Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Verfasser diese Buches versucht den Ursachen des Missbrauchs der Macht sowie der Umbarmherzigkeit und nicht selten der Seelenlosigkeit der drei großen Weltreligionen nachzugehen. Die Quellen des Judentums, Christentums und des Islams, die ihren gemeinsamen Ursprung bei dem Patriarchen Abraham sehen, beinhalten in Bezug auf Sexualität ein Potenzial, das im Laufe der Geschichte immer wieder von ihren Anhängern instrumentalisiert wurde. Die Religion spendet zahlreichen Menschen Trost und Geborgenheit und fördert oftmals das Gemeinschaftsgefühl, deshalb geht es in diesem Buch keineswegs um eine Verunglimpfung geistlicher Würdenträger, sondern vielmehr darum, die Scheinheiligkeit und Doppelmoral einiger Religionen und ihren sakro-sankten Stellvertretern auf Erden zu entlarven. Denn beim Thema Sexualität könnte die Kluft zwischen religiösen Lehren und dem echten Leben kaum tiefer sein. Sexualität spielt in allen Religionen eine markante Rolle. Religiöse wie sexuelle Erfahrungen werden oft mit denselben Begriffen beschrieben, mit Leidenschaft, Verzückung, Ekstase oder Seligkeit. Ob Sexualität als schöpferische Kraft, als geheimnisvolles Mittel der Fortpflanzung oder gar als dämonische Energie verstanden wird, hängt sicherlich von anderen Dingen ab.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Gerd Wange, geboren 1941 in Bonn. Absolvent der staatlichen Filmakademie London/ England in den Sparten Filmkamera, Schnitt und Filmregie. Danach 35 Jahre als freiberuflicher Dokumentarfilm-Kameramann/Regisseur auf 6 Kontinenten tätig. Eindrucksvoll skizziert in seinem romanhaften Lebensabriss „Ein Wanderer zwischen den Kulturen“.
Höhepunkte in seinem beruflichen Werdegang sind zweifellos die sich über etliche Jahre hinziehende Mitarbeit an der Dokumentationsreihe der ARD „Auf der Suche nach der Welt von morgen“ unter der Regie eines der Pioniere und Urgesteine des Deutschen Fernsehens, Rüdiger Proske, sowie die ebenfalls langjährige Mitwirkung an der erfolgreichen Fernsehserie „Weltenbummler“ unter der Leitung der Schauspielerlegende Hardy Krüger.
Gerd Wange lebt seit Anfang der achtziger Jahre in Chile und ist seit annähernd einem Jahrzehnt als Schriftsteller tätig.
Gerd Wange
WELTRELIGION
VERSUS
SEXUALITÄT
Einfluss der drei großen monotheistischen Religionen auf die Geschlechtlichkeit aus der Sicht eines bibeltheologischen Laien
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild © Gerd Wange
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Dieses Buch ist gewidmet allen sexuellen Missbrauchsopfern
sowie solchen Betroffenen, die unter Anwendung sexueller
Gewalt zu leiden hatten, beziehungsweise immer noch zu leiden haben.
„Ich bin voller Hoffnung, dass die Welt noch schöner werden
kann, wenn es ein Recht auf Vielfalt gibt und wenn wir die
Verschiedenartigkeit jedes einzelnen Menschen anerkennen.“
(Shimon Peres)
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitat
Prolog
Am Anfang
Judentum und Sexualität
Gesetze und Riten
Die Rolle der Frau im Judentum
Homosexualität im Judentum
Wie steht die Thora zum Thema Schwangerschaftsabruch?
Beschneidung und Judentum
Christentum und Sexualität
Christliche Gemeinschaft
Das Kreuz mit der Moral
Der Vatikan und seine Päpste
Ist der Zölibat noch zeitgemäß?
Homosexualität und Kirche
Gleichgeschlechtliche Partnerschaft
Jesus had two dads and he turned out just fine!
Sexueller Missbrauch
Die Haltung der römisch-katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung
Gleichstellung der Frau in der katholischen Kirche
Wiederverheiratet Geschiedene
Schwangerschaftsabruch und Kirche
Kirchliche Einrichtungen und kirchliches Arbeitsrecht
Umgang anderer christlicher Glaubensrichtungen mit der Sexualität
Islam und Sexualität
Koran und koranische Rechtsordnung
Religion als Machtinstrument
Scharia und gesellschaftliche Schranken
Frauen und Moral im Islam
Schwangerschaftsabbruch im Islam
Verschleierungsgebot
Der Muslim der Männer liebt
Sexueller Missbrauch in der islamischen Welt
Zwangsverheiratung
Beschneidung im Islam
Quellen- und Literaturverzeichnis
Dies ist kein Buch gegen Priester, Päpste, Imane oder Rabbiner. Nicht gegen Religionen, sondern vielmehr gegen den Missbrauch der Macht und gegen die Umbarmherzigkeit zahlreicher religiöser Institutionen. Dabei beabsichtigt der Autor nicht, einen ganzen Stand zu diskreditieren. Im Gegenteil: Er teilt eine Grundhaltung des kritischen Respekts vor dem, was christliche, islamische und jüdische Einrichtungen sind und tun. Schließlich ist Religion die Grundlage unserer Kultur. Der Verfasser ist weder ordinierter Theologe, noch Laienprediger, versteht sich auch nicht als sachkundiger Kirchenexperte, verweigert nicht aus persönlichen Gründen den Glauben und ist auch kein „Kirchengeschädigter“. Er ist auch kein religionsfeindlicher Atheist oder Agnostiker, sondern vielmehr eine glaubensstarke Person sowie ein extrem kritischer Christ, wobei es unerheblich ist, ob es sich bei ihm um einen katholischen oder evangelischen Christen handelt. Er unterstellt einem Gottesdiener, dass er mehr über Gott weiß, schließlich hat er als Theologe seine Religion zum Beruf gemacht; er hat die Bibel nicht nur gelesen, sondern studiert. Der Verfasser versucht den Ursachen eines in dieser Größe noch nie da gewesenen Glaubensverlustes einiger Religionsgemeinschaften nachzugehen, wobei es bei den kritischen Betrachtungen dieses Werkes über Religion und Sexualität keine Rolle spielt, ob man sich in der Gefolgschaft des Papstes, Luthers, Mohammeds oder der Tora sieht. Die Kritik gilt den Lehren der christlichen Kirchen, Moscheen und Synagogen, will aber unter keinen Umständen eine betroffenheitsgetränkte Anklageschrift sein. Der Autor hat großen Respekt vor Glauben und Wertschätzung vor den Menschen, die an etwas glauben. Religiöser Glaube verlangt nach Akzeptanz. Respekt muss aber keineswegs Verzicht auf Kritik bedeuten. Glaube prägt eine Gesellschaft, bestimmt das Denken und das Handeln unzähliger Menschen. Denn Religion gründet sich nicht auf Wissen, sondern auf Glauben. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, lässt Goethe seinen Faust formulieren. Die einen sind wundersüchtig und die anderen wunderflüchtig. Vermutlich hält Glaube viele am Leben, hilft ihnen, sich in diesem schwierigen Leben zurechtzufinden, und sollte von den Nichtgläubigen mit Anteilnahme betrachtet werden. Der Glaube und die Bindung an eine Religion sollen für Halt, für Liebe, für Menschlichkeit, Wärme und Annahme stehen. Die Religion spendet zahlreichen Menschen Trost und Geborgenheit und fördert oftmals das Gemeinschaftsgefühl. Deshalb geht es hier keineswegs um eine Verunglimpfung geistlicher Würdenträger, sondern vielmehr darum, die Scheinheiligkeit und Doppelmoral einiger Religionen und ihren sakrosankten Stellvertretern auf Erden zu entlarven. Denn beim Thema Sexualität könnte die Kluft zwischen religiösen Lehren und dem echten Leben kaum tiefer sein. Sexualität spielt in allen Religionen eine markante Rolle.
Die Quellen der drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, die ihren gemeinsamen Ursprung bei dem Patriarchen Abraham sehen, beinhalten in Bezug auf Sexualität ein Potenzial, das im Laufe der Geschichte immer wieder von ihren Anhängern instrumentalisiert wurde. In den gesellschaftlichen Diskussionen wird nicht selten eine direkte Beziehung zwischen Religion und Sexualität erörtert, die darauf zielt, die Religion schlechthin als Ursache der Probleme, die das Thema Sexualität hervorruft, anzuprangern. Religiöse wie sexuelle Erfahrungen werden oft mit denselben Begriffen beschrieben, mit Leidenschaft, Verzückung, Ekstase oder Seligkeit. Ob Sexualität als schöpferische Kraft, als geheimnisvolles Mittel der Fortpflanzung oder gar als dämonische Energie verstanden wird, hängt von anderen Dingen ab. Im Altertum glaubten viele Völker, dass Himmel und Erde durch einen Sexualakt geschaffen wurde. Auch die Sexualität der Frau und ihre sexuelle Lust wurde positiv gewertet. Man sagte, die Mitte der Frau ist die Klitoris. Das Wort Klitoris kommt vom griechischen Wort kleitos oder kleinos und heißt „berühmt, gepriesen“, was große Hochachtung ausdrückt, obwohl und vielleicht gerade deswegen die Klitoris nicht unmittelbar nur der Fortpflanzung dient, sondern auch dem Lustempfinden. Auch der männliche Geschlechtsteil galt vor allem im erregten Zustand als Garant von Kraft, Energie und Fruchtbarkeit. Der erigierte Penis – oft im Verhältnis zum Körper übertrieben vergrößert dargestellt – zierte Götterstatuen und Götterbilder.
