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Sechs Uhr morgens. Ein weiterer Tag im Leben Claudes, den er auf seinem Balkon verbringen wird, während der Kindergarten, den seine Schwester betrieben hat, unter ihm verwaist daliegt. Zwei Kinder, Guy und Jacques Colin, wurden von den tontons macoutes als Geiseln genommen. Wie konnte die Miliz ihr Versteck finden? Der Tagesablauf verschwimmt mit den Erinnerungen und Träumen Claudes, den immerfort dieselbe Frage quält: Wer hat Guy und Jacques Colin verraten? In »Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?« erzählt Anthony Phelps nicht nur die ergreifende Geschichte über die Zerrissenheit eines jungen Mannes zwischen der Furcht vor dem Regime und dem Drang nach dem Aufbegehren, zwischen Rebellion und Lähmung, er liefert zugleich ein einfühlsames Zeitenbild über die Folgen einer Diktatur für Menschen, Familien und die haitianische Gesellschaft und damit einen Blick in die menschlichen Abgründe einer Diktatur, auf höchstem literarischen Niveau.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2016
Sechs Uhr morgens. Ein weiterer Tag im Leben Claudes, den er auf seinem Balkon verbringen wird, während der Kindergarten, den seine Schwester betrieben hat, unter ihm verwaist daliegt. Zwei Kinder, Guy und Jacques Colin, wurden von den tontons macoutes als Geiseln genommen. Wie konnte die Miliz ihr Versteck finden? Der Tagesablauf verschwimmt mit den Erinnerungen und Träumen Claudes, den immerfort dieselbe Frage quält: Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?
In »Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?« erzählt Anthony Phelps nicht nur die ergreifende Geschichte über die Zerrissenheit eines jungen Mannes zwischen der Furcht vor dem Regime und dem Drang nach dem Aufbegehren, zwischen Rebellion und Lähmung, er liefert zugleich ein einfühlsames Zeitenbild über die Folgen einer Diktatur für Menschen, Familien und die haitianische Gesellschaft und damit einen Blick in die menschlichen Abgründe einer Diktatur, auf höchstem literarischen Niveau. Cornelius Wüllenkemper, SRF 2 Kultur
Anthony Phelps, Lyriker, Prosaautor, Journalist, Vortragskünstler und Bildhauer, geboren 1928 in Port-au-Prince, kann als lebender Klassiker Haitis gelten. Nach einem Chemiestudium in den USA gehörte er 1960 zu den Gründern der Gruppe Haïti Littéraire und der Zeitschrift Semences, die der haitinaischen Literatur bedeutende Impulse verleihen sollten. Als Gegner Duvaliers musste er 1964 nach einem Gefängnisaufenthalt ins Exil nach Montreal gehen, wo er noch heute lebt. Bis zu seiner Pensionierung war er dort als Nachrichtenredakteur bei Radio Canada tätig. Er gilt auch als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Québecs. Sein literarisches Werk umfasst etwa dreißig Bücher, darunter das Kultbuch Mon Pays que voici (1968), eine lyrische Hymne an sein Heimatland, und die Romane Moins l’infini (Paris, Les Éditeurs Français Réunis, 1973, überarbeitet unter dem Titel Des fleurs pour les héros, Paris, Le temps des cerises, 2013, deutsch Denn wiederkehren wird Unendlichkeit, Berlin, Aufbau-Verlag, 1976) und Mémoire en Colin Maillard (Montreal, Editions Nouvelle Optique, 1976). Der Zwang des Unvollendeten erschien 2006 im Verlag Leméac, Montreal unter dem Titel La contrainte de l’inachevé. Anthony Phelps erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Preis der Casa de las Americas. Im Frühjahr 2014 hielt er sich im Rahmen des Projekts Kreyol, die Kultur des Widerstandes in der Karibik in der Künstlervilla Waldberta bei München auf.
Begriffe, die mit einem Stern gekennzeichnet sind, werden im Glossar erklärt.
Anthony Phelps
Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?
