Der Zwang des Unvollendeten - Anthony Phelps - E-Book

Der Zwang des Unvollendeten E-Book

Anthony Phelps

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Beschreibung

Aus dem Französischen von Peter Trier Simon Nodier, Bildhauer und Schriftsteller, kehrt nach 25 Jahren im Ausland zu einem Verwandtenbesuch nach Haiti zurück. Er muss feststellen, dass das Land, das er in Erinnerung hat, nicht mehr existiert und möglicherweise nie existiert hat. In den Begegnungen Nodiers mit Freunden und Familienmitgliedern erlebt der Leser seine privilegierte Kindheit in einer wohlhabenden Familie, die Jahre der Diktatur und der politischen Verfolgung sowie das »Exil der Rückkehr«, die Erfahrung der Fremdheit im eigenen Land, mit. In der Fortsetzung einer unvollendeten Jugendliebe gehen Erinnerung und Einbildung ineinander über, die Erlebnisse Nodiers verschmelzen mit dem Roman, den er zu schreiben begonnen hat. Ein »sensibler und hellsichtiger Roman« (Christian Desmeules, Le Devoir, Montreal) über eines der wichtigsten Themen der haitianischen Literatur, das Exil, und ein Denkmal für das leidgeprüfte Haiti in seiner geheimnisvollen Vielfalt. »Ein funkelndes Kaleidoskop der verschiedenen Einflüsse der haitianischen Literatur.« Süddeutsche Zeitung

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über das Buch

Simon Nodier, Bildhauer und Schriftsteller, kehrt nach 25 Jahren im Ausland zu einem Verwandtenbesuch nach Haiti zurück. Er muss feststellen, dass das Land, das er in Erinnerung hat, nicht mehr existiert und möglicherweise nie existiert hat. In den Begegnungen Nodiers mit Freunden und Familienmitgliedern erlebt der Leser seine privilegierte Kindheit in einer wohlhabenden Familie, die Jahre der Diktatur und der politischen Verfolgung sowie das »Exil der Rückkehr«, die Erfahrung der Fremdheit im eigenen Land, mit. In der Fortsetzung einer unvollendeten Jugendliebe gehen Erinnerung und Einbildung ineinander über, die Erlebnisse Nodiers verschmelzen mit dem Roman, den er zu schreiben begonnen hat.

Ein »sensibler und hellsichtiger Roman« (Christian Desmeules, Le Devoir, Montreal) über eines der wichtigsten Themen der haitianischen Literatur, das Exil, und ein Denkmal für das leidgeprüfte Haiti in seiner geheimnisvollen Vielfalt.

Über den Autor

Anthony Phelps, Lyriker, Prosaautor, Journalist und bildender Künstler, wurde 1928 in Port-au-Prince geboren. Nach einem Chemiestudium in den USA gehörte er 1960 zu den Gründern der Gruppe Haïti Littéraire und der Zeitschrift Semences, die der haitinaischen Literatur bedeutende Impulse verleihen sollten. Als Gegner Duvaliers musste er 1964 nach einem Gefängnisaufenthalt ins Exil nach Montreal gehen, wo er noch heute lebt. Bis zu seiner Pensionierung war er dort als Nachrichtenredakteur bei Radio Canada tätig. Er gilt auch als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Québecs.

Sein literarisches Werk umfasst etwa dreißig Bücher, Der Zwang des Unvollendeten erschien 2006 im Verlag Leméac, Montreal unter dem Titel La contrainte de l’inachevé. Anthony Phelps erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Preis der Casa de las Americas.

Anthony Phelps

Der Zwang des Unvollendeten

Aus dem Französischen

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2017

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Das französische Original erschien 2006 unter dem Titel »La contrainte de l’inachevé«,

© Ottawa 2006, Leméac Éditeur Inc., Montreal

Deutsche Printausgabe: litradukt, Literatureditionen Manuela Zeilinger-Trier, Kehl 2008. Ungekürzte Ausgabe

Aus dem Französischen von Peter Trier

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Erscheinungsdatum: Januar 2017

ISBN 9-783-95988-071-8

Für Hélène, meine Gefährtin

Der Zwang des Unvollendeten

In meinem mexikanischen Poncho spiele ich mir Kino vor. Mit halbgeschlossenen Augen vergnüge ich mich damit, ein lebendes Bild mit den Säulen der Veranda als Rahmen zu schaffen und es mit bestimmten Zeugen meiner Vergangenheit zu bevölkern.

Die Personen, die ich aufrufe und dirigiere, bewegen sich vor dem Nebel, der das Haus einhüllt, jenes Landhaus, in dem ich zusammen mit meiner Schwester Véronique und ihren Freundinnen so oft die Ferien verbracht habe.

Als Vorführer dieses Privatkinos rufe ich mir die Liebschaften meiner Jugend in Erinnerung, und Gesichter erscheinen mir, überlagern einander und verschwinden dann in der Dunkelheit. Einige Szenen werden nachgespielt, flüchtige Momente: rascher Kuss von Thérèse und nichts danach. Jacquelines Hand auf meinem Arm; ihre Nägel streifen über meine Haut und hinterlassen eine kodierte Nachricht. Die geduldige Offenbarung von Monas Brüsten, die fest und schwer meine Hände ausfüllen; der Salzgeschmack der harten Brustwarzen.

Mit halbgeschlossenen Augen spiele ich mir mein Kino vor an diesem Ort mit Flurnamen, der einmal mein war und an dem ich seit vier Monaten nicht versuche, mich einzugliedern, sondern einfach nur eine Verbindung zwischen meiner Vergangenheit und jener Gegenwart anzuknüpfen, die mich anspricht und zurückweist.