Unsere Welt wird zunehmend säkularer. Für die meisten von uns ist der Gegensatz von Religion und säkularer Kultur heute selbstverständlich. Deutschland gewährt eine vorbehaltlose Religionsausübung. Artikel 4 unseres Grundgesetzes formuliert das mit prägnanter Klarheit: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet“.
In Deutschland herrscht keine Staatsreligion, wie dies beispielsweise der Islam in zahlreichen Ländern der arabischen Welt ist. Deutschland ist ein säkulares Land, trotz der vertraglichen Verbindungen zwischen Staat und den großen Kirchen. Die ungestörte Religionsausübung wird uneingeschränkt gewährleistet. Dennoch ist die christliche Botschaft eine geistige Grundlage unserer Gesellschaft. Indessen geraten immer mehr tiefgläubige Menschen in einschneidende Glaubenskrisen. Bei den Christen hadern immer mehr Gläubige mit den Moralvorstellungen des Vatikans. Schließlich leben wir in einer Zeit der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung. Unsere modernen Vorstellungen von Sexualität sind das Ergebnis eines tiefgreifenden historischen Wandels.
Noch halten sich die meisten jungen Gläubigen der großen Weltreligionen an die sexuellen Gebote ihrer Kultur und akzeptieren die Einschränkungen ihrer Freiheit. Mal mehr, mal weniger. Ein Balanceakt zwischen Moral und Lust. Doch müpfen immer mehr Jugendliche auf gegen eine oktroyierte altjüngferliche Sexualmoral, überlebtem Traditionalismus und eisernen, dogmatischen und starrsinnigen Regeln, die längst ihren Sinn verloren haben. Denn mit der Forderung, sich aus den Schlafzimmern ihrer Gläubigen herauszuhalten, haben zahlreiche Religionen immer noch ein Problem. Und nicht wenige sehen in der menschlichen Sexualität immer noch etwas Verwerfliches, Schmutziges, gar Teufelszeug. Es ist an der Zeit, dass sich die großen Religionen von ihrem metaphysischen Ballast befreien. Denn wenn Religionen zum Gesetz erstarren, bedrohen sie die Freiheit und die Liebe der Menschen. In vielen Fällen ist Religion der natürliche Feind des Denkens.
Aufs Ganze gesehen sind einige monotheistischen Religionen ein Hort des Patriarchats geblieben. Michel Houellebecq führt in seinem Roman „Unterwerfung“ drastisch vor Augen, wie Religion unter katholischem und vor allem islamischem Vorzeichen, zur Rückkehr des Patriarchats führen könnte. Der Mensch ist Gott unterworfen und die Frau dem Mann. Unterwerfung als entlastende Alternative zum Freiheitsprojekt der Aufklärung und des Humanismus folgt dem Diktat der Biologie: Wer die meisten Kinder zeugt, setzt auch seine Werte durch. Die Reproduktion der Werte folgt der biologischen Reproduktion. Weil das Patriarchat mehr Kinder hervorbringt, steht für Houellebecq der Feminismus demografisch auf der Verliererseite. Der massive Zustrom von Einwanderern mit traditionellem kulturellem Hintergrund bietet „die historische Chance für die moralische und familiäre Wiederaufrüstung Europas“. Diese verabscheut natürlich die Homo-Ehe. Wenn gegen diese in Frankreich schon die katholische Kirche Millionen zu mobilisieren vermochte, um wie viel mehr mobilisieren dann die islamischen Oberen?
Tief unten in den Kellern der Kirchengeschichte, verborgen selbst für die meisten Historiker, liegen jahrhundertealte Traditionen begraben, von denen die christlichen Kirchen heute nichts mehr wissen wollen. Hubert Wolf steigt in seinem Buch „Krypta“ mit archäologischem Spürsinn hinab in diesen konspirativen und geheimnisvollen Ort und enthüllt Vergessenes und Verdrängtes. Er entdeckt dort Frauen mit bischöflicher Vollmacht, Laien, die Sünden vergeben, eine Kirche der Armen – und andere Traditionen, die heute wieder aktuell werden könnten. Doch da die katholische Kirche auf lange und unabänderliche Tradition setzt, gelten grundlegende Reformen ihrer heute gültigen Einrichtungen und Regeln als Sakrileg. Päpste waren einmal in Gremien eingebunden, die sie kontrollierten, Frauen konnten Sünden vergeben, Laien hatten etwas zu sagen, Bischöfe wurden gewählt. Die katholische Kirche war lange ein breiter Strom mit vielen Nebenarmen, den der römische Zentralismus im 19. Jahrhundert kanalisierte. Dazu wurden Traditionen erfunden, an die bis heute selbst Historiker glauben.
Nach der traditionellen Sexualmoral ist in keiner der hier zur Sprache kommenden drei großen Weltreligionen Sex vor oder außerhalb der Ehe erlaubt. Außer für junge Protestanten, die müssen allerdings lernen, verantwortungsbewusst mit ihrer Freiheit umzugehen. Auch wenn die Bibel nicht explizit schreibt, dass Sex vor der Ehe verboten ist, geht sie doch auf Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe ein und bezeichnet ihn als Unzucht. Trotz kultureller Unterschiede zwischen Europa und Asien oder der Türkei und Israel – in den Grundpfeilern ihres Sexualverständnisses unterscheiden sich alle diese Religionen erstaunlich wenig. Die Ehe ist im Judentum ebenso heilig wie im Christentum, Homosexualität verpönt der Islam genauso wie die katholische Kirsche. Und in den meisten Religionen soll die Sexualität ausschließlich der Fortpflanzung dienen und nicht der Lust. Katholische Priester, Mönche und Nonnen sollen ehelos leben; zölibatär. Sex und eine eigene Familie sind für sie tabu. Für diese Regel gibt es im Judentum und Islam keine Entsprechung. Evangelische Geistliche dürfen heiraten und eine Familie gründen.
Im ersten Jahr seiner Administration verschickte Papst Franziskus weltweit einen umfangreichen Fragenkatalog. Geistliche, aber auch Laien sollten sagen, was sie über kirchliche Familien- und Sexualethik wissen und wie sie dazu stehen. Der Fragebogen berührte einige der umstrittensten Standpunkte der katholischen Kirche, neben dem Verhütungsverbot auch das Verbot homosexueller Handlungen sowie den Ausschluss wiederverheirateter Geschiedener von den Sakramenten. Eine große Mehrheit der deutschen Katholiken lehnte fast sämtliche Verbote als unverständlich ab und bestätigte, dass sie in der Praxis wenig Beachtung fänden. Offensichtlich will man sich nicht mehr von der Institution Kirche sein Privatleben vorschreiben lassen. Allgemein wird die kirchliche Lehre als Verbotsmoral wahrgenommen, und als lebensfern. Dass die Kirche vielfach von „irregulären” Verhaltensweisen spricht, wirke auf die Menschen ausgrenzend und diskriminierend. Das Papier markiert einen Einschnitt im Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Katholiken. Es belegt nicht nur, dass die Gläubigen zentrale Punkte der katholischen Lehre ablehnen, sondern überraschenderweise auch, dass einige deutsche Bischöfe diese Ablehnung verstehen und manche katholischen Aussagen offenbar selbst skeptisch sehen. Nun sieht die Deutsche Bischofskonferenz bei der kirchlichen Sexualethik Änderungsbedarf und setzt damit Papst Franziskus und seine vergreisten Kardinäle unter Reformdruck.
Die Zukunft der Christen in Europa wird davon abhängen, den Atheismus unserer Zeit nicht als ein unabwendbares Schicksal hinzunehmen. Diese zu ermutigen, ihren Glauben nicht wegzuwerfen und dem Leben seinen religiösen Sinn zurückzugeben, ist das Anliegen dieses Buches. Es ist denkbar, dass einige sehr religiös orientierte Leser sich womöglich ob mancher Äußerung brüskiert fühlen. Des Autors größtenteils negative Einstellung und seiner manchmal aggressiven Forderung nach Offenheit und Dialogfähigkeit und seinen oftmals ketzerischen Gedanken kann bei einigen Lesern Schmoll verursachen. Aber deshalb muss man ja nicht aufhören an Gott zu glauben, schließlich kann jeder Leser seine eigene Schlussfolgerung ziehen.