Aus dem Französischen
eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2016
Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg
Tel. +4940 31108081, [email protected]
www.culturbooks.de
Alle Rechte vorbehalten
Das französische Original erschien 2015 unter dem Titel »Mémoire en Colin Maillard« (bearbeitete Neuauflage), © Le Temps des Cerises, Editeurs, Montreuil 2015.
Erstausgabe: © Nouvelle optique, Montreal 1976, © der deutschsprachigen Ausgabe litradukt, Literatureditionen Manuela Zeilinger-Trier, Trier 2016
Deutsche Printausgabe: litradukt, Literatureditionen Manuela Zeilinger-Trier, Ungekürzte Ausgabe, 2016
Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte
Lektorat: Peter Trier
Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj
eBook-Herstellung: CulturBooks
Erscheinungsdatum: Oktober 2016
ISBN 9-783-95988-062-6
Mittwoch, 23. September. Sechs Uhr morgens. In meinen Sessel gekauert, überlasse ich mich der liebkosenden Brise, die vom nahen Berg gekommen ist, und versuche mit geschlossenen Augen das rätselhafte Flüstern meines Muskatnussbaums zu entschlüsseln.
Wie üblich gelingt es mir nicht. So werde ich meine Erzählung wieder aufnehmen müssen. Es könnte gut sein, dass ich die Erklärung, nach der ich suche, in diesem quälenden Wiederholen derselben Geschehnisse entdecke und mir diese hundert Mal verfasste, aus- und neu eingefädelte Erzählung vielleicht endlich verrät, nach welchem geheimen Muster ihre Fäden verlaufen.
Aber was ist es denn, was ich am Ende zu entdecken hoffe?
Welche sensationelle Offenbarung wird mir eine neue Vorführung jenes Films bringen, den ich in seinen geringsten Bildfolgen, seinen kürzesten Einblendungen kenne, wenn nicht die banale Feststellung der unabänderlichen Kain-Natur des Menschen? Ah! Aber wäre es nur das? Wäre es nur das?
*
»Ein B mit A gibt BA.« Von etwa vierzig hohen Stimmen gesungen, klingt das Buchstabenlied vom Kindergarten zu mir herauf, und ich stelle mir die über die Pulte gebeugten Köpfe, die kleinen Hände vor, die sich gewissenhaft mit den Buchstaben abmühen und sie aufmalen.
»Ein B mit I gibt BI.« Einer nach dem anderen wandern die Vokale durch den Sehnerv und prägen sich mit ihrer besonderen Form den Falten des jungen Gehirns ein. Ba, Be, Bi, Bo, Bu.
Danach sind die zwanzig Konsonanten an der Reihe, für sich ein Feld zu finden. Ellpehtehzett und Dehbehix rangeln miteinander, schließen schließlich Frieden und singen zusammen mit Tsegehkah und den anderen: Papepipopu. Rareriroru.
Unter meinen geschlossenen Lidern sehe ich wieder alles, was das Reich meiner Schwester Yvonne, ihre hauptsächliche Einnahmequelle, ausmachte und bei weitem bedeutender als der kümmerliche kleine Scheck war, den sie vom Erziehungsministerium für Mathematikstunden am Nachmittag in jenem Mädchenkolleg erhielt, wo es fast unmöglich geworden war, sich durchzusetzen, denn wie soll man eine Schülerin tadeln, die es wagt, einem auf arrogante und verletzende Art zu antworten, weil ihr Vater, ihr Bruder oder ein Onkel der Zivilen Miliz angehört, was bedeutet, dass er befugt ist, mit dem Segen seines Chefs, des Gelehrten Doktors, des Präsidenten der Republik auf Lebenszeit, die Macht zu missbrauchen? Ich sehe die beiden großen Klassenräume mit ihren blank polierten Bänken, die in Reih und Glied da stehen, als warteten sie auf Benutzer, die grünen Tafeln, auf denen Yvonne sich verpflichtet gefühlt hat, unversehrt die letzten Worte zu bewahren, die dort an jenem Mittwoch vor sehr langer Zeit standen, an den Wänden die besten Farbstiftzeichnungen, unter anderen die Zeichnung von der kleinen Micheline, die ihr am besten gefiel und die sie besonders hervorgehoben hat. Ich rufe mit der Anwesenheitsliste auf, und die Antworten stürmen auf mich ein, umhüllen mich, rufen eine Benommenheit hervor, die sich meiner hinterhältig bemächtigt. Plötzlich öffne ich wieder die Augenlider, und die Wirklichkeit findet in ihren vertrauten Rhythmus zurück. Kein Kinderlied dringt durch meine Zimmerwände. Nichts weiter als das Flüstern der Blätter meines Muskatnussbaums am frühen Morgen. Die Klassenzimmer werden leer bleiben. Leer und nutzlos. Nutzlos auch der Spielplatz mit seinen Schaukeln und Wippen, die einen kräftigen Farbanstrich nötig hätten. Ich weigere mich indes, Yvonne diesen Gefallen zu tun.