In einigen Stunden wird die Sonne, der gleichgültige Zyklop, meinen Film dekonstruieren, ihn banalisieren: Kiefern, Eukalyptusbäume, Jacarandas, Mimosen, Weihnachtssterngestrüppe, Pfirsichbäume, nichts als Bäume und Sträucher, deren Silhouette vor dem nächtlichen Hintergrund ich deute. Die Umrisse verformen sich, wie es sich durch die Willkür des Windes oder eine unmerkliche Veränderung in der Zusammensetzung des Nebels gerade ergibt.

Ich schreibe den Bäumen und Büschen eine Rolle in der Inszenierung zu, die ich in meinem mexikanischen Poncho improvisiere, während ich aus dem alten Sessel – ist es der Lieblingssessel von Papa Gus, ich kann mich nicht erinnern? – das Gebirgsmassiv La Selle betrachte, das meine Zeit als privilegierter Heranwachsender in diesem Land mit seiner doppelten Wirklichkeit geprägt hat.

Manchmal spiele ich, der unbewegliche Regisseur, jenseits von Erinnerung und Gegenwart oder vielmehr in einer Vereinigung beider mit einem dichteren Blätterbüschel oder einem vom Nebel kaum freigegebenen Stamm und werfe mithilfe der Brise ein anderes lebendes Bild an die Leinwand, ein lebendes Bild à la Bosch, Bruegel, Faustin oder Normil, ein lebendes Bild, in dem sich das Fantastische und das Wunderbare herausfordern. Ach, dieser nach Belieben abwandelbare Film in Einzelteilen, dieser geflickte Streifen aus Gebirgsabtrag, sollte er alles sein, was mir bleibt von diesem Ort, der mich geformt hat?

*

Die alte Dame seufzt leise, richtet sich auf und verschiebt das dicke Manuskript, das auf ihren Oberschenkeln liegt, ein wenig. Die Nachttischlampe und der Widerschein zweier Strahler, gerichtet auf das Bild eines naiven Malers, das eine dargebotene Eva und einen zustimmenden Adam in mitten von wohlwollenden Tieren darstellt, tauchen das große Himmelbett in ein sanftes, für ihre Lektüre völlig aus reichendes Licht. Sie schaut auf den kleinen Wecker auf dem Nachttisch. Ein unmerkliches Lächeln erscheint auf ihren Lippen. »Viertel vor neun. Noch eine knappe Stunde«, denkt sie. »Morgen muss ich das Manuskript zu Ende lesen, damit ich es an Julio weitergeben kann.« Sie rückt ihre Brille zurecht.

*

Du schaust über den Schein der Lampe hinaus, die dich, Simon Nodier, als perfektes Ziel für eine Uzi-Garbe ins Rampenlicht stellt, der Lampe zu deiner Linken, die dich isoliert im Mandelbaumgebäude, in dem du deinen abgerissenen Schreibfluss wiederzufinden versuchst, du schaust über die Pergola und den Garten hinaus auf das ehemalige Haus deines Großvaters, das mit seiner Masse aus Schatten und dumpfer Helligkeit in der Nacht liegt.

Es hat seit dem Ende des letzten Jahrhunderts allerhand erlebt. Seine hohen, in Rundbögen ausgeführten Türen und Fenster, seine Balkons mit durchbrochenen Holzbrüstungen, die spitzen Dächer des kreuzförmigen Dachgeschosses, seine Zackenornamente, seine abgerundeten Mäanderlinien wissen einiges, kennen manches Geheimnis. Doch das alte Wohnhaus ist undurchdringlich, und wenn es dir Dinge anvertraut, wenn es erzählt, offenbart, seinen Überschuss an Geschichten auspackt, dann kannst du sein Knacken, seine Geräusche und ungewöhnlichen Bewegungen nicht deuten. Du hast – falls du sie jemals besessen hast – den Schlüssel, den Code für diese Sprache verloren, die durch die Mühle der Erinnerung gegangen ist, verschnitten wurde in ihrem Saft aus Kiefernholz und Mörtel. Und ist es nicht auch gut so?

So wie das alte Wohnhaus zeigen sich auch die Spiegel, diese hartnäckigen Wächter sowohl über sagenhafte Erinnerungen als auch über banale Handlungen und Missetaten der Generationen von Männern und Frauen, die sich in ihnen betrachtet haben, unnachgiebig. Umsonst durchforschst du die Tiefe ihrer reflektierenden Wasser: Hinter deinem eigenen Spiegelbild erschien niemals auch nur schemenhaft die Silhouette einer Großmutter mit Madras-Kopftuch oder das strenge Profil eines großen teutonischen Kerls.

Mit ihren geschliffenen Kanten, ihrer Umrahmung aus vergoldetem Gips, Zierleisten und gewundenen Ornamenten sowie den zwei oder drei Flecken hie und da, die ihr Alter verraten, werfen die egoistischen Spiegel dir nur dein eigenes seitenverkehrtes Bild zurück. Und ist es nicht gut so? Schließlich kitzeln und provozieren dich die Vertraulichkeiten des alten Wohnhauses, die du nicht verstehen kannst, und die unverschämte Haltung der Spiegel, bringen deine Phantasie in Gang und lösen deinen alten Romancierreflex aus.

