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"Wie weit haben sich die Deutschen von ihrer Geschichte entfernt? Das Wort 'Vaterland' geht heute niemandem mehr über die Lippen. Nicht nur, weil es während der Nazizeit pervertiert und mit Blut befleckt wurde, sondern auch, weil es einer Welt zugeordnet ist, die für uns nicht mehr existiert." (Marion Gräfin Dönhoff, Publizistin) Dieser und weiteren Fragen um Deutschland, die Deutschen und das Deutschtum geht Gerd Wange auf den Grund, angefangen vom Kaiserreich Wilhelms II. über die Weimarer Republik, die Goldenen Zwanzigerjahre, die Hitlerdiktatur, die DDR, den Neonazismus bis hin zu technischen Errungenschaften der heutigen Zeit – leidenschaftlich, kritisch, exzellent recherchiert und wissenschaftlich fundiert, mit zahlreichen Zitaten namhafter Autor(inn)en und Publikationen.
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Impressum 2
Zitate 3
Vorrede 5
Deutschtum 12
„Und es mag am deutschen Wesen – einmal noch die Welt genesen.“ 20
„Deutschland ist und bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines Geistes und Herzens.“ (J. W. von Goethe)24
Das Kaiserreich unter Wilhelm II. 36
Das Gesicht des Kaiserreiches 58
Kulturgeschichte, Naturwissenschaften und Technik im deutschen Kaiserreich 73
Der Halleysche Komet 80
Das Ende des Deutschen Kaiserreiches und die Urkatastrophe 82
Geburt der Weimarer Republik 94
Die Goldenen Zwanzigerjahre 105
Der Anfang vom Ende 119
Wie gelang es Hitler 1933 an die Macht zu kommen? 123
Die Ausbreitung der Diktatur im Innern 126
Die Olympischen Spiele 1936 136
Die Legion Condor 141
Größenwahn in Beton 144
Der Einsatz von Zwangsarbeitern 150
Die Verfolgung der Juden 156
Das System der Konzentrationslager 161
Die „Endlösung“ 170
Der Anschluss Österreichs an das Dritte Reich 173
Der Weg zum Zweiten Weltkrieg 177
Der Widerstand 194
Das Ende – Stunde null 200
Deutschland nach 1945 211
Nachwirkungen 215
Zwei Staatsgründungen auf deutschem Boden 236
Die Fünfzigerjahre und das deutsche Wirtschaftswunder 249
Pantoffelkino 257
Leben, Jugend, Moral und Sexualität in den 1950er-Jahren 270
Historische Verbrechen 280
Contergan-Skandal 284
Deutschland ist Reiseweltmeister 286
Deutschland will nach oben 294
Rückschläge 299
Unbewältigte Vergangenheit 302
Deutschland verändert sich 311
Bundestagsdebatten 319
Zweites Deutsches Fernsehen 324
Honeckers unheimlicher Plan 327
Generationenkonflikt und 68er-„Revolution“ 329
Wandel – Veränderung – Erneuerung 340
Neonazis in Deutschland 359
Ein Virus verändert die Welt 363
Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts 367
Der Historikerstreit 375
Neue technische Errungenschaften 377
Fall der Mauer/Wiedervereinigung/Abwanderung 383
Armes reiches Deutschland 392
Kosovokrieg 1999 395
Nachwort 398
Danksagung 400
Quellen- und Literaturverzeichnis 401
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-563-6
ISBN e-book: 978-3-99131-564-3
Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos
Umschlagfoto: Berlinpictures | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Zitate
„Das 20. Jahrhundert hat uns in extreme
Lagen menschlicher Existenz geführt.“
Richard von Weizsäcker
1984–1994 Bundespräsident der
Bundesrepublik Deutschland
„Was die jetzige Regierung als nationale
Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein
Deutschtum. Die Zentralisierung, den Zwang,
die brutalen Methoden, die Diffamierung
Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob
halte ich für undeutsch und unheilvoll.“
Die deutsche Schriftstellerin, Philosophin und
Historikerin Ricarda Huch im April 1933 an die
Preußische Akademie der Künste
„Wie weit haben sich die Deutschen von ihrer
Geschichte entfernt? Das Wort Vaterland geht
heute niemandem mehr über die Lippen.
Nicht nur, weil es während der Nazizeit
pervertiert und mit Blut befleckt wurde,
sondern auch, weil es einer Welt zugeordnet ist,
die für uns nicht mehr existiert.“
Marion Gräfin Dönhoff
Publizistin
„Man kann Deutschland nur mit
gebrochenem Herzen lieben.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
zum 75. Jahrestag des Kriegsendes
Vorrede
Manchem Leser werden die im vorliegenden Buch gemachten Ausführungen über die beiden menschenverachtenden Weltkriege und ihre Folgen zweifelsfrei zu sehr ins Detail gehen. Doch das hat seine Bewandtnis. Bei meinen sich über viele Jahre hinziehenden Recherchen musste ich feststellen, dass die Mehrheit der Deutschen in Gesprächen auf das Thema „Drittes Reich“, Judenverfolgung und Nachkriegschaos nicht selten mit Überdruss und Unbehagen reagierte – insbesondere in Bezug auf die unerschöpflichen Berichterstattungen in den Massenmedien. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als im Umgang und in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Dieser geriet zuweilen in scharfem Gegensatz zu den Erinnerungen der Eltern und Großeltern, die von der Angst im Bombenkeller erzählten, während sie die jüdischen Nachbarn, die plötzlich verschwunden waren, allenfalls beiläufig erwähnten. Täter- und Opfergeschichte standen unerträglich unverbunden nebeneinander.
Was die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts betrifft, zeigen zahlreiche Studien ein bedenkliches Wissensdefizit unter den Angehörigen der Nachkriegsgenerationen, also unter den Kindern, Enkeln und Urenkeln. Dies gilt insbesondere für die neuen Bundesländer, was eingedenk des offensiv vertretenen Antifaschismus – ein zentraler Aspekt des ideologisch-politischen Legimitationssystems des DDR-Regimes – erstaunlich ist. Nach ihren Ergebnissen kann ein Fünftel der Jugendlichen im Alter von 14–17 Jahren mit dem Begriff „Auschwitz“ oder „Treblinka“ – Inbegriff für die Ermordung europäischer Juden – nichts mehr anfangen. Nach über 75 Jahren der Befreiung der Insassen aus den Konzentrationslagern wollen unzählige Menschen nichts mehr von der beschämenden Vergangenheit hören. Die Wahrheit über den Holocaust ist ein Statement gegen jene, die bis heute die Vernichtung des europäischen Judentums verdrängen, relativieren oder gar leugnen. Heute brennen wieder israelische Flaggen, Gedenksteine an den Holocaust und Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen werden geschändet und auf vielen Schulhöfen ist „Jude“ als Schimpfwort gegenwärtig.„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden“(Fritz Bauer, 1903–1968, ehem. hessischer Generalstaatsanwalt und Streiter für die Demokratie).
Ein Großteil der jungen Leute weiß bedauerlicherweise wenig über historische Hintergründe. Einer Studie zufolge können viele nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden – und haben auch sonst ein mäßiges Wissen über die politischen und historischen Ereignisse in Deutschland. Jahrzehntelang gaben die Generationen, die Krieg und Judenverfolgung erlebt und erlitten hatten, wenn auch erst spät, ihre Erlebnisse weiter – in den Familien, in biografischen Berichten, als Zeitzeugen in den Medien. Doch tritt dieser Bezug zu den Menschheitskatastrophen im 20. Jahrhundert immer mehr in den Hintergrund. Für die nachgeborenen Generationen wird es immer schwieriger, authentische Stimmen aus dieser Zeit zu finden. Schließlich sind die Großeltern heutiger Teenager schon „Nachkriegskinder“.
Geschichte – für manch einen ist das eine mehr oder weniger trockene Angelegenheit, eine Anhäufung von Namen und Daten, die man in der Schule gelernt und danach schnell wieder vergessen hat. Dass Geschichte eben nicht nur aus leblosen Jahreszahlen und nüchternen Fakten besteht, dass Geschichte lebendig wird, wenn man sie erzählt, dass sie immer und in erster Linie die Geschichte von Menschen ist, dass Geschichte einmal Leben war mit allem, was dazugehört, mit Hoffnungen und Ängsten, mit Leidenschaft und Träumen, Krankheiten und menschlichem Elend, dass Geschichte einmal Alltag war und die ganz persönliche Erfahrung einer namenlosen Zahl von Frauen, Männern und Kindern, all dies soll in diesem Buch zur Sprache kommen.
Das 20. Jahrhundert hat die Menschheit nach vorn katapultiert wie kein Jahrhundert zuvor. Doch Fortschritt und Konkurrenzstreben zeigen auch ihre dunkle Seite. Keine Generation wurde so gebeutelt wie die um die Jahrhundertwende geborene. Der Gang der deutschen Geschichte ließ ihnen erst spät Zeit zum Aufatmen: Erster Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise, NS-Zeit, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Währungsreform, Wiederaufbau.Ereignisse, die in vielen Familien tiefe Spuren hinterlassen haben. Nach der Barbarei zweier Weltkriege entwickelte der Mensch erstmals globale Instrumente, die stärker als jemals zuvor dabei helfen sollten, Kriege zu verhindern und Frieden zu sichern – wie die Gründung der Vereinten Nationen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Bedauerlicherweise sind bis heute nur wenige Erwartungen erfüllt worden.
Der heute eher selten benutzte Begriff „Deutschtum“ steht für die Wesensart des deutschen Volkstums, das Sein und den Charakter der Deutschen sowie als Bezeichnung für die unvergleichlichen Eigenarten, die sich neben der gemeinsamen Sprache durch das Zusammenwirken physischer, geografischer und geschichtlicher Ursachen herausgebildet haben. Es bezieht sich auf die ganze geistige und materielle deutsche Kultur, schließt alle Angehörigen deutscher Zunge ein, die innerhalb Deutschlands, Österreichs und des größten Teils der Schweiz leben, sowie diejenigen, die über das übrige Europa und die ganze Welt verbreitet sind. Volksdeutsche war in der Zeit des Nationalsozialismus eine Bezeichnung für außerhalb des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 und Österreichs lebende Personen deutscher Volkszugehörigkeit, vor allem in Ost- und Südeuropa. Davor war es üblich, sie als „Auslandsdeutsche“ zu bezeichnen.
