Krell - im Sog der Macht - Peter Löw - E-Book
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Krell - im Sog der Macht E-Book

Peter Löw

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Beschreibung

Auf der Festung Königstein zehnjährige Haft,. dann die Schwert-Hinrichtung auf dem Dresdener Jüdenhof als Schlusspunkt des Schicksals des Dr. Nikolaus Krell, Reformpolitiker und Kanzler unter Kurfürst Christian I. von Sachsen. Die Romanhandlung als Weg eines Unmachtgierigen, ins höchste Staatsamt nur Hineingedrängten, inmitten der gesellschaftlich-geistigen Konflikte jener Zeit. Ein Weg der Erkenntnis dabei: der, wie Macht auch lautere Gesinnung beschädigt, und wie dieses in der Folge Tun und Handeln bestimmt. Ein mitreißendes Geschehen, das in bunter Vielfalt Renaissance ins spannungsträchtige Bild bringt: Politintrigen und Kriminalprozesse, Geheimbundwesen und in Allianz mit Kurpfalz, europaweite Bündnisprojekte - auch militärisch - in Abwehr der Gegenreformation im damaligen Sachsen. Charakterlich und in ihrem politischen Wollen hervorgehoben sind Christian I. und sein mit ihm eng koalierender Schwager Johann Casimir von der Pfalz. Elemente des Politkrimis verleihen dem Ganzen politisch-konfessionell motivierte Mordanschläge - deren einem - Krells Sturz einleitend - Christian I. zum Opfer fällt. Ins Spiel gebrachte Kunstwerke und Bauprojekte, Religionsstreitigkeiten und ökonomische Tatbestände des Damals vermitteln zusätzliches Zeitkolorit. Wie verwoben ist alles mit stimmungsvoll-dramatischer, wenngleich sich für Krell durch die Zeitumstände nicht erfüllender Liebesgeschichte. Handlungszeitraum: Herbst 1586 bis Herbst 1591 Das gedruckte Buch erschien 2001 beim Lions Verlag Mittweida.

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Impressum

Peter Löw

Krell - im Sog der Macht

Historischer Roman

ISBN 978-3-86394-289-2 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 2001 bei Lions Verlag Mittweida.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Für Esther

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

1 - Die Erhöhung

Christian erhob sich vom Thron, zog Krell, der kniete, empor, an die Brust. Pfeiffer, die Berufungsurkunde in Händen, riss die Augen auf. Raunen durchlief die Versammlung. Bewegung war unter Hofjunkern und Räten, unter Gesandten und Vertretern der Ritterschaft; die Goldzier der Hoftracht glitzerte im Kerzenschein. Köpfe schoben sich zusammen. Dieser frischgebackene Kurfürst, um seines Günstlinges willen ließ er die Etikette beiseite. Zeichnete so vor allen Räten, neu oder wiederberufenen, nur ihn aus, nur Krell. - Augustus, Christians Vater, hatte das Land, das nach dem Schmalkaldischen Kriege wiedervereinte, mit Klugheit und Stärke regiert, hatte Sachsen zu Achtung und Wohlstand verholfen, sich ihm so unvergänglich gemacht. Gegen Würde und Schicklichkeit hatte er niemals verstoßen. Nie hätte er, der Hingegangene, sich einen Krell an die Brust gezogen.

Christian gab ihn frei, wandte sich Pfeiffer, der Urkunde zu. Überreichte sie Krell und sah ihm in die Augen. Seelenbewegung war in den seinen. Es bedurfte keiner Worte. Wie verändert schickte er den Blick in den Saal, die Versammlung. Seine Miene plötzlich Eigenwille und Trotz. Eine wie Krell sie kannte: manchmal hatte Christian sie ihm, seinem Lehrer, gezeigt. Nurmehr anderen galt sie seither. Im Saal neigten sich die Köpfe.

Krell bestieg im Schlosshof den Wagen. Noch spielten oben die Bläser, und er hatte die Tafel verlassen. Der Lachs, die Pasteten waren superb gewesen, und es schmeckte ihm nicht. Unweit hatte Mirus, der Hofprediger, hatten Schönberg, der Marschall, und Pomßen gesessen. Zu stark wehten von ihnen Missgunst, der Odem des Hasses herüber; gleich Dolchen trafen ihn ihre Blicke. Ihn, den Bürger, der bei Christian vor ihnen, den Blaublütigen, kam. Der sein Freund und Vertrauter, sein Rat nicht erst seit vorhin, der Beurkundung, war. - Erst war er beargwöhnt worden, jetzt galten ihm Todeswünsche. Ihm in seinem Triumph. Seine Liebden, Geheimer Rat Krell, dachte er. Der jetzt mächtige. Der wohlhabende. 800 Gulden jährlich gab ihm Christian. Dazu 400 für die Wagen, das Reitpferd. Geheimer Rat Doktor Krell. Seine Brust wurde weit im Gefühl für Christian. Nicht enttäuscht sollst du werden noch dich täuschen - nicht in mir. Und mögen sie Gift und Feuer spucken - ich der deine. Tief sog er die Nachtluft ein. Gegen sie, die Hasser und Neider, würde er zu bestehn wissen. Geheimer Rat Krell. Er hatte das Amt nicht gewollt. In es hineingenötigt hatte ihn Christian. Nun er Rat war, würde er es auch sein. Nicht Parteikampf war sein Verlangen. Anders würde er es den Mirus zeigen, dem Aristokratenklüngel. Ihnen zeigen, was ihr Hass wert war.

Über Katzenköpfe ratterte die Kutsche zum Tor, hinaus. Die Wachen erstarrten in Haltung, die Hellebarden bei Fuß. Seine Liebden Rat Krell, dachte er. Vor einem Jahrfünft nach Dresden berufen, hatte er soviel nicht erträumt. Gerade dreißig, hatte er an der Alma mater lipsiensis Römisches Recht gelehrt. Vom Seminar weg ließ ihn eines Tages Scheefer, der Rektor, rufen. Bei dem ihn, goldkettenbehangen, Gleisenthal, der Rat Augusts, erwartete. Ehrenvolles hab er ihm zu eröffnen. Kurfürst August wolle ihn am Dresdener Hofe haben. Schon bald, schon in Wochen. Als Justizrat solle er dem Kurprinzen dienen, der zum Präsidenten des kurfürstlichen Hofkammergerichtes ernannt worden war. Er hatte dagestanden und keine Worte gefunden. Die Bestürzung, die seine Miene ausdrückte, las er von der Miene Gleisenthals ab. Scheefer gab ihm hastig ein Zeichen. Er begriff und verneigte sich tief. - Seine Gedanken wirbelten. Der Fürst wollte ihn? Ihn, Krell, wolle er? Der glaubte es nicht. Anderes vermutete er. Gleisenthal, er hatte wohl für Dresden nur einen verlangt, der geeignet erschien, und Scheefer daraufhin ihn, den jüngst promovierten, empfohlen. Ein Ausweichen, wusste er, gab es nicht. Für den Umzug, so Gleisenthal, werde ihm Fuhrwerk gestellt.

Wie in sich zerrissen durchlebte er die folgende Zeit. Der Ruf nach Dresden war ehrenvoll, er verhieß Wohlstand und Glück. Glücklich machte er ihn nicht. Schwerfallen würde ihm die Trennung, das Weg von seinen Studenten. Sie mochten ihn, und er mochte sie. Die Bürgersöhne, sie brannten auf Wahrheit und kühne Gedanken: gern flocht er diese der Vorlesung ein. Das geltende Recht, es leite sich in praxi vielfach von hoher Geburt her. Von Standesprivilegien, die begründet wurden mit göttlicher Gnade. Nicht solche Gnade aber habe die Zwingburgen errichtet. All die Stützpunkte bevorrechteter Macht, ohne die sie als solche nicht viel wäre. Sondern aufgeführt habe die Burgen nur menschliche Kraft. Ergo kam sie, die Gnade, nicht nur von Abstammung her. Auch aus Tüchtigkeit kam sie, aus Leistung und Fleiß. Beifallsgetrommel hatte ihn oft unterbrochen. - Nun würden sie, die Beifallstrommler und er, einander verlieren. Worum es wohl Scheefer gegangen war. Warum er ihn wohl hinweglobte - ihn hinweglobte, weil er sonst Ärger auf ihn gezogen hätte. Ärger mit Leipzigs orthodoxer Pastorenschaft wie dem Oberkonsistorium. Er, der Herr Professor, verfolgte die Schleichtour. Doch, auch er halte viel von Melanchthon, behauptete er: gleichwohl möge Krell doch in seinen Bekenntnissen vorsichtiger sein. - Da der zum Leisetreter gleichwohl nicht wurde, kam er unter Kuratel. Ihm wurde eng in der Brust. Würde, musste ihn nicht die Hofluft ersticken? Viele junge Köpfe hatte er aufhellen wollen - nun kam er in goldenen Käfig. Zudem setzte Margaretha ihm zu, seine Frau. Vor warf sie ihm das Streben hoch hinaus in weltlicher Laufbahn, das sie nun der Heimat beraube. Um Krellscher Größe willen sollte sie die Ihren und alles Vertraute verlassen. Einmal mehr herrschte Streit. Unfroh hatte er der Zukunft entgegengesehen.