Über die Entstehung der Religionen gibt es verschiedene Theorien, basierend auf Texten, Kunstwerken und Ausgrabungen. Viele Religionen haben ihren Ursprung in vorgeschichtlicher Zeit, jedoch erschweren lückenhafte Überlieferungen, ja selbst archäologische Funde deren religiöse Konzepte. Dadurch lässt sich ein genauer geschichtlicher Hergang nur schwer feststellen. Eine aus vorgeschichtlicher Zeit geschaffene Skulptur, vermutlich das Bildnis einer Fruchtbarkeitsgöttin, in deren Vordergrund Geschlechtsmerkmale wie eine große Vulva und zwei stattliche Brüste stehen, gilt als erstes überliefertes religiöses Symbol. Aus dieser Zeit stammen auch Felsmalereien, die eindeutig Geschlechtsorgane darstellen und an einen religiösen Kult erinnern.
Seither hat die Menschheit verschiedene Entwicklungsstadien durchgemacht. Dem Götzenglauben folgte der Ahnen- und diesem der Naturgeisterglaube. In den sechs Jahrtausenden, in den wir Religionsgeschichte einigermaßen überblicken können, da schriftliche Zeugnisse bestehen, kann man eine Entwicklung von Haus- und Stammesreligionen zu Volks- und schließlich zu Weltreligionen feststellen. Unter der Rubrik Haus- und Stammesreligionen fallen beispielsweise einstige ägyptische Hausgötter im Niltal, in der jede Familie ihren eigenen Beschützer- und Fruchtbarkeitsgott hatte. In Stammes- und Volksreligionen trägt der beschützende und segnende Gott nationalen Charakter (indianische Religionen, japanischer Shintoismus).
Mit dem Herausbilden der großen Religionen wollte die Menschheit unbedingt den Schöpfungszeitpunkt festlegen. Zahlreiche Religionsliteratur bestimmt den Zeitpunkt, wann die Schöpfung stattgefunden hat und wann den Menschen die Herrschaft der Welt gegeben worden sein soll. Jedoch ist in der etwa 120.000 Jahre dauernden Geschichte der Menschheit das Konzept Gottes relativ jung. Egal welcher Art von Religion, Geisterglaube, Ahnenglaube, Gottesglaube oder Glaube der Wiedergeburtsreligionen – alle beruhen auf wahrheitsverzerrende Legenden, auf nicht bewiesene und nicht beweisbare Annahmen, also Hypothesen. Wir alle, auch die religiösen Menschen, benutzen tagtäglich die Errungenschaften der Wissenschaften, die auf bewiesenen und beweisbaren Erkenntnissen beruhen, doch wenn es um Glaubensfragen geht, dann schließen sie fast immer den Verstand und die Vernunft aus.
Ebenfalls sind antike Religionsausübung und Kultpraxis beispielsweise der Griechen und Römer nur bruchstückhaft überliefert, was allgemein zu unterschiedlichen Interpretationen führt. Bewiesen ist, dass der Aufstieg des Christentums das römische Staats- und Gesellschaftswesen unterminiert hat. In den vergleichenden Religionswissenschaften unterscheidet man zwischen sogenannten Opfer- und Erlösungsreligionen, wobei die Römische Religion, welche als verbindlicher Staatskult des Römischen Reiches bis zu Beginn des 4. Jahrhunderts eindeutig zu der ersten Kategorie zu zählen ist. Sie wurde abgelöst durch das Christentum, einer Erlösungsreligion.
Die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und der Islam sind monotheistische Religionen (Glaube an nur einen einzigen Gott) mit gemeinsamen Wurzeln. Sie versuchen seit jeher den Menschen Gott zu verkünden, zu begründen, zu beweisen. Dennoch geben sämtliche Religionen abwegige Antworten und jede wägt sich in dem Glauben, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein und der damit verbundenen Unfähigkeit, andere Weltbilder zuzulassen.
In Jerusalem sind seit Jahrhunderten die drei monotheistischen Religionen mit religiösen und politischen Problemen miteinander verzahnt. Jerusalem ist als irdischer und heiliger Symbolort von derart einziger Stellung, dass sich diese Stadt mit keinem anderen Ort auf der Welt vergleichen lässt. Für die Christen hat hier Jesus die Menschheit erlöst. Die Grabeskirche steht an dem Ort, an dem Jesus mutmaßlich gekreuzigt, ins Grab gelegt und nach drei Tagen vom Tode wieder auferstanden sei. Für die Juden ist nach der Überlieferung Jerusalem der heilige Ort, den Gott für sie bestimmt hat. Die Klagemauer, umgangssprachlich nur Kotel Mauer genannt, ist heute das einzige, was vom großen Tempel zu Ehren des Gottes Jahwes übriggeblieben ist. Und dort auf dem Tempelberg, im südöstlichen Teil der Altstadt, steht heute die al-Aqsa-Moschee, die als drittwichtigste Moschee des Islams, nach der al-Haram-Moschee mit dem zentralen Heiligtum der Kaaba in Mekka und der Prophetenmoschee mit dem Grab des Propheten Mohammed in Medina, gilt. Auf dem Felsen des Jerusalemer Tempelbergs soll nach jüdischer Tradition die Welt gegründet worden sein, soll Abraham seinen Sohn Isaak opfern haben wollen und nach islamischer Tradition soll Mohammed von diesem Felsen auf dem Rücken des geflügelten Pferdes Buraq, den der Erzengel Gabriel dem Propheten gebracht haben soll, seine Himmelsreise begonnen haben. Noch heute kann man im Felsendom einen Stein mit Hufabdruck sehen, der im muslimischen Glauben an den Huf des Pferdes Buraq erinnert.
In der Altstadt Jerusalems leben auf knapp einem Quadratkilometer Juden, Christen und Muslime in einzelnen Vierteln eng nebeneinander. Dort wird wie sonst nirgendwo deutlich, wie schwer eine Annäherung dieser drei religiösen Gruppen ist. Der Machtanspruch von drei Religionen und zwei Völkern sorgt seit jeher für einen Dauerkonflikt, denn leider hört bei der Religion das Verständnis für einander zu oft auf.
Die älteste der drei Religionen ist das Judentum. Dessen Geschichte ist mehr als 3000 Jahre alt. Das Fundament sind die Schriften des Tanach, der hebräischen Bibel, in denen die Thora, die am Anfang der Tanach steht und die Hauptquelle jüdischen Rechts, jüdischer Ethik und Wegweiser für Denken und Lebenswandel sowie für Beziehungen zwischen Menschen und Gott sowie Mensch und Mensch ist. Die Thora enthält die fünf Bücher Moses, die dieser mutmaßlich am Berg Sinai von Gott offenbart bekam. Sie erzählen die Geschichte von der Erschaffung der Welt, von Abraham, vom Auszug aus Ägypten – vor allem aber enthalten sie die Vielzahl von Gesetzen, die der biblischen Legende zufolge Moses von Gott diktiert wurden. Insgesamt beinhaltet die Thora 613 Gebote und Verbote, wobei sich die Zahl 613 folgendermaßen ergibt:
• die Zahl der Tage im Jahr (365) entspricht den Verboten
• die Zahl 248 soll der Zahl der Knochen des menschlichen Körpers entsprechen und symbolisiert die Gebote.
Die weiteren Teile der Tanach, die Propheten, zeigen das Wirken des Wortes Gottes in der Geschichte und die abschließenden Schriften sammeln vor allem die Bücher in alttestamentarisch flammender Sprache, die im Gottesdienst von Bedeutung sind. Die Heilige Schrift der Juden ist im Wesentlichen mit dem Alten Testament identisch, wie es vom Christentum benutzt wird. Lediglich die Anordnung der einzelnen Bücher der hebräischen Bibel weicht von der christlichen Tradition an einigen Stellen ab. So wird im Alten Testament eine zeitliche Anordnung vorgenommen, die auf die Erfüllung im Neuen Testament verweist. Das Neue Testament kann als Glaubensurkunde der Christen gelten und repräsentiert neben dem Alten Testament den zweiten Teil der Bibel. Für das Christentum ist dies der wichtigere Teil, weil es darin um das Leben und die Leiden Jesu Christi geht, die für die Christen die Erlösung darstellen. Während das Alte Testament sich auf die Begegnungen mit Gott und die Geschichte des Volkes Israel bezieht, wird im Neuen Testament über Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes, ein Mythos, der die Welt prägte, berichtet.
Das Christentum ist die größte Religion der Welt. Und die Bibel ist das mittlerweile meist übersetzte und das am meisten verbreitete Buch der Welt. Im Christentum wird Jesus als der Erlöser, der Messias gesehen. Mit dem Glauben an den Messias wird die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Mensch und die Welt verbunden. Das ist eine Gemeinsamkeit zwischen Christentum, Judentum und dem Islam. Unterschied: die Christen sehen in Jesus Christus den Messias, der bereits auf Erden war. Die Juden sowie die Muslime erwarten ihn erst noch. Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode in seinem und unter seinem Namen, aber oft nicht in seinem Sinne, sehr oft gegen seine Intentionen gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des sogenannten christlichen Abendlandes bestimmt. Neben den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes und denen, die vor ihnen Jesus-Geschichten gesammelt und weitergegeben, radikal verändert und erfunden haben – neben denen also, die aus dem Menschen Jesus die Kunstfigur Christus gemacht haben, war es ein Mann, der bestimmt hat, was als christliche Religion die Geschichte beeinflusst hat: der Apostel Paulus, ehemals „Schaul“ oder „Saulus“, ein Diaspora-Jude aus der römischen Provinzhauptstadt Tarsus (heute südliche Türkei). Paulus war, daran gibt es keinen Zweifel, einer der ganz großen Neuentwerfer des Urchristentums, also die Zeit vom Tod Jesu bis zum Jahr 150, in der die zentralen Gestalten Paulus und Petrus wirkten. Nicht Jesus, sondern Paulus war der eigentliche Religionsstifter des frühen Christentums. Für das Leben, die Worte und die Taten seines Herrn Jesus hat er sich wenig interessiert, dessen Lebensthema vom nahen „Reich Gottes“ war ihm in seinen zwischen 50 und 61 nach Christus verfassten Briefen nur ein paar Sätze wert, was später zu Zweifeln an den zahllosen Legenden um das Wirken des Wunderpredigers Jesus von Nazareth führte und bis heute weite Passagen der Bibel fragwürdig erscheinen und widerstreitende Interpretationen bei Forschern über die Person Jesu entstehen lassen.