Deutschtum, Anfang des 19. Jahrhunderts zuerst ironisch gebraucht, ersetzte das ältere Deutschheit. Für die Vertreter des „Alldeutschen Verbands“ bedeutete „alldeutsch“, dass seine Mitglieder deutscher als die Deutschen sein sollten, also eben sehr deutsch. Man musste also eine besondere nationale Gesinnung aufweisen, um als „Alldeutscher“ Anerkennung zu finden. „Alldeutsch“ war quasi eine Steigerungsform von „deutsch“. Viele Mitglieder dieses Verbandes stammten aus dem Bildungsbürgertum, waren Lehrer und Professoren und hatten damit auch großen Einfluss auf die Jugend. Für diese galt das Deutschtum und das „deutsche Wesen“ als Vorbild für alle, und das Schlimmste an diesem Denken war das Überlegenheitsgefühl gegenüber allem, was sie selbst als „nicht deutsch“ betrachteten. Die „Alldeutschen“ wollten das Deutschtum fördern und gegen die Minderheiten im Deutschen Reich – vor allem gegen die Polen, die in Westpreußen und Oberschlesien lebten, sowie die Franzosen im Elsass – vorgehen. Der Alldeutsche Verband wurde im Laufe der Zeit immer radikaler. Selbst die national eingestellte Politik Wilhelms II. reichte dem Verband noch nicht aus und man stellte sich sogar gegen Kaiser und die Reichsleitung. Der Glaube an das Recht des Stärkeren prägte das Denken des Verbandes. Der Wunsch nach „Lebensraum im Osten“ und der Ausbreitung der Deutschen Richtung Osten war eines der wesentlichen Ziele. Zu den prominenten Gründungsmitgliedern des Verbands zählte der Unternehmer Alfred Hugenberg, der während der Weimarer Republik die rechten Parteien unterstützte und später zum Wegbereiter des Nationalsozialismus wurde. Der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches, Graf Otto von Bismarck, war sogar Ehrenmitglied im Alldeutschen Verband. Durch ihre mutmaßliche Dominanz taten sich nicht selten einige Mitglieder durch markige Sprüche hervor, die später oftmals von den Nationalsozialisten kopiert wurden. Im Jahre 1935 gründete der SS-Reichsführer Heinrich Himmler die Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe e. V. als Studiengesellschaft für deutsche Geistesurgeschichte. Im Vordergrund standen archäologische, anthropologische und geschichtliche Forschungen. Hingegen beteiligte sich das Ahnenerbe während der Nazizeit am systematischen Kunstraub und führte verbrecherische und grausame Menschenversuche durch.
Dieses Buch beschränkt sich explizit auf das Deutschtum oder Deutschsein im 20. Jahrhundert, weil in diesen zehn Dekaden der Werdegang Deutschlands insbesondere von Geschehnissen geprägt wurde, zu denen es bis dahin keine Parallelen gab. Das Jahrhundert war geformt von aggressivem Nationalismus, kriegerischen Auseinandersetzungen, der Hölle zweier Weltkriege und damit einhergehend tiefgreifenden Veränderungen, ethnischen Auseinandersetzungen und Gebietsstreitigkeiten, Klassen- und Generationskonflikten, Entwicklungslinien der Politik, Wirtschaft sowie Kultur und Gesellschaft. Dabei dürfen wir Deutsche nicht vergessen, dass die Geschichte unserer Nachbarvölker (kein zweites Land in Europa grenzt an so viele Nachbarstaaten) und ihre Kultur eng mit der unseren verbunden ist und dass zum Teil eine leidvolle und blutige Verknüpfung besteht, die uns Deutsche mehr zum Dialog verpflichtet als andere Völker.
Jedes Jahrzehnt brachte bahnbrechende Veränderungen mit sich sowie technische Errungenschaften, aber auch sozialen und politischen Wandel. Wo wären wir heute, wenn viele in den Sechziger- und Siebzigerjahren nicht für Frauenrechte, Umwelt und Frieden auf die Straße gegangen wären? Jede Generation verbindet mit ihrer Jugend ein bestimmtes Lebensgefühl, eng verknüpft mit Mode, Musik und politischen Meilensteinen jener Zeit. Wenn wir uns daran erinnern, verfallen wir gerne in nostalgische Schwärmereien: „Früher war alles besser“,„Früher war alles billiger“, „Früher hatte man mehr Freizeit“ oder „Früher war die Jugend noch politisch engagierter“. Es gab weniger Leistungsdruck und die Dinge hatten mehr Beständigkeit. Reden wir uns dabei die Vergangenheit etwa nur schön? Was ist Nostalgie und was macht sie mit uns? Hängen bleibt in der Regel das Positive. Erinnerungen geben uns ein warmes Gefühl der Geborgenheit und gleichzeitig den bittersüßen Beigeschmack, dass Vergangenes nun mal unwiederbringlich verloren ist.
Generationen von Frauen und Männern haben Deutschlands Geschichte geprägt. Einen Zeitraum, der den Übergang von der Pferdekutsche zur Raumfahrt, vom ersten Telefon zur Datenautobahn erlebt hat. Erfindergeist und der Ehrgeiz der Bewohner haben das Land groß gemacht und immer mehr Menschen dazu verleitet, vom Land in die Stadt zu ziehen. Kein Land in Europa hat so viele Städte wie Deutschland. Aber es gab lange Zeit keine alles überragende Hauptstadt wie London oder Paris. Der Grund: Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Deutschland das Land der Kleinstaaterei. Es gab über 300 beinahe selbstständige Staaten, die meisten davon im Miniformat. Und jeder Herrscher leistete sich seine eigene Residenzstadt. Bis nach dem Ersten Weltkrieg waren für die meisten Menschen Autoritäten sehr wichtig. Sie bewunderten Titel, verehrten den Adel und das Militär. Viele Deutsche sahen sich – anders als die Bürger anderer Länder – immer in erster Linie als Untertanen ihres Staates, ihrer Nation. Man passte sich an und hatte große Angst vor jeder – meist selbstüberzogenen – Amtsperson. Der Schriftsteller Heinrich Mann hat dieser Figur des deutschen Untertanen in seinem beachtenswerten Roman „Der Untertan“ ein Denkmal gesetzt. Er persifliert unübertrefflich die damalige Zeit und analysiert eindrucksvoll die wilhelminische Epoche. Heinrich Manns Protagonist Diederich Heßling ist ein Kind seiner Zeit, ein Machtmensch, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Heßling ist obrigkeitshörig, feige und ohne Zivilcourage. Er ist ein Mitläufer und Konformist. Mit ironischer Distanz erzählt der Autor Heßlings Lebensgeschichte von dessen Kindheit bis hin zur Sicherung seiner Stellung in der wilhelminischen Gesellschaft.
Geschichte ist ein faszinierendes Thema, hat es doch mit uns selbst zu tun. Unsere Vorgeschichte zu kennen, hilft uns, das Heute zu meistern und das Morgen zu erreichen. Wer seine Wurzeln sucht, wird nur in der Geschichte fündig. Fragen entstehen. Aus dem Woher kommt das Wohin, das Warum. Warum hat sich Geschichte so ereignet? Welche Alternativen gab es? Mit dem Bewusstsein für unsere eigene Geschichte lässt sich die Gegenwart besser verstehen und die Zukunft meistern. Es ist eine gewaltige Herausforderung, Geschichte zu erzählen, denn wir bekommen nur Überliefertes, manchmal nur vom Hörensagen Aufgeschriebenes.
Gleichwohl möchte ich nicht, dass eines Tages jüngere Generationen bei geschichtsrevisionistischen Scharlatanen landen, die neuerdings wieder Erinnerungen an 1933 wachrufen, Gaskammern in KZs leugnen, Überlebende des Holocaust beleidigen, mit ihrem rechtsextremen Gedankengut für ein „Viertes Reich“ propagieren und somit zunehmend Anlass für die schlimmsten Befürchtungen geben. Es gibt beängstigende Parallelen zur Weimarer Republik, in der Verleumdung, Hass und Niedertracht hoffähig geworden sind. Der aufkeimende Neonazismus findet mittlerweile nicht nur auf der Straße statt, sondern auch in den Parlamenten, wo ein schleichender Verfall unserer politischen Kultur festzustellen ist und wo einige Volksvertreter derzeit im Wochenrhythmus antisemitische und rassistische Äußerungen von sich geben. Oft hat man den Eindruck, dass Antisemitismus hierzulande wieder offiziell legimitiert ist.
Ich würde mir wünschen, dass die heutige Jugend Deutschlands zukünftig ausschließlich über die zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts liest, aber niemals einen dritten durchmachen muss.