Der Tag ist schon lange angebrochen. Die Sonne ist heiß, heiß brennt sie unter den Füßen des Bengels. Er hat schon die beiden Garagen besichtigt und einen Rundgang durch den Vorgarten gemacht, wo er sich damit vergnügt hat, Zitronengrashalme zwischen den Fingern zu zerreiben, um ihren scharf-süßen Duft einzuatmen, anschließend hat er im Kohlenkeller nach Vogelspinnen gestöbert und ist auf den Muskatnussbaum geklettert, wo er hinter den für einen abgeschnittenen Ast nachwachsenden frischen Trieben gesehen hat, wie Miss Carmen, die Krankenschwester, das Frühstück von Großmama schnell hinuntergeschlungen hat. Das tut sie übrigens fast jeden Morgen, zumindest jedes Mal, wenn der Bengel hinter seinem grünen Tarnschirm schaut, was im Schlafzimmer von Großmama vor sich geht. Von Großmama, die man nicht stören darf und die mit dem Mund immer paff-paff macht. Paff-paff, wenn er sie durch die Äste des Muskatnussbaums hindurch beobachtet. Paff-paff, wenn er und Véronique nach dem täglichen Besuch des Arztes die Kranke begrüßen dürfen. Sie nähern sich eingeschüchtert dem großen Bett mit den kupfernen Pfosten, aus dem Großmama sie mit aufgerichtetem Oberkörper, gehalten von vier dicken Kissen, mit ihren traurigen Augen ansieht. Zwei lange, graue Zöpfe umrahmen das Gesicht, das sich mit seiner Hautfarbe wie gebrannte Sienaerde ebenso wie die aus dem Spitzennegligé herausragenden Unterarme vom Weiß der Bettwäsche abhebt. Miss Carmen gibt ihnen ein Zeichen, und sie küssen nacheinander die lauwarme, wohlriechende Wange.

»Guten Morgen, maman Didi.« Manchmal hebt sich die rechte Hand ein wenig, die traurigen Augen lächeln, aber immer pafft sie mit den Lippen, auf der rechten Seite, als ob sie eine imaginäre Pfeife rauchte. So wie Onkel Julio. Paff-paff. Der Tag hat schon lang begonnen, und es ist heiß. Claude wird erst am Nachmittag kommen, und Véronique ist bei Mona. Er hat keine Lust auf einen Abstecher zum Schildkrötenbecken. Er fürchtet sich ein wenig vor diesem Ort, aber das wird er niemals zugeben. Außerdem ist es allein nicht lustig, die großen Schildkröten zu reizen, indem man einen Anolis vor ihrem Maul tanzen lässt. Und dann muss man so eine kleine Echse auch erst einmal fangen. Véronique ist darin eine echte Expertin. Im Hand umdrehen hat sie an einem Ende eines Guineagrashalms eine Schlinge gemacht und sofort die Beute erspäht, meistens einen schönen grünen Anolis oder einen großen braunen, der auf einem Ast prahlerisch seine Kehlfahne sehen lässt. Und hopp, baumelt die kleine Echse mit dem Hals in der Schlinge am Halm. Dann beginnt das zynische Fest, das verbotene Schauspiel. Großmama war schrecklich zornig geworden, als sie sie dabei überrascht hatte, wie sie lachend und aufgekratzt die Schildkröten mit einem gefangenen Anolis kitzelten. Die rasiermesserscharfen Kiefer schnitten durch die Luft oder bissen ein Bein, ein Stück des Schwanzes ab. Meistens riss die Schildkröte den Köder jedoch einfach ab und verschwand unter Wasser, um ihn dort zu zerfetzen und zu verschlingen. Großmama war an diesem Tag schrecklich zornig gewesen, hatte sie Nichtsnutze und Bösewichter genannt und noch weitere Ausdrücke gebraucht, an die er sich nicht erinnerte.

An diesem Morgen scheint die Sonne, und es ist schon seit langem heiß. Er ist allein und langweilt sich ein wenig. Seine Überraschungsposten hat er schon mehrfach kontrolliert: die versteckten Dachbodenwinkel des großväterlichen Hauses, in dem sie die großen Ferien verbringen, die Büsche im Garten, in denen er manchmal Nester entdeckt oder, wenn er in der Erde gräbt, Geckoeier. In der Garage riecht der Oldsmobile nach Öl, und hinten im Kofferraum ist nichts Interessantes. Das Auto von Papa Gus riecht auch nach Wachs. Konsolé, das Faktotum, hat ihn gewaschen und poliert. Schau an! Großpapas kleine Brillengläser haben gerade einige Blitze in seine Richtung geschickt. Das Kind stürzt sich auf diese Attraktion.

»Papa Gus! ... Papa Gus! ...«

»Hmm?«

»Was machst du da?«

»Du siehst doch, was ich mache, oder?«

Die teutonische Antwort bringt das Kind für einen Moment durcheinander, es verschränkt die Arme hinter dem Rücken, bewegt den Kopf von rechts nach links, von oben nach unten, dann findet es seine Selbstsicherheit wieder und beginnt zu lachen.

»Haha, ich weiß! Du legst Steine auf deine Geldscheine. Das da ist ein Fünf-Gourde-Schein.«

»Also weißt du, was ich mache.«

»Jaaah ...«

»Aber du möchtest gern wissen, warum ich es mache?«

»Warum machst du’s?«

»Nun, mein kleiner Simon, ich trockne mein Geld in der Sonne, damit es nicht verfault. Schau dir mal diesen Schein an, wie aufgeweicht er ist.«

Papa Gus hält ihm eine vollkommen zerknickte Banknote hin, die verschrumpelt ist wie eine alte Orangenschale. Der Blick des Kindes wandert von den langen Fingern seines Großvaters zu seinem Unterarm.

Die Haut ist weiß und von feinem, blondem Flaum bedeckt. Es reizt ihn, sie zu berühren, aber der Schein tanzt wie ein zerknittertes Blatt vor ihm.

»Er ist ins Wasser gefallen.«

»Keineswegs, mein kleiner Simon. Er war nur zu lange in meinem

Geldschrank eingeschlossen und ist von der Feuchtigkeit aufgeweicht.