»Es ist sinnlos, Yvonne, und du weißt es genau so gut wie ich. Lass sie verrotten.«
»Oh!«
»Du denkst, dass, sobald das Zubehör vom Spielplatz wieder instand gesetzt ist, auch dein Garten seine Türen wieder öffnet, die Kinder wieder einströmen? Du täuschst dich gewaltig, meine Alte! Dein Kindergarten ist vorbei, erledigt, ›kaputt‹, wie Großvater auf Deutsch gesagt hätte. Vergiss ihn endgültig. Niemand mehr wird ihn betreten. Die Leute sind nicht verrückt. Sie haben Schiss und schicken ihre Sprösslinge nicht in eine gebrandmarkte Schule. Denn deine Schule ist auf der schwarzen Liste, wie du weißt. Also, warum sollte ich meine Zeit dafür verschwenden, alles instand zu halten?
Du solltest lieber deinen Kram liquidieren, solange noch Zeit dafür ist.«
»Oh!«
»Das ist alles, was du sagen kannst: oh! Du bist entrüstet, bläst dich auf wie ein beleidigter Walfisch. Aber zum Kuckuck! Sieh doch einmal genau hin, wie es wirklich ist. Sieh doch ausnahmsweise einmal den Tatsachen ins Auge!«
»Das Zubehör muss instand bleiben. Ich werde meine Arbeit eines Tages hier wieder aufnehmen. Der Große Gelehrte Doktor ist nicht ewig, und mit seinem Diabetes und seiner Herzkrankheit macht er’s nicht mehr lange.«
»Seit zwei Jahren wiederholst du dasselbe, und wir alle warten seit zwölf Jahren auf das biologische Ende des Präsidenten auf Lebenszeit. Aber er ist noch da, standhaft auf dem Posten. Hartnäckig wie Unkraut. Deshalb glaube mir, gib’s auf. Und wenn du einen Rat willst, verkaufe alles. Die Leute haben nicht vergessen, was sich hier zugetragen hat.«
»Die Leute sind Schufte.«
»Jetzt hör mal, Yvonne, was hättest du an ihrer Stelle getan?
Hättest du keine andere Schule für deine Kinder gesucht, eine Schule, in der sie geschützt vor den macoutes, in Sicherheit wären?«
»Wo bitte kann man sich in diesem Land in Sicherheit fühlen? Wir alle sind den blindwütigen Schlägen der tontons macoutes* ausgeliefert. Es ist einfach nur das Schicksal, das es auf meinen Kindergarten abgesehen hat, das weißt du genau, und die Leute wissen es auch. Wie hätte ich ahnen können, was da ausgeheckt wurde im Kopf dieses Rechtsanwaltes, dessen Tat so ganz andere Folgen gehabt hätte, wenn sie erfolgreich gewesen wäre? Sicherheit! Sicherheit! Was mich empört, ist unsere Passivität angesichts der Verbrechen, der Ungerechtigkeiten. Erstaunlich noch, dass wir die Hand nicht küssen, die uns zerquetscht. Wir sind lauter Esel, die man mit Fußtritten vorwärts treibt. Ach! Es ist höchste Zeit, dass die Frauen die Verantwortung übernehmen, denn Männer gibt es in diesem Land nicht mehr!«
»Rede kein dummes Zeug! Was hättest du getan, wenn du an jenem Tag da gewesen wärest? Du hättest dich den Milizionären ja wohl nicht entgegengestellt, oder?«
»Nein. Niemals aber hätte ich Guy und Jacques Colin den tontons macoutes ausgeliefert.«
Was sie nicht sagt! Ich hätte sie sehen wollen inmitten von Folterknechten, denen man freie Hand gelassen hatte. Ah! Sie hätte alles Mögliche geredet, ja alles Mögliche.