In der Schlossgasse war es finster. Er lehnte sich aus der Kutsche. Utas Fenster, sah er, waren dunkel. Scharf spähte er. Regte es sich nicht hinter den Butzenscheiben? Zweifelnd winkte er hinauf. Hatte sie ihn erwartet? Sein Vorbeifahren als bestallter Rat? - Er schalt sich leichtsinnig; seine Hand fiel herab. Noch anderer Augen konnten auf ihn gerichtet sein. Oder du, Kutscher, dich wenden: es reichte wohl für das Ende. Ein Sturm, entfacht von den Mirus' und Schönbergs, würde ihn aus Amt und Würden blasen wie herbstliches Laub. Ein Ehebrecher hörte er es, als des Kurfürsten Rat! Auch Christian hätte ihn nicht zu retten vermocht. Er, der ihn für makellos hielt. Der an ihn glaubte und auf ihn hörte, sich von ihm raten ließ wie von anderem Vater. Ein Schlag für dich, stünde ich als Entlarvter vor dir. Als Verworfener, der sich dennoch berufen ließ. Fester zog er den Mantel um sich. Gesträubt hatte er sich gegen das Amt. Vorauszusehen gewesen war der Hass der Hofkamarilla, des Adels. Nicht berufen, hielt er Christian entgegen, fühlte er sich zu solchem Rang. Es half nicht, jenes Bitten zu widerstehen. - Hätte er Krell jetzt verdammt? Der glaubte es nicht, Christian selbst waren menschliche Versuchung, ja Verstrickung nicht fremd. Wie er mit den Damen bei Hofe umging, seine begehrlichen Blicke für manche der Mägde sagten genug. Dabei war er wohl zu verstehen. Sophie, die Fürstin, war ein reizloses Wesen. Stolz war sie, die Brandenburgerin, langweilig und prüde. Christian, alle wussten es, liebte sie nicht. So wenig mochte er sie wie Etikette und hohle Präsentation. Wann immer es ging, entzog er sich dem Leben bei Hofe. Lieber als mit seinem Adel pflegte er den Umgang mit anderen. Krell unvergessen jene Begegnung im Kupfergraben vorm Jahr. Nachts stieß er dort mit vermummter Gestalt zusammen, die aus Gödings, des Historienmalers, Haus herauskam. An Gang und Statur erkannte er Christian. Innen hatten zum Juchzen der Fidel Dirnen gekreischt.

Sich dem anzuvertrauen, wusste Krell, kam gleichwohl nicht infrage. Nicht hineinziehen durfte er ihn in Mitwisserschaft. Allein musste er sie weitertragen, die Last seiner zwei Leben. Sie weitertragen oder von sich werfen das eine. - Er verbannte den Einfall. Den Gedanken an Trennung von ihr. Nie und nimmer, auch nicht um Kaisers Thron, Geliebte, gäb' ich dich her! Er suchte sich Mut zu machen: all die Jahre schon war es verborgen geblieben. Vielleicht, und so frevelhaft es zu denken schien - vielleicht hielt ER die schirmende Hand über sie beide. ER, der ins Herz sah. Die Größe wahrer Liebe erkannte. Der nach Luther mit denen war, denen er gnädig sein wollte. Die seine Werkzeuge waren. Vielleicht, Krell, gehörst du dazu. Du, des Fürsten Intimus. Sich immer nahe haben wollte der ihn, seinen nun beamteten. Weshalb schon dem neuen Haus, dem Krellschen, beim Schlosse der Dachstuhl wuchs. - Freilich, Margaretha freute es nicht. Unerbittlich war ihr Zorn. Gerackert habe sie, Pistoris' Hinterhaus bewohnbar zu machen, nachher die Strapazen des Umzuges nach Altendresden auf sich genommen - nun standen die bevor des Nach - drüben - Zurück. In ein Gebäude voll Baudreck. Lieber als so hätte sie mit einem Schuster gelebt mit bescheidenem doch beständigem Heim. Der Wagen polterte über die Elbbrücke.

Margaretha saß am Stickrahmen. Kühl umfing ihn ihr Blick. Seine Absicht, sie beim Kopf zu nehmen, verflog. In gespieltem Gleichmut entrollte er ihr die Berufungsurkunde.

Nur flüchtig sah sie hin. "Nun bist du mit ihm, deinem Fürsten, vollends verkuppelt." Es klang frostig-verbittert.

Etwas von Mitgefühl rührte Krell an. Allzu einsam lebte sie hier dahin. Froh war er, ihr das Geschenk zu haben, das zu Ehren des Tages bei Metzler, dem Hofgewandschneider, erstandene Tuch. Er nahm es, breitete es ihr über den Schoß. Überrascht sah sie auf. Etwas Helles überflog ihr Gesicht. Sie prüfte mit den Fingern: es war schweres flandrisches Tuch. Zu ihrem Blond dachte er sich das Kleid, kornblumenblau. Er trat näher, umschlang ihren Nacken; ihr Kopf sank ihm gegen den Arm.

Später floh ihn der Schlaf. Von den Kirchtürmen schlug es Mitternacht. Sein großer Tag, er endete in Zerknirschung. In der Resignation und Verbitterung, darin so mancher geendet hatte. Der Wein hatte ihm die Fesseln allein nicht gelöst, seine Männlichkeit für sie nicht geweckt. Zu können, hatte er sich gedanklich mit Uta ausfüllen müssen wie gewohnt. Nun verzehrte ihn das Verlangen nach der leiblichen Uta. Kein Glück, es blieb dabei, aus dieser Ehe. All der Streitkrieg hatte sie einander vergällt. Ihm kontra war sie seit seiner Berufung nach hier. Seinem Aufstieg damit über Griebe hinaus, ihren Vater. Der ihn, der Erzlutheraner, von säkularer Laufbahn nicht abgebracht hatte. Besser als das Verfechten menschlicher Satzung und menschlichen Rechtes, so er, der Hauptpastor von St. Thomas, sei der Dienst im Namen des HERRN. - Es stimmte ihn nicht um. Seine Natur verlangte nach Welt. Verlangte nach Leben, nicht dem Talar. - Margaretha verzieh es ihm nicht. Bis auf den Tag nicht, obschon Griebe tot war seit einem Jahr. Ihre Seelen blieben einander verschlossen.

Seine Gedanken gingen wieder zu Uta. Die er brauchte, wollte er kraftvoll er selbst sein in ganzer Natur. Ja geschenkt glaubte er sie sich durch gütige Fügung.

Die Fügung, sie hatte sich Augusts, des Fürsten, bedient. Wohnung wies er ihnen, den Übersiedlern von Leipzig, bei Pistoris zu, seinem Sekretär. - Pistoris' Frau trat heraus, als sie mit vollem Fuhrwerk vor dem Anwesen hielten. Ihre Stimme war klangvoll - sie sei Frau Uta -, ihre Braunaugen waren auffallend groß. Sie war schwanger.

Wie hatte es Pistoris, der verknöcherte Alte, fragte sich Krell, geschafft. "Auf den Abend müssen sie zu einem Glas Wein kommen", bat Frau Uta.

Weniger einladend das den Krells bestimmte Gebäude. Die Dielung war morsch, die Fenster undicht; Stein bleckte durch mürben Putz. "Nur für den Anfang", suchte er zu beschwichtigen, "höchstens ein Jahr. Die Kanzlei sucht nach Besserem."

"Ein Stall!" Margarethas Stimme bebte. "Ein Hund fühlte sich unwohl!"

Abends saßen sie bei Frau Uta. Sie erzählte vom hiesigen Leben: Zu den Fürstengeburtstagen gäbe es Vogelschießen und Hetzjagden auf dem Altmarkt; interessant seien die Einzüge fürstlicher Gäste. Auf dem Schoß ihr ein Kater, den sie beim Reden liebkoste. - Schön sei es auf den Elbpromenaden und in den Wäldern drüben vor Altendresden; viel Abwechslung böten die Jahr- und Wochenmärkte. - "Ein Glück für den, der sonst leben müsste wie unsereins: stets einsam mit Gudrun, meiner Magd." Ein Unterton ließ Krell aufmerken.

"Pistoris ist ständig auf Reisen", erklärte Frau Uta. "Reist der Fürst auf den Schellenberg, ist er dabei. Geht der Fürst nach Moritzburg, nach Grillenburg jagen, darf Pistoris nicht fehlen. Vertreib. Dir, Frau, die eigenen Grillen - und so schon zehn Jahr. Die Nachbarn sind nicht sehr gesellig. Leben nur für den Hof. Dienen und schlafen, schlafen und dienen. Sonst kein Verlangen." Den Blick auf den Kater gesenkt: "Fast besser noch, mein Schwarzer, unterhält sich's mit dir."

Krell, er wusste nicht, was entgegnen. Was er sah, war eine unausgefüllte, reizvolle Frau.