So wie die anderen, die du hier siehst. Wenn ich ihn nicht trockne, geht er in Stücke.«

»Du kannst die Stücke wieder zusammenkleben.«

»Natürlich, aber praktischer ist es, die Scheine in der Sonne trocknen zu lassen.«

»Und warum legst du einen Stein drauf?«

»Ich lege einen Stein auf meine Geldscheine, damit sie nicht davonfliegen.«

»Aber eine Gourde kann nicht fliegen. Sie hat keine Flügel.«

»Meinst du?«

»Ja. Zum Fliegen braucht man Flügel.«

Er kratzt sich am linken Ohr, streicht um den Großvater herum und drückt sich an den Tisch, auf dem zahlreiche rosa und grüne Banknoten, beschwert mit flachen Kieseln, in der Sonne trocknen.

»Verbringst du den Sonntag in La Déverte?«

»La Déverte, La Déverte, kannst du nicht La Dé-cou-ver-te sagen wie alle Leute?«

»La Dé-cou-ver-te ... Willst du Véronique und mich nicht mitnehmen?«

Papa Gus runzelt die Stirn und lächelt spöttisch.

»Möchtest du den Sonntag in La Découverte verbringen? Soll ich dich und Véronique dorthin mitnehmen?«

»Jaaah!«

Das Kind klatscht in die Hände.

»Und was soll ich euch zu essen geben? Sag, was soll ich euch zu essen geben? Pferdeäpfel?«

»Was für Äpfel?«

»Na komm, mach Platz, du stehst mir im Weg.«

»Ich frage Mama.«

Nein, du hast es nicht vergessen. Fünfzig Jahre später taucht die Erinnerung an diesen Dialog mitsamt den Gefühlen, die er mit sich trägt, wieder auf. Großvaters langer Tisch, der Geldscheintrockner, den er zweimal pro Monat benutzte, ist seit langem verschwunden. Die Fläche zwischen dem Mandelbaumgebäude und dem ehemaligen Wohnhaus wird nun von einem Rosengarten eingenommen. Auf der linken Seite befindet sich eine Pergola, wo du dich seit deiner Rückkehr jeden Nachmittag um fünf Uhr mit Tante Alice und ihren alten Freunden, darunter Onkel Julio, triffst. Onkel Julio, der gar nicht dein Onkel ist, der aber so verwickelt in die verschiedenen Ereignisse im Leben der Familie ist, dass er dazugehört. Und außerdem war Onkel Julio, wie jedermann wusste, früher in Tante Alice verliebt. Alice Glukers Herz schlug jedoch nur für Onkel Henri. Als guter Verlierer hatte Julio Marèse sich auf die Rolle des Freundes, Vertrauten und Beraters zurückgezogen. Bei deiner Rückkehr warst du gerührt von seiner feinfühligen und zuvorkommenden Haltung gegenüber der Witwe seines besten Freundes. Im Laufe der Nachmittage in der Pergola oder, wenn es regnete, auf der Veranda hast du begriffen, dass die Liebe bei Onkel Julio von einer tiefen Freundschaft abgelöst worden war, und wenn er Tante Alice gelegentlich – oder sogar oft – beistand, ihren Ellbogen stützte oder sie um die Taille fasste, um ihr beim Aufstehen oder Niedersetzen zu helfen, dann hatte diese Geste, diese Berührung nichts Sinnliches. Sie war nur die Fortsetzung seiner Höflichkeit, seines Herzenstaktes.

Papa Gus’ Geldscheintrockner existiert nicht mehr. Der Rosengarten und die von Onkel Julio entworfene Pergola, in der sich rote, weiße, lachsfarbene und violette Bougainvileen vermählen, haben die Banknoten durch eine Farbenorgie ersetzt. Der Rahmen ist ein anderer, aber die Erinnerung an diese Zurückweisung, diese Verletzung bleibt lebendig. Natürlich hat die Beleidigung seitdem an Schärfe verloren. Im Übrigen war es weniger eine Beleidigung als die Offenbarung eines Charakters. »Und was soll ich euch zu essen geben? Pferdeäpfel?« Nein! Er hatte nicht Pferdeäpfel gesagt. Du bist wirklich nicht böse auf Papa Gus, denn du weißt es genau, erinnere dich, er hatte sich viel deutlicher und brutaler ausgedrückt: »Und was soll ich euch zu essen geben? Pferde scheiße?« Das hatte er gesagt: Pferdescheiße. Heute verstehst du Papa Gus’ Reaktion. Er ging geschäftlich nach La Découverte: um weiteres Land zu kaufen, um nach seinen Gemüsepflanzungen zu sehen und, vor allem, um seinen Appetit auf junge Bäuerinnen zu befriedigen, seine Macht als weißer Hengst mit einer Vorliebe für Negerinnenstuten auszuüben. Zwei Gören konnte er sich dabei wirklich nicht ans Bein binden.

Von der Galerie* des Mandelbaumgebäudes aus betrachtest du das alte Wohnhaus, das gleichgültig gegen die Mondstrahlen scheint und auf seine Weise erzählt. Aber was kann es wohl sagen in seiner Sprache aus Knacken, Latten, Balken, Sparren, seiner Sprache aus Nagelwunden, aus Lautmalereien? Das alte Wohnhaus, ein Ort so vieler Konjugationen, so vieler Endungen, spricht, offenbart und erzählt im Vertrauen wie ein Gecko auf seinem trockenen, heißen Stein in jener Sprache, die du, der Rückkehrer von so vielen anderen Orten, anfänglich leicht zu entschlüsseln glaubest. Besteht aber Grund zur Annahme, dass du es erobert hast, und, wenn ja, mit welchen Versprechungen? Du hast es so lange mit deinem angeblich neuen Blick betrachtet, ihm Komplimente über seine Eleganz gemacht – es hat sich nämlich nicht einfach nur gut gehalten, es ist immer noch ein ladend, die Holzvertäfelungen sind noch fest, es braucht kein Lifting, denn es hat immer verstanden, seine Zellen zu regenerieren, sein Gepräge und sein Mysterium zu erhalten, und diese ständige Erneuerung sorgt dafür, dass es die Konkurrenz seiner Geschwister aus Blöcken, nichtssagenden Trennwänden und hitzegarantierendem Beton mit ihren Fenstern aus Glasplatten nicht fürchtet; keine Termite richtet es langsam zugrunde, es zeigt noch immer die Zeit an und wahrt die Linie, seine eigene Linie, die durchbrochene Wände, spitzes Dach, Holz und Flusssteine mischt – du hast ihm so lange geschmeichelt, dass du es schließlich gezähmt hast; es ist deinem Werben erlegen und hat dich ins Vertrauen gezogen.