»Vielleicht hättest du nichts gesagt. Was aber wäre mit den anderen gewesen? Den Kindern, der Lehrerin, den Dienstboten? Sie alle kannten Guy und Jacques.«
»Ginette hat sie bestimmt nicht verraten, wie du sehr gut weißt. Sie war stumm vor Angst und hat erst am folgenden Tag wieder sprechen können. Die Dienstboten waren unter Aufsicht in der Küche. Wenn ich Mutters Version über nehme, hätte eins der Gören seine beiden Kameraden in aller Unschuld verraten, indem es ihnen piroulis* brachte, die ihm der Hauptmann gegeben hatte. Aber soweit ich weiß, haben die tontons macoutes bei ihren Razzien keine piroulis in den Taschen. Gewöhnlich verwenden sie überzeugendere Argumente. Ich habe den Eindruck, dass Mama seit diesem Geschehen vollkommen wirr geworden ist. Das hat ihr das Hirn durcheinander gebracht. Ach! Warum nur habe ich mich gerade an jenem Tag bereit gefunden, Fräulein Joly zu vertreten?«
Die Direktorin der Mädchenschule hatte sie gebeten, für Fräulein Joly einzuspringen und an diesem Mittwochmorgen Englisch in der Abschlussklasse zu unterrichten. Sie war jedoch frei, durch nichts verpflichtet, diese Vertretung zu übernehmen. Im Übrigen ist das etwas, was sie nicht ausstehen kann, sie hat es oft genug beteuert. Hätte sie ihren Vormittag nicht damit vergeudet, irgendwelchen langen, schlaksigen Dingern, die das nicht die Bohne interessierte, den Gebrauch von do und did zu erklären, dann hätten die Dinge im Kindergarten anders verlaufen können.
»Das hätte die Razzia der tontons macoutes ja wohl nicht verhindert.«
»Das sicher nicht. Aber ich hätte zumindest erfahren, wer Guy und Jacques Colin ausgeliefert hat.«
Und warum muss sie, wenn sie sich diese verflixte Frage stellt, mich jedes Mal so ansehen? Warum will sie unbedingt den Namen des Verräters wissen? Das ändert nichts an unserem Rhythmus. Deswegen dienen die Schaukeln trotzdem den Vögeln als Hochsitz, schießen die Wippen genauso sinnlos in den Himmel, und niemand wird in den großen Betonzylindern, in denen Unkraut wuchert und kleine Eidechsen wohnen, Verstecken spielen. Und kein Babebibobu steigt über die Brüstung meines Balkons, wo ich mich soeben für den Tag in meinen alten Sessel gesetzt habe.
Mir gegenüber singt mein Muskatnussbaum leise mit der Brise, und seine Blättchen zittern, zeigen bald ihre glänzende obere, bald die mattere Unterseite. Von meinem Balkon überblicke ich die Stadt. Die Stadt des Prinzen. Die Stadt des Volks. Heute die Stadt von Baron Samedi*.
