Der Zug der Blinden - Peter Löw - E-Book
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Der Zug der Blinden E-Book

Peter Löw

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Beschreibung

Schäfer, der alkoholkranke Baubrigadier, macht sich auf eine Grenzerfahrung hin auf Sinnsuche. In den Konflikten der DDR-Endzeit dennoch suchtrückfällig geworden, fällt: sein zerstörerischer Angriff auf die Werkausstellung Maler Janssens, in der er sich als sozialistischer Arbeiter-Sieger dargestellt findet, mit den »Wir-sind-das-Volk«-Rufen der sich erhebenden Massen zusammen. Von den Vorgängen betroffen alle Romanfiguren, die in widersprüchlichem Beziehungsgeflecht noch ansässig sind im großstädtischen Rekonstruktions-Wohngebiet Brühl. Ein Neues steht nur bevor: der Aufbruch in eine andere Welt. - Eine Fata Morgana des Überflusses lockt den Zug der Blinden in Janssens gleichnamigen Tafelbild an. Werden die Leute vom Brühl im Neuen auch mit Herzen und Seelen ankommen? LESEPROBE: Er wollte lesen und konnte sich nicht konzentrieren. Mit dem Gedruckten vermengten sich ihm Gesichter: die Bekannten vom Brühl. Das der Didoni und Schäfers waren darunter. In einem Gedankenblitz legte er das Buch beiseite. In einem Einfall, für den er sich auch schon entschied. Ihm wurde verübelt und vorgehalten - noch hörte er Elviera Schäfer mit »Bedenkliches« malerisch quasi abgeurteilt zu haben; also wollte er ihn als den gestalten, den die Gesellschaft, besser ihre selbst ernannten Repräsentanten wünschten und wahrhaben wollten: als den sozialistischen Musterarbeiter! - Nein, hielt er entgegen: Es passte nicht zu dem Fresko, wie er es wollte: frei von Parteiideologie. Indes, dachte er weiter: Er konnte solchen jenen Muster - Schäfer gesondert kreieren - so wie auch andere des Metiers ihren Arbeitsheroen ins bildnerische Dasein verhalfen - von in Öl bis Guasche - und dafür Preise einheimsten. Warum sollte nicht auch er s auf der Schiene noch einmal versuchen! Zumal als sich so, kam's ihm ein, vielleicht auch noch der Schäfer versöhnen und trösten ließ, der mit seinen eigenen Malambitionen, den unglaublichen, von ihm verprellt worden war. Noch einmal zog der Abend durch seinen Geist. Als er den andern im Malraum sitzen sah, dachte er zunächst in falsche Richtung. Damals im Café beim Klaren hatte er ihn eingeladen gehabt - wenngleich nicht in den Zirkel -; jetzt also, folgerte er, war der doch noch gekommen - woher übrigens wusste er, ihn hier zu treffen?! Was er nicht begriffen hatte war Schäfers Bestürzung - eine die anhielt, bis Kießling meinte, sie einander vorstellen zu müssen.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Impressum

Peter Löw

Der Zug der Blinden

ISBN 978-3-86394-303-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 2005 im Lions Verlag Mittweida.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2014 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

1. Kapitel

Wütend warf Janssen den Pinsel hin, er konnte nicht mehr. Um sich aufzuwärmen, trat er zum Kanonenofen. Kein Bauhandlanger, dachte er, hätte mit ihm getauscht. Und noch pfeifen würde auch er auf die Kunst, blieb es beim Jetzigen.

Hoflfnung setzte er auf den »Zauberer«. Das Opus in Öl, mit dem er immer noch rang. Mit dem vielleicht er hätte längst fertig sein können, sagte er sich, bei anderer Werkstatt.

Es klopfte an die Tür.

Draußen stand eine in Pelzjacke und Tschapka. Er wusste das Gesicht nicht einzuordnen; es war hübsch.

Lächelnd kam sie ihm zu Hilfe: »Didoni«, nannte sie ihren Namen, »Didoni, Bezirkskunststelle.«

Er war im Bilde. Der Mitgliederversammlung des Künstlerverbandes hatte sie sich als die Neue vom Bezirk vorgestellt. - Er bat herein. Und fragte sich, was sie wohl wollte. Verbandsterrain sondieren - oder hatte Bernert, ihr Meister, sie auf den »Zauberer« angesetzt: »Schau's dir an, Janssens neues, ideologisch verqueres Machwerk!«?

Ihr Blick wanderte über die Wasserflecken an der Decke, über salpeterblühenden Putz. - Ja, so sieht's aus, kleine Beauftragte, dachte er, präg's dir gut ein. Sein Antrag auf anderen Raum war Legende, lief seit einem Jahrzehnt. Lief, so sehr auch er hier verwurzelt war. Verwurzelt in der Leihbücherei zum Goldborn. Wo sein Senior Bücher verliehen, er selbst sie geschwartet hatte. Sein Werden, es war mit dem Gemäuer verbunden; gleichwohl musste er raus. Raus aus Nässe und Kälte. Investitionen lohnten nicht: In ein, zwei Jahren kam komplexe Rekonstruktion. Würde er ohnedies, dann immer noch hier, hinausgesetzt werden. Lieber heute als morgen wäre er umgezogen. Ein Königreich für einen freien, beheizbaren Gewerberaum. Vergebens all sein Inserieren und Suchen. Wo nicht einstige Backstuben zu Wohnraum umgebaut werden sollten, drohte Einsturzgefahr. Janssen sieh, wo du bleibst - vielleicht bis Räumkommandos anklopfen.