Es erzählt von Man Didi, der Großmutter mit dem Madras-Kopftuch, erinnert dich an Anekdoten über Onkel Glouké oder Papa Gus, das ist wurscht. Onkel Glouké hieß er für die anderen, für dich und Véronique wird er immer Papa Gus heißen. Es spricht von Onkel Mathias, dem Augenarzt und Pianisten, der mit Vorliebe die aronas, die kleinen Dienstmädchen mit den üppigen Formen, vögelte. »Im Stehen nehme ich dich für 25 Centime, wenn du dich hinlegst, gebe ich dir fünfzig«, lautete sein großzügiges Angebot.

Onkel Mathias und seine Bonmots. Eine Reihe seiner Geschichten wurde in der Familie lange weitergegeben, darunter die vom »Man-Didi-Eis«. Der Ausdruck wurde bei der Trauerfeier für Großmama erfunden. Wie es Brauch war, hatte man den Leichnam der Verstorbenen im Badezimmer auf einen Tisch gelegt und um ihn herum Zwanzig-Pfund-Eisblöcke aufgestellt, um die Verwesung hinauszuzögern. Während der Toten wache kamen die Verwandten, Freunde und Bekannten sowie einige Nassauer zum Kondolieren, es wurden Kaffee, Pasteten, Sodagetränke, Rum und sonstige Spirituosen serviert. Angesichts der ratlosen Miene einiger Freunde, als im Laufe des Abends die Eiswürfel für den Rum ausgegangen waren, war Onkel Mathias im Badezimmer verschwunden und mit einer Schüssel voller Eisstücke zurückgekommen. Einige Gäste hatten auf den Rum verzichtet, als sie begriffen, woher das Eis stammte. Mehrere behaupteten, es rieche nach Formaldehyd, manche wurden sogar böse. Andere wie Onkel Mathias und Onkel Henri feierten bis zum Morgengrauen und tranken Rum »mit Man-Didi-Eis«. Dieser Ausdruck hat sich in der Familie lange erhalten. Onkel Mathias, der Professor für Anatomie an der medizinischen Fakultät war, pflegte nachmittags vor das Tor an die frische Luft zu gehen und dabei die Seiten durchzulesen, die er absichtlich aus seinem Anatomielehrbuch herausgerissen hatte. »Der menschliche Körper hat über vierhundert Knochen, die kann ich doch nicht alle im Kopf haben, oder? Und dieses Lehrbuch ist so dick ...« Oft gab er mit unbeweglicher Miene unerwartete Bemerkungen von sich: »Der Franzose pflegt zu sagen, dass er etwas wie seine Westentasche kennt. Unsere Landsleute müssten sagen, dass sie etwas so gut kennen wie die Taschen der anderen.« Nach einem brillanten Medizinstudium in Paris hatte er sich auf Augenheilkunde spezialisiert und wurde von seinem Chef sehr geschätzt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Papa Gus ihm jedoch empfohlen, nach Haiti zurückzukehren. Einige Monate später ging Onkel Mathias von Bord. Er war in Begleitung seiner Frau, einer Französin, zum großen Erstaunen seines Vaters, den er von der Änderung seines Familienstandes nicht unterrichtet hatte. »Wir haben schon seit zwei Jahren zusammengelebt, also habe ich mir gedacht, es wäre elegant, geordnete Verhältnisse herzustellen und sie hierher zu bringen. Und außerdem wollte sie so gern die Antillen kennenlernen.«

Das alte Wohnhaus erzählt dir von Konsolé und auch von Miss Carmen. Gott, wie redselig es heute Abend ist; es bietet dir ein ganzes Buch mit Tausenden Romanen an, so viele Geschichten und Anekdoten, dass du sie nur mit deiner Handschrift zu transkribieren brauchst. Aber es gelingt dir nun einmal nicht, diese Sprache ohne Archäologie zu dekodieren, obwohl sie keineswegs verschlüsselt ist, sie ist nur anders, außerhalb deiner Reichweite mit ihren Aussetzern, ihrem Wieder einsetzen, ihren Durchdringungen, und wie alle vorherigen Male wacht das alte Wohnhaus an diesem Abend über den Schlaf von Tante Alice, während du, der Rückkehrer von anderswo, dich beim Lesen und gelegentlich beim Träumen unter der Lampe zu deiner Linken in die Spiegelschicht eines anderen Textes wagst, wo eine nicht herbeigerufene, mal tiefe, mal hohe Stimme in spöttischem Tonfall unterstreicht: Das Exil ist nicht von gestern. Das Exil ist nicht von gestern.*