Ein Meeresabschnitt gerät mir voll in den Blick und scheint höher als die Häuser zu klettern, die bunte Flecken zwischen dem Grün der Bäume bilden. Ich frage mich, ob das Meer
nicht eines Tages erschöpft und überdrüssig des Wartens auf die Tat zum Himmel aufsteigt, ob es sich nicht in Wut und Zorn zusammenballt, um der Stadt einen gewaltigen Wellenschlag zu versetzen und sie zu reinigen. Sie zu säubern. Sie vom alten Putz zu befreien. Das Meer, reinigend und seifig.
Sauer und ätzend. Enthüllend vor allem.
Ich frage mich, ob das Meer nicht eines Tages jene Nachfolge übernimmt, die anscheinend niemand zu übernehmen bereit ist, denn in unseren Häusern – nicht mehr wie früher offene, warmherzige, oppositionelle, sondern verschlossene, verrammelte und unwürdige Orte – erwächst unaufhörlich diese geheime Hoffnung auf eine reine, göttlich gesalbte Hand, die zum Zauberstab greift und damit auf unseren Boden klopft, um unsere Lage zu ändern, alle Spuren des Albtraums zu tilgen und endlich die schwarze, verhängnisvolle Wolkendecke aufzureißen, die uns bedrückt.
Wir sind in jene ferne Epoche zurückgekehrt, in der jede Veränderung zwingend ein Wunder war, in der der verhöhnte , tyrannisierte, versklavte Mensch seine Befreiung nur vom Eingriff irgendeines höheren, wohlgesinnten Geistes erhoffen konnte. Oh göttliche Einmischung, heilsame Offenbarung der Götter in den menschlichen und irdisch-alltäglichen Angelegenheiten! Entschuldigung für unsere Tatenlosigkeit.
Rechtfertigung unserer Resignation. Erhört dann vielleicht das Meer unser Gebet – da der Himmel ja verschlossen ist – und vollbringt diese große reinigende und wunderbare Tat?
*
Der Muskatnussbaum singt leise mit dem Wind, der vom nahen Berg herabgekommen ist. Der Morne l’Hôpital* suhlt sich wie ein prähistorisches Tier im Grau dieses frühen Septembermorgens, und ich überblicke von meinem Balkon hinter meinem Blätterschirm die Straße und die Kreuzung. In einigen Stunden werde ich die Leute sehen, wie sie sich mit gesenktem Kopf eng an den Mauern entlang zu ihrer Arbeit bewegen, farblose Schatten, gelähmte Statisten der Stadt des Großen Barons. Sie werden sich begegnen, ohne einander anzusehen, aus Angst, sich zu verraten. Die Passanten auf meiner Straße bewegen sich nicht mehr wie emsige Ameisen, was früher charakteristisch für sie war. Guten Tag. Guten Tag. Wie geht’s? Und die Geschäfte? Was gibt’s Neues? Geht’s deiner Mutter gut? Und deinem Vater? Und deiner Schwester Yvonne? Gruß zu Hause.
Sie bleiben nicht mehr zu einem schnellen warmherzigen Plausch stehen, zu einem Händeschütteln, einem Kompliment, einem breiten Lächeln, zu all diesen Gesten von Lebenden. Sie sind bedrückt, gebeugt, hermetisch verschlossen wie Austern.
Zum Glück werden auch schreiende, lebendige und muntere Kindergruppen mit umgehängten Taschen herankommen. Sie als Einzige wagen noch, die Stimme zu erheben, ihrer Unzufriedenheit durch Fausthiebe Ausdruck zu verleihen und aus vollem Hals ihre Freude herauszusingen in diesem Land der Stille, in dem die Erwachsenen sich in Watte gepackt haben und zu Schwämmen geworden sind. Nicht einmal das, denn der zusammengepresste Schwamm wird hart in der Sonne und bekommt schneidende Spitzen.