Es sei spät geworden, stellte Margaretha fest und trank aus: viel Arbeit warte noch hinten im Haus.

Sein Dienst begann am anderen Tag. Endlos wälzte er Akten in der Arbeitsstube im Schloss. Sie betrafen Rechtsfälle, in denen er Christian beraten sollte. Edelleute klagten gegen ihresgleichen in Grenzstreitigkeiten, Kaufherren gegen räubernde Ritter, Stadträte und gräfliche Ämter warfen einander Verletzung von Fluss- oder Fisch-, von Weide- oder anderen Rechten vor. Nicht nur solches beschäftigte ihn. Aufgetragen war ihm ein Lehrplan für den Kurprinzen in Geschichte, Latein und Römischem Recht. Befassen musste er selbst sich dazu mit Reichsgeschichte wie in Archiven mit der des Hauses Wettin - seine Tage reichten für alles nicht aus. - Gut zu Recht kam er mit Christian. Ganz anders zeigte sich der als sein Vater. Augustus, der ihn bei Dienstaufnahme nicht eben ermutigt hatte. Nicht nur wolle er sich seiner bedienen, Christian in der Justiz beizustehen und Lehrer zu sein. "Was wir vor allem verlangen, ist Einflussnahme in gut lutherischem Geist!" Das ältlich-feiste Gesicht des Fürsten, noch bedrohlicher wirkte es vor dem hohen spanischen Kragen - bedrohlich wie der Unterton der Befehle.- Nichts von ihm schien Christian zu eigen. Nichts von Kälte und Adelsstolz; ja mit ihm umzugehen vermochte er alsbald wie mit einem seiner Studenten. Es machte leicht, ihn zu unterrichten. Ihn, der sich allem aufgeschlossen erwies - allem bis auf die Gebote, die lutherischen, die August das Wichtigste waren: die zu Unterwerfung und Demut. - Nein, Christian wollte unterwürfig nicht sein - am wenigsten ihm, seinem Vater. Krell, ihm fiel nicht schwer, seinem hochgeborenen Schüler mit jenem Luther nicht zu kommen.

Meist abends erst war er daheim. Wo Margaretha nicht untätig geblieben war: gesäubert die Stuben, gut eingerichtet die Küche und entrümpelt der Keller; er sparte nicht mit Lob. Es kam vor, dass spät noch Frau Uta anklopfte. Mal brachte sie Ziegenmilch oder auch frische Eier, mal Grünzeug von ihren Beeten. Mit wohlklingender Stimme erging sie sich über ihre Katzen, ließ sie von wohlfeilen Einkäufen wissen oder klagte sie über ihr und der Magd Alleinsein mit allen im Haus anfallenden Dingen.- Margaretha griff es bereitwillig auf: nicht anders ergehe es ihr - selbst jetzt mit Vorrichten und Reparieren. Dabei, ein grundsolides Haus in Leipzig habe sie aufgegeben, es zurückgelassen für Krell. "Freilich, er seinerseits verbringt die Tage im Schloss!"

Uta sah sie an. Sah sie an und richtete den Blick dann auf ihn. Einen dunklen Blick, der sekundenlang in dem seinen blieb - so, als wollte sie ihn erforschen.

Einmal kam sie verheult. Krell verließ taktvoll den Raum, als Margaretha bei der andern nach dem Warum zu insistieren begann.- Nachher setzte Sie ihn ins Bild: eine Seidenhaube störte den Pistorisschen Ehefrieden. Über den Preis wütete der Sekretär, den Frau Uta einem Hausierer entrichtet hatte, und weil sie sich - als Hochschwangere aufputzte wie eine Dirne - halbiert werden sollte ihr nun das Haushaltungsgeld.

"Mir scheint, Pistoris ist zu verstehn", kommentierte Margaretha, "denn Putzsucht und Leichtsinn gehn meist Hand in Hand."

Solche Haltung brachte Krell auf. Er fand sie nicht christlich - umso weniger beim Schicksal der andern.

Als Waise, so hatte sie sich Margaretha offenbart, war sie von ihrem Vormund gleich einer Magd gehalten, nachher dem Hofmann, ihrem jetzigen Tyrannen, zur Frau gegeben worden.

Er empfand und spürte, etwas Missgünstiges war in jener gegen die so andere Frau.

Tage später geschah es. Er war allein: Margaretha war einmal mehr bei den Ihren in Leipzig. Er reparierte Fensterläden, als es im Vorderhaus Unruhe gab. Türen schlugen; hastig knarrte es die Stiege herab. Die Magd eilte heraus und zum Tor, auf die Gasse. Er ahnte, was es bedeutete. Unterrichtet war er von Margaretha: schon gäbe es Anzeichen für baldige Niederkunft. Beim Weiterwerkeln kam ihm das Kind als ein Etwas ein, das Uta gleichsam noch fester Pistoris verkettete, und es machte ihn unfroh.

Der Schrei riss ihn aus dem Sinnen. Er starrte empor: zu dem Fenster, aus dem es jetzt noch einmal gellte: "KreIl!". Er rannte los, über den Hof. Er wusste, sie war allein: Pistoris - umsonst ihr Bitten - war mit dem Fürsten nach Stolpen.

In Sätzen nahm er die Treppe.

"KreIl!", schrie es. "Hilfe!"

Die Tür stand offen. Der Anblick drinnen stoppte ihn. Er wollte sich wenden, entfliehen; eine Faust stieß ihn nach vom, hin vor das Ehebett. In blutig-schleimiger Blöße bot sich der Naturvorgang dar. Wie fiebernd griff er zu, machte sich bebend ans Werk - woher nahm er die Kraft. Die Hände im Eklen, verhalf er mit dem Wesen zur Freiheit, das ein neues Menschenleben sein sollte. Er hielt es in linkischen Händen, als die Magd, die Hebamme hereingestürzt kamen. Ihr Überraschungsschrei fiel zusammen mit dem Losgreinen des Kindes.

2 - Ratsmitglied Krell

Zäh zog die Sitzung sich hin. Es ging auf Mittag; unruhig rutschte Krell auf dem Stuhl. Sein Kopf war wie werggefüllt, auf den Schläfen saß eine Zwinge. Endlos das Wortgezänk. Das Für und Wider den Tranksteuerzusatz. Das Mehr, das auch die Großen des Landes auf Wein, Met und Bier entrichten sollten, damit es Christian für die Rüstungen zufloss - wie von jedermann, so von ihnen. - Im Jahr 65 hatten sie, die Prälaten, Grafen und Herren, sich zur Ersten Kurie vereint, hatten in vereinter Finanzkraft nachher die Schulden des Fürsten, seiner Kammerverwaltung auf sich genommen. Das Manko tilgen wollten sie mit den von ihnen bewilligten Landsteuern. Sie zu verwalten, schufen sie sich ihr Obersteuerkollegium, hatten sich so in ihren Steuergeschäften vom Fürsten unabhängig gemacht. August wie bislang auch Christian, sie hatten sich seitdem mit dem Geldfluss aus Domänegütern und Bergbau beschieden. Des Landes Rüstungskosten, die jetzt erhöhten, zu decken, bedurfte es anderer Quelle. - Dagegen waren nicht die nur vom Steuerkollegium, die in ihm die Stände vertraten. Auch Pomßen und Ponikau waren es, die Geheimen Räte des Fürsten im Gremium. Nicht weniger sperrten sich Pfeiffer, der Kanzler, und Wolf von Schönberg, der Marschall - Anwälte samt und sonders des eigenen Standes, der Junker, wie stets und gewohnt. Sie wussten, sie würden den Erlass nicht verhindern. Nicht sie noch die Landstände in ihrer Gesamtheit: nicht bei Christian. Gleichwohl insistierten sie weiter. Wenigstens galt es ihn, den Selbstherrlichen, ins Unrecht zu setzen. Ihn wie die Räte, die mit ihm stimmten. Galt es sie der Ungerechtigkeit zu zeihen gegen diejenigen, die zahlen sollten. "Schon jetzt reicht's dem Burgsass nicht hinten noch vorn", behauptete Pfeiffer; sein Spitzbart zuckte. "Unterbleibt daher allerorten die Unterhaltung der Straßen. Die Sicherheit d'rauf, wie sie Seine Gnaden selig, Fürst Augustus, durchsetzte, lässt wieder nach. Außerstande der Grundbesitz, ausreichend Streifmannschaft zu besolden. Nicht noch mehr darf man ihn schröpfen!"

Du Wahrheitsverdreher, dachte Krell. Missstand herrschte, weil sie, die Herren, nurmehr in Eigennutz machten. Zeit war, dem abzuhelfen. Sie wieder in Pflicht zu nehmen, wie mit Christian nicht er nur wollte. Für den Erlass auch andere Räte: Dr. Eberhard Weihe und Heinrich von Bünau, Hans Rauthbar, Hans von Schönberg und Dr. Paul.