Unter der Lampe, die dich in der Nacht isoliert, wiederholst du, die vergessene Zigarette zwischen den Fingern – du hast wieder angefangen zu rauchen –, nicht mehr die Worte des Dichters, jene Worte, die dir Mut gaben, weil du beim Auf sagen glaubtest, sie wirkten wie ein Exorzismus und dein Exil werde in fünf Jahren, morgen, irgendwann enden. Seit deinem Einzug in das Mandelbaumgebäude ist dir bewusst geworden, dass das Exil niemals endet. Es ist ein Kreis, den niemand durchbrechen kann. Als du glücklich glaubtest, du könntest aus ihm entkommen, da das Land, das du verlassen musstest, dir wieder zugänglich war, dir seine Häfen und Ebenen geöffnet und dich auf seine Gipfel gelassen hatte, um dir alte Entdeckungen wieder aufzufrischen, als du, nicht aus Naivität, sondern aus einem verständlichen natürlichen Bedürfnis heraus den Kreis verlassen wolltest, so wie man aus dem Sessel aufsteht, um ins Bett zu gehen, wurdest du von einer Zentripetalkraft gepackt, ergriffen, gefangen, denn du wirst dein Geburtsland nie wieder in Besitz nehmen. Dieser Ort ist dir anders geworden, und hättest du beschlossen, dort zu leben, hättest du dich anpassen, die Existenz des Landes, das du gekannt hast, in dir auslöschen müssen – es existiert im Übrigen nicht mehr, wie dir klar geworden ist –, du hättest einen neuen Raum neu erlernen, diesen neuen Ort zähmen müssen, an dem alles einen magischen Sinn hat und nichts umsonst geschieht. Selbst der Tod ist kein natürlicher Vorgang. Und was du auch getan hättest, du wärest immer als der Fremde wahrgenommen worden, der du geworden bist, und die Leute würden dich daran erinnern. Exilant ist man wie Priester: in aeternum. Aber du willst das Gleichgewicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, das du in einer bereichernden Gegenwart – wenn auch bei den anderen – im Laufe der Jahre herstellen konntest, nicht zerstören, willst nicht das Risiko eingehen, den schützenden Kokon des Exils der Entfernung zu zerreißen, um es gegen ein anderes, schrecklicheres einzutauschen: das Exil der Rückkehr.

Dein Entschluss ist gefasst. In einer Woche wirst du nicht mehr täglich die Pergola, den Garten, den stummen Brunnen und das alte Wohnhaus sehen, die wieder hergerichtet werden müssten, die aber bislang trotz ihres leichten Verfalls eine Atmosphäre von früher ausstrahlen, eine altertümliche Süße des Lebens in der angehaltenen Zeit, und daran erinnern, was dieses Viertel, diese Stadt und dieses Land vor dem Einbruch der obskurantistischen Macht waren. In einer Woche nimmst du das Flugzeug nach Mexiko, in die kleine Stadt im Gebirge, wo du es seit zehn Jahren verstehst, dir ein Nest zu bauen, deine Basis zu errichten und, vor allem, andere Wurzeln zu schlagen.

An diesem Abend speicherst du, nicht ganz uneigennützig, Empfindungen und dein Kameragedächtnis verlässt den Geldscheintrockner, macht einen Rundgang durchs Haus, steigt die hufeisenförmige Treppe hoch und betritt die Galerie, die mit ihrem U das Erdgeschoss des alten Wohnhauses umfasst. Gelächter und Geschrei von Gören, die inmitten von Puppen, Tretrollern, abprallenden Bällen und Strahlen aus Wasserpistolen ihre Sommerferienspiele spielen. Sie sind zu viert, und ihre lärmenden Freuden mischen sich, kollidieren in unschuldiger Sorglosigkeit mit allem, was keine Kulisse und keine Requisite ihres Theaters der Unmittelbarkeit ist. Das Klacken schneller Schritte überlagert die Spiele, beendet sie.

»Pst! Pst! Seid still, Kinder. Ruhe. Großmama ist gerade gestorben.«

Miss Carmen, die Krankenschwester, hält den Roller an, schnappt sich die Wasserpistole, ergreift den Ball.

»Pst! Großmama ist gerade gestorben.«

Sie führt sie schweigend ins Wohnzimmer, wo in der linken Ecke das Klavier glänzt, auf dem vier Generationen, manchmal mit glücklicher Hand, oft mit widerstrebenden Fingern, Akkorde angeschlagen, Tonleitern gespielt, Bach oder Scarlatti gelernt haben. Es ist nicht mehr im alten Wohnhaus, das Klavier, auf dem Onkel Mathias bei jedem seiner Besuche ein paar Töne klimperte, worauf er mit bebendem Schnurrbart sagte: »Wo ist denn die Musikerin? Dieses Klavier müsste dringend gestimmt werden.« Die Musikerin war Véronique.

Véronique! Spielt sie noch Klavier? Vielleicht hat sie die Musik aufgegeben. Wann wirst du dich entschließen, sie zu besuchen?

*

Im Mandelbaumgebäude mit seinen alten, vor sich hin faselnden Steinen fühlst du dich fremder denn je. Dein Gedächtnis ist ein Prokrustesbett geworden, in dem du deine formveränderlichen Erinnerungen stutzt, zurechtschneidest und öfter noch in die Länge ziehst und aufblähst, damit sie sich passgenau in die Wirklichkeit einfügen. Du warst stolz darauf, die genauen Daten dieser Wirklichkeit zu besitzen, und rühmtest dich, die Kennwörter, das Sesam-öffne-dich zu kennen. Aber fünfundzwanzig Jahre Exil haben einen Ausländer aus dir gemacht. Die Komplexität der Probleme dieses Landes wächst dir über den Kopf. Was hast du also hier zu schaffen?