*
Ich überlasse mich der Liebkosung der Brise, die vom nahen Berg gekommen ist, und höre einen Augenblick lang dem rätselhaften Flüstern der glänzenden Blättchen meines Muskatnussbaumes zu, dann trenne ich mich wieder mit geschlossenen Augen von der Außenwelt. Ich sehe nichts weiter als Lichtlachen, die wie Reklameschilder blinken und unaufhörlich Lichtteilchen aussenden, die mich als Zielscheibe wählen und mich unerbittlich treffen. Ich bin jedoch unverwundbar für ihren Angriff. Ich segele durch eine Sternenregion, gleite durch farbige Gänge, und die Schwerelosigkeit verlangsamt meine Bewegungen, wobei jede meiner Gesten eine außergewöhnliche Anmut gewinnt. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, entmaterialisiert sich mein Körper, versetze ich mich in eine andere Welt. Meine Augenlider sind das Sesam-öffne-dich einer gestaltlosen und irisierenden Welt, in die ich bis zu zehnmal am Tag eintauche. Ich würde gern den Rest meines Lebens hinter diesen durchscheinenden Membranen verbringen, denn nur dort kann ich diesen Frieden, diese Heiterkeit des Unbewussten wieder finden, die mir jetzt so notwendig, ja unentbehrlich geworden sind.
Das Unbewusste, mein einziger Zufluchtsort, meine einzige Tür ins Freie. Aber alles hat seine Zeit, und ich bin es mir schuldig , dieser Wirklichkeit nicht zu entfliehen, deren Puzzle ich geduldig und qualvoll zusammensetzen konnte, indem ich die Finsternis überlistete, um ihr hier eine Geste, dort ein Gesicht oder ein enthüllendes Wort abzugewinnen.
Heute kann ich mich der Dringlichkeit, die sorgfältig notierten Tatsachen ans Licht zu bringen, nicht länger entziehen, um unvoreingenommen die Feigheit der einen und die Grausamkeit der anderen festzustellen.
*
Ich habe die Augen wieder geöffnet, um erneut meine Wartehaltung einzunehmen und von meinem Balkon den Ablauf des täglichen Films zu überwachen, in der Hoffnung, dieses Mal die Kraft – oder den Mut – aufzubringen, in das Drehbuch einzugreifen, ihm einen neuen Rhythmus, ein anderes Ende zu verleihen. In einer Stunde werde ich die Kinder vorbeiziehen sehen. Einige werden mich erkennen und mir winkend »Hallo, Onkel Claude« zurufen. So nannten sie mich, als sie hier im Kindergarten waren. Sie sind seitdem ganz schön groß geworden.
»Dieser Herr war es doch, der ...«
»Das stimmt nicht. Der hat uns doch immer freitags Geschichten erzählt.«
»Ja, Geschichten von Dieben und Zombies. Er hatte uns sehr gern.«
»Meine Mutter hat mir gesagt, dass ...«
»Das ist falsch, sag ich dir.«
»Ja, das ist falsch, und wenn du es nochmal sagst, hau ich dir eine runter.«
»Schon gut.«
»Hallo, Onkel Claude!«
Wie jeden Morgen werden sie vorübergehen, eine Orangenschale oder Steine kicken, sich balgen oder wie Verrückte lachen. Ich frage mich, ob meine neuen Geschichten sie interessieren würden. Ich weiß eine Menge andere, die sie noch nicht kennen. Aber Yvonne wird niemals erlauben, dass ich sie in ihrem Kindergarten erzähle. Dabei handelt es sich nur um Tatsachen.
»Eben deshalb bin ich dagegen. Siehst du denn nicht, dass die Kinder die Lage in diesem Land unbewusst erfassen, warum ihnen dann ihre ganze Abscheulichkeit auch noch betonen?«
»Warum ihnen die Wirklichkeit verbergen? Du willst sie wohl in Watte und mit Scheuklappen aufziehen, sie von der Wirklichkeit unter dem Vorwand fernhalten, dass sie zu grausam ist. Du machst aus ihnen nur Weltfremde.«
»Oh, lass uns nichts übertreiben. Mir liegt nur daran, ihre Unschuld so lange wie möglich zu bewahren.«
»Mit Geschichten von Feen und Prinzen, Schäferinnen und Rittern. Warum bringen wir ihnen nicht gleich bei, dass ihre Vorfahren, die Gallier, blauäugig und blond waren?«
*