Jede christliche Religionsgemeinschaft, jede theologische Richtung propagiert ihren persönlichen Jesus: den Endzeitpropheten, den Sozialrevolutionär, den Weisheitslehrer, den Charismatiker. Das Christentum ist von Beginn an in zahlreiche Gemeinden und Bewegungen zersplittert. Und am Anfang des 2. Jahrhunderts haben viele dieser Glaubensgemeinschaften ganz eigene Vorstellungen von Jesus entwickelt. Dabei bringt die Suche nach der Wahrheit oftmals eigentümliche Ergebnisse hervor. Das wohl gegen Ende des 2. Jahrhunderts niedergeschriebene Philippus-Evangelium deutet Jesus gar zum Liebhaber einer seiner Anhängerinnen um: „Der Erlöser liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger, und er küsste sie oftmals auf ihren Mund.” Allerdings lassen sich anhand archäologischer Funde durchaus einige überlieferte und niedergeschriebene Textstellen verifizieren. Und wer sich heute dem historischen Jesus nähern will, dem bleibt zunächst nichts anderes, als diese unsicheren Berichte, die Evangelien, zur Grundlage zu nehmen – denn andere Quellen gibt es nicht für Jesus. Doch eines gilt als sicher: Wenn einer die christliche Kirche geprägt hat, dann war es Paulus und durch Augustinus (354-430), Heiliger und größter, aber auch umstrittenster Kirchenlehrer des christlichen Altertums, erhielt der christliche Glaube sein theologisches Fundament.
Die jüngste der drei monotheistischen Religionen ist der Islam, der auf dem Christentum und dem Judentum aufbaut. Gegründet wurde der Islam um 610 nach Chr. durch den Propheten Mohammed. Der Prophet wurde 570 nach Chr. in Mekka geboren und wird auch als Fürst der Schöpfung genannt. Mohammed erhielt nach dem Glauben der Muslime durch den Erzengel Gabriel den Auftrag, den Menschen von dem einen Gott zu erzählen, wobei er die Menschen zur radikaler Umkehr und einem geänderten Lebenswandel bekehren sollte. Diese Botschaft Gottes ist im Koran (Vortrag, Lesung) niedergeschrieben und stellt die „Heilige Schrift“ der Religion dar. Für die Muslime ist der Koran der wichtigste Glaubensinhalt und hat im Vergleich zu der Bibel im Christentum eine viel größere Bedeutung. Der Koran soll das unverfälschte Wort Gottes darstellen und keine menschliche Überlieferung sein. Im Koran sind über 6.200 Verse und 114 Kapitel, Suren genannt, die Regeln für das Zusammenleben der Menschen sowie Gebote und Verbote enthalten. Muslime sollen in ihrem Leben einige Grundpflichten erfüllen, die sogenannten fünf Säulen des Islam: Im Glaubensbekenntnis soll sich der Muslim zu dem Glauben an den einen und einzigen Gott bekennen. Ein Muslim soll fünf Mal am Tag zu Gott beten. Im Fastenmonat Ramadan sollen Muslime zwischen Sonnenauf- und - untergang nichts trinken und essen. Muslime, die Geld verdienen, sollen Bedürftigen Unterstützung gewähren, indem sie einen Teil ihres Geldes spenden. Sofern für einen Muslim möglich (finanziell und gesundheitlich), soll er mindestens einmal im Leben zum Geburtsort Mohammeds nach Mekka pilgern.
Vergleicht man den Koran mit den heiligen Schriften des Judentums und des Christentums, so sind im Koran Parallelen zum Neuen Testament sowie der hebräischen Bibel zu finden. Dennoch besteht die größte Nähe zwischen Judentum und Christentum vor allem aufgrund der Analogien zwischen der hebräischen Bibel und dem Alten Testament. Die Ähnlichkeiten sowie aber auch die Unterschiede zwischen den drei Religionen sollten den Menschen eigentlich als Gelegenheit zum Dialog dienen.
Judentum, Christentum und Islam werden im Allgemeinen als Weltreligionen bezeichnet. Ihre Unzahl von Verhaltenskodizes, niedergeschrieben in der Tora, der Bibel und dem Koran enthalten in etwa gleichlautende Vorschriften und Strafen für diejenigen, die gegen ihre Grundprinzipien und Regeln verstoßen. Dabei schüren viele Religionen Hass untereinander, um ihre Anhänger zusammenzuhalten. Kein Wunder bei etwa 10.000 verschiedenen Religionen und etwa 400 Freikirchlern in 238 Staaten. Ein irritierendes Phänomen. Gleichwohl gehören etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung weder einer Kirche, noch einer religiösen Gemeinschaft an. Was nicht heißen muss, dass diese Menschen keinen Glauben haben. Diejenigen, die die Existenz Gottes ausdrücklich ablehnen, sind nur eine kleine Minderheit.
Neben den Gemeinschaften großer Weltreligionen existiert eine große Anzahl kleinerer Gruppen unterschiedlichster Glaubensausrichtungen. Die Spannweite geht von neuen religiösen, ideologischen und weltanschaulichen Gemeinschaften und Bewegungen bis zu konfliktträchtigen Psychogruppen. Diese sogenannten Sekten sind Gemeinschaften, die nur sich für alleinseligmachend halten. Wenn auch das Christentum als Sekte aus dem Judentum hervorgegangen ist (die ersten Christen wurden als „Sekte der Nazarener“, eine Richtung des Judentums, bezeichnet), so bekam während der allmählichen Entstehung und Ausbreitung das Wort Sekte im kirchlichen Sprachgebrauch abwertenden Charakter und verbindet sich heute mit negativen Vorstellungen. Unzählige religiöse Gruppierungen mit autoritär-charismatischen Führergestalten (insbesondere in den USA) fordern von ihren Anhängern radikale Disziplin und Unterwerfung.
Die klassische Religion hat längst ihren gesellschaftlichen Stellenwert verloren und befindet sich in einem Bewusstseins- und Strukturwandel. In einer Welt, in der moralischer Anspruch und gesellschaftliche Wirklichkeit weit auseinander klaffen, hat sich unser Glaubensverständnis im Laufe der Zeit verändert. Religion ist plötzlich von bemerkenswertem Widerspruch geprägt. Und allen ist eines gleich. Es ist dieser feste Glaube im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein und der damit verbundenen Unfähigkeit, andere Weltbilder zuzulassen. Allerdings scheinen fast sämtliche Religionen und Sekten schiere Angst vor einer Weiterentwicklung der Gesellschaft zu haben. Über den Glauben lässt sich kaum streiten, über Religion aber schon.
Die Entwicklung der Kirche geht heute in die falsche Richtung, in Richtung Fundamentalismus. Und zwar weltweit und in allen Offenbarungsreligionen. Fundamentalismus – ob jüdischer, christlicher oder islamischer Prägung – mag Bildung und Aufklärung nicht. Und wenn eine Religion einen alleinigen Besitzanspruch auf die Wahrheit erhebt, dann kommt sie auch schnell in die Gefahr eines Fundamentalismus, der andere abwertet.
Gesetze und Riten – Religiöse Vorschriften – jüdische Moralvorstellungen – Die Rolle der Frau im Judentum – Homosexualität im Judentum – Wie steht die Tora zum Thema Schwangerschaftsabbruch – Beschneidung und Judentum
Gesetze und Riten
Der jüdische Glaube war die erste Religion, die weit in der Welt verbreitet war. Im Judentum kann man Glauben und Alltag nicht trennen. Juden folgen nicht einem Gott, sondern dem Gott. Zwar akzeptieren auch sie Konvertiten, doch ihre Gesetze und Riten – von der Beschneidung bis hin zu den Speisevorschriften – sind so streng, dass nur wenige zu ihnen übertreten. In die Religion der anderen wird man aufgenommen, ins Judentum hineingeboren. Man kann zwar unter bestimmten Bedingungen auch als Nicht-Jude zur jüdischen Religion übertreten, genauso, wie man das Bekenntnis anderer Religionen annehmen kann. Aber als Jude wird man zunächst einmal geboren. Jude ist, wessen Mutter Jüdin ist. Andere Religionen bilden Gemeinden, die Juden sind ein Volk – ein stolzes, denn ihr Volk ist das von Gott auserwählte. Die Geschichte des Judentums – es ist auch die Geschichte eines rast- und ruhelosen Volkes, eine Geschichte voller Leid und Unterdrückung, Verfolgung und Vertreibung. Eine nachdenkliche, irreal anmutende Geschichte von den Abgründen der Menschheit, von Hass und Angst und Intoleranz. Fast wäre ihr Ende bereits besiegelt gewesen. Doch das Judentum hat überlebt, hat sich beständig gewehrt gegen das Vergessen. Von ihm ging eine entscheidende Beeinflussung des Christentums und des Islams aus. Im Jahr 600 n. Chr. waren jüdische Gemeinden bis nach China, Indien und Afrika verstreut. Es ist nicht eindeutig zu beantworten, wer letztendlich ein Jude ist. Auch im Judentum selbst ist dies eine bis heute sehr umstrittene Frage.
Erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es wieder einen jüdischen Staat, den Staat Israel. Jahrhundertelang hatten die Juden aber kein nationalstaatliches Territorium und gehören daher bis heute unterschiedlichen Nationen an. Judentum kann also mit Vokabeln umschrieben werden wie Religion, Volk, Kultur, Glaubens-, Schicksals- oder Traditionsgemeinschaft. Die jüdische Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide hat auf die Frage „Wer ist Jude?“ folgende Antwort parat: „Jude ist man, wenn man als Jude geboren wird, hineinkonvertiert oder nicht hinauskonvertiert.“
Die orthodoxen Juden glauben, dass die Worte der Thora (Weisung) die Worte Gottes sind, die er vor 3000 Jahren auf dem Berg Sinai an Mose weitergab. Darin steht die frühe Geschichte der jüdischen Religion und des Volkes Israel. Zudem regelt die Thora viele Fragen des jüdischen Alltags. Sie wird stets mit Ehrfurcht behandelt. Eigens dafür ausgebildete Schreiber übertragen ihren Text auf Pergamente, die zu Rollen zusammengeheftet und im Wortgottesdienst in der Synagoge hervorgeholt werden. Die orthodoxen Juden verstehen die Thora als unmittelbar von Gott offenbart. Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, wird im Alltag befolgt. Orthodoxe Juden ernähren sich stets koscher und beachten strikt eine große Anzahl ritueller und liturgischer Regeln, zum Beispiel die Einhaltung des Sabbats (Ruhetag). Das konservative Judentum versteht sich als Mittelweg zwischen orthodoxem und progressivem Judentum. Es will einerseits jüdische Tradition bewahren, andererseits aber mit dem jüdischen Religionsgesetz vereinbare Modernisierungen durchsetzen. Liberale Juden hören es nicht gerne, wenn man sie Juden nennt. Man zieht das Wort „mosaisch” vor. Es gibt orthodoxe und ultraorthodoxe Juden, konservative, liberale und progressive.
Auf der Welt leben weit mehr als sieben Milliarden Menschen. Davon sind geschätzte zwei Milliarden Christen und 1,5 Milliarden Muslime. Gegenüber diesen enormen Zahlen ist das Judentum unter den Weltreligionen eine relativ kleine Religionsgemeinschaft. Gegenwärtig gibt es weltweit etwa 13 bis 15 Millionen Juden. Ein Grund für die geringe Expansion ist, dass Juden nicht missionieren, also keine neuen Anhänger ihrer Religion werben.
Woran glauben die Juden? Die Welt des Judentums ist eine Welt der Gesetze. Alles beruht auf der Offenbarung, die Moses von Gott empfangen haben soll. Ganz anders das Christentum, das aus der streng patriarchalischen Tradition der altjüdischen Religion hervorgegangen war: Für Juden ist sie die Thora, das Grundgesetz ihrer Religion. Christen kennen die Geschichte von den zehn Geboten, die Moses aufgeschrieben hat. Juden lesen 613 Vorschriften aus der Tora, 248 Gebote und 365 Verbote. Sie sollen Gott lieben. Sie sollen Gott fürchten. Sie sollen keine Nichtjuden heiraten. Sie sollen Almosen geben. Sie sollen keine Lebewesen essen, die im Wasser leben, außer Fisch. Viele der 613 Vorschriften sind sehr konkret. Wenn einer auch nur einen einzigen Menschen rettet, dann ist das, als hätte er die ganze Welt gerettet, sagt der Talmud (Belehrung, Studium).
Die hebräische Bibel empfiehlt, eine Ehe auf der Grundlage von sinnlicher Begierde aufzubauen – anders als das Neue Testament, das die Rolle der Liebe betont. In jüdischen Schriften dagegen ist Sinnenlust nicht nur eine Empfehlung, sondern ein Gebot. Natürlich geht es dabei nicht um verbotene Lust. Die Bibel bezeichnet die Lust als heilig, und die Lust eines Mannes auf seine Frau ist Gott lieb und teuer. Mit der Forderung der mosaischen Religion, dass alle sexuellen Aktivitäten in die Ehe zu kanalisieren sind, setzte eine fundamentale Veränderung der antiken Welt ein.
Das Verbot von außerehelichem Sex durch die Thora war, schlicht gesprochen, das Initial der westlichen Zivilisation. Gesellschaften, die der Sexualität keine nennenswerten Grenzen setzten, gerieten ins Hintertreffen. Daher ist es legitim, die sich daraus ergebende Vorherrschaft der westlichen Welt zu einem erheblichen Maß der sexuellen Revolution zuzuschreiben, die im Judentum ihren Anfang nimmt und später vom Christentum weitergetragen wurde. Die Revolution bestand darin, den Geist der Sexualität in die Flasche der Ehe zu zwingen. Damit wurde die alles dominierende Rolle von Sexualität in der Gesellschaft zurückgedrängt. Dies war die Voraussetzung dafür, dass die allgemeine Wertschätzung von geschlechtlicher Liebe zwischen Mann und Frau wachsen konnte, (was die Entfaltung von Liebe und Eros in der Ehe als den Maßstab erst möglich machte), und der beschwerliche Prozess, den wir die Verbesserung der Stellung der Frau nennen, seinen Anfang nehmen konnte.
Zahlreiche jüdische Moralvorstellungen wurden vom späteren Christentum übernommen. So lehnten auch die christlichen Kirchen Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe, Inzest, Ehebruch, Prostitution, Selbstbefriedigung und Homosexualität ab. Im Unterschied zum Judentum wurden dort auch Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit als Mittel angesehen, um Gott besser dienen zu können. Wie viele angenehme Dinge des Lebens, ist auch die Sexualität im Judentum nichts schlechtes, sondern sogar etwas (sehr) Gutes. Das lassen schon Zitate aus dem Talmud erahnen.
Ähnlich ist es beim Essen. Es wird nicht nur zur bloßen Nahrungsaufnahme herabqualifiziert. Es kann mehr sein als das. Allerdings innerhalb gewisser Leitlinien. Hier haben wir die „Kaschrut“, die die Nahrungsaufnahme regelt und aus einer „natürlichen“ Handlung eine „heilige“ macht. Die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau hat nicht nur den Zweck der Fortpflanzung, aber natürlich auch diesen. Denn „Seid fruchtbar und mehret Euch“ (1.B.Mose 1,28) ist die erste Mitzwah (Gebot im Judentum) in der Thora.
In der Realität gibt es sehr wenige Einschränkungen, was die konkreten Spielarten der Sexualität betrifft. Vorzuziehen ist zwar, dass Mann und Frau sich während der Vereinigung anschauen können. Aber es ist kein Zwang, sondern zwischendurch können Mann und Frau auch vollkommen anders zu Werke gehen und die Stellungen durchaus wechseln. Überhaupt gehört Sexualität im Judentum zum menschlichen Leben und ist kein Tabuthema. Lust ist ein völlig legitimer Bestandteil der Sexualität. Der Schabbat, genauer genommen, der Freitagabend gilt gemeinhin als besonders guter Zeitpunkt für sexuelle Aktivitäten. Man kann sogar sagen, es sei eine Mitzwah, am Freitagabend Sex zu haben. Der eheliche Verkehr gehört damit zur Schabbatfreude. Die ultraorthodoxen Juden, von denen eine überwiegende Mehrheit in Jerusalem lebt, ist immer noch eine befremdlich verschlossene Gesellschaft mit Regeln und Ritualen aus uralten Zeiten. Es ist ein Stück Israel, Lichtjahre entfernt vom lockeren Strandleben am Mittelmeer und einer zum Westen hin orientierten Jugend. Hier begegnet man häufig Männern mit langen, geringelten Schläfenlocken, bekleidet mit einem schwarzen Kaftan. Frauen spielen, wie im Islam, eine untergeordnete Rolle. Sie müssen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch oder eine Perücke tragen und im Bus stets hinten sitzen. Die Einwohner des alten Judenviertels von Jerusalem sind stets von einer dichten Schar Kinder umgeben, die die rituellen Kleidersitten ihrer Eltern bereits eifrig nachahmen. Die verheirateten, jüngeren Frauen sind – falls sie nicht gerade einen Säugling auf dem Arm tragen – ausnahmslos schwanger. Die laizistischen Israeli haben nur Spott übrig für diese streng religiösen Familien, bei denen die Zahl der direkten Nachkommenschaft nicht selten zwischen zehn und fünfzehn schwankt. Da sie kein Fernsehen einschalten dürfen und jeder weltlichen Vergnügung aus dem Weg gehen, bleibt ihnen wohl nur die Freude der Zeugung. Aber beim Anblick dieser in sich gekehrten Gemeinde kommt der Verdacht auf, dass sogar die Fortpflanzung von ihnen eher als eine heilige Pflicht denn als Fleischeslust empfunden wird. Die Fundamentalisten haben das Sagen in dieser überholten Lebensform. Sie maßregeln das Leben mit ihrer mittelalterlichen Ideologie und versuchen denselben Lebensstil zu pflegen wie vor tausend Jahren. Die Regel zu ändern, ist für sie undenkbar.
