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Beschreibung

Über unseren Alltag von übermorgen

Wie werden wir später mal leben, lieben, sterben? Werden die Vereinigten Obstgüter Brandenburgs die Herrschaft übernehmen, werden wir zu Zuschauern unseres Todes, oder zu Darstellern unserer eigenen Lebenssoap, wird es die Hauptwerke erotischer Literatur dann endlich auch als Zäpfchen geben? 17 der spannendsten deutschsprachigen Autoren malen sich in visionären, witzigen, abgedrehten, schrecklich-schönen Erzählungen unsere allernächste Zukunft aus. Und immer wieder stellt sich heraus, dass viele der Maßlosigkeiten und Überraschungen von morgen längst im Heute angelegt sind.

Von Jörg Albrecht, Emma Braslavsky, Françoise Cactus, Heike Geissler, Annett Gröschner, Schorsch Kamerun, Thomas Kapielski, Steffen Kopetzky, Andreas Neumeister, Georg M. Oswald, Thomas Palzer, Thomas Pletzinger, Steffen Popp, Kathrin Röggla, Julia Zange, Raul Zelik, Felicia Zeller.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis
KATARINA AGATHOS - Zukunft in Vor- und Rückblenden
SCHORSCH KAMERUN - Der Wind steht still - mitten im Orkan
Der Wind steht still - mitten im Orkan!
Der Wind steht still - mitten im Orkan!
Der Wind steht still - mitten im Orkan!
STEFFEN POPP - Zeugnisse aus dem Deutschen Archiv zum Verständnis des ersten Jahrhunderts
Copyright
Was projizieren zeitgenössische deutschsprachige Autorinnen und Autoren in die nähere Zukunft? In 17 visionären, witzigen, sprachmächtigen, abgedrehten, assoziativen, analysierenden, poetischen Texten wird der Alltag einer übernächsten Generation entworfen. Über kleine und große, private und politische Fragen nähern sich die Autoren dem Jahr 2089 an. Wie wird sich die Geschichte Deutschlands bis dahin fortschreiben - falls es dann überhaupt noch einen Staat gibt, der so heißt. In welchen Formaten werden wir unsere Erinnerungen speichern, wie viele Golfkriege werden bis dahin geführt worden sein, wer darf Kinder kriegen, wird man seinen eigenen Tod auf Video ansehen können? 17 Szenarien aus der Zukunft, doch natürlich sind die meisten Maßlosigkeiten und Überraschungen längst in der Gegenwart zu finden, in den aktuellen Prognosen zu Mobilität, Technologie, Ökonomie, Medizin, Gesellschaft beispielsweise, die Impulse und Denkanstöße zu den Szenarien gegeben haben mögen.
KATARINA AGATHOS (Hg.), geboren 1971 in München. Seit 1998 Lektorin, Autorin, Moderatorin, seit 2007 Dramaturgin, seit 2010 Chefdramaturgin in der Redaktion Hörspiel und Medienkunst im Bayerischen Rundfunk. Veröffentlichungen u. a.: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix, bimediale Edition, (2004). Mitherausgeberin der CD-Reihe intermedium records; des Katalogs Intermedialität und offene Form (2006) und des BR-Radiobuchs Hörspiel. Autorengespräche und Porträts (2009).
KATARINA AGATHOS
Zukunft in Vor- und Rückblenden
I’ll play it first and tell you what it is later.
(Miles Davis)
Nothing is written into the stars.
(Phantom / Ghost)
Gegenwart nennen wir bekanntlich, wenn es hochkommt, 90 Jahre. Das Wirkliche an dieser Gegenwart ist die Schubkraft von 20 Milliarden Jahren.