Paul nahm jetzt das Wort. "Der Kurfürst seinerseits verfügt nicht über die Mittel, die strategisch wichtigen Straßen und Brücken zu bauen!", hielt er Pfeiffer entgegen. "Ja, er weiß noch nicht, wovon die Festungen ausrüsten, die jetzt im Bau sind. Alle müssen opfern!"

Der Streit, er war Krell zuwider. Jeder, der sprach, ein Rechthaber. Ein Ausbund an Klugheit. Hör' uns, Kurfürst Christian! Du, Krell, hier fehl am Platze. Der Aufrichtige, so der Philosoph, er verharrt im Schweigen der Scham. Sich präsentieren mussten sie, seine Herren Miträte, und profilieren. Im Kreis argumentierten sie und ritten Bekanntes zu Tode. Er stöhnte. Blauer Himmel stand vor den Fenstern. Seine Gedanken schweiften hinaus in die Wälder um Bühlau. Wind rauschte in Eichen und Buchen, Sonnenflecken spielten über dem violetten Teppich des Heidekrautes. Warm lag Uta an seiner Haut. So wie jetzt, raunte er ihr ins schwarze Haar, wünsche ich mir die Ewigkeit. Ihre Hand hatte ihn im Nacken liebkost.

"Einer Ritterschaft, der das Geld fehlt", hörte er Ponikau, "zerfallen die Burgen."

"Wie die Fundamente der Herrschaft, des Landes dem Fürsten", setzte Bünau dagegen, "wo ihm die Schatulle versiegt."

Argumente vom offenen Markt, dachte Krell. Variiert und wiedergekäut.

"Der Junker hat jetzt in der Stadt, bei Handwerker und Kaufmann, mehr denn je zu berappen", machte Wolf von Schönberg geltend. "Für Gewänder und Zaumzeug, für Geschirr, Holzwerk und Waffen - er blutet aus, geht es so fort."

Gewäsch, dachte Krell. Geschwätz, hinter dem anderes steckt. Die Wahrheit hieß: Kontra dem Fürsten, Kontra dem Staat. Christian, sah er, blickte finster - warum brach er die Debatte nicht ab?

Krell straffte sich auf dem Platz. "Ich glaub, es geht hier um mehr als Holzwerk und Zaumzeug!" Scharfrichtete er es an Ponikau. "Nämlich um Fortbestand des Kurfürstentums! Des Landes Sachsen in protestantischer Freiheit! Weshalb zuerst und vor allem, denk ich, der Fürst gestärkt werden muss! Weil auch die Front der Papisten sich wappnet! Minucci, der Nuntius der Kurie, strebt bekanntlich einiges an! Will Erneuerung des Bündnisses der papistischen Fürsten vom Jahr 56! Des Landsberger, das bekanntlich keineswegs defensiv ist - weit geht solches über den Zustand der einzelnen Burg hier im Land! Dazu von Ihnen, Herr Ponikau, bisher kein Wort - ich frag mich, wieso!"

"Richtig!", pflichtete Rauthbar bei, der Sicherheits- und Wehrbeauftragte, der neben ihm saß. "Sehr sogar! Dazu greif' ich den an den Fürsten gerichteten Vorwurf auf! Den, er baue zuviel und dürfe die Last draus nicht den Ständen aufzwingen. Aber dienen denn die Festungsbauten, frag ich, nicht unser aller Verteidigung?! Des Landes, also auch seiner Stände?!"

"Genau!" Paul rief es. "Und berechtigt fragt Krell: Wieso bleibt solches, die Landeswehr, außer Betrachtung!" Paul sprach, als klagte er an. "Die Zeiten, da Wappen, auf eigenem Fels angegriffen, allein, sich zu wehren vermocht, sie sind, seit wir's Pulver haben, vorbei. Die Wacht liegt allein noch beim Fürsten. Für alle! Und alle Macht liegt bei ihm! Alle Macht, wie sie ihm gottgegeben!"

Von Bünau und Rauthbar, Weihe und Hans von Schönberg stimmten zu. Verbissen schwiegen Pfeiffer und Pomßen, Wolf von Schönberg und Ponikau. Brav, Paul, dachte Krell. Wenigstens du zeigst Flagge. Gut die Warnung. Der Hinweis auf die gottgegebene Macht. Er schlägt euch, Lutheraner, mit Dr. Martinus. Bist ein Fuchs, Paul. Ein Politiker. Auch darum, dachte er, im Regieren manches anders geworden. Ein manches, seit du und Rauthbar, Weihe, Bünau und Krell in der Ratsmannschaft sind. Seither mehr als eine Entscheidung gefallen, die nicht nur den Herren nützt. Erhöht die Landessteuer - schon wurde von ihnen das Mehr abgeführt, wenngleich zähneknirschend. Mit besserer Befugnis, des Fürsten Willen durchzusetzen, waren seine Ämter versehen. Wohin ein Teil der Mehrsteuer zurückfloss: über sie hinein in Neubauten von Schulen. Die Junker pressten aus den Untertanen heraus; nur billig, zwang der Fürst einen Teil wieder ab zum Wohl der Geschröpften. Nicht mit einem Volk der tumben Schädel gedieh und erstarkte der Staat. Viele sollten lesen und schreiben lernen. Und noch mehr sollten die Großen berappen. Das Bauen eine Leidenschaft Christians. Viel Geld verschlangen das Errichten, das Verstärken von Landesfestungen, fraßen Bastionen und Wälle der Residenz, die höher aufzuführen sich tausende Hände regten - kaum weniger floss in Schlossbauten, in den Stallhof am Neumarkt hinein, den Buchner für Christian schuf. - Auf ihn, die Turnierstätte, anzuspielen, jenes Fass ohne Boden, hatten Pomßen und Ponikau nicht gewagt. Zu Recht: genug Verschwendungssucht herrschte auf den Adelssitzen. Recht des Fürsten war, die Residenz zu verschönen, ihr Glanz zu verleihen. Es durchzusetzen würde besser gelingen mit dem Kollegium jetzigen Rates.

Christian rief zum Votum. Krell atmete auf. Nur die Hände von Pfeiffer und Pomßen, von Wolf von Schönberg und Ponikau hoben sich nicht. Sieg, dachte Krell. Nun Befreiung, die Mittagstafel.

Christians Frage, ob einer der Räte noch vortragen wolle, lud zu solchem nicht ein. Krell verwünschte, als sich gleichwohl neuerlich Pfeiffer erhob. Auf Dringliches habe er noch den Finger zu legen. Wie in Erregung bebend sein zerfurchtes Gesicht. Er war groß und stattlich gewesen; jetzt zog ihn das Alter vornüber. "Vorhin war von Gefahr für das Land zu hören. Der, die man wieder mal meint, ihm vor die Grenze beschwören zu müssen." Sein Blick schwenkte, bohrte auf Krell. "Einmal mehr find ich meinerseits mich genötigt, eine andere Gefahr zu benennen! Jene echte, die uns aufs Neue erstarkt! Die so oft und dringlich schon benannt worden ist! Die das Land im Inneren, im Geist nicht ruhig werden lässt! Die Gefahr, die sich in Kirchspielen und Städten, an den Universitäten als Irrglaube und Aufwiegelei zeigt! Als empörerischer, eitler, selbstsüchtiger Sinn! In Leipzig heben jetzt die, von denen sie ausgeht, höher denn je das Haupt. Das Schlimmste: sie sind dort Lehrende! Lehrende zum Verderben der studentischen Jugend! Zum Unheil aller! Wie Dero Gnaden wissen", eine Verneigung gegen Christian, "habe ich sichere Kunde! Vor sich geht eine Drachensaat von kalvinischem Geist! Und entschlossen gilt es zu reuten, bevor die Früchte über uns kommen! - Dero Gnaden sind die Maßnahmen anheimgestellt!" - Pfeiffer ließ sich nieder, ordnete angelegentlich schriftliche Unterlagen.

Du Brunnenvergifter, dachte Krell. Ein gezielter Schuss mal wieder. Klar, was du sagen willst: es stinkt, Kurfürst Christian, im Amtsbereich Krells. An den Universitäten - den seinen - ist etwas faul. - Die Munition, Krell selbst hatte sie dem Kanzler geliefert. Hatte Christian nahegelegt, das Universitätsressort zu übertragen auf ihn. Auf ihn als einen, dem es nicht fremd sein würde wie Pomßen. Ein Feld, darauf sich entschied, was für Staatsdiener dem Fürsten erwuchsen. Und ein Feld, das ein sprengstoffhaltiges war. Bist ein Fuchs, Pfeiffer, dachte er. Nur zu gut weißt du, Christian fällt aufs Verleumden, aufs Provozieren nicht herein. Ja dass die, denen das Hetzen gilt, die Melanchthonisten, ihm die lieberen sind. Also musst du hier Stimmung machen. Vielleicht, dass Christian sich dadurch genötigt fühlt. Ihre geistigen Köpfe, um Ruhe zu haben, von der Uni vertreibt. Nicht neu der dortige Kampf. Professoren warfen jungen Dozenten kalvinisches Gedankengut, ja Missachtung der Konkordienformel vor: in Unverständnis aus verknöchertem Geist. Das Alter, es ließ an eigener Schule nicht kratzen: ein giftspeiender Drache über dem Häuflein eigenen, längst fraglich gewordenen Wissens. Ein weiteres Auslegen der Schrift, das Mitwaltenlassen freieren Denkens, es reichte den Buchstabenreitern, den Bösen zu beschwören. Erst unlängst hatte Pfeiffer Lehrer der Uni bezichtigt und Namen genannt: die einstiger Kollegen und Hörer von Krell. Keinen konnte er sich als kalvinischen Wühler, als auf Verschwörung sinnend vorstellen. Pfeiffer brauchte wohl das Geschrei, auf dem Kanzlerstuhl unentbehrlich zu scheinen. Sein Alter, seine Gicht, sie legten ihm solches wohl nahe.

