganz, ganz vorsichtig, damit du nicht runterfällst!«

Gehorsam befolgte das Mädchen ihre Worte. Zum Glück war sie im Klettern geübt; kaum dass sie laufen konnte, hatte sie auch schon die höchsten Bäume erklommen. Zu Rinaldos ganzem Stolz und ihrem, Francescas, heimlichen Entsetzen. Sie hatte immer die Augen verschließen müssen, wenn Graziella wieder einmal turmhoch über ihrem Kopf auf zarten Ästen herumbalanciert war. Nun zahlte sich ihr Können aus. Innerhalb von kürzester Zeit war von dem kleinen Körper nichts mehr zu sehen. Alles schien gut gegangen zu sein. Und keiner von Musus Männern hatte ihrer Tochter aufgelauert, sonst hätte sie schon längst etwas gehört. Erleichtert atmete Francesca auf.

Allerdings, der schwierigste Teil lag noch vor ihr: Sie würde sich mit einem Klimmzug zu der Luke hochziehen müssen. Es musste unbedingt beim ersten Mal klappen. Ihre Oberarmmuskeln waren nicht gerade die kräftigsten. Und würden bei jedem weiteren Versuch nur noch schwächer werden.

Die Luke war wie ein langer waagerechter Schlitz geformt. Mit beiden Händen griff sie an die äußere Kante. Ganz weit außen, damit sie, sobald ihr Oberkörper oben war, die Beine auf der anderen Seite nachziehen konnte. Was auch nicht gerade ein Leichtes war, wie sie aus Erfahrung wusste.

Da, sie hatte es geschafft. Mit vor Anstrengung zitternden Gliedern verharrte sie einen Moment oben neben der Dachluke. Nichts rührte sich.

Sie steckte die Pistole hinten in ihren Bund und robbte langsam auf den regenfeuchten Ziegeln zu Graziella hin. Das Kind hatte tatsächlich alles genau so gemacht, wie sie es ihm aufgetragen hatte, und sah sie nun aus weit aufgerissenen Augen an. Francesca platzte vor Stolz und verspürte das dringende Bedürfnis, Rinaldo zu erzählen, wie großartig seine Tochter war. Wie ein alter Hase benahm sie sich, obwohl sie vollkommen erschöpft und zugleich furchtbar aufgeregt sein musste.

Wenigstens war es hier draußen durch das Mondlicht ein paar Nuancen heller, sodass sie etwas erkennen konnten. An der vom Haus abgewandten Seite des Stalls, die in Richtung Bitti zeigte, war ein Schuppen aus Feldsteinen angebaut. Ein paar Schritte davon entfernt stand ein Olivenbaum mit einem fast bis zum Schuppen hinüberhängenden dicken Ast.

Francesca blieb einen Moment an der Dachkante liegen und lauschte in die Nacht. Sie konnte den Feind nicht sehen, doch hörte sie jetzt ein fernes Murmeln von dort, wo der Stalleingang war.

Wieder musste sie ihre noch immer schmerzenden Muskeln belasten, als sie sich an den Armen hängend auf das Schilfdach des Anbaus hinunterließ. Mit einem leisen Plopp kam sie unten auf. Hoffentlich würde das dünne Dach nicht einkrachen! Graziella baumelte mit den Beinen und streckte ihr die Arme entgegen, als sie sie zu sich herunterhob. Sie legten sich beide flach auf den Bauch, um ihr Gewicht zu verteilen, und rollten gemeinsam Umdrehung für Umdrehung in Richtung Olivenbaum.

»Ich muss dich auf den Rücken nehmen, Graziella. Und du darfst auf keinen Fall loslassen. Ich brauche beide Arme, sonst kommen wir hier nicht runter.«

Francesca setzte sich an den Rand des Dachs und ließ Graziella auf ihren Rücken steigen.

»Hältst du dich richtig fest?«

»Ja, mamma.«

Ein letztes Mal blickte sie sich um, bevor sie rasch die Pistole zwischen die Zähne klemmte, nach dem dicken Ast hangelte und sich von dem Schilfdach schwang. Mit einem schmatzenden Geräusch landete sie auf dem schlammigen Boden, verlor wegen des Gewichts auf ihrem Rücken jedoch sofort das Gleichgewicht. Platsch, purzelten sie alle beide in den Matsch. Sie war auf der Seite zu liegen gekommen, und Graziella, die sich brav bis zum letzten Moment an ihr festgeklammert hatte, lag nun direkt hinter ihr.

»Hast du dir wehgetan?«, fragte sie noch ganz atemlos und drehte sich zu ihrer Tochter um.