Gerd Wange, im Mai 2022
Deutschtum
Das Deutschtum ist tief verwurzelter Grundstock der eigenen Identität, obwohl es jahrhundertelang keine Deutschen im eigentlichen Sinn gab. Genauso wenig hat es die Germanen als einheitliches Volk nie gegeben. Hinter der Bezeichnung verbergen sich zahlreiche Sippen und Stämme, die ab Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. in Mittel- und Nordeuropa gelebt haben und die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es gibt kaum ein europäisches Land, das nicht auf germanische Ahnen zurückblicken kann. „Wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen.“ So abfällig beschrieben die Römer die Barbaren östlich des Rheins. Gemeint waren die Germanen, die selbst ihren Namen einem Römer zu verdanken hatten. Julius Caesar soll sie in seiner Abhandlung über den Gallischen Krieg so genannt haben, nachdem ihm bei seinen Streifzügen durch Germanien gewisse Prototypen über den Weg gelaufen sein sollen. Er fand sie muskulös und kriegerisch, jedoch diszipliniert. Außerdem schienen sie in einer Art kommunistisch-nudistischem Familienverband zu leben und strenge Paläodiät (Steinzeitdiät) zu halten. So jedenfalls verkaufte es Caesar seinen Römern, von denen er fand, sie könnten sich ein Vorbild nehmen am nordischen Lifestyle. (Gab es damals schon diesen Begriff?) Allerdings ließen die Herrscher vom Tiber in ihrer Heimat kein gutes Haar an dieser kulturlosen nordischen Rasse. Der Geschichtsschreiber Tacitus (dem es lediglich die „entblößten Brüste“ der germanischen Weiblichkeit antaten) beschreibt sie ansonsten als grauenerregendes, durch Wälder und Sümpfe umherstreifendes Gesindel. Der Historiker Johannes Fried behauptet, dass es völliger Unsinn sei, Germanen und Deutsche gleichzusetzen. Ein deutsches Volk habe sich erst im Laufe des Mittelalters herausgebildet – aus einem multikulturellen Vielvölkergemisch, das sich unter anderem aus keltischen und germanischen Stämmen, Römern und Slawen zusammengesetzt habe. Zögerlich, von ihnen selbst unbemerkt und ohne Absicht, hätten die Bewohner weiter Teile Mitteleuropas schließlich das Bewusstsein entwickelt, Deutsche zu sein. „Schon gar nicht existiert ein zeitlich weit zurückreichendes und nach außen abgrenzbares deutsches Wesen“, ergänzt der Forscher. Die deutsche Sprache, lange Zeit roh und tumb, entwickelte sich erst in Auseinandersetzung mit dem Lateinischen zu kultureller Blüte.
Wir alle tragen das Erbe anderer Kulturen in uns. Nur sind einige von uns dieser Kultur zeitlich näher als andere. Aber wir alle entstammen einer anderen Wurzel. So ist eigentlich jeder Deutsche auch ein bisschen Türke, Iraker, Iraner oder Russe – und Afrikaner sowieso. Jeder trägt eine Mischung aus drei genetischen Bestandteilen in sich: die Gene einstiger einheimischer Jäger und Sammler, früherer Bauern aus dem Gebiet des heutigen Anatoliens und Nahen Ostens sowie der Menschen aus östlichen Steppengebieten.
Der menschliche Vorfahr „Homo erectus“ wanderte vor rund 1,8 Millionen Jahren aus Afrika nach Europa ein. Er war sozusagen der erste Migrant, wenn auch nicht zielgerichtet, sondern eher unwillkürlich der Jagdbeute folgend. So wird nebenbei auch die übliche Unterscheidung zwischen Menschen mit oder ohne „Migrationshintergrund“ in Deutschland angezweifelt. „Eigentlich haben wir doch alle einen Migrationshintergrund“, sagt die stellvertretende Leiterin des Neandertal-Museums in Mettmann bei Düsseldorf, Bärbel Auffermann: „Wir sind alle Afrikaner.“ Der Weg aus Afrika führte auch den nachfolgenden anatomisch modernen Menschen, den „Homo sapiens“, nach Europa – übrigens über die Balkanroute. Er traf den Neandertaler, der sich in Europa aus dem aus Afrika eingewanderten „Homo erectus“ entwickelt hatte. Während der Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren ausstarb, überlebte der „Homo sapiens“ mit Mühe und Not, doch ist in jedem von uns bis heute ein bisschen vom Neandertaler erhalten, denn er und der anatomisch moderne Mensch zeugten gemeinsam Kinder. Allerdings zeigen neueste Knochenfunde, dass ein Menschenaffe vor etwa zwölf Millionen Jahren schon auf zwei Beinen im heutigen Allgäu unterwegs war. Muss die Geschichte der Menschheit wieder einmal neu geschrieben werden?
Bis wenige Jahrzehnte vor Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Preußen, Bayern und Sachsen, eben die Stämme, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zusammengeschlossen waren. Anders als etwa Britannien oder Frankreich war das Heilige Römische Reich kein Nationalstaat, sondern ein Konglomerat von Königtümern und Fürstentümern, darunter etliche Kleinstaaten, das Ende des 16. Jahrhunderts den Zusatz „Deutscher Nation“ erhielt, weil die Mehrheit der Bevölkerung Dialekte sprach, die aus dem Westgermanischen erwachsen waren. Deutsch war, wer „deutsch“ sprach – wenn auch ein friesischer und ein bayerischer Bauer einander damals nicht verstehen konnten. Und bis heute haben selbst eingefleischte Bayern noch Mühe, bayerische Wörter wie Gruamzinsler, Huisnblasi oder duddade Dirn einzuordnen. Dafür gibt es in Neudeutsch eine endlose Anzahl an Wörtern, die nicht nur Ausländern Schwierigkeiten bereiten, sondern ebenso Eingeborenen, wie etwa Wohngeldbewilligungsbescheidsungültigkeitserklärung, Klimaschutzumsetzungsgerätfestmachstelle oder Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft. Im internationalen Sprachgebrauch finden derweil einfachere Wörter wie Kindergarten, Blitzkrieg, Gemütlichkeit, Blasmusik oder Wanderlust oftmals Anwendung.
Das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ ging lange gut. Man muss auch sagen: Insgesamt haben sich die Deutschen im Laufe der Jahrhunderte eigentlich als eine sinnvolle Erfindung erwiesen, ihnen verdanken wir nicht nur Kant mit seinem kategorischen Imperativ, sondern auch andere wunderbare Individuen wie etwa Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller oder Albert Einstein. Obwohl der Dreißigjährige Krieg viele deutsche Lande zu Wüsteneien gemacht hatte, als er 1648 mit dem Westfälischen Frieden endlich beendet wurde, sahen Könige und Fürsten keinen Grund, einander nicht auch in Zukunft eifrig zu bekämpfen. Doch irgendwann kamen die Deutschen ins Träumen; als alle anderen um sie herum schon Nationalstaaten hatten, meinten sie, dass sie auch so einen Nationalstaat brauchten. Doch erst Otto von Bismarck einte Deutschland zu einem Nationalstaat, zu einer Zeit, als man den Deutschen übersteigerten Nationalismus, maßloses Wohlgefallen am Militarismus, Todesmut sowie eine pathologische Abneigung gegen jegliche Art von Demokratie nachsagte. Somit erfolgte die deutsche Reichsgründung im Jahr 1871 nach dem gemeinsamen Sieg der deutschen Staaten im Deutsch-Französischen Krieg mit der Kaiserproklamation von Versailles.
Im Blick auf die Gewalterfahrungen seit 1914 sollte sich das gebrochene Verhältnis zu Nation und Nationalstaat zuspitzen. In der ideologischen Übersteigerung von Nation und Reich markierte das Jahr 1945 schließlich das Ende des klassischen deutschen Nationalstaates. Im Jahr 1949 zog Thomas Mann Bilanz. In seiner Rede über „Deutschland und die Deutschen“ formulierte er aus der Perspektive des Exils, was aus dem deutschen Nationalstaat nach zwei Weltkriegen, Diktatur und Holocaust geworden war. Thomas Mann verwies auf eine verhängnisvolle Kontinuität in der Geschichte Deutschlands, die er aus dem Zusammenhang von Nationalstaatlichkeit, Krieg und Gewalt ableitete: „Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde.“ […]Im Dritten Reich ist vielen Menschen, besonders Künstlern, ihr Deutschtum machtvoll abgesprochen worden.“ Das vernichtende Urteil des Schriftstellers war der Logik des Rückblicks geschuldet, es entstand aus der tiefen inneren Erschütterung über den nationalsozialistischen Unrechtsstaat. Thomas Mann schreibt dem Sohn Klaus nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft, dass sein „Deutschtum“ in dieser großen kosmopolitischen Gemeinschaft am besten untergebracht sei, denn „wo ich bin, ist Deutschland“.
Deutschtum bezeichnet die Lebensäußerungen des deutschen Volkes sowie ihrer ethnischen Minderheit als Ausdruck eines gemeinsamen „Volkscharakters“. Der Begriff wurde von deutschen Nationalisten im Kontext der Freiheitskriege bewusst als Gegensatz zu den Idealen der Französischen Revolution, den universalen Menschenrechten, geprägt und von den Nationalsozialisten als Rechtfertigung der aggressiven Volkstumspolitik verwendet. Diese Form von Nationalismus durchdrang nicht nur die Politik, sondern auch das Alltagsleben der Menschen. Auf der einen Seite entwickelte sich in Deutschland ein fortschrittlicher und moderner Industriestaat, auf der anderen Seite verklärte man die deutsche Geschichte und vor allem die deutsche Vergangenheit. Berühmte Herrscher wurden verehrt. Die Heldentaten der Deutschen wurden bedeutsam, das Selbstbewusstsein – das Deutschsein – und was man dafür hielt, wuchs und man war stolz darauf, ein Deutscher zu sein, und sah sich als einen Teil der deutschen Geschichte. Auch nach dem Ende der zweiten großen Katastrophe im 20. Jahrhundert wollte man ein „geistiges Deutschtum“ verteidigen und in Besitz nehmen, welches die Nationalsozialisten mit ihrer Menschenverachtung und ihren unbeschreiblichen Bestialitäten geraubt und für immer reklamiert hatten.
Deutschtümler, also solche, welche die deutsche Wesensart in aufdringlicher, übertriebener Weise betonten, gab es (und gibt es heute auch noch) en masse. In genau diesem „Deutschtümler-Milieu“ bildeten sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts die Burschenschaften heraus. Von nun an schwollen auf den Backen die Schmisse. Es herrschte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein repressives obrigkeitsstaatliches Regime, das seine Gegner unterdrückte und sich vor allem auf das Militär stützte. „Seid untertan der Obrigkeit.“ Man kannte nur Befehle und Gehorsam. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschten immer noch preußische Tugenden, ausgeprägtes Pflichtbewusstsein, Selbstbeherrschung und Strebsamkeit, schroffes Selbstbewusstsein, Pünktlichkeit, Disziplin und Ordnungsliebe. Es war und ist auch heute noch eine unserer Untugenden, dass man sich nur mit schlechtem Gewissen des Lebens freuen darf.