Christian nahm Krell mit sich.

Im Kabinett schenkte er Wein ein. "Auf den Nachmittag." Er hob den Becher. "Bis morgen das andre passé."

Krell tat Bescheid. Beunruhigt: Christian gab ihm und sich frei. Er ahnte: der wollte wiederum zu den Malern. Zu Göding und Kumpanei wie erst gestern. Gegen Abend hatte er ihn gesehen. Christian war ins Schloss heimgekehrt. Ein Gardeleutnant hatte ihn hüben, Barleben, der Kammerjunge, ihn auf der anderen Seite gestürzt. - Krell, er sah eine Gefahr. Christians Dienst an Gott Bacchus, er nahm überhand. Etwas musste geschehen. Er beschloss, allen Einfluss geltend zu machen.

"Hör zu, es geht um Leipzig." Fahrig nestelte Christian den Wamskragen auf. "Die Uni. Um uns nicht misszuverstehen: ich nehm die Angriffe Pfeiffers auf die bewussten Leute als Bluff. Als Rufmordmanöver wie gehabt. Den Versuch dazu. Bloß, jetzt forciert er, dass wir handeln müssen. Zu eigener Sicherheit. Mein Herr Kanzler fährt jetzt Geschütz auf. - Weißt du, was er mir hier in Audienz flüsterte? Es würden sich Uni-Lehrer jetzt offen zu Calvin bekennen! Lehrer! Und offen! Er wär exakt informiert. Sonnenklar, hinter dem Spielchen stecken noch andre, nicht er allein. Stecken mein Herr Oberhofpfaffe Mirus und andere hohe Talare, du weißt es wie ich. Trotzdem sollten wir zumindest den Alten, ihren Sprecher, des Lugs überführn. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Denn tun wir's nicht, glaubt ihm nur zu gerne der Kaiser. Mach ich minus im Reich, soviel steht fest. Schwer minus! Das letzte, was wir jetzt brauchen. Sowieso keine Frage, dass Prag auf dem Laufenden ist. Und lauert! Auf das gefundene Fressen, das zu intervenieren erlaubt - und sei es nur diplomatisch vorerst. Jedenfalls, Nichtstun hieße Konflikt. Jetzt, wo wir nach außen nichts nötiger haben als Ruhe. Ruhe, uns erst mal zum Herrn im eigenen Haus zu machen. Deshalb kommt es in Sachen Pfeiffer drauf an. Du gehst mir, Niko, auf Fahrt. Dein Ressort - wer, wenn nicht du. Was ich brauch, sind Kredos. Erklärung der beschuldigten Leute: das mit dem Kalvinismus-Bekenntnis ist Quark. Fastnachtstheater von mir aus. Bring mir ihr Wort. Pfeiffer und Kamarilla werden nicht wagen, es Lügen zu strafen!"

Im Speisesaal herrschte Stimmendurcheinander. Krell setzte sich abseits; ihm brummte der Schädel. Luft brauchte er. Frische Luft und Uta - auch sie noch heute. Ein Wasser verlangte er zur Leberpastete - nein, keinen Wein - von dem herbeigeeilten Lakaien; im Blick Befremden, dienerte der Rotrock davon.

Nicht los ließ Krell die Leipziger Mission. Was, wenn stimmte, was der Kanzler behauptete? Es nicht nur Provokation war? Und hätte sonst Pfeiffer, der Fuchs, überhaupt solchen Angriff riskiert? Und war denn, dass es an der Uni brannte, so unwahrscheinlich? Bei dem Geist, dem neuen, der jetzt vom Thron herabwehte? Bei dem Wissen dort, dass nicht mehr nur Dogma regierte? Nicht mehr Geistesstarre wie unter August?! Die Grecianer, die Altlutheraner, sie blieben gleichwohl die Macht. Wie im ganzen Land so in der Residenz und bis hinein ins fürstliche Haus. Ein Trutzbündnis wider alles Neue. Nichts, so schien es, kam gegen es an. Das Szepter führten sie indes nicht mehr, die Schwarzen, seit Christian es hatte. Der sich auch in Paul und Weihe, in Rauthbar, Bünau und Hans von Schönberg andere Geister in den Rat geholt hatte. Die Sympathisanten des Philippismus, der Lehren Melanchthons, waren, oder die anderen Überzeugungen anhingen, die den Ultras, denen von gestern verhasst. Sie Gegengewicht und Mehrheit: gegen die, deren Politik und Trachten Christian länger nicht wollte. - Wie hatten sich die Zeiten geändert! Die Namen Craco und Peucker fielen Krell ein. Peucker war Leibarzt, Craco Kanzler Augusts gewesen. Die Affäre ihrer Entlarvung als Kalvinisten, sie hatte das Land in Atem gehalten. Ein Katechismus kalvinischen Geistes war von ihnen in Druck gegeben, im Lande heimlich verbreitet worden. Bis dem Hof ein Geheimschreiben in die Hände fiel: mit dem Bekenntnis ihrer Sympathien mit den Hugenotten, mit der Rebellion der Niederländer gegen das habsburgische Spanien. Auch der Hofprediger Schütz, der pirnaische Superintendent Stössel waren im Bunde gewesen. Die Grecianer hatten gewütet, August die vier, ihren Anhang foltern und einkerkern lassen. Der Mitverurteilung waren die Schriften Melanchthons verfallen. Gezwungen wurden alle Geistlichen, Schulmeister und Küster, den Eid auf die Konkordienformel, die lutherische Bekenntnisschrift, abzulegen. - Anders jetzt die Lage im Land. Mit August hatten die Grecianer das ihnen willfährige Schwert verloren. Es konnte im anderen, dem philippistischen Lager nicht wirkungslos bleiben. Manche in ihm mussten Morgenluft wittern. Radikalinskis, wie es sie allerorten, in jeder Partei gab - auch an der Uni. Und vielleicht hielten sie dort in der Tat ihre Zeit für gekommen. Seine Pflicht würde sein, sie vom Katheder zu jagen. Seine Pflicht um Christians und des Landfriedens willen, um Schaden abzuwenden, der vom Reich, von Habsburg her drohte. Es ging ums Ganze. Um Frieden dort, wo Sachsens Zukunft, seine gebildete Jugend reifte. Er selbst hatte dort zu weiterem Flug der Gedanken ermuntert. Es wirkte fort, das war gut. Partei sein hatte er damit nicht wollen. Partei nahm er für das Bessere, Wahrere, wo immer es auftrat. Selten fand es sich in nur einem Lager. Also galt es frei und unabhängig zu bleiben. Partei konnte einäugig machen, gewaltwillig und selbstgerecht. Er durfte und würde es an der Uni nicht dulden. - Freilich - enttäuschen konnte es jene, die von ihm anderes erwartet hatten. Von ihm, ihrem Lehrer und Anhänger Melanchthons. Ja vielleicht würde er ihnen als Abtrünniger gelten. - Wie hasste er alles Frontieren. Einen Riegel wollte er dem in Leipzig vorschieben.

Nach dem Essen suchte er die Baustelle in der Schlossstraße auf. Den ihm beikommandierten Leibtrabanten hatte er entlassen. Das Haus war groß und stattlich. Wie Zwerge dagegen mit ihren Spitzdächern, den alten Gesichtern von Fachwerk die Nachbarn. Einen noblen Zug gaben die Treppengiebel, die Pilaster und Karyathiden der Vorderfront. Das Dach war gedeckt. Hinter offenem Parterrefenster rumorte eine Schaufel im Mörtelkasten, scharrten Reibebretter. Er nahm das Barett ab, sog tief in die Lungen. Bald, Krell, ist Einzug, dachte er.

Der Gedanke an Margaretha trübte seine Freude. "Mir genügt das Haus hier", hörte er sie, "unser drittes! Was bringt mir das neue?! Nur dass du vollends im Schloss und all dem dünkelhaften Geschmeiß verschwindest!" - Freilich, der Neubau sei gemäß seinem Streben: groß und pompös! Eben darum aber sähe sie ihr Heil darin nicht.- Zornig hatte er erwidert. Was wisse sie, gerade sie vom Heil anderer. "Nicht jeder findet's, das Heil, in Pantoffeln, in Bigotterie!" Nur Aufruhr war er und Wut. –

Er dachte an Uta. Durch die seinen würde er ihr in die Fenster blicken. Heftig fiel das Verlangen über ihn her. Noch etwas Frischluft wollte er genießen, dann sie.