(Alexander Kluge)
Erfundenes Europa im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert, als Collage zusammengestellt aus historischen literarischen Utopien und Dystopien, - was für einen Jubiläumskalender, was für Jahrestage, was für Landkarten würde so eine Gegenwelt-Geschichte wohl ergeben. Eine Chronik nie stattgefunden habender Zukünfte müsste sich die vielen staatspolitischen Romane des Fin de Siècle genauso vornehmen wie die Endzeitvisionen, die in den 1950er und 1960er Jahren geschrieben wurden. Vielleicht würde sie mit dem vermeintlich letzten Menschen auf der Erde beginnen, der in Arno Schmidts Schwarze Spiegel im Jahr 1962 mit dem Fahrrad durch eine von den Folgen des Dritten Weltkriegs verheerte Landschaft fährt. Dann 1964: Tod Adolf Hitlers, der den Zweiten Weltkrieg gewann und die Weltherrschaft übernahm wie in Helmut Heißenbüttels 1975 geschriebenem Prosatext Wenn Adolf Hitler den Krieg nicht gewonnen hätte. Sie könnte weitergehen mit der von Arnold von der Passer 1893 im Roman Mene Tekel! prognostizierten wirtschaftsmonopolitischen Lage für die Jahre 1975-1999, nach der es im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland nur noch eine einzige Riesen-Aktiengesellschaft gegeben hätte, welche alles produziert, was überhaupt zu produzieren möglich ist. Dann könnte sie springen zu 2011: Wieder wird die Erde fast vollständig vernichtet, in Teilen aber von den Chinesen naturgetreu wieder aufgebaut, wie Alexander Kluge in Lernprozesse mit tödlichem Ausgang skizziert. Dann Carl Amerys Ende des Energiezeitalters im Jahr 2013, im Roman Der Untergang der Stadt Passau 1975, vor dem Hintergrund der Ölkrise erdacht.
Vorläufiger Endpunkt wäre 2050, das Jahr, in dem die umfangreiche Arbeit, alle Bücher ins totalitäre Neusprech zu übersetzen, abgeschlossen wäre, wie von George Orwell in 1984 angekündigt. Als Hoffnungsschimmer bliebe der Ausblick der österreichischen Künstlerin pezoldo alias Friederike Petzold auf einen utopischen Umgang mit Medien, welchen sie mit dem Manifest rfu - Radio freies Utopia in dem 1995 erschienenen Katalog Kunst für das 21. Jahrhundert. Entwurf einer Gegenwelt gibt: »RFU IST NICHT FERNSEHEN - ES SENDET OHNE RADIOWELLEN OHNE KABEL OHNE SATELLITEN. RFU IST NICHT PRIVATFERNSEHEN - IST NICHT PRIVAT KONSUMIEREN WAS ANDERE MACHEN - SONDERN IST PRIVAT PRODUZIEREN, IST SELBER WAS MACHEN.«
Dieser Ausblick könnte freilich auch Teil einer anderen utopischen Chronik werden - einer Medienchronik, die in der Literatur beschriebene, fiktiv gebliebene technische Neuerungen aufführt. Beide hier anskizzierten Chroniken bleiben vorerst selbst utopische Idee.
Den Versuch allerdings, von einem bestimmten Datum ausgehend, zukünftige Gegenwelten und fiktive Geschichtsschreibung zu entwerfen, realisierte das Projekt Deutschland 2089, ein Radio-, Download- und Buchprojekt der Redaktion Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks. Der Wunsch nach solchen Entwürfen wurde unter anderem 2009 durch die Feierlichkeiten zu 60 Jahren Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall ausgelöst, die durch die Zelebrierung von Vergangenheit den Eindruck erweckten, als ob es kein Morgen gäbe. Schon in den Vorschauen und Ankündigungen aller Erinnerungsshows und Rückblicke wurden die immer gleichen Bilder gezeigt, was per se das Bedürfnis nach einer anderen Perspektive weckte.