Der Glaube, als Deutscher etwas Besseres zu sein, sein Deutschtum unbedingt verteidigen und gar ausbreiten zu müssen, schuf die besten Voraussetzungen für den Erfolg der Nationalsozialisten. Betonten sie in ihrer Propaganda doch immer wieder, dass Deutschland alles geopfert werden müsse. Das „Deutschland, Deutschland über alles“ war keine Idee der Nationalsozialisten, sondern eine Vorstellung, die schon sehr lange in den Köpfen der Deutschen wirkte und schließlich während der Zeit des Nationalsozialismus seine verhängnisvollste Ausprägung erfahren sollte.
Vereine förderten „das Deutsche“. So entstanden im Laufe der Zeit auch immer mehr sogenannte Vereinigungen wie der „Altdeutsche Verband“, die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ oder der „Deutsche Flottenverein“.
Und bei allen begegnen wir unablässig der Bekräftigung des Wortes „Patriotismus“. Das Konversationslexikon übersetzt Patriotismus mit „Vaterlandsliebe“ und definiert ihn als „die im staatsbürgerlichen Ethos wurzelnde, zugleich gefühlsbetonte, oft leidenschaftlich gesteigerte Hingabe an das überpersönliche staatliche Ganze“. Nicht nur in Deutschland – aber auch und besonders hier – hat diese gesteigerte Hingabe an das überpersönliche staatliche Ganze eine verhängnisvolle Tradition. Nach der Entlassung Bismarcks gab Kaiser Wilhelm II. einen Erlass heraus, der sich auf die neue Gesinnung bezog, die besonders in den Volksschulen für die einfachen Leute und in den Gymnasien für das gehobene Bürgertum Einzug halten sollte. Die Gesinnung ging eindeutig hin auf Patriotismus, vaterländische Gesinnung und Kriegsbegeisterung. Unterstützt wurde diese durch die jährlichen Feiern zu Kaisers Geburtstag, Aufmärsche, Umzüge, Militärmusik und Kriegervereine. Die Militärbehörden konnten sich vor kriegsfreiwilligen Gymnasiasten förmlich nicht retten. Es mussten eigene Schülerkompanien zur Bewältigung der Vielzahl von Antragstellern eingerichtet werden.
Für Heinrich Heine bestand Anfang der Dreißigerjahre des 19. Jahrhunderts der Patriotismus des Deutschen darin, „dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will“. Sein etwa ein Jahrzehnt später verfasstes Gedicht „Nachtgedanken“, wo es in der ersten Strophe heißt: „Denk ich an Deutschland in der Nacht,//dann bin ich um den Schlaf gebracht“, beinhaltet weniger seine Sorgen um Deutschland; vielmehr befasst sich Heine mit seiner alten, in Deutschland lebenden, geliebten Mutter, die er seit zwölf Jahren nicht gesehen hatte und mit der er lediglich in Briefkontakt stand.
Gustav Heinemann, von 1969 bis 1974 Bundespräsident der Bundesrepublik, antwortete einem Reporter auf die Frage, ob er Deutschland liebe: „Ich liebe meine Frau.“ Für manche Ohren mag seine Antwort privatistisch oder sogar zynisch geklungen haben. Es sei deshalb daran erinnert, dass Heinemann in den Fünfzigerjahren die „Gesamtdeutsche Partei“ mitbegründet hat. Er war einer der wenigen Politiker, die sich Adenauers Kurs der Westintegration widersetzten, weil ihm als „Patriot“ klar war, dass dadurch die Spaltung Deutschlands auf Jahrzehnte zementiert würde.
Der Begriff Patriotismus wirkt heute in seiner alten, nationalstaatlichen Bedeutung immer obsoleter. Praktisch war Patriotismus nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft. Heute trägt er paradoxe, ja sogar skurrile Züge. Man denke nur daran, wie bis ins 20. Jahrhundert wirtschaftliche Interessen patriotisch kostümiert wurden, nach dem Motto: „Was gut ist für Krupp, AEG, Siemens oder die Deutsche Bank, das ist auch gut für Deutschland.“ Oder wie Demokraten jeglicher Couleur als „vaterlandslose Gesellen“ stigmatisiert werden konnten. Heute sind die vaterlandslosen Gesellen die Großkonzerne, die ihre Gewinne auf den Bermudas oder in Luxemburg versteuern, während sie im eigentlichen Stammland über massiven Stellenabbau die Sozialversicherung ruinieren und mit der Verlagerung der verbliebenen Arbeitsplätze ins Au-land drohen, wenn die Politik sie dennoch in die Pflicht zu nehmen gedenkt. Vaterlandslose Gesellen könnte man im Nachhinein auch solche Unternehmen bezeichnen, die sich unter der Schreckensherrschaft Hitlers im „Dritten Reich“ begünstigt haben. Der überwiegende Teil renommierter Konzerne, die auch heute noch einen großen Namen haben, hat sich hinter des Diktators Politik gestellt und die Verbindung mehr oder weniger für ihr Geschäft benutzt. Der deutsche Patriot alten Schlages wirkt da so anachronistisch wie der Bayer, der noch immer dem „Kini“ nachtrauert oder den Hass gegen die „Saupreußen“ pflegt.
„Und es mag am deutschen Wesen – einmal noch die Welt genesen.“
So dichtete schon im Jahre 1861 der Dichter Emanuel Geibel. Dieses Zitat wurde schon zu Zeiten von Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. und später auch von den Nationalsozialisten missbraucht. Die Deutschen fühlten sich anderen Völkern gegenüber überlegen, glaubten an die deutsche Kulturnation und deren Leistungen und grenzten sich von anderen Nationen bewusst ab. Preußischer Autoritarismus, Stolz und Nüchternheit, Eigendünkel, Aufgeblasenheit, Besserwisser- und Spießertum kennzeichneten damals den deutschen Charakter. Man war stolz darauf, deutsch zu sein, und ordnete diesem Gefühl alles Mögliche unter. Leider ging damit auch der Gedanke einher, dass man Menschen, die eine andere Nationalität besaßen, als minderwertig ansah. Die Folge davon war ein steigender Rassismus und Antisemitismus. Mit dem Begriff „Antisemitismus“ wollte man der Abneigung und dem Hass gegenüber dem Judentum einen quasi „wissenschaftlichen“ Anstrich geben. Man versuchte, die Vorurteile gegenüber den Juden wissenschaftlich zu begründen, was natürlich völliger Unsinn war. Trotzdem waren viele gebildete Menschen, Wissenschaftler und Professoren Antisemiten. Die Juden wurden im Kaiserreich rechtlich gleichgestellt, auch das passte den Antisemiten nicht und sie wollten diese Gleichstellung gerne rückgängig machen. So gab es viele Hetzschriften gegen Menschen jüdischen Glaubens. Man wollte ihnen die Einwanderung ins Deutsche Reich verweigern, sie sollten höhere Steuern zahlen und einige Berufe nicht ausüben. Man betrachtete sie als Angehörige eines fremden Volkes. Auch dies war völliger Unsinn, denn die meisten Juden waren ja Deutsche, sie waren im Deutschen Reich geboren, lebten dort seit Generationen und sprachen als Muttersprache Deutsch. Sie übten nur einfach einen anderen Glauben aus. Und manche nicht einmal das, sie waren zwar als Juden getauft, aber sehr oft gar keine gläubige Juden, die jüdische Sitten und Gebräuche tatsächlich lebten. Viele Menschen im Kaiserreich waren neidisch auf die jüdische Bevölkerung, weil viele gesellschaftlich oftmals sehr erfolgreich waren, in angesehenen Berufen als Ärzte, Bankiers und Rechtsanwälte arbeiteten und nicht selten auch über beträchtliche Geldmittel verfügten. Und Erfolg ruft eben oft Neider auf den Plan. Zahlreiche Menschen strömten um 1900 zum Badeurlaub auf die Nordseeinsel Borkum. Nur ein Personenkreis war ausgeschlossen. „Borkum, der Nordsee schönste Zier, bleib du von Juden rein“ heißt es im antisemitischen „Borkum-Lied“. Ein Reiseführer hob den „besonderen Vorzug“ der Insel hervor: Im Gegensatz zum nahen Norderney sei Borkum „judenrein“. Die „Kinder Israels“ wurden von den Kurgästen stets gemobbt. Was zeigt, dass die heile Postkartenidylle auf den Fotochrombildern romantisch verbrämt war. Auch wenn während der Kaiserzeit die rechtliche Gleichstellung der Juden – obwohl sie angefeindet und diskriminiert wurden – letztlich nicht abgeschafft wurde, die antisemitische Propaganda hatte die Bevölkerung beeinflusst. Die Nationalsozialisten mussten letztlich den vorhandenen Judenhass nur aufgreifen und ihren Zielen zunutze machen.