Über Taschenberg und Jüdengasse ging er zu den Elbwällen.

Vor der Baustelle, sah er, stauten sich Fuhrwerke. Steine hatten die einen, Kalk die anderen geladen. Scharen von Bauleuten standen auf den Gerüsten, werkten an der Mauer. Die und die Bastionen, sah er, wuchsen.

Er begegnete unfreundlichen, ja grimmigen Mienen. Er war erstaunt. Was hatten die Leute? Wieso verließ sie die Furcht? - Ein Werkmeister eilte herbei, riss die Kappe herunter und verneigte sich tief.

"Und sonst?", fragte Krell über die Schulter. "Probleme?"

Der andere druckste. "Nicht mit dem Bau."

Krell fixierte ihn. "Aber? Maul auf, Mann! Niemand zieht dir Worte vom Lohn ab!"

"Grad der ist's", brachte der Meister hervor. "Seit Monaten sehen die Leute kaum Geld. Sie murren."

Krell war perplex. Das Gehörte war neu. Oder war es das nicht? Ihm fiel ein: Wurzberg, der Kammerrat, er hatte in der Ratssitzung vor Wochen Andeutungen gemacht. Nicht immer wisse er, wie die Gewerken auszahlen. - Noch schlimmer stand es offenbar jetzt. - Er versprach, er werde sich kümmern.

Unruhig ging er weiter. Worauf er gestoßen, es war schlimm, ja gefährlich. Buchner aber, der Wallbau-Oberaufseher, war fern. Im brandenburgischen Spandau studierte er die Zitadelle, das Bauwerk Rochus von Lynars. Ahnte er, wie es hier stand? Und wusste es Pfeiffer, der Kanzler? Ein Verdacht beschlich Krell. War verräterische Berechnung im Spiel?! Eine die Unruhen bei dem Bauvolk geradezu wünschte?! Er schloss es nicht aus. Den gewissen Kräften lag nichts an Christians Verteidigungswerk. Nichts an seinem Sichwappnen - das, wie sie wussten, ein Dorn war im Auge des Kaisers. Was sie wollten, es war dessen, Rudolph von Habsburgs, Versöhnung. Sie, die besorgt zum Eichsfeld und nach Fulda blickten, zum Niederrhein und nach Westfalen, zum Bistum Würzburg, nach Schlesien und Österreich, wo die Gegenreformation den Protestantismus unterminiert und zu Fall gebracht hatte. Nur am Kaiser, nicht der Macht Christians würde liegen, glaubten die Herren, wie es Sachsen erging. Also wollten sie sächsich-christianisches Wohlverhalten: so wie sie selbst sich dem Reiche empfahlen als ständischer Ordnung feststehende Säule. Als Heerbann gegen alle Insurrektion wider göttlich begründete Macht. Den Kalvinismus, der an ihr sägte, verfolgten sie gleich evangelischer Inquisition. Christians Rüstungen, sie waren ihnen mehrfach zuwider. Zu stark, konnte der ihnen die Vorrechte beschneiden. Dass er es wollte, glaubten und fürchteten sie - kaum weniger, dass er kalvinische Sympathien hegte. Pfeiffer, ihr Sachverwalter, würde das Verstärken der Wälle freiwillig nicht fordern. Es vielmehr hintertreiben, wo immer es ging. Du, Krell, wirst Wurzberg auf den Zahn fühlen, ob auch jetzt. Ob der, oder wer sonst, Christian zum Löhnungsschuldner machte. Der er länger nicht bleiben durfte! Nichts durfte die Wehrkraft gefährden. Christian musste handeln - und griffe er in die private Schatulle.

Eine Hand legte sich Krell in den Nacken. Herumgefahren, sah er Paul ins hagere Gesicht.

"Alle Wege führen zu Christians Wehr", begann der spöttisch. "Sieht aus, als ob auch Ihr Euch an ihr ermutigen wolltet."

Krell lächelte nur. Er mochte den anderen nicht. Nicht ihn und nicht seine Ironie. Mit ihm zum Rat gekürt, blieb er ihm allzu undurchsichtig. - Wer er war, niemand wusste es genau. Ins Land gebracht hatte ihn das Trauerbegängnis für August. Abgesandter der dortigen Alma mater, war er nachher nicht nach Jena zurückgekehrt. Seine Kabinettsberufung dann überraschend und rätselhaft. Unter vier Augen mit Christian musste ihm ein Zauber gelungen sein. Umsonst hatte Krell insistiert. "Seine besonderen Qualitäten?", entgegnete Christian. "Weiß nicht. Aber vom Zeug bei ihm, mir unter gewissen Voraussetzungen sehr dienlich zu werden. Mir und meinem Regime!"

Krell hatte verstanden. Gemeint war Paul, das Mitglied Geheimen Rates für Inneres. Und wohl der, zu dem er sich entpuppen sollte, kam es zum Machtkampf im Land. Er, der jetzt von der Ratssitzung anfing. "Gut, Krell, dass Ihr das Thema Landesverteidigung aufnahmt! Und wie Ihr es tatet! So muss es auch künftig im Mittelpunkt stehen!" Sein Blick glitzerte. "Als Schwerpunkt! Auch Weihe und Bünau, Rauthbar und Hans von Schönberg müssen weg von der Bedenklichkeit, der knechtsseligen Diplomatie! Nur Fraktion sind wir noch, wo wir Kampfbund sein müssten! Für Christian und für den Staat!"

Es war Krell zuwider. Dieses Bündnisgeschrei, dachte er. Ein Glück: auch Christian denkt nicht wie du, Paul. Weil er nicht Kampf sucht noch Konfrontation. Nicht umsonst ihm vor Augen geführt, was dem Land frommt.

"Der Fürst, Doktor Paul, will Konsens", stellte er fest. "Konsens, nicht Parteiung. Durch Vernunft und bessere Einsicht. Durch Überzeugung. Davon, dass er das Gesamtwohl, das Beste für alle erstrebt. Auch mit dem Tranksteueranteil! Den Herren selbst kommt er mit und wieder zugute. In dem Nutzen nämlich, den der Staat daraus zieht. Vorausgesetzt, dass nichts zwingt, die Gelder Gott Mars, sie Krieg aufzuopfern. Daher will der Fürst Frieden und also Verständigung - auch nach außen!"

Paul lächelte schief. "Er wird bald erfahren, wie weit es ihn bringt. Dieser sein Glaube an die Vernunft. Zu nachsichtig ist er, zu tolerant. Zu menschengläubig. Zumal in seinem Sichwappnen nur gegen das Reich hin. Dieser Vertrauensseligkeit nach innen. Geben wir Acht, Krell, dass es uns nicht Teufelseier beschert! Einen Geheimpakt etwa zwischen unseren Wohlgebornen und dem katholischen Bündnis Minuccis!"

Krell schwieg. Fast war er verblüfft. Der da so militant agitierte, wer und welcher Mensch war er? - Er legte Spott in sein Lächeln. "Seid ein Geisterseher, Paul. Auch einem Pfeiffer würd ich, was Ihr vermutet, nicht zutraun."

"Ich ja." Grimmig nickte Paul. "Ihr werdet noch begreifen. Die Augen öffnen und sehen. Nehmt sein Schüren gegen die Leipziger. Immer massiver. Weshalb nicht dasselbe beim Kaiser in Prag? Vielleicht schaffen sie's, dass er der Liga Minuccis Marschfreiheit gibt. Her zu uns! Fiele Christian, wär es ihr Sieg! Handeln wir darum - noch ist es Zeit!"

Krell fragte mit dem Blick.

Das Kampfbündnis im Rat", sagte Paul. "Es schaffen und wirksam machen. Die Hochnoblen vom Ross zu holen und ihnen die Flügel zu stutzen! Zunächst und vor allem sie bei Thron und Hof entbehrlich zu machen!"

Krell schwieg. Der andere meinte es ernst, sah er, war ein Scharfmacher. Die Pfeiffers und Mirus', sie hatten es auf Krell abgesehen - mit ihnen leben hieß es gleichwohl, sollte Friede im Großen sein. Paul, so schien es, kam es darauf nicht an. Worum war es ihm zu tun? Was, indem er Krieg riskierte, bezweckte er? Sich emporzuwippen durch der anderen Fall? Wobei als Vorwand Christians Sicherheit diente?

Krell erwiderte, indem er sich wiederholte: Christian werde sich vom Wunsch politischen Gleichgewichts kaum abbringen lassen.- Sie waren nahe der Pforte, durch die er ungesehen zum Pistorisschen Haus zu gelangen pflegte. Den andern loszuwerden, gab er zu verstehen, er müsse nun weiter.

Paul blieb ihm humpelnd zur Seite. "Euer Ziel?", fragte er.

Krell winkte ab und musste an sich halten.

"Des Bündnisses übrigens braucht es nicht nur im Rat", hob Paul wieder an. "Sondern überall bei jetziger Lage. Zwischen den deutschen protestantischen Fürsten wie zwischen Frankreich und England. Nicht zuletzt bedarf es der Bündnisse in allen Ländern - grad auch bei uns!"