Jerusalem, die Heilige Stadt von Juden, Muslimen und Christen hat wenig Platz für Andersartige. Denn dort gewinnen die ultra-orthodoxen Juden immer mehr Einfluss. Der Journalist und Publizist Peter Scholl-Latour behauptet in seinem Buch „Lügen im Heiligen Land”, dass viele der säkular eingestellten Bewohner Jerusalems erwägen, in eine andere Stadt umzusiedeln, um der Intoleranz der Ultra-Orthodoxen und deren Selbstgerechtigkeit zu entgehen. Es graut vielen vor der Sabbat-Polizei (Religionswächter) den „Mutawa“ Saudi-Arabiens durchaus verwandt, die die Schließung aller Geschäfte zwischen Freitag und Samstagabend kontrollieren. „Sabbat-Schänder” werden mit Strafzettel belegt. Sie sind gegen Discos, in denen angeblich die enthemmte Lebensfreude einer neuen, vorurteilsfreien, ja hedonistischen Generation explodiert. Gegen Jüdinnen, die sich mit nacktem Busen der Sonne aussetzen, gegen Prostitution, gegen Homo-Treffs. In Tel Aviv – so heißt es bei den Eiferern der Thora – seien Sodom und Gomorrha aus ihrer Asche auferstanden. Der heidnische „Hellenismus“ der Neuzeit habe in Tel Aviv seine zentrale Bastion bezogen und kontrastiert mit der heiligen Reinheit Jerusalems. Dieses sei das neue Samaria, so klagen die Frommen. Hier steht – in historische Erbfolge – Israel gegen Juda.
Der Zölibat, wie ihn die katholische Kirche seit der Reformkrise unter Papst Gregor VII. im 11. Jahrhundert vorsieht, existiert im Judentum nicht. Ebenfalls wurde das Mönchtum von jeher abgelehnt. Trotzdem gibt es besonders asketisch lebende Kabbalisten (mystische Traditionalisten des Judentums), für die beharrliche Enthaltsamkeit eine große Rolle spielt. Sie versuchen sexuell asketisch zu leben. Das heißt aber nicht, dass sie Sex generell meiden. Das widerspräche der Lehre der Thora. Vielmehr versuchen sie beim Sex keine erotischen Gedanken zu entwickeln, der Verkehr soll lediglich der Fortpflanzung dienen. Scheidung und Wiederheirat sind im Judentum übrigens möglich, ebenso wie die Empfängnisverhütung. Jedoch verbietet die jüdische Religion entschieden die Homosexualität.
Das Ausleben sexueller Bedürfnisse innerhalb einer Ehe gilt aus jüdischer Sicht als wichtiger Bestandteil jenes „geheiligten Bündnisses“. Schließlich geht das Judentum davon aus, dass jeder erwachsene Mensch ein natürliches Bedürfnis nach Sexualität verspürt. Der Talmud sieht daher neben der materiellen Fürsorge für die Familie die Sexualität als grundlegende Pflicht des Ehemannes gegenüber der Ehepartnerin, ja berechtigt darüber hinaus, ehelichen Sex einzufordern. Das biblische Gebot „Seid fruchtbar und mehret Euch“ verpflichtet den Mann zur Zeugung von mindestens zwei Kindern, möglichst einem Jungen und einem Mädchen.
Fruchtbar sein und Nachwuchs zeugen ist im Judentum keine Frage des impulsgesteuerten Triebes, sondern Gottes Auftrag. Allerdings ist der allgemeine Körperkontakt und das Ausleben der Sexualität zwischen Ehemann und Frau auf bestimmte Tage beschränkt. Das Gesetz der Familienreinheit verbietet während der Menstruationszeit den körperlichen Kontakt. Diese Zeit wird durch einen Besuch der Frau in der „Mikwa“, dem rituellen Tauchbad, beendet.
Zahlreiche Juden interpretieren eine Vielzahl religiöser Gesetze auf ihre Art. Für sie gibt es Gebote, die in der Bibel stehen, und solche, die später geschrieben und jeweils auf eine gewisse Weise interpretiert werden. Das jüdische Gesetz hat viel Flexibilität und Raum für Kreativität, wenn die Gesellschaft danach verlangt Und nicht wenige Juden, auch die religiösesten, haben ihre Auslegung, die neu ist und mit gewissen Problemen auf gewisse Weise umgeht. So haben sie beispielsweise ihre Art, mit Gesetzen über die Homosexualität umzugehen. Es gibt eigentlich kein Gesetz dagegen, schwul zu sein, es gibt aber Vorschriften gegen spezifische Akte und Handlungen, und es gibt die Möglichkeit, das zu interpretieren.
Die Rolle der Frau im Judentum
Wie auch in anderen Religionen hatte die Frau im Judentum von Beginn an eine untergeordnete Rolle. Das System des Judentums begünstigte die Männer gegenüber den Frauen. Sie lebten streng nach der Thora, in der steht, dass Frauen sich den Männern unterordnen, Kinder gebären und erziehen sollen. Diese Grundlage der traditionellen jüdischen Sicht zur Stellung der Frauen in Familie und Gesellschaft entspringt einer patriarchalischen Kultur biblischer und talmudischer Zeiten.
Macht und Autorität waren männliche Monopole und während Söhne vom frühen Alter an eine (religiöse) Ausbildung erhielten, wurden Mädchen so gut wie gar nicht unterrichtet. Den Frauen blieb auch weitgehend die Beteiligung am aktiven religiösen Leben der Synagoge verwehrt. Es ist heute nicht genau bekannt, ab wann die Absonderung der Frauen von den Männern erfolgte, doch schon mittelalterliche Synagogen hatten separate Räumlichkeiten, den Frauenbereich. Der Frauenbereich wurde als weniger heilig, als der Männerbereich betrachtet. Lange Zeit wurde eine Abteilung für Frauen erst nach dem eigentlichen Bau der Synagoge in Betracht gezogen, denn verhältnismäßig wenige weibliche Gemeindemitglieder besuchten den Gottesdienst. Das jüdische Gesetz legte bei Frauen eine Sonderregelung fest, die es gestattete, Verpflichtungen des Gottesdienstes zu vernachlässigen, weil ihnen die häuslichen Pflichten oblagen. Wenn sie am Gottesdienst teilnahmen, dann hatten sie sich hinter einem Gitter oder einem Vorhang zu verstecken. Dort leitete eine Vorbeterin das Gebet, wobei es den Frauen untersagt war, von den Thorarollen zu lesen. Auch das Amt als Rabbiner oder Kantor, sowie das Lernen von Hebräisch, wurde verboten und so besaß der Frauenbereich der Synagoge weder eine heilige Lade (beherbergt die Thora Rolle) noch einen Almemor (Altar). Oftmals war es den Frauen nicht möglich, den Gottesdienst der Männer zu verstehen. Man erreichte somit, dass die Predigten allein den Männern vorbehalten waren. Der Gottesdienst wurde zu einem sogenannten „Männerklub“. Während die Männer früher also beteten und sich dem religiösen Leben hingaben, konnten die Frauen ihre Erfahrungen in Sachen Mode austauschen und gaben sich mit Inbrunst dem Klatsch hin. Erst mit den Reformern im 19. Jahrhundert gab es ein Entgegenkommen der Männer. In vielen Synagogen wurden die Gitter der Frauenbereiche niedriger gebaut oder ganz weggelassen. War der Frauen- und Männerbereich durch eine Mauer getrennt, so kam es zu einer Öffnung mittels Durchbrüchen oder zu einem vollständigen Abriss. Nach den Reformern war es der Frau auch gestattet, unbehindert und aktiv am religiösen Leben teilzunehmen. Trotz der weiterhin andauernden Geschlechtertrennung war es für die Frau nun möglich, den Mann beim Gottesdienst zu sehen und andersherum. Man erreichte eine Integration der Frau innerhalb der Synagoge.