Es lag daher nahe, deutschsprachige Autorinnen und Autoren einzuladen, sich auf das Gedankenspiel einzulassen, 80-90 Jahre in die Zukunft zu schauen und sich den Alltag einer übernächsten Generation vorzustellen. Eine Zeitspanne, die über die eigene Lebenserwartung hinausgeht und doch nicht allzu weit entfernt ist. Es sollte darum gehen, sich aus der Gegenwart heraus mit der nächsten Zukunft zu beschäftigen und Annahmen, Spekulationen und Szenarien zu entwerfen, ohne sich in die beliebigen Weiten der Science Fiction zu verflüchtigen. Die Jahreszahl 2089 bildete hierbei eine Referenz, eine Hilfestellung gewissermaßen. Die darin implizierten Fragen und möglichen Bedeutungen - wie beispielsweise die nach dem Jahrestag des hundertjährigen Mauerfalls - wurden zum Teil von den Autoren aufgegriffen, doch die Vorstellungen gingen weit über die von dieser Jahreszahl hervorgerufenen Assoziationen hinaus.
Die vorliegende Anthologie ist also notwendigerweise eine sehr heterogene Text-Sammlung. Es gibt die klassisch erzählten Kurzgeschichten, die in der Zukunft spielen ebenso wie Gegenwartsbeschreibungen, die sich - unter dem Blickwinkel des Zukünftigen - futuristisch lesen. Es gibt Zukunftsretrospektiven, einen fiktiven Radiokommentar, essayistische Texte, die über die Beschäftigung mit nahen oder fernen Zukünften reflektieren und die Dokumentation eines fiktiven Archivs des 21. Jahrhunderts. Man kann aus den Texten verschiedene gesellschaftspolitische Hypothesen für Deutschland, Europa oder das Weltgeschehen herauslesen, genauso wie die subjektiven Fragestellungen selbstverständlich viel über die Gegenwart erzählen. Die 17 Szenarien schreiben mit den Möglichkeiten von Sprache und Phantasie literarische Utopie fort, für das Hier und Jetzt sollten sie aber vor allem an eines erinnern: Keine Art von Zukunft, ob politische oder private, ist festgeschrieben. Sie kann bewusst mit gestaltet und selbst bestimmt werden.
August 2010,
Katarina Agathos
SCHORSCH KAMERUN
Der Wind steht still - mitten im Orkan
Guten Tag, verehrtes Publikum, eines gleich vorweg: Wir sind beide erledigt. Das ist ja fast tragisch, was hier aufeinander trifft. Sie haben ja nicht einmal mehr Angst vor mir! Sollten Sie womöglich verstanden haben, dass ich zwar daher komme wie ein Angreifer, aber Ihnen nicht mehr gefährlich werden kann? Aha. Und woran liegt das? Weil Sie längst selbst alle Angriffsbilder in sich aufgenommen haben oder sie in modische Accessoires umgebaut haben. Sie haben sich sozusagen ihre Ängste vor Unordnung in Verkaufsargumente herunter geordnet, mit dem Effekt, dass diese ehemaligen, äußeren Antibilder jetzt zu Ihren eigenen Innereien geworden sind. Als Fetische des eigenen Ekels! Na Glückwunsch. Das heißt dann ja wohl, dass auch ich nichts mehr zu befürchten habe von Ihnen, da Sie mich ja eher niedlich finden, oder wie eine Art passende Weihnachtsmelodie betrachten. Ich bin nur noch ein harmloser Phantomschmerz, ein Restempfinden. Abgeschafft. Und trotzdem, Sie als Publikum, Sie sind ja nicht blöd, wissen Sie doch von sich, dass Sie sich hier mit all Ihrem Schrott immer weiter selbst abschaffen. Oder abwracken. Und was der Müll da zu Ihnen gerade sagt, was hier so Schrott ist an Ihnen, das stimmt leider auch noch. Da gibt es kein Vertun. Das merken Sie natürlich. Da ist auch gar keine Dialektik mehr und merkwürdigerweise gar nichts mehr, was daran noch zu verbessern wäre. Es ist einfach an einem Ende angekommen und nun treiben wir ganz gemeinsam nebeneinander her. Sie und Ich, in einer trüben, gelähmten Brühe. Und die schwer errungene Windstille auf diesem dreckigen Tümpel fühlt sich zunehmend an wie ein endloser Sturm. Und Sie sind mitten drin und die Augen im Spiegelbild sehen sich an wie die eigenen Augen im Zentrum des eigenen Zyklopen. Und dann beginnt die Anspruchsschlacht. Und doch mit jeder vollen Einkaufstüte, die Sie in Ihr Zuhause stopfen und durch die man Ihnen Beruhigung versprach, bringen Sie sich ein Stückchen weiter weg von dem ersehnten Heimchenempfinden. Das sind die »Schrecken des Normalen«, von denen Rolf-Dieter Brinkmann sprach! Plötzlich versteht Ihr das! Ihr seid die Freaks, die glaubten, einen Freak verbannt zu haben. Ihr versteht, dass Ihr euch aktuell erst einmal selbst abschaffen müsstest. Und plötzlich steht der Wind still.