"Hört sich gut an", heuchelte Krell. "Nur woher sie, die Bündnisse, nehmen." Weit fort wünschte er den anderen.

Paul ergriff ihn am Arm. "Das sächsische Bündnis, es könnte bald reifen." Vertraulich sein Ton. "Noch ist es erst im Entstehen. In einem Zirkel von Gleichgesinnten - aus dem es aber hervorwachsen wird." Krell horchte auf. Nie hatte er von solchem Zirkel gehört.

"Was wir brauchen", sagte Paul, "sind mehr geeignete Männer, die es verlangt, unsre Dinge zu bessern. Solche, die auch befähigt zu eigenem Handeln. Männer, Krell, Euresgleichen!"

Krell fand keine Worte. Also darauf lief es hinaus: auf Verschworenenwerbung. Auf Bauernfang. Nicht mit mir, Paul, dachte er.

"Ich weiß, was Ihr denkt", sagte Paul. "Ihr kauft nicht die Katze im Sack. Nicht, was Ihr nicht kennt. Es kennen lernen aber solltet Ihr wollen, Doktor! Nächster Treff ist Mittwoch über zwei Wochen. Bei mir, wenn es dunkelt. Seid sicher, Ihr werdet erfahren, was Euch nicht wenig berührt. Und keine Angst: Ihr trefft auf keine Verschwörer, keinen sektiererischen Zusammenschluss. Einen Bund nur von Männern, die etwas erstreben. Eine Zukunft, die Christians von Sachsen und unsere sein wird. Ein Bund, wert sich ihm anzuschließen. Und ich lass Euch nicht, Krell, ehe Ihr ja sagt!"

Sich los zu reißen, sagte der halb und halb zu.

Bist ein Ultra, Paul, dachte er im Davongehen. Und fragte sich, wie es zu dem anderen, dem Wissen von Weihe, passte. Ein durchreisender Kaufmann habe behauptet, so Weihe, Paul käme ursprünglich aus Franken. Und er sei dort sehr anders, sei ein Ultraorthodoxer gewesen. Mehr noch: Paul habe Hexenprozesse geführt und nicht eine nur in die Flammen geschickt. Ein Verwandlungskünstler, hörte Krell Weihe. Hüten wollte er sich, jenes Gleichgesinnter zu werden.

Indem saß Uta im Garten und nähte an dem Kleid, darin sie sich alsbald Krell zeigen wollte. War es doch von dem Tuch, dem kornblumenblauen, das er ihr mitgebracht hatte. Zugute kamen ihr jetzt die Nöte von einst, musste sie denken, kam ihr, sich beizeiten schneidern lernen zu müssen, hatte sie etwas auf den Leib haben wollen. - Einmal mehr überdachte sie ihr Leben. Wilderer hatten ihr, der Halbwaise, den Vater, den kurfürstlichen Forstmeister, erschlagen. Vom Amtsschösser war als ihr Vormund Saupe eingesetzt worden, der Nachfolger im Forstmeisteramt, und über Jahre hatte sie für ihn geschuftet. - Eines Tages beehrte Kurfürst August das Forsthaus. Seinem Jagdgefolge gehörte Pistoris an, sein Sekretär. Ein Graukopf mit hartem Gesicht verschlang der sie, die an der Tafel bediente, mit Augen; kam sie ihm nahe, sagte er Anzügliches. - Tage später kam er wieder, hielt bei Saupe um sie an, und er, der Hofmann, wurde nicht abgewiesen. - Einige Nächte mied sie der Schlaf. Einen anderen Erlöser hatte sie sich erträumt als den düsteren Schreiber. Sie wusste, es gab kein Entrinnen. Sie suchte sich zu trösten: vielleicht wäre sie, die Mitgiftlose, sonst Braut nie geworden - vielleicht auch würde ihr das Leben in Dresden und nahe dem Hofe gefallen, selbst mit Pistoris. - Sie wurde enttäuscht. War es nicht Alleinsein, das nachherige Dresdener Leben, so Langeweile mit dem Ungeliebten, der nun ihr Gemahl war. Der, stets abgemattet von Reisestrapazen, nicht daran dachte, sie in Gesellschaft zu führen. Ihr gleichwohl Szenen machte, ging sie ohne Gudrun, die Magd, auch nur an die EIbe. Oft saß sie im Gartenlaubenwinkel, beweinte ihre verlorene Jugend. Ihrem Leben Inhalt gab erst Christiana, das Kind - ihr Liebe nachher erst Krell. Das Verhältnis, das ein Hintergehen Pistoris' nicht lange gewesen war: noch im Jahr ihrer Niederkunft verstarb der in Böhmen. - Sie vermochte nicht zu trauern. Ins Gefühl gegraben war ihr das mit Krell bei Christianas Geburt: tief, dass ihr war, als sei er der wirkliche Vater. - Seither trug sie das Los, das Krell ihr nicht wirklich gehörte. Nach Altendresden war der mit Margaretha, der ihm angetrauten, gezogen - ihr hatten die Röteln Christiana geraubt. Vereinsamt war sie, und vereinsamt würde sie bleiben, wollte sie Krell nicht verlieren. Nicht wenige hatten schon um ihre Hand angehalten, Junggesellen und Witwer; nicht alle missfielen ihr. Ihr Unglück war, Krell, den sie ganz nie besitzen konnte, zu lieben. Unfroh sah sie der Zukunft entgegen. Einer, die ihr außer den wenigen, stets allzu flüchtigen Stunden mit ihm nicht viel bringen konnte. Nur Leere würde sie bringen und Warten - Warten auf das Kommen von Krell. Dem selbst es bei Hofe, auf all seinen Reisen an Zerstreuung nicht mangelte. Den sie, weilte er jenseits der Grenzen, für Wochen nicht sah. Der es, endlich einmal wieder bei ihr, nur allzu bald eilig hatte: nicht misstrauisch werden durfte die Seine in Altendresden. Bei solchem Dasein entglitt ihr der Rest ihrer Jugend. Würde sie unmerklich altern - bis Krell sie vielleicht eines Tages verließ. - Einmal mehr spielte sie die Trennung durch. Und hörte ihn: Setz' ich denn nicht alles und alles für dich, für uns beide aufs Spiel?! - Schmerzlich verengte sich ihr die Kehle. Ja, ihr Herz sprach für ihn, stärker als alles gedankliche Wägen. Vielleicht, hatte er unlängst gesponnen, kommen einst Zeiten, wo ein jeder sich aus liebloser Bindung befreien kann, ohne vernichtet zu werden - auch einer wie ich. Zeiten, wo Verständnis und Einsicht, Güte und wahre Liebe regieren. Dafür will ich selbst alles tun in Christians Rat. - Mein armer Guter, dachte sie traurig: nie werden wir solches erleben.

Sie fuhr zusammen: Hände verschlossen ihr warm von hinten die Augen. "Niko!", stieß sie hervor, und sie wusste, dass sie nie würde auf ihn verzichten wollen.

Es war wie immer: der Spätnachmittag verging wie im Flug. Eng lagen sie beieinander. Es war Anfang Oktober, und es begann zu dunkeln, und schon musste er wieder an Aufbruch denken.

"Erzähl, was du heut tatest", sagte sie an seinem Ohr. "Diese Ratssitzung - was treibt ihr da so?" Es klang, als spürte sie seine Absicht, und es war, als ob sie ihn abzulenken, ihn so zu halten, an sich zu binden versuchte.

Er küsste sie auf die Stirn; um dann den Steuerstreit anzudeuten und das Geschehen an der Leipziger Uni; nicht ohne zu eröffnen, wegen jener Querelen müsse er übermorgen nach dort.

"Na herrlich." Schmollend verzog sie den Mund. "Kann ich dich wieder für Wochen vergessen."

"Nicht für Wochen", suchte er zu beschwichtigen.

"Wegen hirnlosem Gestreite", sagte sie unzufrieden. "Lutherische und Junker gegen Kalviner, unsre großen gegen Christian und für den Kaiser - ich versteh den ganzen Quatsch nicht."

"Ist doch einfach." Krell war belustigt. "Unsre Hochnoblen fürchten Verluste, drum wolln sie vom Kaiser gut Wetter. Christians Alter hat sie doch reich gemacht in der Reformation. Was der Papst hier hatte, Ländereien, Dörfer und Kirchenschätze - mit allem stopfte August ihnen den Rachen, sie ihm aus der Hand fressen zu lassen. Jetzt glauben sie, nur Prag kann verhindern, dass Rom es ihnen wieder entreißt. Sie sterben vor Angst. Darum so viele von ihnen selbst noch katholisch. Angst vorm Papst und genau soviel vor den Kalvinern. Weil, in denen sehn sie auch Müntzer. Der die Bauern auf ihre Großväter hetzte. Während unsre Pastoren verkünden, was ihnen wie Honig eingeht: Unterwerfung total. Klar also, warum sie die einen genauso gerne erschlügen wie Katholikenfürsten und Jesuiten. Und nicht anders tät wahrscheinlich der Kaiser - obwohl er tun muss, als wär er neutral. - Damit weißt du auch, warum ihnen Christian stinkt. Weil der die Anhänger Melanchthons, die Philippisten mag und bevorzugt. Dabei, die sind mitnichten kalvinisch - nur manches sehn sie so ähnlich. Die natürlichen Rechte des Einzelnen - also Freiheiten, die, wie auch ich denk, für jeden gottgewollt sind - egal, welcher Stand. Unsern Turnierjüngern und Schwarzen reicht das, sich mit ihnen im Krieg zu sehn. - Aber jetzt langweil ich dich."