Die minderwertige Stellung der Frau im Judentum wird auch im Reinheitsprinzip deutlich. In der Mikwe werden Personen oder Gegenstände gewaschen, die von Unreinheiten unterschiedlicher Herkunft gereinigt werden müssen. Denn oftmals wird Unreinheit mit dem Tod verbunden. Wer also mit einem Toten in Kontakt war oder gar mit ihm unter einem Dach schlief, wurde als nicht rein bezeichnet. Ebenfalls macht die Monatsblutung die Frau in der Vorstellung des traditionellen Judentums unrein. Während der Zeit der Unreinheit, also dem Zeitraum der Monatsblutung und den darauffolgenden sieben Tagen, ist der Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner verboten und erst nach dem Untertauchen der Frau in der Mikwe wieder gestattet. Für die Frau gibt es also die Pflicht der Enthaltsamkeit während ihrer Periode der Unreinheit. Dieses Gesetz ist das Nidda-Gesetz, das Gesetz der Familienreinheit. Das Eintauchen in der Mikwe gilt auch vor einer Hochzeit. Am Vorabend der Hochzeit ist es eine Pflicht für die Braut, das Ritual des Untertauchens in der Mikwe auszuüben.
Früher war der Rechtsstatus für Frauen ebenfalls nur gering. Man könnte ihn mit dem von Sklaven oder Minderjährigen vergleichen, nur dass dieser Rechtsstatus für jüdische Frauen ein Leben lang Gültigkeit hatte. So war es ihnen untersagt, vor Gericht als Zeuge aufzutreten oder gar am politischen Leben teilzunehmen. Mit diesen, doch sehr wenigen Rechten, wurden Frauen oft vom öffentlichen Leben sowie von den meisten Erwerbsberufen ausgeschlossen. Die Frau gehörte ins Haus. In diesem Bereich hatte sie einen sehr hohen Status. Hier erhielt sie die nötige Achtung und konnte ihre Freiheiten ausleben.
Trotzdem ist nicht zu vergessen, dass der Mann dennoch eine höhere Stellung besaß. Die Frau diente dem Leben der Familie. Ihre Aufgaben waren die Kindererziehung, besonders der Mädchen und die damit verbundene Vorbereitungen auf das Leben, die Reinhaltung der Wohnung und die Nahrungszubereitung. Die Familie, welche einen sehr hohen Stellenwert im Judentum besitzt, sollte nach außen hin vom Mann repräsentiert werden können. Man sagte, nach jüdischer Auffassung, dass nach der zweiten Tempelzerstörung in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. durch die Römer das Heiligtum in die Familie verlagert wurde. Die Frau war dafür verantwortlich, dass die kultische Reinheit bewahrt wurde. So musste sie unter anderem das Reinheitsgebot für Nahrung und das Vorbereiten der Feste erlernen. Erstmals nach dem zwölften Geburtstag war es jungen Mädchen erlaubt, die Kerzen für den Sabbat anzuzünden. Dieses Eröffnen der heiligen Feste war ein Ritual, was der Frau ein Leben lang auferlegt war.
Neben dem Verbot des Lesens der Thora und des Talmuds, gab es auch das Verbot den Tallit (ein Tuch, was beim Gebet über den Kopf gelegt wird) zu tragen. Es war Frauen untersagt, weil der Tallit Männerkleidung ist und Frauen gemäß Deuteronomium 22,5 keine Männerkleidung tragen dürfen. Manche orthodoxe Frauen trugen deshalb meist Kleidungsstücke mit langen Ärmeln und eine Perücke als Kopfbedeckung.
Seit dem 19. Jahrhundert gibt es allerdings eine breite Emanzipationsbewegung innerhalb des Judentums. Auf dem Weg zu einer Gleichberechtigung meinen moderne jüdische Glaubensgemeinschaften, dass die Gebote an die Entwicklung der modernen Gesellschaft angepasst werden müssen. Frauen sollen gleichberechtigt mit Männern sein, auch im religiösen Leben. Sie dürfen also aus der Thora lesen, den Talmud studieren, gemeinsam mit den Männern beten und es gibt seit einigen Jahrzehnten, vor allem in den USA, auch Frauen, die das Amt des Rabbiners ausüben.
Streng orthodoxe jüdische Männer danken auch heute noch Gott im Morgengebet dafür, dass sie nicht als Frau zur Welt gekommen sind. Ihre Ehefrauen sollen sich um die Einhaltung der Gebote im Haus und um die Erziehung der Kinder kümmern. In der Synagoge beten sie nach wie vor getrennt von den Männern und das Lesen aus der Tora ist ihnen immer noch nicht gestattet.
Anfang des Jahres 2015 hat die Frauenrechts-Kommission der Vereinten Nationen in einem Bericht Israel als einziges Land erwähnt, in dem die Rechte der Frauen verletzt werden sollen. Das Land wird insbesondere für die „harte Situation der palästinensischen Frauen“ verantwortlich gemacht. Leider lässt der UN-Bericht Wesentliches unerwähnt, denn schließlich gibt es gravierende Benachteiligungen von Frauen auch in anderen Ländern. Ein Blick in aktuelle Amnesty-International-Berichte oder -Petitionen genügt, um zu sehen, wie im UN-Bericht nicht erwähnte Länder ihre Frauen behandeln: In China werden Frauen festgenommen, wenn sie gegen sexuelle Belästigung demonstrieren. In Saudi-Arabien besteht für Frauen im gesamten Land ein striktes Autofahrverbot (laut Regierung aus Sicherheitsgründen). Frauen dürfen nach den strengen Regeln des konservativen Königreichs nicht alleine reisen und dürfen nur in Begleitung von Männern ausgehen. In Afghanistan, den palästinensischen Autonomiegebieten sowie zahlreichen anderen arabischen Staaten sind Frauen verpflichtet, die Burka o. ä. zu tragen, werden Opfer von Zwangsheirat, Ehrenmord, Prügelstrafen und anderen Schikanen. Die Auflistung ließe sich noch durch einiges ergänzen. Doch dazu später.
Homosexualität im Judentum
Das Thema ist bei den Juden konfliktgeladen. Homosexuell sein und jüdisch. Da stellt sich unter Umständen die Frage, was gesteht man wem zuerst? Gläubiger Jude und bekennender Schwuler? Das galt in Israel bislang als unvereinbar. Schließlich verbinden viele Menschen mit Israel streng religiöse Werte und früher gab es nur drei Möglichkeiten, damit umzugehen: aufhören religiös zu sein, im Verborgenen bleiben oder sich umbringen. Heute gibt es eine vierte Möglichkeit: sich zusammenzuschließen und die Veränderung in den jüdischen Gemeinden voranzutreiben. Dadurch hat sich der Umgang mit der Homosexualität bemerkenswert entspannt. Zumindest unter den nicht-orthodoxen Juden, also liberalen Gemeinden, die homosexuellen Menschen positiv gegenüberstehen und mit diesem Thema überhaupt keine Schwierigkeiten haben. Doch nach wie vor gibt es eine enorme Diskrepanz zwischen den streng Religiösen und den Säkularen. Und viele Menschen aus streng religiösen Familien trauen sich nicht, sich zu outen, aus Angst, von ihren Familien geächtet und verstoßen zu werden.
Weltweit gibt es im Judentum sehr kontroverse Ansichten zum Thema Homosexualität: von Akzeptanz bis hin zu wütender Ablehnung. Im orthodoxen Judentum gilt für alle eine Heiratspflicht. Gleichgeschlechtlicher Geschlechtsverkehr wird deshalb abgelehnt. Somit müssen sich viele zwischen Homosexualität und Religion entscheiden. Wir kennen die Passage in der Tora (3. Buch Moses 18,22), in der es als „Gräuel“ bezeichnet wird, wenn ein Mann mit einem anderen „wie mit einer Frau“ zusammenliegt.
Ganz in dieser jüdischen Tradition befangen, schreibt der Jude Philo von Alexandria (gestorben ca. 45/50 n. Chr., „dass man den weibischen Mann, der das Gepräge der Natur verfälscht, unbedenklich töten und keinen Tag, ja keine Stunde leben lassen soll”. Auch wiederholen talmudische Autoren die klare Ablehnung der Homosexualität. Liberale Rabbiner sind zwar der Homosexualität gegenüber offener, aber auch sie verheiraten kaum jemals Lesben und Schwule. Nur gerüchteweise ist von gleichgeschlechtlichen Trauungen zu hören. Allerdings gibt es heutzutage auch sehr liberal denkende Orthodoxe. Beispielsweise trauen zahlreiche Rabbiner in den USA Lesben und Schwule – vor allem im Reformjudentum und im sogenannten konservativen Judentum, das eine Mittelposition im Spektrum der jüdischen Richtungen einnimmt. Liberale und konservative Seminare ordinieren Lesben und Schwule zu Rabbinern und Kantoren. Auch feiern manche modern-orthodoxe Gemeinden in den USA Segnungszeremonien für Homosexuelle. In Israel gehen orthodoxe Lesben und Schwule selbstbewusst an die Öffentlichkeit, doch der orthodoxe Mainstream dort akzeptiert Homosexualität weiterhin nicht. Dort gibt es religiöse Telefonhotlines, die auf den angeblich richtigen Pfad der Heterosexualität zurück helfen sollen. Und wie in zahllosen Ländern der Welt muss auch in Israel die Politik ihren Senf dazugeben.