Ist der Deutsche ruhelos und „ständig auf dem Sprung“ oder im tiefsten Innern doch eine romantische Seele und ein „grübelnder Bedenkenträger“? Gehört er zum viel beschworenen „Volk der Dichter und Denker“, also zum Volk Goethes und Nietzsches, ist er obrigkeitshörig, arbeitswütig, ordnungsliebend und sparsam? Oder gehört er letztendlich als Nachfahre der Hunnen doch zu den „barbarischen Stämmen“? Diese und andere tiefgründige Fragen stellt der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in seinem schwergewichtigen, aber auch tiefgründigen Buch „Was ist deutsch?“. Eine nüchtern-unbequeme Realitätsbeschau eines Volkscharakters, der für viele schwer zu fassen ist und an dem sich Philosophen, Dichter und Politiker seit Ewigkeiten „abgearbeitet“ haben. Einer der bekanntesten Aphorismen Friedrich Nietzsches lautet: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ‚Was ist deutsch?‘ niemals ausstirbt.“ Er schrieb auch, die Deutschen seien mehr als die anderen europäischen Völker „ein Volk der ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung von Rassen“. Für Nietzsche war das Bier sogar eine Metapher für eine nationale Verdummung der Deutschen („Wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz?“). Der Philologe goss die volle Schale seines Zorns und Spotts über das Deutschtum aus. Er bekundete u. a: „Für das Deutsche Reich uns zu begeistern, sind wir einfach nicht dumm genug.“ Oder: „‚Deutschland, Deutschland über alles‘ ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist.“ Die Deutschen zeigten „bäuerische Gleichgültigkeit gegen Geschmack“. In einer „deutschen Stadt“ ist „alles farblos, abgebraucht, schlecht kopiert“. Schon 1810 reflektierte die französische Schriftstellerin Madame de Staël in ihrem berühmt gewordenen Buch „De l’Allemagne“ dass die „Gebildeten Deutschlands“ auf dem Gebiet der Theorie lebhaft streiten, „dafür aber ziemlich gern den irdischen Machthabern die ganze Wirklichkeit des Lebens überlassen“, die somit von den Intellektuellen nichts zu befürchten hätten. Typisch deutsch seien auch ein zu hoher Respekt vor der Macht und eine Bedenkenträgerei, wenn es darum gehe, handelnd aufzutreten. Auch für den amerikanischen Historiker schottischer Herkunft Gordon A. Craig (1913–2005) hat eine obrigkeitsstaatliche Gehorsamsethik die Deutschen bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt. Wie Kurt Tucholsky bereits sagte: „Der deutsche Traum ist, hinter einem Schalter zu sitzen. Der deutsche Albtraum ist, vor einem Schalter zu stehen.“ Goethe wiederum waren vor allem die „Aufpasserei und Verbieterei“ von allem und jedem im öffentlichen Leben zuwider. Auch das Rauchen und Biertrinken konnte der Weimarer Dichterfürst und Geheimrat nicht leiden: In einigen Generationen werde man „schon sehen, was die Bierbäuche und Schmauchlümmel aus Deutschland gemacht haben“. Als Rettung gegen die Verdummung pries Richard Wagner dagegen in seinen „Meistersingern von Nürnberg“ die „heil’ge deutsche Kunst“. Der Hölderlin-Wiederentdecker Norbert von Hellingrath meinte 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg (in dem er 1916 in Verdun fiel), auch wenn die Deutschen immer wieder als Barbaren und Nachfolger der Hunnen bezeichnet werden, müsse doch das Ausland darauf hingewiesen werden, „dass wir eigentlich im Grunde das Volk Goethes“ seien. Wenn auch behaftet mit dem „Faust“-Syndrom – dem Streben als Lebensprinzip, genannt auch die „deutsche Unruhe“, verdammt dazu, wie eben Deutschlands Hauptstadt, „immerzu zu werden“. Richard von Weizsäcker, von 1984 bis 1994 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, vermerkt in seiner Autobiografie „Vier Zeiten: Erinnerungen“: „Der Deutsche eignet sich von Natur zum Revolutionär nur schlecht. Respekt vor der Staatsautorität ist ihm eingeboren. Aufruhr und Bürgerkriege, in anderen Ländern häufig, kommen in der deutschen Geschichte fast nie vor. Wer es unternimmt, der Obrigkeit in den Arm zu fallen, hat von vornherein mit einer starken Gegnerschaft zu rechnen, ganz gleichgültig, ob er sachlich recht hat oder nicht.“
Eigentlich sollte man nicht versuchen, das Wort deutsch zu definieren. In unserer bewegten jüngsten Geschichte wurde es oftmals missbraucht. Im Kaiserreich war es deutsch, untertänig, ehrerbietig und duckmäuserisch zu sein. Im Dritten Reich war es deutsch, verrannt, verbohrt und missbrauchbar zu sein. Dann aber wurde in einer Wirklichkeit von Trümmern und Ruinen der Satz geprägt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Wie waghalsig, märchenhaft und utopisch dieser Satz im Jahr 1949 im Grundgesetz für den neuen Staat Bundesrepublik Deutschland gewirkt haben muss, ist heute nicht mehr vorstellbar. Formuliert als Konsequenz aus den Unrechtserfahrungen der Nazidiktatur, garantierte es erstmals und umfassend Bürgerrechte – und wurde in Westdeutschland zum Bürgen für politische Stabilität.
„Deutschland ist und bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines Geistes und Herzens.“ (J. W. von Goethe)
Sind es die „deutschen Tugenden“ wie Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß oder eher Eigenheiten wie die Magie des Abendbrotes (eine feste Institution in deutschen Haushalten – der Übergang vom Arbeits- ins Privatleben), das komplizierte Flaschenpfandrückgabesystem, die Kehrwoche, die Pommesbuden, Döner und Currywurst oder die Liebe zu Schwarzbrot, die das Image der Deutschen prägen? Nicht zu vergessen die einiges Fachwissen voraussetzende Mülltrennung in mindestens vier verschiedenfarbigen Mülltonen. Wenn es um Müll geht – bzw. die Entsorgung desselben –, laufen die Deutschen regelmäßig zur Höchstform auf. In wohl keinem anderen Land wird so eifrig getrennt, gesammelt, sortiert und wiederverwertet wie in Deutschland – und vor allem kein Land, in dem so leidenschaftlich über Vor- und Nachteile dieses oder jenes Entsorgungssystems, dieser oder jener Verpackungsmethode debattiert wird.
Der Deutsche liebt sein Auto und Verkehrsregeln und verteilt strafende Blicke an roten Fußgängerampeln. Es ist eines der vielen Klischees über die Deutschen, dass sie morgens um 3.00 Uhr vor einer kaputten Ampel eher verhungern, als bei Rot zu fahren. Dafür finden Radfahrer das Rotsignal offenbar eher als unverbindliche Empfehlung. Und nicht selten verbringen Rentnerehepaare mit fleischigen Unterarmen – die Männer im Unterhemd, die Frauen in der Kittelschürze – ihre Tage in engen Fensterrahmen ihrer Mietwohnung, schreiben Falschparker auf oder ermahnen den Hundebesitzer zu Waldis Notdurft im Straßengraben statt auf dem Bürgersteig.
Deutsche lassen sich im Supermarkt vom Kassenpersonal den Takt vorgeben und bekommen schwitzige Hände, wenn zwischen ihrem und dem Einkauf des Vordermannes kein Trenner auf dem Kassenband liegt. Beim Sex favorisieren sie die althergebrachte Missionarsstellung und planen ansonsten räumlich und minutiös den Ablauf der Prozedur. Angeblich wechseln 82 Prozent der Deutschen täglich ihre Unterhosen und 96 Prozent duschen oder baden mindestens alle drei Tage. Einen großen Wandel hat es offenbar bei der Körperrasur gegeben. 71 Prozent der 18- bis 24-Jährigen rasieren sich im Intimbereich, bei den über 55-Jährigen sind es immerhin noch 23 Prozent. Deutsche Männer pinkeln zwar gern im Stehen, doch zwei Drittel von ihnen wurden erfolgreich domestiziert und setzen sich zu Hause hin. Im Urlaub legen wir bereits am Vorabend unser Handtuch auf eine Liege am Pool, damit uns am nächsten Morgen niemand den Platz klaut. Nicht zuletzt deshalb wirbt ein englischer Reiseveranstalter mit einem eingeölten blonden Rücken in schwarz-rot-goldener Badehose, der den Briten den perfekt durchorganisierten Strandurlaub mit reservierter Sonnenliege anpreist.
Sechs Prozent der Deutschen leben vegetarisch, zwei Prozent vegan. In unserem Land besitzen 93 Prozent der Bevölkerung einen Grill. Damit sind wir Grill-Europameister. Der Deutsche und sein Grill – das kommt einer Liebesbeziehung ziemlich nahe. Grillen gehört im Sommer zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen – ob im eigenen Garten oder auf der Terrasse, ob im Park oder am Badesee, ein geeigneter Ort für den Grill findet sich fast überall. Laut einer Statista-Umfrage ist für einen Großteil der Deutschen ein Sommer ohne Grillen kein richtiger Sommer. Die Brutzelkästen sind Staats- und Statussymbole. Unfassbare 1.200 Euro geben Griller im Schnitt für Stahlmonster mit Gasbetrieb aus. Dabei ist das Braten und Anrösten offenbar immer noch eine Männerdomäne; die Frau fungiert lediglich als „Zulieferer“. Bei den Männer-Gesprächen an der Feuerstelle dreht sich meist alles um Grillhersteller, Bauart und Ausstattung, wasserdichte Smokerbox, Infrarot-Sizzle-Zone und XXL-Verdampfungssystem. Manche Leute geben für einen Grill so viel aus wie für einen gebrauchten Kleinwagen – und legen dann 99-Cent-Würstchen oder Hähnchenkeulen von Aldi, Penny oder der nächsten Tankstelle für 2,50 Euro das Kilo auf den Grill. Deutschland ist von einer Kulturnation zu einer Konsumnation geworden.
Im Ausland sind wir für unsere Volksfeste bekannt. Das Dirndl, die Lederhose und dösende Bierleichen dürfen auf dem Oktoberfest nicht fehlen. Die nervige Angewohnheit, streng im Takt zu klatschen, sobald die ersten Töne bei einer öffentlichen Musikdarbietung erklingen, ist im Land eine weitverbreitete Marotte. Ob das wohl an der Schlagerkultur liegt? Ebenso das Klatschen nach einer gelungenen Landung eines Ferienfliegers. Was die Mitgliedschaft in einem Sportklub, Kegel-, Taubenzüchter-, Rassekaninchenzüchter-, Kleingarten- oder Schützenverein betrifft, sind wir unangefochten Weltmeister. Es herrscht sozusagen eine „Vereinsmeierei“; immerhin sind 40 Prozent der Deutschen Mitglied in einem der annähernd 600.000 Vereine. Schätzungsweise sieben Millionen sind in einem der etwa 27.000 Fußballvereine aktiv. Diese sportliche Beschäftigung wird nur noch weit übertroffen von den Nichtaktiven, den Zuschauern in den Stadien oder im trauten Heim vor der Glotze bei Bier und Naschwerk. Große Gefühle um einen kleinen Ball, deren nationale Manie auch von immer mehr Frauen getragen wird.