Der Wind steht still - mitten im Orkan!

Vielleicht eine »Revolution der Frische« trinken, wie sich das Kölner Bier »Gaffel Kölsch« nennt. Oder einfach abhauen ? Mit dem Auto vielleicht? »It’s time for another revolution«, behauptet die Firma Renault und: »drive the revolution« konnte man sich mit einem Mazda bereits 2004 erfahren. Ein anderes Beispiel: Also, ich habe da auch Monate von Haferflocken und Marmelade gelebt, aber ich würde mal sagen, wenn ich Omi angerufen hätte, dann hätte Omi wahrscheinlich einen schönen Brotzeitkorb geschickt. Diese Körbe sind bei Oskar Maria Graf auch geschickt worden. Irgendwann dann aber nicht mehr. Und es war klar, dass die irgendwann nicht mehr geschickt werden. Das ist einfach ein völliger und totaler Unterschied. Das Existentielle ist ja bei uns allen verschoben, das Feindbild ist einfach weiter weggerückt und deswegen ist es vielleicht nicht ganz so greifbar. Verstehen Sie? Nix da mehr: »Scheißgesellschaft, Scheißkapitalismus, das bringt mich dazu, dass ich hier nichts zu fressen habe.« Stimmt ja meistens gar nicht. Etwas bringt mich aber trotzdem dazu, dass ich verarme. Dass ich als Teil der ganzen verstrickenden Ohnmacht mich nur noch von innen heraus beschreiben kann. Und dann findet die Revolution plötzlich höchstens noch in mir selbst statt. Dann aber andauernd! Und dann stell dich mal da hin, und erzähl das dann mal einem. »In mir findet gerade eine Revolution statt.« Und das glaubt man ja selbst nicht so richtig fest in jedem zweiten Moment. Vielleicht bin ich ja ein falscher Sänger vor einem falschen Publikum. Und trotzdem, wir haben uns verstanden und es gibt auch gar keinen anderen Ausweg. Aber daran ist gar nichts mehr irre, das bildet den Irren komplett ab, deutlicher geht’s gar nicht. Aber wir machen das mit einem Verständnis, das zu unserer eigenen, gängigen Realität gehört. Ohne Ironie, nur als klarer Wunsch: Ich liebe euch! Ich kann an nichts anderes glauben, als an den gemeinsamen Moment mit euch, an die gemeinsame Formulierung mit euch, an den kollektiven Gedanken mit euch, an die Bewegung der Utopie mit euch. Ich habe nichts anderes parat. Und ich muss das dennoch ständig in Frage stellen, wenn ich die Realitäten betrachte, aber das macht ja auch nichts. Trotzdem darf man ja, ohne zynisch zu sein, sagen: Hier, heute, plötzlich neue Positionen. Die Fähigkeit zur Handlung. Und aus reinen Wünschen entspringt auf einmal frischer Anspruch. Die allerfeinsten Explosionen. Und überall wächst Wandlung. Einen allerletzten Umtrunk ganz kurz vor dem Absprung. Und als formulierter Wunsch. Und auf einmal ist es Wahrheit. Achtung, Achtung! Fuck You! I love you! Und jetzt kommt wieder das mit dem Wind.