Ein Abgeordneter der einst mitregierenden ultraorthodoxen Schas-Partei gab zu Protokoll: „Schwule und Lesben treiben die Zerstörung des jüdischen Volks voran“. Er empfahl gegen diese „Epidemie“ Maßnahmen wie gegen die Vogelgrippe. Ein anderer Schas-Parlamentarier machte Schwule ob ihres sündigen Treibens für ein von Gott geschicktes Erdbeben verantwortlich, und Eli Jischai, der frühere Innenminister, nannte sie eine „Minderheit mit Normdefekt“. Noch immer gibt es homophobe Angriffe und Fälle, in denen Familie ihre Kinder aus dem Haus werfen. Selbst in säkularen Kreisen ist das traditionelle Familienleben, also Mutter, Vater und Kinder, richtungweisend.
Der Rabbiner der US-Gemeinde „Temple Aliyah“ in Needham, Massachusetts, Carl M. Perkins, bringt in seinem Artikel „Kann denn Liebe Sünde sein?“ (veröffentlicht in der „Jüdischen Allgemeine“ im Juni 2011), die Problematik auf den Punkt:
„Die Bibel, der Chumasch, war im Laufe der Jahrhunderte für viele Menschen eine Quelle der Inspiration. Sie half ihnen in ihrem Streben nach Anstand, Güte und Gerechtigkeit. Sie diente aber auch als Vorwand für Grausamkeit und Gewalt und brachte viel Leid und Verzweiflung. Im Namen dieses Buches haben viele Menschen großartige Dinge vollbracht. Andere vollbrachten schändliche Taten in seinem Namen. Im 1. Buch Moses, in der Parascha Wajera, lernen wir die Stadt Sodom kennen, einen Ort großer Niedertracht und Verdorbenheit. Wir erfahren aus dem Teil der Parascha nicht, worin genau die Verdorbenheit der Stadt bestand, doch wird uns später mitgeteilt, dass die Männer Sodoms nicht nur ungastlich, brutal und grausam waren – sondern auch homosexuell.
Nun, wir haben es hier mit der Bibel zu tun. Sie verfügt über große Autorität. Und indem sie eine Metropole der Niedertracht und Verdorbenheit, einen Ort, der so schrecklich ist, dass er die absichtsvolle Zerstörung durch Gott verdient, mit Homosexualität in Zusammenhang bringt, macht die Bibel deutlich, was sie über Menschen denkt, die sich eines solchen Verhaltens schuldig machen. Sie sind es nicht wert, zu leben. Es gibt nicht sehr viele Texte in der Bibel, die Homosexualität erwähnen oder darauf Bezug nehmen, doch wie der hier vorliegende scheint jeder einzelne von ihnen sie zu verdammen. So überrascht es nicht, dass jeder, der in einem auf der Bibel beruhenden religiösen Glauben erzogen wurde, egal ob es sich um das Judentum, Christentum oder den Islam handelt, die eindeutige Botschaft hört: Homosexualität ist böse. Nicht nur böse, sondern wirklich böse. Man denke an das Leid und die Verzweiflung, die diese Verdammung über die Jahrhunderte hervorgerufen hat. Männer und Frauen, die sich von Menschen ihres eigenen Geschlechts und nicht von solchen des anderen Geschlechts angezogen fühlten – ansonsten anständige, liebenswürdige und moralische Individuen -, wurden verspottet, verleumdet und verfolgt. Und es geschieht auch noch in unserer heutigen Zeit.
Vor Kurzem fand ein junger homosexueller Student an der Rutgers University, der sich nicht als homosexuell geoutet hatte, heraus, dass sein Mitbewohner ihn heimlich in seinem Zimmer gefilmt hatte. Er sprang später von der George-Washington-Brücke in den Tod. Selbstmorde junger Männer und Frauen, die entdecken, dass sie homosexuell sind, kommen häufiger vor, als man glaubt – in manchen Fällen ist es die traditionelle Verurteilung durch ihre Religion, was die jungen Leute in den Selbstmord treibt. Steven Greenberg, ein bekennender homosexueller orthodoxer Rabbiner, diskutierte vor einiger Zeit mit einem bekannten und respektierten jüdischen Religionsführer. Greenberg sprach von den vielen jüdischen homosexuellen Männern und Frauen, die der Thora ergeben seien und denen großes Leid widerfahre. „Viele verlassen die Gemeinde“, sagte er. „Einige junge homosexuelle Menschen“, fuhr er fort, „sind so verzweifelt, dass sie sich umzubringen versuchen.“ Und was erwiderte der Rabbiner? „Vielleicht vollbringen sie damit eine Mitzwa“ (Einhaltung der jüdischen Gebote) Nun ist diese Reaktion sicherlich extrem. Aber sie enthüllt auch eine einfache Wahrheit. In Greenbergs Worten wäre es vielen Religiösen am liebsten, wenn Homosexuelle auf die eine oder andere Art und Weise einfach verschwinden würden. Die Reaktion auf diese Antipathie liegt auf der Hand: Wenn junge Homosexuelle allmählich begreifen, wie intensiv der Wunsch der Gemeinde ist, dass sie verschwinden, wie brutal es sein kann, scheint der Freitod ein letzter, verzweifelter Ausweg, wie wir es allein im letzten Monat einige Male erlebt haben.
Das Unbehagen, das Homosexualität in vielen religiösen Menschen hervorruft, hat eine erstaunliche Macht über sie. Es wird niemanden überraschen, dass in Israel, dem Zentrum der drei abrahamitischen Religionen, interreligiöse Gefälligkeiten nicht gerade an der Tagesordnung sind. In Jerusalem gehen religiöse Christen, Muslime und Juden auf der Straße aneinander vorbei, ohne dass ein Kontakt zwischen ihnen stattfindet, von einem konstruktiven Gespräch ganz zu schweigen. Doch vor einigen Jahren gelang es Vertretern der jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubensgemeinschaft sich zu verständigen, darauf nämlich, dass es in den Straßen Jerusalems keine Gay-Pride-Parade geben darf. Die säkulare Gesellschaft, zu der wir gehören, ist sich des intensiven religiösen Widerstands gegen Homosexualität bewusst. Er beeinflusst uns alle. Innerhalb der Gesellschaft als Ganzes hat es in den letzten Jahren enorme Fortschritte gegeben. Immer mehr Menschen begreifen, dass es keine Sünde ist, homosexuell zu sein; dass Homosexualität (wie in der Erzählung von der Stadt Sodom) genauso wenig mit Verdorbenheit in Verbindung gebracht werden darf wie Heterosexualität. Nichtsdestoweniger bestehen das hergebrachte Misstrauen und die alte Feindschaft weiter fort.
Homosexuelle werden noch immer verleumdet und verurteilt und verfolgt. Wir müssen laut und deutlich aussprechen, dass wir glauben, die Bigotterie der Vergangenheit sollte eine Sache der Vergangenheit bleiben; dass wir glauben, andere Botschaften, die unsere religiöse Tradition ebenso betont, nämlich Botschaften des Respekts vor dem Anderen und der Liebe zum Anderen, müssten unangefochten an erster Stelle stehen. Wir alle, die sich Sorgen machen, welche Rolle die Religion in unserer Gesellschaft spielen soll, müssen mit offenen Karten spielen. Es ist nicht länger annehmbar zu sagen: „Es steht nun mal so in der Bibel. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann!“ Wir müssen es explizit aussprechen: Homosexualität ist keine Sünde. Wir können nicht herumlavieren, nicht wenn es um das Leben anständiger und ernsthafter Männer und Frauen geht. Es ist einfach eine Schande, Menschen weiterhin wegen eines unabänderlichen Aspekts ihrer Persönlichkeit zu verdammen, dem kein moralischer Makel anhaftet.“
Dessen ungeachtet ist Israel mit Abstand das LGBT-freundlichste und fortschrittlichste Land im Nahen Osten (LGBT ist die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender), wo Schwule und Lesben ungehindert jeden Posten im öffentlichen Leben bekleiden können. Bedauerlicherweise ist jedoch der gut acht Millionen Einwohner zählende Staat, der gerade einmal so groß ist wie Hessen, wegen seiner Politik gegenüber Palästinensern auch in der LGBT-Szene umstritten. Zuletzt gab es in der LGBT-Gruppe der Linkspartei einen Streit, weil Parteimitglieder mit Antisemiten und Homo-Hassern gemeinsam gegen die Politik Israels protestiert hatten.
Israel kokettiert mit dem Image einer liberalen und weltoffenen Gesellschaft. In einer Region, in der Frauen gesteinigt, Schwule aufgehängt und Christen verfolgt werden, genießt die Homosexuellencommunity mehr politische Freiheit als in jedem anderen Nahoststaat, Schwule und Lesben verstoßen mit ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe nicht mehr gegen die Gesetze des Landes. Die Adoption der Kinder von Partner oder Partnerin ist wie die Anerkennung der im Ausland geschlossenen Ehen fast schon Routine, und zahlreiche Lesben erfüllen sich ihren Kinderwunsch mit Spendersamen, denn mit künstlicher Befruchtung haben Israelis kaum Probleme. Israel ist somit progressiver als mancher