Er rieb sich die klammen Hände. Über seine Wattejacke hin ging der Blick der Didoni. Ja, so schaut's aus, kleine Beauftragte, dachte er. Er riss den Ofen auf, warf Briketts hinein - nützen, wusste er, würde es nichts. Ohnehin war ihm nicht nach langem Palaver,

Sie standen vor dem Bild. Der Menschenzug war lang und gedrängt. Bewegte sich auf einen Hintergrund zu und in ihn hinein, der sich wirr zusammensetzte aus Merkmalen der Industrie- und Wohlstandsgesellschaft: aus Kraftwerksschloten und Destillierkolonen, aus Wolkenkratzern und Straßenkreuzern, aus Baukränen und Villenprunk und Bananen-Füllhörnern, aus Computern und pompös anmutenden Mammut-Maschinen. Eine visuelle Verheißung der Fülle. Eine des Blendwerks dabei, darin des Zuges Vordere, hineindrängend, zu vergehen schienen zu Schemen. Ein Blickfang die Steine, die Verwandlung durchmachten, zu Brotlaiben wurden. Vorn seitlich ihrer der Junge. Der Blondkopf, der sich gegen den An- und Hineindrang stemmte, ihn ins Stocken brachte. Sein Blick Durchschauen, Erkennen. Begreifen des Trugs, der ins Verderben, ins Nichts hineinzog.

Im Halblicht der Zauberer, dem des Jungen wegen das luziferische Lächeln gefror.

Ja, dachte Janssen, das war es. Erwachen von Mario. Das Ganze, ohne Mario wäre es zu statisch geblieben, auch kompositorisch.

»Nun, findet es Gnade?«, wollte er wissen.

Die Didoni erwiderte nach Sekunden: Nur interessant, könne sie sagen.

Wenn das alles ist, dachte er. Bisschen wohlfeil für dich, Frau Bezirkskunststelle. Interessant, das Kinoplakat.

»Ich mein auch den Bezug«, sagte sie. »Zur Literatur. Dostojewski, nicht wahr?«

Hintersinnig stellte er fest: Es gäbe noch Kenner.

Von der Seite sah sie ihn an. »Kommen gleich nach den Sehern.« Ihre Stimme warnte.

Du zeigst ja Krallen, dachte er. Du wirkst eher warmblütig. - Er behielt für sich, dass er hoffte, das Bild werde seine Wirkung auch dann nicht verfehlen, wurden die Zitate nicht entschlüsselt. Er fand es sein bestes: Malerei, die allein schon mit Gestalten, Farben und Formen beeindrucken musste. Den meisten verborgen bleiben würde sein Geisteskern, die Essenz. Verborgen bleiben wie des Werkes Entstehungsgrund. Der hinabreichte zu Rudolf, seinem verstorbenen Vater. »Der Mensch erlegen der eigenen, der technischen Schöpfung«, hörte er ihn. »Ihr erlegen aus Gier nach dinglichem Reichtum - im Sog hin zur Wüste, zum Orkus.« - Dass solche Bildbotschaft ankommen werde, Janssen bezweifelte es. Zu wenige Marios dazu, dachte er, in der Menge. Eine Art Spiegel würde das Opus gleichwohl allemal sein. Mehr, meinte Jansen, war nicht seines Berufs.

»Übrigens, Ihr Chef ist anderer Meinung.« Janssen lächelte. Bernert, er hatte das Bild als selbstherrlich charakterisiert. »Nicht nach meinem Geschmack«, hörte er ihn. »Die Gesellschaft sonst ausnahmslos korrumpiert - nur die Kunst scharfsichtig über den Dingen.«

Nicht immer ist sie's, hatte Janssen bei sich entgegnet. Du, Bernert, jedenfalls siehst zu kurz. Siehst Konsumdenken gegeißelt, nicht mehr. - Argumentiert hatte er damit, dass Kunst nun mal verallgemeinere.

»Einseitig?!«, fragte daraufhin Bernert.

Janssen sah: Auch dieser sein »Zauberer« würde den Erfolg ihm nicht bringen.

Und hatte Tage später den Einfall. Den Einfall, der Mario hieß. Mario, hatte er gesehen, die Zugabe für die einäugig Blinden.

»Ach, anderer Meinung.« Die Stimme der Didoni rief ihn zurück. Eine Stimme, die den Willen zu eigenem Standpunkt betonte. Er verbiss sich eine Bemerkung. Werden sehen, wie lange du dich bei ihm, deinem Impresario, so eigensinnig behauptest, dachte er. - Dabei wusste er, dass nicht fair war, wie er ihn ins Spiel gebracht hatte. Bernerts Urteil, es hatte der Altversion des »Zauberers« gegolten; die mit Mario kannte er, der bezirkliche Kunstpapst, noch nicht.

»Ich bin wegen anderem hier«, wechselte sie das Thema. »Etwas Erfreulichem.« Sie lächelte wieder.

Abwartend sah er sie an. Wo nimmt sie jetzt, im Winter, fragte er sich, solchen Teint her?

»Vielleicht setzen Sie sich erst mal«, sagte sie bedeutsam. »Eine von den Atelierwohnungen wird Ihre. Am Brühl.«

Er reagierte, als habe er nicht verstanden. Auf der Straße schrien spielende Jungen.