Der Wind steht still - mitten im Orkan!

Momentan scheint alles in so einer Art Windstille stattzufinden. Dass das so rast - und es gab noch nie ein größeres Rasen - und trotzdem halten wir irgendwie inne und verstehen eigentlich ganz gut bei all dem Tumult. Denn merkwürdigerweise kann man sich das trotzdem ganz gemütlich angucken. Und wenn man was dagegen macht, dann muss man sich dem Rasen gar nicht so anpassen, um selber auch ganz beweglich zu sein. Das Stoppschild ist ja eigentlich dafür da, dem Rasen etwas entgegen zu setzen, das es dann bremst. Stopp!

Der Wind steht still - mitten im Orkan!

Das letzte Mittel ist immer der Körper. Der physische Kampf aber würde momentan dabei kaum lohnen. Er sollte aber im Hintergrund immer seine kleinen Übungen machen, um sich, wenn nötig, ordentlich aufzuführen. Schhhhhhhh!!!
STEFFEN POPP
Zeugnisse aus dem Deutschen Archiv zum Verständnis des ersten Jahrhunderts
I. Werbebeilage zu Warensendungen der ÖQ Vereinigte Obstgüter
Bestandsnummer: DAVJ_027_518
Datierung: Herbst / Winter 2027
Zustand: sehr gut erhalten
Format: 20x50cm, Bleidruck auf handgeschöpftem Papier (Hadern)
Herkunft: Dachbodenfund Berenice Möller, Ingolstadt
Anm.: original vermutl. gerollt
ÖQ Vereinigte Obstgüter umfassen in etwa ein Viertel des früheren Bundeslandes Brandenburg, seit vielen Jahren sind wir der mit Abstand größte Arbeitgeber der Region. Aufgrund eines Regierungsbeschlusses von 2015 werden alle geeigneten Flächen des Landes heute als Streuobstwiesen genutzt, durch Renaturierung verödeter Dörfer und Kleinstädte kommen beständig neue hinzu. Neben Zwetschken, Birnen und Kirschen steht vor allem der Anbau von derzeit einhundertdreizehn Apfelsorten im Mittelpunkt unserer Arbeit, von denen einige weltweit einzigartig und ausschließlich über ÖQ Vereinigte Obstgüter zu beziehen sind. Zur naturnahen Wiesenpflege wurden umfangreiche Schafbestände aufgebaut, Diplomhirten ausgebildet, altdeutsche Hütehunde angekauft. Wir versorgen Mitteleuropa mit Äpfeln und allen Arten von Apfelprodukten, die Schrumpfregion Potsdam-Berlin außerdem mit Schafskäse, Wollsachen und, vermittels unseres Fusionsreaktors, zu drei Vierteln mit Strom. 2020 wurde Tirol als kontinentgrößtes Apfelanbaugebiet abgelöst. Das gegenwärtige Angebot besteht aus auf Bekömmlichkeit hin optimierten Obstsorten auf der genetischen Basis von 1880 bis 1930 - Einflüsse späterer analoger Züchtung und gut einhundertjähriger Applikation von Agrarchemie wurden soweit es möglich war zurückgenommen. Diesen exquisiten Standard wertet ÖQ Vereinigte Obstgüter durch ein umfangreiches, satellitengesteuertes Screening nun weiter auf. Seit der Implementation dieser Technik im letzten Jahr bieten wir unseren Kunden die vollständige Dokumentation jedes Apfels von der Blüte bis zum - rechnergestützt kalkulierten - optimalen Reifezeitpunkt an, an dem dieser verwendungsabhängig von Hand gepflückt oder aufgelesen wird. Die Dokumentation ergänzt das genetische Profil jedes pomologischen Einzelstücks und wird als digitaler