Aus den Augenwinkeln sah sie die Pistole, die mit dem Schaft im Schlamm steckte. Der lange Lauf zeigte nach oben in den Himmel. Ein Glück, dass sich kein Schuss gelöst hatte! Akrobatische Übungen mit einer geladenen Pistole zwischen den Zähnen und einem Kleinkind auf dem Rücken waren nicht gerade nach ihrem Geschmack.

Graziella schüttelte den Kopf und patschte mit der Hand im Matsch herum.

»Dann nichts wie weg hier!«

Sie zog das Kind hoch und nahm es auf den Arm. Ohne sich auch nur einmal umzusehen, rannte Francesca mitten durch Mariangelas Zucchinibeete vom Stall weg auf die hohe Mauer zu, die das Gehöft umgab. Wie ein Hase schlug sie mehrere Haken, ganz wie Rinaldo es ihr beigebracht hatte. »Was die Natur vorsieht, ist immer richtig«, hatte er erklärt. »Mach es wie die Tiere – die wissen genau, was sie tun müssen, um in der Wildnis zu überleben.«

Endlich hatten sie die Mauer erreicht. Mit dem Rücken presste sich Francesca eng gegen die ungleichmäßigen Steine. Sie spürte Graziellas Herz gegen ihre Brust hämmern. Die Kleine war mindestens so außer Atem wie sie selbst, obwohl sie gar nicht gelaufen war. Die Anstrengung musste sich auf sie übertragen haben. Aber es half nichts, den Rest musste ihre Tochter zu Fuß gehen, länger schaffte sie es einfach nicht, sie zu tragen. Wenigstens war weit und breit niemand zu sehen, keiner schien sie entdeckt zu haben.

Mit Graziella an der Hand schlich Francesca geduckt die Mauer entlang auf das Haus zu. Nur noch wenige Schritte trennten sie von dem Gebäude, als sie sah, dass die Hintertür offenstand. Vor der Tür lag etwas; sie meinte die Umrisse einer menschlichen Gestalt zu erkennen. Einer reglosen menschlichen Gestalt. Wer war das? Sollte sie hingehen und nachsehen? Hatten diese Schweine etwa auch Stefano und Mariangela etwas angetan?

Stefano war nicht gerade begeistert gewesen, als sie bei ihm aufgetaucht waren. »Unterstützt du unsere Sache nun oder nicht?«, hatte Rinaldo ihn anbellen müssen, als Stefano immer weitere Ausflüchte gemacht hatte und wiederholt auf die Militärpatrouillen zu sprechen gekommen war, die in dieser Gegend besonders häufig auftauchten.

In dem Moment trat ein Mann mit einer Fackel in der Hand zur Tür hinaus. Er trug einen bodenlangen Lammfellmantel, und sein Gesicht war mit Narben übersät. Instinktiv ging Francesca in die Hocke und zog Graziella mit sich hinter einen Weinstock. Jetzt hieß es beten, dass der Narbige seine Fackel nicht in ihre Richtung schwenkte.

Der Fremde leuchtete dem am Boden Liegenden ins Gesicht.

Stefano! Francesca gefror das Blut in den Adern.

Aus der Brust ihres Freundes ragte der schwarze Horngriff eines Dolches hervor.

Mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen bückte sich der Mann und zog den Dolch aus der tödlichen Wunde.

»Der ist hops«, rief er zum Haus hinüber, während er sich wieder aufrichtete und die Klinge an seinem Hosenbein abwischte.

»Die hier auch«, antwortete eine Männerstimme von innen. »Da haben die Unsrigen ganze Arbeit geleistet. Genauso wie im Schuppen drüben bei Orrùs Leuten. Er selbst, seine Gespielin und die Göre werdens auch nicht mehr lange in ihrem Backofen aushalten.«

Der Narbige lachte heiser. Spielerisch warf er den Dolch in die Luft und fing ihn geschickt wieder auf.

»Die Zugänge zum Tal sind auch versperrt, und wir haben eine Patrouille eingesetzt, die die Berge durchkämmt, falls uns doch noch jemand durchs Netz gehen sollte. Ist zwar unwahrscheinlich, aber sicher ist sicher. Kann ja jetzt auch nicht mehr lange dauern da drüben.«

Er zeigte mit der Fackel zum Stall hinüber. Francesca sah, wie eine zweite Gestalt im Türrahmen erschien.