»In den nächsten Wochen schon.« Ihre Stimme klang wichtig. »Brühl Nummer siebzehn.«

Ihm fiel schwer, das Gehörte zu fassen. Fernheizung, dachte er, und aller Komfort. »Und wessen - Protektion hab ich so viel Glück zu verdanken?!«

»Keiner. Nur der Dringlichkeit. Die spür ich hier selbst«, scherzte sie etwas forciert und mimte ein Frösteln.

Bernert, dachte er. Mäzen Bernert; nur so war, was ihm geschehen sollte, erklärlich. Der dringliche Fall, er überwog im Verband bei weitem die Zahl, in der Atelierwohnungen entstanden. Mäzen Bernert: Es konnte anders nicht sein.

»Und auf wen im Verband fällt noch solcher Treffer?«, wollte er wissen.

Sie nannte fünf Namen. Es waren etablierte Namen. Er allein, sah Janssen, aus unterem Rang. Wo nicht Bernert, hatte er seinem Vorsitzenden Janke zu danken oder beiden zusammen.

Um morsche Dielungszone herum näherte sich die Didoni dem »Zentaur I«.

Wie gefangen hinter dem Zaungitter, starrte der Pferdemensch aus wucherndem Park heraus auf die Blonde im »Wartburg« ganz vorn in dem Autopulk vor der Ampel. Auf die Langhaarige hinter dem Volant - daneben, in »Zentaur II«, galoppierte er, sie in sehnigen Armen, im Triumph über die Kreuzung - ihr Auto blieb bei denen zurück, die vor der Signaleinrichtung festgebannt schienen.

»Von gleich nach dem Studium.« Sein Tonfall deutete an, er habe sich von den Bildern - diesen - entfernt. Er dachte an den Brühl und die Wohnung.

»Sie wehrt sich nicht mal«, sagte sie hintersinnig.

»Muss sie das?«, griff er ihre Tonlage auf.

Schweigend betrachtete sie. Eröffnete dann: Sie selbst, sie habe dereinst an die Leipziger Hochschule Malerei-Grafik gewollt. Nach einigen Malzirkel-Jahren, wie sie erklärte - es weckte ihm Erinnerungen.

Sie sagte: »Leider reichte es nicht.«

Er hielt das Bekenntnis - das der Kunstwissenschaftlerin - für nicht frei von Koketterie.

»Und Ihr jetziges Gebiet?«

»Das von Kollegen Bernert«, sagte sie. »Bernert geht weg. Ministerium.«

Janssen fand keine Worte. Bernert ging?! Bernert, sein alter Widerpart und ideologischer Richtungsweiser?!. Sein Streitpartner und Sympathisant seiner Pinselführung?! Dessen Verrisse seiner ihn zu ideeller Steigerung angeregt hatten; im Sinn hatte er den um Mario ergänzten »Zauberer«. - Sollte sie, seine Besucherin, Bernert ersetzen?! Fast war er bestürzt.

Früher als sonst verließ er das Atelier. Gedanken verliehen ihm Flügel: auf heller Neubautreppe würde er emporsteigen ins Morgen. Das Wohnungswunder, sprach es nicht dafür, dass er auch im Status, dem künstlerischen, aus dem Keller herauskam?! Als Autor eines »Zauberer«?! - Bernert, das Fossil aus der Ära sozialistisch realistisch bestallter Kunstpäpste, bei allem ideologischen Kontra hatte er gezeigt, dass er das Opus im Bildsprachlichen zu werten wusste. - Du musst arbeiten, Janssen, nichts als arbeiten!

Das Haus Brühl 17 war das mit dem »Exquisit«. Der Ornamentfries unter dem Dach war durch Farbe wieder plastisch geworden: Lorbeerkränze schlossen Füllhörner ein, die von Früchten überquollen. Er fand es kein schlechtes Sinnbild.

Im Treppenhaus stieß er auf Gerüste und Malerleitern, vor dem Mansardgeschoss auf eine verschlossene Glastür. Von oben, glaubte er, würde er den Brühl überblicken. - Er beschloss, auf sein Glück zu trinken.

Die Leuchtschrift war von Gerüstholmen schraffiert: Café BRÜHL. Würde es sein Stammlokal werden?

Ein Biertrinker saß vereinzelt: Ja, hier sei frei.

Janssen, erkennend, riss die Augen auf. Er stand sekundenlang stumm: Es war Herbert Schäfer.

Seine Überraschung blieb in Grenzen. Einige Male hatte er Schäfer von weitem erblickt, auf der Straße oder im Kaufhaus - nun auch noch das.

Einst, musste er denken, waren sie Stiefgeschwister gewesen, und zwar schlechte.

Und wie ging es? - Es ging schon. Schäfers Lächeln war gewunden. Seine Gesichtslinien waren schärfer, der Blondschopf lichter geworden, die Augen in Knitterfältchen gebettet. Also auch du, Sportskanone!, dachte Janssen. Und du taxierst mich - nein, auch ich bin nicht jünger und schöner geworden. - Er überschlug: seit jenem Weggang der Schäfers von ihnen, den Janssens, waren zwei Jahrzehnte und mehr vergangen. Er war siebzehn, Schäfer fünfzehn gewesen. Wieder miteinander zu tun bekommen hatten sie Jahre danach. Der Kunststudent Janssen, er hatte das Arbeits- und Malpraktikum im heimatstädtischen Rekonstruktionsgebiet Brühl gemacht und war den Fernheizungs-Trassenbauern zugeteilt worden, deren einer Schäfer war.