Wandern ist die Freizeitbeschäftigung der Deutschen schlechthin. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger nutzt diese einfache Möglichkeit, um etwas für den Körper zu tun und dabei die Natur zu erleben. Und ein kleines Stück reglementierte deutsche Erde mit einer überdimensionalen Schwarz-Rot-Gold-Fahne drauf und bunten Gartenzwergen auf dem sauber getrimmten Rasen nennen wir einen Schrebergarten, eine Laube, einen Heimgarten oder eine Parzelle. Bei den von Kleingärtnervereinen verwalteten und günstig an Mitglieder verpachteten engen Rückzugsorten deutscher Ordnungshuber wird das Kleingartenleben durch die jeweilige Kleingartenordnung eines jeden Vereins reglementiert. Die sauber gestutzten Hecken zwischen den Parzellen erinnern an Festungsmauern, und böse Zungen behaupten, dass die Weite eines Schrebergartens in etwa der Weite des Horizonts seiner Besitzer entspricht. Dennoch werkeln Millionen von uns während ihrer Freizeit als Schrebergärtner oder Laubenpieper. Für den Städter ist der Schrebergarten ein kleines, persönliches Erholungsgebiet. Ein grüner Ausnahmezustand samt Bier, Bratrost und Schwoof.
Wenn ein Baum in ein fremdes Grundstück ragt oder der Mindestabstand von einer Hütte, von Zäunen oder Hecken nicht eingehalten wird, ist es mit dem Frieden zwischen Nachbarn oft schnell vorbei. Dann wird das Amtsgericht, das Landgericht, das Oberlandesgericht, der Zivilsenat, das Verwaltungsgericht, das Oberverwaltungsgericht und letztlich der Bundesgerichtshof bemüht, ein Urteil zu fällen. Grob geregelt sind die Rechte und Pflichten von Nachbarn im Bürgerlichen Gesetzbuch ab Paragraf 903. Beispiele einiger Gerichtsurteile: „Für die Beseitigung fremden Laubes kann eine ‚Laubrente‘ verlangt werden.“ „Schatten von großen Bäumen ist zu dulden.“ „Nachbarn dürfen überhängende Äste nach Fristablauf (?) abschneiden.“ „Für hohes Elefantengras zählen nicht die Abstandsrichtlinien von Bäumen.“ „Mülltonnen an der Grundstücksgrenze müssen geduldet werden.“ „Zwei Meter hohe Brennholzstapel zählen als Gebäude.“ Die Liste könnte noch über mindestens drei Buchseiten vervollständigt werden. Doch das würde manchem Leser zweifellos die unentbehrliche Nachtruhe kosten. Anscheinend hat das sich zu einer Bananenrepublik mutierende Deutschland keine ernsteren Probleme.
Klischees gibt es massenweise, und wenn irgendwo Klischee und Realität übereinstimmen, dann an den Kiosken der Metropole Ruhr. Zu Zeiten der Industrialisierung entstanden die ersten sogenannten Trinkhallen, an denen hungrige und vor allem durstige Arbeiter auf dem Weg zur „Maloche“ oder auf dem Heimweg einen kurzen Stopp einlegten. Ursprünglich waren sie zur Versorgung der Arbeiter im Ruhrgebiet mit Mineralwasser entstanden. Entwickelt haben sich daraus, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, kleine Verkaufsläden, in denen auch viele Alltagsartikel angeboten werden. Ein Büdchen gibt es im Ruhrgebiet fast bei jedem „umme Ecke“, es ist fester Teil des Lebens im ganzen Revier. Ob man sie Büdchen, Buden, Kioske oder Trinkhallen nennt: Die kleinen Verkaufsstellen für Zeitungen, Tabakwaren, Süßigkeiten, Bier und vieles mehr sind der Treffpunkt im Stadtteil. Kaum ein anderer Ort wie der „Dorfplatz der Großstadt“ ist so eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhrgebiets verbunden wie die Trinkhalle. In den Sechzigerjahren starben die Zechen – die Buden blieben. Nach groben Schätzungen gibt es heute an der Ruhr noch 18.000 Kioske, allerdings müssen jedes Jahr etwa 250 schließen. Für viele sind die Kioske ein Anker für soziale Kontakte. Die Bude als sozialer Treffpunkt. Hier kann man sein Herz ausschütten, die Weltpolitik diskutieren, hier weiß man Bescheid über freie Wohnungen und vermisste Katzen. Man trifft Bekannte und tauscht sich mit dem Budenbesitzer aus. Trinkhallen gehören zum Ruhrgebiet. Das ist Kult, für die Region immer noch identitätsstiftend und für viele Menschen ein Stück Heimat. Nordrhein-Westfalen erkannte nun im Frühjahr 2021 die Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet als Kulturerbe an.
Stichwort Heimat. Was bedeutet eigentlich Heimat? Eine Frage, die schon Generationen beschäftigt: Vaterland, Familie, Sprache, Freundeskreis, Geborgenheit, Vertrautheit, Wärme, Schweinebraten mit Knödel, Maultaschen oder Labskaus? Oder einfach nur der Ort, an dem unser Herz ist und die Menschen, die wir lieben? „Heimat ist für die meisten Menschen etwas, das vor aller Vernunft liegt und nicht beschreibbar ist. Etwas, das mit dem Leben und Sein jedes Heranwachsenden so eng verbunden ist, dass dort die Maßstäbe fürs Leben gesetzt werden.“ (Marion Gräfin Dönhoff)
Heimat hat viele Gesichter, Heimat hat viele Geschichten. Die einen denken dabei an schuhplattlernde Trachtengruppen oder Heimatfilme mit Luis Trenker, die anderen an Aufmärsche der SA und an Konzentrationslager. Im Ersten Weltkrieg wurde Heimat tatsächlich propagandistisch ausgebeutet. Während die Materialschlachten mit modernster Kriegstechnik Wunden in Menschen und Landschaften schlugen, prangte auf Postkarten und Plakaten ländliche Heimatidylle. Paradoxerweise entstehen Heimatgefühle mitunter erst durch Mobilitätsoptionen oder durch das Gefühl des Verlustes: Oft merkt man erst während längerer Auslandsaufenthalte, was einen mit der Heimat verbindet, sei es auch nur, dass man von der Umwelt als Deutscher wahrgenommen wird. Nicht immer steht es uns frei zu entscheiden, wie und wo wir leben möchten. Aber egal wohin es uns verschlägt, unsere Heimat, die tragen wir in uns selbst. Wir schaffen sie neu mit jeder Erinnerung an jedem Ort.
Der Durchschnittsdeutsche lebt zumeist nicht im erträumten Eigenheim, sondern in einer 3,5-Zimmer-Mietwohnung. Etwa 15.000 Gegenstände besitzt ein mittelprächtiger Haushalt. Wenig überraschend: Die meisten davon brauchen wir nicht, aber wir hängen an ihnen, weil sie Erinnerungen bergen und uns ein Gefühl der Sicherheit geben. Denn in vielen Familien sind die Verluste von Hab und Gut in den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts noch sehr präsent. Unsere Wohnung, unseren Wald, unsere Burgen, unsere atemberaubenden Schlösser vor beeindruckender Bergkulisse – all das betrachten wir Deutsche als wichtigen Bestandteil unseres Lebens, den es zu schützen und zu erhalten gilt. Deutschland kann so schön sein. Mitunter genügt es, ein paar Kilometer zu fahren, um neue Welten zu entdecken.
Den Deutschen ist die Natur besonders wichtig, vor allem der Wald. Sie lieben die Bäume, die schon die alten Germanen verehrten. Für die Deutschen ist der Wald wie eine Gemütslandschaft, er hat für sie etwas Sakrales. Der deutsche Wald wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft schon vor dem 20. Jahrhundert in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und überhöht. Historische und volkskundliche Abhandlungen erklärten ihn zum Sinnbild germanisch-deutscher Art und Kultur. Dabei wurde auch auf historische oder sagenhafte Ereignisse in deutschen Wäldern Bezug genommen, so auf Tacitus’ Beschreibung der Schlacht im Teutoburger Wald oder auch auf die Naturmystik des zum deutschen Nationalmythos stilisierten Nibelungenliedes, wie dessen vielfältige Rezeptionsgeschichte zeigt. Die frühe Naturschutz- und Umweltbewegung, der einsetzende Tourismus, die Jugendbewegung, Wandervögel und Wandervereine wie auch die rechtsgerichtete völkische Bewegung sahen in Wäldern ein wichtiges Element deutscher Kulturlandschaft.
Der jüdische Schriftsteller und Aphoristiker deutscher Sprache Elias Canetti betont in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ die Wirkung der frühen und intensiv gepflegten Romantik des deutschen Waldes auf die Deutschen. Canetti bringt den deutschen Wald in Zusammenhang mit dem Heer als deutschem Massensymbol, so wörtlich: „Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen.“
Die viel zitierte „German Angst“, womit man gern die Deutschen verspottet, die sich vor Kriegen und Umweltkatastrophen fürchten, wird im Ausland häufig als Melancholie und Schwarzseherei belächelt. Dabei sehen Historiker und Psychologen ihre wahren Gründe in den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, welche die deutsche Geschichte prägten – beginnend mit dem Dreißigjährigen Krieg bis hin zu den beiden großen Weltenbränden des 20. Jahrhunderts. Die Furcht vor Vergeltung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Angst vor nuklearer Bedrohung und kommunistischer Infiltration in den Fünfzigerjahren und dann vor Arbeitslosigkeit durch Automatisierung und vor autoritären politischen Tendenzen, vor Umweltverschmutzung bis hin zu Pandemien. Sorge auch vor individuellen Schicksalsschlägen, das Unglück eines Familienangehörigen oder die Angst vor einem schweren Unfall. Furcht vor Terror, Vergewaltigung, Flüchtlingsströmen, Moscheen und „No-go-Areas“.