Videostream in einem Hologrammfähnchen am Stiel mitgeliefert. Dieses Verfahren wird bald auch für andere Obstsorten verfügbar sein, erweitert um ein molekulargenetisches Profil des Pflückers, der Pflückerin, die - wie derzeit bereits jeder einzelne Baum - bei Gefallen am Obst abonniert werden können. Mitglieder unseres Obstclubs können sich außerdem einzelne Früchte in unserem Webportal reservieren, ihr Wachstum über Lifecam begleiten und sie unter Anleitung erfahrener Pomologen ihrer Wahl auch selbst ernten (Termine nach vorheriger Vereinbarung). Wir liefern weltweit in altpreußischen Obstkörben (Modelle: Bettina von Arnim, Hauptmann von Köpenick, Großer Kurfürst) oder in exklusiven Kästen aus gewachstem Obstbaumholz, Einzelstücke hygieneverpackt nach ISO_obst2025, auf Wunsch auch in Wildseide eingenäht. Außerhalb der Saison können wohlschmeckende Lageräpfel aus moderner oder rustikaler Lagerung erworben werden. ÖQ Vereinigte Obstgüter wünscht ein obsterfülltes Jahr.
II. Notiz aus dem Arbeitsmodul von Hubert Quandt, Assistent des Koordinators A. Holle am Institut für Klimaforschung Bern
Bestandsnummer: DAVJ_043_207
Datierung: August 2043
Zustand: Wasserränder und kleinere Risse, konserviert 2065
Format: 3 Bl. DIN A5 in Moleskine™-Arbeitsmodul; in Handschrift konvertierte Gedankengänge
Herkunft: Aufgefunden von Bergführer Sepp Höllerer am Unteren Grindelwaldgletscher 2064
Anm.: keine
Die fortschreitende Vergletscherung der europäischen Hochgebirge macht auch vor den Schweizer Alpen nicht halt! So viel zu der schockierenden Nachricht, der sich unsere Expedition verdankt. Wir vom Institut predigen ebendies seit mehr als zehn Jahren, ohne dass sich jemals irgendwer dafür interessiert hätte. Egal, die Nachricht war ohnehin nur ein willkommener Anlass für Koordinator Holle, sich seine lange geplante Gebirgsexpedition vom Europäischen Klimazentrum in Genf finanzieren zu lassen. Koordinatoren forschen, Assistenten fluchen - missmutiges Montieren und Bestücken des Expeditionsroboters Knut. Nirgendwo auf der Welt wird dieses Modell noch verwendet, selbst die Baureihe wurde längst eingestellt. Aber Holle besteht auf Knut, diesem besonderen Exemplar, das ihn zu Beginn seiner Laufbahn auf seinen legendären Forschungsreisen nach Spitzbergen und Grönland begleitet hat. Einer der ersten Roboter immerhin, die nicht gleich in eine Eisspalte stürzten, einbrachen, einfroren, mit leeren Akkus den Geist aufgaben oder besonderer Hässlichkeit wegen von beunruhigten Ureinwohnern mit ethnologisch wertvollen Äxten zerlegt wurden.
Alle Texte werden vom Bayerischen Rundfunkunter www.hoerspielpool.de als Autorenlesungenzum Download angeboten.
1. Auflage
Originalausgabe Dezember 2010
Copyright © der Zusammenstellung 2010 bei Katarina Agathos Copyright © der Texte bei den jeweiligen Autorinnen und Autoren
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
MM · Herstellung: SK
eISBN 978-3-641-06070-1
Besuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.dewww.btb-verlag.de
Leseprobe

www.randomhouse.de