Der Baufacharbeiter, er war damals noch ganz der unverwüstliche Bursche erschienen. Wie um den nunmehr Größeren herauszukehren, hatte er kundgetan, in der Städtischen Juniorenmannschaft zu spielen. Und gegrinst, als Janssen seine Studienrichtung bekannte.

»Na ja, die Janssen'sche Künstlerfamilie«, kommentierte er hintersinnig - erlebt habe er's ja.

Gemeint die Zeit, als Erna, Schäfers Mutter, und Rudolf, Janssens Vater, miteinander Lebenspartnerschaft versucht hatten.

»Hör zu«, hatte Schäfer nun, in der Brühl-Baubude erklärt, »hör zu, ich war glücklich an dem Tag, der mein letzter bei euch war!«

Nachher waren sie einander - und obschon auf Zeit zusammen in jener Brigade - nicht mehr zu nahe gekommen.

Jetzt sagte Schäfer: »Hab von deinem Vater gelesen. Die Annonce.« Er fügte nüchtern hinzu: »Erst hinterher.«

Es sollte wohl rechtfertigen, dass er sich seinerzeit, vor einem Jahrfünft, nicht gezeigt noch gemeldet hatte - ungeachtet der Anteilnahme, die er seinerseits von Rudolf und Botho nach Ableben Ernas, seiner Mutter, erfahren hatte.

Schäfer hatte keine Fragen. Ursache und Begleitumstände des Todes von Rudolf, sie schienen ihn so wenig zu interessieren wie Janssens jetzige Situation. Auch sich mitzuteilen schien ihm das Bedürfnis zu fehlen, die Gesprächspausen wurden alsbald beklemmend.

Janssen, mehr der Verlegenheit zu begegnen, als interessiert, erkundigte sich, was mit dem Fußball sei. Einst hatte er im Regionalfunk über den Spieler des Stadtfußballklubs Schäfer vernommen. Freilich: jetzt war der wohl aus den Jahren heraus.

»Nichts mehr mit Fußball«, erwiderte er denn auch, wobei ein Unterton Janssen aufmerken ließ.

»Unfall«, erklärte Schäfer, »vorzeitiges Aus.« Fast klang es, als ob er sich rechtfertigen wollte.

Janssen lauschte, machte sich seine Gedanken. Nicht klein die Strichklatte auf dem Bierdeckel des andern, gewahrte er. Das Kostüm des Sportlers, es wirkte ziemlich verschlissen. Zeigte sich nun, wie wenig der Künstlerfresser, der Urwüchsig-Blauäugige, darunter hatte? Etwas von Genugtuung wandelte Janssen an; die Serviererin brachte Wodka und Bier.

Schäfer sagte: »Übrigens, auch Linda ist hier.«

Janssen, begriffsstutzig, sah auf; Schäfer unterstrich die Eröffnung mit einem Nicken. - Ungläubig-verdutzt, wie er war, verdrehte Janssen den Hals gegen das hintere Lokal.

Schäfer, reagierend, winkte ab und erklärte »Jetzt nicht! - Sie serviert! Andere Schicht!«

Janssen blieb angelegentlich interessiert. Also nicht Schäfers Herbert nur, dachte er, sondern auch Linda, deine gewesene Pseudo-Schwester. Ein Café, das es in sich hatte. Das es in sich hatte, und wo sie ihm demnach seine Schlaftrunk-Bierchen verabreichen würde.

Noch stand sie vor ihm als die Kleine von dreizehn. Frühreif hatte sie ihn, den neuen Bruder, bei der ersten Begegnung angelümmelt; mit ihr, sah er, konnte es spannend werden. - Wie würde sie nun sich darbieten?

Die Unerhaltung mit Schäfer bewegte sich um den Brühl, um dessen Gastronomie. Schäfer stellte seinen Anteil an der hiesigen Rekonstruktion heraus. »Seit damals ununterbrochen dabei!«

Das damals, es meinte die Situation vor fünfzehn Jahren, als sie für Wochen zusammen, ja fast miteinander im hiesigen Baugebiet gewerkt hatten.

Schäfer kam auf das Jetzt zu sprechen. »Bin Brigadier«, verriet er, im Ton gleichsam selbstbewusster geworden. »Beim Rekobau. Auch hier drin«, eine Handbewegung umschrieb das Lokal, »hab ich mitgemischt.«

Janssen ließ wissen, dass für ihn der Einzug ins Viertel bevorstand. »Brühl siebzehn - nur zehn Schritte von hier.«

Schäfer, überrascht, hob den Blick, suchte sichtlich nach Worten. »Dann werden wir Nachbarn!« Hörbar unbegeistert, brachte er es heraus. Er wohne zwei Häuser weiter. »Die rote Fassade!« Es klang wiederum nicht, als wolle er etwas für sie beide draus machen.

Seine Frau, hob er wieder an, sei Lehrerin - an der Brühlschule. Etwas von Genugtuung war unüberhörbar. Heut Abend sei für sie Kulturbund: drum war er seinerseits hier. Er erklärte: »Was über Literatur - ist ihr Fach.«

Janssen brauchte Zeit, zu verarbeiten. Schäfer, der geschworene Feind allen bedruckten Papiers von damals, und eine Lehrerin für Literatur?! Fast fand er es widersinnig - zugleich ahnte, ja spürte er den Konfliktstoff. Erwies der sich nicht schon im Schäfer'schen Hiersein?! An dem Bierdeckel-Zaunfeld, geschuldet dem Heute für sie Kulturbund?!. Statt dass er mit ihr eben dort und bei was über Literatur war?! - Sieht aus, Sportfreund, als hättest du von ihr so viel noch nicht übernommen, in jenem mit ihr so viel nicht gemein.