Der Schriftsteller Günter Grass brachte in seiner Rede bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung im Dezember 1981 seine Angst vor einem apokalyptischen Inferno zum Ausdruck, die viele Menschen zu Beginn der Achtzigerjahre teilten. Und es war natürlich vor allem die Jugend, die diese Angst öffentlich artikulierte.
Empirisch konnte die These einer Angstzunahme und eines hohen Niveaus von Angst allerdings zumindest für die Zeit zwischen den 1980er-Jahren bis zum Ende des Jahrtausends in Deutschland bislang nicht bestätigt werden.
Und doch jagt nun schon seit Jahren eine Angstdebatte die nächste und es wird behauptet, die Deutschen hätten eine masochistische Lust am Weltuntergang entwickelt, die bisweilen in Frust, Hass und Gewalt umschlägt. Und meist sollen die Protagonisten dieser angeblichen „Apocalypse Now“- Bewegung eher ältere Bürger sein, die einen tief sitzenden Groll auf das System pflegen.
Auch andere „typisch deutsche“ Eigenschaften, wie die viel zitierte Sparsamkeit, soll eine Folge von Krisenzeiten sein. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ heißt es in einem bekannten Sprichwort. Und bereits Martin Luther mahnte: „Der ersparte Pfennig ist redlicher als der erworbene.“ Verständlich, wenn deshalb viele Konsumenten die Angebote der Supermarktwerbeblättchen studieren wie eine Bibel. Mancher Bürger der Republik ist entsetzt über die Art und Weise der Tierhaltung, dass Hormone und Pestizide gespritzt werden und Kunstdünger gestreut wird, um dann aber als Verbraucher zum Discounter zu laufen und ein Hähnchen für 2,39 Euro zu kaufen. Billig kaufen und sich aufregen. Die Deutschen gehören zu den reichsten Menschen in Europa und haben die billigsten Lebensmittel.
Apropos sparen: Der Bausparvertrag gehört zu einer der beliebtesten Anlageformen der Deutschen – meist mit dem Ziel, eine Immobilie zu finanzieren. Abhängig von der Tarifart kann ein Bausparvertrag aber auch als Sparanlage verwendet werden. Obwohl das Bausparen oft als etwas typisch „Deutsches“ gilt und hierzulande auf eine über hundertjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken kann, vermutet man den Ursprung des kollektiven Spargedankens in China. Zur Zeit der Han-Dynastie (ca. 200 v. Chr. bis 200 n. Chr.) sollen dort die ersten Spargesellschaften auf Gegenseitigkeit gegründet worden sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Bausparen in Deutschland aufgrund der extremen Wohnungsnot einen starken und anhaltenden Aufschwung. Das Bausparen heizte die Konjukturlokomotive „Bauindustrie“ mit an und leistete somit einen bedeutenden Beitrag zum deutschen „Wirtschaftswunder“.
Warum wählten laut einer Umfrage des britischen Fernsehsenders BBC im Jahre 2013 Menschen aus 25 verschiedenen Nationen Deutschland mit seiner Kleinstaatenmentalität zum „beliebtesten Land der Welt“? Und wie erklärt es sich, dass nichtsdestotrotz Deutsche von Karikaturisten im Ausland immer wieder als wütende Aggressoren mit Hitler-Bärtchen oder als vollbusige Germanie mit Pickelhaube dargestellt werden? Übrigens galt die Pickelhaube als Symbol für Untertanengeist, Drill und Militarismus. Sie wurde 1842 nicht aus romantischen Gründen eingeführt, sondern weil sie hochmodernen Schutz bot. Im Winter 1843/44 verließ Heinrich Heine sein Exil in Paris und besuchte Aachen. Was er dort sah, verarbeitete er umgehend in seinem Gedicht: „Deutschland: Ein Wintermärchen“. – „Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt//Vom allerhöchsten Witze!//Ein königlicher Einfall war’s!//Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!//Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,//Zieht leicht so eine Spitze//Herab auf euer romantisches Haupt//Des Himmels moderne Blitze!“
Das 20. Jahrhundert begann mit der von militärischem Prunk gezeichneten wilhelminischen Epoche, der Inszenierung und Vollstreckung zweier menschenverachtender, tyrannischer Weltkriege, bei denen Abermillionen ihr Leben und ihre Existenz verloren, nicht nur im sinnwidrigen Hinmetzeln während unzähliger Schlachten, sondern gleichfalls in erbarmungswürdigen Konzentrationslagern, verbunden mit dem Holocaust, einer bis dato an Ausmaßen und Perfidität niemals zuvor gekannten entmenschten Tötungsmaschine. Nach Ende der Naziverbrechen und Massenvernichtung Entbehrung, die in eine Hungerkatastrophe endete und erneut Millionen Tote hinterließ. Darauf folgend ein beispielloses Auferstehen aus Ruinen und das bis heute unfassbare „Deutsche Wirtschaftswunder“. Dann der insbesondere Deutschland in Atem haltende Ost-West-Konflikt, der als „Kalter Krieg“ in die jüngste Geschichte eingegangen ist und von 1947 bis 1989 von den Westmächten unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika und dem sogenannten Ostblock unter der Führung der damaligen Sowjetunion ausgetragen wurde. Trennung und Wiedervereinigung der beiden divergierenden deutschen Staaten. Politische, soziale und kulturelle Aspekte rückten in den Vordergrund und bahnten den Weg für eine neue Weltordnung.
Erfindergeist und Forschungsdrang veränderten bereits im 19. und darüber hinaus im 20. Jahrhundert die Arbeitswelt grundlegend. Maschinen übernahmen die Aufgaben der Menschen. Der ehemalige Agrarstaat entwickelte sich zu einer Industrienation. Hochöfen und Fördertürme prägten das Bild einer ganzen Region. Der Glaube an den Fortschritt und die technische Entwicklung führten zu ungeahnten Leistungen. „Made in Germany“ wurde zum Gütezeichen in der ganzen Welt. Seit Jahrzehnten teilen sich deutsche Wissenschaftler die ersten Plätze mit der Konkurrenz aus den USA, Japan und seit jüngster Vergangenheit auch China. Bei der „dritten industriellen Revolution“ standen bei den großen Entwicklungen in der Kommunikationstechnik – bei Telefon, Radio, Fernseher und Computer – Deutsche Pate. Physiker und Chemiker machten bahnbrechende Erfindungen – etwa bei der Quantenphysik oder der Kernspaltung. Die ersten Nobelpreise wurden im Jahr 1901, am Todestag des schwedischen Stifters Alfred Nobel, verliehen. Der erste Nobelpreisträger für Physik ging an den Deutschen Wilhelm Conrad Röntgen„als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, das er sich durch die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen erworben hat“. Viele Nobelpreise gingen in dieser Zeit an deutsche Wissenschaftler, bis der Nationalsozialismus hier eine Zäsur brachte. Zwischen 1901 und 1933 ging ein Viertel aller Nobelpreise für die Wissenschaften nach Deutschland. Zwischen 1933 und 1960 waren es noch ganze 8. Brillante Forscher, wie der Papst der Physik, Albert Einstein, emigrierten in die USA. Das goldene Zeitalter der Wissenschaft war zu Ende, und die Vereinigten Staaten übernahmen die Führung. Andere fügten sich dem Willen und den Vorgaben des menschenverachtenden Regimes. Werner von Braun beispielsweise ließ sich mit dem Teufel ein und baute für Hitler sogenannte „Vergeltungswaffen“. Er konstruierte für die Nazis die grausame Rakete V2, von denen im Zweiten Weltkrieg 1.400 allein auf England abgeschossen wurden. Nach dem Krieg ließ sich Braun von den Amerikanern anheuern. Sein damaliges Ziel: eine Mondrakete zu bauen. 24 Jahre später erfüllte sich sein Traum. Am 16. Juli 1969 erhob sich von Cape Canaveral in Florida eine Apollo-Rakete in den Morgenhimmel und schickte drei Astronauten in Richtung Mond. Von Braun wurde zu einem Mythos. Aber er hatte am Anfang seiner Karriere wie Faust seine Seele dem Teufel verkauft. Ohne Hitler und ohne die Mitgliedschaft in der SS hätte er die Grundlagen für seine späteren Erfolge kaum erreichen können.
Naturwissenschaft, Medizin, neue Technologien, Kunststoffe, technologische und elektronische Geräte sowie auch die Modernisierung der Fortbewegungsmittel auf der Straße, der Schiene, der Luft und dem Wasser veränderten das Land bedeutsam. Mechanische Geräte wurden in immer mehr Bereichen durch digitale oder elektrische Innovationen ersetzt. Elektrizität und das Auto begleiteten bereits seit Anfang des Jahrhunderts Generationen und der Luftverkehr entwickelte sich zu einem Massentransportmittel. Die Welt drehte sich immer schneller, es wurde immer schwieriger, Innovationen zu verschleiern oder deren Verbreitung zu verhindern. Der Wandel vom Industriezeitalter in das Datenzeitalter war bedeutender als der Wandel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft.
Ein Geheimnis bleibt natürlich, warum in Deutschland so viele Erfindungen gemacht wurden, welche die Welt verändert haben, vom Verbrennungsmotor über das Aspirin bis zur Kernspaltung; von der Zahnpasta über die Thermoskanne und den Dübel bis zum Kaffeefilter, zur Waschmaschine und zum Kühlschrank. Der Personenaufzug ist ebenso eine deutsche Erfindung wie der Büstenhalter, das Latexkondom, der Schnuller und der MP3-Player.
Das Kaiserreich unter Wilhelm II.