»Schau dir das an«, sagte der Narbige. »Könnte alles ein bisschen schneller gehen, wenn du mich fragst, aber Musu ist halt ein Genießer. Je langsamer so was abläuft, umso lieber ist es ihm. Vor allem, wenn es um Orrù geht. Den will er nicht einfach erschossen haben. Den will er lebend, um ihn dann am Spieß zu grillen. Und die schöne Eleonora – dreimal darfst du raten!«

Großes Gewieher ertönte. Dann gingen die beiden Männer zurück ins Haus und zogen die Tür hinter sich zu.

Vorsichtig löste sich Francesca aus ihrer Erstarrung. Nun waren sie allein mit Stefanos Leichnam. Und drinnen waren die anderen. Alle tot.

Plötzlich fing ihr ganzer Körper an zu zittern. Ihre Zähne schlugen so heftig gegeneinander, dass sie befürchtete, der Feind könnte sie hören. Graziella, die sich ganz klein gemacht und gegen die Mauer gekauert hatte, war aschfahl im Gesicht. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment umkippen. Wenn sie die Nerven verlor, war es um sie beide geschehen, wusste Francesca. Sie musste stark sein, stark für ihr Kind. Sie durfte nicht an die Toten denken, weder an Stefano und seine Familie noch an ihre Gefährten. Männer, die für sie wie eine Familie waren. Sechs von ihnen hatten sie nach Nuoro begleitet, um mit einem Schmuggler über eine Waffenlieferung zu verhandeln. Natürlich hatten sie nicht ihre ganze Truppe mitgenommen, sondern einige ihrer besten Männer zurückgelassen, die ihr Winterlager nördlich von Terranova bewachen sollten. Dazu hatten sie im letzten Jahr einige herbe Verluste hinnehmen müssen. Einer ihrer Männer war gefangen genommen worden und wartete in Terranova auf seine Verurteilung. Zwei andere waren erschossen worden und ein vierter zu Carlo Musu übergelaufen. Dass ausgerechnet sein alter Freund Andrea ihn verraten hatte, war für Rinaldo ein echter Schlag gewesen.

Francesca starrte auf die Pistole in ihrer Hand. Sie konnte unmöglich aus Armeebeständen stammen, erkannte sie. So alt wie sie aussah, musste sie noch aus dem letzten Jahrhundert sein. Sie maß mindestens eine Elle und wog fast so viel wie ein Eimer Wasser. Der Schaft und der Lauf waren mit kunstvollen arabischen Schriftzeichen verziert. Vermutlich hatte sie früher einem Scheich gehört. Wo Rinaldo sie wohl herhatte? Gestohlen?

Aber das spielte jetzt auch keine Rolle, zwang sie ihre Gedanken in die Gegenwart zurück. Sie sollte sich lieber beeilen, hier schleunigst herauszukommen.

Sie richtete sich auf und zog Graziella wortlos hoch. Sie hatte zwar eine ungefähre Vorstellung von dem Fluchtweg, doch sollte sie es wirklich wagen, quer über den Hof zu laufen? Nein, entschied sie sogleich. Auch wenn der Weg an der Mauer entlang nicht der kürzeste war, schien er ihr doch sicherer zu sein. Weiter entfernt von Fackeln, die die Nacht erleuchteten, und Ohren, die auf verdächtige Geräusche lauschten.

Von den beiden Männern war keine Spur zu sehen, und auch sonst konnte sie niemanden entdecken. Immer wieder ließ sie Graziella kurz anhalten, um aufmerksam nach allen Seiten zu spähen. Nichts. Der Boden war durch die heftigen Regenfälle glitschig geworden, sodass sie aufpassen mussten, nicht auszurutschen und der Länge nach hinzufallen. Jedes Mal, wenn eine von ihnen beiden mit den Füßen in eine Pfütze platschte, meinte sie, einen fürchterlichen Radau zu veranstalten, doch nichts geschah. Vermutlich blökten die Schafe weiterhin so laut, dass sie alles andere übertönten.

»Wir scheinen Glück im Unglück zu haben – guck mal, Graziella!«

Vor ihnen war die Silhouette eines Leiterwagens aufgetaucht. Beinah hätte Francesca laut aufgelacht, so erleichtert war sie. Alles war gut, jetzt würde ihnen die Flucht gelingen. Und Rinaldo würde ihnen ganz bestimmt bald folgen.