»Und du?«, fing Schäfer wieder an.

Janssen antwortete: »Maler.«

Schäfer verpresste seltsam die Lippen; sein Blick war hintersinnig geworden.

Knapp erklärte Janssen, was für eine Wohnung es war, die er am Brühl beziehen würde.

Schäfer blieb stumm, sah ihn unverwandt an.

Sag's nur, dachte Janssen. Sag's, dass dir jede solche Wohnung, besonders jede am Brühl, genauso überflüssig erscheint wie meine ganze Profession.

»Also die Künstlerwohnung«, bemerkte endlich mehrdeutig Schäfer. Und eröffnete: »Die in der Siebzehn hab ich mitgebaut!« Es klang vieldeutig. Ich, so hörte Janssen heraus, hab dort demnach für dich!

»Also du malst nur.« Schäfer schien zum Abschluss einer Erkenntnis gekommen zu sein.

»Nur!« Janssen bestätigte, dass es wie in Bedeutsamkeit fortschwang: auch steiler Erfolg hätte sich ableiten lassen.

Schäfer griff zum Bier.

Janssen dachte an die Wohnung, an die Augen der Didoni. Warum nur hatte er die Glücksbotin nicht zu einem Schluck hierher eingeladen! Der Einfall erregte ihn, obschon er sich sagte, dass sie so mir nichts dir nichts wohl nicht angebissen hätte; zudem dass ihresgleichen für frei und unbemannt ohnehin kaum zu halten war.

Als die Serviererin kam, bestellte er Klare; Schäfer schien es zu gefallen.

Er fand nicht in den Schlaf. Bilder flappten ihm durcheinander: die Didoni im Atelier, Gerüste im Treppenhaus und Schäfers schwimmender Blick. Eine fast vergessene Szene wurde ihm lebendig. Erna, eine kraushaarige Dunkle, schob Herbert auf ihn, Botho, und Vater Rudolf zu - ein Robuster mit rot erhitztem Gesicht gab er ihnen wie widerstrebend die Hand; vom Hof klangen die Rufe seiner Fußballer herauf. Botho, im Sonntagsstaat, saß da, fühlte sich unbehaglich. Er empfand, dass er hierher nicht passte - so wenig wie Rudolf, der scheininteressiert den zerzausten Erna-Sohn fragte, wie es unten für wen gegen wen stünde; wozu mürrische Auskunft kam. Das ihm geschenkte Sagenbuch legte Herbert unaufgeschlagen beiseite. Einigen Kuchen in sich hineingestopft, machte er sich wieder davon und hinunter.

Erna suchte zu entschuldigen: Bei der Großmutter aufgewachsen, sei er noch zu wenig erzogen. »Verwöhnt, aber sonst fehlt's. Erziehung tut Not! Erziehung und dienlicher Einfluss.« Bedeutsames Lächeln, sah sie Botho an.

Der mochte sie, ja fühlte sich wohl, war sie nahe. Sie half in der Bücherei an Stelle Mutters, der fehlenden. Ernas Gesicht war bräunlich und breit und schien das Gutmütige nie zu verlieren. Ihre Bewegungen wirkten schwerfällig und weich; ihre Stimme heimelte an. Dunkel klang sie aus der Ausleihe zu ihm, der im Schreibkabinett las, hüllte ihn ein als sanftes Gemurmel, das ihn müde machte und in Schlaf ziehen wollte.

Jenes Anheimelnde brachte sie ihnen, den Janssens, in die Wohnung, kam sie Kirschen aus dem Bio-Garten einwecken, Gardinen aufmachen oder die Wäsche waschen - ging sie wieder, blieb es wie Leere zurück.

Einmal trat ihm nachher Rudolf ins Zimmer. Bedeutsames Schweigen, platzierte er sich. Rückte noch etwas näher und fing dann von »großer Neuigkeit« an. Er erklärte: Bald würden sie »mit den Schäfers zusammenleben«. Es sei gut überlegt. Ihm, Botho, werde »die Mutter zugute kommen«; die »künftigen Geschwister« würden ihn auf andere Weise »bereichern« - ihr, der jetzt »wie nur für sich« existiere. »Wir alle werden gewinnen!«

Botho schwieg. Angstlos sah er Erna, neugierig Klein-Linda und widerwillig ihrem Bruder, dem fußballernden Blonden, entgegen.

Rudolf brachte sie Tage darauf. Von ihrem Gepäck umgeben, legte er Linda die eine, Herbert die andere Hand auf die Schulter, schob beide auf Botho zu; der fand es Komödie. Kopf gesenkt und einen Haarwisch in der Stirn, gab der neue Bruder ihm einen Blick von unten herauf. Erna, prall gefüllte Taschen zu Füßen, schien ganz lächelnde Zuversicht.

Nun lebten sie zusammen. Abends rumorte die Waschmaschine gegen Berge schmutziger Hemden, Hosen und Bettwäsche an; in der Küche entstanden Braten, leckere Suppen und Puddings.