„Zum Repräsentanten taugt er,
sonst kann er nichts […]
Er hätte Maschinenschlosser
werden sollen.“
(Wilhelms Erzieher Hinzpeter)
In dem wohlhabenden, meist kaufmännischen Mittelstand empfand man zu Anfang des 20. Jahrhunderts politisch meist konservativ-liberal und national. Das Wilhelminische Zeitalter – eine äußerlich glanzvolle Epoche deutscher Geschichte – prägte mit seinem Zusammenspiel von preußischer Tradition und neuzeitlichem Fortschrittsglauben, seiner Aufgeschlossenheit für Wissenschaft und Technik und der Überhöhung durch eine monarchistische Gloriole auch das Lebensgefühl vieler Menschen.
Zu klein, um über andere zu herrschen, und zu groß für die Balance der Mächte in Europa. Weltmacht sein, das wollte Kaiser Wilhelm II. Viele im Volk hielten ihn für den idealen Repräsentanten. Es war die Zeit der Paraden, schmucker Uniformen und Pickelhauben. Der Kaiser entpuppte sich als selbstverliebter, prunksüchtiger Monarch. Für die Mehrheit des deutschen Bürgertums aber wurde er zum Sinnbild eigenen Strebens nach Glanz und Größe. „Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen“, verkündete der junge Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. zu Beginn der Epoche. Viele waren stolz, den begehrten Kaisernamen zu tragen, und pflegten ihren Schnurrbart mit den nach oben gezwirbelten Spitzen, à la Wilhelm II.
„Heil dir, o Wilhelm, Kaiser
Heil dir, herrlicher Friedensfürst
Du bist der Deutschen großer Weiser
Der das Volk zum Glücke führt.“
Seine Majestät gab sich mitunter der Illusion hin, ein Herrscher von „Gottes Gnaden“ zu sein. Seine unüberlegten Brandreden, sein Narzissmus, sein Hang zur Selbststilisierung machten ihn gelegentlich zur „tickenden Zeitbombe“ auf dem Parkett der europäischen Diplomatie. Nicht erst unter Hitler, sondern bereits der Anfang des Jahrhunderts unter Kaiser Wilhelm II. bedeutete Aufbruch ins Grenzenlose, ohne politische Fantasie, ohne moralische Maximen – lediglich machtpolitische Ambitionen. Wilhelm wollte im Konzert der Weltmächte mitspielen. Vor allem das deutsche Großbürgertum spekulierte auf ein imperiales Reich und auf profitable Kolonien. Man war sich mit seinem Kaiser einig, Deutschland musste Weltmacht werden. Dieser sah sich als ein Alleinherrscher im Reich, obwohl es einen Kanzler und ein Parlament gab. Für ihn war jeder Deutsche, der ihn und damit die Nation kritisierte, ein schlechter Patriot. Sein Verhältnis zur Arbeiterschaft war gespalten. Industriearbeiter begannen sich zu organisieren und forderten eine politische Vertretung. Dafür stand die SPD. Allerdings waren für Wilhelm II. die Sozialdemokraten „eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen“. Innenpolitisch drohte dem Kaiserreich die Spaltung, auch wenn es Wilhelm gelang, die großen Probleme, die das Industriezeitalter mit sich brachte, wie etwa Hunger, Armut, fehlende Wohnungen, die große Kluft zwischen Arm und Reich oder die soziale Not, durch den Glauben an die deutsche Nation zu überdecken. Schließlich hatte die Industrialisierung den Nationalstaat reich gemacht.
Im Wettlauf mit den anderen europäischen Großmächten forderte Deutschland seinen Platz an der Sonne. Politisch wie wirtschaftlich. Berlin, die Hauptstadt, war Boomtown und Zentrum einer nie da gewesenen Aufbruchstimmung. Die Prachtbauten am Vorzeigeboulevard „Unter den Linden“ repräsentierten Preußens Gloria. Und nur einen Steinwurf entfernt pulsierte bereits das moderne Berlin. Die Metropole stand niemals still. Großfabriken prägten das Stadtbild. Der Zustrom an Arbeitssuchenden aus Schlesien, Brandenburg und Pommern riss nicht ab. Auf dem Lande war die Gruppierung fest gefügt: Grundherrschaft, Gutsherrschaft, Pächter, Bauer und Landarbeiter. Für die Neuankömmlinge war die Hauptstadt Sehnsuchtsort; Magnet für Hunderttausende Zuwanderer. Golo Mann bemerkt dazu in seiner „Deutschen Geschichte“: „Die Landlosen, und gerade die Tüchtigsten, Lebensmutigsten unter ihnen, zieht es in die Städte. Je mehr gebraucht werden, desto mehr strömen nach: Fortschritte der medizinischen Wissenschaft und Hygiene versprechen, dass neue Generationen zahlreicher werden als die alten. Bevölkerungsvermehrung; industrielle Expansion; noch stärkere Bevölkerungsvermehrung. Deutschland hatte um 1800 nicht wesentlich mehr Bewohner als vor dem Dreißigjährigen Krieg; um 1900 aber gut dreimal soviel. Es ist nicht die Landbevölkerung, die zunimmt, es ist die Zahl der Städter. Um die alten Stadtkerne bilden sich riesige Vorstädte; gleichförmige, traurige Straßenzeilen, benannt nach den Schlachten der deutsch-französischen Kriege, aber bewohnt von Menschen, die sich um vaterländischen Ruhm wenig kümmern.“
Das Reich wird Ursprungs- und Transitland für Auswanderer. In manchen Jahren verlassen mehr als 100.000 Deutsche ihre Heimat gen Übersee, zumeist in die USA. Viele Passagiere gehen in Hamburg an Bord, von wo aus Schnelldampfer die strapaziöse Atlantikfahrt auf rund eine Woche verkürzen. Der Menschenstrom macht die Reedereien reich. Sie erwirtschaften im Passagierverkehr zwei Drittel ihrer Gewinne mit den Emigranten. Durch diesen Aufschwung wird in Deutschland eine ganz neue Industrie geschaffen: die der großen Werften. Wo vor einer halben Generation nicht einmal ein großer Dampfer hätte geflickt werden können, arbeiten 1902 auf den Werften rund 40.000 Menschen an 421 Schiffen. Wegen seiner zentralen Lage und des gut mit dem osteuropäischen Netz verbundenen Schienensystems wird Deutschland zudem zum Sprungbrett für jene Emigranten, die in den Dimensionen einer Völkerwanderung das Zarenreich verlassen, hinausgetrieben durch wirtschaftliche Not, politische Unterdrückung und, im Fall der Juden, durch mörderische Pogrome.
Am Anfang des neuen Jahrhunderts hat Berlin in weniger als 100 Jahren seine Einwohnerzahl bereits mit über zwei Millionen Menschen verzehnfach. Eine Stadt auf dem Weg in die Moderne. Technische Neuheiten kommen auf den Markt und erleichtern das Leben im Alltag. Beispielsweise sind elektrische Bahnen das Zeichen des neuen Fortschritts. Die Häuser in den besseren Gegenden sind zum größten Teil bereits ans öffentliche Stromnetz angeschlossen. Die Gutverdiener sind deshalb auch schon auf dem neuesten Stand der Technik. AEG baut Elektrogeräte für den Haushalt: Eierwärmer und Zigarrenanzünder, monströse „Staubsaugpumpen“ und elektrische Kaffeekocher begeistern das Establishment. Die Elektrizität, das ist eine Verheißung, das ist das Zauberwort; in den Fabriken, im Haushalt, in der Landwirtschaft wird ohne Ende elektrifiziert und bringt einen Quantensprung in Sachen Lebensqualität. Die öffentlichen Verkehrsmittel machen eine neue Mobilität möglich. Die elektrische Bahn erschließt in den Großstädten immer größere Gebiete. Auch U-Bahn-Netze werden ständig weiter ausgebaut, wenn auch größtenteils noch oberirdisch. Die U-Bahnen und Straßenbahnen sind nicht nur schnell, sondern auch preiswert und somit geeignet für die breite Masse, die weder eine Kutsche besitzt noch sich ein Taxi leisten kann. Doch wird der Fortschritt nicht von allen begrüßt: Biologen warnen vor magnetischen Feldern, die von der Oberleitung erzeugt würden und negativen Einfluss auf die menschlichen Körpersäfte nähmen. Tierschützer sagen ein Massensterben unter Vögeln voraus. Und mit der Geschwindigkeit haben viele in den Großstädten auch noch ein Problem. Die 30 Stundenkilometer, die eine Straßenbahn an Geschwindigkeit erreicht, empfinden die meisten als zu hoch. Um den Fahrgästen die Angst zu nehmen, statten einige Verkehrsbetriebe die Waggons mit Rollos, Holzvertäfelungen und Malereien aus. Die heimelige Wohnzimmeratmosphäre solle beruhigend wirken.
Sie sahen aus wie Kutschen, hatten weder Dach noch Scheinwerfer und wurden in der Anfangszeit ihrer Entwicklung meist nur von reichen Leuten gekauft. Trotzdem ging mit den ersten Automobilen ein lang gehegter Menschheitstraum in Erfüllung – sich frei über große Distanzen zu bewegen. Im Jahr 1907 gab es im ganzen Deutschen Reich etwa 10.000 Autos, im Jahr 1914 waren es schon 65.000. Die meisten Autos fuhren überwiegend in den Großstädten und schon damals beschwerten sich die Leute über den Lärm, den Gestank und die Hektik. Von Luftfiltern und Umweltschutz hatte man noch nichts gehört. Der Dreck wurde einfach ungefiltert in die Luft gepustet (wie oftmals heutzutage immer noch). Kaiser Wilhelm II. nannte sie „Stinkkarren“ und hielt sie nur für eine vorübergehende Erscheinung. Die Fortbewegungsmittel der alten und der neuen Zeit kamen sich ständig in die Quere, schließlich existierten noch keine Verkehrsregeln und dieser Umstand führte zu zahlreichen Unfällen. Die zunehmende Technisierung löste sogar bis dahin unbekannte Krankheiten aus: Die Neurasthenie, eine psychische Störung, verbunden mit Erschöpfung und Antriebslosigkeit, galt als das Burn-out-Syndrom und gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht.