Dir ging es gut in dem Haus in Las Piedras Chinas, diesem etwas barocken Bau, den du halbfertig gekauft hast, denn die Besitzerin, eine in Mexiko lebende Schauspielerin, wollte ihn loswerden, da ihre Arbeit in der Hauptstadt ihre gesamte Zeit in Anspruch nahm. Du hattest dich sofort in die Anordnung der zahlreichen großen, sonnendurchfluteten, auf drei Geschosse verteilten Zimmer verliebt, die zu einer Gartenterrasse hin lagen. An ihrem Rand standen Jacarandas, jener Baum, der sich im Frühling, anstatt Blätter zu treiben, mit Hunderten von blasslila Blüten schmückt. Vor allem boten fast alle Zimmer eine bewundernswerte Aussicht. Sechs Monate waren notwendig gewesen, um den Bau fertigzustellen und das Haus nach deinem Geschmack zu möblieren, und es war nun seit bald zehn Jahren deine Zuflucht, deine Hülle. Vor allem das große Wohnzimmer, ein Raum der Begegnung, der schöpferischen Tätigkeit und der Reflexion; in ihm hast du beschlossen, einen Schlussstrich unter deine Laufbahn als Schriftsteller, deinen Beruf als Sätze-Couturier, wie Janka sagte, zu ziehen. Das Wohnzimmer mit seinen großen Fenstern bot das Schauspiel der Ziegeldächer von San Miguel, den Ockerton, das Blau, das Grün und das typisch mexikanische Rosa der Wände; weiter entfernt dehnte sich die Hügellandschaft, die Ebene und ganz hinten, je nach Tageszeit, die blass oder kräftig blaue Linie der Berge von Guanajuato.

Dir ging es gut in dem Haus auf dem Hügel in Las Piedras Chinas, diesem Ort, an dem du seit zehn Jahren in alltäglicher Kreativität lebtest, ohne diese Einmischung, diesen Einbruch der Politikasterei, die hier jede intellektuelle Tätigkeit an sich zieht, deine Arbeitszeit stört und in Unordnung bringt.

Dir ging es gut zuhause, oder? Morgens wachtest du allein oder in angenehmer Gesellschaft auf, wenn dein Schlaf zu Ende war, und niemals hätten Passanten, die sich fetzten, deine Ruhe gestört so wie diese keifenden Frauenstimmen, die im Morgen grauen auf der Place Boyer über eine halbe Stunde lang Grobheiten austauschten. Die verbale Gewalttätigkeit derer, die du immer noch deine Landsleute nennst, ihr Bedürfnis nach Zuhörern, notfalls auch unsichtbaren, wenn sie in einer Diskussion aneinander geraten, war das ein kulturelles Phänomen? Solltest du diese Unart durch dein Leben an anderen Orten, vor allem durch deinen langen Aufenthalt in San Miguel de Allende, vergessen haben? Dir war durchaus aufgefallen, dass der Mexikaner eher reserviert ist und selten unnötig die Stimme erhebt. Du hattest mehrfach Landsleute, die in Montreal leben und dich anlässlich eines Kolloquiums an der autonomen Universität von Mexiko besuchen kamen, darauf aufmerksam gemacht. Nachdem ihr die Neuigkeiten ausgetauscht und auf der Terrasse mit ihrer herrlichen Aussicht über die kleine Kolonialstadt auf die Freundschaft angestoßen hattet, hast du ihnen immer einen Spaziergang durch die kopfsteingepflasterten Straßen der Stadt, in der du wohntest, vorgeschlagen.

Du hast ihnen den zentralen Platz El Jardin gezeigt, das Museum für Ignacio Allende, den Auslöser des Kampfes um die Unabhängigkeit, die Kirchen und ehemaligen Klöster, von denen einige schon Ende des 16. Jahrhunderts gebaut wurden; ihr habt in Bellas Artes, einer Zweigstelle der staatlichen Kunsthochschule, die Bildhauersäle und das kleine Theater besichtigt, seid am großen Angela-Peralta-Theater vorbeigegangen, und du hast sie in die Stadtbibliothek geführt, die von Mitgliedern der US-amerikanischen Gemeinde, in der Mehrzahl Rentner, ehrenamtlich verwaltet wird. Dieser Spaziergang durch die Stadt endete immer in der Straße Insurgentes, auf der ihr bis zur Markthalle gingt.

In dem quadratischen Bau fand man alles: von Handwerksgegenständen für den täglichen Gebrauch bis zu Konservendosen, von schmiedeeisernem Kunsthandwerk bis zu Restaurants. Ein unablässiges Kommen und Gehen der Käufer zwischen Auslagen voller Blumen, Gemüse und zu Pyramiden gestapelten Früchten in einer Orgie aus Farben und Gerüchen. Der Abschnitt der Metzger liegt neben dem der Verkäufer von Zeitschriften und kleinen illustrierten Groschenromanen. Die Hutmacher haben ebenso ihren Bereich wie die Weber oder die Schuh- und Kleiderverkäufer; der Restaurantbereich ist immer gut besucht und es duftet appetitlich. Der ganze Ort ist voll wimmelndem Leben. Que va a llevar? Was nehmen Sie mit? Was wollen Sie kaufen? Mangos. Trauben. Orangen. Ananas. Mandarinen. Bananen. Melonen. Sapotes. Paprika. Kopfsalat (hier sagt man »französischer Salat«). Chayoten. Karotten. Blumenkohl. Grüne Peperoni. Rote Peperoni (hier chile genannt). Que va a llevar?, fragen Gemüsehändler und Floristen. Que va a llevar?, wiederholen als Echo die Eigentümer der kleinen Lebensmittelläden oder die Getränkehändler. Que va a llevar, wie ein Gruß an den Passanten, den potenziellen Käufer, gesungen in verbindlichem Ton mit tiefer oder hoher Stimme. Nach zehn Minuten, wenn du dich vergewissert hattest, dass dein jeweiliger Gast von der Atmosphäre des Ortes durchdrungen war, stelltest du ihm die rituelle Frage:

»Kannst du mir sagen, was du hörst?«

Überrumpelt antwortete er immer:

»Wie, was ich höre? Was meinst du?«

»Bleiben wir stehen. Schau dich um. Wie viele Leute sind in der Markthalle?«

»Weiß nicht. Vielleicht ... Warte mal!«

Und Harry Rochet, der letzte Freund aus Montreal, der San Miguel de Allende besucht hat, das war im Mai, vor sieben Monaten, Harry Rochet, Professor für Politikwissenschaften an der Université du Québec in Montreal, reibt sich die Nase. Harry Rochet ist ein Mann der Wissenschaft, der sogenannten Geisteswissenschaften. Präzision, Fakten, damit kennt er sich aus. Du spürst, wie er im Kopf rechnet. Er runzelt die Stirn.