Am Tisch saßen die neuen Geschwister und Botho sich gegenüber. Starr haftete Herberts Blick auf dem Teller: Einmal mehr hatte ihn Rudolf über rechten Umgang mit Messer und Gabel belehtt. Das schwere Silberbesteck, wie Herbert machte es sichtlich auch Linda zu schaffen.

Ihr und Bothos Zimmer lagen sich gegenüber. Er warf einen Blick in ihres, als sie abwesend war. Puppen, Puppenstube und Kaufmannsladen beherrschten das Bild. Abends drangen nachgeahmtes Babygreinen oder auch Schlagerklänge durch ihre Tür. Schon beim Einzug der Schäfers hatte Rudolf, dass Linda ein kleiner Empfänger gehörte, kritisch beurteilt.

Herbert hielt es kaum im neuen Daheim. Nach dem Mittagessen verschwand er; durchs Fenster sah Botho, dass er, die Fußballstiefel über der Schulter, die Richtung des vorherigen Schäfer'schen Wohnens nahm.

Meist er hatte ihm und Linda die Bücher zuzuleiten, die Rudolf ihnen zu lesen bestimmte: ihr Mädchengeschichten, ihm Scotts, Gerstäckers und dicke Karl Mays. Nur widerwillig nahm Herbert entgegen. »Leg hin«, sagte er schiefmäulig, ungnädig gegen den Tisch mit dem Sammelsurium von Zeitungsausschnitten zu Fußball, von Angelutensilien, zerfledderten Schulheften und allerlei Krimskrams nickend.

Von Rudolf später befragt, ob etwas vom Gelesenen ihm gefalle, druckste er herum - wohl kaum, dass er in der Lektüre auch nur geblättert hatte.

Rudolf versuchte es anders. Er setzte an bei dem Indianer-Western im Kino, den er Herbert genehmigt hatte, und verwies auf dicke Indianerschmöker in seinen Beständen, deren einer dem Film zugrunde läge: »Lies doch: steht alles im Schrank!«

Wann immer Botho an kommenden Tagen die Blickprobe machte, standen die Bände vollzählig hinter dem Glas.

Auf Nachtspaziergängen zu dritt begann Rudolf von den Wundern der in tintigem Schwarz funkelnden Sternenwelten. Einer der selbst noch immer das Geschaute bestaunte, extemporierte er über Galaxien, Spiralnebel und Supernoven und den darin so manifest wirkenden Geist, über Quantentheorie, Rotlichtverschiebung und Urknall, mit einer Stimme, dass es Botho erschien, als ob das All von Vertrautheit erlangte, vom Charakter unendlicher Eiseskälte verlöre.

Bei Herbert bewirkte Rudolf nicht mehr als ein Gähnen.

Auf Radpartien suchte ihn der auf andere Weise »sehend« zu machen. Licht, lehrte er, sei das Wesen der Birke: Ob er nicht sähe, wie es, das Licht, im Geflimmer des Birkenlaubes und selbst dem Widerstrahlen des Stammes lebte; - wohingegen die Linde wiederum Herz sei - Herz bis in die Formung des Blattes und ihre Gestalt hinein; Herz, wie es mit ihr auch das Volkslied verbände; - die knorrige Eiche dagegen, sie verkörpere bis in die stählenden Wurzeln, ihre letzte Verästelung Kraft. »Schaut ihr sie richtig an, die Wesen und Dinge, sie sind euch mehr als Hülle und Stoff!«

Herbert sah ihn an und verkniffenen Blicks zurück auf den Fahrradlenker; bevor Rudolf fortfahren konnte, trat er wieder in die Pedalen.

Mehr als ihn mochte Botho die dreizehnjährige Linda. Ihr Gelächter beim Mensch-ärgere-dich-nicht mit Erna, Herbert und ihm steckte ihn an, schien sie ihm näher zu bringen. Längst wusste er, wie wenig sie sich mit Herbert vertrug.

Erkältungskrank musste sie das Bett hüten, und Botho war mit ihr in der Wohnung allein.

»Eine Geschichte!«, bat sie und hielt ihm, der nach ihr sehen kam, in ihrem Zimmer das Buch hin; ein Verlangen, das ihm kindisch schien bei ihrem Alter. Kam er ihm dennoch nach nur wegen ihres Fiebers am Morgen, oder ließ mehr ihn sich zu ihr auf den Bettrand setzen?

Beim Vorlesen spürte er ihre Hand; ihr aufsperrendes Nachthemd zeigte ihm heranwachsende Brüste. Verwirrt und sich verhaspelnd las er angelegentlich weiter aus Tausendundeiner Nacht.

Erna bat ihn, Linda zu porträtieren.

Bereitwillig kam die, ihm zu sitzen; er wandte sein ganzes Können an ihre verlangenden Augen, ihr kokettes, von kecker Frisur gerahmtes Gesicht.

Ihr Abbild betrachtend, errötete sie. Den Blick tief in seinem, lud sie ihn gleichsam ein. Dieses Kind, dachte er dagegen an, dieses lachhafte Kind.

Er begeisterte mit dem Bild Erna. »Du wirst Künstler, Junge! Richtiger Künstler! Weißt was: Du malst mir noch Herbert! Bitte - das musst du!«

Das halbe Versprechen bereute er bald. Wer sich sperrte, war der andere; umsonst jeder Versuch, ihn vor den Skizzenblock zu bekommen.

Erna schaffte es endlich. Umsonst suchte der Störrische eines Nachmittags die Fußballstiefel. »Du kriegst sie wieder, wenn du gemalt bist«, erklärte sie; als er aufstampfte, haute sie ihm eine herunter.