"Nein, nein." Uta sah ihn sonderbar an. Nach Sekunden: "Ich glaub, ich muss Angst um dich haben."

Krell zog sie an sich, verschloss ihr den Mund mit dem seinen. Ihn bedrückte, nun gleich von Abschied reden zu müssen.

3 - Die Leipziger Affäre

Mühsam erhob sich Pfeiffer vom Bettrand, nahm ächzend das Hemd. Als er hineinfuhr, schwankte um ihn die Stube. Hundert Nadeln stachen ihn in Waden und Knien, trieben ihm Schmerz ins Gehirn. Der Tagesanfang, er wurde mehr und mehr zur Tortur. Freilich, das Wetter schlug um; schon am Abend hatte er es gespürt. - Fahles Licht aus verhangenem Himmel sickerte durch das Fenster, setzte sich trübselig ab von dem der Kerzen im Leuchter. Der Winter kam. Nass und kalt würde es werden, ihm gründlich das Rheuma anfachen. Nicht der Kachelofen würde ihm helfen noch die Blutegel, all die Salben und Pulver, mit denen Schottelius und Luther, die Hofmedici, ihn traktierten. Der Dämon des Alters, er war nicht zu bannen. - Mürrisch wandte Pfeiffer sich Hans, dem Diener, dem bereitgehaltenen Wams zu. Er ließ sich nicht helfen, riss es ungehalten an sich. "Das Frühstück!", schnauzte er. Verschreckt neigte der Alte den Kopf.

Pfeiffer bereute, als jener hinaus war. Bist ein rechter Knorren geworden, dachte er. Kein Wunder: sich Haltung abzunötigen alles, was ihm noch blieb. Nicht zu wanken und sich nicht werfen zu lassen. Den Willen hatte er. Den, die Waffen nicht zu strecken. Der Pflicht zu genügen bis zuletzt. Und es wird dich, Alter, noch ein Weilchen am Leben halten. Das mehr denn je Verantwortung war - für das Land wie das sächsische Fürstentum. - Nicht empfand der sie, der jetzt den Thron innehatte. Christian, der unreife, dem nur eigene Machtherrlichkeit galt. Woraus Sachsen Gefahr erwuchs: seinem Frieden, ja seinem Bestand. Sie abzuwenden kam vielleicht Pfeiffer noch zu. Damit die abzuwehren, die, so schien es, Krieg haben wollten. Krieg im Land erst, es zu ketzerischem zu machen - bei Gelingen nachher Krieg mit dem Reich. Ihre, der Unheilsbrut, Stärke war Christian. Waren sein Fehlsinn und seine Verblendung. Statt mit Luther hielt er es mit den Melanchthonisten. Mit Ideen, die sich in den Köpfen festsetzten als Keime der Hybris. Frei solle der Mensch sich entfalten. Der junge Tor, er ließ sich davon berauschen. Beabsichtigte, solches auf den Erbuntertanen, auf gemeinen Mann anzuwenden, wie die Verführer wollten. Vorherzusehen die Folgen. Das Bauernpack, es hatte in Väterzeiten gezeigt, was es wollte. Sein Verlangen Zerstören und Saufen, Völlern und Huren. Der Rückfall ins Heidentum - wehe, es wurde entfesselt. Die es herbeizupredigen suchten, sie wussten warum. Auf der Woge entfachter Instinkte, des Aufruhrs gedachten sie selbst sich groß zu machen, sich emporzuschwingen in gottlose Herrschaft über verwirrte bäurische Schädel. Nur zu willfährig wäre es, das Gesindel, gewesen zu Felde zu ziehen gegen die Banner des Geistes. Dem zu wehren, die Rädelsführer zu Fall zu bringen, würde Pfeiffer nicht rasten noch ruhen. Luziferische Lügner sind, hörte er Mirus, die den Menschen gut im Wesensgrund nennen. Die behaupten, es gelte ihn nur zu befreien. Ihn nur zu lösen aus aller Bindung, auf dass es, sein Gutes, auch selbst frei hervortreten könne. - Jene Verderber, dachte Pfeiffer, wir haben sie zur Genüge, ja im Mehrgewicht jetzt in Christians Rat. Selbst ein Hans Schönberg gehörte zu ihnen - ein verführter Verlorener seines weit verzweigten Geschlechtes. Der Gefährlichste indes blieb Krell. Krell, Christians Einflüsterer. Eine Schlange ins Haus getan hatte sich Kurfürst August in ihm. Eine Natter, die sich zum Gezücht vermehrt hatte. So war es, und Handeln tat not. Auf festem Standpunkt hieß es zu beharren gegen Christians Blindheit. Versucht von eitlen Gelüsten, dem Ziel alleiniger Macht, stützte er sich auf jene, die ihn darin bestärkten. Mit seinen Rüstungen, seinem Konspirieren mit allerlei rebellischen Kräften auch im Reich musste er den Kaiser aufbringen. Nur entschlossene Tat konnte retten. Aktionen, Christian in seinem Irrwahn zu erschüttern. Es würde nicht leicht sein. Der Leipziger Vorfall bewies es. Dozenten bekannten sich zu Calvin, und es ließ Christian kalt. Nicht gezögert, mit dem Schwert dreinzuschlagen, hätte August, sein Vater. Mehr musste geschehen, Christian zu Maßnahmen zu zwingen. Noch sah Pfeiffer nicht was. Ihm ein Menetekel malen, dachte er. Ihm zeigen: gefährdet ist deine Herrschaft. Gefährdet nicht nur der Einzelnen wegen, die offen den Schweizer lehrten wie jetzt in Leipzig. Das Gros der Kalviner arbeitete, wühlte unter dem Mantel der Rechtschaffenheit. Übte sich wie Krell in Verstellungskunst. Wie er und seine Kamerada im Rat. Es machte die Sache nicht einfacher. Den Kaiser nicht entschlossener, zu intervenieren. Ihn nicht bereiter, den dem Reiche Ergebenen mit bewaffneter Macht beizuspringen. Vielleicht aber würde sich nachhelfen lassen. Dazu hieß es die Umtriebe, die Geheimabsichten ans Licht zu ziehen. Es galt, sich Gedanken zu machen. Es klopfte an die Tür. Hans dienerte herein. "Das Frühstück steht bereit, Euer Liebden, und ein Besucher ist da: seine Hochwürden Hofprediger Mirus."

Pfeiffer wunderte sich. Der Pfaffe um solche Zeit? Etwas musste vorgefallen sein. Ächzend stand er auf, griff zu Stock und Barett.

Mirus ließ sich nicht nötigen, nahm Met, Schinken und Brot. Sein Gesicht war gerötet, war wie gerahmt von Bart, von eisgrauem Haar. Er käme, hatte er vorbereitet, sich kundig zu machen, sich aufzuklären über einen Vorgang bei Hofe. Einen in bekannt wichtiger Sache - der übrigens zu begreifen kaum sei.

Pfeiffer wusste sich keinen Reim zu machen.

"Es betrifft die Leipziger Uni", erklärte Mirus. "Die Kalvinisten dort. Ihnen entgegenzutreten, hört zu, ist niemand anders als Krell entsandt worden." Es klang hämisch und zornig; Pfeiffer hielt im Kauen inne. Die Nachricht füllte ihn aus: Krell nach Leipzig. Zu zweifeln war nicht. Hörte einer bei Hofe um die Ecke, so Mirus. Zu Recht schlug er Alarm. Krell, der Philippist - und Schlimmere hinter der Tarnung -, beauftragt gegen seinesgleichen. Der Bock zum Gärtner gemacht. Freilich, es war Krells Ressort jetzt. Gegen Pfeiffers Willen hatte Christian es Pomßen entzogen, es zu dem seines Busenfreundes gemacht. Gleichwohl hatte Pfeiffer gehofft. Gehofft, jenen zu bewegen, in Leipzig jetzt Pomßen Ordnung schaffen zu lassen. Glaubte er doch, auch ein Christian müsse erkennen, Krell kam dafür nicht infrage. Es war umsonst gewesen. Nun hatten ihn der und sein Klüngel einmal mehr ausgestochen. Nun war der Günstling beauftragt - ohne ihn, den Kanzler, auch nur in Kenntnis zu setzen. Unwillkürlich ballte er die Rechte.

"Eine Entscheidung, die nicht eben befriedigen kann." Mirus' Unterton war missbilligend.