»Schwer zu sagen, so aus dem Stehgreif ... Gut, mehrere Hundert.

Aber warum fragst du?«

»Warte. Also deiner Meinung nach sind auf diesem Markt sagen wir hundert oder zweihundert Leute?«

»Ja, aber ...«

»Also hör genau hin und sag mir, was du hörst.«

Von allen, mit denen du das Markthallenexperiment angestellt hattest, hatte Harry Rochet am schnellsten reagiert.

»Mein Gott, das gibt’s doch nicht! Simon, das ist unglaublich, sie machen keinen Lärm.«

Er dreht sich um, folgt mit den Augen der Reihe der Auslagen, greift sich an die Wange. Er traut sichtlich seinen Ohren nicht.

»Sie machen keinen Lärm ... Ich meine, sie brüllen sich nicht an.«

»Kein Geschrei. Keine Beschimpfungen.«

»Keine Raufereien. Kein Austausch von Schimpfwörtern. Großer Gott, bei uns hätten die Leute schon eine ganze Litanei von unflätigen Ausdrücken aufgesagt ... Wie zurückhaltend sie sind!«

»Dagegen würde ich ihnen niemals irgendein Gerät mit Ton anvertrauen, weder Radio noch Fernseher noch sonst etwas. Vor einem Lautstärkeregler zerspringt ihre Zurückhaltung in ohrenbetäubende Dezibel.«

Wieder auf der Terrasse, wo Rum und Tequila die Wartezeit auf das Gericht verkürzen, das Josefina zubereitet, das carne a la tampiqueña, welches den Vorteil hat, auf einem Teller mehrere mexikanische Spezialitäten zu bieten, nämlich gegrilltes Rindfleisch in dünnen Scheiben, Safranreis, Avocadopüree, enchiladas und eine reichliche Portion dickes Mus aus roten Bohnen, dazu mole und eine grüne Soße, von der einem der Mund brennt, wieder auf der Terrasse steht Harry Rochet immer noch unter dem Eindruck seines Ausflugs in die Stadt San Miguel de Allende.

»Du hast doch sicher ein Tonbandgerät, Simon?«

»Ja, warum? Willst du etwas aufnehmen?«

»Den Markt. Wir könnten morgen noch einmal hingehen. Ich muss das aufnehmen ... Weißt du, im Oktober bin ich drei Monate in Haiti, und dann mache ich dort dasselbe. Ich nehme die Geräusche im Marché en Fer auf und mache ...«

Fortgerissen von seinem Thema hört Harry Rochet das Geschrei und das Gelächter nicht, die von der Straße unter der Terrasse heraufkommen. Es ist nach ein Uhr. Du brauchst dich nicht erst über die Brüstung der Terrasse zu beugen, um zu wissen, wer in diesem Moment die Straße der Piedras Chinas hinauf- oder hinuntergeht, jene Straße, die eine Freundin angeregt hat, in »Schulkinderweg« umzubenennen. Zweimal pro Tag kommen sie, den Rucksack auf dem Rücken, die Straße entlang, streiten und rempeln sich an unter Schreien, Lachen und manchmal auch Weinen wie alle Kinder auf der Welt. Dieselbe Freundin hat dich auch darauf aufmerksam gemacht, dass San Miguel de Allende eine Stadt voller Kinder ist. Man ahnt ihre Anwesenheit nicht immer. Aber nach Sonnenuntergang braucht man nur zum sogenannten Garten zu gehen, wenn sich die Dohlen unter Gekrächze wieder zu ihren Schlafplätzen in den Gummibäumen begeben, um zu sehen, wie die weibliche und männliche Jugend den kleinen Platz vor der Pfarrkirche in Besitz nimmt. Zwei Stunden lang um runden sie den Kiosk, mustern einander, lachen, berühren sich und knutschen. Sie belagern die Eis- und Schweinekrustenverkäufer.

Sie sitzen überall, auf den Bänken, den Mäuerchen, den Stufen, und breiten sich auch auf den Bürgersteigen aus. Aber wo haben sie sich verborgen, bevor es Abend wurde? Bei jedem patriotischen oder religiösen Fest sieht man Hunderte und Aber hunderte Gören im Alter von acht bis fünfzehn Jahren hinter Trommeln und Fahnen, Bannern und Statuen vorbeiziehen. Ah, eine Parade hinter einer Trommel wie beim Fahnenfest am 18. Mai, als du im Gleichschritt marschiertest und dabei sangst:

Wir, die studentische Jugend, wir, ob groß oder klein, sind morgen der Stolz ... »... das wäre eine gute Idee, oder?«

»Hmm?«

»Du hast mir nicht zugehört. Ich sagte, du solltest eine Reportage machen über das Leben in San Miguel verglichen mit dem, was bei uns abläuft.«

»Dafür müsste ich dorthin zurückkehren.«

»Und dazu hast du keine Lust! Sag mir, was hindert dich an einem Aufenthalt in Haiti?«