Wie zähneknirschend opferte ihm der Fußballer die zu seinem Abkonterfeien nötige Zeit; von der Wut legte Botho in das Porträt.

Als es fertig war, schielte Herbert darauf, ließ ihn dann damit stehen.

Erna umarmte Botho für seine Leistung. »Seinen Stur«, meinte sie schmunzelnd, »hast du trefflich erfasst!«

Mit dem Stur bekamen sie und Rudolf Probleme: Gefährdet war seine Versetzung in die Achte.

Rudolf nahm ihn ins Gebet: Damit, dass der Ball ihn auffräße, sei Schluss! Halbwöchig werde nun und künftig einzig gelernt! Gelernt und getan, was dem diene - klar, was gemeint war!

Erna äußerte sich, als Herbert hinaus war. Ja und natürlich: Es gälte nun für den - trotzdem sei sie gegen zu viel. »Dir geht's jetzt auch wieder ums Lesen - ich erhoff mir da wenig! Vergiss nicht: Bei Großmutter Rosa bekam er kein Buch in die Hände, und so ist er eben geworden.«

Rudolf beharrte. Jedem sei Wachstum gegeben, machte er geltend: »Den Willen dazu, auch den, entgegenzunehmen, sollten wir von ihm verlangen!«

Erna widersprach weiter. »Erst mal ist er er selbst - darfst ihn zu einem Zweitbotho nicht abrichten woll'n!«

Botho spürte, wie es nicht nur um Herbert ging. Erna selbst hatte, von Rudolf gedrängt, nach seinem Gusto gelesen; Werke, um die nicht herumzukommen sei, so Rudolf, bei »Beratung von Lesern mit Anspruch«.

Erna, sie war dadurch den »klassischen Großen«, den Manns und Goethes, den Dostojewskis und Tolstois, den Feuchtwangers und Zweigs so wenig gewonnen worden wie den »Erkenntnissen Höherer Welten« des Spiritus Rectors der Anthroposophen. Kaum mehr an las sie die ihr nachgeschobenen Shakespeares und Stifters, griff einfach wieder zu ihrer, der von ihm trivial genannten Lektüre.

»Lass mir das meine, ich lass dir das deine«, so beschied sie den unzufrieden insistierenden Rudolf.

Wenig hatten sie, die Schäfers, sah Botho, mit ihnen, den Janssens, gemein.

Auch um Linda gab es Verstimmung.

Zu oft stand sie Rudolf vorm Spiegel und hörte sie heiße Musik, zu »provokant eng« ihm ihre Hosen und Röcke. Ins Feld führte er ihre Geistesgefährdung; Erna, zornig geworden, nannte ihn kleinkariert.

Schon nachmittags konnte der Streit sich neu an dem Kinoschinken entzünden - dem ihr von Erna erlaubten -, den er ein Machwerk der vulgären Erotik schalt.

Herbert lernte weder noch las er. Auch an den »Pflichttagen« machte er sich wie zuvor aus dem Staub, war draußen nur erst röhrend der F 7 entschwunden, der die Eltern nach Tisch ins Geschäft zurückbrachte.

Weder verpfiff ihn Botho noch sorgte er sich; mochte aus dem Flachkopf werden, was wollte.

Der besuchte noch einmal die Siebente, als Botho die Oberschule begann.

Wenig später trat der dem Kulturhaus-Malzirkel, der andre der Fußball-Nachwuchsmannschaft des Stadtbezirks bei.

Eine Zwischentür verband Bothos Schlafzimmer mit dem kleinen Wohnzimmer. Abends vernahm er die drüben geführten Debatten: Nun werde er, erregte sich Rudolf, vollends verflachen; in Ernas Entgegnung kam Stiefvater vor und war von Verständnismangel die Rede.

»Der Geist, auf den du so pochst, ist mir zu hart und autoritär. Zu lieblos und kalt. Vielleicht hast du Wärme nur für die Menschheit und den Rest der Natur, nicht für den einzelnen Menschen!«

Statt Antwort erfolgte Türenknallen: Rudolf, hörte der Lauscher, zog sich ins Lesezimmer zurück.

Nun war es so weit.

Botho kam aus der Schule, und die Schäfers waren beim Packen.

»Armer Junge«, sagte Erna und nahm ihn beim Kopf; Linda sah ihn an wie traurig bedauernd. Herbert, ohne ihn zu beachten, stopfte Schuhe und Wasche in Taschen und Beutel.

Als mittags Rudolf eintraf, waren die Schäfers schon fort.

War Schäfer jetzt, fragte sich Janssen, auf nur anderer Flucht? Bei Ausschankschluss erst hatte er eheliche Konflikte angedeutet: keine kleinen. Dabei hatte er deutlich vom Gehabe des Selbstbewussten verloren.

Also doch auch du, hatte Janssen gedacht. Und zu Unrecht getan, als könne er seinerseits mit sich zufrieden sein.

Fast bereute er, Schäfer für »nach dem Umzug« eingeladen zu haben; schon sah er die verkniffene Miene vorm »Zauberer«, vor den »Zentauren«.

Er erwog, dass er ohnedies kaum erscheinen würde.

Wie fürs Erste befreit, überließ er sich dem Schlaf.