»Sieht aus wie eine Falle«, hatte Rinaldo noch am Vorabend über das Tal geschimpft, während er seine Blicke über die kahlen Steilhänge hatte schweifen lassen. »Nur die beiden Wege nach Bitti und Lode führen hier raus? Oder gibt’s da noch was anderes, Stefano?« Er hatte seinen alten Verbündeten durchdringend angesehen. »So jemand wie du lässt sich doch nicht mitten in einer todsicheren Falle nieder ...« Stefano hatte von einem Ohr zum anderen gegrinst. »Nichts ist leichter, als über die Hänge hier rauszukommen. Besonders der da ist überhaupt kein Problem.« Er hatte auf einen sanft ansteigenden Hügel in nördlicher Richtung gezeigt. »Selbst die Schafe kommen da hoch.« Rinaldo hatte nur den Kopf geschüttelt und auf die mehr als mannshohe Steinmauer gedeutet, die das Gehöft umgab. »Aber was ist mit der Mauer? Können deine Schafe fliegen? Oder wie kriegst du sie da rüber?« Stefano hatte sich einen Moment lang geziert, als könnte er sich nicht gleich entschließen, sein Geheimnis zu verraten. »Es gibt ein Tor in der Mauer«, hatte er schließlich preisgegeben. »Von außen kann man es nicht sehen, weil die Mauer mit Gestrüpp zugewachsen ist. Und von innen sieht man es nicht, weil ein Karren davorsteht. Niemand außer Mariangela, den Kindern und mir weiß davon.«

Francesca drehte sich um. Sie wollte noch einen letzten Blick auf den Stall werfen, in dem sich Rinaldo befand. Doch was sie da sah, ließ sie entsetzt aufschreien. Gerade noch rechtzeitig presste sie die Hand auf den Mund, um den Schrei zu ersticken. Feuer! Und zwar nicht nur ein paar Flämmchen. Der ganze Stall brannte lichterloh. Überall züngelten die Flammen aus dem Dach hervor, mehrere tragende Balken waren bereits von dem Feuer angefressen worden und in sich zusammengestürzt.

Nein, das durfte nicht wahr sein! Rinaldo, dachte sie, mein lieber, lieber Rinaldo ...

»Babbo«, wimmerte Graziella und wollte sich von ihr losreißen.

Francesca fasste sie hart am Arm.

»Deinem babbo ist ganz bestimmt nichts passiert, amore. Das kann einfach nicht sein, er findet immer einen Ausweg!« Sie tat alles, um ihre Stimme fest und beruhigend klingen zu lassen. »Wie oft hat er uns schon alle gerettet. Und wer hätte damals gedacht, dass er aus dem Kerker von Terranova ausbrechen kann? Kurz bevor man ihn hängen wollte! Alle hatten sie ihn schon abgeschrieben, du kennst doch die Geschichte.«

Ja, sogar sie selbst hatte nicht mehr daran geglaubt, dass Rinaldos Gefangennahme durch das sardische Militär ein gutes Ende nehmen würde. Doch Rinaldo hatte einen der Wärter bestechen können und sich auf diese Weise aus einer schier ausweglosen Situation befreit.

Sie konnte Rauch riechen. Im Stakkato hallten die Schüsse durch das Tal. Sie löste ihren Blick von dem flammenden Inferno und wandte sich wieder zu der Mauer um. Hinter dem Leiterwagen befand sich tatsächlich ein kleines Tor, genau so, wie Stefano es beschrieben hatte. Doch erst musste sie den Karren wegschieben, da sie sonst nicht an den Torriegel herankam. Stefano hatte zwar an vieles, aber leider nicht an alles gedacht.

»Noch einen Moment, Graziella. Bleib ganz ruhig sitzen, gleich sind wir hier weg«, flüsterte sie.

Mit beiden Händen packte sie die Deichsel und stemmte sich mit einem Ruck dagegen, um den Leiterwagen ins Rollen zu bekommen. Ächzend bewegte sich das Ungetüm ein Stück weit durch den Matsch. Doch offenbar war das Holz morsch, denn plötzlich wurden das Geschnatter und Feuerprasseln von einem lauten Splittern übertönt, und die Seitenwand barst auseinander und knallte mit einem Krachen auf die Ladefläche.

Mit flackernder Fackel und wehendem Mantel kam der Pockennarbige aus dem Steinhaus gelaufen. Hinter ihm folgte ein Dicker mit Bärenfellmütze, die Flinte im Anschlag.

Francesca konnte sich gerade noch in den Schlamm fallen lassen. Sie wagte es nicht, sich zu rühren, nicht einmal den Kopf von dem kalten Schlamm abzuheben. Feuchtigkeit drang durch ihre Kleider. Der Gestank nach frischem Schafsmist stieg ihr in die Nase. Da war nichts zwischen ihr und den Männern, kein Busch, kein Strauch, nur die Dunkelheit. Aber wenn sie die beiden sehen konnte, würden die Männer sie dann nicht auch sehen können?

»Was ist passiert?«, fragte der mit der Bärenfellmütze.