2. Kapitel

Schäfer erwachte mit einem Gefühl des Ekels. Es war dunkel. Flirrender Druck saß ihm hinter der Stirn; Mund und Rachen waren klebrig und trocken. Das Trinken mit Janssen!, fiel es ihm ein. Zugleich traf ihn wie mit Wucht das andere: das Nichtdasein Inges. Umsonst hatte er, heimgekehrt, hier im Schlafzimmer nach ihr gestiert, umsonst zwischen schwankenden Wänden in Bad, Wohnzimmer und Küche gesucht.

Abrupt richtete er sich auf; in ihm drehte es wild. Die Augen anstrengend, gewahrte er sie, ihre umdunkelten Umrisse unter der Decke. Erleichtert ließ er den dröhnenden Kopf ins Kissen fallen.

Er vernahm, sie atmete gleichmäßig und tief. Wo war sie gewesen?, jagte es ihm durchs Hirn, und kalter Schweiß brach ihm aus. Wo war sie gewesen?! An wen er dachte, war Groß, ihr Lehrer-Kollege. Sein Herz hämmerte, und er gierte danach, sie zur Rede zu stellen.

Den Gedanken, sie zu wecken, verwarf er. Noch war alles bloßer Verdacht, hielt er sich zwanghaft vor; er durfte sich nicht verrennen. Sie nicht sofort attackieren; zu sehr war er jetzt ohnedies bei ihr wieder im Minus. »Wie es mit uns weitergeht«, hörte er sie, »ist nur deine Entscheidung!«

Er verwünschte sich und verwünschte Janssen, der ihn mit Wodka eingeseift hatte. Janssen, der künftige Nachbar. Sogar eingeladen, kam es ihm wieder, war er von ihm. »Komm mal, wenn ich mich eingehaust hab!« - Dich in deinem Erfolg bewundern!, dachte Schäfer. Den Herrn Künstler! Was husten werd ich! - Noch genug hatte er von der Janssenschen Baustellen-Kunst. Die er damals, nach seinem Hineinriechen in die Rohrtrassen-Brigade, zusammengekünstlert hatte. Noch sah er grob ihr von ihm vorgelegtes Abbild. In dem nicht alle der Truppe enthalten waren - unter denen, die fehlten, er, Schäfer.

Jetzt nun: Komm mal betrachten. Ofenruß! Beherrschen würde er sich. Schon ihretwegen, Inges, würde er es.

Sowieso, glaubte er, war die Einladung Blabla gewesen. Angeben und Blabla. - Blabla oder nicht: Er hatte bei ihm, dem Pinsler, nichts verloren! Schon damals, vor fünfundzwanzig Jahren, wusste er es. Eine Begebenheit kam ihm herauf; nie hatte er sie vergessen. Es war kurz nach ihrem Einzug bei ihnen, den Janssens. Er wollte zum Bolzen, und er saß malend beim Fenster. Eine Art Mitgefühl kam ihm: Nicht Sport hatte der andre noch Freunde, saß sich nur immer den Hintern platt. »Willst mit zum Fußball?«, bot er ihm an.

Janssen, er sah es wie damals, kehrte ihm das Gesicht zu und griente. »Nicht meine Welt, dein Sport«, versetzte er dann. Es klang wie Fußball, das Letzte.

Von nun an hatte er einen Bogen um ihn gemacht.

Er war überwach. Sein Gehirn elektrisch gereizt, er kannte es. Er setzte sich auf, starrte zum Wecker. Seine Augen brannten; das Dunkel war rotierender, zähflüssiger Brei. Der Zeiger schimmerte vor der Vier. Ein Scheinwerferstrahl stach durchs nur halb verhangene Fenster, hob Inges Gesicht aus dem Dunkel. Sie seufzte und warf sich auf die andere Seite; dabei schien es ihm, als blickte sie ihn kurz an.

In ihm abgebildet war sie mir Groß, ihrem Spezi- Kollegen, auf der Lehrerfete. Mit Ohr nur für ihn, den Problemschüler-Experten. Den sie fast anhimmelte; während er dabeisaß wie Ballast.

Tage später kreuzten sie und Groß - ohne ihn zu entdecken - die Bahn des W 50, in dem er als Beifahrer saß.

Er war wie geschockt, wie gelähmt. Zu spät bereute er, dass er nicht hatte anhalten lassen, um sich Groß vorzuknöpfen.

Abends stellte er Inge zur Rede. Sie reagierte wie erwartet: Er sähe Gespenster. Sie und er, sie hätten nun mal ein und die selbe Richtung! - Hatten sie die auch in jetziger Nacht gehabt?! Sein Blut kochte. Was überhaupt würde sie ihm auftischen wollen?! Er verwünschte den zu langsam tickenden Wecker.

Der Durst trieb ihn aus dem Bett. Auf instabilem Fußboden tappte er taumelig zur Küche.

Als er das Glas wegstellte, überfiel ihn ein Hitzeschwall. In seinem Bauch krampfte es sich zusammen; hastig trat er zur Spüle. Sein Brechwürgen hallte zwischen den Wänden, doch konnte er sich nicht übergeben. Aus dem Spiegel starrte ihm ein graues Gesicht mit verquollenen Augen entgegen. Zitternd sank er auf einen Stuhl. Mit dem Schlafanzugärmel wischte er sich den Schweiß ab. Wieder streikte der Magen. Umsonst hatte er vorm Zu-Bett-Gehen eisern ein Brötchen hinuntergewürgt - selbst das schien nicht mehr zu helfen.

Er lag wieder, und es fiel neuerlich über ihn her. Wo war sie